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wo sie sich gerade befanden,
mehr Hormone enthalten waren, als im nördlichen und im Grundwasser des
Meeres war der Gehalt zwanzigmal so groß wie in der obersten Wasserschicht.
Daraus schloss man, dass die Quelle des Hormons der Grund des Meeres war.
Man untersuchte den Schlamm und fand, dass wirklich große Mengen Hormone
darin enthalten waren. Ferner stellte man fest, dass das Hormon durch die
Poren der Haut eindrang und man durch das Einreiben der Haut mit dem Hormon
dieselbe Wirkung erzielte wie durch subkutane Injektion. Langjährige
Versuche bestätigten die Annahme, dass die Behandlung durch die Haut
vom medizinischen Standpunkt aus wertvoll ist. Zur Unterstützung einer
Hormon-behandlung war es gut, im Toten Meer zu baden und sich mit dem Schlamm
des Meeresbodens einzureiben.
Der Gehalt an Sexualhormonen stand nicht hinter dem weltberühmter Moorbädern
wie Franzensbad und Piermont zurück.
„Autsch, das tut weh!", klagte Mussy und stützte sich auf
seine Schulter, während er erklärte und damit beschäftigt war,
ihren Körper mit Schlamm einzureiben. Für einen Augenblick erschrak
er und ließ sie los. „Nein, nein!" Sie klammerte sich an
ihn und lehnte sich jedes Mal an einen anderen seiner Körperteile: Schulter,
Hals, Ellenbogen, Rücken. Sie hielt sich krampfhaft an ihm fest, wenn
er sich bückte, um eine neue Handvoll Schlamm aufzunehmen und ihren Körper
von allen Seiten zu bemalen. „Ah, ah ...", stöhnte sie noch
einmal.
„Habe ich Ihnen wehgetan?"
„Ich bitte Sie sehr, machen Sie weiter. Hier", zeigte sie ihm mit
der Hand. „Hier haben Sie gar nichts aufgetragen, bitte. Auch da, wenn
es Ihnen keine Mühe macht, noch einmal." Und plötzlich war
der Himmel klar und blau, die Hitze drückte nicht, das Salz brannte nicht,
das Licht blendete nicht - als ob sich der Himmel aufgetan hätte und
überirdischer Gesang von Tausenden von Vögeln darin zwitscherte
und schwang.
Ein greller Schrei der Rosenbergin unterbrach die dämmrige Stille, die
über dem friedlichen Meer ruhte. Sie saß bis zum Hals im Wasser
und schlug mit aller Kraft auf die Meeresoberfläche, wodurch sie Fontänen
von Salzschaum in die Luft peitschte und einen Sprühregen erzeugte wie
ein Springbrunnen. Ihre Ellenbogen bewegten sich zu beiden Seiten ihres steifen
Körpers wie das Triebrad eines altmodischen Dampfschiffes. „Meine
Augen!", schrie sie. „Ich sterbe! Ich werde blind! Oh, meine Augen!
Meine einzigen Augen!" Auch der Armeehut, den sie aufhatte, war nass
geworden und die Khakifarbe zu einem schwarzen, fettigen Fleck. Löwental
ließ Mussy los und watschelte barfuß im Wasser, hüpfte von
Stein zu Stein, und bevor er auf einem ins Rutschen kam, war er schon im Sprung
auf dem nächsten. Mit jedem Schritt in dem schweren Wasser spritzte er
Tropfen in die Luft. Schnell eilte er zur Küste, ergriff die Wasserflasche
und kehrte damit zu der strampelnden Rosenbergin zurück, deren Schreie
vom dumpfen Echo des Meeres und von dem Felsen des dunklen Berges beantwortet
wurden. Er krempelte den Rand ihres Hutes nach oben und wusch vorsichtig und
besorgt ihre Augen mit dem lauwarmen Wasser aus. Mit dem Rest des Wassers
spülte sie ihre Fingerspitzen ab, führte sie vorsichtig ans Gesicht
und stöhnte ausgiebig, bis sie sich endlich von dem quälenden Jucken
befreit hatte. Sie bedankte sich bei ihm. Eine Weile saßen sie so im
Wasser, da stand Löwental auf und zog die Frauen hinter sich her, tiefer
ins Wasser. Als sie bis zur Brust im Wasser waren, legte er sich vorsichtig
flach auf den Rücken und schwamm. Er rief ihnen zu, es ihm gleich zu
tun, aber aufzupassen, dass sie nicht untertauchten. Das Schwimmen war überhaupt
kein Vergnügen. Wegen des hohen spezifischen Gewichts des Meerwassers
tauchte man nicht tief genug ein. Die Fußsohlen weigerten sich, in dem
schweren Wasser zu bleiben. Man musste sie mit Kraftanstrengung nach unten
drücken, um mit ihnen rudern zu können. Das war ein schweres Stück
Arbeit. Es war kein Schwimmen, sondern hässliches Watscheln, ähnlich
dem einer Ente. Jeden Augenblick sprangen die bloßen Sohlen nach oben,
gewichtslos, die Hacken schwebten in der Luft, und der Schwimmer selbst kam
auch nicht ein Schrittchen vorwärts. Löwental lag auf dem Rücken
und ruhte bewegungslos auf dem Wasser. Die Hauptschwierigkeit war, den Kopf
zu halten. Die übrigen Körperteile trieben unter absoluter Entspannung
aller Muskeln ruhig auf dem Wasser, außer dem Genick, das manchmal bis
zur Schmerzgrenze angespannt war. Man konnte zwar den Kopf in einer Linie
mit dem Körper halten, aber das bedingte das Nasswerden der Haare und
eine Gefahr für die Augen. Löwental verschränkte die Finger
unter dem Genick und stützte den Kopf mit den Händen, so schwamm
er erhobenen Hauptes auf dem Wasser, unbeweglich wie ein Stein.
Nach einigen Misserfolgen, die fast wieder zu einer Panik geführt hätten,
gelangten auch die Damen in dieselbe Ruhelage, und so trieben sie langsam
dahin: drei unbewegliche Figuren mit bunten Hüten. Langsam zog die Strömung
sie fort, sie merkten es nur an der langsam wachsenden Entfernung vom Fuß
des Berges. Die Sonne versank hinter dem Westkamm des nahen Sodomberges. Schatten
breitete sich aus, näherte sich ihnen und bedeckte sie bald. Vollkommene
Ruhe herrschte über dem Meer. Die Hitze ließ nicht nach, war aber
im Wasser weniger intensiv als unter dem Vordach der Herberge.
„Menschen, die Gott mit seinem inneren Auge betrachtet", murmelte
die Rosenbergin, „Doktor Krüger. Das Nirwana. Er weiß, was
ich meine!" „Ich werde meinem Mann erzählen, dass ich am untersten
Punkt der Welt gelegen habe, ganz allein!", kicherte Mussy und verstummte
plötzlich, als erschrecke sie ihre eigene Stimme, „Ja, am Boden
der Welt", überlegte Löwental langsam, mit lauter Stimme, das
Gesicht nach oben gerichtet. Sie sahen einander nicht an.
„Diese Ruhe ringsherum. Man kann die Ruhe richtig sehen. Vor lauter
Ruhe sind meine Ohren ganz leer. Manchmal schwimme ich und liege hier lange
Zeit ganz allein und denke ..." „Und was dann?", fragte Mussy
gespannt.
Einen Augenblick schien die Welt stillzustehen.
KAPITEL 14
(Auszug)
Die Templer wanderten nach Palästina ein. Als Karl die Familie Kaltenbach
aus Haifa in Australien besuchte, erfuhr er etwas über die Anfänge
der Templer. Schon vor seiner Reise stand er mit ihnen in Briefwechsel, um
durch sie von Johannes Schmidts Schicksal zu erfahren. Während des Zweiten
Weltkrieges hatten die Engländer einen Teil der Farmer aus den deutschen
Kolonien nach Australien verbannt. Daniel hatte nie etwas von den Templern
gehört. So erzählte ihm Karl, bevor er ihm den letzten Brief zu
lesen gab: „In den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts spaltete
sich in Württemberg die protestantische Kirche, weil der Prediger Christoph
Hoffmann erklärt hatte, Christus sei der Messias und er werde wiederkehren.
Seine Anhänger traten aus der Protestantischen Kirche aus und gingen
nach Palästina, um auf das Wiedererscheinen des Messias zu warten. Sie
leugneten die Göttlichkeit Jesu, die Dreieinigkeit und das Sühneopfer
durch den Tod. Ihrer Meinung nach vernachlässigte die protestantische
Kirche die Grundprinzipien des Christentums. Der Theologe Christoph Hoffmann
(er starb im Jahr 1885) stand an ihrer Spitze, arbeitete als Missionar und
Lehrer und war Abgeordneter für die religiösen Kreise der Nationalversammlung
in der Frankfurter Paulskirche.
Im Jahr 1856 versammelten
sich bei Marbach im Land Württemberg vierundsechzig Leute unter Führung
von Christoph Hoffmann und gründeten die Deutsche Tempelgesellschaft.
Ihre Mitglieder strebten ein einfaches Leben im Heiligen Land an. Ein Leben,
das die Grundlagen des reinen Christentums verwirklichen sollte. Der Enkel
oder Urenkel dieses Hoffmanns und seine Familie leben bis zum heutigen Tag
in Australien. Sie nannten sich selbst Templer` nach den Gotteshäusern,
die sie errichteten, um den Gegensatz zwischen ihrer und der herrschenden
Kirche zu betonen. Ihr Haus war der Tempel, nicht die Kirche. Sie gaben den
üblichen Gottesdienst auf und schufen sich ihre eigenen Gebete, die sie
in ein besonderes Gebetbuch druckten. Das Einzige, das sie mit der Christenheit
verband, war ihr Glaube an Jesus den Heiland. Sie schafften das Kreuz und
die Geistlichkeit ab. In den ersten Jahren sah man kein Kreuz und keinen Pfarrer
in ihren Gotteshäusern und auf ihren Friedhöfen. Die protestantische
Kirche verfolgte sie aufs Grausamste. Man nannte sie Heiden und machte ihnen
das Leben in ihrer Heimat zur Hölle. Daher fand der Ruf ihres Führers
Christoph Hoffmans, nach Palästina auszuwandern, um dort in Frieden nach
den Gesetzen ihres Glaubens zu leben und auf den Messias zu warten, begeisterte
Aufnahme. So konnten sie ruhig nach ihrem Ritus leben und waren vor Verfolgungen
geschützt.
Ihre Nachbarn versuchten sie von ihrem Vorhaben abzubringen und sie in den
Schoß der Kirche zurückzuführen. Sie würden in ein Land
gehen, das seine Einwohner verschlinge. Dort gebe es die gefährliche
Wüste, das Wasser aus den Sümpfen sei vergiftet, Ärzte gebe
es nicht. Die Wege seien schlecht und würden von arabischen Räubern
beherrscht. Die Eingeborenen stürben am Fieber, überall seien Typhus-
und Pockenkranke. Die Augen würden vom Staub und der blendenden Hitze
angegriffen und schließlich erblinden. Dort bekämen sie keine breiten
Flüsse zu sehen, keine dichten, Schatten spendenden Wälder, keine
grünen Auen. Das Land sei gelb. Am Rand der Wüste. Not, Hunger und
Krankheiten herrschten dort anstelle von Recht und Gesetz.
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Die Templer antworteten,
dass ihr Auszug sinnlos sei, wenn das Land nicht öde und wüst sei.
Sie erwarteten nicht, Reichtümer zu sammeln. Aber es sei ihnen beschert,
auf den Pfaden Galiläas zu wandeln, die einst Jesu, des Messias Füße,
betreten hätten. Sie würden der Stimme Gottes in ihrem Herzen folgen.
Er rufe sie. In seine Hände legten sie ihr Geschick. Sie seien gewiss,
er werde sie in Frieden leben lassen, in Einigkeit und Einfachheit. Er werde
ihnen helfen, die Ebene Saron zu bebauen. Dort würden ihre Dörfer
und ihre Gotteshäuser entstehen, ihre Äcker, ihre Felder würden
grün sein. Sie würden Wege bauen. Pocken, Fieber und sonstige Krankheiten
würden sie ausrotten.
"Gottes Erdboden soll nicht mehr ungepflügt bleiben",
sagte einer zum anderen, "denn es liegt in unserer Macht, ihn in ein
Paradies zu verwandeln."
Eines Tages, im Jahr 1866, war ein langer Zug ihrer Wagen durch die Wälder
und Seen Württembergs unterwegs. Es waren die Templer, die die Anwesen,
Häuser und Möbelstücke ihrer Väter verkauft hatten und
auf die weite Reise gingen. Als sie auszogen, kamen ihre Nachbarn und blickten
ihnen nach. Manche in Wehmut, manche mit geballten Fäusten, drohend und
fluchend. Manche hielten sie für einfältige und naive Leute, die
Christoph Hoffmann mit seiner Irrlehre verführt habe. Sie versuchten
eindringlich, sie von ihren Reiseplänen abzubringen. Andere hielten sie
für Sünder, die alle Fesseln gesprengt hatten und ein zügelloses
und gottloses Leben führten. Aber alle waren sich einig in der Gewissheit,
dass keiner der Ausziehenden je wieder die Felder seiner Ahnen sehen würde
und dass keinem von ihnen beschieden wäre, in dem Land, in das er gehen
wollte, alt zu werden.
Viele Tage lang trieben die Templer auf dem Meer. Einige Kinder erkrankten,
und schweigend trugen die Frauen ihr Leid. Plötzlich tat sich vor ihren
Augen der Grat des Kamelgebirges auf. Die Sonne spielte in den goldenen Mauern
von Akko und in den Minaretts der Moscheen. Einer von ihnen, ein einfacher
Mann, ein Tischler, fiel an Deck auf die Knie, als er das Land von Ferne sah.
Dieser Mann, der während der ganzen Fahrt kaum den Mund aufgetan hatte,
sang das Dankgebet:
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele;
er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Je näher sie dem Berg Karmel kamen, desto größer
wurde ihre Erregung. Schon konnte man das einsame Gebäude erkennen, das
auf der Höhe des Karmels stand. Die ungeschlachten Bauern in ihren Lederjacken
liefen auf dem Deck umher, die Hände in den Hosentaschen, linkisch und
unsicher, was sie in dieser feierlichen Stunde tun sollten. Und siehe da,
einer nach dem anderen schlossen sie sich dem Tischler an, der auf dem Boden
kniete. Die Raucher steckten ihre Tonpfeifen in die Schaftstiefel. Einer nach
dem anderen kniete auf dem Deck nieder, den Blick nach Osten gerichtet, und
Tränen traten ihnen in die Augen: Männern, Frauen und Kindern. Eine
Frau bekam ihre Wehen an Bord des Schiffes. Sie gebar eine Tochter, und am
Tag der Taufe gab sie ihr den Namen Karmel. Einzelne Palmen wurden an der
Küste sichtbar. Eine Kamelkarawane zog langsam auf dem gelblichen Boden
der Küstenebene vorbei, mit traumhaften Bewegungen, wie die Wellen des
blauen Meeres. Die ganze Gemeinde fiel in den Gesang des Tischlers ein:
Und ob ich schon wandere im finsteren Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Ihre Augen waren auf das heilige Nazareth, die Stadt Jesu,
gerichtet. In ihrer Nähe wollten sie ihr erstes Dorf aufbauen. Sie bildeten
sich ein, Nazareth in seiner ganzen Pracht auf der Höhe der galiläischen
Berge liegen zu sehen, deren matte Konturen fern im Osten vor ihren Augen
sichtbar wurden.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde,
du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Sie waren fleißig und brachten Pflüge, Saatgut,
Zuchtvieh, Werkzeuge und Schmiedegeräte für jedes Handwerk und für
den Hausbau mit. Sie verweilten ein paar Tage in Haifa. Dann mieteten sie
arabische Begleiter mit Eseln und Kamelen, und eines Morgens machten sie sich
mit all ihren Habseligkeiten auf den Weg nach Osten. Langsam bewegten sie
sich in den Bergen Galiläas auf ihren neuen Ansiedlungsort zu, der an
den Ausläufern der Berge Nazareths liegen sollte. Am Rand der Berge Nazareths
erwarben sie von den Arabern verlassene Grundstücke am Fuß des
arabischen Dorfes Medjedel. Sie ließen sich in dem zerstörten arabischen
Dorf Hanneipas nieder. Dort bauten sie einige Baracken. Nur zu schnell wurden
die traurigen Prophezeiungen ihrer Nachbarn und Verwandten in der Heimat wahr.
Sie erkrankten alle an Malaria und Trachoma. Die Hitze erschöpfte ihre
Kräfte. Fliegen stachen sie ohne Unterlass. Mücken fraßen
ihnen das Fleisch vom Leib und infizierten sie mit Malaria. Die Haut schwoll
an und wurde rot vom Sonnenbrand, den entzündeten Stichen und den Kratzwunden.
Das Wasser war schlecht. Der schwere europäische Pflug, den sie mitgebracht
hatten, war zur Bearbeitung der steinigen Felder ungeeignet. Die Ernte verbrannte.
Der Tischler und mehrere andere erkrankten und starben. Sie meißelten
ihnen Gräber in die Felsen in Nazareth, wohin sie ihre Kranken überführten.
Im darauffolgenden Jahr siedelten die Überlebenden auf einen nahe dem
Dorf gelegenen Hügel im Norden über. Es war das biblische Schimron,
im heutigen Arabisch Ssamoniah genannt, in der Nähe der späteren
jüdischen Siedlung Nahalal. Auch hier erkrankten einige von ihnen.
Die Krankheit schwächte sie und jagte ihnen den Schrecken in die Glieder.
So verließen sie auch Ssamoniah. Sie waren dem Klima, dem Fieber und
dem Wohnen in Hütten auf dem kahlen Hügel nicht gewachsen. Ein Teil
von ihnen verließ das Land und kehrte enttäuscht, mittellos und
ohne schöne Träume in die Heimat zurück. Ein anderer Teil zog
sich wieder nach Nazareth zurück. Von dort aus gingen sie im Jahr 1868
nach Haifa und gründeten dort zusammen mit neuen Einwanderern, die inzwischen
angekommen waren, die erste Siedlung, die man die „Deutsche Kolonie“
nannte.
Ein Jahr später, im Jahr 1869, landete in Jaffo noch eine Gruppe von
Templern. Sie kauften die verlassene amerikanische Kolonie in Jaffo und ließen
sich dort nieder. Im Jahr 1875 bauten sie auch in Jerusalem, an der Grenze
des Gespenstertals, eine Siedlung, die man Refajim, Gespenstersiedlung, nannte.
Dies waren die ersten europäischen Siedlungen, die in Palästina
errichtet wurden. Sie waren im Stil ihrer Häuser, der Gärten, der
Alleen und breiten Straßen ganz außergewöhnlich moderne Orte
im Gegensatz zu den ungeordnet gebauten orientalischen Dörfern.
Die Templer eröffneten in ihren Siedlungen moderne Werkstätten,
bauten Mühlen, Weinkeltereien, ansprechende Hotels, Pensionen und Handelshäuser.
Sie wurden die Vertreter großer deutscher Fabriken. In ihren Tischlereien
wurden die ersten Droschken gebaut, die man damals im Land sah.
Trotz ihrer Erfolge in der städtischen Siedlung vergaßen die württembergischen
Bauernherzen nicht ihr ursprüngliches Sehnen, Dörfer in Galiläa
und im Scharon zu bauen. Nachdem sie noch ein Stadtviertel in Jaffo unter
dem Namen Wilhelma errichtet hatten, kauften sie im Jahr 1870 Boden nördlich
von Jaffo und errichteten dort ihre erste Kolonie Sarona. Im Jahr 1906 erbauten
sie bei Lydda noch eine zweite Kolonie Wilhelma. In den Bergtälern Nieder-Galiläas
gründeten sie im Jahr 1906 zwei nahe beieinander gelegene Kolonien. Wegen
der schönen Eichenwälder nannten sie die eine Waldheim, die andere
Bethlehem. In den Feldern Bethlehems steht noch heute das Denkmal, das sie
in Erinnerung an die deutschen Siedler, die in Medjedel, Hanneipas und Ssamoniah
umgekommen waren, errichteten.
Die Templer bauten noch eine kleine Kolonie südlich von Haifa in dem
Dorf Tirah und nannten sie Neuhardtd-Hof. Sie kauften Boden in der Ebene von
Beith Sheän, am Ufer des Jordan. Nahe der Stadt Ramlah gründeten
sie die Spohm-Farm. Die interne Verwaltung lag in den Händen der Versammlung
der Familienväter, die nach Bedarf einberufen wurde. Im Zentrum jeder
Kolonie wurde das Gotteshaus gebaut, sie errichteten Kindergärten und
Schulen. Um dem Geist ihrer Aufgabe gerecht zu werden, nahmen die Templer
darin auch eine kleine Anzahl arabischer Kinder auf; meistens die Kinder der
arabischen Arbeiter, die in ihren Kolonien Beschäftigung gefunden hatten.
Aber seltsam, sobald
es anfing, ihnen besser zu gehen und ihrer Hände Werk Früchte zu
tragen begann, betrachteten jene Bauern sich selbst als das europäische
Element, als hocherhaben über die elenden Araber dieses Landes, an deren
Ausbeutung sie sich bereicherten. Die religiöse Begeisterung begann in
ihren Herzen zu erlöschen. Ihr Eid, ins Heilige Land zu ziehen, um dort
in Frieden und Freiheit ihren Glauben zu leben und die Wiederkehr ihres Messias
zu erwarten, geriet in Vergessenheit. Wieder führten sie ein Bauernleben
mit seinen sinnlichen Genüssen: üppige Festmähler, Biergelage
mit lautem Rundgesang .... >>> |
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KAPITEL
II
Am Boden der Welt konnte man die Stille förmlich sehen
...Die beiden Frauen gingen in die baufällige Blechhütte neben der
verlassenen Mole. Löwental wartete im Abstand von ein paar Schritten
auf sie, lenkte züchtig seinen Blick an den Ritzen der Wände vorbei
und lächelte vor sich hin, als er von drinnen Gelächter vernahm.
Plötzlich hörte man einen dumpfen Schlag gegen die Blechwand, das
alte Gebäude schwankte, stürzte beinahe ein, und die erschreckte,
aber dennoch einschmeichelnde Stimme von Mussy ließ sich von innen vernehmen:
„Herr Löwental, bitte!"
Er trat ein, und vor ihm wand sich ihre rundliche Gestalt in einem geblümten
Badeanzug. Sie bat ihn, den Reißverschluss am Rücken zu schließen,
damit sie nicht noch einmal hinfalle wenn sie es selbst versuche. Nur durch
ein Wunder sei sie nicht mit der Wand zusammen umgekippt.
Die Rosenbergin war damit beschäftigt, ihren Badeanzug über ihre
kräftigen Schenkel zu zerren, ohne den Rock auszuziehen, und wirkte in
der glühenden Hitze der Blechhütte recht hilflos. Mussy genoss Löwentals
Hilfe, ließ ihn nicht in Ruhe, sondern zögerte das Schließen
ihres Reißverschlus-ses so weit wie möglich hinaus. Schließlich
schritten sie zu dritt barfuß zum Meer, Löwental schleifte Mussy
hinter sich her, gelegentlich stieß sie einen Seufzer aus und tat, als
ob sie beim bloßen Anblick eines glatten Steinchens umzufallen drohe.
Die Rosenbergin schlenderte langsam hinter ihnen her wie ein altertümliches,
dickbäuchiges Schiff; der breitkrempige, khakifarbene Militärhut
verbarg ihr Gesicht. Ihr Blick war wässrig und stier, wie der eines alten
Kapitäns, dessen Augen unter Salz und Branntwein gelitten hatten.
Am Gefälle des Strandes lagen rundliche Steine, heiß wie frisch
gekochte Eier, wie erstarrtes Lavagestein. Dazwischen blitzte der graue, heiße
Salzlehmboden hervor, dessen Kruste in größerer Entfernung vom
Meer trocken war und sich allmählich in schwarzen, glitschigen Schlamm
verwandelte, übel nach Petroleum und Salzen riechend, je mehr man sich
dem Meer näherte. Die Damen verletzten und verbrannten sich die Füße.
Löwental verließ sie, während sie sich gegenseitig festhielten,
eilte in die Wellblechbaracke zurück, um ihnen ihre Schuhe zu holen.
Die glatten Steine brannten wie glühendes Eisen; nahe dem Meer waren
sie aschgrau mit dem trüb-dunklen Ton fettiger Flüssigkeiten. Schreiend
kehrten die beiden um und sprangen zum trockenen Strand zurück. Löwental
kam im Laufschritt mit den Schuhen in der Hand zurück. Während seines
Aufenthaltes in der Herberge hatte er sich daran gewöhnt, barfuß
auf den heißen Steinen zu gehen. Sein schmaler Körper hatte sich
gebräunt, auf seinen Fußsohlen hatte sich Hornhaut gebildet. Dünne,
weiße Haarlocken um seine Stirn, die in eine schmale, gebräunte
Glatze auslief, verliehen ihm das Aussehen eines alten Seemannes. Er hätte
als gut aussehend gelten können, wenn nicht die Ekzeme gewesen wären,
die seinen Körper entstellten. Er bestand darauf, beiden beim Anziehen
der Schuhe behilflich zu sein. Sein Rücken diente ihnen als Stütze.
Das helle Lachen ging im schweren Wasser unter. Kein Vogel flog. Kein Windhauch
regte sich. Nur in der Ferne flimmerten die Berge in der heißen Luft.
„Schade, dass Daniel mit seiner Kamera nicht hier ist." Mussy hüpfte
auf einem Schuh herum unter Gelächter, das sich wie Stöhnen anhörte.
„Er fotografiert mich immer. Seine Frau ist schon eifersüchtig
auf mich. Haha!" Und damit lief sie ins Wasser.
Die gelbe Landschaft von Sodom, eingehüllt in Hitze, verschluckte die
Stimmen. Löwental musste seine ganze Kraft aufwenden, um Mussy festzuhalten,
denn sie lief so ungestüm, dass sie sich nicht die Mühe machte,
aufzupassen, wohin sie ihre Füße setzte. Sie schien zu glauben,
Löwental sei verpflichtet, mit seiner ganzen Ritterlichkeit bis zum Letzten
aufwarten zu müssen. Huldvoll gab sie ihm Gelegenheit, sie möglichst
oft festzuhalten. Die Steine auf dem Meeresboden waren glatt und mit schwarzem
Klitsch bedeckt. Die Rosenbergin sah der Liebelei ihrer Gefährtin mit
nachsichtigem Lächeln zu, wie man einem jungen, leichtfertigen Mädchen
alles nachsieht.
Es war nicht leicht, ins Wasser zu gehen. Das flache Wasser dehnte sich weit
hinaus, während die Füße auf den Steinen rutschten. Bei Knietiefe
konnten sie im Wasser sitzen, und von da an war das Vorwärtskommen leichter.
Die Körper trieben auf der schweren Flüssigkeit, und durch rudernde
Bewegungen der ausgestreckten Arme nach beiden Seiten und nach hinten glitten
sie auf ihren Gesäßen von Stein zu Stein ohne anzustoßen.
Die Rosenbergin presste vor Anstrengung die Lippen zusammen und es liefen
ihr, zu ihrem Ärger, Schweißperlen von der Stirn in die Augen und
auf die Nasenspitze. Sie hätte gern mit der Hand den Schweiß abgewischt,
erinnerte sich aber an Löwentals Befehl, nie mit feuchten Fingern an
die Augen zu kommen. Der Geruch des Wassers und seine Berührung waren
widerlich, wie ein Fass Öl mit Salz gemischt. Das Meer war schwer, fettig
und ruhig. Löwental stand im Wasser auf und begann, sich mit der schwarzen
Masse zu bestreichen, die mit einer dünnen Kruste mürben Lehms bedeckt
war, die abplatzte und zerkrümelte, wenn man mit dem Fuß daran
kam. Er nahm eine Hand voll von dem tropfenden Schlamm und malte schwarze
Lehmstreifen auf seinen Körper. Zwischen seinen Beinen hindurch beobachtete
er Mussy die bis zum Hals im Wasser saß, zwischen der rostenden Flotte
und der Kette der Moabberge. Es dauerte nicht lange und er sah wie ein Schwarzer
aus. Mit Ausnahme des Gesichts, das unter dem Hut verborgen war.
„Wie ist's mit Ihnen?", fragte er Mussy.
Die Vorstellung, dass jemand ihr den Leib mit schwarzem Schlamm einreiben
könnte, verursachte ihr ein eigenartiges Gefühl des Wohlbehagens.
Andererseits, so ein stinkender Schlamm. Lohne das? Der schwarze Schlamm bedeckte
Löwentals weiße Brusthaare, und sein hagerer Körper vergrößerte
und verbreiterte sich gewissermaßen mit jeder Schicht, mit der er sich
einrieb. Mussy hänselte ihn ob seines Aussehens.
„Sie haben sich den .rechten Augenblick zum Witzemachen ausgesucht",
schwerfällig bewegte die Rosenbergin ihre Lippen, sprach langsam und
ohne den Kopf zu bewegen, damit der verfluchte Tropfen, der auf ihrer Stirn
glänzte, nicht herunterrollte. Sie bemühte sich, keine überflüssige
Bewegung zu machen, um kein bisschen dieses ekelhaften Seewassers in die Augen
zu bekommen. Einen Augenblick zuvor war ihr ein winziges Tröpfchen in
den Mundwinkel geraten, und der Geschmack war so bitter, beißend und
widerlich gewesen, dass sie hätte schreien mögen. Wenn sie nicht
befürchtet hätte, die anderen zu stören, hätte sie das
auch gewiss getan. Mussy benahm sich wie eine Kokotte. Der Tropfen auf der
Stirn konnte jeden Augenblick ins Rollen kommen; grausam stach die Sonne von
Westen. Warum nahm Löwental sie nicht zum Baden an eine Stelle im Schatten
des Berges? Der schwere, blöde Hut war hart wie Stein und drückte
einen brennenden Rand von Salz um ihren Kopf, wie ein Feuerwehrhelm. Wenn
man wenigstens etwas Kaltes zu trinken hier gehabt hätte. Oder etwas
Süßwasser.
Inzwischen zählte Löwental Mussy die Vorteile der Seebäder
auf. Er erklärte ihr, dass das Einreiben mit schwarzem Schlamm und das
Eintauchen in die Schwefelwasser der heißen Soharquellen nicht weit
von hier ein vorzügliches Heilmittel gegen Hautkrankheiten und Gelenkleiden
darstellten. Das Wasser des Toten Meeres enthalte auch das Hormon Östrogen,
das Geschlechtshormon der Frau. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte Professor
Hermann Zondek aus Jerusalem mittels eines besonderen Verfahrens Hormonstoffe
aus dem Wasser des Toten Meeres gewonnen. Forschungen hatten ergeben, dass
im südlichen Teil des Meeres,
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