Sachbuch |
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S.
Fischer Verlag |
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Auszug:
A. H. Eilenberg, 2005 |
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kommen; die eine wird vielleicht von einem Nachbarn erobert, oder ihr Niedergang ist an den Aufstieg des Nachbarn gekoppelt, ohne dass sich dabei aber die Gesamtbevölker-ungszahl oder die Komplexität der Region verändert, in einer anderen wird die herrschende Elite durch eine andere gestürzt oder verdrängt. Von einem vollständigen Zusammenbruch und nicht nur von einem geringfügigen Nieder-gang würde man nach solchen Maßstäben wahrscheinlich in folgenden Fällen sprechen: bei den Anasazi und Cahokia auf dem Gebiet der heutigen USA; bei den Mayastädten Mittelamerikas; bei den Gesellschaften der Moche und Tiwanaku in Südamerika; bei der mykenischen Kultur Griechenlands und der mino-ischen Kultur Kretas in Europa; bei Großzimbabwe und den Meroe in Afrika; bei Angkor Wat und den Harappan-Städten im Industal in Asien; und bei der Osterinsel im Pazifik. Die gewaltigen Ruinen, die solche Gesellschaften hinterließen, bergen für uns alle eine romantische Faszination. Wir bestaunen sie, seit wir sie als Kinder zum ersten Mal auf Bildern gesehen haben. Wenn wir älter werden, planen wir in vielen Fällen einen Urlaub, um als Touristen hautnah Bekanntschaften mit ihnen zu machen. Wir fühlen uns von ihrer häufig atemberaubenden, unheimlichen Schönheit angezogen, aber auch von den Rätseln, die sie uns aufgeben. Die Größe der Ruinen zeugt vom früheren Reichtum und der Macht ihrer Erbauer - sie prahlen »Sieh meine Werke, die mächtigen, und verzweifle!«, um Shelleys Worte zu benutzen. Aber die Erbauer verschwanden und verließen die gewaltigen Bauwerke, die sie mit so großer Anstrengung errichtet hatten. Wie konnte eine Gesellschaft, die einst so mächtig war, am Ende zusammenbrechen? Welches Schicksal erlitten ihre einzelnen Mitglieder? Zogen sie fort, und wenn ja, warum? Oder starben sie auf unerfreuliche Weise? Hinter solchen romantischen Rätseln lauert eine quälende Frage: Könnte ein solches Schicksal am Ende auch unsere eigene, wohlhabende Gesellschaft ereilen? Werden die Touristen eines Tages staunend die rostigen Gerippe der Wolkenkratzer von New York anstarren, so wie wir heute vor den dschungelüberwucherten Ruinen der Mayastädte stehen? Schon seit langem hat man die Vermutung, dass dieses rätselhafte Verlassen zumindest teilweise durch ökologische Probleme ausgelöst wurde: Die Menschen hatten in ihrer Umwelt unabsichtlich die Ressourcen zerstört, auf die ihre Gesellschaft angewiesen war. Bestätigt wurde dieser Ver-dacht des unbeabsichtigten ökologischen Selbstmordes - des Ökozids - in den letzten Jahrzehnten durch die Entdeckungen von Archäologen, Klimaforschern, Historikern, Paläonto-logen und Palynologen (Pollenforschern). Die Vorgänge, mit denen die früheren Gesellschaften
sich selbst durch Schädigung der Umwelt die Grundlage entzogen, lassen
sich in acht Kategorien einteilen, die im Einzelfall jeweils von unterschiedlich
großer Bedeutung waren: Entwaldung und Lebensraumzerstörung, Probleme
mit dem Boden (Erosion, Versalzung, nachlassende Fruchtbar-keit),
Probleme mit der Wasserbewirtschaftung, übermäßige Jagd, Überfischung,
Auswirkungen eingeschleppter Tiere und Pflanzen auf einheimische Arten, Bevölkerungswach-stum
und steigender Pro-Kopf-Effekt der Menschen. Größe und Macht sehr schnell, sodass er für
die Bürger eine ziemliche Überraschung und ein Schock gewesen sein
muss. Im schlimmsten Fall, nach dem vollständigen Zusammen-bruch, mussten
alle Mitglieder einer Gesellschaft auswandern oder sterben. Natürlich
sind nicht alle früheren Gesellschaf-ten diesen bitteren Weg bis zum
Ende gegangen: Die einzel-nen Gesellschaften brachen in unterschiedlichem
Ausmaß und auf etwas unterschiedliche Weise zusammen, und in vielen
Fällen geschah es überhaupt nicht. Können wir uns darauf verlassen, dass wir erschöpfte
Ressourcen (zum Beispiel Wälder, Erdöl
oder Meeresfische) immer durch neue (zum
Beispiel Kunststoff, Wind- und Sonnenenergie, Fischfarmen) ersetzen
können? Alle diese Fragen machen deutlich, warum die berühmten Zusammenbrüche der Vergangenheit heute eine Bedeutung angenommen haben, die weit über die eines romantischen Rätsels hinausgeht. Vielleicht können wir daraus praktische Lehren ziehen. Wir wissen, dass manche Gesellschaften früherer Zeiten zusammengebrochen sind, andere aber nicht: Warum waren einige von ihnen besonders anfällig? Wie sahen die Vorgänge, durch die Gesellschaften früherer Zeiten Ökozid begingen, im Einzelnen aus? Warum erkannten manche Gesellschaften nicht, in welchen Schlamassel sie gerieten, obwohl dies (so hat es zumindest im Rückblick den Anschein) offenkundig gewesen sein muss? Mit welchen Lösungen hatten die Menschen zu früheren Zeiten Erfolg? Wenn wir Antworten auf solche Fragen hätten, könnten wir auch feststellen, welche Gesellschaften heute am stärksten gefährdet sind und mit welchen Maßnah-men man ihnen am besten helfen könnte, ohne dass wir auf |
weitere Zusammenbrüche
nach der Art von Somalia warten müssten.
Aber zwischen der modernen Welt mit ihren Proble-men und solchen Gesellschaften
der Vergangenheit bestehen auch Unterschiede. Wir sollten nicht so naiv sein
und glau-ben, die Beschäftigung mit der Vergangenheit werde einfache
Lösun-gen liefern, die sich unmittelbar auf unsere heutigen Verhältnisse
übertragen lassen. Zwischen uns und früheren Gesellschaften bestehen
einige Unterschiede, durch die wir einer geringeren Gefahr ausgesetzt sind;
in diesem Zusam-menhang wird häufig unsere hoch entwickelte Technik (das
heißt ihre positiven Auswirkungen) genannt, aber auch die Globalisie-rung,
die moderne Medizin sowie größere Kennt-nisse über Gesellschaften
früherer Zeiten und heutige Gesellschaften in fernen Gegenden. Manche
Unterschiede zu früheren Gesellschaften haben aber auch zur Folge, dass
wir heute stärker gefährdet sind: Auch hier wäre unsere macht-volle
Technologie (mit ihren unbeabsichtigten
Zerstörungswirkungen) zu nennen, aber auch die Globalisierung
(sodass ein Zusammenbruch im weit entfernten
Somalia sich heute auch auf die USA und Europa auswirkt), die Abhängigkeit
vieler Millionen (und bald Milliarden)
Menschen von der modernen Medizin und die wesentlich größere Weltbevölkerung. Erwartungsgemäß haben die Ureinwohner Hawaiis und
die Maori nicht gerade viel für Paläontologen übrig, die ihnen
erzählen, ihre Vorfahren hätten die Hälfte aller Vogelarten
ausgerottet, deren Evolution in Hawaii oder Neuseeland stattgefunden hat.
Und ebenso wenig Sympathie hegen die amerikanischen Ureinwohner für Archäologen,
die ihnen sagen, dass die Anasazi im Südwesten der USA weite Flächen
abgeholzt haben. Die angeblichen Entdeckungen der Paläontologen und Archäologen
hören sich in manchen Ohren einfach nach einer weiteren Spielart rassistischer
Äußerungen an, mit denen die Weißen indigene Völker
enteignen wollen. Es ist, als wollten die Wissenschaftler sagen: »Eure
Vorfahren haben das Land schlecht verwaltet, und deshalb geschieht es euch
recht, wenn ihr vertrieben werdet.« Aber nicht nur die indigenen Völker, sondern auch mehrere Anthropologen und Archäologen, die sich mit ihnen beschäftigen und identifizieren, halten die angeblichen Entdeckungen aus jüngerer Zeit für rassistische Lügen. Manche indigenen Völker und die Anthropologen, die sich mit ihnen identifizieren, verfallen ins andere Extrem. Sie behaupten steif und fest, indigene Völker seien früher und heute stets sanfte, ökologisch kluge Verwalter ihrer Umwelt gewesen, hätten die Natur genau gekannt und respektiert, seien unschuldige Bewohner eines Paradieses gewesen und hätten niemals etwas Schlechtes tun können. In Neuguinea sagte mir einmal ein Jäger: »Wenn es mir an einem Tag gelingt, in einer Richtung von unserem Dorf aus eine große Taube zu schießen, warte ich eine Woche, bevor ich wieder auf die Taubenjagd gehe, und dann wandere ich in die andere Richtung.« Nur die bösen Bewohner der Ersten Welt stehen demnach der Natur als Ignoranten gegenüber und zerstören die Umwelt, anstatt sie zu respektieren. - .-.-.-. KAPITEL 6 Die
Wikinger: Wenn Cineasten meiner
Generation das Wort »Wikinger« hören, steht sofort Kirk Douglas
als Häuptling vor unserem geistigen Auge, der Star des unvergesslichen
Filmepos Die Wikinger aus dem Jahr 1958. Mit einem nietenbesetzten Lederhemd
bekleidet, führt er seine bärtigen Barbaren auf Reisen voller Überfälle,
Vergewaltigungen und Morde. Noch nahezu ein halbes Jahrhundert nachdem ich
mich mit einer Freundin aus dem College zu dem Kinobesuch verabredet hatte,
kann ich in meiner Phantasie die Eröffnungsszene wiederauferstehen lassen:
Wikingerkrieger schlagen das Tor einer Burg ein, deren Bewohner gerade arglos
zechen und laut aufschreien, als die wilden Männer hereinplatzen und
sie abschlachten. Währenddessen lässt Kirk Douglas seine Genau wie die Ausbreitung
der Polynesier nach Osten über den Pazifik, so stellt sich auch die Expansion
der Wikinger nach Westen über den Nordatlantik als aufschlussreiches
natürliches Experiment dar. Eingebettet in dieses größere
Experiment, finden wir mit Grönland ein kleineres: Die Wikinger trafen
dort auf ein anderes Volk, die Inuit, die für die Umweltprobleme ihrer
Insel ganz andere Lösungen gefunden hatten. Als dieses kleinere Experiment
fünf Jahrhunderte später zu Ende ging, waren sämtliche Wikinger
von Grönland verschwunden, und die Insel blieb unum-stritten in den Händen
der Inuit. Die Tragödie des altnor-dischen Grönland beinhaltet also
eine tröstliche Erkenntnis: Selbst unter schwierigen Umweltbedingungen
kommt es nicht zwangsläufig zum Zusammenbruch einer Gesellschaft; es
kommt immer darauf an, wie die Menschen sich verhalten. |
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Jared
Diamond |
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1938
in Boston geboren, Physiologe und Professor für Geographie an der
Universität von Kalifornien
in Los Angeles. Für seine Arbeit auf dem Feld der Anthropologie und
Genetik ist Jared Diamond vielfach ausgezeichnet worden. 1994 erschien
bei S. Fischer "Der dritte Schimpanse", 1998 sein Welterfolg
"Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften",
für den Jared Diamond den Pulitzer-Preis erhielt. |
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AUSZÜGE |
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PROLOG Vor einigen Jahren war
ich im Sommer auf zwei Bauernhöfen zu Besuch. Der Hof der Familie Huls
und der Hof von Gardar lagen zwar viele tausend Kilometer voneinander entfernt,
waren sich aber in ihren Stärken und Schwachpunkten bemerkenswert ähnlich.
Beide waren in ihrer jeweiligen Region mit Abstand der Insbesondere stand
bei beiden ein großartiger, hochmoderner Stall für die Haltung
von Milch-kühen im Mittelpunkt. Diese Gebäude, die sich in beiden
Fällen in zwei säuberlich getrennte, gegenüberliegende Reihen
von Verschlägen für die Kühe gliederten, stellten alle anderen
Ställe ihrer Umgebung in den Schatten. Die Kühe beider Höfe
grasten im Sommer unter freiem Himmel auf üppig grünen Weiden, beide
Höfe ernteten im Spätsommer ihr eigenes Heu, um die Tiere im Winter
damit zu füttern, und steigerten durch Bewässerung den Ertrag an
sommerlichem Futter und winterlichem Heu. Beide hatten eine ähnliche
Fläche von einigen hundert Hektar, und auch die Ausmaße der Ställe
waren ähnlich: Auf dem Hof der Familie Huls beherbergte er 200 Tiere,
auf dem von Gardar war er mit 165 Kühen geringfügig kleiner. Die
Besitzer beider Höfe galten als führende Gestalten ihres jeweiligen
gesellschaftlichen Umfeldes. Beide waren tief religiös. Beide Anwesen
lagen in einer großartigen Landschaft, die Touristen von weither anlockte;
über ihnen erhoben sich schneebedeckte Berge mit fischreichen Gebirgsbächen,
und unter ihnen lag ein berühmter Fluss (bei der Huls Farm) beziehungsweise
ein Fjord (beim Hof von Gardar). Aber der Hof von Gardar,
der frühere Landsitz des altnordischen Bischofs von Südwestgrönland,
wurde vor über 500 Jahren aufgegeben. Die normannisch-grönlän-dische
Gesellschaft brach völlig zusammen: Tausende von Einwohnern verhungerten,
kamen bei inneren Unruhen oder im Krieg gegen feindliche Mächte ums Leben
oder wander-ten aus, bis in ihrem Gebiet schließlich niemand mehr lebte.
Die dicken Mauern des Stalls von Gardar und der benach-barten Kathedrale stehen
zwar noch, sodass ich die Verschläge für die einzelnen Kühe
zählen konnte, aber es gibt keinen Eigentümer mehr, der mir etwas
über frühere Vorzüge und Unwägbarkeiten erzählen
könnte. Aber als der Hof von Gardar und NormannischGrönland ihre
Blütezeit erlebten, erschien ihr Niedergang ebenso unvorstellbar wie
heute der von Huls Farm und USA. |
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Ende
der Auszüge |
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Kollaps,
Gesellschaft, Zusammenbruch, Untergang, Überleben, Wikinger, die
Demokratien Musical-Operette:
Operette
Vetter aus Dingsda - Operette
Die Lustige Witwe -
Operette Die Fledermaus - Musical
Rocky Horror Show Theater Oper-Ballett: Oper
La Traviata
- Oper La
Boheme - Oper
Entführung aus dem Serail - Oper
Die Liebe zu den drei Orangen - Oper
Die Zauberflöte -
Madame Butterfly Interviews: Interview
Lola Müthel
-
Interview Herbert Bötticher -
Interview Ruth Drexel - Interview
Ute Lemper Meist
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