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Die meisten Tage der
Woche waren wir zusammen und die wenigsten verbrachte ich bei meiner Familie
in Lod. Nach der Arbeit saßen wir meist zuhause und hörten griechische
Musik, die wir beide liebten. Mehr und mehr trennte ich mich von meinen Freunden
und schloss mich Rachelis Freundeskreis an. Die meisten von ihnen kannte sie
von ihrer Arbeit, und sie besuchten sie öfters.
Es waren die ersten Jahre
nach dem Sechstagekrieg, die Tage des Stellungskriegs mit den Ägyptern,
der auch viele Opfer forderte. Wenn wir abends mit unseren Gästen zusammensaßen,
die meisten von ihnen in unserem Alter, drehte sich die Unterhaltung um Ereignisse,
die uns besonders berührten. Besonders ging es da um die Frage der im
Krieg eroberten Gebiete.
Ich, der ich doch syrischer Abstammung war, ein Kämpfer bei den Fallschirmspringern,
hatte eine eindeutige und kompromisslose Haltung: »Man darf die besetzten
Gebiete nicht zurückgeben.« Einige waren der Meinung, man müsste
aber
vielleicht doch zu einem Kompromiss kommen. Ich blieb bei meiner Meinung.
Racheli, die kein
politischer Mensch war, zeigte keine extreme Meinung in ihrer Haltung zu den
Arabern im Allgemeinen oder zum Schicksal der besetzten Gebiete im Besonderen.
Sie wollte nur, dass die unsichere Situation und das Blutvergießen aufhören
sollten. Gleichwohl fürchtete sie sich vor der Möglichkeit, dass
die Gebiete zurückgegeben werden könnten.
So vergingen die Tage in einer Art süßer Routine. Wenn mich von
Zeit zu Zeit das schlechte Gewissen packte wegen der Art unserer Beziehung,
die immer tiefer wurde, je mehr ich ihre Persönlichkeit aus der Nähe
kennen lernte, so habe ich es auf andere Zeiten verdrängt. Bis zu jenem
Abend.
Ich fühlte sofort, dass etwas zwischen uns anders war als sonst. Racheli,
die in der Regel sehr ruhig war, sah aus, als ob ein Teufel in sie gegangen
wäre. Sie drehte sich in ihrer Wohnung herum und rückte Gegenstände
mit nervösen Bewegungen hin und her. Ging in die Küche und wieder
heraus, auf der Suche nach irgend einer unnützen Beschäftigung,
und währenddessen warf sie mir immer wieder verstohlene Blicke zu. Ich
verstand, dass sie sehr erregt war, auch, dass sie sich von mir plötzlich
so weit entfernt hatte, dass ich gar keinen Zugang mehr zu ihr hatte. Nach
einiger Zeit fing sie an, mich offen anzustarren, als ob sie mir was sagen
wollte, aber sofort tat es ihr Leid und sie fand irgend ein banales Thema
zum Unterhalten.
Nach und nach starben diese künstlichen Unterhaltungen aus und in der
plötzlichen Stille, die geladen war mit unnatürlicher Spannung,
blickte sie mich sehr nah an und sagte mit einer bewundernswert ruhigen Stimme:
»Sami, ich will dich etwas fragen, aber sei bitte nicht beleidigt. Du
musst mir eine ehrliche Antwort geben.«
Ich wusste sofort, was sie mich fragen wollte. Eigentlich wusste ich das schon
den ganzen Abend, und ohne auf die eigentliche Frage zu warten, antwortete
ich: »Ja, es ist genauso wie du denkst.« »Dann bist du wirklich
ein Araber?« Ich nickte. »Ein Moslem oder Christ?« »Moslem«,
antwortete ich.
Für einen Augenblick herrschte völlige Stille. Wenn sie mir jetzt
gesagt hätte, ich sollte aufstehen und gehen, hätte ich die Tür
hinter mir zugeknallt und wäre nicht mehr zurückgekommen.
Aber sie sagte: »Mir macht das nichts aus«,
und wurde etwas verlegen, »aber du musst vorsichtig sein, dass kein
Mensch hier herausbekommt, dass du Araber bist. Wenn das irgendjemand erfährt,
bin ich erledigt.«
Racheli sah mich an und ich ertrank in ihren Augen. Ich hatte das Gefühl,
dass sie sich darüber freute, dass das verborgene Geheimnis aufgedeckt
war, und sich sogar über das verbotene Spiel amüsierte. Dann fing
sie an zu lachen: »Fallschirmspringer, eh? Ein Held! Bist du immer noch
sicher, dass du keine Gebiete zurückgeben willst?« Jetzt war es
mir schon gleichgültig, dass sie über meine unmögliche Vortäuschung
eines jungen Juden spottete. Hauptsache, dass ich ab jetzt von dem Lügengespinst
befreit war, in das ich mich verstrickt hatte. Endlich konnte ich wieder ich
selbst sein, musste kein doppeltes Spiel mehr spielen.
Es war das erste Mal, dass ich die Regel verletzt hatte, die ich mir selber
für meine Verhältnisse mit jüdischen Mädchen aufgestellt
hatte und die ich all die Jahre so sorgfältig befolgt hatte. Ich ging
mit ihnen aus, amüsierte mich, aber jedes Mal, wenn ich merkte, dass
die Beziehung enger und tiefer wurde, beeilte ich mich sie abzubrechen und
machte, dass ich fortkam. Ich wusste, dass regelmäßige und tiefe
Beziehungen keine Zukunft hatten. Immer würde sie Jüdin sein. Immer
würde ich Araber sein. Tatsachen, die dem Zusammenleben keine Chance
lassen.
Ich hatte reichlich Erfahrung auf diesem Gebiet. Mit sechzehn arbeitete ich
in einer Autowerkstatt im Manschiye-Viertel in Jaffa, zweihundert Meter von
dem Haus entfernt, in dem ich geboren wurde, was ich allerdings damals noch
nicht wusste. Mein Chef sagte, es falle ihm schwer, sich meinen Namen zu merken
und er werde mich deshalb statt Usama auf hebräisch Sami nennen, einfach
Sami. Sehr schnell fand ich heraus, dass der Name Sami eine Art Zauberwort
war, ein Sesam-öffne-Dich, eine Eintrittskarte für die Gesellschaft,
die bisher für mich verschlossen war. Der neue Name war meine Chance,
aber auch mein Risiko. Nicht selten habe ich mir dabei die Finger verbrannt.
Einmal forderte mich der Platzanweiser in einem Kino auf, nach draußen
zu gehen, weil ich geraucht hatte. Ein Polizist kontrollierte meinen Personalausweis,
um mir einen Strafzettel zu verpassen. Meine jüdische Begleiterin war
mir gefolgt, weil sie wissen wollte, was los war. Der Polizist schickte mich
zurück in den Saal, doch zu ihr sagte er, sie solle noch eine Minute
warten. Sie kam gar nicht erst ins Kino zurück.
Aber das war nur eine leichte Verbrennung im Vergleich zu dem, was mir passierte,
als ich noch ein Jugendlicher war. Ich arbeitete als Bauarbeiter in Jerusalem,
zusammen mit einem Freund. Wir übernachteten in einer kleinen Pension
und fuhren an den Wochenenden nach Hause. Mein Freund machte mich darauf aufmerksam,
dass ich dem Mädchen, das in der Pension unser Zimmer putzte, gefallen
würde. Und tatsächlich sah ich, dass sie eine Vase mit Blumen auf
meinen Tisch stellte. So fing der Kontakt zwischen uns an.
Eines Tages fragte sie, ob sie bei mir das Wochenende verbringen könnte.
Ich erklärte ihr, dass das bei uns nicht üblich sei. Schließlich
fand sich eine Lösung. Ein anderer Freund lieh mir sein Zimmer, und ich
brachte das Mädchen mit mir zum |
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Wochenende. Wir vergnügten
uns in Kleidern. Ich wollte mit ihr schlafen, sie war auch einverstanden,
lehnte dann aber vollen Geschlechtsverkehr ab, weil sie noch Jungfrau sei.
Ich war sauer.
Plötzlich, kurz vor Mitternacht, blendeten uns durch das Fenster die
Lichter von mehreren starken Scheinwerfern und es wurde heftig an die Tür
geklopft. Wir erschraken und verstanden nicht, was los war. Ich stand auf
und öffnete die Tür und vier Polizisten stürmten herein. Sie
sagten zu ihr: »Was machst du hier mit diesem Araber? Wie heißt
du? Woher bist du?« Sie erklärte ihnen, dass ich ihr Freund sei
und gab ihre persönlichen Daten an. Wir wurden auf die Polizeistation
gebracht, dort beschimpfte mich ein Polizist:
»Bastard! Dreckiger Araber! Wie kannst du es wagen, mit jüdischen
Mädchen auszugehen!« »Wenn sie mit mir ausgehen möchte
- dann sollte es kein Problem sein für mich«, antwortete ich.
»Deine Freundin wusste nicht einmal, dass du ein Araber bist!«
Aber das Mädchen mischte sich ein und sagte, obwohl ich es ihr niemals
absichtlich erzählt hatte: »Ich weiß, dass er Araber ist,
und das geht dich nichts an! Du kannst mir nicht vorschreiben, mit wem ich
gehen soll!« Sie stammte aus Marokko, der Polizist ebenfalls. Er ließ
mich laufen und warnte mich: »Ich lasse dich jetzt gehen, aber ich werde
dich noch hierher zurückholen!« Das Mädchen behielt er auf
der Wache und brachte sie später direkt nach Hause.
Mich ließ man zwar laufen, aber zwei Tage später kamen sie und
suchten mich. Das war an einem Sonntagabend. Ich kam nach Hause. Mein Vater
erwartete mich und empfing mich mit den Worten: »Du hast eine Vorladung
von der Polizei. Sie wollen, dass Du zur Wache kommst. Geh sofort hin, und
komm bald zurück, damit ich mir keine Sorgen machen muss.«
Ich wollte erst essen, aber mein Vater bestand darauf, dass ich sofort gehen
sollte. Er fragte mich, ob ich irgend etwas unerlaubtes getan hätte,
und ich antwortete: »Nein.«
Ich ging zur Polizeiwache. Ich zeigte an der Anmeldung die Vorladung. Als
sie mich sahen, sagten sie sofort: »Komm rein, komm rein«, als
ob sie mich erwartet hätten.
Der Polizei-Feldwebel, in dessen Hände ich fiel, fing an mich zu beschimpfen:
»Du Hund, du! Bastard! Drecksack! Araber! Geht aus mit jüdischen
Mädchen und fickt sie! Du wirst jetzt einige schöne Jahre nicht
das Gefängnis verlassen! Und jetzt nimm die Schnürsenkel aus
deinen Schuhen, und alles was du in den Taschen hast legst du hier auf
den Tisch!«
Er beschuldigte mich des »Beischlafs mit einer Minderjährigen«,
behauptete, das Mädchen habe darüber bereits ausgesagt, dann sperrte
er mich in eine Zelle. Ich war erschrocken über die Anklage und wusste
vor Scham nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Die schmutzigen Worte und
der Hass, den er mich spüren ließ. Ich saß in einem dreckigen,
stinkenden Raum zusammen mit zwei weiteren Menschen. Es gab keine Betten oder
irgendwelche Sitzgelegenheiten. Ich saß auf dem Boden. Ich war sehr
hungrig. Ich hatte kein Abendbrot gegessen. Meine Gedanken waren durcheinander.
Die Nacht verbrachte ich im Gefängnis. Am nächsten Morgen brachte
man uns zu essen, ein paar Oliven, Joghurt, Brot und eine Tasse Tee. Nach
dem Frühstück wurde mir meine Situation bewusster und ich konnte
wahrnehmen, was um mich herum geschah. Einen meiner Zellengenossen kannte
ich. Er war ein Jude aus Marokko, ein Anstreicher. Er fragte mich: »Was
tust du hier?«
Ich sagte, ich würde den Grund nicht genau kennen. Er erzählte mir,
man halte ihn wegen Drogenhandels fest. Bald wurde er zum Gericht geführt.
Ich kann mich erinnern, wie er zurückkam und sein Gesicht voller Tränen
war. »Was ist passiert?«, fragte ich ihn.
»Ich habe drei Jahre Haft bekommen. Von hier bringen sie mich direkt
ins Gefängnis.«
Der zweite Gefangene im Raum war sehr schüchtern. Man konnte ihm ansehen,
dass er hart angefasst worden war, sein Gesicht zeigte Spuren vieler Schläge.
Anfangs wollte er nicht reden. Nach einiger Zeit erzählte er mir dann
doch seine Geschichte. Er war ein Araber aus Jordanien, der die Grenze illegal
überquert hatte - und damit sein Leben riskiert -, um seine Eltern zu
sehen, die hier leben.
Nach zwei Tagen und Nächten in dieser Zelle wurde ich zum Gericht gebracht.
Ich verstand nicht, was los war und warum. Der Polizist sprach flüsternd
mit dem Richter. Ich konnte kein Wort verstehen. Der Richter stempelte irgendwelche
Dokumente und der Polizist brachte mich zurück in die Untersuchungshaft.
An diesem Tag holten sie mich zum ersten Mal seit meiner Verhaftung zum Verhör.
Sie brachten mich auf die zweite Etage. Mir gegenüber sah ich einen Polizisten,
der mich als Jungen einmal verhört hatte. Damals hatte er mich beschuldigt,
ich hätte auf Eisenbahnwaggons verladene Panzer gezählt. Diesmal
war er höflicher und sagte: »Setz dich. Ich will von dir nur eins.
Du kannst sofort gehen, wenn du diese Papiere unterschreibst.«
Vor ihm auf dem Tisch lagen einige Papiere; ich hatte keine Ahnung, was darin
stand. Ich verstand nur, dass er mir eine Falle stellen wollte, dass er mich
nur so höflich behandelte, um mich hereinzulegen und nicht aus Menschenliebe.
»Warum willst du, dass ich das unterschreibe?« fragte ich. »Warum
habt ihr mich hierher gebracht. Ich bin doch nicht verpflichtet zu unterschreiben!«
Plötzlich änderte sich seine Stimme, als er sagte: »Das wird
dir nicht helfen! Das Mädchen hat alles zugegeben und wir haben hier
ihre Unterschrift unter ihrer Aussage.«
Und er las sie vor. Ich sollte sie angegriffen haben. Es gab sogar eine genaue
Beschreibung, wie ich das getan hatte. Da stand, dass ich sie mit Gewalt überfallen
und sogar Sperma-Reste auf dem Fußboden im Zimmer hinterlassen hätte.
Ich konnte nicht verstehen, wie man mir so etwas andichten konnte, wo ich
doch die ganze Zeit mit ihr im Bett war. Natürlich habe ich nicht unterschrieben.
Der Polizist versuchte mich einzuschüchtern: »Wenn du nicht unterschreibst,
bekommst du mindestens drei Jahre, weil du eine Minderjährige angegriffen
hast.«
Von Zeit zu Zeit wurde ich zum Verhör geholt. Immer wieder setzten sie
mich unter Druck, ich solle unterschreiben, aber ich wollte nichts zugeben,
was ich nicht getan hatte. |
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In den folgenden Wochen veränderten sich meine Gewohnheiten nicht. Nach
einem langen Arbeitstag ging ich manchmal aus, meist mit meinen Freunden. Ich
hatte neue Bekanntschaften, neue Reize, neue Abenteuer.
Während dieser ganzen Zeit hielt ich unverbindlich Kontakt mit Racheli.
Sie erzählte mir, dass sie ihre Arbeit gekündigt hätte, und jetzt
nicht arbeitet. Noch kannte ich sie nicht gut genug, deshalb traute ich mich
nicht, sie zu fragen, wovon sie sich ernährt. Vielleicht war es eine nicht
koschere Arbeit? Als ich sie ein wenig besser kannte, stellte ich fest, dass
es für eine solche Vermutung keinen Anhaltspunkt gab. Nach einiger Zeit
bewarb sie sich in einem vornehmen Büro und wurde angenommen, und dort
arbeitet sie bis heute und genießt all die Jahre volle Anerkennung für
ihre Arbeit.
Wie gesagt, ich fühlte mich nicht verpflichtet zu einer dauerhaften Verbindung.
Ich wusste nur, dass ich mich in ihrer Gegenwart wohlfühlte. Keine hastige
Liebe in dunklen Treppenhäusern oder am Strand, sondern etwas ganz anderes,
in einer sauberen Wohnung, solide und sympathisch.
Während dieser Zeit lud mich ein Mädchen, das ich nur oberflächlich
kannte, ein, mit in eine Diskothek in Netanja zu gehen. Wir saßen an einem
Tisch, drei Mädchen und drei Burschen. Wir tranken und unterhielten uns.
Zwei der jungen Männer hörten nicht auf, von ihren Heldentaten zu
erzählen, wie bei James Bond. Ich bemerkte auch die Pistolen, die in ihrem
Hosenbund steckten. Ich fragte flüsternd das Mädchen neben mir, wer
diese Angeber wären. Sie antwortete in einem Ton voller Verehrung, sie
seien von der Kripo. Ich fühlte plötzlich, dass mein ganzer Körper
gelähmt war und mein Mund ganz trocken. Mein erster Gedanke war, aufzustehen
und so schnell wie möglich zu verschwinden. Aber das konnte ich unmöglich
tun. Der Rest des Abends, die Plaudereien und das Tanzen, wurde für mich
zu einer Quälerei. Auch als ich im Wagen eines dieser Burschen saß,
der mich nach Tel Aviv zurückbrachte, fühlte ich noch diese Lähmung
und zitterte vor Angst.
Wegen der späten Stunde ging ich in die Wohnung von Racheli. Sie öffnete
die Tür und ließ mich rein, sagte mir aber, ich sollte es nicht wagen,
sie noch einmal so zu überraschen. Als ich die Schwelle ihrer Tür
überschritt, fühlte ich mich, als ob ich in eine andere, eine ruhige
und reine Welt eingetreten wäre, und das beruhigte mich.
In den ersten Wochen unserer Bekanntschaft endeten gemeinsame Unternehmungen
und Diskothekenbesuche nicht immer angenehm für mich. Einmal bekam Racheli
mit, dass ich mich mit einer anderen jungen Frau in einer Diskothek verabreden
wollte. Ohne ein Wort zu sagen gab sie mir eine Ohrfeige. Ich war erschrocken,
aber es schmeichelte mir auch, die Kraft der Eifersucht zu erleben, die in einer
solch zarten und zerbrechlichen Frau steckte.
Nach diesem Vorfall wollte sie nicht mehr in Diskotheken ausgehen, und ich wollte
keine Schuldgefühle haben wegen meiner Vergnügungen ohne sie. An Abenden,
an denen ich mich nicht mit ihr traf, kehrte ich nun nach der Arbeit in das
Haus meiner Eltern zurück.
Eines Tages saß ich im Kaffeehaus und erfrischte mich ein wenig nach einem
Arbeitstag. Bevor ich nach Hause fuhr, rief ich Racheli an und fragte, wie es
ihr ginge. Ihre Stimme klang traurig. Anders als in einem Gespräch von
Angesicht zu Angesicht fiel es ihr vielleicht am Telefon leichter, zu sagen,
dass sie spürte, dass ich sie nicht wirklich lieben würde, dass mir
meine Verbindung zu ihr nichts bedeuten würde außer Sex.
Ihre Worte verletzten mich tiefer als ich dachte. Ich bat sie, mir zu erlauben,
sie sofort zu besuchen. An diesem Abend sprachen wir noch lange über unsere
Beziehung. Meinerseits wurde damals nicht alles geklärt, aber ich sagte
ihr die Wahrheit, dass mir an der Fortführung der Verbindung zu ihr sehr
viel liegt.
Damals war ich mir noch nicht im Klaren über meine Gefühle zu ihr.
Um bei der Wahrheit zu bleiben, hatte ich diese Gefühle so weit verdrängt
wie ich nur konnte. Auf keinen Fall wollte ich eine feste Beziehung und all
die Verantwortung, die damit zusammenhing. Dennoch, je mehr die Tage vergingen,
ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich an sie dachte, ungeduldig darauf
wartete, sie wieder zu sehen, in ihrer Gesellschaft zu sein, sie zu berühren,
sie neben mir zu fühlen. Vielleicht eben weil es keine Liebe auf den ersten
Blick war - keine unmittelbare emotionale Erregung -, sondern ein langsames
Wachsen von Gefühlen, die nach und nach reiften und schließlich zu
Liebe wurden, vielleicht haben sie deshalb mit der Zeit so tiefe Wurzeln geschlagen.
Racheli hatte schwarze Augen, rötliches Haar und eine reine Haut - eine
Mischung zwischen einem orientalischen Vater und einer europäischen Mutter.
Sie war nach einer gescheiterten kinderlosen Ehe jetzt wieder ledig. Dass sie
volle zehn Jahre älter war als ich, störte mich nicht. In ihrer kleinen
Wohnung, in einem der ruhigen Viertel von Tel Aviv, fühlte ich mich wie
zuhause. Das bescheidene Wohnzimmer, in dessen Mitte ein Doppelbett stand, die
kleine Küche, die Gardinen, der Teppich -alles strahlte Wärme und
Ruhe aus, und Rachelis Geschmack.
Auch unser gemeinsames Leben führten wir in Bescheidenheit, ohne Stürme,
nach einer Art ungeschriebner Vereinbarung zwischen uns. |
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