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Mensch
werden, Mensch sein und Mensch bleiben, das ist die Frage des 21. Jahrhunderts.
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Kultur Fibel
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Das
Kopfkissen-Buch
der Liebe
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Liebesgedichte
von Frauen
Gesammelt,
kommentiert und herausgegeben
von Michael Korth, gegliedert von Nancy Arrowsmith
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Vorwort
der Redaktion
Mit den vorliegenden Liebes-Gedichten von
Frauen, mit einer reichen, unbeschädigten Gefühlswelt,
können wir, im 21. Jahrhundert, vielleicht nachempfinden, was
Frauen, eben Menschen, in der schrillen Mainstream-Gesellschaft,
verloren haben.
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Buchauzüge |
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Die drei Grazien -
Wandmalerei aus Pompeji
MEINE SCHAMRÖTE
Du, sende mir nicht länger den Duft,
den brennenden Balsam
Deiner süßen Gärten zur Nacht.
Auf meiner Wange blutet die Scham,
und um mich zittert die Sommerluft.
Du ... wehe Kühle auf meine Wangen
aus duftlosen, wunschlosen Gräsern zur Nacht.
Nur nicht länger den Hauch Deiner suchenden Rosen,
er quält meine Scham.
Else Lasker-Schüler

Altes
Rom - Beischlafszene.
Die Frau wird auf solchen
Beischlaf Fresken häufig mit Brustbinde dargestellt.
Casa del Centenario; Pompeji, 1. Jh.

Die Toilette der Braut
Detail aus der Aldobrandini-Hochzeit,
Vatikanische Bibliothek
FÜHLTEST DU NUR DIE LEISESTE
REGUNG DER LIEBE
Fühltest Du nur die leiseste Regung
der Liebe, Maultiertreiber,
Du führest schneller, ans Ziel der Liebe zu kommen.
Ich bin verliebt in einen schönen Jungen —
gibt dem Vieh die Sporen, bitte, beeil Dich!
Du bist betrunken! Beeil Dich!
Gib ihm die Peitsche, die Zügel!
Bring mich nach Pompeji, wo mein Liebster lebt!
Du bist mein ...
Graffito einer Verliebten
aus Pompeji
DICH BEREISEN
Dein Fleisch will ich schmecken,
würzig und kräftig,
anfangen mit Deinen Armen
herrlich wie Äste des Ceibo;
fortfahren mit der Brust,
von der meine Träume träumen,
mit der Armhöhle, worin sich mein Kopf vergräbt,
das Zarte zu ergründen,
die Brust, die tönt wie Trommeln
und andauerndes Leben;
da eine lange Weile bleiben,
meine Hände verzweigen
im Strauchwäldchen, das Dir schwarz und weich
unter meiner nackten Haut wächst;
fortfahren dann bis zu Deinem Nabel,
bis zu dieser Mitte, wo es Dich zu kitzeln beginnt,
mit Küssen, mit Bissen über Dich gehen,
bis ich anlange
bei diesem Ort
versteckt und geheim,
der sich freut bei meiner Anwesenheit,
der sich erhebt, mich zu empfangen
und auf mich zukommt
mit der ganzen Härte des erregten Mannes;
hinab zu Deinen Beinen,
diese Beine, worauf Dein Körper ruht,
mit denen Du mich trägst,
die Du des Nachts verschränkst
mit meinen sanften und weiblichen;
Deine Füße küssen, Liebling,
die so viel laufen müssen ohne mich,
und umkehren, Dich zu ersteigen,
bis ich Deinen Mund an meinen sauge,
bis ich ganz angefüllt bin von Deinem Speichel,
Deinem Atem,
bis Du in mich dringst
mit der Kraft von Ebbe und Flut
und mich überwältigst
mit Deinem Kommen und Gehen
wie des wilden Meers,
bis wir beide ausgebreitet und heiß
auf dem Kampfplatz der Laken bleiben.
Gioconda Belli
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SEIT ICH IM SCHLAF
den Mann gesehen, den ich
von Herzen liebe,
seit dieser Zeit erst liebe ich
der Träume bunte Falter.
Ono no Komachi
LIEBSTER,
LASS ES DEM TRAUM NICHT
Glaub nicht, er komme ins Traumland,
hör ich die Freundinnen sagen.
Doch wenn ich brenne vor Sehnsucht,
wo such ich ihn außer im Traum?
O Liebster, lass es dem Traum nicht,
komm öfter und halte mich wach.
Myong'ok
O DIESER ABEND
O Dieser Abend, welch ein Abend!
Es fließt der Strom so sanft und rein.
O diese Stunden, was für Stunden!
Ich darf mit ihm im selben Boote sein.
Oh, ich verberge mein Erröten,
nicht soll man schelten mich gemein.
O töricht Herz, warum willst Du nicht brechen?
Ich weiß, ich fand den Liebsten mein.
Oh, auf dem Berge stehen Bäume,
mit vielen Zweigen grün und dicht!
Oh, wie sehr lieb ich meinen Liebsten!
Doch ach, der Liebste weiß es nicht.
Mädchenlied aus dem
alten China
OB ICH DICH LIEBE,
WEISS ICH NICHT
Ob ich Dich liebe, weiß ich nicht,
seh ich einmal nur Dir ins Gesicht,
kann ich nicht sagen, wie mir geschicht.
Ob ich Dich liebe, weiß ich nicht.
Ob ich Dir traue, weiß ich nicht.
Entgeht mir Deine Lehre nicht,
tu ich auf eignen Geist Verzicht.
Ob ich Dir traue, weiß ich nicht.
Ob ich Dich kenne, weiß ich nicht.
Ich glaub, was Deine Lippe spricht,
Dein Geist ist mir das höchste Licht.
Ob ich Dich kenne, weiß ich nicht.
Ob treu Dein Kind bleibt, weiß es nicht.
Dass nie ihm Deine Lieb gebricht,
ist was sein Flehn zum Himmel spricht.
Ob es Dir treu bleibt, weiß es nicht.
Bettina von Arnim
HAJA, BUBAJA
Haja , bubaja!
Geh weg von der Tür,
mein Mann ist schon gekommen,
er schläft heut bei mir.
Deutsches Frauenlied aus
Oberungarn
VERSCHMÄHTE PERLEN
Du sendest Schätze mich zu schmücken!
Den Spiegel hab ich längst nicht angeblickt.
Seit ich entfernt von Deinen Blicken,
weiß ich nicht mehr was ziert und schmückt.
Kaiserin Me Fe
ACH!
IN MEINEM JUNGEN FRÜHLING
Ach! in meinem jungen Frühling,
in der Blüte meiner Jugend,
fühle ich alle Qualen
der großen Traurigkeit.
Nichts schafft mir Lust
als Reue und Sehnsucht.
Wo ich auch immer bin,
im Wald oder auf der Wiese,
am Tage oder am Abend,
immerdar fühlt mein Herz
die Sehnsucht nach einem,
der fern ist.
Königin Maria Stuart
HERRLICH SPRIESST
UND BLÜHT DER WALD
Herrlich sprießt und blüht der Wald,
alle Blumen, alle Blätter.
Wo ist mein vertrauter Freund?
Er ist fortgeritten.
Ach, wer wird mich lieben,
jetzt, wo der Wald in Blüte steht?
Nach meinem Freund ist mir so weh!
Lateinisches Frauenlied
aus dem Mittelalter
WENN ICH SCHEINE,
MUSST DU LEUCHTEN
Wenn ich scheine, musst Du leuchten,
wenn ich fließe, musst Du schäumen,
wenn Du seufzt, ziehst Du mein göttliches Herz
in Dich hinein.
Und weinst Du nach mir, nehm ich Dich
sanft in meinen Arm.
Doch wenn Du mich lieb hast,
dann sind wir zwei eins,
und wenn wir zwei eins sind,
kann nichts mehr uns scheiden,
mehr als endloses Glück
wohnt zwischen uns beiden.
Herr, so harre ich Deiner mit Hunger und Durst,
gehetzt und mit Lust,
bis zur erlösenden Stunde,
da aus Deinem göttlichen Munde
strömt das erlesene Wort,
das niemand hört
als die Seele allein,
die sich von all der Erde befreit
und ihr Ohr legt
an Deinen göttlichen Mund —
ja, sie versteht unsern Liebesbund.
Mechthild von Magdeburg
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VERZEICHNIS DER DICHTERINNEN UND ÜBERSETZER / QUELLENNACHWEIS
Arnim, Bettine
von (1785 — 1859), war die Schwester des Dichters Clemens Brentano
und heiratete 1811 dessen Freund Achim von Arnim. Sie führte mit Goethes
Mutter und Goethe einen originellen Briefwechsel, den sie unter dem Titel
»Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« 1835 herausgab, veröffentlichte
»Gespräche mit Dämonen« und schrieb über die
sozialpolitischen Strömungen der vierziger Jahre. Sie war mit vielen
bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit bekannt. Das Gedicht ist an
den Theologen und Platon Übersetzer Friedrich Schleiermacher gerichtet,
»am letzten Ostertag nach der Predigt über die Auferstehung«.
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht — S. 45
Belli, Gioconda (geb. 1948 in Managua), beteiligte sich
ab 1975 an den Aktionen der Sandinistischen Befreiungsfront in Nicaragua.
Nach ihrer Verhaftung gelang ihr die Flucht nach Costa Rica. Nach dem Sieg
der Sandinisten kehrte sie in ihre Heimat zurück und leitete das nicaraguanische
Presse- und Informationsamt. Für ihre großartigen Gedichte wurde
sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Erfinden wir unsere eigene Sprache — S. 76, Dich kreisen — S.
88, Ich bin — S. 93, Traumgewebe — S. 113; aus: Gioconda Belli,
Wenn du mich lieben willst. © Peter
Hammer Verlag Wuppertal, Neuausgabe 2000.
In der schmerzhaften Einsamkeit des Sonntags — S. 120; aus: Gioconda
Belli, Zauber gegen Kälte. © Peter
Hammer Verlag Wuppertal, 1992.
Lasker-Schüler, Else (1869 — 1944). »Ich
bin in Theben, Ägypten geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt
kam im Rheinland. Ich ging 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf
Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich«, schrieb Else Lasker-Schüler
1920 als Lebenslauf für die expressionistische Anthologie »Menschheitsdämmerung«.
Sie war zweimal verheiratet, Mutter eines Sohnes, der im 1. Weltkrieg fiel,
lebte ständig in finanzieller Not, floh 1933 vor Hitler nach Zürich
und emigrierte 1939 nach Palästina, wo sie arm und vereinsamt 5944
starb. Für Gottfried Benn war sie »die größte Lyrikerin,
die Deutschland jemals besaß«.
Maria Stuart (1542 — 1587), Königin von Schottland,
wurde in Frankreich erzogen, heiratete den französischen Thronfolger
und kehrte nach dessen Tod nach Schottland zurück. Dort übernahm
sie die Regierung und heiratete ihren Vetter Lord Darnley. Die Ehe war ein
Desaster. Die Königin hatte ein Liebesverhältnis mit ihrem Hofmusiker
und Sekretär David Rizzio, der die Gedichte der Königin vertonte,
wie auch das hier abgedruckte. Rizzio wurde bei einem Essen vor den Augen
der Königin von Lord Darnley erstochen.
Als Thronrivalin Elisabeths I. wurde Maria Stuart Jahre
später des Hochverrats für schuldig befunden und am 8. Februar
1587 enthauptet. Sie war glänzend begabt, sprach mehrere Sprachen und
dichtete und komponierte mit großer Kunstfertigkeit.
Ach! In meinem jungen Frühling — S. 158; aus dem Französischen
von Michael Korth nach älteren Übersetzungen.
Mechthild von Magdeburg (um 1207 — 1282/83) wurde
in Niedersachsen geboren und lebte als Begine in Magdeburg. Sie war umfassend
gebildet und hatte große Kenntnis in der Literatur. Seit ihrem 12.
Lebensjahr erfuhr sie starke Visionen und lebte zwanzig Jahre lang in strenger
Askese. Ab 1250 ließ sie ihre Visionen von Heinrich von Halle sammeln,
der sie unter dem Titel »Das fließende Licht der Gottheit«
herausgab. Es ist das mächtigste und ursprünglichste Werk deutscher
Frauenmystik. Mechthild starb im Zisterzienserinnenkloster
Helfta bei Halle.
Dass ich dich oftmals liebe — S. 1o9: Der Übersetzer konnte nicht
ermittelt werden. Ich stürbe gern vor Liebe — S. 96, Meine Pein
ist tiefer — S. 123, Wenn ich scheine, musst du leuchten — S.
1o4; aus dem Mittelhochdeutschen von Michael Korth.
Me Fe (8. Jahrhundert) war die Lieblingsgemahlin des chinesischen
Kaisers Hsüandsung (689 — 78o). 745 wurde sie durch eine Rivalin
verdrängt. Der Kaiser schickte ihr später aus schlechtem Gewissen
einen ganzen Sack voll Perlen, die er als Tributzahlung von einem Barbarenvolk
erhalten hatte. Me Fe schickte ihm diese mit dem Gedicht
zurück.
Verschmähte Perlen— S. 159; nach dem Chinesischen von Johann
Wolfgang von Goethe.
Myong'ok (um
1600) war eine berühmte koreanische Kisaeng (d. h. eine gebildete Hetäre),
deren Gedichte sehr geschätzt wurden.
Liebster, lass es dem Traum nicht — S. 12; aus: Kranich am Meer. Koreanische
Gedichte, herausgegeben von Peter H. Lee. Aufgrund der Übertragungen
des Herausgebers und in Zusammenarbeit mit ihm von Franz Wilhelm Huber und
Albert von Schirnding in die vorliegende Form gebracht. © 1959 Carl
Hanser Verlag, München-Wien.
Ono no Komachi
(9. Jahrhundert) stammte aus Nordjapan und galt als eine der »sechs
Dichtergenien«. Sie war berühmt für ihre Schönheit,
ihre dichterische Begabung und ihre Enttäuschungen in der Liebe. Wahrscheinlich
lebte sie zwischen 859 und 877 in Kyoto in der Umgebung des Hofes von Kaiser
Montoku.
Als ich an ihn dachte — S. 15, Die Herbstnacht ist lang— S.
15; nach G. Renondeaus französischer Version ins Deutsche übertragen
von Michael Korth.
Seit ich im Schlaf — S. 12; aus dem Japanischen von Klabund.
Wenn die Blume welkt — S. 182; aus: Japanische Jahreszeiten. Tanka
und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten. Aus dem Japanischen übersetzt
von Gerolf Coudenhove. Manesse
Verlag, Zürich 1963.
Nachwort: Frauen
im 21. Jahrhundert
Im Zeitgeist werden "moderne" Werbe- und PR-Götzen, die viehisch
propagierte
Sofort-Begattung gehuldigt und eine Pornografisierung
der Gesellschaft, zeitdiagnostisches
Stichwort, exhibitionistisch-voyeuristischer Komplex, psychoanalytisches
Stichwort, vorangetrieben. In dieser jüngsten Zeit werden kulturell
geschaffene
Intimitätsschranken und Schamgrenzen, die jahrhundertelang gültig
waren und zum Kernbestand jeder Kultur gehören, seit der Agitation
der 68er, verstärkt aufgelöst.
Die Individuen verrohen,
das Kind Sein wird verkürzt, der Fitnesswahn gehuldigt.
Die Empfindungen der Frauen erodieren, im Strudel des Verfalls, der sozialen
Entropie und mehrheitlich huldigen sie, wider der Natur, die Ganzkörper-Rasur
(noch ohne Kopfhaar), als Opfer der Rasierklingen-Industrie,
durch die primitive Werbung »Fühl' dich wie eine Göttin«
»für eine "göttliche" Haut« und werden psychisch
leidend, zu gefühlsarmen, sogenannten "hygienischen" Sexmaschinen.
Mit Hygiene hat die Rasur nichts gemeinsam. Fragen Sie ihren Arzt.
Ein trostloser Lebensinhalt.
Ja
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Pablo Picasso —
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JOY of SEX, Freude am Sex
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