Psychoanalyse


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Inszenierungen des Unmöglichen
 
Psychoanalyse / Psychiatrie

Pornografisierung der Gesellschaft
- zeitdiagnostisches Stichwort,
exhibitionistisch-voyeuristischer Komplex

- psychoanalytisches Stichwort.

In der jüngsten Zeit werden kulturell geschaffene
Intimitätsschranken und Schamgrenzen,
die jahrhundertelang gültig
waren und zum Kernbestand jeder Kultur gehören,
wieder aufgelöst.

  >Auszüge<

 

Inhalt

Persönlichkeitsstörung und szenische Inszenierung:
neuere theoretische Zugänge 29

Einleitung 29
CHRISTA ROHDE-DACHSER:
„In den Himmel kommen, ohne zu sterben" - Inszenierungen
des Unmöglichen als Selbsterhaltungsstrategie 36
WERNER BOHLEBER:
Trauma und Persönlichkeitsstörung 6o
JÜRGEN KIND.
Kränkung und destruktiver Narzißmus. Zum Zerstörungs-
potential von Selbstobjektbeziehungen 76
WULF HÜBNER:
Wenn aus Wörtern wieder Sachen werden. Überlegungen zur
Theorie der symbolischen Gleichsetzung 106
ULRICH STREECK:
"... sondern er benimmt sich in solcher Weise gegen den Arzt."
Über nichtsprachliches Verhalten im therapeutischen Dialog mit strukturell gestörten Patienten 131

2) Über die Rolle szenischer Inszenierungen im psychoanalytischen Behandlungsprozeß 155
Einleitung (Christa Rohde-Dachser) 155
PETER FONAGY:
Das Versagen der Mentalisierung und die Arbeit des Negativen .. 163
KLAUS GRABSKA:
Die Desobjektalisierung des Psychoanalytikers 187
ROSINE J. PERELBERG:
Gewalt und ihre Abwesenheit im psychoanalytischen Prozeß .... 210
INGO FOCKE:
Das Schicksal unerträglicher Affekte in der Übertragung 227
EDELTRAUD PUTZ-MEINHARDT:
„Ich klaue, also bin ich." - Über die psychoanalytische
Behandlung einer kleptomanischen Patientin 245
WALTER MARGGRAF:
Die Pervertierung des psychoanalytischen Prozesses als
Widerstand gegen Veränderung 269

3) Schwere Persönlichkeitsstörungen in der Außenper-spektive: entwicklungspsychologische, soziologische und philosophische Aspekte 291
Einleitung (Christa Rohde-Dachser) 291
MARTIN DORNES:
Mentalisierung, psychische Realität und die Genese
des Handlungs- und Affektverständnisses in der frühen Kindheit .... 297
REIMUT REICHE:
Früh, tief, schwer - Probleme psychoanalytischer Zeitdiagnose, dargestellt an „ Big Brother - erste Staffel" 339
BERNHARD WALDENFELS:
Gelebte Unmöglichkeit 371
H
erausgeber, Autorinnen und Autoren 393


CHRISTA ROHDE-DACHSER
Einführung


Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen kommen heute immer häufiger in die psychoanalytische Praxis und stellen den Psychoanalytiker vor besondere Herausforderungen. Die Patienten stehen meist unter einem erheblichen Leidensdruck. Trotzdem sind sie oft über lange Zeit keinen psychoanalytischen Deutungen zugänglich. Sie haben sich zwar äußerlich an ihre Umwelt, die sie in der Regel als feindlich erleben, mehr oder minder angepaßt. Möglich war dies aber nur durch eine Spaltung der Realität in eine reale Welt und eine omnipotente Wunschwelt, in der in der Phantasie das in Szene gesetzt wird, was die Realität verweigert. Diese narzißtische Wunschwelt bildet für den Patienten gleichzeitig einen inneren Zufluchtsort, in den er sich zurückziehen kann, wenn die Konflikte in der realen Welt für ihn unerträglich werden. In dem allein von ihm erschaffenen narzißtischen Universum scheint demgegenüber alles möglich. Die Zeit ist dort stillgestellt, nichts verändert sich, alles bleibt, wie es ist. In dieser Phantasie ist der Patient deshalb auch dem Schmerz von Trennung und Tod enthoben. Die „Inszenierungen des Unmöglichen", von denen in diesem Band die Rede ist, sind von solchen Omnipotenzphantasien getragen.
Die psychoanalytische Behandlung zielt demgegenüber auf eine Veränderung der bestehenden Situation, auf Erkenntnis, Einsicht, Konfliktbewältigung, Beziehungsfähigkeit und die Ermöglichung von Trauer um das, was verloren ist. Patienten, die gelernt haben, sich in schwierigen Situationen von der Umwelt abzukoppeln und sich in ihr narzißtisches Universum zurückzuziehen, können dies nur schwer akzeptieren, auch wenn sie die psychoanalytische Behandlung mit der klaren Absicht begonnen haben, sich ihren inneren Problemen zu stellen. Denn ihre Erfahrung bis zum Zeitpunkt des Beginns der Analyse war, daß Veränderungen nur Leid und Schmerz mit sich bringen können. Wie dieser Widerspruch überwunden werden kann und welche Schwierigkeiten sich dabei für Patient und Analytiker ergeben, davon handelt dieser Band.
In dieser Einführung möchte ich als erstes definieren, was gemeint ist, wenn hier von „schweren Persönlichkeitsstörungen" oder „Borderlinestörungen" die Rede ist. Dann werde ich auf einige Fortentwicklungen innerhalb der psychoanalytischen Theorie hinweisen, die die Indikation für eine psychoanalytische Behandlung auch schwerer gestörter Patienten beträchtlich erweitert haben. In einem weiteren Abschnitt werde ich die wichtigsten theoretischen Modelle vorstellen, die heute für die psychodynamische Erklärung der Borderlinestörungen zur Verfügung stehen, und anschließend auf einige behandlungstechnische Aspekte der Borderline Therapie eingehen. Zum Schluß werde ich die in diesem Band versammelten Aufsätze vorstellen, in denen die in dieser Einführung beschriebenen theoretischen Konzepte weiter ausgeführt werden und gezeigt wird, wie sie in der psychoanalytischen Behandlung von Borderline-Patienten zum Tragen kommen.


1. Was sind „schwere Persönlichkeitsstörungen"?

Im Anschluß an Kernberg (1975, 2000), Fonagy (Fonagy &Target 2000) und Green (2000) werde ich im folgenden statt von „schwerer Persönlichkeitsstörung" von „Borderlinestörung" sprechen und damit Patienten bezeichnen, deren innere Struktur die folgenden Merkmale aufweist.

a) Patienten mit einer Borderlinestörung können gegenüber ihren inneren Konflikten keine beobachtende Außenposition einnehmen und sind in der therapeutischen Beziehung deshalb darauf angewiesen, diese Konflikte auf der Handlungsebene zu inszenieren.
b) Die dabei aktivierten archaischen Objektbeziehungen besitzen für den Patienten keine Als-ob-Qualität, sondern werden im Augenblick der Inszenierung als Realität erlebt.
c) Die Abwehrmechanismen von Borderline-Patienten bewegen sich vorwiegend auf der Ebene der Spaltung und der projektiven Identifizierung.
d) Das Erleben des Patienten ist von intensiven Übertragungen bestimmt, denen auf seiten des Therapeuten entsprechend heftige Gegenübertragungsreaktionen gegenüberstehen.
e) Patienten mit einer Borderlinestörung sind oft über lange Zeit ungewöhnlich behandlungsresistent. Negative thera-peutische Reaktionen sind die Regel. Gemessen an den Kriterien des OPD (Arbeitskreis Operationalisierte Psycho-dynamische Diagnostik 1996) handelt es sich in der Regel um Störungen von geringem bis mäßigem Strukturniveau.

Insbesondere wegen ihrer starken Regressionsneigung, die auch das Ich des Patienten in Mitleidenschaft zieht, galt eine psychoanalytische Behandlung der Borderlinestörung bis vor kurzem als eher kontraindiziert (dazu Rohde-Dachser 2000, S. 147 f.). Dies hat sich unter dem Eindruck theoretischer und behandlungstechnischer Entwicklungen, die die Psycho-analyse in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat, geändert, auch wenn die klinische Erfahrung, daß schwer gestörte Patienten auf ein unstrukturiertes psychotherapeutisches Setting häufig mit einer Verschlechterung ihrer Befindlichkeit reagieren, damit nicht ungültig geworden ist. Die Psycho-analyse hat heute aber andere Möglichkeiten, damit umzu-gehen.
Im folgenden möchte ich einige theoretische Weiterentwick-lungen der Psychoanalyse vorstellen, die diese Erweiterung der psychoanalytischen Therapie-Indikation möglich machten.

2. Theoretische Weiterentwicklungen
der Psychoanalyse seit Freud

Zu den theoretischen Weiterentwicklungen der Psychoanalyse, die für die Behandlung schwer gestörter Patienten von Bedeutung sind, gehören vor allem:

a) die Entwicklung der psychoanalytischen Objektbezieh-ungstheorie, und hier wiederum insbesondere die Theorien von Melanie Klein;
b) das Konzept der projektiven Identifizierung (Melanie Klein, Bion);
c) die Entwicklung einer spezifischen Theorie des Denkens (Bion); und
d) das Konzept des pathologischen Narzißmus und der pathologischen Abwehrorganisation (Rosenfeld, Steiner).
>>>>>. . .
neuer Absatz

B) Das Konzept der projektiven Identifizierung
Die projektive Identifizierung ist eine Phantasie, in der Teile des Selbst abgespalten und in eine andere Person projiziert werden, die dann unbewußt so empfunden wird, als sei sie zu einem Teil des Selbst geworden (Klein 194.6; Bion 1959). Wenn der Empfänger in diesem Prozeß auch bei sich Phantasien entwickelt, die der Phantasie des Projizierenden entsprechen, spricht man von evokatorischer Projektion (Spillius 1988, S.1o5). Die Gründe für die projektive Identifizierung sind mannigfach: Sie können dem unbewußten Wunsch dienen, das Objekt zu kontrollieren, seine Eigenschaften zu übernehmen, eine böse Eigenschaft abzustoßen, eine gute zu schützen und Separation zu vermeiden (ebd., S. 106). Unter Abwehraspekten dient die projektive Identifikation dazu, ein Gefühl psychischer Distanz zu unerwünschten (oft ängstigen-den) Selbstanteilen herzustellen (ebd.). Sie hat damit sowohl kommunikative als auch defensive Aspekte.
In der Analyse wird sie zunächst in der Gegenübertragung des Analytikers erlebt. Borderline-Patienten sind in der Regel darauf angewiesen, unerträgliche Affekte in den Analytiker zu projizieren, um sie dann dort zu bekämpfen. Die Verarbeitung der Projektion erfolgt zunächst ebenfalls im Analytiker, bis der Patient in der Lage ist, sie in „metabolisierter Form" wieder in sich aufzunehmen (Ogden 1979, S. 8).

C) Die Entwicklung einer spezifischen Theorie des Denkens

Bion (1962) erweiterte das Konzept der projektiven Identifizierung zu einer Theorie über die Entwicklung des Denkens. Im Zentrum steht dabei die Vorstellung von container und contained (gemeint ist eine spezifische Relation von Behälter und Enthaltenem, für die es im Deutschen keine genaue Entsprechung gibt; deshalb wurden hier die englischen Begriffe beibehalten).

Das Baby verfügt danach zunächst nur über eine sinnliche Wahrnehmung von Bedürftigkeit und von Gefühlen, die es als schlecht/böse empfindet, weshalb es sich von ihnen befreien möchte (dazu auch Spillius 1988, S.195ff.). Bion nennt diese Gefühle Beta-Elemente. Ist die Mutter ausgeglichen und verfügt sie über das von Bion so bezeichnete „träumerische Ahnungsvermögen" (reverie), kann sie diese Gefühle in sich aufnehmen und in eine erträgliche Form transformieren, die der Säugling zu reintrojizieren vermag. Bion spricht auch von einem Transformationsprozeß, in dem Beta-Elemente in Alpha-Elemente umgewandelt werden (Bion 1962 b, S. 230). Es handelt sich dabei um einen normalen Entwicklungsvorgang, der für die Entwicklung des Denkens und des Realitätssinns unerläßlich ist. Wenn dieser Prozeß fehlschlägt, greift das Individuum zu immer stärkeren projektiven Identifizierungen bei gleichzeitiger Introjizierung eines absichtlich mißverste-henden Objekts (ebd., S. 230f.). Dies ist bei Borderlinestörungen der Normalfall. In manchen Fällen ist der Prozeß hier sogar völlig gescheitert (siehe dazu den Aufsatz von Fonagy in diesem Band, 5.163 ff.).

Gedanken entstehen nach Bion durch das Zusammentreffen einer (angeborenen) Präkonzeption (z. B. die Erwartung einer Brust) mit einem Realerlebnis (einer wirklichen Brust). Daraus bildet sich eine Konzeption, d. h. eine bestimmte Form des Gedankens. Trifft eine Präkonzeption auf ein negatives Real-erlebnis (keine Brust), wird das als Versagung erlebt. Was dann geschieht, ist von der Fähigkeit des Säuglings abhän-gig, Versagung zu ertragen. Nach Melanie Klein wird ein abwesendes, versagendes Objekt im frühesten Erleben als böses Objekt empfunden. Wenn die Fähigkeit des Babys, Versagung zu ertragen, groß ist, wird die Erfahrung „keine Brust" in einen Gedanken transformiert, der die Versagung ertragen hilft. Ist die Fähigkeit, Versagung zu ertragen, jedoch ungenügend, entwickelt sich kein Gedanke von der guten abwesenden Brust, sondern von einer „bösen anwesenden Brust".
Diese wird als böses Objekt empfunden, von dem der Säugling sich befreien muß, indem er es ausstößt (also projiziert). In diesem Falle können sich weder Symbole noch Denken entwickeln (Bion 1962b, S. 228f, Spillius 1988, S.195).
Für Borderline-Patienten gilt nicht nur, daß sie ein überwäl-tigend böses, destruktives Objekt in sich tragen, dessen sie sich entledigen müssen. Sie starten unbewußt auch phanta-sierte Angriffe auf alles, was dazu dienen könnte, ein Objekt mit einem anderen zu verbinden. „Angriffe auf Verbindungen" nennt Bion diesen destruktiven Prozeß (Bion 1959, S. 110). Verbindungen werden vor allem angegriffen, weil sie Objekten Realität verleihen, die vom eigenen Selbst verschieden sind und von daher die Omnipotenzillusion des Patienten in Frage stellen (Bion 1959, S..128). Dies gilt auch für die Verbindung von Psychoanalytiker und Patient, die auf eine Veränderung des Status quo hinzielt und von daher vom Patienten als hochbedrohlich empfunden wird. Green (2000 b) hat die Weigerung von Borderline-Patienten, zwischen bestimmten Erfahrungen eine Verbindung herzustellen, als zentrales Element dieser Störung beschrieben (siehe unten, Abschnitt 3 c)
d). Das Konzept des destruktiven Narzißmus und der pathologischen Abwehrorganisation Rosenfeld hat eine Theorie des destruktiven Narzißmus entwickelt, die für die Psychoanalyse von Borderlinestörungen von zentraler Bedeutung ist (Rosenfeld 1964, 1971). Er unterscheidet dabei zwischen libidinösem und destruktivem Narzißmus (Rosenfeld 1971, S. 3074). Bei beiden spielt die Überbewertung des Selbst eine zentrale Rolle. Während im libidinösen Narzißmus die Selbstidealisierung aber auf die Identifizierung mit guten Objekten und deren Eigenschaften zurückgeht, sind es beim destruktiven Narzißmus die omnipotent destruktiven Teile des Selbst, die idealisiert werden (ebd. S.3o8). Oft bleibt diese destruktive Form der Selbstidealisierung nach außen verschleiert und kommt erst zum Vorschein, wenn die omnipotente Selbstidealisierung durch den Kontakt mit einem Objekt bedroht ist, welches als vom Selbst getrennt wahrgenommen wird. In der Übertragung auf den Analytiker herrscht dann der Drang vor, das gute, Hilfe anbietende Objekt zu zerstören (dazu auch Clarkin et al. 1999, S. 35). Denn die Tatsache, daß der Analytiker dem Patienten helfen könnte, wird als Angriff auf dessen Größenselbst erlebt (ebd.). Häufig gelingt es da bei der vom destruktiven Teil des Selbst beherrschten psychischen Struktur, das libidinöse Selbst in seine Gewalt zu bringen (Rosenfeld 1971, S. 318).
Rosenfeld vergleicht den destruktiven Narzißmus deshalb auch mit einer „mächtigen Bande", deren Mitglieder sich gegenseitig dabei unterstützen, die destruktive kriminelle Tätigkeit wirkungsvoller und energischer zu verrichten (ebd., S. 311). Das gesunde Selbst geht mit dem destruktiven Teil des Selbst dabei vielfache komplizenhafte Verflechtungen ein (ebd., S. 313). Aufgrund 'der Komplexitität und der Stabilität dieser Abwehrstruktur spricht Rosenfeld auch von einer „narzißtischen Organisation" (Rosenfeld 1964, 1971).
Steiner hat, darauf aufbauend, den Begriff „pathologische Abwehrorganisation" in die Diskussion eingeführt, der sich heute allgemein durchgesetzt hat (siehe dazu unten, Abschn. 3 d). Borderline-Therapien lassen sich über weite Strecken auch als Auseinandersetzungen mit einer pathologischen Abwehrorganisation beschreiben, die oft erst nach langer Anstrengung zum Erfolg führen.

 

3. Theoretische Modelle zur Erklärung der Borderline-Störung

a) Kernbergs
Theorie der Borderline-Persönlichkeitsorganisation
Kernberg hat 1975 zum erstenmal eine systematische Theorie der Borderline Persönlichkeitsorganisation vorgelegt und diese seitdem kontinuierlich weiterentwickelt (Kernberg 1975, 1984, 1989, 2ooo). Hauptmerkmal der Borderline-Persönlich-keitsorganisation ist nach Kernberg die Unfähigkeit, frühe Selbst- und Objektbilder, die sich um die Erfahrung von „gut" und „böse" gruppieren, in reifere Selbst- und Objektbilder zu integrieren. Die frühen, schwarz-weiß gezeichneten Selbst- und Objektbilder bleiben im Gegenteil präsent und werden auch im Erwachsenenleben ständig neu in Szene gesetzt. Dabei werden sie vom Patienten nicht als vergangen erlebt, sondern als aktuelle Realität (Clarkin et al., 1999, 5.14 f.). Nach Kernberg kann die Spaltung der Objektrepräsentanzen in „ganz gut" und „ganz böse" vor allem deshalb nicht aufge-geben werden,

weil Borderline-Patienten unbewußt befürchten, daß ihre guten inneren Objekte zerstört werden, wenn sie mit den bösen inneren Objekten in Verbindung kämen. Diese bösen Objekte werden als übermächtig erlebt, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie durch die projizierte Aggression des Patienten ständig weiter aggressiv aufgeladen werden.
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d) Die Borderline-Position als pathologische Organisation (Steiner)
John Steiner beschreibt eine spezifische Borderline-Position, wobei er sich auf den Begriff der pathologischen Organisation stützt, die er im Anschluß an Rosenfeld (1964, 1971) als eine hochorganisierte narzißtische Struktur versteht, die außergewöhnlich stabil ist und sich Veränderungen gegenüber entsprechend resistent erweist (Steiner 1987, S. 412 f.).
Pathologische Organisationen haben Eigenschaften, die sich sowohl von der paranoid-schizoiden als auch von der depressiven Position unterscheiden und mit diesen beiden Positionen ein Gleichgewicht bilden (Steiner 1993).
Der Patient kann sich deshalb dorthin innerlich zurückziehen, wenn paranoide oder depressive Ängste nicht länger zu ertragen sind (Steiner 1987, S. 412 f.). Die Borderline-Position ist gegen beide Arten von Ängsten immun. Sobald diese Abwehrstruktur zusammenbricht, können unerträgliche Gefühle von Trauer und Schuld oder wahnhaft-psychotische Zustände entstehen (dazu auch Weiß 2000, S. 645).

In den Phantasien oder Träumen der Patienten ist dieser Rückzugsort oft räumlich gedacht. Es handelt sich dann vielleicht um eine Höhle, in der der Patient Zuflucht sucht, eine Insel, zu der niemand Zutritt hat als nur der Patient; einen großen Regenschirm, der alles zudeckt und unter dem man sich deshalb gut verstecken kann, einen Dachboden, von dessen Existenz nur der Patient weiß, oder eine andere phantasmatische, selbstkonstruierte Welt. Der Raum kann auch in ein Objekt hineinverlegt werden. Immer aber sind es Orte, in denen Phantasie und Omnipotenz ungeprüft weiterbestehen und alles erlaubt ist (Steiner 1993, S. 20). Dazu gehört auch die Idealisierung der eigenen Destruktivität.

Borderline-Patienten leben auf diese Weise in zwei Versionen von Wirklichkeit. In der einen wird die Realität anerkannt, in der anderen radikal verleugnet.

Steiner betont, daß es sich dabei um ein hochorganisiertes Abwehrsystem handelt, das aufgrund seiner Rigidität und Komplexität außerordentlich schwer zu verändern ist. Oft bezieht der Patient daraus sogar eine perverse Art von Gratifikation (ebd., S. 31). Solange der Patient an diesem Rückzugsort verweilt, ist er auch für den Psychoanalytiker nicht wirklich erreichbar. Dies ist nur in den Augenblicken möglich, in denen der Patient vorübergehend seinen Rückzugszustand aufgibt. Der Analytiker kann dann versuchen, mit dem Patienten zusammen die Ängste zu verstehen, die ihn zu diesem Rückzug veranlaßt haben (ebd., S. 29). In diesem Prozeß wird dann auch die Funktion der Borderline-Position als Abwehrorganisation immer deutlicher erkennbar. Ziel der psychoanalytischen Behandlung ist es dann, in - wenn auch oft minimalen - Schritten eine Verlagerung des Gleichgewichts von der pathologischen Organisation hin zur depressiven Position zu erreichen.
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Früh, tief, schwer -
Probleme psychoanalytischer Zeitdiagnose,
dargestellt an
„Big Brother – erste Staffel“
>>>

REIMUT REICHE

1) In der jüngsten Zeit werden kulturell geschaffene Intimitäts-schranken und Schamgrenzen, die jahrhundertelang gültig waren und zum Kernbestand jeder Kultur gehören, wieder aufgelöst (psychoanalytisches Stichwort: exhibitionistisch-voyeuristischer Komplex; zeitdiagnostisches Stichwort:

Pornografisierung der Gesellschaft). Gleichzeitig werden die Lust an totaler Überwachung und die am Überwachtwerden angereizt und offen zur Schau gestellt (Stichwort: sadoanale Kontrolle). Letztlich geht es um die Frage, ob hier eine repressive Entsublimierung eines kulturell erreichten Niveaus von prägenitaler Triebmodulation stattfindet.

2) Von Bedeutung ist jedoch nicht allein die kulturell-regressive Umschrift von prägenitalen Trieb-Inhalten. Die Form des visuellen Dauerbeschusses durch das digitale Fernsehmedium bringt es mit sich, daß basale Reizschranken durchbrochen werden. Dies geschieht vornehmlich durch die Vernichtung von Intervallen - von bisher kulturell etablierten und respektierten Intervallen der Triebruhe, des Abschaltens, der Erholung. Indem diese Intervalle vernichtet werden, werden zugleich basale Rhythmen traumatisch beschädigt.
Es ist erwartungsgemäß nicht leicht, solche und vergleichbare Behauptungen zu prüfen. Ich will das Ergebnis, zu dem ich bei der detaillierten Rekonstruktion der 82. Folge aus der ersten Staffel von Big Brother gekommen bin, vorwegnehmen - und es dann am Material explizieren:
Die behaupteten Tendenzen finden statt; aber zugleich arbeiten alle Beteiligten - Zuschauer, Darsteller und das Fernsehmedium selbst - gegen diese Tendenzen an und errichten neue Schranken und neue Grenzen. Dabei können spurenhaft neue Formen von Selbstdarstellung und Selbstverhüllung und ebenso spurenhaft neue Formen von Intervallbildung beobachtet werden, Formen, die sich einer psychopathologischen Zuordnung entziehen.

3. Big Brother - erste Staffel, 83. Tag

Das Fernseh-Produkt Big Brother gehört zum Format des sogenannten reality-tv. In einem von der übrigen Außenwelt streng abgeschirmten Wohnbereich, genannt Haus, leben zehn junge Menschen, genannt Bewohner, unter ständiger Kamerabe-gleitung zusammen. Die Bewohner können mit der Außenwelt nicht in Kontakt treten. Das Publikum jedoch kann diese Bewoh-ner über zwei unterschiedliche Kanäle beobachten: erstens über tägliche, etwa einstündige Zusammenschnitte aus deren Tages- einschließlich Nachtablauf, zweitens live über Internet. Im zweiten Fall wird das Publikum in die Lage eines passiven TV-Redakteurs versetzt, der zwar nicht per Schnitt in die Gestaltung einer Sen-dung eingreifen, aber doch alle gleichzeitig laufenden Monitore beobachten kann: das Geschehen in der Küche, im kleinen Gemüsegarten, im Wohnzimmer und überall da, wo sonst noch Kameras angebracht sind. Nach einem gemischten Abwahlsys-tem, genannt Nominierung, scheidet periodisch ein Bewohner aus. Jeder Bewohner nominiert nämlich alle 14 Tage in einem abgesonderten Raum, dem Sprechzimmer, das er allein zu betreten hat, zwei auszuscheidende Personen. Und unter den beiden Bewohnern, die die meisten Negativvoten erhalten haben, wählt sodann das Publikum per TED, also über einen Telefondienst, der besonders teuer ist und dem Sender zusätzliche Gewinne ein-spielt, einen Bewohner aus, der das Haus zu verlassen hat. Falls ein Bewohner freiwillig das Haus verläßt, wird er durch einen Nachrücker aus dem Pool der gecasteten Kandidaten ersetzt. Das Spiel, um es gleich so zu nennen, endet nach 100 Tagen, wenn nur noch zwei Bewohner übriggeblieben sind, von denen derje-nige, der die meisten Publikumsstimmen auf sich vereint, das Preisgeld von 250 000 DM erhält.
Der erste Durchlauf war beim Publikum derart beliebt, daß einige Zeit später ein zweiter Durchlauf und danach noch ein dritter gesendet wurde. Es bildeten sich Fangemeinden, lebhafte Chats fanden statt, noch im Jahr 2002 verzeichnete die Google-Such-maschine 2 900 000 Einträge unter Big Brother - und zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte des Fernsehens kam es zu dem Phänomen, daß die sogenannten vereinzelten und anonymen Zuschauer ihre Vereinzelung und Anonymität spontan unterbra-chen und in unorganisierten Haufen zum Zaun des Hauses in Köln-Hürth, dem Ort des Geschehens, pilgerten, wo es außer dem Zaun absolut nichts zu sehen gab.
Diese Pilgerfahrten wurden selbstverständlich umgehend vom Medium übernommen, Busreisen wurden angeboten, der Devotionalienhandel eröffnet, Parties organisiert ...
Noch vor der Beendigung des ersten Durchlaufs wurde ein ausgeschiedener Bewohner
namens Zlatko vom Publikum als Volksheld gefeiert und erhielt von RTL, dem Sender der Serien, eine eigene Show. Diese Berühmtheit währte erwartungsgemäß nur für einen Augenblick. In Anlehnung an die Sprache des Sports und der Luftwaffe wurden diese Durchläufe Staffeln genannt.
Die Ankündigung der ersten Staffel - sie lief vom 1. 3. bis 9. 6. 2000 - >>> . . .

ENDE der Auszüge


2009
Die
Pornografisierung der Gesellschaft,
Dank dem Zeitgeist, der Oberflächlichkeit-Generation,
zu Lasten der Kinder, zeigt erkennbare Veränderungen.
Politiker,
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärungund und Pädagogen
tauchen die 9 bis 10 jährigen Schulkinder, mit Porno Bildmaterial in den Sexualsumpf,
angeblich um sie zu schützen.

Der Tatbestand:
Die "unschuldigen" Förderer der Pornografisierung
sind die Schuldigen, die Erwachsenen Mitglieder dieser Gesellschaft,
die den Verfall, die soziale Entropie, seit Jahrzehnten negieren.

Die Opfer:
unsere Kinder - unser Zukunft.

A.H.Eilenberg

In der jüngsten Zeit werden kulturell geschaffene Intimitätsschranken und Schamgrenzen,
die Jahrhundertelang gültig waren und zum Kernbestand jeder Kultur gehören, wieder aufgelöst.


© - Copyright
:
Psychoanalyse:
Leseprobe mit Foto und Buchumschlag, Klett-Cotta Verlag.
Sämtliche Fotos, Text, Layout und Desig
n Kultur Fibel Verlag GmbH, Berlin
und
JBM-marketing, PF 140315, D-40073 Düsseldorf


Musical-Operette:

Operette Vetter aus Dingsda - Operette Die Lustige Witwe - Operette Die Fledermaus - Musical Rocky Horror Show
Musical Ludwig II - Musical Robin Hood - Musical Sweeney Tood - Musical Swan Lake - Musical African footprint
Musical Tarzan - Musical In nomine patris - Musical West Side Story - Musical Dirty Dancing - Musical Kiss me Kate
Musical Tanguera, Tango-Argentino - Musical My Fair Lady - Musical Balé de Rua - Musiktheater Friedrichstadtpalatz Berlin

Theater
Sextett - Spanische Fliege - Glücliche Zeiten - Jude von Malta

 

Oper-Ballett:

Oper La Traviata - Oper La Boheme - Oper Entführung aus dem Serail - Oper Die Liebe zu den drei Orangen - Oper Die Zauberflöte
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