Der Jude der Juden

Kultur Fibel MagazinGesellschaftsmagazin
Jude der Juden,  Usama Abu-Gosh
 

Roman
Abraham Melzer Verlag

258 S. HC /
€ (D) 24,95
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"Der Jude der Juden"
schildert den täglichen Rassismus der israelischen Gesellschaft

Die meisten Tage der Woche waren wir zusammen und die wenigsten verbrachte ich bei meiner Familie in Lod. Nach der Arbeit saßen wir meist zuhause und hörten griechische Musik, die wir beide liebten. Mehr und mehr trennte ich mich von meinen Freunden und schloss mich Rachelis Freundeskreis an. Die meisten von ihnen kannte sie von ihrer Arbeit, und sie besuchten sie öfters.

Es waren die ersten Jahre nach dem Sechstagekrieg, die Tage des Stellungskriegs mit den Ägyptern, der auch viele Opfer forderte. Wenn wir abends mit unseren Gästen zusammensaßen, die meisten von ihnen in unserem Alter, drehte sich die Unterhaltung um Ereignisse, die uns besonders berührten. Besonders ging es da um die Frage der im Krieg eroberten Gebiete.
Ich, der ich doch syrischer Abstammung war, ein Kämpfer bei den Fallschirmspringern, hatte eine eindeutige und kompromisslose Haltung: »Man darf die besetzten Gebiete nicht zurückgeben.« Einige waren der Meinung, man müsste aber
vielleicht doch zu einem Kompromiss kommen. Ich blieb bei meiner Meinung.
Racheli, die kein politischer Mensch war, zeigte keine extreme Meinung in ihrer Haltung zu den Arabern im Allgemeinen oder zum Schicksal der besetzten Gebiete im Besonderen. Sie wollte nur, dass die unsichere Situation und das Blutvergießen aufhören sollten. Gleichwohl fürchtete sie sich vor der Möglichkeit, dass die Gebiete zurückgegeben werden könnten.
So vergingen die Tage in einer Art süßer Routine. Wenn mich von Zeit zu Zeit das schlechte Gewissen packte wegen der Art unserer Beziehung, die immer tiefer wurde, je mehr ich ihre Persönlichkeit aus der Nähe kennen lernte, so habe ich es auf andere Zeiten verdrängt. Bis zu jenem Abend.
Ich fühlte sofort, dass etwas zwischen uns anders war als sonst. Racheli, die in der Regel sehr ruhig war, sah aus, als ob ein Teufel in sie gegangen wäre. Sie drehte sich in ihrer Wohnung herum und rückte Gegenstände mit nervösen Bewegungen hin und her. Ging in die Küche und wieder heraus, auf der Suche nach irgend einer unnützen Beschäftigung, und währenddessen warf sie mir immer wieder verstohlene Blicke zu. Ich verstand, dass sie sehr erregt war, auch, dass sie sich von mir plötzlich so weit entfernt hatte, dass ich gar keinen Zugang mehr zu ihr hatte. Nach einiger Zeit fing sie an, mich offen anzustarren, als ob sie mir was sagen wollte, aber sofort tat es ihr Leid und sie fand irgend ein banales Thema zum Unterhalten.
Nach und nach starben diese künstlichen Unterhaltungen aus und in der plötzlichen Stille, die geladen war mit unnatürlicher Spannung, blickte sie mich sehr nah an und sagte mit einer bewundernswert ruhigen Stimme: »Sami, ich will dich etwas fragen, aber sei bitte nicht beleidigt. Du musst mir eine ehrliche Antwort geben.«
Ich wusste sofort, was sie mich fragen wollte. Eigentlich wusste ich das schon den ganzen Abend, und ohne auf die eigentliche Frage zu warten, antwortete ich: »Ja, es ist genauso wie du denkst.« »Dann bist du wirklich ein Araber?« Ich nickte. »Ein Moslem oder Christ?« »Moslem«, antwortete ich.
Für einen Augenblick herrschte völlige Stille. Wenn sie mir jetzt gesagt hätte, ich sollte aufstehen und gehen, hätte ich die Tür hinter mir zugeknallt und wäre nicht mehr zurückgekommen.
Aber sie sagte: »Mir macht das nichts aus«,
und wurde etwas verlegen, »aber du musst vorsichtig sein, dass kein Mensch hier herausbekommt, dass du Araber bist. Wenn das irgendjemand erfährt, bin ich erledigt.«
Racheli sah mich an und ich ertrank in ihren Augen. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich darüber freute, dass das verborgene Geheimnis aufgedeckt war, und sich sogar über das verbotene Spiel amüsierte. Dann fing sie an zu lachen: »Fallschirmspringer, eh? Ein Held! Bist du immer noch sicher, dass du keine Gebiete zurückgeben willst?« Jetzt war es mir schon gleichgültig, dass sie über meine unmögliche Vortäuschung eines jungen Juden spottete. Hauptsache, dass ich ab jetzt von dem Lügengespinst befreit war, in das ich mich verstrickt hatte. Endlich konnte ich wieder ich selbst sein, musste kein doppeltes Spiel mehr spielen.
Es war das erste Mal, dass ich die Regel verletzt hatte, die ich mir selber für meine Verhältnisse mit jüdischen Mädchen aufgestellt hatte und die ich all die Jahre so sorgfältig befolgt hatte. Ich ging mit ihnen aus, amüsierte mich, aber jedes Mal, wenn ich merkte, dass die Beziehung enger und tiefer wurde, beeilte ich mich sie abzubrechen und machte, dass ich fortkam. Ich wusste, dass regelmäßige und tiefe Beziehungen keine Zukunft hatten. Immer würde sie Jüdin sein. Immer würde ich Araber sein. Tatsachen, die dem Zusammenleben keine Chance lassen.
Ich hatte reichlich Erfahrung auf diesem Gebiet. Mit sechzehn arbeitete ich in einer Autowerkstatt im Manschiye-Viertel in Jaffa, zweihundert Meter von dem Haus entfernt, in dem ich geboren wurde, was ich allerdings damals noch nicht wusste. Mein Chef sagte, es falle ihm schwer, sich meinen Namen zu merken und er werde mich deshalb statt Usama auf hebräisch Sami nennen, einfach Sami. Sehr schnell fand ich heraus, dass der Name Sami eine Art Zauberwort war, ein Sesam-öffne-Dich, eine Eintrittskarte für die Gesellschaft, die bisher für mich verschlossen war. Der neue Name war meine Chance, aber auch mein Risiko. Nicht selten habe ich mir dabei die Finger verbrannt.
Einmal forderte mich der Platzanweiser in einem Kino auf, nach draußen zu gehen, weil ich geraucht hatte. Ein Polizist kontrollierte meinen Personalausweis, um mir einen Strafzettel zu verpassen. Meine jüdische Begleiterin war mir gefolgt, weil sie wissen wollte, was los war. Der Polizist schickte mich zurück in den Saal, doch zu ihr sagte er, sie solle noch eine Minute warten. Sie kam gar nicht erst ins Kino zurück.
Aber das war nur eine leichte Verbrennung im Vergleich zu dem, was mir passierte, als ich noch ein Jugendlicher war. Ich arbeitete als Bauarbeiter in Jerusalem, zusammen mit einem Freund. Wir übernachteten in einer kleinen Pension und fuhren an den Wochenenden nach Hause. Mein Freund machte mich darauf aufmerksam, dass ich dem Mädchen, das in der Pension unser Zimmer putzte, gefallen würde. Und tatsächlich sah ich, dass sie eine Vase mit Blumen auf meinen Tisch stellte. So fing der Kontakt zwischen uns an.
Eines Tages fragte sie, ob sie bei mir das Wochenende verbringen könnte. Ich erklärte ihr, dass das bei uns nicht üblich sei. Schließlich fand sich eine Lösung. Ein anderer Freund lieh mir sein Zimmer, und ich brachte das Mädchen mit mir zum

Usama Abu-Gosh

Wochenende. Wir vergnügten uns in Kleidern. Ich wollte mit ihr schlafen, sie war auch einverstanden, lehnte dann aber vollen Geschlechtsverkehr ab, weil sie noch Jungfrau sei. Ich war sauer.
Plötzlich, kurz vor Mitternacht, blendeten uns durch das Fenster die Lichter von mehreren starken Scheinwerfern und es wurde heftig an die Tür geklopft. Wir erschraken und verstanden nicht, was los war. Ich stand auf und öffnete die Tür und vier Polizisten stürmten herein. Sie sagten zu ihr: »Was machst du hier mit diesem Araber? Wie heißt du? Woher bist du?« Sie erklärte ihnen, dass ich ihr Freund sei und gab ihre persönlichen Daten an. Wir wurden auf die Polizeistation gebracht, dort beschimpfte mich ein Polizist:
»Bastard! Dreckiger Araber! Wie kannst du es wagen, mit jüdischen Mädchen auszugehen!« »Wenn sie mit mir ausgehen möchte - dann sollte es kein Problem sein für mich«, antwortete ich.
»Deine Freundin wusste nicht einmal, dass du ein Araber bist!«
Aber das Mädchen mischte sich ein und sagte, obwohl ich es ihr niemals absichtlich erzählt hatte: »Ich weiß, dass er Araber ist, und das geht dich nichts an! Du kannst mir nicht vorschreiben, mit wem ich gehen soll!« Sie stammte aus Marokko, der Polizist ebenfalls. Er ließ mich laufen und warnte mich: »Ich lasse dich jetzt gehen, aber ich werde dich noch hierher zurückholen!« Das Mädchen behielt er auf der Wache und brachte sie später direkt nach Hause.
Mich ließ man zwar laufen, aber zwei Tage später kamen sie und suchten mich. Das war an einem Sonntagabend. Ich kam nach Hause. Mein Vater erwartete mich und empfing mich mit den Worten: »Du hast eine Vorladung von der Polizei. Sie wollen, dass Du zur Wache kommst. Geh sofort hin, und komm bald zurück, damit ich mir keine Sorgen machen muss.«
Ich wollte erst essen, aber mein Vater bestand darauf, dass ich sofort gehen sollte. Er fragte mich, ob ich irgend etwas unerlaubtes getan hätte, und ich antwortete: »Nein.«
Ich ging zur Polizeiwache. Ich zeigte an der Anmeldung die Vorladung. Als sie mich sahen, sagten sie sofort: »Komm rein, komm rein«, als ob sie mich erwartet hätten.
Der Polizei-Feldwebel, in dessen Hände ich fiel, fing an mich zu beschimpfen:
»Du Hund, du! Bastard! Drecksack! Araber! Geht aus mit jüdischen Mädchen und fickt sie! Du wirst jetzt einige schöne Jahre nicht das Gefängnis verlassen! Und jetzt nimm die Schnürsenkel aus deinen Schuhen, und alles was du in den Taschen hast legst du hier auf den Tisch!«
Er beschuldigte mich des »Beischlafs mit einer Minderjährigen«, behauptete, das Mädchen habe darüber bereits ausgesagt, dann sperrte er mich in eine Zelle. Ich war erschrocken über die Anklage und wusste vor Scham nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Die schmutzigen Worte und der Hass, den er mich spüren ließ. Ich saß in einem dreckigen, stinkenden Raum zusammen mit zwei weiteren Menschen. Es gab keine Betten oder irgendwelche Sitzgelegenheiten. Ich saß auf dem Boden. Ich war sehr hungrig. Ich hatte kein Abendbrot gegessen. Meine Gedanken waren durcheinander. Die Nacht verbrachte ich im Gefängnis. Am nächsten Morgen brachte man uns zu essen, ein paar Oliven, Joghurt, Brot und eine Tasse Tee. Nach dem Frühstück wurde mir meine Situation bewusster und ich konnte wahrnehmen, was um mich herum geschah. Einen meiner Zellengenossen kannte ich. Er war ein Jude aus Marokko, ein Anstreicher. Er fragte mich: »Was tust du hier?«
Ich sagte, ich würde den Grund nicht genau kennen. Er erzählte mir, man halte ihn wegen Drogenhandels fest. Bald wurde er zum Gericht geführt. Ich kann mich erinnern, wie er zurückkam und sein Gesicht voller Tränen war. »Was ist passiert?«, fragte ich ihn.
»Ich habe drei Jahre Haft bekommen. Von hier bringen sie mich direkt ins Gefängnis.«
Der zweite Gefangene im Raum war sehr schüchtern. Man konnte ihm ansehen, dass er hart angefasst worden war, sein Gesicht zeigte Spuren vieler Schläge. Anfangs wollte er nicht reden. Nach einiger Zeit erzählte er mir dann doch seine Geschichte. Er war ein Araber aus Jordanien, der die Grenze illegal überquert hatte - und damit sein Leben riskiert -, um seine Eltern zu sehen, die hier leben.
Nach zwei Tagen und Nächten in dieser Zelle wurde ich zum Gericht gebracht. Ich verstand nicht, was los war und warum. Der Polizist sprach flüsternd mit dem Richter. Ich konnte kein Wort verstehen. Der Richter stempelte irgendwelche Dokumente und der Polizist brachte mich zurück in die Untersuchungshaft. An diesem Tag holten sie mich zum ersten Mal seit meiner Verhaftung zum Verhör. Sie brachten mich auf die zweite Etage. Mir gegenüber sah ich einen Polizisten, der mich als Jungen einmal verhört hatte. Damals hatte er mich beschuldigt, ich hätte auf Eisenbahnwaggons verladene Panzer gezählt. Diesmal war er höflicher und sagte: »Setz dich. Ich will von dir nur eins. Du kannst sofort gehen, wenn du diese Papiere unterschreibst.«
Vor ihm auf dem Tisch lagen einige Papiere; ich hatte keine Ahnung, was darin stand. Ich verstand nur, dass er mir eine Falle stellen wollte, dass er mich nur so höflich behandelte, um mich hereinzulegen und nicht aus Menschenliebe.
»Warum willst du, dass ich das unterschreibe?« fragte ich. »Warum habt ihr mich hierher gebracht. Ich bin doch nicht verpflichtet zu unterschreiben!«
Plötzlich änderte sich seine Stimme, als er sagte: »Das wird dir nicht helfen! Das Mädchen hat alles zugegeben und wir haben hier ihre Unterschrift unter ihrer Aussage.«
Und er las sie vor. Ich sollte sie angegriffen haben. Es gab sogar eine genaue Beschreibung, wie ich das getan hatte. Da stand, dass ich sie mit Gewalt überfallen und sogar Sperma-Reste auf dem Fußboden im Zimmer hinterlassen hätte. Ich konnte nicht verstehen, wie man mir so etwas andichten konnte, wo ich doch die ganze Zeit mit ihr im Bett war. Natürlich habe ich nicht unterschrieben.
Der Polizist versuchte mich einzuschüchtern: »Wenn du nicht unterschreibst, bekommst du mindestens drei Jahre, weil du eine Minderjährige angegriffen hast.«
Von Zeit zu Zeit wurde ich zum Verhör geholt. Immer wieder setzten sie mich unter Druck, ich solle unterschreiben, aber ich wollte nichts zugeben, was ich nicht getan hatte.

Usama Abu-Gosh
Usama Abu-Gosh ist ein
arabischer Israeli, der 1948 mit seiner Familie aus dem Geburtsort Jaffa vertrieben wurde und dennoch in einer anderen Stadt innerhalb Israels
geblieben und aufgewachsen ist.
Er lebt heute mit seiner Frau und
seinen Kindern in Lod, einer gemischt
jüdisch-arabischen Stadt in der
Nähe von Tel Aviv.

AUSZUG
>>>
In den folgenden Wochen veränderten sich meine Gewohnheiten nicht. Nach einem langen Arbeitstag ging ich manchmal aus, meist mit meinen Freunden. Ich hatte neue Bekanntschaften, neue Reize, neue Abenteuer.
Während dieser ganzen Zeit hielt ich unverbindlich Kontakt mit Racheli. Sie erzählte mir, dass sie ihre Arbeit gekündigt hätte, und jetzt nicht arbeitet. Noch kannte ich sie nicht gut genug, deshalb traute ich mich nicht, sie zu fragen, wovon sie sich ernährt. Vielleicht war es eine nicht koschere Arbeit? Als ich sie ein wenig besser kannte, stellte ich fest, dass es für eine solche Vermutung keinen Anhaltspunkt gab. Nach einiger Zeit bewarb sie sich in einem vornehmen Büro und wurde angenommen, und dort arbeitet sie bis heute und genießt all die Jahre volle Anerkennung für ihre Arbeit.
Wie gesagt, ich fühlte mich nicht verpflichtet zu einer dauerhaften Verbindung. Ich wusste nur, dass ich mich in ihrer Gegenwart wohlfühlte. Keine hastige Liebe in dunklen Treppenhäusern oder am Strand, sondern etwas ganz anderes, in einer sauberen Wohnung, solide und sympathisch.
Während dieser Zeit lud mich ein Mädchen, das ich nur oberflächlich kannte, ein, mit in eine Diskothek in Netanja zu gehen. Wir saßen an einem Tisch, drei Mädchen und drei Burschen. Wir tranken und unterhielten uns. Zwei der jungen Männer hörten nicht auf, von ihren Heldentaten zu erzählen, wie bei James Bond. Ich bemerkte auch die Pistolen, die in ihrem Hosenbund steckten. Ich fragte flüsternd das Mädchen neben mir, wer diese Angeber wären. Sie antwortete in einem Ton voller Verehrung, sie seien von der Kripo. Ich fühlte plötzlich, dass mein ganzer Körper gelähmt war und mein Mund ganz trocken. Mein erster Gedanke war, aufzustehen und so schnell wie möglich zu verschwinden. Aber das konnte ich unmöglich tun. Der Rest des Abends, die Plaudereien und das Tanzen, wurde für mich zu einer Quälerei. Auch als ich im Wagen eines dieser Burschen saß, der mich nach Tel Aviv zurückbrachte, fühlte ich noch diese Lähmung und zitterte vor Angst.
Wegen der späten Stunde ging ich in die Wohnung von Racheli. Sie öffnete die Tür und ließ mich rein, sagte mir aber, ich sollte es nicht wagen, sie noch einmal so zu überraschen. Als ich die Schwelle ihrer Tür überschritt, fühlte ich mich, als ob ich in eine andere, eine ruhige und reine Welt eingetreten wäre, und das beruhigte mich.
In den ersten Wochen unserer Bekanntschaft endeten gemeinsame Unternehmungen und Diskothekenbesuche nicht immer angenehm für mich. Einmal bekam Racheli mit, dass ich mich mit einer anderen jungen Frau in einer Diskothek verabreden wollte. Ohne ein Wort zu sagen gab sie mir eine Ohrfeige. Ich war erschrocken, aber es schmeichelte mir auch, die Kraft der Eifersucht zu erleben, die in einer solch zarten und zerbrechlichen Frau steckte.
Nach diesem Vorfall wollte sie nicht mehr in Diskotheken ausgehen, und ich wollte keine Schuldgefühle haben wegen meiner Vergnügungen ohne sie. An Abenden, an denen ich mich nicht mit ihr traf, kehrte ich nun nach der Arbeit in das Haus meiner Eltern zurück.
Eines Tages saß ich im Kaffeehaus und erfrischte mich ein wenig nach einem Arbeitstag. Bevor ich nach Hause fuhr, rief ich Racheli an und fragte, wie es ihr ginge. Ihre Stimme klang traurig. Anders als in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht fiel es ihr vielleicht am Telefon leichter, zu sagen, dass sie spürte, dass ich sie nicht wirklich lieben würde, dass mir meine Verbindung zu ihr nichts bedeuten würde außer Sex.
Ihre Worte verletzten mich tiefer als ich dachte. Ich bat sie, mir zu erlauben, sie sofort zu besuchen. An diesem Abend sprachen wir noch lange über unsere Beziehung. Meinerseits wurde damals nicht alles geklärt, aber ich sagte ihr die Wahrheit, dass mir an der Fortführung der Verbindung zu ihr sehr viel liegt.
Damals war ich mir noch nicht im Klaren über meine Gefühle zu ihr. Um bei der Wahrheit zu bleiben, hatte ich diese Gefühle so weit verdrängt wie ich nur konnte. Auf keinen Fall wollte ich eine feste Beziehung und all die Verantwortung, die damit zusammenhing. Dennoch, je mehr die Tage vergingen, ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich an sie dachte, ungeduldig darauf wartete, sie wieder zu sehen, in ihrer Gesellschaft zu sein, sie zu berühren, sie neben mir zu fühlen. Vielleicht eben weil es keine Liebe auf den ersten Blick war - keine unmittelbare emotionale Erregung -, sondern ein langsames Wachsen von Gefühlen, die nach und nach reiften und schließlich zu Liebe wurden, vielleicht haben sie deshalb mit der Zeit so tiefe Wurzeln geschlagen.
Racheli hatte schwarze Augen, rötliches Haar und eine reine Haut - eine Mischung zwischen einem orientalischen Vater und einer europäischen Mutter. Sie war nach einer gescheiterten kinderlosen Ehe jetzt wieder ledig. Dass sie volle zehn Jahre älter war als ich, störte mich nicht. In ihrer kleinen Wohnung, in einem der ruhigen Viertel von Tel Aviv, fühlte ich mich wie zuhause. Das bescheidene Wohnzimmer, in dessen Mitte ein Doppelbett stand, die kleine Küche, die Gardinen, der Teppich -alles strahlte Wärme und Ruhe aus, und Rachelis Geschmack.
Auch unser gemeinsames Leben führten wir in Bescheidenheit, ohne Stürme, nach einer Art ungeschriebner Vereinbarung zwischen uns.
Ende des Auszugs
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