Kollaps, der Untergang, das Ueberleben von Gesellschaften und ihre Einwohner
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Sachbuch
Der Untergang


KOLLAPS

Warum Gesellschaften überleben oder untergehen

Kultur Fibel Magazin

S. Fischer Verlag
Geb.728 Seiten
im Buchhandel

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Wir müssen lernen, unsere Gesellschaft real zu sehen, ohne mediale Werbe- und Traum-Welten, in denen
deutsche "Gutmenschen", in ihrer "guten" Demokratie leben und auf "böse" andere Gesellschaftsordnungen,
ohne sie zu verstehen, herunter sehen.
Wir müssen kritisch nicht destruktiv sein, unsere Freiheit nicht zur Narrenfreihet erniedrigen, um unsere
verlorenen humanistischen Werte in der maßlosen Fun-Gesellschaft zurück zu gewinnen, damit wir für uns,
unsere Nachfahren und den Menschen unserer Erde eine Überlebenschance, nicht nur für ein
paar Jahrzehnte, sondern für weitere Jahrtausende erhalten.

Auszug: A. H. Eilenberg, 2005
Gesellschaften, KollapsDiamond, Jaraed

kommen; die eine wird vielleicht von einem Nachbarn erobert, oder ihr Niedergang ist an den Aufstieg des Nachbarn gekoppelt, ohne dass sich dabei aber die Gesamtbevölker-ungszahl oder die Komplexität der Region verändert, in einer anderen wird die herrschende Elite durch eine andere gestürzt oder verdrängt. Von einem vollständigen Zusammenbruch und nicht nur von einem geringfügigen Nieder-gang würde man nach solchen Maßstäben wahrscheinlich in folgenden Fällen sprechen: bei den Anasazi und Cahokia auf dem Gebiet der heutigen USA; bei den Mayastädten Mittelamerikas; bei den Gesellschaften der Moche und Tiwanaku in Südamerika; bei der mykenischen Kultur Griechenlands und der mino-ischen Kultur Kretas in Europa; bei Großzimbabwe und den Meroe in Afrika; bei Angkor Wat und den Harappan-Städten im Industal in Asien; und bei der Osterinsel im Pazifik. Die gewaltigen Ruinen, die solche Gesellschaften hinterließen, bergen für uns alle eine romantische Faszination. Wir bestaunen sie, seit wir sie als Kinder zum ersten Mal auf Bildern gesehen haben. Wenn wir älter werden, planen wir in vielen Fällen einen Urlaub, um als Touristen hautnah Bekanntschaften mit ihnen zu machen. Wir fühlen uns von ihrer häufig atemberaubenden, unheimlichen Schönheit angezogen, aber auch von den Rätseln, die sie uns aufgeben. Die Größe der Ruinen zeugt vom früheren Reichtum und der Macht ihrer Erbauer - sie prahlen »Sieh meine Werke, die mächtigen, und verzweifle!«, um Shelleys Worte zu benutzen. Aber die Erbauer verschwanden und verließen die gewaltigen Bauwerke, die sie mit so großer Anstrengung errichtet hatten. Wie konnte eine Gesellschaft, die einst so mächtig war, am Ende zusammenbrechen? Welches Schicksal erlitten ihre einzelnen Mitglieder? Zogen sie fort, und wenn ja, warum? Oder starben sie auf unerfreuliche Weise?

Hinter solchen romantischen Rätseln lauert eine quälende Frage: Könnte ein solches Schicksal am Ende auch unsere eigene, wohlhabende Gesellschaft ereilen? Werden die Touristen eines Tages staunend die rostigen Gerippe der Wolkenkratzer von New York anstarren, so wie wir heute vor den dschungelüberwucherten Ruinen der Mayastädte stehen?

Schon seit langem hat man die Vermutung, dass dieses rätselhafte Verlassen zumindest teilweise durch ökologische Probleme ausgelöst wurde: Die Menschen hatten in ihrer Umwelt unabsichtlich die Ressourcen zerstört, auf die ihre Gesellschaft angewiesen war. Bestätigt wurde dieser Ver-dacht des unbeabsichtigten ökologischen Selbstmordes - des Ökozids - in den letzten Jahrzehnten durch die Entdeckungen von Archäologen, Klimaforschern, Historikern, Paläonto-logen und Palynologen (Pollenforschern).

Die Vorgänge, mit denen die früheren Gesellschaften sich selbst durch Schädigung der Umwelt die Grundlage entzogen, lassen sich in acht Kategorien einteilen, die im Einzelfall jeweils von unterschiedlich großer Bedeutung waren: Entwaldung und Lebensraumzerstörung, Probleme mit dem Boden (Erosion, Versalzung, nachlassende Fruchtbar-keit), Probleme mit der Wasserbewirtschaftung, übermäßige Jagd, Überfischung, Auswirkungen eingeschleppter Tiere und Pflanzen auf einheimische Arten, Bevölkerungswach-stum und steigender Pro-Kopf-Effekt der Menschen.
Solche Zusammenbrüche liefen in früheren Zeiten vielfach ähnlich ab und stellen gewissermaßen Variationen des gleichen Themas dar. Das Bevölkerungswachstum zwang die Menschen zur Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion (Bewässerung, doppelte Ernte, Anlage von Terrassen) und zur Ausweitung der Produktionsflächen: Statt gut geeigneter Flächen musste man nun auch weniger gute bewirtschaften, um immer mehr hungrige Münder zu füttern. Nicht nachhaltige Methoden führten zu den zuvor aufgeführ-ten Umweltschäden, mit der Folge, dass man weniger geeignete landwirtschaftliche Flächen wieder aufgab. Daraus erwuchsen für die Gesellschaft zahlreiche Folgen: Nahrungsknappheit, Hungersnöte, Krieg um knapp bemes-sene Ressourcen, und die Absetzung der herrschenden Eliten durch enttäuschte Untertanen. Schließlich ging die Bevölkerungszahl durch Hunger, Krieg oder Krankheiten zurück, und die Gesellschaft verlor einen Teil der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Komplexität, die sie in ihrer Blütezeit besessen hatte. Als Autor ist man leicht versucht, Parallelen zwischen solchen Entwicklungen menschlicher Gesellschaften und dem Lebensweg einzelner Menschen zu ziehen - man spricht von Geburt, Wachstum, besten Jahren, Alter und Tod einer Gesellschaft - und dabei zu unterstellen, dass die lange Phase der Alterung, die wir zwischen unseren besten Jahren und dem Tod in der Regel durchmachen, sich auch in der Gesellschaft wiederholt. Aber für viele frühere Gesellschaften (und in der Neuzeit für die Sowjetunion) hat sich die Metapher als falsch erwiesen: Ihr Niedergang vollzog sich nach dem Höhepunkt von

Größe und Macht sehr schnell, sodass er für die Bürger eine ziemliche Überraschung und ein Schock gewesen sein muss. Im schlimmsten Fall, nach dem vollständigen Zusammen-bruch, mussten alle Mitglieder einer Gesellschaft auswandern oder sterben. Natürlich sind nicht alle früheren Gesellschaf-ten diesen bitteren Weg bis zum Ende gegangen: Die einzel-nen Gesellschaften brachen in unterschiedlichem Ausmaß und auf etwas unterschiedliche Weise zusammen, und in vielen Fällen geschah es überhaupt nicht.
Heute bereitet die Gefahr solcher Zusammenbrüche zuneh-mend Sorgen; in Somalia, Ruanda und einigen anderen Staaten der Dritten Welt sind sie bereits eingetreten. Viele Menschen fürchten, dass der Ökozid für die globale Zivilisation bereits eine größere Bedrohung darstellt als Atomkrieg und Krankheiten. Wir haben es heute mit den gleichen Umweltproblemen zu tun, die auch frühere Gesell-schaften zu Fall brachten, und zusätzlich kommen vier neue hinzu: von Menschen verursachter Klimawandel, Anhäufung von Umweltgiften, Energieknappheit und die vollständige Nutzung der weltweiten Photosynthesekapazität durch den Menschen. Die meisten dieser zwölf Gefahren werden den Voraussagen zufolge in den kommenden Jahrzehnten eine kritische Phase erreichen: Entweder haben wir die Probleme bis dahin gelöst, oder die Probleme werden nicht nur Somalia zugrunde richten, sondern auch die Gesellschaft in den Industriestaaten. Wahrscheinlicher als ein Weltuntergangs-szenario, in dem die Menschen aussterben oder die indus-trielle Zivilisation einen apokalyptischen Zusammenbruch erlebt, ist eine Zukunft mit »nur« erheblich geringerem Lebensstandard, einer größeren ständigen Gefährdung und dem Verfall dessen, was wir heute für unsere zentralen Werte halten. Ein solcher Zusammenbruch kann sich in verschie-denen Formen ereignen, beispielsweise durch die weltweite Verbreitung von Krankheiten oder aber durch Kriege, die ihre Ursache letztlich in der Knappheit der Umweltressourcen haben. Wenn diese Überlegung richtig ist, bestimmen wir mit unseren heutigen Bemühungen über den Zustand der Welt, in der die Generation der derzeitigen Kinder und jungen Erwachsenen in ihren mittleren und späteren Jahren leben wird.
Wie schwer die gegenwärtigen Umweltprobleme sind, wird heftig diskutiert. Werden die Gefahren übertrieben, oder werden sie im Gegenteil unterschätzt? Ist es ein vernünftiger Gedanke, dass die heutige Weltbevölkerung von fast sieben Milliarden Menschen mit unserer machtvollen modernen Technologie die Umwelt weltweit viel schneller zugrunde richtet als ein paar Millionen Menschen mit Stein- und Holzwerkzeugen, die in der Vergangenheit lokal bereits ebenfalls starke Schäden anrichteten? Wird die moderne Technologie die Probleme lösen, oder schafft sie mehr neue Probleme, als dass sie alte beseitigt?

Können wir uns darauf verlassen, dass wir erschöpfte Ressourcen (zum Beispiel Wälder, Erdöl oder Meeresfische) immer durch neue (zum Beispiel Kunststoff, Wind- und Sonnenenergie, Fischfarmen) ersetzen können?
Nimmt das Tempo des Bevölkerungswachstums nicht ab, sind wir also nicht schon fast so weit, dass die Weltbevöl-kerung sich bei einer noch vertretbaren Zahl einpendelt?

Alle diese Fragen machen deutlich, warum die berühmten Zusammenbrüche der Vergangenheit heute eine Bedeutung angenommen haben, die weit über die eines romantischen Rätsels hinausgeht. Vielleicht können wir daraus praktische Lehren ziehen. Wir wissen, dass manche Gesellschaften früherer Zeiten zusammengebrochen sind, andere aber nicht: Warum waren einige von ihnen besonders anfällig? Wie sahen die Vorgänge, durch die Gesellschaften früherer Zeiten Ökozid begingen, im Einzelnen aus? Warum erkannten manche Gesellschaften nicht, in welchen Schlamassel sie gerieten, obwohl dies (so hat es zumindest im Rückblick den Anschein) offenkundig gewesen sein muss?

Mit welchen Lösungen hatten die Menschen zu früheren Zeiten Erfolg? Wenn wir Antworten auf solche Fragen hätten, könnten wir auch feststellen, welche Gesellschaften heute am stärksten gefährdet sind und mit welchen Maßnah-men man ihnen am besten helfen könnte, ohne dass wir auf

weitere Zusammenbrüche nach der Art von Somalia warten müssten. Aber zwischen der modernen Welt mit ihren Proble-men und solchen Gesellschaften der Vergangenheit bestehen auch Unterschiede. Wir sollten nicht so naiv sein und glau-ben, die Beschäftigung mit der Vergangenheit werde einfache Lösun-gen liefern, die sich unmittelbar auf unsere heutigen Verhältnisse übertragen lassen. Zwischen uns und früheren Gesellschaften bestehen einige Unterschiede, durch die wir einer geringeren Gefahr ausgesetzt sind; in diesem Zusam-menhang wird häufig unsere hoch entwickelte Technik (das heißt ihre positiven Auswirkungen) genannt, aber auch die Globalisie-rung, die moderne Medizin sowie größere Kennt-nisse über Gesellschaften früherer Zeiten und heutige Gesellschaften in fernen Gegenden. Manche Unterschiede zu früheren Gesellschaften haben aber auch zur Folge, dass wir heute stärker gefährdet sind: Auch hier wäre unsere macht-volle Technologie (mit ihren unbeabsichtigten Zerstörungswirkungen) zu nennen, aber auch die Globalisierung (sodass ein Zusammenbruch im weit entfernten Somalia sich heute auch auf die USA und Europa auswirkt), die Abhängigkeit vieler Millionen (und bald Milliarden) Menschen von der modernen Medizin und die wesentlich größere Weltbevölkerung.
Vielleicht können wir dennoch aus der Vergangenheit etwas lernen, aber dazu müssen wir über diese Schlussfolgerungen sehr genau nachdenken.
Bei allen Bemühungen, Zusammenbrüche früherer Zeiten zu verstehen, muss man sich mit einer großen Kontroverse und viel Komplikationen auseinander setzen. Die Kontroverse erwächst aus der Ablehnung der Idee, frühere Völker (von denen manche die Vorfahren heute lebender, beredter Gruppen sind) könnten etwas getan haben, das zu ihrem eigenen Untergang beitrug. Wir sind uns heute der Umweltschäden viel stärker bewusst als noch vor wenigen Jahrzehnten. Selbst Schilder in Hotelzimmern berufen sich mittlerweile auf die Umwelt und vermitteln uns ein schlechtes Gewissen, wenn wir frische Handtücher wünschen oder das Wasser laufen lassen. Die Umwelt zu schädigen gilt heute moralisch als wesentlich sträflicher.

Erwartungsgemäß haben die Ureinwohner Hawaiis und die Maori nicht gerade viel für Paläontologen übrig, die ihnen erzählen, ihre Vorfahren hätten die Hälfte aller Vogelarten ausgerottet, deren Evolution in Hawaii oder Neuseeland stattgefunden hat. Und ebenso wenig Sympathie hegen die amerikanischen Ureinwohner für Archäologen, die ihnen sagen, dass die Anasazi im Südwesten der USA weite Flächen abgeholzt haben. Die angeblichen Entdeckungen der Paläontologen und Archäologen hören sich in manchen Ohren einfach nach einer weiteren Spielart rassistischer Äußerungen an, mit denen die Weißen indigene Völker enteignen wollen. Es ist, als wollten die Wissenschaftler sagen: »Eure Vorfahren haben das Land schlecht verwaltet, und deshalb geschieht es euch recht, wenn ihr vertrieben werdet.«
Einige Weiße in Amerika und Australien, die etwas gegen staatliche Zahlungen und Landrückgabe an amerikanische Ureinwohner und australische Aborigines haben, vertreten heute tatsächlich unter Verweis auf die Entdeckungen eine solche Argumentation.

Aber nicht nur die indigenen Völker, sondern auch mehrere Anthropologen und Archäologen, die sich mit ihnen beschäftigen und identifizieren, halten die angeblichen Entdeckungen aus jüngerer Zeit für rassistische Lügen. Manche indigenen Völker und die Anthropologen, die sich mit ihnen identifizieren, verfallen ins andere Extrem. Sie behaupten steif und fest, indigene Völker seien früher und heute stets sanfte, ökologisch kluge Verwalter ihrer Umwelt gewesen, hätten die Natur genau gekannt und respektiert, seien unschuldige Bewohner eines Paradieses gewesen und hätten niemals etwas Schlechtes tun können. In Neuguinea sagte mir einmal ein Jäger: »Wenn es mir an einem Tag gelingt, in einer Richtung von unserem Dorf aus eine große Taube zu schießen, warte ich eine Woche, bevor ich wieder auf die Taubenjagd gehe, und dann wandere ich in die andere Richtung.« Nur die bösen Bewohner der Ersten Welt stehen demnach der Natur als Ignoranten gegenüber und zerstören die Umwelt, anstatt sie zu respektieren. - .-.-.-.

KAPITEL 6

Die Wikinger:
Präludium und Fugen


Experimente auf dem Atlantik ‚ Die Bevölkerungsexplosion der Wikinger ‚ Autokatalyse - Landwirtschaft beiden Wikingern ‚ Eisen ‚ Wikingerhäuptlinge ‚ Die Religion der Wikinger ‚ Orkney-, Shetland- und Färöerinseln ‚ Isländische Umwelt ‚ Geschichte Islands ‚ Island im größeren Zusammenhang ‚ Vinland.

Wenn Cineasten meiner Generation das Wort »Wikinger« hören, steht sofort Kirk Douglas als Häuptling vor unserem geistigen Auge, der Star des unvergesslichen Filmepos Die Wikinger aus dem Jahr 1958. Mit einem nietenbesetzten Lederhemd bekleidet, führt er seine bärtigen Barbaren auf Reisen voller Überfälle, Vergewaltigungen und Morde. Noch nahezu ein halbes Jahrhundert nachdem ich mich mit einer Freundin aus dem College zu dem Kinobesuch verabredet hatte, kann ich in meiner Phantasie die Eröffnungsszene wiederauferstehen lassen: Wikingerkrieger schlagen das Tor einer Burg ein, deren Bewohner gerade arglos zechen und laut aufschreien, als die wilden Männer hereinplatzen und sie abschlachten. Währenddessen lässt Kirk Douglas seine
schöne Gefangene Janet Leigh sein Vergnügen durch vergeblichen Widerstand steigern. In den blutrünstigen Bildern steckt eine Menge Wahrheit: Tatsächlich terrorisier-ten die Wikinger mehrere Jahrhunderte lang das mittelalter-liche Europa. In ihrer eigenen Sprache, dem Altnordischen, bedeutet das Wort vikingär nichts anderes als »Räuber«. Die Geschichte der Wikinger hat aber auch andere, weniger gewalttätige Aspekte, und die sind für dieses Buch von größerer Bedeutung. Sie waren nicht nur gefürchtete Piraten, sondern auch Bauern, Händler, Siedler und die ersten europäischen Entdecker im Nordatlantikraum. Die von ihnen gegründeten Siedlungen erlitten sehr unterschiedliche Schicksale. Auf dem europäischen Kontinent und en Britischen Inseln vermischten sich die Bewohner irgendwann mit der lokalen Bevölkerung und wirkten an der Entstehung mehrerer Nationalstaaten mit, insbesondere Russland, England und Frankreich. Die Kolonie Vinland war der erste europäische Versuch, Nordamerika zu besiedeln, der aber schnell wieder aufgegeben wurde; auch die Kolonie in Grönland, 450 Jahre lang der abgelegenste Außenposten der europäischen Gesellschaft, verschwand schließlich; in Island hatte man über Jahrhunderte hinweg mit Armut und politischen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber in neuerer Zeit entstand dort eine der wohlhabendsten Gesellschaften der Welt; und die Siedlungen auf den Orkney-, Shetland- und Färöerinseln überlebten ohne größere Schwierigkeiten. Alle Wikingersiedlungen entstammten ursprünglich derselben Gesellschaft: Dass es ihnen später so unterschiedlich erging, lag also offensichtlich an den jeweiligen Umweltverhält-nissen, in denen die Siedler zurechtkommen mussten.

Genau wie die Ausbreitung der Polynesier nach Osten über den Pazifik, so stellt sich auch die Expansion der Wikinger nach Westen über den Nordatlantik als aufschlussreiches natürliches Experiment dar. Eingebettet in dieses größere Experiment, finden wir mit Grönland ein kleineres: Die Wikinger trafen dort auf ein anderes Volk, die Inuit, die für die Umweltprobleme ihrer Insel ganz andere Lösungen gefunden hatten. Als dieses kleinere Experiment fünf Jahrhunderte später zu Ende ging, waren sämtliche Wikinger von Grönland verschwunden, und die Insel blieb unum-stritten in den Händen der Inuit. Die Tragödie des altnor-dischen Grönland beinhaltet also eine tröstliche Erkenntnis: Selbst unter schwierigen Umweltbedingungen kommt es nicht zwangsläufig zum Zusammenbruch einer Gesellschaft; es kommt immer darauf an, wie die Menschen sich verhalten.
Der ökologisch bedingte Zusammenbruch der Wikinger-gesellschaft in Grönland und die Schwierigkeiten in Island zeigen deutliche Parallelen zu den Zusammenbrüchen auf der Osterinsel und Mangareva sowie bei den Anasazi, den Maya und vielen anderen vorindustriellen Gesellschaften, wo die Umweltverhältnisse ebenfalls eine entscheidende Ursache waren. Aber wenn wir den Zusammenbruch in Grönland und die Probleme in Island verstehen wollen, haben wir einige wichtige Vorteile. Über die grönländische und insbesondere die isländische Geschichte besitzen wir schriftliche Berichte aus der jeweiligen Zeit, die einerseits aus den Gesellschaften selbst stammen, andererseits aber auch von ihren Handels-partnern. Diese Unterlagen sind zwar enttäuschend unvoll-ständig, aber immer noch viel besser als das völlige Fehlen schriftlicher Augenzeugenberichte aus den anderen vorindustriellen Gesellschaften. Die Anasazi starben oder verstreuten sich, und die Gesellschaft der wenigen überlebenden Bewohner auf der Osterinsel wandelte sich durch äußere Einflüsse.

Jared Diamond
1938 in Boston geboren, Physiologe und Professor für Geographie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Für seine Arbeit auf dem Feld der Anthropologie und Genetik ist Jared Diamond vielfach ausgezeichnet worden. 1994 erschien bei S. Fischer "Der dritte Schimpanse", 1998 sein Welterfolg "Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften", für den Jared Diamond den Pulitzer-Preis erhielt.
AUSZÜGE

PROLOG

Eine Geschichte von zwei Bauernhöfen
Zwei Bauernhöfe‚ Zusammenbrüche früher und heute ‚ Entschwundene Paradiese? ‚ Ein fünfteiliges Schema ‚ Unternehmen und Umwelt ‚ Die vergleichende Methode.
Der Aufbau des Buches:

Vor einigen Jahren war ich im Sommer auf zwei Bauernhöfen zu Besuch. Der Hof der Familie Huls und der Hof von Gardar lagen zwar viele tausend Kilometer voneinander entfernt, waren sich aber in ihren Stärken und Schwachpunkten bemerkenswert ähnlich. Beide waren in ihrer jeweiligen Region mit Abstand der Insbesondere stand bei beiden ein großartiger, hochmoderner Stall für die Haltung von Milch-kühen im Mittelpunkt. Diese Gebäude, die sich in beiden Fällen in zwei säuberlich getrennte, gegenüberliegende Reihen von Verschlägen für die Kühe gliederten, stellten alle anderen Ställe ihrer Umgebung in den Schatten. Die Kühe beider Höfe grasten im Sommer unter freiem Himmel auf üppig grünen Weiden, beide Höfe ernteten im Spätsommer ihr eigenes Heu, um die Tiere im Winter damit zu füttern, und steigerten durch Bewässerung den Ertrag an sommerlichem Futter und winterlichem Heu. Beide hatten eine ähnliche Fläche von einigen hundert Hektar, und auch die Ausmaße der Ställe waren ähnlich: Auf dem Hof der Familie Huls beherbergte er 200 Tiere, auf dem von Gardar war er mit 165 Kühen geringfügig kleiner. Die Besitzer beider Höfe galten als führende Gestalten ihres jeweiligen gesellschaftlichen Umfeldes. Beide waren tief religiös. Beide Anwesen lagen in einer großartigen Landschaft, die Touristen von weither anlockte; über ihnen erhoben sich schneebedeckte Berge mit fischreichen Gebirgsbächen, und unter ihnen lag ein berühmter Fluss (bei der Huls Farm) beziehungsweise ein Fjord (beim Hof von Gardar).
Das waren die gemeinsamen Stärken der beiden Höfe. Kommen wir nun zu ihren gemeinsamen Schwachpunkten: Beide lagen in Regionen, in denen die Milchwirtschaft von untergeordneter Bedeutung ist, weil wegen der hohen nörd-lichen Breite nur ein kurzer Sommer für die Grasund Heupro-duktion zur Verfügung steht. Da im Vergleich zu Milchvieh-betrieben südlicherer Breiten auch in guten Jahren keine optimalen Klimabedingungen herrschten, waren beide Farmen der Gefahr wetterbedingter Schäden ausgesetzt, wobei die Farm der Familie Huls vor allem durch Trockenheit, der Hof von Gardar dagegen durch Kälte bedroht war. Beide Regionen waren weit von den Ballungsgebieten entfernt, wo sie ihre Produkte vermarkten konnten, sodass Transport-kosten und -risiken einen Wettbewerbsnachteil gegenüber zentraler gelegenen Regionen bedeuteten. Der wirtschaft-liche Erfolg hing bei beiden von Faktoren ab, die ihre Besitzer nicht beeinflussen konnten, so unter anderem von Kaufkraft- und Geschmacksveränderungen bei Kunden und Nachbarn. Im größeren Maßstab ging es mit der Konjunktur der Länder, in denen sich die beiden Höfe befanden, je nach der wachsenden und schwindenden Bedrohung durch weit entfernte, feindliche Gesellschaften auf und ab.
Der größte Unterschied zwischen der Huls Farm und dem Hof von Gardar betrifft ihren heutigen Zustand. Das Fami-lienunternehmen Huls Farm, das fünf Geschwistern und ihren Ehepartnern gehört, liegt im Bitterroot Valley im Westen des US-Bundesstaates Montana und floriert zurzeit. Der Kreis Ravalli, wo sich der Betrieb befindet, hat eine der höchsten Bevölkerungswachstumsraten aller US-amerikani-schen Kreise. Auf der Huls Farm führten mich Tim, Trudy und Dan Huls, drei der Eigentümer, persönlich durch ihren Hightech-Stall und erklärten mir geduldig die Vorzüge und Unwägbarkeiten der Milchwirtschaft in Montana.
Dass die Vereinigten Staaten im Allgemeinen und die Huls Farm im Besonderen in absehbarer Zukunft zusammenbre-chen werden, ist unvorstellbar.

Aber der Hof von Gardar, der frühere Landsitz des altnordischen Bischofs von Südwestgrönland, wurde vor über 500 Jahren aufgegeben. Die normannisch-grönlän-dische Gesellschaft brach völlig zusammen: Tausende von Einwohnern verhungerten, kamen bei inneren Unruhen oder im Krieg gegen feindliche Mächte ums Leben oder wander-ten aus, bis in ihrem Gebiet schließlich niemand mehr lebte. Die dicken Mauern des Stalls von Gardar und der benach-barten Kathedrale stehen zwar noch, sodass ich die Verschläge für die einzelnen Kühe zählen konnte, aber es gibt keinen Eigentümer mehr, der mir etwas über frühere Vorzüge und Unwägbarkeiten erzählen könnte. Aber als der Hof von Gardar und NormannischGrönland ihre Blütezeit erlebten, erschien ihr Niedergang ebenso unvorstellbar wie heute der von Huls Farm und USA.

Um eines klarzustellen: Wenn ich diese Parallelen zwischen der Huls Farm und dem Hof von Gardar ziehe, will ich damit nicht behaupten, der Hof in Montana und die amerikanische Gesellschaft seien zum Untergang verdammt. Derzeit ist genau das Gegenteil richtig: Der Huls-Betrieb expandiert, ihre modernen technischen Einrichtungen dienen Nachbarbe-trieben als Vorbild, und die Vereinigten Staaten sind das mächtigste Land der Welt. Ich behaupte auch nicht, Bauernhöfe oder Gesellschaften seien ganz allgemein durch den Zusammenbruch gefährdet. Bei manchen, so in Gardar, hat er sich tatsächlich ereignet, andere existieren ohne Unterbrechung seit Jahrtausenden. Aber meine Reisen zu den Höfen von Huls und Gardar, die ich trotz ihrer Entfer-nung von mehreren tausend Kilometern in demselben Sommer besuchte, legten mir sehr nachdrücklich die Schlussfolgerung nahe, dass selbst die reichsten und technisch am weitesten entwickelten Gesellschaften in Wirtschaft und Umwelt mit Problemen konfrontiert werden, die man nicht unterschätzen sollte. Unsere Schwierigkeiten ähneln in vielerlei Hinsicht jenen, die den Hof von Gardar und Normannisch-Grönland zu Fall brachten und mit denen auch viele andere Gesellschaften früherer Zeiten zu kämpfen hatten. Manche dieser früheren Gesellschaften gingen unter (wie Normannisch-Grönland), andere (so die Japaner und Tikopier) haben überlebt. Die Vergangenheit liefert uns eine Fülle von Daten, aus denen wir etwas lernen können, um weiterhin Erfolg zu haben.

Normannisch-Grönland ist nur eine der vielen früheren Gesellschaften, die zusammenbrachen oder verschwanden und gigantische Ruinen hinterließen, wie Shelley sie in seinem Gedicht »Ozymandias« beschreibt.
Unter »Zusammenbruch« verstehe ich einen drastischen Rückgang der Bevölkerungszahl und /oder der politisch-wirtschaftlich-sozialen Komplexität, der sich auf ein größeres Gebiet erstreckt und längere Zeit andauert. Das Phänomen des Zusammenbruchs ist also die Extremform des Niederganges, den es auch in schwächerer Ausprägung gibt; wie drastisch der Verfall einer Gesellschaft sein muss, bevor man ihn als Zusammenbruch bezeichnet, ist eine willkürliche Festlegung. Zu den milderen Formen des Niederganges gehören die normalen Schwankungen des Wohlstandes sowie kleinere politische, wirtschaftliche und
soziale Umstrukturierungen, wie sie in jeder Gesellschaft vor-

Ende der Auszüge

Kollaps, Gesellschaft, Zusammenbruch, Untergang, Überleben, Wikinger, die Demokratien
© - Copyright: Kollaps
Leseprobe mit Foto und Buchumschlag, S. Fischer Verlag
Sämtliche Fotos, Text, Layout und Desig
n Kultur Fibel Verlag GmbH, Berlin, und JBM-marketing, PF 140315, D-40073 Düsseldorf


Oper-Ballett:

Oper La Traviata - Oper La Boheme - Oper Entführung aus dem Serail - Oper Die Liebe zu den drei Orangen - Oper Die Zauberflöte - Madame Butterfly
Oper Cosi fan tutte - Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - Oper Die Teufel von Loudun - Oper Der Waffenschmied - Oper Simon Boccanegra
Oper Orelando paladino - Oper Carmen - Oper Armida - Oper Der Spieler, Hrpok - Oper Fidelio
Oper Agrippina - Oper Der Türke in Italien - Oper Der Goldene Hahn - Ballett Dornröschen - Ballett Schneewittchen
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