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Benennungen
1.
Die gestern geschrien haben „Die Juden sind schuld"
sollen heute nicht schreien
„die Zionisten"
Die geschrien haben
„Die Juden sind schuld"
sind schuld daran
daß die Zionisten schuld werden konnten
Die geschrien haben
„Die Juden sind unser Unglück"
sind das Unglück der Juden
und der Palästinenser geworden
Das befreit nicht die Zionisten
von Schuld an den Palästinensern
und die Juden nicht
von Verantwortung für Zionisten
Aber nicht die sollen heute
die Juden verantwortlich machen
die gestern geschrien haben
„Die Juden sind schuld"
2.
Es gibt Zionisten
die nennen Antizionisten Antisemiten
und es giibt Juden
die den Zionisten das glauben
Es gibt Antisemiten
die nennen Zionisten Bundesgenossen
wenn sie zu Juden sprechen
sonst nur nützliche Juden
Es gibt Sprecher des Westens
die nennen jüdische Antizionisten
rote Antisemiten
wenn sie zu Juden sprechen
Und wenn sie zu Nichtjuden sprechen
nennen dieselben Sprecher
dieselben jüdischen Antizionisten
dreckige rote Juden
3.
Zionisten
mit linkem falschen Bewußtsein
Zionisten
mit rechtem falschen Bewußtsein
Antisemiten
mit rechtem falschen Bewußtsein
Antisemiten
mit linkem falschen Bewußtsein
und Antisemiten
mit zionistischem falschen Bewußtsein
Kein Bewußtsein
das den Antisemitismus
oder den Zionismus
rechtfertigen kann
TEL AVIV HILTON
Das neue Hilton Hotel ist eröffnet worden
weithin sichtbar
in ausgezeichneter Lage auf dem Boden
eines arabischen Friedhofs
Schlaft
Zions Gäste
schlaft ruhig
über geschändeten Gräbern
Der Räumpflug
der Steine und Erde und Knochen zerbrach hat lauter geschnarcht
als ihr schnarcht bis zum Jüngsten Tag ihr werdet keinen mehr aufwecken
Laßt euch nichts träumen
(aus: Die Freiheit, den Mund aufzumachen,
Wagenbach 1972
Bürokraten und Finanziers in Israel und
Jordanien haben Friedhöfe zerstört Husseins Jordanien wurde ein
Zehntel des alten jüdischen Friedhofes dem Ölberg in Jerusalem zerstört,
um eine Zufahrtstraße zum neuen nationalen Hotel zu bauen. In Tel-Aviv
wurde der alte arabische Friedhof nach islamischer Sitte ein offener Garten
für alle und seit Jahrzehnten Treffpunkt jüdischer Liebespaare,
völlig vernichtet. Auf seinem Grund
de das Hilton Hotel und das Sheraton Hotel gebaut.
DREIMAL MARTIN BUBER, EINMAL GOLDA MEIR
ÜBER DIE PALÄSTINENSER
t.
An den palästinensischen Arabern
mag uns allerlei nicht gefallen
(mir gefällt in anderer Weise
an uns allerlei nicht)
wir dürfen doch die Tatsache
nie aus den Augen verlieren
daß die Verbundenheit mit dem Land bei ihnen
— bei uns noch lange nicht — eine vitale
ja vegetative Gestalt
die Gestalt der unreflektierten
Selbstverständlichkeit angenommen hat
Sie — nicht wir — besitzen
etwas was man
die palästinensische Form nennen darf
Die Lehmhütten der Fellachendörfer
sind aus diesem Boden geschossen
die Häuser von Tel-Awiw
sind ihm aufgesteckt
Die Verneigung Abrahams
mit der er
die Vorüberziehenden ins Haus lädt können wir heute
noch anschaun
aber nicht in unseren Kreisen
2.
Darüber hinaus jedoch ist der Begriff
der Künstlichkeit
der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung überhaupt fragwürdig
Sowie man historisch denkt
also von der Entwicklung
der gesamtarabischen Selbständigkeitstendenz ausgeht die je nach den
politischen Voraussetzungen
der einzelnen Länder verschiedene Formen
und Kampfrichtungen annimmt versteht man auch
die innere Umwandlung
die sich in Palästina vollzogen hat
als eine dieser territorialen Teilbewegungen
3•
Wir haben in Palästina nicht mit den Arabern sondern neben ihnen gelebt
Das Nebeneinander
zweier Völker auf dem gleichen Territorium muß aber
wenn es sich nicht zum Miteinander entwickelt zum Gegeneinander ausarten.
So droht es auch hier zu geschehen
Zum bloßen „Neben" führt kein Pfad zurück
Aber zum Mit kann
so groß sich auch
die Hindernisse
aufgetürmt haben
immer noch
vorgedrungen werden
4.
Golda Meir erklärte in einem Interview:
"So etwas wie Palästinenser gab es überhaupt nicht".
Die Schreibweise Tel-Awiw (statt:Tel Aviv)
stammt von Martin Buber. Zitiert wird Buber aus: Rede am 31. Oktober 1929
(aus: Kampf um Israel, Schocken Verlag, Berlin 1933). Golda Meir wurde zitiert
nach dem Interview in der Sunday Times vom 15. 6. 1969.
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Einleitung
Dieses Buch wendet sich gegen das Unrecht
an den Palästinensern. Es will zugleich dazu beizutragen versuchen,
daß die heute in Israel lebenden Juden und ihre Kinder und Kindeskinder
wieder auf eine friedliche Zukunft hoffen können. Es wendet sich
ebenso gegen den Zionismus wie gegen das Regime in Jordanien oder Saudi-Arabien
und gegen alle, die durch Verfolgung von Juden und antisemitische Schikanen
den Zionisten Zuzug entwurzelter und verzweifelter Menschen verschaffen.
Warum ich diese Gedichte geschrieben habe, ist so oft gefragt wor¬den,
daß hier einige Worte darüber gestattet sein mögen: Nach
dem deutschen Einmarsch in Wien, 1938, der mich aus einem Österreichischen
Oberschüler in einen verfolgten Juden verwandelte, und nach der Ermordung
meines — unpolitischen — Vaters durch Gestapo-Beamte nahm
ich mir vor, wenn ich lebend entkäme, zu tun, was mein Vater in den
letzten zwölf Jahren seines Lebens vergeblich tun wollte —
Schriftsteller zu werden. Ich wollte gegen Faschismus, Rassismus, Unterdrückung
und Austreibung unschuldiger Menschen schreiben. Als Flüchtling in
England schrieb ich zuerst Gedichte und Prosa gegen das Dritte Reich,
in dessen Gaskammern viele meiner Freunde und Verwandten starben, und
über Flüchtlingselend und Ausbeutung.
Nach 1945 zeigte sich, daß der Kampf, den ich mir vorgenommen hatte,
auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches weitergeführt werden
mußte, wo Verhaltensmuster ähnlicher Art auftauchten. Es konnte
sogar, wie bei den Franzosen in Algerien, geschehen, daß frühere
Widerstandskämpfer dahin gerieten, sich nun als Stützen der
Kolonialherrschaft Frankreichs ihre alten Todfeinde zum Vorbild zu nehmen
und stolz von sich zu erklären, sie seien „so gut wie die Gestapo
und die SS". Solcher Rollentausch, solche Nachahmung der eigenen
Mörder, ist psychologisch leicht verständlich, muß aber
bekämpft werden. So protestierte ich gegen die Greuel in Algerien,
gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner, gegen die Konterrevolution in Guatemala
und im Kongo, gegen Justizmorde an Schwarzen in den Vereinigten Staaten
und an Weißen und Gelben in den letzten Jahren der Stalinära.
So kam ich auch dazu, gegen das zu protestieren, was Israelis den Palästinensern
und anderen Arabern antaten und immer noch antun.
Das fiel mir nicht leicht. Zuerst versuchte
ich, meine Gedanken darüber nur in einigermaßen verschlüsselten
Gedichten darzustellen (z. B. im ersten Teil dieses Bandes). Aber der
Sechstagekrieg 1967 zwang mich schließlich, auf Verschlüsselungen
zu verzichten.
Seit dem Judenmord des Hitlerfaschismus hat in Westeuropa ein begreifliches
kollektives Schuldgefühl oft dazu geführt, daß man sich
jede Kritik an Juden verbietet, wobei man noch dazu Juden und Zionisten
meist kurzerhand gleichsetzt. Ich aber empfinde außer Solidarität
mit allen unschuldig Verfolgten und Benachteiligten auch etwas wie Mitverantwortlichkeit
für das, was Juden in Israel den Palästinensern und anderen
Arabern tun; auch für das, was sie in aller Stille jenen Juden antun,
die dagegen kämpfen und protestieren. Zionist war ich nie, religiös
nur kurze Zeit als Kind, mein Wirkungsbereich ist durch meine deutsche
Muttersprache bestimmt, aber das Schick¬sal der Juden ist mir keineswegs
gleichgültig. Ich hoffe sogar, auch ohne jüdisches Volksbewußtsein
oder israelisches Nationalgefühl, sozusagen nebenher, ein besserer
Jude zu sein als jene Chauvinisten und Zionisten, die, was immer ihre
Absicht sein mag, in Wirklichkeit „ihr Volk" immer tiefer in
eine Lage hineintreiben, die schließlich zu einer Katastrophe für
die Juden im heutigen Israel führen könnte. Auch dagegen möchten
— durch Warnung vor dem Irrweg und durch allerlei Informationen
— diese Gedichte kämpfen.
Ein Buch wie dieses kann aber nicht umhin, manchmal selbst unge¬recht
zu sein, durch polemische Auswahl besonders relevanter Texte, ungerecht
z. B. gegen Theodor Herzl und Max Nordau, bei denen sich ja auch humane
und liberale Denkansätze fanden, wenn auch überwuchert durch
die Grundfehler des politischen Zionismus. Ich kann auch verstehen, daß
jeder Vergleich der Untaten des Zionismus mit denen des Nationalsozialismus
Empörung auslösen wird. Auch in mir empört sich einiges,
wenn ich solche Vergleiche ziehe. Israel hat keine Gaskammern gebaut;
auch die Entstehung des Konflikts und die Zahl der bisherigen Opfer entziehen
sich dem Vergleich. Aber weil viele Israelis, von einzelnen bis zu Regierungsstellen
und militärischen Führungsgremien, deutliche Zeichen des Überneh¬mens
und Weitergebens von Verhaltensmustern ihrer Todfeinde von
gestern zeigen, drängt sich dieser häßliche Vergleich
manchmal auf und kann auch in den Gedichten nicht ganz fehlen, gerade
weil sie verhindern helfen wollen, daß er in der Wirklichkeit immer
gültiger und zwingender wird.
Das Anfangsgedicht gibt einen Teil des Themas an und grenzt sich von jedem
Antisemitismus ab. Der erste Teil des Bandes heißt Ju¬denfragen.
Das sind ältere, schon früher veröffentlichte Verse gegen
die Verfolgung von Juden und auch — teils noch verschlüsselt
— gegen den fast unmerklichen Rollentausch, der aus Verfolgten Verfolger
ge¬macht hat.
Der zweite Teil, Gefundenes, besteht aus wortwörtlichen Wiedergaben
in Fußnoten nachgewiesener Originaltexte. Wortlaut, Sinn und Satzzeichen
blieben unverändert, aber die Texte wurden in Verszeilen zerlegt,
um so die Einzelheiten ihrer Sätze, vor allem auch ihrer Wortwahl,
deutlicher hervorzuheben. Fünf dieser Texte stammen aus Theodor Herzls
berühmtem Buch "Der Judenstaat", von dem der Altmeister
des politischen Zionismus, Max Nordau, gesagt hat: „Der Judenstaat
ist der Schlüssel der zionistischen Organisation, des Kongresses,
der Kolonialbank, des Nationalfonds, der Palästinaarbeit. Er verhält
sich zum Zionismus, wie die platonischen Ideen zu ihren Verkörperungen
in der Welt des Stoffes."
Durch Anordnung in Verszeilen und durch kritische Überschriften sollen
Vorurteile, zivilisationsbedingte Oberflächlichkeiten, Entfremdungen
und Unmenschlichkeiten dieser Ideen kenntlich gemacht werden, nicht um
nach achtzig Jahren Theodor Herzl oder, in den Fußnoten, Max Nordau
zu verspotten, sondern um nachzuweisen, wie sehr schon diese alten Grundideen
an den Antagonismen der Gesellschaft krankten, in der sie entstanden waren.
Da diese Ideen im Zionismus immer noch lebendig nachwirken, ist dies notwendig,
um aufzuklären und zu warnen.
Der dritte Teil, Höre, Israel!,
ein Zyklus, unmittelbar nach dem Sechstagekrieg 1967 entstanden und zuerst
veröffentlicht, wurde seither aber noch korrigiert und überarbeitet.
„Höre, Israel!" sind auch die Anfangsworte eines der wichtigsten
Gebete der jüdischen Liturgie.
Der vierte Teil, Trockene Gedichte, bedarf kaum einer allgemeinen Erklärung.
Einzelerklärungen enthalten die Fußnoten. Das hier und im Rest
des Bandes so häufige „ich" ist nicht sosehr dichterischer
Ichbesessenheit zuzuschreiben, wie der Überzeugung, daß die
Ichform oft weniger anmaßend ist als die Belehrung eines „du"
oder gar die Ansprache an eine Mehrzahl „ihr"; anspruchsloser,
und häufig die ehrlichste Form für einen Bericht, was man denkt
und was man in Erfahrung gebracht hat.
Der letzte Abschnitt des Bandes ist,
wie sein Titel "Seit Fürstenfeldbruck" sagt, entstanden,
seit bayerische Polizei auf arabische Fedayin, denen freier Abflug versprochen
worden war, das Feuer eröffnet und dadurch auch den Tod ihrer israelischen
Geiseln herbeigeführt hat.
Die, die in der Bundesrepublik und in Israel an der Aktion von Fürstenfeldbruck
Schuld tragen, sind noch nicht zur Verantwortung gezogen worden. Nach
Fürstenfeldbruck begann in der Bundesrepublik und in Westberlin eine
Zeit der Verleumdung und Verfolgung von Palästinensern und anderen
Arabern, die oft mit den gleichen Schimpf reden und falschen Anschuldigungen
angegriffen werden, wie zur Hitlerzeit die Juden. Auch das angeblich seit
Beginn der Ölkrise neuentdeckte Verständnis für die Palästinenser
hat diesen Verfolgungen und Verleumdungen noch kein Ende gemacht.
Die meisten Gedichte dieses Bandes waren 1972 schon vorhanden.
Die Schwierigkeiten, ihn zu veröffentlichen, sind zum Teil selbst
charakteristisch für die Verschleierung, gegen die diese Gedichte
ankämpfen wollen.
Erich Fried, London,
Juli 1974
Judenfragen
Neuere Gedichte und ein Gedichtzyklus, der in den Tagen nach dem Massenmord
von Sabra und Shatila geschrieben wurde, sind in dieser Auflage zum
ersten Mal enthalten. Sie zeigen den Libanonkrieg und das, was damit
zusammenhängt, sowohl in seinem Vorbereitungsstadium als auch zur
Zeit, als er im Gang war.
Meine Haltung zu den Palästinensern
hat sich nicht geändert.
Erich Fried, Nachtrag
im Sommer 1983
Juden,
Humanismus, entgegen Zionismus Gewalt Kriegsverbrechen Israels
UN
Bericht
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