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DEUTSCHLAND
SCHAFFT SICH AB
Wie wir unser Land aufs Spiel setzen
Sarrazin
Auszüge
INHALT
Einleitung 7
1 Staat und Gesellschaft - 23
Ein historischer Abriss
2 Ein Blick in die Zukunft - 35
Realitäten und Wunschvorstellungen
3 Zeichen des Verfalls - 51
Eine Bestandsaufnahme
4 Armut und Ungleichheit -
103
Viele gute Absichten, wenig Mut zur Wahrheit
5 Arbeit und Politik - 151
Über Leistungsbereitschaft und Arbeitsanreize
6 Bildung und Gerechtigkeit
- 187
Über den Unterschied von gut und gut gemeint
7 Zuwanderung und Integration
- 255
Mehr erwarten, weniger bieten
8 Demografie und Bevölkerungspolitik
- 331
Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist
9 Ein Traum und ein Albtraum - 391
Deutschland in 100 Jahren
Dank - 409
ANHANG
Anmerkungen - 411
Personenregister - 446
Sachregister 449
Tabelle Demografie, Produktivität und Altenlast - 455
Einleitung
Alle politische Kleingeisterei besteht in dem
Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.
FERDINAND LASSALLE
In den wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch sehr erfolgreichen Jahrzehnten
seit dem Zweiten Weltkrieg wuchs in Deutschland der Stolz auf den Fleiß
und die Tüchtigkeit seiner Bürger, auf den stetig steigenden Lebensstandard
und den immer weiter ausgebauten Sozialstaat. Die vier größeren
Wirtschaftskrisen — 1966/67, 1974/75, 1981/82 und zuletzt 2008/09 —
haben diesem Stolz und dem Vertrauen in die Solidität des eigenen Wirtschafts-
und Sozialmodells wenig anhaben können. Selbst die Auswirkungen der Globalisie¬rung,
die Verschiebung der Gewichte in der Welt, die Umweltbelastungen und die zu
befürchtenden Folgen des Klimawandels haben den Grundoptimismus der Deutschen
— auch wenn sie gerne jammern — bisher nicht nachhaltig beeinträchtigt.
Dieser Grundopti¬mismus und die Jahrzehnte des fast ungetrübten Erfolgs
haben aber die Sehschärfe der Deutschen getrübt für die Gefährdungen
und Fäulnisprozesse im Innern der Gesellschaft.
»Deutschland schafft sich ab?« — welch
eine absurde Befürchtung, mögen viele denken, wenn sie dieses solide
Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern in der Mitte Europas betrachten: die
Städte, die Industrie, die Autos, Handel und Wandel, Leben und Treiben
...
Ein Land aber ist das, was es ist, durch seine Bewohner und deren lebendige
geistige sowie kulturelle Traditionen. Ohne die Menschen wäre es lediglich
eine geografische Bezeichnung. Die Deutschen aber schaffen sich allmählich
ab. Eine Nettoreproduktionsrate von 0,7 oder weniger, wie wir sie seit 40
Jahren haben, bedeutet ja nichts anderes, als dass die Generation der Enkel
jeweils halb so groß ist wie die der Großväter.
Die Geburtenzahl sank in Deutschland von über 1,3 Millionen jährlich
in der ersten Hälfte der sechziger Jahre auf 65o 000 im Jahr 2009 ab.
Geht das so weiter — und warum sollte sich etwas ändern an diesem
Trend, der schon über vier Jahrzehnte anhält —, dann wird
nach drei Generationen, also in 90 Jahren, die Zahl der Geburten in Deutschland
bei rund 200 000 bis 25o 000 liegen. Höchstens die Hälfte davon
werden Nachfahren der 1965 in Deutschland lebenden Bevölkerung sein.
Die Deutschen hätten sich damit quasi abgeschafft. Manche mögen
dieses Schicksal als gerechte Strafe empfinden für ein Volk, in dem einst
SS-Männer gezeugt wurden — nur so lässt sich die zuweilen
durchscheinende klammheimliche Freude über die deutsche Bevölkerungsentwicklung
erklären.
Andere trösten sich damit, dass auch ein kleines Volk leben und überleben
kann, und verweisen auf Däne¬mark mit seinen rund 5 Millionen Einwohnern.
Deutschland wäre dann eben künftig ein Dänemark auf etwas größerer
Fläche. Ginge das nicht auch? Was wäre daran so schlimm? Es würde
vielleicht gehen, wären da nicht die qualitativen demografischen Verschiebungen
jenseits der schieren Nettoreproduktionsrate sowie die Armutsmigration und
der Bevölkerungsdruck über die Grenzen hinweg.
Vernünftig diskutiert haben wir über die demografische Entwicklung
in Deutschland in den letzten 45 Jahren nicht. Wer nicht mit im Strom
der Beschwichtiger und Verharmloser schwamm, wer sich gar besorgt
zeigte, der musste bald frustriert erkennen, dass er alleine stand, und nicht
selten fand er sich in die völkische Ecke gestellt. Abgesehen davon befindet
sich der gesellschaftliche Diskurs in Deutschland in einem merkwürdigen
Widerspruch: Einerseits ist die öffentliche Diskussion geprägt von
Unterhaltungslust und dem Vergnügen an Skandalisierungen, andererseits
ist sie zunehmend von den Euphemismen der politischen Begrifflichkeit beherrscht:
— Über die Folgen des Geburtenrückgangs durfte man Jahrzehnte
überhaupt nichts sagen, wenn man nicht unter völkischen Ideologieverdacht
geraten wollte.
Das hat sich inzwischen geändert,da die Generation der Achtundsechziger
Angst um ihre Rente bekommen hat. Aber jetzt ist es 40 Jahre zu spät.
Die sozialen Belastungen einer ungesteuerten Migration waren stets tabu, und
schon gar nicht durfte man darüber reden, dass Menschen unterschiedlich
sind — nämlich intellektuell mehr oder weniger begabt, fauler oder
fleißiger, mehr oder weniger moralisch gefestigt — und dass noch
so viel Bildung und Chancengleichheit daran nichts ändert.
Da dieser Gundsachverhalt geleugnet wurde, war jeder Diskussion über
die zahlreichen Fehlsteuerungen des Sozialstaats der Boden entzogen. Es war
tabu, darüber zu reden,
dass man zwar 90 Prozent der Schüler einer Jahrgangsstufe zur Hochschulreife
führen kann, aber dennoch nicht einmal 10 Prozent von diesen den Anforderungen
eines Mathematikstudiums gewachsen sind dass wir als Volk an durchschnittlicher
Intelligenz verlieren, wenn die intelligenteren Frauen weniger oder gar keine
Kinder zur Welt bringen, dass der Einzelne selbst für sein Verhalten
verantwortlich ist und nicht die Gesellschaft.
»Wer nicht lernt, bleibt unwissend. Wer zu viel isst, wird dick.«
Solche Wahrheiten auszusprechen, gilt als politisch inkorrekt, ja
als lieblos und eigentlich unmoralisch — zumindest aber ist
es unklug, wenn man in politische Ämter gewählt werden möchte.
Die Tendenz des politisch korrekten Diskurses geht dahin, die Menschen von
der Verantwortung für ihr Verhalten weitgehend zu entlasten, indem man
auf die Umstände verweist, durch die sie zu Benachteiligten oder gar
zu Versagern werden:
Kann ein Schüler dem Unterricht nicht folgen, so liegt das an der Bildungsferne
des Elternhauses.
Leiden Kinder aus einfachen Verhältnissen auffallend häufig an Übergewicht
infolge von Bewegungsmangel, so liegt das nicht an der Vernachlässigung
durch die Eltern, sondern an der sozialen Notlage der Familie.
Machen die Kinder von Alleinerziehenden in pädagogischer Hinsicht Schwierigkeiten,
so ist dafür die Gesellschaft verantwortlich, die den Alleinerziehenden
nicht genügend Unterstützung gewährt. Dabei wäre doch
zu fragen, welche gesellschaftlichen Umstände und individuellen Dispositionen
dazu führen, dass es so viele Alleinerziehende gibt, und was man dagegen
tun kann.
Sprechen türkische Migranten auch in der dritten Generation noch nicht
richtig deutsch, so wird eine Integrationsfeindlichkeit des Umfeldes ausgemacht.
Aber warum, so fragt man sich, beobachtet man diese Schwierigkeiten bei fast
allen anderen Migrantengruppen nicht?
Aus der soziologisch richtigen aber banalen Erkenntnis, dass in der Gesellschaft
alles mit allem zusammenhängt, hat sich eine Tendenz entwickelt, alles
auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu schieben und so den Einzelnen
moralisch und weitgehend tatsächlich von der Verantwortung für sich
und sein Leben zu entlasten. Wie Mehltau hat sich politische Korrektheit über
die Struktur- und Steuerungsfragen der Gesellschaft gelegt und erschwert sowohl
die Analyse als auch die Therapie.
Welch einen Sturm der Empörung löste ich als Berliner Finanzsenator
aus mit dem detaillierten Nachweis, dass man sich mit dem Betrag für
Essen und Getränke in der staatlichen Grundsicherung sehr wohl gesund
und abwechslungsreich ernähren kann. Übergewicht infolge falscher
Ernährung ist dann aber nicht auf eine objektive Lebenslage zurückzuführen,
für die der Einzelne nichts kann, sondern das Ergebnis individueller
Verhaltensweisen, für die jeder selbst die Verantwortung trägt.
Das aber wollten weder viele Betroffene noch die politisch Korrekten hören.
Dass viele der Betroffenen sich in E-Mails und Leserbriefen empört äußerten,
konnte ich verstehen, weniger, dass die sogenannten Gutmenschen über
mich herfielen, als ich in einem Interview beiläufig erwähnte, dass
das Tragen eines Pullovers helfen könne, Energiekosten zu sparen, da
man dann weniger heizen müsse.
Das Staatswesen und die Gesellschaftsordnung erreichten in der Bundesrepublik
um 196o einen Legitimationsgrad und eine Akzeptanz wie niemals in den 15o
Jahren zuvor und niemals danach. Die SPD hatte im Godesberger Programm 1959
die Konsequenzen daraus gezogen und Frieden mit dem zur »sozialen Marktwirtschaft«
gezähmten Kapitalismus gemacht. Doch die Idylle währte nur kurz:
1966/67 weckte die erste deutsche Nachkriegsrezession Zweifel, ob Wirtschaftswachstum
und Vollbeschäftigung quasi permanent zu sichern seien. Diese waren aber
bald wieder zerstreut dank der gloriosen Wachstumsraten der Jahre 1968 bis
1971.
1968 begann ein Teil der Nachkriegsgeneration gegen ein Gesellschaftsmodell
zu protestieren, wonach die wesentliche Legitimationsgrundlage der Gesellschaft
und ihre hauptsächliche Zielsetzung in der Erhöhung der Güterproduktion
zu bestehen schien.
1972 wies der erste Bericht des Club of Rome unter dem Titel »Die Grenzen
des Wachstums« auf die Endlichkeit der Ressourcen dieser Erde hin. Das
war der Auslöser für die Umweltbewe¬gung. Von diesem Bericht
führt ein direkter Weg zur heutigen Diskussion über die Klimakatastrophe.
1973 löste die erste Ölkrise die zweite große Nachkriegsrezession
in Deutschland aus. Der Vollbeschäftigungsgrad der sechziger Jahre wurde
seither nicht mehr erreicht.
1979 folgte nach dem Umsturz im Iran die zweite Ölkrise, die zur dritten
Nachkriegsrezession und zum Sturz der sozialliberalen Koalition unter Helmut
Schmidt führte.
In den achtziger Jahren gelang die Stabilisierung der Weltwirtschaft; eine
weltweit veränderte Geldpolitik brachte die Inflation nachhaltig in tolerable
Bereiche. Die deutsche Wirtschaft wuchs wieder, wenn auch wesentlich langsamer
als in den sechziger und siebziger Jahren. Die Arbeitslosigkeit sank, blieb
aber grundsätzlich höher als zuvor.
1989 bis 1991 veränderten der Zusammenbruch des Ostblocks und die Auflösung
der Sowjetunion die politische und ökonomische Weltkarte radikal. Die
Übernahme der Marktwirtschaft > > >
Staat und Gesellschaft
Ein historischer Abriss
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
JOHANN WOLFGANG GOETHE, Faust I
Es ist ein rätselhafter Mechanismus, der Wirtschaft und Gesellschaft
antreibt: Einerseits unterliegt er keinen starren Regeln, andererseits ist
er von Gesetzmäßigkeiten geprägt, die zum Teil örtlich
und historisch an bestimmte Gesellschaften gebunden sind, sich teilweise aber
auch aus stabilen Elementen der menschlichen Grundverfasstheit ergeben.
Reden wir von der Gesellschaft oder versuchen wir gesellschaftliche Verhaltensweisen
zu typisieren, so tun wir dies meist aus einem implizit gesetzten Normengefüge
heraus, über dessen normativen und historisch geprägten Charakter
wir uns nur selten wirklich Rechenschaft ablegen. Diese soziologischen, religiösen
und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stehen in ständiger Wechselwirkung
mit den langfristig wirkenden Normen und Verhaltensweisen in einer Gesellschaft.
Das vielfältige Scheitern entwicklungspolitischer Ansätze hat gezeigt,
dass man Gesellschaften und Volkswirtschaften nicht einfach »machen«
kann. Die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung nimmt in Zentralafrika
und in den islamischen Ländern des Nahen Ostens einen anderen Verlauf
als in Ostasien. Der kommunistisch beherrschte Teil Europas schlug einen anderen
Weg ein als die westlichen Marktwirtschaften. Auch unter diesen gab und gibt
es große Unterschiede, und zwar nicht nur zwischen den Ländern,
sondern auch innerhalb derselben. Norditalien funktioniert auf andere Weise
als Süditalien. In Schwaben wird es immer mehr Maschinenbau >>>
Zeichen des Verfalls
Eine Bestandsaufnahme
Etwas ist faul im Staate Dänemark.
WILLIAM SHAKESPEARE, Hamlet
Die Projektionen zur Entwicklung Deutschlands stimmen nicht froh, denn sie
zeigen unmissverständlich, dass der Trend zu immer mehr Wohlstand gebrochen
ist und die Konflikte zunehmen werden, die aus der wachsenden Zahl der Menschen
im Rentenalter einerseits und der schrumpfenden Zahl der Erwerbstätigen
andererseits erwachsen. Immerhin wird noch ein Produktivitätswachstum
von einem Prozent jährlich angenommen, und das bedeutet, dass das BIP
pro Erwerbstätigem bis 2o5o um 58 Prozent und das BIP pro Einwohner um
36 Prozent steigen könnte. Das ist allerdings weder sicher noch selbstverständlich.
Selbst wenn wir die Unwägbarkeiten des Klimawandels außer Acht
lassen, wissen wir nicht, wie sich die künftigen Terms of Trade entwickeln
und was Rohstoffe künftig kosten werden. Wir wissen auch nicht, wo die
deutsche Industrie in 30 Jahren international stehen wird. >>>
Wir werden älter und weniger an Zahl
Deutschland hält sich sehr viel zugute auf die Qualifikation und den
Fleiß seiner Arbeitskräfte, seinen Unternehmergeist, auf den technologischen
Vorsprung seiner Produkte und seine Spitzenstellung in Wissenschaft und Technik.
Es mag offen bleiben, inwieweit wir hier von vergangenem Ruhm zehren oder
Wunschdenken erliegen. Selbst wenn wir gut sind und bleiben, wird es schwieriger,
denn die anderen werden besser und vor allem zahlreicher. Diese Probleme teilen
wir mit der gesamten westlichen Welt, aber ein stark schrumpfendes, alterndes
und vergleichsweise kleines Land wie Deutschland trifft diese Entwicklung
besonders hart.
Letztlich beruhen unsere Wettbewerbsstärken vor allem auf dem Ausbildungsgrad,
den Ideen, den Fertigkeiten, dem Fleiß und der Motivation der Menschen
in unserem Land. Denn wir müssen ständig neue Produkte und Dienstleistungen
auf den Markt bringen, und diese müssen nicht nur unter Lohnkostenaspekten
wettbewerbsfähig sein, denn die Produktion von lohnkostenintensiven Produkten
haben wir schon weitgehend abgegeben.
Eine funktionierende arbeitsteilige Volkswirtschaft ist eine komplexe Maschinerie.
Sie braucht ein Angebot an einfachen Dienstleis¬tungen und qualifizierter
Handarbeit, ein solides Rechtssystem, eine geordnete Verwaltung und gute Lehrer
genauso dringend wie Mathematiker, Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker.
Aber nur Letztere bilden die Gruppe, die den eigentlichen technischen Fortschritt
vorantreibt, die für Richtung und Umfang technischer Innovationen bestimmend
ist und die Entwicklung neuer oder besserer Produkte und Verfahren vorantreibt.
Die Zahl deutscher Hochschulabsolventen in den sogenannten MINT-Fächern
(Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) ist zwischen 1993 und
2007 von 69 000 auf 76 000 gestiegen. Im OECD-Vergleich absolvierten im Jahr
2006 aber 7,8 Prozent eines Altersjahrgangs ein MINT-Studium; Deutschland
und die USA erreichten hier mit 5,8 Prozent und 5,5 Prozent nicht einmal den
Durchschnitt, während Schweden mit 10,9, Japan mit 9,5 und Großbritannien
mit 9,o Prozent deutlich darüber lagen?
Selbst wenn der prozentuale Anteil deutscher MINT-Absolventen künftig
steigen sollte, muss das infolge des demografischen Schwunds bei den kommenden
Jahrgängen keinen absoluten Zuwachs bedeuten. Aufgrund der starken Zunahme
der MINT-Absolventen in Fernost wird der Anteil Deutscher unter den MINT-Absolventen
weltweit stark fallen und damit auch der deutsche Anteil an den Innovationen.
Exzellenz im Weltmaßstab ist erst recht schwer zu erreichen. >>>
Wir werden weniger leistungsfähig
Die deutsche Volkswirtschaft und Gesellschaft machen zur Zeit nicht den Eindruck,
als könnten sie vor Kraft kaum laufen. In jeder zweiten Sonntagsrede
hören wir, dass nur Spitzenleistungen in Wissenschaft und Technik Deutschlands
Lebensstandard sichern und die Folgen der Globalisierung und des demografischen
Wandels zum Positiven wenden können. In einer aktuellen Veröffentlichung
schreibt etwa das Konsortium »Bildungsindikatoren und technologische
Leistungsfähigkeit«:
»In allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist ein Trend zur Wissenswirtschaft
zu beobachten, ein Trend, der ökonomisch ohne Alternative ist und der
zunehmenden Bedarf an hoch qualifiziertem Humankapital schafft ...
Der Trend zur Wissensgesellschaft beruht auf einem doppelten Strukturwandel:
Zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen fast ausschließlich
im Dienstleistungssektor und nur noch in Ausnahmefällen in der Industrie.
Die Qualifikationsanforderungen sind im Dienstleistungssektor typischerweise
höher.
Sowohl im produzierenden Bereich als auch innerhalb des Dienstleistungssektors
expandieren wissens- und forschungsintensive Wirtschaftszweige und Tätigkeitsbereiche
zu Lasten derjenigen, die weniger auf den Einsatz von hoch qualifiziertem
Personal angewiesen sind ...
Geringe Qualifikationen werden immer weniger nachgefragt. Deutschland hat
seinen über lange Jahre gehaltenen Humankapitalvorsprung gegenüber
anderen Ländern, der sich auch heute noch im vergleichsweise hohen Bildungsstand
älterer Bevölkerungsgruppen niederschlägt, durch Versäumnisse
in der Bildungspolitik der 198oer und 199oer Jahre sukzessive eingebüßt.«16
»Humankapital« wird in internationalen Vergleichen an den Abschlussquoten
vergleichbarer Bildungsgänge gemessen. Aussagekräftig sind diese
nur, wenn die Abschlüsse auch vergleichbar sind. Das Niveau des traditionellen
deutschen Abiturs ist zwar in den letzten Jahrzehnten gewaltig gesunken, liegt
aber dennoch wohl eher in der Nähe des amerikanischen College-Abschlusses,
weshalb es wenig sinnvoll ist, deutsche Abitur- mit amerikanischen Highschool-Quoten
zu vergleichen. Dennoch geben die internationalen Vergleichsdaten zu denken.
Im internationalen Vergleich hat Deutschland die mit Abstand niedrigste Quote
an Hochschulabsolventen und vor allem die niedrigste Quote an MINT-Absolventen.
Sicherlich stellen die Zahlen in der Tabelle 3.2 Deutschland in einem ungünstigen
Licht dar, denn das deutsche Abitur hat gewöhnlich eine höhere Qualität
als viele >>>
Funktionen auf verschiedenen Ebenen der Bonner Ministerialbürokratie
verbracht.
Erst gegen Ende meiner Amtszeit als Finanzsenator in Berlin, nachdem ich durch
finanzpolitische Erfolge ein gewisses Renommee erworben hatte, habe ich auch
außerhalb des ganz engen Finanzbereichs den einen oder anderen offeneren
Vorstoß gewagt, etwa zum Thema Hartz IV oder zu Energiesparmaßnahmen.
Trotz aller Erfahrung hat es mich sehr verblüfft, welche Resonanz es
auslöst, wenn eine Person des öffentlichen Lebens elementare Lebenszusammenhänge
knapp und klar auf den Punkt bringt. Und es hat mich erschreckt, welche Flut
von hasserfüllten Mails ich empfing, sobald ich ganz konkret —
gesunde Ernährung vom Hartz-IV-Einkommen, Pullover gegen hohe Energiekosten
— vorführte, dass Eigenverantwortung und Selbstbestimmung möglich
und vor allem notwendig sind. Aber es scheint, als würde die Gruppe derer,
die sich aus der Verantwortung für sich selbst und für ihr eigenes
Leben verabschieden möchte, immer größer. Diese Entwicklung
ist keineswegs beschränkt auf bestimmte Einkommensgruppen oder gesellschaftliche
Schichten, und sie ist keineswegs neu. In der Rückschau kann man nämlich
einen Trend ausmachen, der sich seit den Fünfziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts kontinuierlich entwickelt hat.
Die Bundesrepublik der frühen Fünfziger Jahre war ein sehr modernes
Staatswesen.
Nach den zwei verlorenen Kriegen hatten sich katastrophale Folgen gezeigt:
Die Institutionen waren zerstört, die Traditionen in Frage gestellt und
die Bevölkerung durch Flucht und Vertreibung durcheinandergewirbelt.
Doch die spezifischen deutschen Stärken — ein hoher Standard in
Wissenschaft, Bildung und Ausbildung, eine leistungsfähige Wirtschaft
und eine qualifizierte Bürokratie — waren durch die Katastrophe
des Krieges und die Zerstörung der Infrastruktur erstaunlich wenig beeinträchtigt
worden.
Die Angehörigen der Führungsschichten und der Bürokratie waren
zu 90 Prozent willige Helfer der Nazidiktatur gewesen; das wirkte sich aber
keineswegs auf ihre Effizienz beim Wiederaufbau aus.
Ganz und gar ungebrochen und durch die Katastrophe und die Chance zum Wiederaufbau
sogar noch angestachelt waren der traditionelle deutsche Fleiß und der
Hang zum Tüfteln und Verbessern.
Gerade die Flüchtlinge und Vertriebenen taten sich hier hervor. Sie waren
in derselben Situation wie die Auswanderer des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten
Staaten, nämlich fremd und mittellos, und sie konnten nur mit besonderem
Fleiß vorankommen. Und sie waren fleißig, so fleißig, dass
sie den Alteingesessenen in der jungen Bundesrepublik bald kräftig Beine
machten.
Damit das deutsche Wirtschaftswunder möglich wurde, mussten aber noch
weitere Umstände hinzukommen:
der Ost-West-Gegensatz, der aus dem besiegten Land plötzlich einen begehrten
Partner machte, den es zu fördern und zu stützen galt
- die stürmische Erholung der westlichen Welt nach 20 Jahren Krieg und
Weltwirtschaftskrise
- die schnelle Befreiung der westdeutschen Wirtschaft von zahlreichen administrativen
Fesseln in den Jahren 1948 bis 1951, Ludwig Erhards großes und bleibendes
Verdienst.
Die »soziale Marktwirtschaft« war das große Versprechen,
das letztlich das ganze Volk hinter dem Wiederaufbau vereinte: Alle sollten
einen fairen Anteil am gemeinsam Erwirtschafteten bekommen, alle sollten vor
Hunger, Kälte und drückender Armut geschützt sein, wer arbeiten
wollte, sollte auch Arbeit finden. Dieses Versprechen wurde eingelöst,
und wie!
Von 195o bis 196o wuchs die westdeutsche Wirtschaft mit einer Jahresrate von
acht Prozent.
Die Arbeitslosigkeit sank von 11,0 Prozent im Jahre 195o auf 1,3 Prozent im
Jahre 1960.
Das Realeinkommen pro Kopf der Bevölkerung stieg in zehn Jahren um fast
7o Prozent. 1955 erwirtschaftete Deutschland ein ebenso hohes Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt
wie Frankreich, bereits 1952 war das Pro-Kopf-Sozialprodukt der Siegermacht
Großbritannien übertroffen worden. >>>>
7 Zuwanderung und Integration
Mehr erwarten, weniger bieten
Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände.
JOHANN WOLFGANG GOETHE,
West-östlicher Diwan
Der Mensch ist ein territorial orientiertes Wesen. Diesbezügliche Instinkte
sind tief in ihm angelegt. Das beginnt bei der eigenen Wohnung, setzt sich
fort am Gartenzaun und reicht bis zur Staatsgrenze. Kriegerische Ereignisse
— von den Fehden um die Jagdreviere der Steinzeit über die Schlacht
im Teutoburger Wald bis hin zum Zweiten Weltkrieg — waren zunächst
und vor allem immer Kämpfe um Territorien. Denn daran hing die mögliche
Jagdausbeute, hingen die landwirtschaftlichen Erträge oder die Möglichkeiten
zur Ausbeutung von Bodenschätzen. Das Territorium war auch die Basis
für das Wachsen der Bevölkerung und die Akkumulation wirtschaftlicher
und politischer Macht.
Daneben ist der Mensch ein gruppenorientiertes Wesen. Die Zugehörigkeit
zur einen Gruppe impliziert folgerichtig die Abgrenzung zur anderen. Wer Schalke-Fan
ist, kann eben nicht gleichzeitig Bayern-Fan sein. Dabei kann sich der Mensch
auf unterschiedlichen Ebenen ganz unterschiedlichen Gruppen zugehörig
fühlen: Ob Fußballfan, Parteimitglied, Familienmitglied, Bewohner
einer Gemeinde, Angehöriger eines Berufsstandes, Mitarbeiter eines Unternehmens,
Angehöriger einer Nation, einer Volksgruppe, eines Kulturkreises oder
einer Religionsgemeinschaft: Überall wirkt der Gegensatz von »Die«
und »Wir« und schafft Bindung und Solidarität durch Abgrenzung,
ist aber stets auch der Ausgangspunkt für Streit, Aggression und Gewalt.
>>>
Das in der Gruppenzugehörigkeit liegende Bindungs- und Kooperationsverhalten
ist neben der menschlichen Intelligenz die we¬sentliche Quelle seines
Erfolgs als Gattung, es ist allerdings gleichzeitig die Quelle aller Kriege
und eines großen Teils der Gewalt, die Menschen gegen Menschen ausüben.
Die Kulturleistung der modernen Zivilisation und Staatlichkeit besteht darin,
die unaufhebbaren menschlichen Instinkte, die um Territorialprinzip und Gruppenzugehörigkeit
kreisen, mit mehr oder weniger Erfolg in staatliche und überstaatliche
Organisationen einzubinden. So gelang es dem Römischen Reich rund ein
halbes Jahrtausend lang, den Mittelmeerraum und Westeuropa durch die »Pax
Romana« zu befrieden. Auch deren Basis war allerdings die intelligente
Gewalt der überlegenen Militärorganisation der Römer. Am anderen
Ende der Welt vollbrachte das chinesische Großreich eine ähnliche
Leistung. Neuere Großreiche sind die Vereinigten Staaten oder —
als halbstaatliches Gebilde — die Europäische Union.
Die Aufhebung von Binnengrenzen in staatlichen Organisationen hatte aber
immer die Abgrenzung nach außen zur Voraussetzung, und das staatliche
Großgebilde war umso stabiler und überdauerte umso länger,
je besser die Sicherung der Außengrenzen gelang. Diese dienten nicht
nur dem Schutz vor militärischen Einfällen, sondern auch der Zuwanderungskontrolle.
Ungesteuerte Zuwanderung konnte zu jeder Zeit staatliche Gebilde gefährden
und die Stabilität einer Gesellschaft unterminieren. Das chinesische
Kaiserreich hatte deshalb seine Chinesische Mauer, die Römer hatten ihren
Limes. Beide schützten und sicherten die Reiche für Jahrhunderte.
Die USA haben es leichter mit den Weltmeeren links und rechts. Sie bauen jetzt
ergänzend für Milliarden Dollar ihren Grenzzaun zu Mexiko aus. Für
die EU ist die Frage noch offen, wie sie die Außengrenzen des Schengen-Abkommens
dauerhaft sichern will.
Zu keiner Zeit waren die Sicherung des Territoriums und die
Regulierung von Zuwanderung trivial. Die um diese Fragen entstehenden Verwicklungen
bedrohten Staaten und Gesellschaften häufig im Kern und prägten
sie tief, und immer wieder waren sie begleitet von blutigen Orgien und Gewalt.
>>>>
Stets gilt, dass jene, die arbeiten, für die bezahlen
müssen, die nicht arbeiten: 2007 kamen in Deutschland auf 1oo Menschen
mit einem überwiegenden Einkommen aus Erwerbstätigkeit 68,7 Men¬schen,
die von Renten oder Sozialtransfers lebten. Für Menschen ohne Migrationshintergrund
betrug die Relation 70,6 Prozent. Die Migranten haben also trotz ihres wesentlich
günstigeren Altersaufbaus gemessen an dieser Relation demografisch kaum
entlastend gewirkt?
Belastbare empirisch-statistische Analysen, ob die Gastarbeiter und deren
Familien für Deutschland überhaupt einen Beitrag zum Wohlstand erbracht
haben oder erbringen werden, gibt es nicht. 3 Für Italiener, Spanier
und Portugiesen wird man diese Frage wohl bejahen können, weil ihr Familiennachzug
geringer war und die meisten wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt
sind. Für Türken und Marokkaner wird man sie sicher verneinen können.
Zu groß ist das Missverhältnis zwischen der Zahl der ursprünglichen
Gastarbeiter und dem dadurch ausgelösten Nachzug großer Familienverbände.>>>>
Migranten muslimischer Herkunft
Eine Zuwanderungs- und Integrationsproblematik, die der Rede wert ist und
sich nicht mit der Zeit automatisch erledigt, gibt es heute in Deutschland
ausschließlich mit Migranten aus der Türkei, Afrika, Nah- und Mittel-Ost,
die zu mehr als 95 Prozent muslimischen Glaubens sind. Die Integrationspolitik
ist aber gegenüber diesem Sachverhalt weitgehend blind, wie der im Auftrag
der Bundesregierung erstellte Bericht »Integration in Deutschland«
belegt.4
In dem umfangreichen Indikatorenwerk wird ausschließlich auf die Gesamtheit
der Menschen mit Integrationshintergrund geblickt. Aussagen zu Bildung, Arbeitsmarkt,
Transferabhängigkeit, Kriminalität werden nicht nach Herkunftsregionen
beziehungsweise Volksgruppen differenziert. Dieser Mangel an Differenzierung
war offenbar beabsichtigt, denn eine Diskussion darüber, ob kulturelle
Unterschiede zwischen den Migrantengruppen Integrationswillen und Integrationsfähigkeit
beeinflussen, war politisch nicht gewünscht.5
Der Integrationsbericht 2009 der Bundesregierung benennt Probleme generell
nur sehr zaghaft und tendenziell verharmlosend. Besonders deutlich zeigt sich
dies bei den Aussagen zur Abhängigkeit von Migration und Sozialtransfers
sowie Kriminalität. Völlig konturlos werden diese Aussagen, weil
sie stets auf die Migrationsbevölkerung insgesamt abheben und nicht nach
Gruppen differenzieren. Es fehlen auch Aussagen zur unterschiedlichen Fruchtbarkeit
der verschiedenen Migrantengruppen und den damit verbundenen demografischen
Implikationen.
Laut Mikrozensus 2007 leben in Deutschland 15,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.6
Davon entfallen auf Bürger der EU 3,7 Millionen, auf die Herkunftsgebiete
Bosnien und Herzegowina, Türkei, Naher und Mittlerer Osten sowie Afrika
4,0 Millionen. Die Migranten aus diesen Herkunftsgebieten werden im Folgenden
muslimische Migranten genannt. Sicher gibt es unter ihnen auch einige mit
christlichem oder anderem religiösen Hintergrund. Aber diese fallen kaum
ins Gewicht und verändern den statistischen Ausweis der Integrationsproblematik
zudem durchweg in eine günstige Richtung, weil Christen und Juden aus
diesen Gebieten stets ein überdurchschnittliches Integrationsverhalten
zeigen.
4,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund können im Mikrozensus
wegen inkonsistenter oder fehlender Angaben nicht einer bestimmten regionalen
Herkunft zugerechnet werden.
Geht man davon aus, dass beim Mikrozensus die Quote der fehlerhaften oder
fehlenden Angaben über alle Menschen mit Migrationshintergrund gleichmäßig
streut, dann bedeutet dies, dass die Zahl der muslimischen Migranten tatsächlich
um 43 Prozent höher ist, also bei rund 5,7 Millionen liegt. Die sehr
hohe Kinderzahl in dieser Gruppe deutet aber darauf hin, dass unter den Migranten
mit fehlenden oder inkonsistenten Angaben Muslime überdurchschnittlich
stark vertreten werden nicht nach Herkunftsregionen beziehungsweise Volksgruppen
differenziert.
Dieser Mangel an Differenzierung war offenbar beabsichtigt, denn eine Diskussion
darüber, ob kulturelle Unterschiede zwischen den Migrantengruppen Integrationswillen
und Integrationsfähigkeit beeinflussen, war politisch nicht gewünscht.5
Der Integrationsbericht 2009 der Bundesregierung benennt Probleme generell
nur sehr zaghaft und tendenziell verharmlosend. Besonders deutlich zeigt sich
dies bei den Aussagen zur Abhängigkeit von Migration und Sozialtransfers
sowie Kriminalität. Völlig konturlos werden diese Aussagen, weil
sie stets auf die Migrationsbevölkerung insgesamt abheben und nicht nach
Gruppen differenzieren. Es fehlen auch Aussagen zur unterschiedlichen Fruchtbarkeit
der verschiedenen Migrantengruppen und den damit verbundenen demografischen
Implikationen. >>>>
Einflüsse auf die demografische Entwicklung
Quantität und Qualität
Abstammungsgeschichtlich hat sich der Mensch aus niederen Arten entwickelt,
und seine Entwicklung wird wie die anderer Säugetiere niemals abgeschlossen
sein. Menschen sind — wie andere Lebewesen auch — mit unterschiedlichen
Eigenschaften ausgestattet, die im Erbgut verankert sind. Das heißt
nicht, dass alle Eigenschaften erblich sind; einige — wie Haar- und
Augenfarbe — sind es vollständig, andere — wie Temperament,
geistige Fähigkeiten, besondere Begabungen, Erbkrankheiten — nur
zum Teil, zum andern Teil sind sie umweltbedingt.
Im Jahr 2009 wurde der 200. Geburtstag von Charles Darwin gefeiert.
Die weltweite Rezeption zeigte, dass die Darwinsche Evolutionstheorie keine
ernsthaften wissenschaftlichen Gegner mehr hat. Abgelehnt wird sie weiterhin
von fundamentalistischen Christen in den USA und in weiten Teilen der muslimischen
Welt. Muslimische Studenten in den Niederlanden lehnen die Evolutionstheorie
fast ausnahmslos ab, ebenso 75 Prozent der Türken, 86 Prozent der Pakistaner
und 92 Prozent der Ägypter».
Zwölf Jahre nach seinem bahnbrechenden Werk »Die Entstehung der
Arten« veröffentlichte Charles Darwin 1871 »Die Abstammung
des Menschen«. Er wandte in einer Fülle von Beobachtungen die Evolutionstheorie
auf die Entwicklung des Menschen an. Darwin betonte die weitgehende Ähnlichkeit
der menschlichen Rassen, wie sich an der Leichtigkeit ihrer Mischung zeige,
und die große Verschiedenheit der Individuen innerhalb der Rassen und
Stämme.I2
Er zeigte aber auch, dass unterschiedliche Lebensbedingungen durch natürliche
Selektion unterschiedliche Ausprägungen hervorbringen, etwa bei der Hautfarbe,
beim Körperbau, die unterschiedliche Anfälligkeit bei bestimmten
klimatischen Bedingungen oder Krankheiten, aber auch unterschiedliche Entwicklungen
der Sinnesorgane»
Ausführlich äußert sich Darwin zur großen Unterschiedlichkeit
der Geistesgaben und zur Erblichkeit dieser Unterschiede. Auch in diesem Punkt
unterscheidet sich der Mensch nicht von der höheren Tierwelt, insbesondere
den Primaten: >>>>>
9 Ein Traum und ein Alptraum
Deutschland in 100 Jahren
Über allen Gipfeln
Ist Ruh
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde
Ruhest du auch.
JOHANN WOLFGANG GOETHE
Wanderers Nachtlied
Die vergangenen acht Kapitel enthielten viele Zahlen und Analysen, Wertungen
gab es auch. An dieser Stelle mache ich zwei Setzungen:
1. Jeder Staat hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer in das Staatsgebiet
zuziehen darf und wer nicht. Die westlichen und europäischen Werte und
die jeweilige kulturelle Eigenart der Völker sind es wert, bewahrt zu
werden. Dänen sollen auch in 1oo Jahren als Dänen unter Dänen,
Deutsche als Deutsche unter Deutschen leben können, wenn sie dies wollen.
Die in diesen beiden Setzungen zum Ausdruck kommende Werthaltung einer bürgerlichen
Mitte wird in Deutschland seit Jahrzehnten bekämpft — teils offen,
teils verdeckt. Wer so denkt, soll in die rechte Ecke abgedrängt werden.
Eine in Deutschland verbreitete angebliche Liberalität mit häufig
unbewusster Sozialisation in der Tradition der Achtundsechziger (Anm.
Der Grünen) findet jede Art von Bevölkerungspolitik anrüchig
und jedweden Zuzug erst einmal gut. Zuzugssteuerung oder -beschränkung
hält man in diesen Kreisen eigentlich für illegitim beziehungsweise
für unmoralisch, und zudem gilt es als Ausdruck dumpfer Nationalgefühle,
den deutschen Charakter Deutschlands bewahren zu wollen.
Ich möchte aber, dass meine Nachfahren in 5o und auch in 1oo Jahren
noch in einem Deutschland leben, in dem die Verkehrssprache Deutsch ist und
die Menschen sich als Deutsche fühlen, in einem Land, das seine kulturelle
und geistige Leistungsfähigkeit bewahrt und weiterentwickelt hat, in
einem Land, das eingebettet ist in einem Europa der Vaterländer. Ich
finde das — mit Verlaub — wichtiger als die Frage, ob der Wasserspiegel
der Nordsee in den nächsten 1oo Jahren um 10 oder 20 Zentimeter steigt.
Ich bin sicher, dass auch unsere östlichen Nachbarn in Polen in 5o oder
100 Jahren noch Polen sein wollen, genau wie die Franzosen, die Dänen,
die Holländer und die Tschechen Entsprechendes für ihre Völker
und ihre Länder wollen.
Es geht um die richtige Erhaltung und Weiterentwicklung der Identität
der Völker und Staaten. Dabei sind die Übergänge fließend:
Die alemannischen Schwaben sind den Deutschschweizern in vieler Hinsicht ähnlich.
Das Elsass wird niemals seine deutschen Wurzeln verleugnen, ebenso wie man
in Nizza merkt, dass hier mal Italien waren: Baustile und Stadtgestalten zeigen
die gemeinsamen kulturellen Wurzeln des nördlichen europäischen
Tieflandes von Brügge bis Tallinn, dem alten Reval.
Die Schweiz ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich unterschiedliche
Identitäten in unmittelbarer Nachbarschaft auch über ein Jahrtausend
hin erhalten können: Im Kanton Wallis — der Osten spricht deutsch,
der Westen französisch — wanderte die Sprach¬grenze in den
letzten 1000 Jahren nur minimal hin und her: Saß der Bischof in Brig,
dann wanderte sie nach Westen, saß er in Sion, dann wanderte sie nach
Osten. Die Stadt auf halbem Wege zwischen Sion und Brig hieß mal Sierre
und mal Siders.
Migration über die Grenzen hat es immer gegeben. Meine väterlichen
Vorfahren wanderten über Lyon nach Genf und dann über Basel nach
Deutschland, wo sie schließlich Westfalen wurden. Meine mütterlichen
Vorfahren waren 1920 als pommersche Grundbesitzerfamilie im polnisch gewordenen
Korridor plötzlich sogenannte Volksdeutsche. >>>>
>>> Wenn man sich die schrecklichen Irrtümer, Dummheiten und
Versäumnisse der Politik in Europa während der letzten 1oo Jahre
anschaut, dann kann man daraus lernen: Politik ist wesentlich, und politische
Entscheidungen können die Welt zum Guten wie zum Bösen ändern.
Wir haben das Schicksal und die Lebensverhältnisse unserer Kinder, Enkel
und Urenkel in viel höherem Maße in der Hand, als wir das glauben.
Wir können es aber auch verhunzen. Politische Katastrophen und ganz neuartige
Technologien sind nicht vorhersagbar, die Folgen politischer Entscheidungen
in die eine oder andere Richtung allerdings schon..
In den beiden folgenden Szenarien habe ich meiner Fantasie freien Lauf gelassen.
Sie sind zugespitzt, sie sind Satire, aber sie sind nicht irreal. Sie beschreiben
zwei von den vielen denkbaren Entwicklungspfaden für Deutschland.
Alle Elemente, die in ihnen vorkommen, sind in der Gegenwart angelegt.
Ein Alptraum ... (Satire)
Im Deutschland des Jahres 2017 war die Politik eigentlich ganz zufrieden mit
sich selbst. Die Folgen der Weltrezession, die 2008 mit der Lehman-Pleite
begonnen hatte, waren überwunden. Das Produktionsniveau des Jahres 2008
war 2013 wieder erreicht worden, die Wirtschaft wuchs zwar nur langsam, aber
sie wuchs immerhin.
Seit Herbst 2017 führte Angela Merkel eine schwarz-grüne Bundesregierung.
Das Kapitel zu Migration und Integration in der Koalitionsvereinbarung war
besonders lang. Es wurde bekräftigt, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland
sei; der wachsende Einfluss fremder Kulturen sei für das Land eine Bereicherung.
Allen Migranten wurde das kommunale Wahlrecht mit der Aufenthaltsgenehmigung
zugesprochen. Die Koalitionsvereinbarung kündigte eine Gesetzesinitiative
an, mit der die Unterstützung von Xenophobie und Islamophobie unter Strafe
gestellt werden sollte.
Jürgen Trittin hatte im Wahlkampf für Wirbel gesorgt mit seiner
Aussage: »5o Prozent Araber sind mir lieber als fünf Prozent Rechtsradikale.«
Familiennachzug sollte erleichtert werden.
Gegen heftigen Widerstand der Union waren die Deutschkurse als Voraussetzung
für die Einreise von Familienangehörigen abgeschafft worden. In
den Koalitionsverhandlungen hatten die Grünen ein wissenschaftliches
Gutachten von Professor Gideon Botsch vom Moses Mendelssohn Zentrum an der
Universität Potsdam vorgelegt. Darin wurde wissenschaftlich belegt, dass
es Ausdruck einer latent faschistoiden Gesinnung mit rassistischen Anklängen
sei, wenn Deutsche einen Vorrang der deutschen Sprache forderten.
Migranten zum Erlernen der deutschen Sprache — über deren natürliches
Wollen hinaus — zu zwingen und davon gar die Einreise oder die Aufenthaltsgenehmigung
abhängig zu machen, künde von einem deutschen Überlegenheitswahn,
der schon einmal die Welt fast in den Untergang getrieben habe.
Diese Vergangenheit unterscheide Deutschland eben von Frankreich und Holland,
wo die sprachlichen Voraussetzungen für Migranten wesentlich verschärft
worden waren.
Die neue Ministerin für Familie und Migration — eine junge Frau
vom linken Flügel der nordrhein-westfälischen CDU — machte
deutlich, dass Familienpolitik nicht als Bevölkerungspolitik missverstanden
werden dürfe — im Gegenteil:
Unter den Aspekten der weltweiten Überbevölkerung, des Umweltschutzes
wie auch der fragwürdigen deutschen Vergangenheit leiste Deutschland
mit seinen niedrigen Geburtenraten eigentlich einen positiven Beitrag zur
Zukunft der Menschheit. >>>> Thilo
Sarrazin
Auszüge - Ende
Anmerkung
zu
Deutschland
schafft sich ab.
von Thilo Sarrazin
Politiker, unsere Top Dienstleister, haben ihre Hausaufgaben
nicht gemacht
und tönen, zum großen Teil parteiübergreifend, kumpelhaft,
einstimmig, mit gespielter
Entrüstung, gegen die Thesen von Thilo Sarrazin, anstatt nachzudenken.
Wenn ein Mensch, Thilo Sarrazin, mit seinen Denkanstößen
den Unflat, die Versäumnisse
der Gesellschaft, der Bundesrepublik Deutschland
aufzeichnet, hätten verantwortliche Politiker
diese Grundlage zur Diskussion, zur Verbesserung der Stabilität
und der Zukunftsaussichten
der Bundesrepublik Deutschland, zum Wohl seiner Bürger, nach unserer
Meinung aufnehmen müssen.
Aber
Sarrazin
sah genau hin, seine Analyse schont niemanden,
er nahm den Maulkorb ab und wird dafür verleumdet und "bestraft".
ARD meldet am 3. September 2010, abends:
Merkel und Wulff wollen Nachbesserungen bei der Integration.
Kein Danke an Herrn Sarrazin, denn nach seinem Anstoß machen sie
es jetzt kurzfristig "richtig",
nach 50 Jahren?
Wie sie sagen,
Die Gesellschaft, auch die muslimischen Gruppen können von dem
politischen Erwachen nach all den
Jahren profitieren und viele muslimische junge Mitbürger erhalten
eine bessere Chance, mit einer besseren Ausbildung der deutschen Sprache,
müssen sie keine Schule mehr abbrechen und in Folge nicht mehr
unter der hohen Straffälligkeit leiden.
Sie werden sich gern an Herrn Sarrazin erinnern, denn Merkel und Wulff
hätten ohne Herrn Sarrazin keine
neue Initiative so abrupt ergriffen und das Leiden, von eimem Teil der
jungen Muslime
wäre endlos geblieben.
Eine Gesellschaft verspielt ihre Zukunft
Welch ein böses
Erwachen für unsere Kinder, Jugend und junge Erwachsene
in den nächsten 20 Jahren.
Oder wer glaubt noch an eine sichere Rente,
in den nächsten 30 Jahren?
An bezahlbare Krankenkassenbeiträge,
an der Krisenbewältigung der EURO-Zone,
an den bleibenden Wert des EURO,
an die Abnahme des sexuellen Kindermissbrauchs,
an die Abnahme der AIDS-Infektionen,
an die Zunahme der Geburten, auf 2,2 Kinder - wie 1934.
an einen realen, keinen verbalen, Klimaschutz?
Etc, etc, etc.
In einem Land, das über
Jahrzehnte von der sozialen Entropie
gezeichnet und
in Unordnung geraten ist und nachweislich
verfällt,
das Menschen, ihre Bürger, nachweislich psychisch
und physisch schädigt,
in diesem Land klingen die Darstellungen der z.Zt. gewählten Politiker
,
mit ihren Aufschreien und gespielten Entsetzen, vielleicht, weil sie
aufgrund ihrer Vorstellungswelten traumatisiert sind, bedenklich.
Das
Juden Gen
Mit der manipulierten Darstellungen,
werden unliebsame, aufrechte Denker
und Bankvorstände beseitigt.
Die Meinung der Kultur Fibel basiert auf ihre Liebe zur Wahrheit,
für eine humanistische, lebenswerte Welt.
© - Copyright:
Buch:
Deutschland schafft sich ab
von Thilo Sarrazin
Deutsche
Verlags Anstalt - DVA
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Kultur
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