erwähnt sie als Tochter der syrischen
Göttin Derketo von Askalon und schildert ihre ruhmreiche Errichtung der
glanzvollen Stadt Babylon mit den Hängenden Gärten,
die seit der Neuzeit zu den sieben Weltwundern der Antike gezählt wurden.
Außerdem stellt er sie in das Licht einer Männer verschlingenden
Königin und mächtigen Kriegerin, die das feindliche Heer der Meder
besiegte. Athenagoras von Athen (2. Jh. n. Chr.), einer
der Apologeten, bezeichnet Semiramis in seiner Schrift „Legatio pro
Christianis" als „unzüchtiges und mörderisches Weib".
Diesen vermeintlich historischen Quellen entsprang der Mythos einer anrüchigen
und lüsternen „femme fatale", die zur geheimnisvollen Protagonistin
zahlreicher literarischer Werke, Opern und Theaterstücke wurde. In Dante
Alighieris (1265-1321) „Göttlicher Komödie"
wird sie als Sünderin der maßlosen Wollust und Willensschwäche
in den zweiten Höllenkreis des Inferno verbannt. Der österreichische
Autor Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895), verschrien
als Schilderer sexueller Ausschweifungen und Perversionen, widmete der Mythen
umwobenen Babylonierin seinen Roman „Afrikas Semiramis" und stellt
sie in das Licht einer wollüstigen Exotin. Der Regisseur Carlo Ludovico
Bragaglia (1894-1998) verlegt in seinem schauprächtigen
Monumentalfilm „Semiramis. Die Kurtisane von Babylon" (1954)
die Geschichte der sagenhaften Frau endgültig ins Halbweltmilieu.
Der Turm
Der in der antiken Stadt Babylon stehende Tempelturm des Stadtgottes Marduk
besaß die Form einer stufenförmigen Zikkurrat auf rechteckigem
Grundriss.
In der europäischen Kunstgeschichte jedoch erscheint der Turm stets in
der Gestalt der jeweils zeitgenössischen Architekturepoche: In mittelalterlichen
Handschriften, die zumeist den Turmbau zu Babel unter Schilderung aller handwerklichen
Details in den Mittelpunkt stellen, tritt er auf als Wehrturm, abgelöst
von Bauwerken, die an gotischen Kirchtürmen orientiert sind. Mit der
Wiederentdeckung und neuen Wertschätzung der antiken Bauformen des Kolloseums
in der Renaissance, initiiert vor allem durch Filippo Brunelleschi (1377-
1446) und Leon Battista Alberti (1404-1472),
nimmt auch der Babylonische Turm seine runde Form an. Diese Vorstellung des
Bauwerks, nach dem Vorbild von Pieter Breughel d.Ä. (1525/31-
1569), prägte die folgenden Jahrhunderte: Zahllose Turmbilder
entstehen kongenial in der Nachfolge des großen niederländischen
Meisters.
Als gigantisches Denkmal für den Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts
errichtete Gustave Eiffel (1832-1923) zur Weltausstellung
1889 seinen eisernen Turm, dessen Bau seinerzeit den Protest der Künstler
hervorrief. In deren berühmtem Manifest wurde er als „nutzloser
und monströser" „neuer Turm zu Babel" bezeichnet. Bis
heute ist der Babylonische Turm Synonym für eine Kolossalarchitektur,
deren Ambition keine menschlichen Grenzen kennt. So erhielt New York in der
gigantomanischen Bauwut der 1920er Jahre seinen Beinamen „New Babylon",
sich eindrucksvoll spiegelnd in Fritz Langs Machtarchitekturen von „Metropolis"
(1927). Diese negative Bedeutung des Turms als Kathedrale
des Bösen, geprägt durch den Größenwahn und Hochmut seines
legendenhaften Erbauers Nimrod, lebt in der Populärkultur bis heute fort,
beispielsweise in Saurons Turm Barad-dür in der Verfilmung von Tolkiens
„Herr der Ringe" (2001-2003).
Die Apokalypse
Für eine gewaltsame Zerstörung der Stadt Babylon, wie in der Genesis
(1. Mose 11,5), bei den Propheten (Jesaia
13,1-22; Jeremia 50,1-3) und in der Apokalypse des Johannes (Offenbarung
18, 1-24) geschildert, ist kein historischer Beleg bekannt.
Nach der Eroberung Babylons durch den Perser Kyros II (539
v. Chr.), verlor die Stadt ihre einstige Größe und wich
in ihrer Bedeutung neu gegründeten Siedlungszentren. In der Apokalypse
des Johannes entlädt sich Gottes apokalyptischer, sich ankündigend
im Auftritt der Großen Hure Babylon (Offenbarung 17,
1-18), über der Stadt. Vor der Bestrafung der Verderbnis der Menschheit
warnt typologisch bereits das Alte Testament: Gott prophezeit dem babylonischen
König Belsazar während seines letzten ausschweifenden Gastmahls
den Untergang seines Reiches mit den legendären Worten „Mene mene
tekel u-parsin". Daniel deutet die Verkündung: „Mene, das
ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist,
man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist,
dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben." (Daniel
5, 25-27).
Bis in die heutige Zivilisation ist die Zerstörung Babylons, der Mutter
der Hurerei und aller Gräuel auf Erden, das symbolträchtigste Szenario
eines selbst verschuldeten Untergangs. Auch die Angstbilder der nationalsozialistischen
Verbrechen an der Menschheit und die vernichtenden Gräueltaten des beginnenden
21. Jahrhunderts sind auf beunruhigende Weise mit diesem Motiv des Niedergangs
verknüpft.
Die Sprachverwirrung
Im multikulturellen Babylon lebten Menschen verschiedenster Nationen friedlich
zusammen. In den Straßen der Stadt waren die unterschiedlichsten Sprachen
aller Völker der Erde zu vernehmen.
Dem gegenüber steht die biblische Überlieferung der Genesis, in
der Gott die Anmaßung der Menschheit, verkörpert durch das größenwahnsinnige
Turmbauprojekt, durch die Sprachverwirrung strafte: „Wohlauf, lasst
uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen
Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder,
dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr
Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache
und sie von dort zerstreut hat in ihre Länder." (Mose
11, 7-9). Die babylonische Sprachverwirrung steht
also für den Sündenfall einer urbanen Zivilisation, die den Bezug
zur göttlichen Sprache der Natur verloren hat. An die Stelle der Sprache
Gottes treten in unkontrollierbarer Vielfalt die Sprachen der Menschen.
Während der christliche Glaube auf die Erlösung durch das Pfingstwunder
hofft, überrascht die Wissenschaft seit der Neuzeit mit immer neuen Lösungsvorschlägen:
mit künstlichen Bildsprachen im Barock, mit der Idee der Telepathie oder
der Erfindung von Volapük und Esperanto im 19. Jahrhundert sowie mit
der Entwicklung von Übersetzungsprogrammen wie „babelfish"
im 20. Jahrhundert. Erst mit der Globalisierung unserer Zeit wird offenbar,
dass Vielfalt auch Reichtum bedeuten kann.
Der »Mythos Babylon« erzählt
keine Geschichten aus längst vergangenen Zeiten.
Bis in unsere Gegenwart lebt dieser Mythos in unverminderter Aktualität
fort und prägt als beständig
greifbare Metapher unser alltägliches Denken.
Babylon wird mit dieser Ausstellung zu einem
Schlüssel des Verständnisses für unsere Herkunft,
für unsere Gegenwart und unsere Bestimmung.