Neuer Kalter Krieg, Scholl-Latour

 

Sachbuch


Der Weg in den
Neuen Kalten Krieg


PROPYLÄEN Verlag
352 S. geb.
€ (D) 24,90
im Buchhandel
Weitere
Buchempfehlungen

Die Welt rüstet zum neuen Kalten Krieg. Der west-östliche Schulterschluss im Antiterrorkrieg ist verspielt. Die heillose Ost-Expansion der westlichen Allianz stößt auf den Widerstand Moskaus. Am Kaukasus ist Schluss. Zugleich scheitert Washingtons Strategie in Afghanistan und im Irak schmählich. Bush hinterlässt einen Scherbenhaufen. Neue Machtzentren entstehen, der Wettlauf um Einfluss in der Welt geht in die nächste Runde. Alle diese dramatischen Entwicklungen hat Peter Scholl-Latour seit langem vorausgesehen. Sein Buch ist eine Chronik der Ereignisse seit 9/11, ein eindrucksvolles Zeugnis bestechender Klarsicht inmitten einer aus den Fugen geratenen Welt.

»Er hat mal wieder Recht behalten... Scholl-Latours Urteile sind scharf, die Begründungen fundiert.« - Der Spiegel

jetzt kaufen
amazon,´.de
Auszüge

PROLOG

Zum »greisen König der Unken« hat mich einmal ein wohlgesinnter Kollege gekrönt. Ein solches Renommee sollte man pflegen, zumal wenn der Warner — wie die viel zitierte Cassandra beim Fall von Troja — mit seinen Voraussagen Recht behielt. Die übliche Kritik wird auch dieses Mal nicht ausbleiben, wenn ich ohne jede Emotion feststelle, dass wir in den »Kalten Krieg« zurückgefallen sind. Die Beschwichtigung von Politikern und von Publizisten, die sich daran gewöhnt haben, harte Realitäten zu leugnen oder schönzureden, bis das Unheil über sie hereinbricht, kann daran nichts ändern. Im Schwarzen Meer lagen sich auf dem Höhepunkt der Ossetien-Krise russische und amerikanische Flottenverbände gegenüber. Im September 2008 nahm eine von Moskau ausgesandte Armada, geschart um den Kreuzer »Peter der Große«, Kurs auf die Karibik und die Küste Venezuelas. Wenn das Pentagon in Ost-Polen ein Raketen-System aufbaut, das vom Kreml als Provokation, ja als Bedrohung aufgefasst wird, soll sich niemand wundern, wenn demnächst auf dem Boden von Belarus und jenes Oblast Kaliningrad, das einst Königsberg hieß, auch russische Lenkwaffen mit Nuklearsprengköpfen eingebunkert werden.

Gemessen an den Spannungen, die unsere gegenwärtige Situation einer enthemmten strategischen Globalisierung kennzeichnen, mag uns der »Kalte Krieg von gestern« — nachdem einmal der apokalyptische Höhepunkt der Kuba-Krise überwunden war — als eine relativ verlässliche Kohabitation von zwei konträren Machtsystemen erscheinen. Diese lieferten sich zwar in irgendwelchen entlegenen Gegenden Stellvertreterkriege — »war by proxies« aber gleichzeitig bewährte sich eine Übung der gegenseitigen Konsultation und Mitteilung, die gelegentlich an Komplizenschaft grenzte. Im Schatten des Potenzials atomarer Vernichtung, über das die beiden Supermächte verfügten und das ein strategisches Patt erzwang, genossen die übrigen Staaten niederen Ranges ein beachtliches Maß an Sicherheit und Stabilität. Die Westeuropäer zumal konnten sich in Ruhe der Häufung ihres Wohlstandes widmen und sich auf mehr oder minder schnöde Weise jeder schick­salhaften Verantwortung entziehen.

Dieser Zustand hat sich von Grund auf geändert, seit die Sowjet­union in sich zusammenbrach und zehn Jahre später die Todesen­gel einer finsteren, weit verzweigten Verschwörung die Wahrzei­chen des westlichen Kapitalismus in Manhattan selbstmörderisch zum Einsturz brachten. Der Kalte Krieg von heute verfügt nicht mehr über die angespannte Verlässlichkeit des bipolaren Antagonismus zwischen Washington und Moskau. Auch die kurze Übergangsphase einer ausschließlich amerikanischen Hegemonie und die damit verbundene Hoffnung auf eine »pax americana«, die sich nach dem siegreichen Abschluss des ersten Irak-Krieges »Desert Storm« unter George Bush senior einstellte, haben nur eine Dekade gedauert. Der Begriff »new cold war«, vor dessen Formulierung die meisten zurückscheuen, bezieht seine Berechtigung nicht allein aus dem Wiederaufleben der gewohnten Gegnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und einem wieder erstehenden russischen Imperium. Dieser jetzige Kalte Krieg ist multipolar, besser gesagt, multilateral geworden, entzieht sich jedem Kalkül und jeder heimlichen Abstimmung.

Die neue Weltmacht China, die im Begriff steht, den Status quo im ostasiatisch-pazifischen Raum aus den Angeln zu heben, wäre ja noch einzuordnen in irgendeine Form von vorsorglicher Kooperation, die den Absturz in den Abgrund verhindert. Der scheidende amerikanische Präsident hat jedoch Feinde einer ganz anderen Kategorie auf den Plan gerufen und sieht sich mit einer Konspiration der »Kräfte des Bösen« konfrontiert, für die er den Ausdruck »Islamo-Faschismus« prägte. Unter dem vagen Sammelbegriff »Al Qaida« agieren seitdem bunt gescheckte Haufen von fanatischen Attentätern, die über den ganzen »Darul-Islam« — von Marokko bis Indonesien — verstreut sind und in einer Masse von 1,3 Milliarden Koran-Gläubigen untertauchen können. Gegen diese kunter­bunte Assoziation »teuflischer« Übeltäter, in die die Propaganda Washingtons so unterschiedliche und tödlich verfeindete Fraktionen wie die extremistisch-sunnitischen Wahhabiten Arabiens und die schiitischen Revolutionswächter der Islamischen Republik Iran einreiht, hat George W. Bush den weltumspannenden Kampf gegen den Terrorismus ausgerufen. Die zutreffende Feststellung Zbigniew Brzezinskis, des ehemaligen Sicherheitsberaters des US-Prä­sidenten Carter, dass man mit dem Wort »Terrorismus« keinen Gegner definieren kann, sondern eine Form der Kriegsführung, wie sie von Partisanen, Freischärlern oder Guerrilleros seit langem praktiziert wurde, hat wenig gefruchtet. Dass der Terror auch von durchaus ehrbaren Widerstandskämpfern angewandt wurde, passte nicht in die manichäischen Vorstellungen der neokonservativen Ideologen am Potomac.

Die Europäer, die Deutschen zumal, sollten zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht nur in eine unheimliche und ständig expandierende Abart des »Kalten Krieges« zurückgeworfen wurden. Laut Völkerrecht und Artikel V des Atlantischen Bündnisvertrages, des­sen Beistandsverpflichtung nach dem Horror-Effekt von »Nine Eleven« durch die westlichen Alliierten einstimmig in Kraft gesetzt wurde, sehen sie sich in einen regelrechten »heißen Krieg« verwickelt und sind weit davon entfernt, sich aus dessen unerbittlichen Zwängen zu lösen. Die westliche Staatengemeinschaft operiert »out of area« gegen ein bluttriefendes Gespenst, gegen eine Hydra mit tausend Köpfen, und wenn die Gefahr einer klassischen Niederlage auch ausgeschlossen bleibt, so erscheint jede Perspektive eines siegreichen Ausklangs dieser Kampagne illusorisch.

Im vorliegenden Buch handelt es sich um ein Kaleidoskop von Kommentaren, Fernsehdokumentationstexten, Reportagen und Interviews. Sie sind in chronologischer Reihenfolge und ohne jede nachträgliche Berichtigung abgedruckt. Die Abfolge dieser Beiträge umfasst den Zeitraum zwischen den Jahren 2001 und 2008. Am Anfang steht der zunächst brillant geführte Eroberungsfeldzug »Enduring Freedom« in Afghanistan, der im Lauf der Zeit zum heillosen Abnutzungskrieg, »war of attrition«, verkam. Die Serie endet mit der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten. Letztere findet vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ratlosigkeit der US Army zwischen Mesopotamien und Hindukusch statt, während das Debakel von Wall Street den deutschen Finanzminister Peer Steinbrück zu der Feststellung veranlasste, die USA hätten ihren »Status als Supermacht des Welt-Finanzsystems eingebüßt«.

In der Zwischenzeit offenbart sich die Unzulänglichkeit der viel gerühmten Wertvorstellungen des Westens. Der hemmungslos spekulative Turbo-Kapitalismus liegt in Trümmern. Eine technisch extrem perfektionierte Militärmaschine wird durch die geschmeidige und einfallsreiche Partisanentaktik des sogenannten »asymmetrischen Kriegs« in Schach gehalten. Die Staatengemeinschaft des Westens muss sogar ihre Unfähigkeit eingestehen, ihrer Vorstellung vom demokratischen Pluralismus weltweit Geltung zu ver­schaffen. Wie viel verlockender klingt doch in weiten Regionen trotz der damit verbundenen Bevormundung die Doktrin vom »politischen Konsens«.

Der Sinn des sporadischen Rückblicks, den ich heute vorlege, lässt sich an der jüngsten Entwicklung im Kaukasus exemplifizieren. Die plötzliche Offensive der georgischen Armee gegen die abtrünnige autonome Republik Süd-Ossetien hat eine russische »Straf­aktion« ausgelöst, mit deren Ausmaß niemand gerechnet hatte. Im Kreml und in breiten Schichten der russischen Bevölkerung wurde das Vabanquespiel des Georgiers Saakaschwili, sein Überfall auf die ossetischen Sympathisanten Russlands südlich des Kaukasus, als unerträgliche Provokation empfunden. Der Fall Ossetien symbolisiert einen bedrohlichen Wendepunkt und wird von Dmitri Medwedew, dem Präsidenten der Russischen Föderation, mit der Tragödie des 11. September 2001 gleichgesetzt, die Amerika zutiefst erschütterte und zur geballten militärischen Aktion veranlasste.

So unerwartet, wie manche das heute darstellen, wurde die jüngste kaukasische Krise übrigens nicht vom Zaun gebrochen. Im Herbst 1996, also zwölf Jahre vor den Kämpfen um Zchinwali, hatte ich unter dem Titel »Das Schlachtfeld der Zukunft — Zwi­schen Kaukasus und Pamir« einen Erlebnisbericht veröffentlicht, der damals als Schwarzmalerei bemängelt wurde. Deshalb erlaube ich mir, ein paar Impressionen zu zitieren, die sich mir im Frühjahr 1996 an Ort und Stelle aufgedrängt hatten und die heute wieder einen sehr aktuellen Klang gewinnen.


Süd-Ossetien im Rückspiegel
ZCHINWALI, IM FRÜHJAHR 1996

Um nach Zchinwali, dem Regierungssitz Süd-Ossetiens zu gelangen, bedurfte es einer Sondergenehmigung, die am besten bei der OSZE-Mission in Tiflis einzuholen war. Der örtliche Stab der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa setzte sich aus Offizieren und Diplomaten verschiedenster Nationalität zusammen. Für meine Inspektionsfahrt hatte sich der deutsche Oberstleutnant Heino von Heimburg als freundlicher und kompetenter Begleiter zur Verfügung gestellt. In Zchinwali wurden die Behörden von meiner Ankunft verständigt. Von Tiflis bis Gori fährt man 60 Kilometer in westlicher Richtung. Dann knickt die Straße nach Norden ein, und nach einer Strecke von 15 Kilome­tern ist die Grenze Süd-Ossetiens erreicht. Alles spielt sich in einem »Taschentuch« ab. Bis zu den steilen Fels- und Gletschermassen des Kaukasus, der hier von dem weißen Kegel des mehr als 5000 Meter hohen Kasbek gekrönt wird, sind es allenfalls weitere 50 Kilometer Luftlinie.

In dieser Gegend wurde mit der vorherrschenden Zwergstaaterei nicht gespaßt. Eine Kontrollstation der früheren sowjetischen Verkehrspolizei war zum befestigten Bunker ausgebaut. Ein Panzerfahrzeug vom Typ BPR-70 war neben der Schranke und einer Bar riere aus Sandsäcken aufgefahren. Hier hielten sich nur russische Soldaten auf. Über dem kleinen Fort wehte die russische Fahne. >>>>


Im Irak
droht eine Superintifada

5. MAI 2003

Wie ein Kartenhaus ist das arrogante Staatsgebilde Saddam Husseins zusammengefallen. Die amerikanischen Streitkräfte können sich zu Recht

eines phänomenalen Blitzsieges rühmen, der nach den anfänglichen Pannen gar nicht selbstverständlich erschien. Am Ende war es aber doch wieder ein moderner Indianerkrieg, und die arabischen »Rothäute« besaßen keine Chance.

Dem Irak waren durch die Auszehrung von zwei katastrophalen Feldzügen, durch endlose Sanktionen und Waffeninspektionen die letzten Zähne gezogen worden. In Washington hütet man sich, jene Erklärungen George W. Bushs zu wiederholen, die das Regime von Bagdad unlängst noch als akute Bedrohung der gesamten Menschheit hinstellten. An irgendeine Verbindung zu Al Qaida hatte ohnehin niemand geglaubt, und jetzt enthüllt sich sogar das Schreckgespenst der Massenvernichtungswaffen als gezielte Desinformation.

Im Zweistromland, in dieser Wiege menschlicher Kultur, deren vieltausendjährige Artefakte durch eine sträfliche, ja verdächtige Passivität der amerikanischen Eroberer wohl für immer verschwunden sind, machen sich Chaos und Anarchie breit. Noch redet der zum obersten Administrator ernannte amerikanische Ex-General Garner vom Aufbau einer irakischen Demokratie. Wer aber heute den verheißungsvollen »Domino-Effekt« der bürgerlichen Freiheiten erwähnt, der angeblich von Bagdad ausgehen sollte, steht entweder als Narr oder als Betrüger da. Statt einer Hinwendung zu einer westlich geprägten Form parlamentarischer Liberalität hat die Beseitigung der Saddam-Diktatur die lodernden Kräfte der islamischen Revolution freigesetzt.

Schon vor Anbruch der US-Offensive hatten die Bagdadi ihren ausländischen Bekannten anvertraut, dass sie natürlich die Bomben der US Air Force fürchteten. Aber mehr noch den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, die Ausschreitungen hemmungsloser Banden von Plünderern und am Ende sogar den offenen Bürgerkrieg, der durch die konfessionellen Gegensätze zwischen den Sunniten und Schiiten angeheizt würde. Vor allem der schiitische Glaubenszweig des Islam hat sich mit einem erstaunlich disziplinierten Massenaufgebot durchgesetzt. In den heiligen Stätten Nedjef und Kerbela haben zwei Millionen Pilger eine religiöse Befreiungsfeier veranstaltet und den Amerikanern jede politische Einflussnahme verwehrt.

Noch gravierender ist der Umstand, dass in Bagdad die Schiiten die Hälfte der Einwohner stellen und zur Verhinderung von Plünderung und Übergriffen eigene sogenannte SadrMilizen aufgestellt wurden. Die sind offenbar bereit, einer einseitigen Regierungsgestaltung durch die Besatzungsmacht notfalls auch mit Gewalt entgegenzutreten.

Schon zeichnet sich beim US-Oberkommando die Tendenz ab, der sunnitisch-arabischen Minderheit den Vorzug zu geben und bei der Neuorganisation der Verwaltung — selbst in hohen Polizeirängen — auf die Baath-Partei, die Partei Saddam Husseins, zurückzugreifen.

Washington will die Gründung eines schiitischen Gottesstaates verhindern, wie ihn der verstorbene Ayatollah Khomeini im benachbarten Iran ausgerufen hatte. Die irakischen Anhänger der »Schiat Ali«, der »Partei Alis«, erklären sich bereit, unter Anleitung ihrer höchsten Geistlichen auf das demokratische Spiel einzugehen. In der Gewissheit, dass ein unverfälschtes Wahlergebnis ihnen den entscheidenden Einfluss an der künftigen Staatsspitze automatisch bescheren würde.

 

Unterdessen haben die blutigen Zwischenfälle in der Stadt Faluja nördlich von Bagdad bewiesen, dass sich auch unter den Sunniten jene islamisch-fundamentalistischen Kräfte regen, denen wohl nur Saddam Hussein mit systematischer Repression Herr werden konnte. Im Irak, so befürchten britische Kommandeure bereits, könnte sich eine Superintifada ankündigen, die sich den palästinensischen Widerstand zum Vorbild nähme.


Amerikas Kesseltreiben gegen Iran
2. JUNI 2003

Das Kesseltreiben gegen Teheran hat begonnen. Schon seit langem ist die Islamische Republik Iran der Bush-Administration in Washington ein Dorn im Auge. Dass das Halali allerdings so bald geblasen würde, hatten die wenigsten erwartet. Noch sind ja die beiden ersten Schlachtfelder im Feldzug gegen den internationalen, anders gesagt, den »islamischen« Terrorismus keineswegs bereinigt.

Nach dem trügerischen Blitzsieg gegen die afghanischen Taleban hat sich am Hindukusch ein Zustand der Stammesanarchie und latenter Aufsässigkeit entwickelt, der die Autorität des Präsidenten Karzai nicht einmal in der Hauptstadt Kabul gewährleistet. Was den Irak betrifft, so hat die brillante Kampagne des US-Generals Tommy Franks zwar die Metropole Bagdad wie eine faule Frucht zu Fall gebracht, aber das Schwerste steht noch bevor.

Sollte sich der amerikanische Statthalter Paul Bremer tatsächlich in den angekündigten Demokratisierungsprozess und das Wagnis eines international kontrollierten Urnengangs einlassen, dann würde die schiitische Bevölkerungsmehrheit mit Sicherheit die Parlamentsmehrheit davontragen. Wobei die geistlichen Führer der Schiiten beteuern, sie wollten am Tigris keinen strengen Gottesstaat ausrufen. Sicher ist, dass das von ihnen angestrebte Regime nicht den Vorstellungen der USA entspräche. Mag die schiitische Republik von Teheran sich zurückhalten, der Verdacht des Pentagon bleibt bestehen: eine Kräftekonstellation der Glaubensbrüder vom Indus bis zum Mittelmeer, von Pakistan bis zum Libanon.
Washington hat offiziell angekündigt, dass es einen Regimewechsel, also den politischen Umsturz, in Persien anstrebt. Die Methoden sind extrem »robust«. Schon hat die US Army einen Waffenstillstand und neuerdings wohl auch ein enges Bündnis mit den bewaffneten Exil-Iranern geschlossen, die den sogenannten »Volks­Mudschahidin« angehören. Es handelt sich um eine kuriose islamisch-marxistische Formation, die vom irakischen Diktator mit schwerem Gerät zu einer etwa zehntausend Mann starken Truppe hochgerüstet wurde und seit langem mit blutigen Attentaten gegen Teheran von sich reden macht. Die Amerikaner stört es anscheinend nicht im Geringsten, dass sie diese neuen Alliierten noch unlängst in die Kategorie verbrecherischer Organisationen eingereiht hatten. Im Iran selber werden die Mudschahidin-e-Khalq als Landesverräter verachtet.

Donald Rumsfeld wirft den Iranern vehement vor, sie hätten einer Vielzahl flüchtiger Al Qaida-Mitglieder Zuflucht geboten. Etwas plausibler klingt es, wenn die USA auf das Bestreben der iranischen Revolutionsgarden verweisen, so schnell wie möglich in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. Der Präzedenzfall Nordkoreas, das sich der Hypermacht USA in den Weg stellt, oder Pakistans, das die konventionell weit überlegenen Streitkräfte der Indischen Union in Schach hält, beweist allzu deutlich: Offenbar hilft nur noch der Besitz eines, wenn auch beschränkten Nukleararsenals, sich gegen die Erpressung und Unterjochung durch einen überlegenen Gegner zu behaupten.

Die jugendliche Bevölkerungsmehrheit der Perser ist zwar die Bevormundung durch die schiitischen Mullahs leid, liebäugelt teilweise sogar mit dem westlichen Lebensstil. Aber auch die liberale Fraktion Irans, die sich um den Staatspräsidenten Khatami schart, empfindet die Drohungen aus den USA als unerträglich.
Was nun die schiitischen Revolutionswächter, die Pasdaran, betrifft, so würden die schiitischen Eiferer des Iran unter Anrufung Allahs und seines Propheten den glorreichen Märtyrertod bereitwillig auf sich nehmen.

Terror und Chaos
28. OKTOBER 2003

Allmählich entsteht in Bagdad der Eindruck, die amerikanischen Besatzer seien in die Situation von Belagerten geraten. Es ist nicht die Rede davon, dass ein GI sich in eine Caféstube begibt oder sich von seiner Waffe, seinem Helm und seiner kugelsicheren Weste trennt. Im Übrigen sind sämtliche offiziellen Gebäude durch gewaltige Betonmauern abgeschirmt.


Der Weg in den neuen Kalten Krieg, Peter Scholl-Latour

"Politiker . . .harte Realitäten zu leugnen oder schönzureden,
bis das Unheil über sie hereinbricht,
. . ."

© - Copyright: Propyläen
Sämtliche Fotos, sofern nicht anders benannt, Text, Layout und Design
Kultur Fibel Verlag GmbH, Berlin,
und JBM-marketing, PF 140315, D-40073 Düsseldorf

Buch:
Der Weg in den neuen Kalten Krieg,
mit 29 Farbfotos Copyriht:
Fotos
Gamma 1
ullstein bild 2, 10, 11, 16, 23, 44
Cornelia Laqua 8, 9
Herald Tribune 43


Meist besuchte Seiten
Kultur Fibel Oper
Musical Operette Ballett Kinderwunsch Kunstgalerie Lustige Witwe Bücher Klimawandel Feng-Shu
i Wellnesshotel in Samnaun Ja zum Leben, ohne Einsamkeit? Eltern-Kinder-Erziehung Tochter-Mutter-Konflikt - Kellerloch-4 Fotokunst La Traviata Türke in Italien Romy Schneider Ziele der Kultur Fibel Romuald Pekny Bücher - Babylon Koenigreich Antike Varusschlacht/Kalkriese Germanischer Freiheitskrieg-Varusschlacht Ziele der Kultur Fibel Wirtschaftskrise - Gesellschaftskrise UTE LEMPER Heinrich Hofmann, Gemälde Arma Belen, Fotokunst Musical Sweeney Todd Foto-Kunst 3, vor Chr. - Lebensvermarktung im Zeitgeist Oper La Traviata Galerie Kultur Fibel, Gesellschafts UTO (Utopie) Schlaf gut - Susi Qi Gong
Heinrich Hofmann, Maler Artgallery Kultur Fibel Foto art Friedrich Schiller
OBAMA Antisemit, Plakat


Oper-Ballett:

Oper La Traviata - Oper La Boheme - Oper Entführung aus dem Serail - Oper Die Liebe zu den drei Orangen - Oper Die Zauberflöte - Madame Butterfly Figaros Hochzeit
Oper Cosi fan tutte - Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - Oper Die Teufel von Loudun - Oper Der Waffenschmied - Oper Simon Boccanegra
Oper Orelando paladino - Oper Carmen - Oper Armida - Oper Der Spieler, Hrpok - Oper Fidelio
Oper Agrippina - Oper Der Türke in Italien - Oper Der Goldene Hahn - Ballett Dornröschen - Ballett Schneewittchen
Ballett Tanzgeschichte - Ballett Carmen Flamenco - Ballett Der Nussknacker - Ballett Martha Graham Company

Interviews:

Interview Lola Müthel - Interview Herbert Bötticher - Interview Ruth Drexel - Interview Ute Lemper
Interview Wolfgang Spier - Interview Judy Winter - Interview Romuald Pekny - Interview Helmut Griem


Lesen Sie bitte:
Anklage wegen Mordes gegen George W. Bush

Der amerikanische Botschafter Paul Bremer, der in Wirklichkeit die Funktion eines Prokonsuls ausübt, hat sich in den zentralen Palast Saddam Husseins zurückgezogen. Aber dessen aufwendiges Sicherheitssystem reichte ihm bei weitem nicht. Heute ist diese Residenz zu einer wahren Festung ausgebaut.

Laut offiziellen Schätzungen finden etwa 30 Anschläge pro Tag gegen Einrichtungen der »Koalition« statt. Nur die wenigsten davon fordern Opfer, aber die tödliche Bedrohung ist allgegenwärtig. Die Betonmauern, die inzwischen ganz Bagdad verunstalten, bieten zwar relativen Schutz gegen Selbstmordattentate von Autofahrern, die ihre Fahrzeuge mit Sprengstoff gefüllt haben. Aber seit dem Anschlag auf das Hotel Raschid, das fast so gut geschützt war wie das Hauptquartier, müssen die amerikanischen Stäbe auch mit Raketenbeschuss rechnen. Granatwerfer sind längst im Einsatz gewesen.

Auf meiner Fahrt nach Kufa, das neben der heiligen Stadt Nedjef gelegen ist, wurde ich Augenzeuge eines Sprengstoffanschlags auf einen kleinen amerikanischen Konvoi. Die Bombe war am Straßenrand versteckt, drückte die rechte Seitenwand des Humvee ein, und zwei amerikanische Soldaten fanden den Tod. Sie wurden umgehend von Hubschraubern abtransportiert. Das Ganze wirkte fast wie ein Verkehrsunfall. Die unbeteiligte arabische Menge, die überwiegend schiitisch war, verfiel glücklicherweise nicht in jenes Freudengeschrei, das in solchen Fällen im sogenannten sunnitischen Dreieck häufig angestimmt wird.

Zurzeit konzentrieren sich die Terroraktionen, die auch vor den Einrichtungen der Vereinten Nationen und des Internationalen Roten Kreuzes nicht zurückschrecken, im Wesentlichen auf den Norden des Irak. Das Kurdengebiet galt bislang als das einzige Territorium, in dem die Amerikaner als Freunde und Befreier empfangen wurden. Das könnte sich jedoch ändern, wenn — wie angekündigt — 10 000 türkische Soldaten im Irak einrücken. Diese Soldaten der Republik von Ankara sollen zwar außerhalb der kurdischen Siedlungszone stationiert werden, aber zwangsläufig müssen sie im umstrittenen Grenzgebiet ihre Nachschublager errichten, und sie haben schon angekündigt, dass sie auch im Irak die Verfolgung der PKK aufnehmen wollen, die in Ostanatolien einen jahrelangen Partisanenkrieg gegen die türkischen Streitkräfte durchgehalten hat. Mit dem Engagement Ankaras könnte Washington sich also auch die positive Haltung der Kurden verscherzen, die sich wieder einmal verraten fühlen.

Bei den Attentaten, die durchschnittlich ein oder zwei US-Soldaten das Leben kosten und die vor allem unter den mit den US- Streitkräften kollaborierenden irakischen Polizisten hohe Opfer fordern, müssen zwei Kategorien unterschieden werden. Den Selbstmordattentätern sollte man im Allgemeinen eine religiöse, eine islamische Motivation gegen die ungläubigen Eindringlinge unterstellen. Bei den technisch perfektionierten Anschlägen, die durch Fernzündung ausgelöst werden, dürften jedoch mehrheitlich die arabischen Nationalisten und eventuell auch Angehörige der aufgelösten Baath-Partei verantwortlich zeichnen.

Im Rückblick kann man sagen, dass sich die Amerikaner, denen die irakische Bevölkerung beim Einzug in Bagdad a priori nicht feindselig gegenüberstand, sämtliche Sympathien durch ihr extrem ungeschicktes, oft brutales Auftreten und die Missachtung der islamischen Sitten verscherzt haben. Im Gegensatz dazu haben die Briten, die ich in Basra, dem großen Hafen am Schatt-el-Arab im äußersten Süden Mesopotamiens, aufsuchte, in den vergangenen sechs Wochen keine Verluste zu beklagen gehabt.
Ich begleitete die Soldaten des Lancashire-Regiments auf ihrer Patrouille in den dortigen Elendsvierteln und musste ihnen eine gewisse Bewunderung zollen. Sie trugen keine Helme, sondern das schwarze Barett, um nicht allzu martialisch zu wirken. Ihre Sicherungsmaßnahmen waren in Nordirland eingeübt worden. Wie die Iraker selbst zugeben, die dieser früheren Mandatsmacht ja nicht besonders freundlich gesonnen sind, verfügen eben die Briten über die Erfahrung einer alten Imperialmacht und über Eigenschaften im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung, die die Amerikaner möglicherweise nie erwerben werden.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Informationsstellen, die sich ausländischen Journalisten gegenüber total abkapseln oder lediglich unbrauchbare Informationen von sich geben, sind die Engländer extrem mitteilungsfreudig. Sie geben insbesondere zu, dass die Elektrizitätsmasten und die Ölpipelines überwiegend von kriminellen Elementen zerstört werden, so dass das Petroleum in endlosen Konvois von Tankwagen nach Norden transportiert werden muss. Der prekären Situation auch im Süden des Landes sind sich die Briten allerdings voll bewusst. »The honeymoon is over!«, lautet ihr skeptischer Kommentar.

Das schwierigste Problem steht den Amerikanern noch bevor. Bislang hat sich der Glaubenszweig der Schiiten den Amerikanern gegenüber zwar in keiner Weise kooperativ, aber passiv und abwartend verhalten. Attentate fanden bei ihnen nicht statt. >>>>>

Der Preis der Torheit
5. APRIL 2004

Die Außenpolitik der Atlantischen Allianz schlingert in diesen Wochen wie ein »trunkenes Schiff«. Ihr liegt kein großer Entwurf mehr zugrunde, seit das grandiose Projekt George W. Bushs als gescheitert angesehen werden muss: Er wollte durch die Befriedung und die »Demokratisierung« Afghanistans und des Irak die gesamte islamische Welt auf einen von Washington vorgeschriebenen Kurs bringen. Bis zum November 2004, bis zur Wahl des amerikanischen Präsidenten, werden die Vereinigten Staaten prioritär mit internen Schachzügen, Intrigen und Verleumdungskampagnen beschäftigt sein. Die mit so viel Elan vorgetragenen Pazifizierungs- ­und Militäroperationen — ob sie nun »Enduring Freedom«, »Iraqi Freedom« oder, im Hinblick auf Palästina, lediglich »Road Map« genannt wurden — müssen sich den Winkelzügen der US-Wahlstrategie unterordnen.

Das »Heilige Land« bietet wohl das tragischste Beispiel für diesen Zustand internationaler Lähmung. Wer hatte nur in Jerusalem oder Washington glauben können, die »Liquidierung« des gelähmten Scheikh Ahmed Yassin, des Gründers der islamischen Kampforganisation Hamas, durch die Rakete eines israelischen Hubschraubers könne die

dortige arabische Bevölkerung, die ohnehin am Rand der Verzweiflung lebt, einschüchtern oder gar zur Aufgabe ihrer »Inti­fada« zwingen? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, denn der Nachfolger Yassins, ein bärtiger Eiferer namens Abdulaziz Rantisi, hat in seiner ersten Ansprache nicht nur die Zionisten verflucht, sondern den US-Präsidenten als »Feind Gottes« bezeichnet. »Bush-'adu Allah'«, tönt es aus Gaza. Da die Lesen Sie bitte:
Die MAUER

palästinensischen Attentäter durch die gewaltige Schutzmauer, die rund um Israel errichtet wird, wohl zusehends behindert werden, muss man befürchten, dass sich die Vergeltungs- und Terrorakte der Extremisten in Zukunft überwiegend gegen jüdische Einrichtungen in allen Weltgegenden richten werden.

Was nun den Irak betrifft, so ist die dortige Situation total blockiert. Die Dreiteilung des Landes, die der amerikanische Prokonsul Paul Bremer vorübergehend erwog — Kurden im Norden, Sunniten im Zentrum, Schiiten im Süden — erweist sich als Prokrustesbett. Ein quasi unabhängiges Kurdistan in Nordirak würde die türkische Armee auf den Plan rufen. Und eine säuberliche Trennung zwischen Sunniten und Schiiten wird durch die Tatsache ver­baut, dass die Hauptstadt Bagdad zu fast gleichen Teilen von Angehörigen beider islamischer Glaubenszweige bevölkert ist. Schon gehen Experten davon aus, dass die Bush-Administration nur noch eine provisorische Stabilisierung an Euphrat und Tigris anstrebt und nach den amerikanischen Novemberwahlen dem breiten irakischen Volkswillen nachgeben, das heißt, die militärische Räumung ins Auge fassen wird. Die grausigen jüngsten Ereignisse in Faluja, einer Stadt in der mesopotamischen Ebene, die über keinerlei natürliche Verteidigungsmöglichkeit verfügt, verweisen darauf, dass die Position der US Army im »sunnitischen Dreieck« weiter abbröckelt.

Schließlich Afghanistan. Die »Geber-Konferenz« von Berlin, wo die Politiker der rot-grünen Koalition, Schröder und Fischer, sich wohl einbildeten, in die Fußstapfen des »ehrlichen Maklers« Otto von Bismarck treten zu können, zeichnete sich durch ein seltenes Ausmaß an Verlogenheit und törichtem Wunschdenken aus. Die zweitausend deutschen Soldaten, die ohne Plan und Sinn in den Hindukusch verschickt wurden und die die reale Situation täglich vor Augen haben, dürften über dieses Palaver besonders schockiert sein. Begreift denn niemand in Berlin und Washington, dass am Ende des Afghanistan-Abenteuers sich bereits der Zerfall Pakistans abzeichnet? Die Bomben, die neuerdings in der nördlichen Nachbarrepublik Usbekistan, dem unentbehrlichen Versorgungszugang der NATO-Brigade von Kabul, explodieren, sollten ein zusätzliches Warnsignal setzen.


Die friedliche Völkerschlacht
26. JUNI 2006

Den Deutschen wurde der Mut zum Patriotismus zurückgegeben. Vor Beginn dieser Monsterveranstaltung war das Schlimmste be­fürchtet worden: Massendemonstrationen von Neonazis, Hetzjagd auf farbige Ausländer, eventuell sogar Bomben orientalischer Terroristen. Vielleicht ist es zu früh zum Jubeln. Bei der Olympiade in München, die so glanzvoll begonnen hatte, stand am Ende der Horror des Massakers an israelischen Sportlern durch palästinensische Attentäter.

Aber in diesem Falle sollte niemand mit düsteren Warnungen hausieren gehen. Die Versammlung von einer halben Million Menschen zwischen dem Brandenburger Tor und der Siegessäule von Berlin, die auf einem riesigen Bildschirm die Spiele verfolgen, Fahnen schwenken und das Deutschlandlied singen, würden böse Erinnerungen an die Reichsparteitage von Nürnberg wecken, so hatten ein paar Schwarzmaler geunkt.'
Stattdessen fand ein Fest internationaler Brüderlichkeit statt, wie es weder die Vereinten Nationen noch der Europarat zustande brächten. Es stimmt tröstlich, dass insbesondere die Fußballmannschaften aus Schwarzafrika — aus Ghana, Togo oder Elfenbeinküste — von der Masse mit besonderer Sympathie begrüßt wurden. Plötzlich schien die Welt — für ein paar Tage wenigstens — farbenblind geworden zu sein, und die weiblichen Fans aus Südkorea — in ihrer Begeisterung nicht zu zügeln — gaben die graziösesten Randfiguren ab. Niemand störte sich daran, dass sich die französische Mannschaft überwiegend aus Sportlern afrikanischer Herkunft zusammensetzt und dass die besten Torschützen der Deutschen Polen sind, die sich mit ihren ehemaligen Landsleuten von der Gegenseite noch in ihrer Muttersprache unterhielten.

Das Entfalten zahlloser deutscher Flaggen unterscheidet sich in keiner Weise von jener Praxis, die in den USA, in England oder Frankreich längst üblich ist. Schwarz-Rot-Gold kommt für die Deutschen einem politischen Bekenntnis gleich. Es war die Fahne der Weimarer Republik, und Hitler hatte nichts Eiligeres zu tun, als dieses Demokratiesymbol durch das Hakenkreuz zu verdrängen. Was die Nationalhymne betrifft — nur die dritte Strophe wird noch gesungen — so unterscheidet sich ihr Verlangen nach »Einigkeit und Recht und Freiheit« doch sehr vom martialischen Text der Marseillaise, die »die Äcker Frankreichs mit dem unreinen Blut seiner Feinde netzen« möchte.

Der Fußball hat in Deutschland die Politik verdrängt, was auf die Mehrheit der Bevölkerung wie eine Befreiung wirkt. Egal, wie die Spiele ausgehen, das Nationalbewusstsein ist — so paradox es klingt — geläutert aus dieser friedlichen »Völkerschlacht« hervorgegangen. Ein Sieg der schwarz-rot-goldenen Mannschaft würde zwar ein enthusiastisches Delirium auslösen, aber Aggressivität wäre auch in diesem Fall mitnichten zu erwarten. Es war ein rauschendes Fest, dem sich keiner entziehen konnte, aber auch eine Veranstaltung, die zeitlich begrenzt ist. Die Deutschen könnten sich nach dieser völkerverbindenden Demonstration in der Vorstellung wiegen, dass die düsteren Kräfte, die rund um den Erdball einen mörderischen Konflikt nach dem anderen anstiften, überwunden wären, dass die Fußball-Euphorie der globalen Politik einen Schub in Richtung einer besseren Welt verliehen hätte. Die Illusion mag wieder auf­kommen, der Mensch sei von Natur aus gut.

Die Abgeordneten des Bundestages werden das anders sehen. Es drängen sich unüberwindliche Probleme der Wirtschaft und der Finanzen nach vorn. >>>>


Putin im Zangengriff
13. NOVEMBER 2006

Deutschland steht vor der Wahl, mit Russland eine vielversprechende ökonomische Partnerschaft, ja Symbiose einzugehen oder sich im Namen einer obsoleten NATO-Struktur in einen neuen Kalten Krieg hineinzerren zu lassen. Man mag die Behauptung Gerhard Schröders belächeln, er habe in Wladimir Putin einen »lupenreinen Demokraten« erkannt, aber bei seinem betonten Kooperationswillen mit Moskau hat der Ex-Kanzler eine Richtung gewiesen, von der seine Nachfolgerin nicht abweichen sollte.

In der deutschen Öffentlichkeit gehört es zum guten Ton, sich über den Regierungsstil des russischen Präsidenten zu entrüsten. Zweifellos hat sich im Kreml der traditionelle Zug zur Autokratie wieder durchgesetzt. Aber wer wünschte sich schon jene pseudo­demokratische Ara der Perestroika zurück, als das Sowjetimperium ohne äußeren Zwang auseinanderfiel, >>>>

EPILOG
Der Schwarze Mann im Weißen Haus
5. NOVEMBER 2008

Europa jubelt. Barack Hussein Obama wurde mit beachtlichem Abstand vor seinem republikanischen Rivalen John McCain zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Alle Hoffnungen richten sich jetzt auf diesen Afro-Amerikaner, bei dem man sich immer noch fragt, wie er als exotischer Außenseiter an die Spitze der Weltmacht USA gelangen konnte. Die Ursprünge und der Lebenslauf des siegreichen Gouverneurs von Illinois verweisen auf Kenia und Kansas, auf Hawaii und Indonesien, auf die Slums von Chicago und die Elite-Universität Harvard. Widersprüchlicher könnte es nicht sein.
Wer die USA der frühen fünfziger Jahre erlebt hat, als in den Südstaaten, als in Dixieland noch eine kaum verhüllte Apartheid praktiziert wurde, dem erscheint der kometenhafte Aufstieg eines Schwarzen in das Weiße Haus von Washington wie eine gesellschaftliche Revolution oder — wenn man auf darwinistische Begriffe zurückgreift — wie eine genetische Mutation.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben eine Schwelle überschritten. Jenseits davon wartet eine ungewisse Zukunft.

»My Name is Nobody«, der Titel dieses Wildwest-Filmes fiel dem Beobachter ein, wenn Barack Obama bei seinen Fernseh-Duellen mit John McCain der Argumentation seines Gegenspielers lauschte. Ein wenig erinnerte er an jenen Unbekannten, oft halbindianischer Abstammung, der in den Inszenierungen Hollywoods lässig, selbstsicher, ein wenig spöttisch an der Theke des Saloons lehnt >>>>>>