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SALVADOR
DALI
Erotische Skizzen
Norbert Wolf
»Ehrlich gesagt, finde ich
keinen Gefallen an Vaginen.«
(Dali, 1979, Interview
im >Playboy<)
Schockierende Momente, voller Sexualität, Kannibalismus, Sinnlichkeit
des Essens und Ausscheidens inklusive der Verwesung füllen, explizit
oder surreal verschlüsselt, das Werk Salvador Dali (1904-1989), nicht
nur das bildnerische, sondern ebenso das literarische. Letzteres gilt insbesondere
für seine 1941, fertiggestellte Selbstbespiegelung: Der Leser schaudere
vor dem hier ausgebreiteten Übermaß an Brutalität, Sadismus,
schlechtem Geschmack, vor allem auch vor der Überdosis skandalöser
sexueller Intimitäten, schrieb Fleur Cowles über diese Selbstbiografie.
The secret life
of SalvadorDali - (Das geheime Leben des Salvador
Dali).
Dali schildert hemmungslos die sexuellen Phantasien, die von frühester
Jungend an seine Wach- und Traumzustände bedrängten. Begierden koppelten
sich für den Pubertierenden an Ängste, an solche vor dem »normalen«
Geschlechtsverkehr mit Frauen, an panische Abscheu vor dem Anblick von Vaginen,
wie Dali im zitierten Playboy-Interview noch sehr viel später bekannte.
Weibliche Reize kondensierten sich ihm vornehmlich in Brüsten und Gesäßen.
1922 begegnete Dali dem großen spanischen Lyriker, Federico Garcia Lorca,
geboren 1898, 1936 im Spanischen Bürgerkrieg von Anhängern Francos
gefoltert und erschossen. Lorca war homosexuell und verliebte sich in den
jungen Maler, in den »großen Masturbator« (so der Titel
eines famosen und zu Recht berühmten Dali-Bildes, von 1929, Madrid, Museo
Nacional Centro de Arte Reina Sofia). Vermutlich 1926 wollte Lorca seinen
Freund zum Analverkehr verführen. 1955 blickte Dali auf die Zeit zurück:
»Nachdem es ihm nicht gelungen war, mich zu überreden, dass ich
ihm mein Ar... zur Verfügung stellte, schwor er mir, das von dem Mädchen
[welches Dali >ersetzte<] eingeforderte Opfer
sei durch sein eigenes aufgewogen: Es war das erste Mal, dass er mit einer
Frau verkehrte.« Dali hatte den Geschlechtsakt mit Lorca nicht vollzogen,
da er ihm Schmerzen bereitete, aber er versuchte ihn offenbar.
Das Jahr 1929, als sich Dali den Surrealisten in Paris anschloss, brachte
den wohl gravierendsten Umbruch in sein Leben und damit auch in seine Kunst
- denn beides war bei ihm nie zu trennen: In diesem Jahr begann seine Liebe
zu Gala, eine geradezu mystische Besessenheit von dieser Frau. Die geborene
Russin lockte ihn aus seinem Narzissmus heraus, nahm ihm die Angst vor praktizierter
Sexualität, befriedigte seine Begierden, wurde zusätzlich zu seiner
Ersatzmutter und managte die Geschäfte des von Jahr zu Jahr berühmter
werdenden Künstlers. 1932 habe er, berichtet Dali in seiner Autobiografie,
nach einer Wahnvorstellung im Madrider Museum für Naturgeschichte, Gala
auf dem menschenleeren Platz vor dem Museum von hinten (a tergo) »genommen«.
Er sodomisierte sie, so seine Worte, auf schnelle, äußerst wilde,
rasende Weise. Dies habe therapeutisch auf ihn gewirkt, als eine weitere Etappe
in dem befreienden Prozess, mit Hilfe Galas seinen anfänglichen Schrecken
vor dem Sexualakt und sein Gefühl körperlicher Unzulänglichkeit
abzulegen. Gleichzeitig habe er diesen Vorgang mit dem Bauernpaar in einem
der berühmtesten Gemälde des 19. Jahrhunderts, in Jean-Francois
Millets L'angélus (Das Abendläuten) von 1858/59 (Paris, Mus&
d' Orsay) assoziiert. Viele Male wird Dalli von nun an in Ölgemälden,
Skizzen und Zeichnungen diese bei Millet der Abendandacht auf dem Feld hingegebenen
Gestalten in ein - a tergo - kopulierendes Paar verwandeln. Ebenso oft wird
er aber auch die Frau als männermordendes Insekt, als »Gottesanbeterin«
charakterisieren.
Eros und Thanatos - Liebes- und Todestrieb - sind für Dali im Sinne der
Freudschen Tiefenpsychologie die libidinösen Ingredienzien ein und desselben
gefährlichen »Tranks«. Gerade diese Kombinatorik war es,
die Dalfs Bilderotik bis in die surrealistische Glanzzeit seines Schaffens
hinein, bis in die dreißiger und vierziger Jahre, so faszinierend machte.
Ungeniert hat er sein Leben bis zum Schluss für die Öffentlichkeit
inszeniert. Seine sexuellen Vorlieben, sein ungehemmter Voyeurismus, die von
Skandalen geschüttelte Beziehung zu seiner »Muse« Gala, die
Hemmungslosigkeit, mit der er sich und sein Werk vermarktete
- all das füllte die Klatschspalten und befriedigte die Sensationsgier
des Publikums. Doch es ändert nichts daran, dass Dali über lange
Strecken seines Schaffens hin ein großer Künstler war: ein fantastischer
Maler, ein Schöpfer schockierender Objekte, ein virtuoser Grafiker, ein
bedeutender Filmemacher - und ein Meister des Wortes, wie unter anderem seine
Autobiografie beweist. Der Surrealist Dali schuf jene »Ikonen«
der Verblüffung, die jedermann kennt: die wie Käse schmelzenden
Uhren, die brennenden Giraffen, paranoide Monstren. Freilich, da ist noch
der »andere«, der späte Dali, der auf der Klaviatur des Effekthascherischen
und des Kitsches spielt, der eine Welt braucht, die ihm applaudiert, und vor
der er sich produziert.
Dali war von jeher ein exzellenter Zeichner und Grafiker, der sich einer altmeisterlichen
Linienführung bediente. Allerdings waren auch auf diesem Sektor seine
Leistungen von Schaffensphase zu Schaffensphase starken Schwankungen ausgesetzt.
Ungewöhnlichen Blättern in stupender, souveräner Technik stehen
Arbeiten gegenüber, die rein kommerziellen Zwecken dienen und anspruchsvolleren
künstlerischen Ansprüchen kaum noch genügen. Auch die erotischen
Blätter entgehen diesem Prozess nicht.
1925, als die Sexualität in seinem bildnerischen Schaffen manifest wird,
sind Dalis Akt-Zeichnungen noch akademisch geprägt, noch sehr verhalten
in ihrer libidinösen Ausstrahlung. Auch in neokubistischen Kompositionen
von 1926 und in den anschließenden, zum Surrealen tendierenden Bildkonzepten
ist Sexualität weitgehend formal kaschiert bzw. zu »Bilderrätseln«
verfremdet. Gleichzeitig - denn Dali experimentierte damals mit den unterschiedlichsten
Stilrichtungen - entstehen erste »neoklassizistische« Gemälde
und Zeichnungen. Die Dominanz einer kontrollierten, gekonnten Linienführung
verleiht der Wiedergabe des Nackten eine geradezu »keusche« Note,
die Dali indes seit seinem Zusammentreffen mit Gala zu einem zunehmend ungehemmteren
Modus transformiert.
Pralle Brüste, erigierte Phallen, sich aneinander pressende Leiber, Fellatio-Szenen
bestimmen eine ganze Reihe erotischer Zeichnungen des Jahres 1931, einer Schaffensphase,
die in dieser Hinsicht einen ersten Kulminationspunkt mit sich brachte. Derartige
Sujets sind von nun an regelmäßig, naturgemäß stilistisch
variierend, im grafischen (Euere Dalis zu finden, sei es in Einzelblättern
und Skizzen, sei es in Buchillustrationen (z.B. in Dali. illustre Casanova,
1967, sowie in dem 1969 veröffentlichten Band Les Metamorphoses Erotiques,
einer Auswahl von Zeichnungen aus den Jahren 1940-1969, einem Sammelsurium
und Höhepunkt Dalischer sexueller Phantasien).
Seit den 50er und 60er-Jahren bewegen sich die einschlägigen Sujets freilich
auch immer ungenierter in Richtung Pornografie. Dali hatte 1969 den Unterschied
zwischen Erotik und Pornografie geradezu neuplatonisch definiert:
Erstere sei göttlicher Natur, wogegen Letztere aus den Niederungen des
Menschlichen komme. Solch feinsinnige Unterscheidungen werden freilich
bald an den Rand gedrängt. In einer Sendung des französischen Fernsehens,
die verständlicherweise nie ausgestrahlt wurde, hatte Dali die »göttliche«
Grenze längst überschritten, wenn er sagte, "... in der Vagina
tummle man sich orientierungslos, während der Anus solche Ungewissheit
nicht aufkommen lasse; v. a. dann nicht, wenn man einer Frau eine Wasserwaage
auf den Rücken lege und ihr so zur vorteilhaftesten Position »verhelfe«.
Und
gerne, so hieß es, besuchte Dali in Cadaqués einen jungen Mann,
dessen erigiertes Glied so hart war, dass man darauf Nüsse knacken konnte.
Nur notdürftig sind derartige »Hardcore«- Vorgaben im zeichnerischen
Spätwerk Dalis artifiziell »geschönt«, indem der Künstler
die von ihm früher entwickelte »paranoisch-kritische Methode«
auf die Geschlechtsorgane anwendet und sie - punktuell - surrealen Metamorphosen
unterwirft. Doch das bleibt recht vordergründig, vermag den ungehemmten
Voyeurismus, dem Dali, auch der alte Dali noch, offen huldigte, nicht zu bremsen.
Kein Vergleich dieser Skizzen und Studien mit den erotischen Blättern
eines Klimt, Schiele, Rodin usw., die nie peinlich werden, die nie das ihnen
zugrunde liegende künstlerische Anliegen der rücksichtslosen Vermarktung
des Sexus opfern. >>>>
Ende der deutschen Auszüge,
erotic sketches in english below.
 
SALVADOR
DALI
Erotic Sketches
Norbert Wolf
»To be honest, I get no
pleasure from Vaginas.«
(Dali, 1979, interview
in >Playboy<)
Shocking moments fall of sexuality, cannibalism,
the sensuality of eating and egesting including decay fill the work of
Salvador Dali (1904-1989) explicitly or surrealistically coded —
and not only his art but also his writings. The latter applies particularly
to his "self-portrayal" written in 1941. Let the reader shudder
at the excess of brutality, sadism, bad taste and above all the overdose
of scandalous sexual intimacies proffered here, wrote Fleur Cowles about
his autobiography,
The Secret Life of Salvador Dali.
Dali describes without inhibition
the sexual fantasies that plagued his waking and dreaming hours from earliest
youth. In his puberty, desires were coupled with fears, particularly fears
of "normal" sexual acts with women and a panic stricken aversion
to the sight of vaginas, as Dali admitted much later in the Playboy interview
mentioned above. Female attractions for him were reduced mainly to breasts
and bottoms.
In 1922, Dali met the great Spanish lyric
poet, Federico Garcia Lorca (born 1898, tortured and shot by Franco's henchmen
in the Spanish Civil War in1936). Lorca was homosexual, and fell in love with
the young painter, the "great masturbator" (the title of a splendid
and justly celebrated Dali picture of 1929, now in the Museo Nacional Central
de Arte Reina Sofia, Madrid). Presumably in 1926, Lorca tried to seduce his
friend into anal sex. In 1955, Dali looked back on the episode: "After
he failed to persuade me that I should make my a**e available, he swore to
me that the sacrifice demanded of the girl [whom Dali had "replaced"]
was offset by his own. It was the first time he had consorted with a woman."
Dali didn't consummate the sexual act with Lorca because it hurt, but he obviously
tried.
1929, when Dali joined the Surrealists in Paris, brought
probably the most profound change in his life and therewith his art as well
- because for him life and art were always inextricable. That was the year
when his love for Russian born Gala began, though it was really more by way
of a mystic obsession with her. Gala lured him out of his narcissism, allayed
his fears of sexuality in practice and satisfied his desires, becoming in
the process his substitute mother and managing his business affairs - as an
artist, he was growing more famous by the year. According to Dali's autobiography,
after a fit of delusion in the Madrid Museum for Natural History, in 1932
he "took" Gala from behind (a tergo) in the empty square in front
of the museum. He sodomised her, to use his own word, in a hasty, extremely
wild and furious fashion. This, he said, had a therapeutic effect on him as
another stage in the process of liberation, as with Gala's help he set aside
his initial fears of the act of sex and the feeling of physical inadequacy.
At the time, he said, he associated the act with the peasant couple in one
of the most famous of nineteenth-century paintings, Millet's Angelus of 1858-9
(Musée d'Orsay, Paris). Henceforth, in oil paintings, sketches and
drawings, Dali would frequently transform these figures going about their
evening devotions in the field into a sodomising couple (a tergo). But just
as often he would depict woman as male-devouring insects, female praying mantises.
> > >
Sample end.


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