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Die Kraft des Neubeginns
Hans-Olaf Henkel

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Interview-Auszug 2005
Droemer - Verlag
396 S. geb.
€ (D) 22,90
im Buchhandel
Herr Henkel. Ihr neues Buch haben Sie DIE KRAFT DES NEUBEGINNS genannt. Warum glauben Sie daß wir einen Neubeginn brauchen?
Es gibt kaum noch ein Leistungskriterium, in dem Deutschland im internationalen Vergleich nicht abgerutscht ist — von der Unfähigkeit, Arbeitsplätze zu schaffen, über die Rekordneuverschuldung bis hin zu Pisa. Wenn das kein Grund ist!
Jeder Neubeginn, jeder Anstoß entfaltet eine Eigendynamik, die man nutzen kann.
Es ist fünf nach zwölf!
>Auszüge<

einer bei Schauprozessen üblichen »Selbstkritik«, bekannte sich als »elitäre Sau« und erhängte sich am Fenstergitter. Zu den erfundenen »Märtyrern« Meins, Hausner und Meinhof kommt bald eine weitere Ikone. Als im Monat nach Meinhofs Selbstmord ein Airbus der Air France nach Entebbe entführt wird, gehören zum Terrorkommando zwei Deutsche, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann. Kuhlmanns palästinensischer Kampfname lautet »Halimeh«. Man fordert die Freilassung palästinensischer Gefangener und nebenbei auch mehrerer Häftlinge der RAF und Bewegung 2. Juni. Als jüdische Passagiere von den anderen Reisenden separiert werden, um als Geiseln erschossen zu werden, stürmt israelisches Militär die Maschine. Alle 120 Terro-risten werden getötet, darunter auch »Halimeh«. Seltsamerweise kommen die deutschen Flugzeugentführer in Joschka Fischers Buch VON GRÜNER KRAFT UND HERRLICHKEIT vor, wo er sie noch 1984 als »Genossen aus der Frankfurter Szene« bezeichnet. Verstand er sich damit auch als ihr Genosse? Bei einem Spiegel Gespräch 2001 tat er es nicht mehr. Da nannte er sie »deutsche Terroristen«, ihre Tat »einfach nur entsetzlich!«

Im Jahr darauf kam es zur Tragödie des »Deutschen Herbstes«. Eigentlich begann sie bereits im Frühjahr. Am 7. April 1977 wurde der Mann erschossen, der sich von staatlicher Seite mit den RAF-Morden zu beschäftigen hatte, Siegfried Buback. Auf Motor-rädern lauern zwei Terroristen dem ungepanzerten Mercedes des Generalbundesanwalts auf. An einer Ampel eröffnen sie das Feuer auf Buback, seinen Fahrer und den Polizisten auf dem Rücksitz. Alle drei sterben, von fünfzehn Schüssen aus einem automatischen Gewehr Heckler & Koch 43 getroffen. Ein »Bekennerschreiben« trifft ein. Die Mörder nennen sich »Kommando Ulrike Meinhof«. Ihre schreckliche Tat wird als »Hinrichtung« bezeichnet, die den Mann getroffen habe, der »für die Ermordung von Ulrike Meinhof, Siegfried Hausner und Holger Meins direkt verantwortlich« sei. Aber das stimmte ja nicht.

Wussten auch in diesem Fall die an dem Dreifachmord Beteiligten nicht, dass alle Genannten ihren Tod selbst herbeigeführt hatten? Später ergab sich, dass Christian Klar, Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt für den Anschlag verantwortlich waren. Es ergab sich außerdem, dass Mohnhaupt vor ihrer regulären Haftent-lassung von einer Liberalisierung der Gefängnisregeln profitiert hatte: Um den Verdacht der »Isolationsfolter« auszuräumen, ließ die Justiz die Gefangenen seit Juni 1976 täglich vier Stunden zusammenkommen. So wurde Brigitte Mohnhaupt, wie Klaus Pflieger berichtet, von den »Rädelsführern der RAF, nämlich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe ... systematisch auf ihre Aufgaben« draußen vorbereitet. Der Mord an Buback war offenbar eine dieser Aufgaben. Er hatte ein makabres Nachspiel, das in die Geschichte unseres Landes einging, ja bis in die Gegenwart nachwirkt. Zum ersten Mal bekannten sich Studenten und im Anschluss auch Universitäts-professoren indirekt dazu, Sympathisanten zu sein. Das heißt, sie bekannten sich dazu, es nicht offen sein zu wollen. Ein Autor namens »Mescalero« bekundete am 25. April 1977 in einem Nachruf auf den Generalbundesanwalt seine »klammheimliche Freude« über dessen Ermordung.

Als Reaktion auf die Empörung über diesen »Mescalero«Artikel taten achtundvierzig Universitätsprofessoren aus Berlin, Bremen, Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Hamburg offen kund, dass sie gegen des Studenten klammheimliche Freude nichts einzuwenden hatten. (Anm. Red.:. PISA aufgrund der Lehr-kräfte? Der Verfall Deutschlands > die Entropie, ) Sie veröffent-lichten ein zweites Mal den Text, den ursprünglich der Asta der Göttinger Universität herausgegeben hatte, und meinten hinzufügen zu müssen, dass aufgrund der »Gewaltverhältnisse« in Deutschland »jeder Ansatz sozialistischer Kritik und Praxis erstickt werden soll«. Deshalb »können sich faschistoide Tendenzen ungehindert breitmachen«. Es fehlte nur noch, dass die Ordinarien ankündigten, nun selbst zur Waffe zu greifen. Die Zeit, angesteckt von den grausamen Späßen des »Mescalero«, überschrieb ihren wohlwollenden Artikel mit »Fröhliche Gewalt«. Ich habe den »Mescalero«-Text gelesen, der den Deutschen half, den Dreifachmord schnell zu vergessen. Scheinbar wirbt er dafür, den bewaffneten Kampf aufzugeben, denn »Lächerlichkeit kann auch töten«. Zugleich empfiehlt er aber, »eine Militanz zu entfalten, die den Segen der beteiligten Massen« hat. Der Tonfall entspricht der eisigen Arroganz, wie man sie bei ideologischen Fanatikern findet. »Meine unmittelbare Reaktion«, so beginnt der akademische Anonymus, »meine >Betroffenheit< nach dem Abschuss von Buback ... « Ich stocke. Habe ich recht gelesen: »Abschuss«? Wie der Abschuss eines Hasen?

Eigentlich genügt dieses Wort schon, um den Verfasser als üblen Zyniker zu entlarven. Sein Triumph über die Mordtat drückt sich in einer ungehemmten Redefreudigkeit aus: »Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verbergen.« Wie paradox.

Wenn man sie nicht verbergen konnte, wollte und will, dann verbirgt man sie ja auch nicht. Dann ist es gar nicht klammheimlich, sondern offen, dass man sich über den Mord an drei Menschen freut. Über das Leid ihrer Familien, das Entsetzen eines Landes, dessen Grundgesetz auch durch diesen Generalbundesanwalt verteidigt wurde. Als Schlusspointe erfährt der Leser, dass der Ermordete eine »Killervisage« gehabt habe. »Ein bisschen klobig, wie? « kokettiert der Autor. »Aber ehrlich gemeint. «

Zwei Reaktionen von Persönlichkeiten sind überliefert, die damals dem zynischen Possenreißer geistig nahegestanden haben mochten und heute Ministerämter bekleiden. Jürgen Trittin, Student in Göttingen und Fachschaftsvertreter, lobte den Artikel noch in den neunziger Jahren als »radikal pazifistischen Ansatz«. Über den »Abschuss«, die »Militanz« der Massen und die »Killervisage« hatte er wohl hinweggelesen. Als Michael Buback, der Sohn des Ermordeten, den heutigen Umweltminister Jürgen Trettin fragte, ob er sich vom »Mescalero«-Nachruf auf seinen Vater distanziere, antwortete der: »Warum sollte ich?«

Auch der heutige Bundesaußenminister hat damals auf den Mord an Buback reagiert und dabei die folgenden RAF-Attentate in sein Resümee eingeschlossen. Mir erscheint sein Kommentar fast noch zynischer als der des »Mescalero«. Im Frankfurter Anarcho-Magazin Pflasterstrand, das Fischers Freund Daniel Cohn-Bendit herausgab, heute Spitzenkandidat der Grünen für das Europäische Parlament, schrieb Joschka Fischer 1978 über die ermordeten Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer, deren barbarische »Hinrichtungen« ganz Deutschland mit Entsetzen erfüllt hatten. »Bei den drei hohen Herren«, so der dreißigjährige Fischer, »mag in mir keine rechte Trauer aufkom-men, das sag ich ganz für mich.« Also klammheimlich, und eben doch in aller Öffentlichkeit.

Fischers böser Satz war im Jahr 2001 Thema einer Aktuellen Stunde des Bundestags, in der es um die Vergangenheit des Bundesaußenministers ging. Natürlich blieb die parlamentarische Aussprache ohne Konsequenzen für ihn, zumal er von seinen Parteifreunden vehement verteidigt wurde. Der Bundesrepublik, so stellten es die Grünen im Rückblick dar, sei durch die Militanz (MORD) der Linken ein Dienst erwiesen worden.

Helmut Schmidts Deutschland, so Claudia Roth, war damals durch »systematische Entrechtung, Berufsverbote, viel Hysterie« geprägt. Antje Vollmer ging noch weiter, indem sie der Opposition entgegenhielt: »Sie sollten froh sein, dass es uns gegeben hat. Die Republik sähe nämlich anders aus, wenn dieses Kapitel deutscher Geschichte ausgefallen wäre.«

Ich habe dieses Kapitel deutscher Geschichte 1977 in Paris zwar nur am Fernseher miterlebt, aber ich war damit von den Geschehnissen auch nicht weiter weg als die meisten meiner Landsleute. Und ich weiß nicht, was mir als die größere Tragödie erschien: die beispiellosen Verbrechen, die an Repräsentanten unserer Verfassung und damit an uns selbst begangen wurden. Oder die stillschweigende Billigung, ja Ermunterung durch die geistige Elite.

Am 30. Juli 1977 bekamen »Mescalero«, achtundvierzig deutsche Universitätsprofessoren und ihre Sympathisanten wieder Gelegenheit, klammheimliche Gefühle zu entwickeln.

Der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, soll zur Freipressung von RAF-Gefangenen entführt werden. Susanne Albrecht, eine Sympathisantin aus Hamburg, erweist den Terroristen Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Peter-Jürgen Boock den Freundschaftsdienst, sie in das Haus ihres Nenn-Onkels zu führen, wo sie zum Tee erwartet wird. Susanne überreicht »Onkel Jürgen« einen Rosenstrauß, ihre mitgebrachten Freunde nennt er im Scherz noch »ein großes Komitee«. Dann fallen sie über ihn her. Bei dem folgenden Handgemenge schießt Mohnhaupt mit ihrer Pistole mindestens fünfmal auf den Dreiundfünfzigjährigen. Auch Klar feuert mit. Ponto wird dreimal in den Kopf getroffen und stirbt. Die Rosenkavaliere flüchten.

Im Rechtfertigungsbrief findet sich die Behauptung, »Bundesanwaltschaft und Staatsschutz« hätten »zum Massaker an den Gefangenen ausgeholt«. Diese Lüge war wohl für die Sympathisantenszene bestimmt, die derlei begierig aufgriff, um sich ............
(Anm.: Wie können direkte und indirekte Helfershelfer der Mörder-Bande als >sympatisch<, als Sympathisanten dargestellt werden?. Ein Beweis für eine entropische>verfallende< Gesellschaft).

KAPITEL ZEHN

Die Kraft des Neubeginns

Wenn das vielfach geteilte Deutschland sich zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert einen Vorsprung gegenüber anderen Ländern erarbeitet hatte, dann im Bereich der Bildung. Deutsch-land galt, nicht nur bei den eigenen Bürgern, als Land der Dichter und Denker, und es war stolz darauf. Man eroberte die Welt nicht, wie die Kolonialmächte, mit Kanonen und Paragraphen, sondern mit Literatur und Wissenschaft. Deutsche Gelehrsamkeit galt als führend in der Welt, und die entscheidenden Erfindungen, die die Moderne prägen, stammten auch von deutschen Forschern und Technikern.

Diese Tradition muss heute als abgerissen gelten. Die wissenschaftliche Leidenschaft und Entdeckerfreude, die uns einst auszeichnete, ist auf andere Nationen übergegangen. Kulturelle Höchstleistungen, ob in Literatur, Musik oder bildender Kunst, in Film und Fotografie, kommen selten aus Deutschland.

Nobelpreise sind nur noch spärlich gesät. Dafür gelten heute die typischen Begleiterscheinungen des kolonialen Imperialismus, wie Kadavergehorsam, Militärgeist, Brutalität und nationaler Größenwahn, als Merkmale der deutschen Geschichte. Im verzweifelten Bemühen, diese teils selbstverschuldeten Charakteristika wieder abzustreifen, hat Deutschland das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und auch seine guten Wesenszüge als »Sekundärtugenden« über Bord geworfen. Man bewundert uns nur noch für unsere Autos. Kultiviertheit, Forschergeist und Bildung sucht man heute anderswo, zum Beispiel in Amerika.

In kaum einer Rede unserer Politiker und Funktionäre fehlt der Hinweis, dass unser Land den Mangel an Bodenschätzen und natürlichen Ressourcen durch den »Rohstoff« Geist ausgleichen muss. Im Intellekt und seiner Ausbildung liegt unser Kapital. Das heißt aber auch, dass uns nachlässige Bildung und geistige Trägheit langfristig in die Armut führen. Die PISA-Ergebnisse (»Program for International Student Assessment«, also »Programm zum internationalen Leistungsvergleich von Schülern«), die für die Zukunft das Schlimmste befürchten lassen, liegen uns seit Dezember 2001 vor. Ich rief damals die Redaktion von Sabine Christiansen an, um dringend dieses Thema zu empfehlen. Zunächst war meinem Gesprächspartner nicht einmal klar, was PISA bedeutete. Unserem die Toscana liebenden Bundeskanzler war es ähnlich ergangen, als er in einer Rede behauptete, diese Studie sei »nach einer norditalienischen Stadt« benannt.

Nach einiger Zeit hat PISA dann doch gewaltige Wellen geschlagen. Nur leider die falschen. Während von staatlich finanzierten Bildungsinstituten wie dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel oder dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen wissenschaftlich abgesicherte Vorschläge erarbeitet wurden, wie sich unser PISA-Problem lösen ließe, griffen Schröder und Bulmahn zur Hauruckmethode: 10.000 Ganztagsschulen mussten her. Und das, obwohl kein namhafter Wissenschaftler dies für das geeignete Rezept hielt. Ganz abgesehen vom verfehlten Weg, der damit eingeschlagen wurde, ist es doch erstaunlich, wie leichtfertig hier mit den Vorschlägen unserer Fachwissenschaftler umgegangen wird. Man stelle sich vor: Da arbeiten Hunderte von Forschern aufgrund empirischer Erhebungen an der Entwicklung neuer Schulformen und besserer didaktischer Methoden, und unsere kühnen Bildungspolitiker verschreiben statt dessen einen Schluck aus ihrer Zaubertrunkflasche. Aber es ließ sich eben wunderbar in den Wahlkampf 2002 einbauen.

In Wahrheit ging es ihnen gar nicht um eine Hebung des Bildungsstandards. Man nutzte PISA zunächst nur, um die eigenen Wahlchancen zu verbessern und eine fixe Idee des sozialistischen Menschenbilds durchzusetzen. Vater Staat beansprucht nämlich nicht nur die Lufthoheit über den Kinder-betten, sondern auch über den Schulklassen. Prinzipiell bin ich auch für Ganztagsschulen oder nachmittägliche Betreuung der Schüler. Vorausgesetzt, dass sie dabei mehr lernen und bessere Ergebnisse erzielen. So, wie es gehandhabt wird, führt es allerdings nur zu einer gigantischen Täuschung der Bürger, denen man auf die Nase bindet, ihre Kinder bekämen jetzt eine bessere Ausbildung. Denn die meisten Gemeinden, die das Angebot des Bundes annahmen, bieten den Kindern keinen zusätzlichen Unterricht, sondern Suppenküche am Mittag und Betreuung für den Nachmittag. Die Eltern werden staunen, wenn die nächste PISA-Studie kommt. < Ende der Auszüge

Anm. der Redaktion: die PISA-Studie im November 2004, bestätigt den andauernden Verfall der Deutschen Nation (soziale Entropie). >>... Von 41 Staaten fiel Deutschland auf Platz 20 „Lernen in Schule und Beruf“, auf Platz 16, nach Platz 20 in Naturwissenschaften und in Mathematik auf Platz 17, nach Platz 20, das einst führende Deutschland ist nur noch Mittelmaß, dank der Experimente der 68er.
Zum Verständnis der Verhaltensstörungen von Teilen der 68er lesen Sie bitte "Unmögliche Inszenierungen".

kambodschanische Führer Pol Pot befahl gerade zu der Zeit millionenfachen Mord, als seine Genossen an den deutschen Universitäten für ihn Geld sammelten und die gewaltsame Einführung seiner Ideologie planten. Dass es einen Kommunismus »mit menschlichem Antlitz« geben könnte, gehörte zu den Illusionen der deutschen Weltverbesserer.

Wenn ich in den vergangenen Jahren kommunistische Länder wie China oder Kuba bereiste, gab ich mich immer auch als Vertreter von Amnesty International zu erkennen. Dabei legte ich den Machthabern nicht nur eine Liste mit Investitionswünschen, sondern auch eine Aufstellung mit Menschenrechtsverletzungen vor, die in ihrem Land begangen wurden. Als ich 1996 in Peking dem Mann gegenübersaß, der für das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens mit verantwortlich gemacht wurde, zeigte dieser sich gut informiert. Noch bevor ich über gemeinsame Projekte referieren konnte, nahm Li Peng das vorweg, was ich eigentlich erst später ansprechen wollte: »Ich weiß ja«, sagte er, »dass Sie bei Amnesty International sind.« Ich war verblüfft, da dies nicht einmal dem BDI bekannt war. Nachdem Li Peng mir die Vorteile des »Drei-Schluchten-Projekts« dargestellt hatte, erklärte er, dass er nicht den »chaotischen« russischen Weg gehen wolle, womit er die Liberalisierung durch Gorbatschow meinte, sondern einen eigenen chinesischen Weg. »Aber warum«, entgegnete ich ihm, »muss dieser mit so viel Blut begossen werden?«

Auch Fidel Castro, den ich seit 1998 dreimal auf Kuba besucht habe, konfrontierte ich mit Menschenrechtsfragen, denn nach wie vor regiert diese bärtige Ikone der deutschen Linken mit diktatorischer Härte, zu der auch die Todesstrafe gehört. Schon bei unserem ersten Gespräch erzählte ich ihm von meiner Mitgliedschaft bei Amnesty International. »Comandante«, sagte ich zu ihm, »überlegen Sie sich einmal, wenn Sie die Todesstrafe abschafften, welchen Vorsprung Sie dadurch in den Augen der Weltöffentlichkeit gegenüber Amerika gewännen.« Ausdrücklich bat ich ihn um Begnadigung von drei Drogenhändlern, die gerade zum Tode verurteilt worden waren, und überreichte eine Petition zugunsten eines inhaftierten Journalisten. Mehrmals habe ich versucht, auf Castro sozusagen mildernd einzuwirken, ihm auch meine Empörung mitgeteilt, als er 2003 drei Männer hinrichten ließ, die eine Fähre in Richtung USA entführt hatten. Mein letzter Versuch datiert vom Mai 2004, als ich dem kubanischen Botschafter eine Petition mit dreihundertfünfzig Unterschriften übergeben habe, in der die Freilassung von fünf Journalisten gefordert wird. Wie üblich, erhielt ich keine Antwort aus Havanna und kann nur hoffen, dass der Diktator Gnade walten lässt. Aber ehrlich gesagt, bezweifle ich es.

Gerade aufgrund solcher Erfahrungen mit dem Kommunismus frage ich mich, wie sich dies menschenverachtende Denken so lange in der deutschen Intelligenz halten konnte. Und ich frage mich, wie sich im Namen dieser offensichtlich inhumanen Ideologie terroristische Organisationen in Deutschland etablieren konnten, in einem Staat, der seinen Bürgern unendlich viel mehr an Freiheit, Selbstbestimmung und Grundrechten einräumt als jedes kommunistische Land. Wer lieferte den Terroristen die intellektuelle Rechtfertigung, das »gute Gewissen« beim Töten? Wer versorgte sie mit Geld, Sprengstoff und Schusswaffen? Wer bot ihnen Verstecke, aus denen heraus sie Geiseln nehmen und Menschen ermorden konnten? Jedes Unternehmen, auch ein wahnsinniges, braucht eine Logistik. Ohne solide »Basis« ist Terror nicht möglich.

Bei der Beschäftigung mit den Untaten des Nazismus sind die Historiker längst dazu übergegangen, neben den Hauptschuldigen Hitler und Konsorten auch die »Elite«, die sie tragende Infrastruktur, in die Verantwortung zu nehmen. Ich frage mich, warum dies nicht auch für die Untaten des Terrorismus gelten soll? Auch er konnte nur existieren, weil er auf einer Grundlage operierte, die ihn tendenziell förderte. Man nannte diese Hilfswilligen damals »Sympathisanten«. Dieses Wort gefiel mir nie, denn es steckt zu viel von Sympathie darin, wo es doch nur um Hass ging. Weil man die Gesellschaft hasste, half man den Mördern. Unter anderem, indem man ihnen ein gutes Gewissen verschaffte und »klammheimliche Freude« signalisierte.

Heute scheint es bereits einen eigenen Kult um die Mörder von damals zu geben. Nicht anders lässt sich die Debatte um eine Ausstellung verstehen, die ab Ende 2004 den Deutschen in Berlin den »Mythos RAF« vor Augen führen soll. Unter Mythos versteht man eigentlich immer etwa Positives, wie man umgekehrt wohl kaum von einem »Mythos Hitler« sprechen würde, ohne in Naziverdacht zu kommen. Das Projekt sollte ursprünglich vom Hauptstadtkulturfonds mit 100 000 Euro gefördert werden, bis den Verantwortlichen vermutlich aufging, dass hier auf fragwürdige Weise Verbrechen glorifiziert werden sollen. Der Zuschuss wurde zurückgezogen, der »Mythos« wird dennoch vorgeführt.

Fast zur gleichen Zeit sah ich die berühmten RAF-Gemälde, die einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler, Gerhard Richter, 1988 fertiggestellt und 1995 an das Museum of Modern Art (MoMA) in New York verkauft hatte. Richter gehört zu meinen Lieblingsmalern, der, wie seine gegenständlichen Bilder zeigen, im Gegensatz zu einigen seiner Berufskollegen auch im wahrsten Sinn des Wortes sein Handwerk beherrscht. In der großen Berliner Ausstellung des MoMA, auf die ich später noch zu sprechen komme, waren seine Erinnerungen an die Terrorzeit zu sehen, verwischte Momentaufnahmen aus dem Leben der »Rote Armee Fraktion«. Natürlich wirken diese Bilder wie Ikonen, rätselhaft und suggestiv zugleich, und ich wünschte mir, dass irgendein Künstler auch einmal ihren Opfern solchen Respekt erwiesen hätte.

Alte Wunden waren unversehens in mir aufgebrochen. Ich habe diese Zeit verdrängt und versucht, die Schrecken jener Jahre zu vergessen, in denen auch ich zum potentiellen Anschlagsziel geworden war.

Zufällig entdeckte ich in einer Buchhandlung ein 2004 erschienenes Werk über die »Rote Armee Fraktion«, geschrieben von dem Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger, der als Bundesanwalt an mehreren RAF Prozessen teilgenommen hatte. Die Lektüre versetzte mich lebhaft in jene Zeit zurück und bot mir zugleich eine neue Sichtweise, zu der die kompakte, zeitraffende Darstellung beitrug. Zum ersten Mal wurden Tatvorbereitung, Ausführung und juristische Aufarbeitung nüchtern nebeneinandergestellt. Gleich eingangs wies der Autor darauf hin, dass »von den knapp 100 RAF-Mitgliedern, die im Laufe der Jahre festgenommen werden konnten, die meisten wieder auf freiem Fuß sind und sich auch von jenen, die zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden sind, nur noch wenige in Haft befinden«. Natürlich kann ich es verstehen, wenn Angehörige der Opfer darüber unglücklich sind. Andere sollten sich mit ihrer Kritik daran aber zurückhalten. Das Recht muss für alle gleich gelten.

Vom »Mythos RAF« bleibt nach der Lektüre nichts übrig. Die Behauptung des Vize-Fraktionschefs der Grünen, Hans Christian Ströbele, wonach »die Mitglieder der RAF Menschen mit sehr starkem humanistischem Engagement« waren, erscheint mir schlichtweg pervers. Denn nicht Menschenliebe leitete die Operationen des Terrorbundes, sondern Lüge, Täuschung und Meuchelmord. Während ich Pfliegers Chronik las, begann ich zusätzlich im Internet zu recherchieren, denn die Frage, wie sich ein solches Mord- und Erpressungssystem so lange halten konnte, beantwortete auch er nicht. Bereits der Einstieg in den Terror hätte zynischer nicht sein können: Die RAF ließ sich von einem Kaufhausbrand in Brüssel inspirieren, bei dem im Mai 1967 rund 300 Menschen ums Leben gekommen waren. Zwar kosteten die Brände, die daraufhin in deutschen Warenhäu-sern gelegt wurden, keine Menschenleben, doch waren die ersten Morde schon 1970 in Planung. Im Juni konnte man im Spiegel Ulrike Meinhofs unglaublichen Satz über Polizisten lesen: »Der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch ... es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden!« Gelernt haben Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin ihr Handwerk 1970 in einem Lager von Jassir Arafats Fatah-Organisation. Ab 1971 wird scharf geschossen, die ersten drei Opfer sind Polizisten, gefolgt von vier amerikanischen Soldaten. Man tötet mit Sprengstoff und lädt die Waffen am liebsten mit »Hohlspitzmunition, die beim Auftreffen auf den menschlichen Körper aufpilzt«. Ein solches Geschoss zerreißt Kriminalhauptkommissar Hans Eckhardt am 2. März 1972 den Unterleib. Schon im Mai desselben Jahres versucht man, Bundesrichter Buddenberg mit seinem Auto in die Luft zu sprengen. Seine Frau Gerda, die allein in den Wagen steigt, wird von Splittern erheblich verletzt. Man zielt also auf Repräsentanten eines modernen Rechtsstaats, der von seinen Bürgern akzeptiert und in freien Wahlen bestätigt wird. Hat man sich je gefragt, wodurch dieses Vorgehen gerechtfertigt oder demokratisch legitimiert war? Später reichten viele Intellektuelle eine Art Rechtfertigung nach, indem sie der Bundesrepublik nachzuweisen suchten, dass sie gar kein Rechtsstaat war. Und viele glaubten es ihnen sogar, obwohl gerade die Offenheit dieser Debatte die Freiheitlichkeit unseres Staates bewies.

Als die Hauptakteure des Terrors im Sommer 1972 verhaftet werden, beginnt die eigentliche Propagandaschlacht. Da sie als gefährliche Gewalttäter in Einzelhaft kommen, klagen sie, unterstützt von manchen ihrer Anwälte, über »Isolationsfolter«. Als sich die Europäische Menschenrechtskommission damit befasst, kommt sie zu dem Ergebnis, dass die Beschwerden unbegründet sind. Um ihre Zusammenlegung zu erzwingen, beginnen die Häftlinge einen europaweit verfolgten Hungerstreik. Die dadurch notwendige Zwangsernährung wiederum löst Proteste gegen die »sadistische Folter« aus. Die linken Medien, die von den Anwälten munitioniert werden, überschlagen sich in Sympathiebekundungen. Selbst der Philosoph Jean-Paul Sartre eilt 1974 herbei, um Solidarität zu bekunden. Begleitet wird er von Joschka Fischers Freunden, dem Berufsrevolutionär Daniel Cohn-Bendit und dem späteren Opec-Attentäter Hans Joachim Klein.

Noch effektiver als die Unterstützung von außen ist die Solidarität, die den RAF-Mördern innerhalb der Haftanstalt entgegengebracht wird. Andreas Baader erfindet ein System, mit dem sich die Kontaktsperre zwischen den Häftlingen überwinden lässt, und einige RAF-Verteidiger bieten sich als Helfer an. Die Täuschung besteht nicht nur darin, dass man Botschaften und Radios, später sogar zwei Pistolen und sechs Stangen Sprengstoff in die Zellen schmuggelt. Weit gravierender scheint mir, dass Menschen, die dem freiheitlichen Rechtsstaat den Krieg erklärt haben, dessen Freiheiten heimtückisch ausnutzen. Verteidiger Hans-Christian Ströbele, der unter anderem Holger Meins und Brigitte Mohnhaupt versorgte, wurde deshalb 1980 zu zehn Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt. Heute tritt er, als einziger direktgewählter Abgeordneter der Grünen, medienwirksam mit rotem Schal vor die Kameras und schulmeistert die Nation. Wie eigenartig, dass ein Mann, der von der Nachsicht des strafenden Staates profitiert hat, in Untersuchungsausschüssen besonders unnachsichtig nach der strafenden Gewalt des Staates ruft.

Eine Konsequenz des klandestinen Infosystems bestand darin, dass Andreas Baader Befehle nach draußen geben konnte, etwa den Überfall auf »Sprengstoffbunker in Steinbrüchen« oder die Geiselnahme von Parlamentsabge-ordneten zu seiner eigenen Freipressung. Per Zellenpost befahl Baader 1974 seinen Mitstreitern: »Ich denke, wir werden den Hungerstreik diesmal nicht abbrechen. Das heißt, es werden Typen dabei kaputtgehen.« Am 9. November 1974 hat Holger Meins sich tatsächlich zu Tode gehungert.

Tags darauf wird der Präsident des Berliner Kammergerichts, Günter von Drenkmann, ermordet. Unter dem Vorwand, ihm Fleurop-Blumen zu bringen, verschafft man sich Zugang zu seiner Wohnung und feuert aus nächster Nähe zwei Hohl-spitzgeschosse in seine Brust. Am nächsten Tag liest man als Begründung im »Bekennerschreiben«: »Gestern ist der Revolutionär Holger Meins dem Justizmord zum Opfer gefallen. « Schon im März 1975 sind einige der RAF-Häftlinge, die Holger Meins nicht in den Hungertod folgen wollten, wieder in Freiheit. Peter Lorenz, CDU-Spitzenkandidat bei den Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus, war von der »Bewegung 2. Juni« entführt, mit dem Tod bedroht und erst freigelassen worden, nachdem mehrere RAF-Leute wieder auf freiem Fuß waren. Ermutigt durch die erfolgreiche Erpressung, besetzt eine neue RAF-Gruppe im April 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm, um weitere Gefangene freizupressen. Man nennt sich, wohl zur Rechtfertigung des eigenen Vorgehens, »Kommando Holger Meins«. Vorgegangen wird so, dass nach Ablauf eines Ultimatums ein RAF-Mann dem Militärattache Andreas von Mirbach in den Kopf schießt und ihn dann schwer verletzt die Treppe hinabstößt, wo er eine Dreiviertelstunde lang unversorgt verblutet.

Das nächste Opfer, Wirtschaftsreferent Heinz Hillegaart, wird demonstrativ an ein Fenster geschickt, wo man ihm ebenfalls in den Kopf schießt. Als eine von den Terroristen ange-brachte Sprengladung, wohl versehentlich, hochgeht, werden zwei von ihnen, darunter Siegfried Hausner, tödlich verletzt.

Die Bewegung, und mit ihr eine breite Schicht von Sympathisanten, bekommt 1976 ihre erste Märtyrerin. Ulrike Meinhof erhängt sich. Zur Propaganda, die schon nach Holger Meins' Tod funktioniert hatte, gehört es, dass ihr zweifelsfreier Suizid als »Justizmord« dargestellt wird. Dank Klaus Pfliegers Buch lässt sich aus den Botschaften, die zwischen den Gefangenen gewechselt wurden, ein klares Bild ableiten: Ulrike Meinhof hatte sich innerlich von ihren Mitgefangenen Andreas Baader und Gudrun Ensslin entfernt, und beide warfen ihr »Verrat« vor. Ihr blieb nur die Alter-native, so Ensslin, »raf oder tot«. Meinhof antwortete mit

Vorwort

Und sie dreht sich doch, die Stimmung in unserem Land. Dass unser neuer Bundespräsident so ohne weiteres sagen kann, er liebe Deutschland und wünsche ihm Gottes Segen, war jahrzehntelang undenkbar. Heimatliebe war tabu. Hatte einst Bundespräsident Gustav Heinemann trocken bemerkt, er »liebe nur seine Frau«, so wollte sein Amtsnachfolger Johannes Rau schon deshalb auf Deutschland nicht stolz sein, weil man »nur auf eigene Leistungen stolz sein« könne.

Ich habe mich damals gewundert, dass man ihm das abgenommen hat. Denn die ganze Welt denkt in diesem Punkt anders. Liebe zum eigenen Land, auf das man stolz ist, wird überall als Selbstverständlichkeit angesehen. Und keinem fiele es ein, dies dem Nachbarn zu verwehren. Ob die Menschen nun »Vive la France« oder »God bless America« rufen, sie alle wissen, dass Patriotismus zu den Grundvoraussetzungen eines erfolgreichen Gemeinwesens gehört, und nicht nur des eigenen. Den Bann, der über Deutschland lastete, hat Horst Köhler gebrochen und mit dem Bekenntnis zur Heimat, das er bei seinem Amtsantritt ablegte, einen Paradigmenwechsel eingeleitet.

Heute stehen wir, davon bin ich überzeugt, an einem Wendepunkt unserer Geschichte. Seit Jahrzehnten hat sich Deutschland in eine Sackgasse manövriert, aus der es keinen Ausweg zu geben schien. Überall drohten Verbotsschilder und Tabus, zu denen auch jenes gehörte, das eigene Land nicht lieben zu dürfen. Jeder Versuch, sich aus eigener Kraft zu befreien, endete in einer der zahllosen Selbstblockaden aus ideologischen Dogmen und Paragraphen. Da aber die Welt weiterschreitet, bedeutete unser Stillstand ein ebenso langsames wie unaufhaltsames Absinken. Horst Köhler brachte am ersten Tag seiner Präsidentschaft den Mut zu der Frage auf, »ob es uns egal sein kann, dass unser Land nicht wächst und gedeiht, im globalen Wettbewerb zurückfällt und einer der Motoren Europas immer mehr ins Stottern gerät«.Wie der Bundespräsident und unzählige Mitbürger will auch ich mich nicht damit abfinden. Seit vielen Jahren suche ich nach Auswegen aus dem deutschen Dilemma. Alle meine Bücher, Reden und Medienauftritte sind Befreiungsversuche, mit denen ich Mut zur Veränderung machen will: Mut dazu, den eigenen Spielraum zu nutzen und die »Macht der Freiheit« zu begreifen. Mut dazu, sich auf vergessene Tugenden zu besinnen und der Freiheit eine Ethik an die Seite zu stellen, die Rücksicht auf die Mitmenschen nimmt, ja sie auf den Weg des Erfolgs »mitnimmt«. Wenn ich in meinem letzten Buch von einer »Ethik des Erfolgs« sprach, so meinte ich damit nicht, wie Kritiker unterstellten, den geschäftlichen Erfolg für wenige, sondern den gesellschaftlichen Erfolg, an dem alle teilhaben.

Wie bloße Freiheit gefährlich werden kann, wenn sie nicht durch ethische Normen »gezähmt« wird, so bleibt die Suche nach einem Ausweg so lange sinnlos, als man darüber deren Zweck vergisst: dass man irgendwann anfangen muss mit der Befreiung. Viele glauben die Rezepte zu kennen, mit denen Deutschland sich aus seiner politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lähmung lösen kann. Aber noch fehlt der Mut und vor allem der Glaube daran, dass unsere Gesellschaft auch die nötige Kraft dazu aufbringen könne.

Wie also steht es mit unserer »Kraft des Neubeginns«? Manche meinen, das Land sei reformunfähig, durch jahrzehntelange Selbstblockade unbeweglich geworden. Dieser Eindruck drängt sich auf, aber ich teile ihn nicht. Was uns fehlt, ist das Vertrauen in die Eigendynamik jedes Aufbruchs. Dynamik entsteht nicht von selbst, sondern setzt Bewegung voraus. Nur wer startet, kommt auch in Schwung. Nur wer den Neubeginn wagt, mobilisiert damit auch die nötigen Kräfte. Wer wagt, gewinnt, heißt es. Und wer seine Risikoscheu überwindet, für den hat, ehe er sich's versieht, der neue Weg schon begonnen.

Die Kraft, die ich meine, ist ein altvertrautes Phänomen. Kürzlich habe ich Heinrich Heines bittersüße Liebeserklärung an sein Vaterland wiedergelesen. In Deutschland, ein Wintermärchen, 1844 im Pariser Exil verfasst, sieht er sich mit klopfendem Herzen nach Hause zurückkehren. »Seit ich auf deutsche Erde trat«, schreibt er, »durchströmen mich Zaubersäfte - Der Riese hat wieder die Mutter berührt, und es wuchsen ihm neu die Kräfte.« Dass der deutschjüdische Dichter damit nicht den Hurrapatriotismus des »Deutschland über alles« meinte, versteht sich von selbst. Aber ebenso unbestreitbar scheint mir das, was er im Herzen fühlte: die Liebe zum Vaterland, die ihm neue Kräfte schenkte.Interessant finde ich, dass Heine von Deutschland als der »Mutter« spricht. Man sagt ja auch »Muttersprache«. Steht der Begriff »Vaterland« für eine gewisse »väterliche« Strenge, die manchen zurückstoßen mag, so klingt »Mutterland« bergend und sanftmütig, »mütterlich« eben. Vielleicht könnte man sogar so weit gehen, der Trauer, die wir mit der Geschichte unseres Vaterlandes verbinden, ein Gefühl der Ermutigung und der wiederkehrenden Kraft zur Seite zu stellen, die wir unserem Mutterland verdanken.

Ich will in diesem Buch von meinen eigenen Erfahrungen berichten, von Deutschland als dem Land meines Vaters, der im Krieg gefallen ist, und dem Land meiner Mutter, die uns drei Geschwister durchgebracht hat. Oft habe ich mich gefragt, woher diese Frau, deren Existenz zertrümmert war, die Kraft genommen hat. In diesem Buch versuche ich, eine Antwort darauf zu geben. Auch auf die Frage, wie Deutschland den Neubeginn geschafft hat, nach Jahrzehnten der Diktatur, der Entbehrung und des unvorstellbaren Grauens.

Über Deutschland ist, so meine ich, genug und ausdauernd gerichtet worden. Ich erlaube mir, in diesem Buch ein wenig darüber zu philosophieren. Ich blicke auch zurück in eine Vergangenheit, die ich mir düsterer kaum vorstellen kann: die Zeit des Bombenkriegs, in der unser Leben ein beständiger Notstand war, gipfelnd in bitterem Schmerz. Ich begegne einer Familie, die erst ihr Haus, dann den Vater verlor. Ich erlebe, wie das geschlagene Land sich langsam wieder erhob, und wie ich selbst lernte, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich stelle mich auch jener Epoche, die heute verdrängt ist, weil sie nicht ins politische Weltbild passt: den Jahren des Terrors der RAF und anderer Menschheitsbeglücker, in denen sich eine Blutspur durch unser freies Land zog. Was ich erlebte, haben Millionen erlebt. Ich schreibe es auch stellvertretend für sie. Und stellvertretend für die Kraft, der dieses Buch gewidmet ist, erzähle ich, wie ich die Wiedergeburt der Dresdner Frauenkirche von Anfang an miterleben durfte, dieses wahrhaftige Wunder unserer Zeit.

Ich wage auch einen Blick in eine Zukunft, die sich so viele Deutsche heute erträumen. Was wäre, wenn unser Land seine selbstgeschmiedeten Fesseln abwürfe? Wenn es sich selbst, seine Geschichte und die Werke, mit denen es die Menschheit bereicherte, wieder annehmen könnte? Wenn es endlich das alte Grundgesetz von 1949 den Bedingungen der Moderne anpassen und die schöpferischen Kräfte unseres Volkes freisetzen würde?

»Deutschland soll ein Land der Ideen werden«, sagte Horst Köhler nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten. Wie es dies, so möchte ich hinzufügen, in seiner langen Geschichte fast immer gewesen ist. »Aus deutschem Boden«, so schrieb einst der deutschjüdische Schriftsteller Ludwig Börne, »sind alle jene großen Ideen hervorgegangen, die von geschickteren, unternehmenden oder glücklicheren Völkern ins Werk gesetzt und benutzt worden sind. «

Es wäre schön, wenn man eines Tages über uns sagen könnte, wir Deutschen seien nicht nur ein geschicktes und unternehmendes, sondern auch ein glückliches Volk.

Hans-Olaf Henkel, Berlin, im August 2004

KAPITEL DREI

Die Opfer nicht vergessen

»Die Verantwortung für unsere Geschichte«, so erklärte unser Bundesaußenminister im Herbst 2003, »bestimmt die Grundlagen unserer Demokratie.« Und Joschka Fischer, so scheint es, bestimmt auch, was zu dieser Geschichte gehört. Hauptsächlich ist das wohl der »Prozess der deutschen Selbstzerstörung«, wie er bei gleicher Gelegenheit der Zeit sagte. Und der habe durchaus nicht erst mit dem Dritten Reich begonnen, sondern weit früher. Wenn es eine solche »Selbstzerstörung« gegeben hat, so möchte ich hinzufügen, hat sie nicht mit dem Dritten Reich aufgehört, sondern weit darüber hinaus gereicht. Ich habe sogar den Verdacht, der »Prozess der deutschen Selbstzerstörung« dauert heute noch an. Aber darüber will keiner sprechen. Auch nicht über jenes verdrängte Kapitel deutscher Geschichte, dessen Opfer heute fast vergessen sind. Ich spreche nicht vom Holocaust, der zu Recht nicht vergessen ist und dem Deutschland ein bedrückendes Mahnmal erbaut, das weltweite »Unvergleichlichkeit« beanspruchen kann. Ich spreche auch nicht von den unschuldigen deutschen Zivilopfern des letzten Weltkriegs, deren Zahl viele Millionen erreicht, und die zwar nicht völlig vergessen sind, denen Bundesaußenminister Fischer aber auch kein Mahnmal in Form eines Zentrums über Vertreibung zugestehen will.

Die Epoche, die ich meine, liegt nicht lange zurück. Ich spreche von den Jahren, in denen unser Land durch hausgemachten Terror erschüttert wurde, in ständiger Angst vor »Hinrichtungen« mit Schusswaffen, vor Bombenattentaten, Flugzeugentführungen und sonstigen Gewaltakten. Zwischen den brennenden Kaufhäusern von 1968 und dem Mord an einem Polizeibeamten in Bad Kleinen 1993 erstreckte sich ein Vierteljahrhundert, in dem unsere parlamentarische, von der überwältigenden Mehrheit des Volkes bejahte Demokratie von einer Minderheit als »faschistisch« verleumdet, eingeschüchtert und erpresst, kurz: »terrorisiert« wurde. Gegen das frei gewählte Bonner Parlament erstand eine »Außerparlamentarische Opposition« (APO), die sich erst antiautoritär und emanzipatorisch, dann gewalttätig und diktatorisch gerierte. Die Mordopfer ihres »militanten« Kerns zählen ein halbes Hundert, darunter viele Repräsentanten des Staates und der Volkswirtschaft, die gedemütigt, gequält, »erledigt« wurden. Eigenartig, dass sich zwar alljährlich ein Trauerzug von Tausenden Deutschen zum Grab der für den totalitären Kommunismus kämpfenden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aufmacht, die 1919 auf schreckliche Weise ermordet wurden, während die frischen Gräber derer, die seit den siebziger Jahren für die Demokratie sterben mussten, vergessen scheinen.

Während meiner Auslandszeit als IBM-Manager habe ich das Entstehen und die fortschreitende Radikalisierung der APO in Deutschland aufmerksam verfolgt. Zu ihren Grundüberzeugungen gehörte von Anfang an die Feindschaft gegenüber der Wirtschaft, sowohl was die einzelnen Unternehmen als auch was das Prinzip der Marktwirtschaft selbst betraf, gleichviel ob mit der Hinzufügung »sozial« oder ohne sie. Der Zusammenhang zwischen dem funktionierenden Sozialstaat und einer funktionierenden Unternehmenskultur war ihnen unbekannt. Ab Mitte der siebziger Jahre ging man dazu über, die Wirtschaft nicht mehr nur ideologisch zu verteufeln, sondern ihre führenden Vertreter zur Hölle zu schicken.

Damals wurde europaweit Jagd auf Politiker und Wirtschaftsführer gemacht. Wie die RAF in Deutschland, operierten in Frankreich die Action Directe, in Italien die Brigate Rosse, alle unterstützt von arabischen Terrororganisationen und, wie sich nach der Wende herausstellte, teilweise auch von der Stasi. Ich erinnere mich an einen Besuch in Italien Mitte der siebziger Jahre, wo ich, aus dem IBM-Flugzeug steigend, am Fuß der Gangway einen gepanzerten Alfa Romeo mit Polizeilicht auf mich warten sah. Es war das erste Mal, dass ich in einer Panzerlimousine mit fünf Zentimeter dicken Fensterscheiben fuhr. Neben den »Roten Brigaden«, die 1978 den christdemokratischen Parteivorsitzenden Aldo Moro entführen und ermorden sollten, drohte damals auch von der Mafia Gefahr, die reiche Leute als Geiseln nahm, um Lösegeld zu erpressen.

Was mich besonders erstaunte, war die ideologische Begründung der deutschen Außerparlamentarier, ob sie nun gemäßigt oder terroristisch waren: Sie erklärten den Wohlstands- und Sozialstaat Bundesrepublik, der seit 1969 maßgeblich von Sozialdemokraten regiert wurde, für »faschistisch« und »repressiv«, während ihnen andere politische Modelle als Paradiese auf Erden erschienen. Die einen propagierten den leninistisch-stalinistischen Sowjetstaat und Albanien als Vorbild, andere gingen für das chinesische Modell Maos auf die Straße, für die Volksrepublik Vietnam des »Ho-Ho-Ho Tschi Minh« und später für das Kambodscha Pol Pots. Auch Kuba gehörte zu den Favoriten der deutschen Linken. Je exotischer, desto besser. An dieser Diktaturverherrlichung der antiautoritären Wohlstandskinder schien mir von Anfang an zweierlei fragwürdig: Erstens, wie ihnen entgehen konnte, dass sich diese Staaten, rein ökonomisch betrachtet, als Fehlgriffe erwiesen, die der weltwirtschaftlichen Entwicklung um Jahrzehnte hinterherhinkten. Wo immer ich arbeitete, gehörte das zum Allgemeinwissen. Nur die deutsche Linke hatte es nicht mitbekommen. Weit schwerer wog für mich aber der zweite Punkt: dass den deutschen Träumern die Menschenrechts-verbrechen, die in den angeblichen Arbeiterparadiesen begangen wurden, gleichgültig zu sein schienen. Stalins Schreckensherrschaft kostete Millionen Menschenleben, hielt weitere Millionen als Gulag-Sklaven, und terrorisierte neben der Sowjetunion auch ganz Osteuropa. Maos Kulturrevolution, die seit ihrem Ausbruch 1966 unsere Studentenherzen höher schlagen ließ, kostete ebenfalls Millionen Opfer und stürzte China jahrelang ins Chaos. Der


Die Kraft des Neubeginn, RAF Bande, Die Grünen, Joschka Fischer, Mordanschläge
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