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Die
10 000 Dinge tragen das Yin und umfassen das Yang.
Durch Verschmelzen ihrer Energien erreichen sie Einklang.
Laotse,
Tao Te King (Übersetzung 1994, Feng/English)
Dieser berühmte Vers aus dem Dao De
Jing benennt wichtige Aspekte der Yin-Yang-Vorstellung in China, die wir etwas
genauer betrachten wollen. Aus dem Dao (»der Weg«) entsteht das
Eine — das Ungeteilte, symbolisiert durch den Kreis, der sich weiter
differenziert in die polaren Kräfte Yin und Yang. Das Taiji ist das Symbol
der Einheit oder auch Ausgewogenheit von Yin und Yang. Die Ausgewogenheit
der Polaritäten Yin und Yang wird beim Qigong geübt
und stellt in der TCM einen wesentlichen Aspekt von Gesundheit dar. Länger
andauernde Ungleichgewichte in diesem Verhältnis werden als Krankheitsursachen
angesehen.
Die in diesem Buch vorgestellten Übungen heißen mit vollem Namen
»Die 15 Ausdrucksformen des Taiji-Qigong«. Darin
deutet sich an, dass Taiji-Prinzipien eine Rolle spielen und die Übungen
zu einer Harmonisierung von Yin und Yang beitragen können.
Hintergründe und Prinzipien des Qigong
Nach einigen Erklärungsansätzen für die Wirkung des Qigong
aus westlicher Sicht wenden wir uns nun den Hintergründen dieser Methode
aus östlicher Sicht zu. Im ersten Abschnitt werden Geschichte, Prinzipien
und Begriffe vorgestellt, im zweiten die Grundelemente der traditionellen
chinesischen Medizin. Im Rahmen dieses Buches werden die Hintergründe
insoweit erläutert, wie es für unsere Thematik notwendig ist. Für
ausführliche Beschreibungen verweisen wir im Literaturverzeichnis auf
Bücher, die der komplexen Materie gerecht werden. In unserer Darstellung
liegt der Schwerpunkt auf der Verbindung zu Psychotherapie und Persönlichkeitsentwicklung
sowie zur praktischen Anwendung in diesen Bereichen. Deswegen stellen wir
immer wieder Bezüge her und fragen: Welche Anschauungen treten in Resonanz?
Wo gibt es Ähnlichkeiten, wo begegnen sich Betrachtungsweisen?
Geschichte des
Qigong
Übungen, die heute als »Qigong« bezeichnet
werden, wurden in China bereits vor über 3000 Jahren praktiziert und
in Texten sowie Bildern dargestellt. Der Ausdruck »Qigong«
hingegen ist erst seit ungefähr 50 Jahren der gebräuchliche Oberbegriff
für eine große Anzahl von Methoden, die das »Qi«, die
Lebenskraft, stärken und harmonisieren sollen. Ruhe- und Bewegungsübungen,
Selbstmassage, Atemtechniken, Übungen der meditativen Konzentration sowie
Imagination werden darunter subsumiert.
Früher wurden diese Methoden als Daoyin- oder Yangsheng-Übungen
(Übungen zum Leiten/Dehnen oder zur Lebenspflege) bezeichnet. Der Bezug
zur heilkundlichen Anwendung war schon früh gegeben, wie auf einem im
zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung entstandenen Seidenbild deutlich
wird. Dort sind 44 zum Teil heute noch verbreitete Übungen mit dem Hinweis
auf ihre therapeutische Wirksamkeit abgebildet. So finden sich z. B. Übungen
zum Behandeln von »Halsweh« oder auch »Betrübtheit«.
Aus derselben Zeit stammt ein »Buch über das Dehnen«, in
dem viele Anwendungsbeispiele zur Prophylaxe und Therapie bestimmter Erkrankungen
aufgeführt sind (Engelhardt, 1998).
In einem Grundlagenwerk der chinesischen Medizin, dem »Huangdi neijing
suwen«, dem »Klassiker des gelben Kaisers« (Schmidt,
1993), das vor mehr als 2000 Jahren aufgezeichnet wurde, wird die positive
Wirkung von Übungen zum »Leiten des Qi-Flusses« erwähnt.
Die Entwicklung dieser Übungen wurde im Laufe ihrer langen Geschichte
beeinflusst von den drei in China verbreiteten Weltanschauungen:
Daoismus,
Buddhismus und
Konfuzianismus.
Der Daoismus war für Entstehung und
Weiterentwicklung vieler Qigong-Übungen besonders wichtig.
Die Einheit von Natur und Mensch, die Entsprechung von Mikro- und Makrokosmos,
der stetige Wandel aller Dinge gemäß der ihnen innewohnenden Gesetzmäßigkeiten
wird im Daoismus betont. Das Dao wird als Quelle des Seins, als Urprinzip
des Universums, angesehen.
Ein grundlegendes Werk des Daoismus ist das Daodejing von Laozi, (andere
Schreibweise Tao Te King-Laotse).
»Das Grundkonzept des Buches ist das Dao, der Weg der Welt, die allem
zugrunde liegende Schöpfungs- und Ordnungskraft, die man weder nennen
noch kennen und nur intuitiv erfühlen kann. Das Dao hält die Welt
im Ursprung zusammen und bewegt sie in ihren rhythmischen Wandlungen. Es ist
das natürliche Sein, wie es in der urzeitlichen Gesellschaft harmonisch
verwirklicht war, die ursprüngliche Güte des Kosmos.« (Kohn,
2000, S. 30)
Angestrebt wird dementsprechend im Daoismus ein Leben in Einklang mit den
Gesetzen der Natur, innere Gelassenheit sowie das Verwirklichen von Wuwei,
des Nicht-Tuns, des Geschehenlassens. Damit ist keineswegs gemeint, passiv
zu sein und nicht zu handeln, sondern aufmerksam der natürlichen Entwicklung
der Geschehnisse zu folgen, ohne sie zu behindern.
Für die Lebensgestaltung insgesamt wie für die daoistisch beeinflussten
Übungen spielt das Erreichen oder besser Zulassen von Natürlichkeit
eine wichtige Rolle. Dafür steht der Begriff »Ziran«, den
man annäherungsweise mit Worten wie »Natürlichkeit«,
»das, was von selbst entsteht«, »spontan«, »ursprünglich«
übersetzen kann.
Zentrale Vorstellungen des Daoismus haben das Qigong mit
geprägt. So finden wir die Wertschätzung des »natürlich
Fließenden«, symbolisiert im Bild des Wassers, sowie Vorstellungen,
dass das Weiche das Harte und das Schwache das Starke besiegt, in Übungsmethoden
wieder.
»Es gibt nichts Weicheres als das Wasser, aber nichts ist ihm in der
Überwindung des Harten überlegen.« (Laotse)
Der Buddhismus breitete sich im 1. Jahrhundert nach Christus von Indien nach
China aus. Als Schwerpunkt betont er das Praktizieren von Achtsamkeit und
Meditation, wodurch die Ursache für das Leiden in der Welt und in sich
selbst erkannt und der Weg aus diesem Leiden gefunden werden kann. Das Befolgen
des achtfachen Pfades (»Wahre Anschauung, wahre Gesinnung, wahres Reden,
wahres Handeln, wahres Leben, wahre Absichten, wahres Denken und wahres Sich-Versenken«)
sollte das »Erwachen« ermöglichen (Bölts,
1994, S. 24).
Der Chan-Buddhismus integrierte daoistische
Elemente und Übungen in sein System, wie auch umgekehrt der Daoismus
buddhistische Meditationspraktiken übernahm. Das Leben in Einklang mit
dem Dao zu führen sowie das Entwickeln von Gelassenheit werden in beiden
Weltanschauungen als wichtges Anliegen gesehen.
Im chan-buddhistischen Kloster Shaolin, das 495 nach Christus gegründet
wurde, soll einer Legende nach vom ersten Patriarchen Bodhidharma die Kampfkunst
eingeführt worden sein. Dieses diente der körperlichen Stärkung
der Mönche, die ausgiebig das stille Sitzen praktizierten, sowie ihrer
Selbstverteidigung. Übungen zur Stärkung des Qi
unterstützten die meditative Praxis und die Kampfkunst gleichermaßen.
Im Chan-Buddhismus wie auch in dem daraus in Japan entstandenen Zen-Buddhismus
wird die Wertschätzung des Körperlichen für die spirituelle
Praxis betont: »Das Wichtigste ist, dass ihr euren physischen Körper
in Besitz nehmt. Wenn ihr zusammensinkt, verliert ihr euer Selbst. Euer Geist
wird irgendwo umherwandern; ihr werdet nicht in eurem Körper sein. Dies
ist nicht der Weg.« (Suzuki, 2002,
S. 28).
Die Lehre des Konfuzius (551 bis 479 v. Chr.)
bezog sich weniger auf die mystische Versenkung in das Dao als vielmehr auf
die Verwirklichung im gesellschaftlichen Miteinander.
Sie betonte das Maßhalten, die Tugendhaftigkeit und das Einfügen
in die staatliche und familiäre Ordnung.
Durch richtiges Verhalten konnte der Mensch in Harmonie mit dem Dao leben
und so Vollkommenheit erreichen. Die »vollkommene gesellschaftliche
Harmonie« und der »Frieden in der Welt« sollten durch »Erziehung
und Bildung« — wozu auch die Vermittlung körperlicher und
geistiger Übungsfertigkeiten gehört — entstehen sowie durch
die »Bereitschaft zu fortwährendem Lernen, der sich kein Mitglied
der Gesellschaft entzieht und der jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten
nachkommt« (Kohn, 2000, S. 30).
Unter dem Einfluss der verschiedenen Weltanschauungen
oder als Teil von religiösen Praktiken bildeten sich viele Qigong-Übungssysteme,
die sich von den Formen her ähnelten, sich jedoch in der Zielsetzung
unterschieden.
So wird z. B. eine bekannte Übungsreihe »Die acht Brokate«
im Rahmen der Kampfkunst, aber auch innerhalb der Medizin und Gesundheitsvorsorge
eingesetzt, jedoch mit unterschiedlichen Vorstellungen verbunden.
Qigong-Übungen können je nach Herkunft, Inhalt
oder Ziel geordnet werden. Eine häufig verwendete Einteilung nach der
Herkunft und den Einflüssen lautet:
Daoistisches Qigong Buddhistisches Qigong Konfuzianisches Qigong Medizinisches
Qigong Kampfkunst-Qigong volkstümliches Qigong
Die meisten Übungen haben jedoch Wurzeln in verschiedenen Traditionen
und werden in unterschiedlichen Bereichen angewendet (Engelhardt,
2007).
Qigong wird heute in China
vor allem in der Gesundheitsprävention und Therapie eingesetzt. In den
letzten 30 Jahren hat Qigong auch in der westlichen Welt
zunehmend Verbreitung gefunden. Neben dem Einsatz in der Prävention und
zur Stressbewältigung, haben sich neue interessante Anwendungsbereiche
eröffnet wie Psychotherapie, Selbsterfahrung und Selbstmanagement. |
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Begriffe und Prinzipien
Für das Verständnis der Übungsmethode Qigong
ist es notwendig, die Bedeutung der immer wiederkehrenden Begriffe zu kennen
und grundlegende Prinzipien und Ideen zu verstehen. Da die chinesische Sprache
und Schrift anders aufgebaut ist als unsere, sind Übersetzungen —
mehr noch als bei anderen Sprachen — Annäherungen. Daher ergeben
oft erst mehrere Übersetzungsmöglichkeiten zusammen eine Idee oder
ein Gefühl davon, was gemeint ist.
Qigong
Der Begriff Qigong setzt sich zusammen aus Qi und Gong und
bedeutet in etwa:
»Übungen mit dem Qi«.
Qi hat ein weites Bedeutungsspektrum und kann
z. B. mit Dampf, Atem, Einfluss, Geist, Gefühl, Wesen, Lebenskraft (Ommerborn,
2004) übersetzt werden. Die jeweilige Bedeutung erhält das
Wort Qi durch den Zusammenhang, in dem es benutzt wird. Im Zusammenhang des
Qigong wird von Lebensenergie oder Lebenskraft gesprochen,
diese Worte entsprechen am ehesten der Erfahrung beim Üben.
Nach chinesischer Vorstellung ist Qi die
Grundvoraussetzung allen Lebens, ist Urstoff und Energie zugleich. Qi stellt
die Antriebskraft für alle Lebensvorgänge dar. In einem Text aus
dem 4.-2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung heißt es: »Das
Leben des Menschen ist eine Ansammlung von Qi: Wenn es sich sammelt, bedeutet
es Leben, wenn es sich zerstreut, bedeutet es Tod.« (Zhuangzi,
nach Engelhardt, 1997, S. 10)
Qi ist also eine dynamische, alles durchdringende Kraft, die Leben bewirkt
und kennzeichnet. Die Vorstellung von Qi ist grundlegend für die chinesische
Kultur und findet in der »Philosophie, der Literatur und Kunst, der
Astronomie, Geografie und auch in den Kampfkünsten weitgehende Verwendung«.
»Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die chinesischen Denker
des Altertums das Qi als den Uranfang der materiellen Welt
betrachteten.« (Jiao, 1994, S. 9)
So gibt es den Begriff des Ur-Qi, der eng mit der Vorstellung
des Dao verbunden ist und einen Urzustand oder das Ungeteilte meint.
Im medizinischen Zusammenhang werden verschiedene
Qualitäten des Qi unterschieden. So kann Qi
im Menschen vielfältige Funktionen haben: zu bewegen, zu wärmen, zu
schützen (zum Beispiel Krankheiten abzuwehren), zu bewahren (die innere
Ordnung im Körper aufrechtzuerhalten) und zu transformieren (zum Beispiel
Nahrung verfügbar zu machen). Außerdem werden verschiedene Arten
von Qi bestimmten Organen bzw. Funktionskreisen zugeordnet.
Als Beispiel sei das Weiqi (Abwehr-Qi) genannt, das aus dem
Funktionskreis »Lunge« entsteht. Dieser Funktionskreis ist wesentlich
an der Bereitstellung und Verteilung des Qi im Körper beteiligt.
Das Qi zu erhalten, zu nähren und in harmonischen Fluss
zu bringen, kann durch Gong, durch Üben, bewerkstelligt werden.
Gong umfasst die Bedeutungen beharrliche Arbeit, Erlangen einer
Fertigkeit, Erfolg, Wirkung bis hin zu »verdienstvolle Handlung«
(Engelhardt, 1997, S. 18). Hat jemand viel »Gongfu«, meint das,
er/sie hat gute Übungsfertigkeiten, durch Üben erlangte Kraft.
Auch bei westlichen Menschen weckt der Begriff »Lebensenergie« oder
»Lebenskraft« spontan Assoziationen und Gefühle. In unserer
Kultur gibt es ebenfalls Vorstellungen von Lebenskraft, sei es als einer uns
innewohnenden lebendigen Kraft, einer Energie, Schwingung, Lebendigkeit, Atemkraft
oder Vitalität, die uns durchströmt. Im Alltag spiegelt sich das in
Ausdrücken wie: man fühlt sich »energiegeladen« —
oder moderner ausgedrückt — »voll Power«. Wenn es in
Beschreibungen des Qigong heißt, Ziel der Übungen sei, »das
Qi, die Lebensenergie, zu nähren und zu stärken«,
spricht das gerade die Bedürfnisse von den Menschen unmittelbar an, die
von Erschöpfung und Stress betroffen sind und subjektiv das Gefühl
haben, ihre Lebensenergie sei geschwächt oder blockiert. Die Erfahrung,
Lebensenergie in sich zu spüren und zu bemerken, dass diese unterschiedliche
Qualitäten hat und beeinflusst werden kann, scheint Menschen verschiedener
Kulturen vertraut zu sein.
Um selbst eine Erfahrung mit Ihrer Lebensenergie zu machen und sich dabei einen
Moment zu erholen, laden wir Sie wieder zu einer Wahrnehmungsübung ein.
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