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Babylon
Antike Weltwunder
Wahrheit und Mythos

Einfache Gesellschaften feiern ihre
eigene Intoleranz

C. W. Kiesslich Intoleranz 1. Teil: Der Untergang von Babylon 1919.
C.W.Kiesslich Intoleranz 1.Teil:Der Untergang von Babylon 1919. Filmplakat
121 x 94 cm Filmmuseum Berlin, © Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin

Nebukadnezar
Die Geschichte kennt Nebukadnezar II, den Begründer des neubabylonischen Reiches, als ruhmreichen Heerführer und erfolgreichen Staatsmann, der sein eigenes Land zu großem Wohlstand und innerem
Frieden führte. Oftmals fälschlich mit Nimrod gleichgesetzt, nennt ihn die Bibel einen „gewaltigen Jäger vor dem Herrn" (1. Mose 10, 9). Im Alten Testament wird er als gottloser Tyrann dargestellt, als erbarmungsloser Zerstörer Jerusalems und maßloser Despot. Seiner Befehlsgewalt entmachtet endete er, für die begangene Todsünde der Superbia büßend, schließlich im Wahnsinn.
Im Mittelalter und in der Renaissance wurde Nebukadnezar zur populärsten Negativfigur der Herrschaftskritik. Sein historisch nicht verbürgter Befehl, die drei Freunde Daniels in den Feuerofen zu werfen (Daniel 3,1-30), nimmt in schrecklicher Weise den Holocaust voraus.

Stadt der Sünde
Der Begriff "Sünde" wurde im Babylonischen im umfassenden Sinne als Begriff für schuldhaftes Vergehen gegenüber den sittlichen Maßstäben menschlicher und göttlicher Natur genutzt. Eine Begriffswelt unmoralischer Handlungen im sexuellen Umfeld existierte nicht.
Das die Neuzeit beherrschende Zerrbild von Babylon als Stadt der Sünde hat seinen Ursprung bei Augustinus (354-430 n. Chr.), dem bedeutendsten christlichen Gelehrten der Spätantike. In seiner Schrift „De Civitate Dei" entwickelte Augustinus die Idee vom Gottesstaat, verkörpert durch das himmlische Jerusalem, der dem irdischen Staat als von widergöttlichen Kräften beherrschtes Reich des Bösen, manifestiert im teuflischen Babylon, gegenübersteht. Ausgehend von diesen zwei, in allen Gesellschaften präsenten Reichen, entwirft Augustinus eine umfassende Menschheitsgeschichte.
Ein Jahrtausend später greift Martin Luther (1483-1546) dieses Denkbild auf und setzt in seiner programmatischen Schrift „De Captivitate Babylonica" Rom als Zentrum der ihm verhassten katholischen Welt mit der babylonischen Hure gleich. Dieser Vergleich wurde geprägt durch die von der Offenbarung des Johannes ausgehende Symbolik Babylons als gottesfeindliche Macht und Metropole der Sünde und Dekadenz. Auch in
der Bilderwelt des 20. und 21. Jahrhundert kursiert dieses Bild von Babylon als Metropole der verbotenen — und ebenso oft verlockenden — Lüste, kulminierend nicht zuletzt im Genre der Pornographie.
Semiramis
Die Legende der sagenhaften Gründerin der Stadt Babylon, Semiramis, deren Name vermutlich auf die assyrische Königin Sammuramat zurückgeht, entstammt den Schriften der antiken griechischen Historiker.
Herodot (um 484-420 v. Chr.) beschreibt sie als Königin, die ganz Asien regierte. Diodor (1. Jh. v. Chr.)

erwähnt sie als Tochter der syrischen Göttin Derketo von Askalon und schildert ihre ruhmreiche Errichtung der glanzvollen Stadt Babylon mit den Hängenden Gärten, die seit der Neuzeit zu den sieben Weltwundern der Antike gezählt wurden. Außerdem stellt er sie in das Licht einer Männer verschlingenden Königin und mächtigen Kriegerin, die das feindliche Heer der Meder besiegte. Athenagoras von Athen (2. Jh. n. Chr.), einer der Apologeten, bezeichnet Semiramis in seiner Schrift „Legatio pro Christianis" als „unzüchtiges und mörderisches Weib".
Diesen vermeintlich historischen Quellen entsprang der Mythos einer anrüchigen und lüsternen „femme fatale", die zur geheimnisvollen Protagonistin zahlreicher literarischer Werke, Opern und Theaterstücke wurde. In Dante Alighieris (1265-1321) „Göttlicher Komödie" wird sie als Sünderin der maßlosen Wollust und Willensschwäche in den zweiten Höllenkreis des Inferno verbannt. Der österreichische Autor Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895), verschrien als Schilderer sexueller Ausschweifungen und Perversionen, widmete der Mythen umwobenen Babylonierin seinen Roman „Afrikas Semiramis" und stellt sie in das Licht einer wollüstigen Exotin. Der Regisseur Carlo Ludovico Bragaglia (1894-1998) verlegt in seinem schauprächtigen Monumentalfilm „Semiramis. Die Kurtisane von Babylon" (1954) die Geschichte der sagenhaften Frau endgültig ins Halbweltmilieu.

Der Turm
Der in der antiken Stadt Babylon stehende Tempelturm des Stadtgottes Marduk besaß die Form einer stufenförmigen Zikkurrat auf rechteckigem Grundriss.
In der europäischen Kunstgeschichte jedoch erscheint der Turm stets in der Gestalt der jeweils zeitgenössischen Architekturepoche: In mittelalterlichen Handschriften, die zumeist den Turmbau zu Babel unter Schilderung aller handwerklichen Details in den Mittelpunkt stellen, tritt er auf als Wehrturm, abgelöst von Bauwerken, die an gotischen Kirchtürmen orientiert sind. Mit der Wiederentdeckung und neuen Wertschätzung der antiken Bauformen des Kolloseums in der Renaissance, initiiert vor allem durch Filippo Brunelleschi (1377- 1446) und Leon Battista Alberti (1404-1472), nimmt auch der Babylonische Turm seine runde Form an. Diese Vorstellung des Bauwerks, nach dem Vorbild von Pieter Breughel d.Ä. (1525/31- 1569), prägte die folgenden Jahrhunderte: Zahllose Turmbilder entstehen kongenial in der Nachfolge des großen niederländischen Meisters.
Als gigantisches Denkmal für den Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts errichtete Gustave Eiffel (1832-1923) zur Weltausstellung 1889 seinen eisernen Turm, dessen Bau seinerzeit den Protest der Künstler hervorrief. In deren berühmtem Manifest wurde er als „nutzloser und monströser" „neuer Turm zu Babel" bezeichnet. Bis heute ist der Babylonische Turm Synonym für eine Kolossalarchitektur, deren Ambition keine menschlichen Grenzen kennt. So erhielt New York in der gigantomanischen Bauwut der 1920er Jahre seinen Beinamen „New Babylon", sich eindrucksvoll spiegelnd in Fritz Langs Machtarchitekturen von „Metropolis" (1927). Diese negative Bedeutung des Turms als Kathedrale des Bösen, geprägt durch den Größenwahn und Hochmut seines legendenhaften Erbauers Nimrod, lebt in der Populärkultur bis heute fort, beispielsweise in Saurons Turm Barad-dür in der Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe" (2001-2003).

Die Apokalypse
Für eine gewaltsame Zerstörung der Stadt Babylon, wie in der Genesis (1. Mose 11,5), bei den Propheten (Jesaia 13,1-22; Jeremia 50,1-3) und in der Apokalypse des Johannes (Offenbarung 18, 1-24) geschildert, ist kein historischer Beleg bekannt.
Nach der Eroberung Babylons durch den Perser Kyros II (539 v. Chr.), verlor die Stadt ihre einstige Größe und wich in ihrer Bedeutung neu gegründeten Siedlungszentren. In der Apokalypse des Johannes entlädt sich Gottes apokalyptischer, sich ankündigend im Auftritt der Großen Hure Babylon (Offenbarung 17, 1-18), über der Stadt. Vor der Bestrafung der Verderbnis der Menschheit warnt typologisch bereits das Alte Testament: Gott prophezeit dem babylonischen König Belsazar während seines letzten ausschweifenden Gastmahls den Untergang seines Reiches mit den legendären Worten „Mene mene tekel u-parsin". Daniel deutet die Verkündung: „Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben." (Daniel 5, 25-27).
Bis in die heutige Zivilisation ist die Zerstörung Babylons, der Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden, das symbolträchtigste Szenario eines selbst verschuldeten Untergangs. Auch die Angstbilder der nationalsozialistischen Verbrechen an der Menschheit und die vernichtenden Gräueltaten des beginnenden 21. Jahrhunderts sind auf beunruhigende Weise mit diesem Motiv des Niedergangs verknüpft.

Die Sprachverwirrung
Im multikulturellen Babylon lebten Menschen verschiedenster Nationen friedlich zusammen. In den Straßen der Stadt waren die unterschiedlichsten Sprachen aller Völker der Erde zu vernehmen.
Dem gegenüber steht die biblische Überlieferung der Genesis, in der Gott die Anmaßung der Menschheit, verkörpert durch das größenwahnsinnige Turmbauprojekt, durch die Sprachverwirrung strafte: „Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in ihre Länder." (Mose 11, 7-9). Die babylonische Sprachverwirrung steht also für den Sündenfall einer urbanen Zivilisation, die den Bezug zur göttlichen Sprache der Natur verloren hat. An die Stelle der Sprache Gottes treten in unkontrollierbarer Vielfalt die Sprachen der Menschen.
Während der christliche Glaube auf die Erlösung durch das Pfingstwunder hofft, überrascht die Wissenschaft seit der Neuzeit mit immer neuen Lösungsvorschlägen: mit künstlichen Bildsprachen im Barock, mit der Idee der Telepathie oder der Erfindung von Volapük und Esperanto im 19. Jahrhundert sowie mit der Entwicklung von Übersetzungsprogrammen wie „babelfish" im 20. Jahrhundert. Erst mit der Globalisierung unserer Zeit wird offenbar, dass Vielfalt auch Reichtum bedeuten kann.

Der »Mythos Babylon« erzählt keine Geschichten aus längst vergangenen Zeiten.
Bis in unsere Gegenwart lebt dieser Mythos in unverminderter Aktualität fort und prägt als beständig
greifbare Metapher unser alltägliches Denken.

Babylon wird mit dieser Ausstellung zu einem Schlüssel des Verständnisses für unsere Herkunft,
für unsere Gegenwart und unsere Bestimmung.


Die Botschaft lautet:

Wir sind Babylon.

 


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Weltwunder der Antike, Babylon,
erfolgreicher Staatsmann Nebukadnezar,
antike Baukunst, Liebesleben in der Antike

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Sämtliche Fotos, Texte, Layout und Desig
n
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wenn nicht anders in der Bildunterschrift bezeichnet.

Anfrage


Keine Hure! Babylon war nicht Babel 2008.
Keine Hure!
Babylon war nicht Babel
2008.

Plakat zur Ausstellung „Babylon. Mythos und Wahrheit“
© SMB, Generaldirektion, Gestaltung: MetaDesign AG

 

Schlussnotiz;
Armin H. Eilenberg

Babylon war
keine Hure.

Die Fakten der Ausstellung Babylon,
könnte uns helfen, unsere jungen Demokratien zu festigen, in dem wir
sie kritisch betrachten, in wie weit
wir zu ehrlosen, käuflichen Individuen
verfallen sind.

(Ja zum Leben, aber wie? - Im 21. Jahrhundert)


Demokratie
= Herrschaft der Armen **,

Platon (Plato) *427 v. Chr. † 348 v. Chr.
Schüler von Sokrates
und
Aristoteles *384 v. Chr. † 322 v. Chr.
Schüler von Platon und Lehrer von
Alexander des Großen
* 356 v. Chr. † Babylon 323 v. Chr.

** im 20. Jh. n.Chr.
herrschen wir mit Werbe-Kapital.


"Man soll die Stimmen wägen
und nicht zählen,
der Staat muß untergehen,
früh oder spät,
wo Mehrheit siegt
und Unverstand entscheidet".

Friedrich Schiller (1805 n.Chr.)


Die antike Landwirtschaft,
mit der Effizienz der
Getreideaussaat (Saatpflug)
ca.1800 v.Chr.,
wurde erst im 20 Jh. n.Chr.,
in Europa eingeführt,
das Handsäen
wurde abgelöst.


Vielleicht
ein Denkanstoß!

Für eine laute, aber einfache
mediale Pixel-Gesellschaft,
die sich im 21. Jh. n.Chr.
selbst abschafft,