Hans Jonas, deutscher Philosoph Portrait
Hans Jonas
* 10. Mai 1903 -5. Februar 1993

Hans Jonas
Erinnerungen


Erinnerungen

Suhrkamp Verlag
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Vorwort
Wir Deutsche hätten ihn umarmen sollen.
Die Wunden eines Menschen, ohne Heimat, der sich im Ausland >zurechtfinden< musste, seine aufrechte deutsche Mutter, Tochter eines Krefelder Rabbiners, wurde im KZ ermordet,
- werden ein Leben lang nicht heilen.

Können wir Deutsche, verklärt durch das Trommelfeuer der Holocaust-Propaganda, die verletzten Seelen der großen deutschen Frauen und Männer jüdischen Glaubens noch begreifen? Sie weinten heimlich, oder öffentlich, sie versuchten gegen ihren Hass, ausgelöst vom Nationalsozialismus, anzukämpfen, damit ihr Denken nicht einseitig beeinflußt wurde, aber alle verband die Sehnsucht und Liebe zu ihrer deutschen Heimat.

(Ausgenommen Albert Einstein, der die Rückkehrer nach Deutschland, Deutsche jüdischen Glaubens, nach 1945, in seinen schriftlichen Aufzeichnungen, mit den übelsten Ausdrücken beschimpfte).

Bei einem Gespräch 1956 in Montreal, Kanada, mit Prof. Hans Jonas, Prof. Walter Bauer, Prof. Karl May, Armin H. Eilenberg, kam es zu den unbeantworteten Fragen: war der Zionismus, oder die menschenverachtende Aussage, "Wir (Juden) sind das auserwählte Volk" (nicht integrierfähig), einer der Auslöser für Adolf Hitlers Endlösung?
Es wurde über das Wiedererstarken der Kulturnation Deutschland, die Rüchkehr der verängstigten "Verstossenen" gesprochen. Über seine deutsche Verwandschaft, seinen Vetter, einer der vielen patriotischen Deutschen jüdischen Glaubens, die als Freiwillige für Kaiser Wilhelm II, 1914 in den Krieg zogen.
Ein Buch, das uns Würde zeigt, das uns Einblick gibt und aufgrund des ideologischen Irrtums (Zionismus) vom jungen Hans Jonas, traurig stimmt. Heimatlos, mit verschiedenen ausländischen Wohnsitzen, schrieb er erst mit 75 Jahren sein am besten verkauftes Buch
"Das Prinzip Verantwortung"
wieder in seiner Muttersprache, -deutsch.

Armin Eilenberg


Auszüge

1. Erlebnisse und Begegnungen / Jugend

>>>>>Das war das erste militärische Ziel, an dem Teil der Front, der unserem Heimatort nahe lag. Es war großer Betrieb. Aber ich ging wie gewöhnlich am Nachmittag zur städtischen Badeanstalt, in der ich vor nicht langer Zeit den Freischwimmer gemacht hatte. Als ich ankam, war das ganze Gelände in eine Auffangstelle für durchziehende Truppen umgewandelt worden, und der Direktor der Badeanstalt, der mich mit Badezeug und Badehose unterm Arm kommen sah, fragte: »Was willst du hier?« »Ich will schwimmen!« Darauf bekam ich eine gewaltige Ohrfeige, eine Maulschelle sozusagen. »Mach, daß du hier wegkommst! Wir haben hier anderes zu tun! « Das war der Kriegsanfang. Es schmerzte, es war ernst, ich bekam eine ungeheure Ohrfeige. Der Direktor war wahnsinnig aufgeregt, was er da alles plötzlich zu tun hatte, und ich störte. Ich erinnere mich auch an die Soldaten, die bei uns die eine Nacht verbrachten. Es waren zwei Infanteristen, zwei Riesenkerle aus der Mark Brandenburg, die sich gegenseitig die wund-marschierten Füße behandelten. Einer war ein Obergefreiter, der auch das beste Zimmer bei uns bekam, und erst später stellte sich heraus, daß er während dieses kurzen Aufenthalts mit unserem überaus schönen Kinder-fräulein angebandelt hatte. Sie setzte große Hoffnungen auf diese Freundschaft, die sich dann aber nicht erfüllten. Später erlitt sie einen Nervenzusammenbruch, weil er ihr schließlich in einem Brief schrieb, er wolle die Sache doch nicht fortsetzen. Ich weiß nicht, ob er ihr mitteilte, daß er verheiratet war. Jedenfalls hat er sich brieflich von ihr getrennt. Die ganze Geschichte war eine Folge der ersten Kriegstage.

Ja, und dann natürlich ging das Leben doch in seiner Routine weiter - die Schule. Ich nehme an, in diesem Sommer fuhren wir eben nicht in die Ferien, jedenfalls habe ich daran keinerlei Erinnerungen. Wir waren alle zu Hause, als der Krieg ausbrach. Mein Vater fuhr sofort nach Köln zu dem für unsere Region zuständigen Hauptheeresbeschaffungsamt und legte seine Angebote für Zeltbahnen und andere Stoffe vor, die für die Armee wichtig sein könnten. Und er war wirklich einer der ersten, die da waren, und kam, wie ich später erfuhr, mit Riesenaufträgen zurück, so daß nicht nur alle etwa 120 mechanischen Webstühle unserer Fabrik ausgelastet waren, sondern noch andere Webereien in Mönchengladbach für die Ausführung seiner Aufträge arbeiteten. Es ging also geschäftlich sehr gut, und auch an den Fronten lief alles hervorragend. Lüttich fiel, wir hörten von ferne den Kanonendonner, als die »Dicke Berta« in Aktion trat, ein 22-Zentimeter-Steilfeuergeschütz, eine Geheimwaffe, die damals die Firma Krupp entwickelt hatte und die diesen Namen trug, weil Berta der Vorname von Alfried Krupps Frau war. Dieses war das schwerste Geschütz, das überhaupt bis dahin hergestellt und irgendwo verwendet worden war. Mit der Wucht dieses Steilfeuergeschosses, das fast senkrecht und mit großer Akkuratesse niederging, wurden die riesigen Eisenbeton-Forts der Festung Lüttich gesprengt. Belgien war nicht wirklich unvorbereitet: Lüttich war schwer befestigt mit Forts, die nach den damals modernsten Prinzipien angelegt waren, doch die wurden zu Pulver von den Geschossen der »Dicken Berta«.
Und es folgte Sieg auf Sieg.

Eine Episode zeigt, wie ausgeprägt der Patriotismus in den ersten Kriegswochen auch unter den Juden war. Mein ältester Vetter in Mönchengladbach war Erich Haas, Sohn von Tante Berta, der ältesten der Schwestern meines Vaters - er wirkte später nach seiner Emigration als Psychoanalytiker in Birmingham. Bei Ausbruch des Krieges war er in der Oberprima und hatte wahnsinnige Angst, der Krieg könnte, weil die Siege so unmittelbar und schlagartig einsetzten, zu Ende sein, ehe er an die Reihe käme. Normalerweise hätte er erst das Abitur gemacht und wäre dann eingezogen worden. Diejenigen unter den Schülern, die beinahe 18 waren, hatten jedoch die Möglichkeit, das sogenannte Notabitur zu machen und sich freiwillig zu melden. Mein Vetter Erich, der übrigens in seiner Schülerzeit etwas kränklich gewesen und wegen irgendeiner Sache sogar einmal in ein Sanatorium geschickt worden war, durfte diese Möglichkeit natürlich nicht verpassen. Dem Alter nach fiel er, glaube ich, noch nicht so ganz in die richtige Kategorie, jedenfalls hegten er und sein Vater die ernsthafte Befürchtung, er würde, wenn er sich freiwillig meldete, nicht angenommen werden, zumal es ein ungeheures Überangebot an freiwilligen Meldungen junger Leute gab. Also fuhr sein Vater mit ihm nach Köln, wo es zu einer militärärztlichen Untersuchung kam. Um den Feldwebel, unter dessen Federführung sie stattfand, günstig zu stimmen, steckte ihm mein Onkel, Adolf Haas, ein Goldstück zu, worauf Erich für kriegsverwendungsfähig erklärt wurde. So kam er also zum Militär und diente vier Jahre, ohne daß ihm etwas passiert wäre. Damals wurde also bestochen, um jemanden in die Wehrmacht reinzukriegen, während man später Menschen durch Bestechung davor zu bewahren versuch-te. Dafür, daß die freiwillige Beteiligung von Juden im Ersten Weltkrieg überdurchschnittlich hoch war, gibt es übrigens zwei Erklärungen. Einmal hing es damit zusammen, daß Juden sich nicht dem Vorwurf der Drückebergerei aussetzen, sondern zeigen wollten, daß sie gute Staatsbürger waren.' Es kann aber noch eine ganz andere und viel nüchternere Erklärung haben, nämlich die, daß die Juden sozial zu einer Schicht gehörten, in der man sich freiwillig meldete, während man in der Arbeiterklasse so etwas nicht tat. In gewissen gebildeten Schichten war sowohl die Idee des Patriotismus als auch des Sich-Freiwillig-Meldens irgendwie stärker verwurzelt als bei den arbeitenden Klassen, die sich schon von Standes wegen nicht vordrängten, sondern durchaus abwarten konnten, bis die Reihe an sie kam. Daß aber die Juden größtenteils nicht zur Arbeiterklasse, sondern zur gebildeten Mittelklasse zählten, die ideologisch für den Patriotismus am anfälligsten war, könnte auch erklären, warum sich prozentual mehr Juden freiwillig meldeten, als das bei anderen Bevölkerungsgruppen der Fall war.>>>>

2. Dreams of Glory:
Der Weg zum Zionismus

Der kriegskritische Onkel Leo, neben meiner Mutter der bemerkenswerteste Horowitz, war ein weiser, außerordentlich kluger, belesener, wissenschaftlich interessierter Mann. Er hatte Medizin studiert und sich als Arzt auf Magenleiden spezialisiert, erzielte aber mit seiner Düsseldorfer Praxis keinen besonders großen Erfolg, weil er nicht über die erwünschten »bedside-manners« verfügte. Da er ein Skeptiker war, konnte es vorkommen, daß jemand mit einem Leiden zu ihm kam und er ihm erklärte: »Das ist etwas, wo sich die Medizin noch nicht so recht auskennt. Ich kann ihnen etwas verschreiben, doch es handelt sich um eine von uns noch nicht erkannte oder beherrschte Sache.« Patienten gingen dann wohl lieber zu Ärzten, die ihnen Mut und Zuversicht einflößten, während er tief von dem Ausmaß dessen durchdrungen war, was wir noch nicht mit Gewißheit wissen, und dies auch zum Ausdruck brachte. Dennoch hat er sich gut gehalten und schließlich auch geheiratet, und gewiß führte er ein auskömmliches Dasein. Seiner Begabung nach hätte er eine große Rolle spielen können, doch merkwürdigerweise richtete sich sein Ehrgeiz weniger auf öffentliche Geltung als auf das Wissen-Wollen. Als zum Beispiel unmittelbar nach dem Krieg, ich glaube im Frühjahr 1919, anläßlich einer Expedition, die zum Zweck der Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis von England nach Brasilien führte, plötzlich in riesigen Schlagzeilen Albert Einstein als neues Genie der Weltgeschichte in der Presse gefeiert wurde, stellte sich heraus, daß sich Onkel Leo seit 1913 mit Einsteins Relativitätstheorie beschäftigt hatte, ohne auch nur ein Wort davon zu erwähnen.

2. Der Weg zum Zionismus

Sie war ihm völlig geläufig. Seine Frau, Tante Dora, sagte: »Lötzchen (ihr Kosewort für ihren Mann Leo) ist schrecklich. Ich kann nirgendwo ein Stück Papier im Hause liegen lassen, denn nachher finde ich es mit Formeln bedeckt.« Er trieb Mathematik aus Lust an der Mathematik und beschäftigte sich aus reinem Interesse mit wissenschaftlichen Publikationen über Einsteins Theorien.
Als er schließlich mit 92 Jahren in Santiago de Chile, wo er bei seiner ausgewanderten Tochter das Alter verlebte, starb, da schrieb ich einen langen Kondolenzbrief an meine Cousine - eine Würdigung meines Onkels Leo, in dem ich eine Art Bekenntnis ablegte, was er in meinem Leben bedeutet hat. Darin kommt etwa folgende Formulierung vor: »Er dachte hoch von der Vernunft, aber gering von ihrer Verteilung unter den Menschen.«
Bevor Onkel Leo - sehr spät - heiratete, kam er jedes Wochenende von Düsseldorf herüber zu uns nach Gladbach und verbrachte mindestens eine Nacht bei uns, um bei seiner einzigen Schwester und ihrer Familie zu sein. Er nahm Anteil an meinem Heranwachsen, versuchte aber nicht, mich zu belehren oder zu beeinflussen, sondern unterhielt sich mit mir und ging auf das ein, was in mir selbst vorging. Bei einem seiner Besuche fand er mich über der Lektüre von Felix Dahns dickem Schinken Ein Kampf um Rom, der über die Ostgotenzeit und Byzanz erzählt, und fragte: »Interessiert dich die Epoche?« Ich sagte: »Ja.« »Dann werde ich dir demnächst etwas mitbringen, was du vielleicht statt dessen oder zusätzlich lesen kannst. « Das nächste Mal kam er mit einem Wälzer, gedruckt mit zwei Spalten auf jeder Seite, mit dem Titel Geschichte des Verfalles und Unter-ganges des Römischen Reiches von Edward Gibbon. »Lies das mal«, sagte er, »da wirst du deine Freude haben an dem Geiste und der Prosa dieses Buches.« So brachte er mich bezeichnenderweise von Felix Dahn zu Gibbon, einem Anhänger Voltaires - und mit solchen Sachen hat er mich intellektuell beeinflußt. Zunächst bestand seine geistige Rolle jedoch darin, daß er selbsterfundene Geschichten erzählte, die von Woche zu Woche fortgesetzt wurden. Mag sein, daß er dabei auch aus irgendeinem literarischen Fundus schöpfte, doch das meiste dachte er sich selbst aus.>>>>>>

Ich konnte also von meinem Onkel Leo sehr viel lernen.
Nur eines habe ich nicht von ihm gelernt, nämlich seine Skepsis gegenüber Ideologien.
Statt dessen wurde ich recht bald stark von einer Ideologie erfaßt, und zwar nicht von der sozialistischen oder marxistischen, sondern der zionistischen. Onkel Leo war nicht gegen den Zionismus, sondern hegte einfach Mißtrauen gegen jegliche Ideologie (Anm: Holocaust-Ideologie). Das zeigte sich besonders bei der Novemberrevolution von 1918. Er hatte großes Verständnis dafür, daß es mit der kaiserlichen Herrschaft zu Ende war und nun neue politische Konzeptionen an der Reihe waren. Weil ihm aber der feste Glaube an eine Heilslehre zuwider war, trat er ihr mit derselben Skepsis, mit der er dem imperialen Traum von der deutschen Bestimmung zur Hegemonie und der ganzen kaiserlich-nationalen Romantik begegnet war, auch dem entgegen, was ihm als marxistische Illusion oder Romantik erschien. Er zeichnete sich durch diese Art weise Skepsis aus, die gar nicht den Versuch unternahm, andere zu bekehren oder zu belehren.

Als es mit Rosa Luxemburg und dem Spartakusaufstand anfing, sagte er etwa lediglich: »So geht das nicht. Man kann nicht die Welt auf ein Rezept hin einfach umkrempeln.« Dieselbe kühle skeptische Ablehnung hegte er auch dem Zionismus gegenüber.
»Ja, ich verstehe das sehr gut. Aber wenn du dir davon versprichst, daß das nun wirklich alle jüdischen Probleme lösen würde, bist du, glaube ich, im Irrtum.«

Ich fürchte, er hat recht behalten. Aber damals wollte ich das natürlich nicht hören.

Meine zionistische Phase begann spätestens nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in meinen Primanerjahren, sehr zum Leidwesen meines Vaters. Ich war, von einem Vetter in Lechenich abgesehen, der einzige Zionist in der Familie. Nach der Ausrufung einer deutschen Republik, in einer Zeit, in der sich die Ansichten der Jungen im allgemeinen zwischen rechts und links verteilten, wäre es ganz natürlich gewesen, wenn ich etwa ein begeisterter Sozialdemokrat geworden wäre oder vielleicht den Marxismus für mich entdeckt hätte.

Das hing damals, nachdem Spartakusaufstand und der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, in der Luft. Auf der einen Seite waren da Figuren wie Friedrich Ebert und Gustav Noske, auf der anderen Seite fand der Kapp-Putsch statt, und es bildeten sich die rechten und die linken Bewegungen heraus. Aber ich war inzwischen schon längst auf etwas anderes gestoßen, denn ich hatte in meinen Lesejahren, als ich in die höheren Schulklassen ging, in denen man sich neben der Schullektüre seine eigenen Bücher aussuchte, mein Judentum entdeckt.>>>>>

>>> Mit meinem Vater kam es darüber, dass ich mich zum Zionismus bekannte, zu fürchterlichen Zusammenstößen. Er, der ein bewusster Jude war und auch niemals ein Hehl daraus machte, war über viele Jahre Vorsitzender des Centralvereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Gladbach-Rheydt-Odenkirchen gewesen. Drei blühende jüdische Vereinigungen. >>>

>>> Ausgerechnet sein Sohn, als einziger der jüdischen Jugend von Gladbach-Rheydt-Odenkirchen, wird von dieser Verrücktheit befallen, Zionist zu werden .
>>>> Das waren Situationen bei uns zu Hause, und meine Mutter zitterte. Mitten beim Mittagessen gab oft ein Wort das andere >>>

13 Auschwitz und Gottes Ohnmacht

>>>>>Ich ging also die Frage der Unsterblichkeit mit der theologischen Konstruktion eines freiwillig ohnmächtig gewordenen Gottes an, der erwartete, daß die Welt diesem großen Risiko gerecht werden und die Verantwortung auch für sein Schicksal und das seiner Schöpfung übernehmen würde. »Obwohl kein ewiges Leben unser wartet«, so lautete damals mein Fazit, »noch eine ewige Wiederkunft des Hier, kann uns doch Unsterblichkeit im Sinne liegen, wenn wir während unserer kurzen Spanne die bedrohten sterblichen Anliegen versehen und dem leidenden unsterblichen Gotte Helfer sind«. >>>

>>> Bereits in meiner Ingersoll Lecture hatte ich eine Verbindung zu Auschwitz hergestellt, indem ich andeutete, daß Gott selbst von diesem Geschehen verletzt war, daß wegen des Mordes am europäischen Judentum »Weinen war in den Höhen über die Verwüstung und Entweihung des Menschenbildes«. Doch erst viel später, 1984, als mir der Leopold Lucas-Preis der Universität Tübingen verliehen wurde, griff ich in meinem Vortrag »Der Gottesbegriff nach Auschwitz« den von mir erdichteten Mythos und die Verbindung zur Schoa wieder auf.

Nun muß ich dazu sagen, daß ich bei diesen »Ausschweifungen«, in denen ich den erlaubten Boden der Philosophie verließ, Lore fast immer gegen mich hatte, weil ihr unwohl wurde bei dem Gedanken, daß ich mich auf dieses völlig unkontrollierbare Gebiet theologischer Spekulationen vorwagte. Sie hielt es für unerlaubt und irgendwie nicht verantwortlich, sich auf einem Gebiet öffentlich zu äußern, wo niemand einen Gegenbeweis antreten könne. Schon bei der Ingersoll Lecture hatte sie sich mit unserem Freund Adolph Lowe verbündet, um mich davon abzuhalten, bei der Diskussion des Unsterblichkeitsbegriffes Auschwitz mit hineinzuziehen.>>

Ende der Auszüge


Hans Jonas

1903 Am 10. Mai wird Hans Jonas als Sohn des Textilfabrikanten Gustav Jonas und von Rosa Horowitz, der Tochter des Krefelder Oberrabbiners Jakob Horowitz, in Mönchengladbach geboren.
1916 Tod des jüngeren Bruders Ludwig. Bar-Mizwa.
1918 Novemberrevolution.
Zuwendung zum Zionismus und zum Unwillen des streng religiösen Vaters Mitglied eines zionistischen Zirkels in Mönchengladbach wurde.
1921 Abitur. Im Sommersemester Aufnahme des Studiums der Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Freiburg bei Edmund Husserl, Martin Heidegger und Jonas Cohn. Begegnung mit Karl Löwith. Mitglied der zionistischen Studentenbewegung IVRIA.
1921 Im Wintersemester Umzug nach Berlin. Bis 1923 Studium der Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (u.a. bei Eduard Spranger, Ernst Troeltsch, Hugo Gressmann, Ernst Sellin und Eduard Meyer) und der Judaistik an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (u.a. bei Julius Guttmann, Harry Torczyner und Eduard Baneth). Freundschaft mit Leo Strauss und Günther Stern (Anders). Engagement in der zionistischen Verbindung Makkabäa und im Kartell Jüdischer Verbindungen (KJV).
1923 März bis Oktober landwirtschaftliche Ausbildung (Hachschara) in Wolfenbüttel als Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina. Beschluß der Fortsetzung des Studiums in Deutschland. Studienjahr 1923/24 in Freiburg.
1924 Zum Wintersemester Wechsel an die Universität Marburg. Studium bei Martin Heidegger und Rudolf Bultmann. Beginn der Freundschaft mit Hannah Arendt. Beide bilden gemeinsam u.a. mit Gerhard Nebel, Karl Löwith, Hans-Georg Gadamer, Gerhard Krüger und Günther Stern den Kreis von Philosophiestudenten um Heidegger. Beginn der Beschäfti-gung mit der Gnosis. Nach der Entscheidung zur Promotion, zwischen-zeitlich Studien in Heidelberg, Bonn und Frankfurt am Main.
1928 Rückkehr nach Marburg. Promotion bei Martin Heidegger mit der Arbeit »Der Begriff der Gnosis«. Wintersemester 1928/29 Studium an der Pariser Sorbonne.

1929 Beginn der Liebesbeziehung zu Gertrud Fischer.

1930 Augustin und das paulinische Freiheitsproblem. Ein philosophischer Beitrag zur Genesis der christlich-abendländischen Freiheitsidee. Bis 1933 Privatstudien in Köln, Frankfurt am Main und Heidelberg. Dort Zugehörigkeit zum Kreis um den Soziologen Karl Mannheim. Freundschaft mit Dolf Sternberger. Plan einer Habilitation und Vorbe-reitung auf die Tätigkeit als Privatdozent.

1933 »Machtergreifung« Hitlers. Angesichts des antijüdischen Boykotts beschließt Jonas, Deutschland zu verlassen. Ende August Emigration nach London und Arbeit an der Publikation seines Gnosis-Werks. Reisen nach Holland, in die Schweiz und nach Paris zu Hannah Arendt und Günther Anders.
1934 Bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen erscheint Gnosis und spätantiker Geist. Erster Teil: Die mythologische Gnosis.
1935 Zu Pessach Ankunft in Palästina. Beginn der Freundschaft mit Gershom Scholem, Hans Lewy, Hans-Jakob Polotsky, George Lichtheim und Shmuel Sambursky. Gründung des Pilegesch-Kreises.
1936 Zu Pessach Besuch der Eltern in Jerusalem. Beginn der arabischen Aufstände gegen das zionistische Siedlungsprogramm. Jonas tritt freiwillig der Selbstverteidigungsorganisation Hagana bei.
1937 Zu Purim erste Begegnung mit Lore Weiner. Vom Herbst an Aufenthalt auf der Insel Rhodos und Arbeit am 2. Teil des Gnosisbuchs.

1938 Im Januar Nachricht vom Tod des Vaters. Rückkehr nach Jerusalem. Nach dem Novemberpogrom überläßt Rosa Jonas ihrem in Dachau inhaftierten Sohn Georg ihr Einwanderungszertifikat für Palästina. Die Verschärfung der Begrenzung jüdischer Einwanderung durch die Briten 1939 verhindert die Ausreise der Mutter aus Deutschland.

Lehraufträge an der Hebräischen Universität. Nach dem Tode Edmund Husserls hält Jonas dort die akademische Gedenkrede.
1939 Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges am 1. September formuliert Jonas den Kriegsaufruf "Unsere Teilnahme an diesem Kriege". Ein Wort an jüdische Männer und meldet sich freiwillig bei der britischen Armee.
1940 Ausbildung im englischen Übungslager Sarafant. Mitglied der First Palestine AntiAircraft Battery der britischen Armee. In der Folgezeit Einsätze in Haifa gegen Luftangriffe aus Damaskus und Beirut.

1942 Deportation der Mutter ins Ghetto Lodz, später nach Auschwitz, wo sie ermordet wird.

1943 Heirat mit Lore Weiner in Haifa.
1944 Jonas wird Mitglied der neu gebildeten Jewish Brigade Group. Ausbildung u.a. in Alexandria. Von dort aus bis zum Ende des Krieges Einsatz in Süditalien. In dieser Zeit »Lehrbriefe« über seinen philosophischen Neuansatz an seine Frau.
1945 Im Juli zieht Jonas mit seiner Einheit durch Deutschland.
Stationierung in Venlo und Wiedersehen mit Mönchengladbach. Erst hier erfährt Jonas von der Ermordung seiner Mutter. Reisen nach Göttingen, Marburg und Heidelberg. Wiederbegegnung mit Karl Jaspers und Rudolf Bultmann. Im November Rückkehr nach Palästina.
1946 Wohnung im arabischen Dorf Issawyje. Dozent an der Hebräischen Universität Jerusalem und Lehraufträge am English Council of Higher Studies.
1948 Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel und Ausbruch des Krieges. Umzug nach Jerusalem in die Alfasi-Straße. Jonas wird als Artillerieoffizier der israelischen Armee zum Dienst herangezogen. Tod von Lores Bruder Franz bei Dschenin. Geburt der Tochter Ayalah.
1949 Beurlaubung von der Armee. Übersiedlung nach Kanada als Fellow der Lady-Davis Foundation an der McGill University Montreal. Philosophische Lehrtätigkeit am dortigen Dawson College.
1950/51 Zunächst Gastprofessor, später Associate Professor für Philosophie am Carleton College in Ottawa. Geburt des Sohnes Jonathan. Freundschaft mit Ludwig von Bertallanfy. In dieser Zeit Reisen nach New York, Chicago und Cincinnati. Wiederbegegnung mit Hannah Arendt, Günther Anders und Karl Löwith.
1952 Ablehnung der Berufung als Philosophieprofessor an die Hebräische Universität Jerusalem. Auseinandersetzung mit Gershom Scholem über seinen »Verrat am Zionismus«. Erste Europareise zum Internationalen Kongreß für Philosophie in Brüssel. Abstecher nach München und Wiederbegegnung mit Gertrud Fischer. Ablehnung eines Rufes an die Universität Kiel.
1954 Gnosis und spätantiker Geist. Teil II, 1: Von der Mythologie zur mystischen Philosophie.
1955 Geburt der Tochter Gabrielle. Berufung als Professor an die New School for Social Research in New York (wo Jonas bis 1976 lehrt; in diese Zeit fallen Gastprofessuren u.a. an der Princeton University, der Columbia University und der University of Chicago). Niederlassung in New Rochelle, Freundschaft mit Kurt und Nelly Friedrichs und mit Wilhelm und Trude Magnus.
In New York Zugehörigkeit zum Freundeskreis um Hannah Arendt und Heinrich Blücher, u.a. mit Adolph Lowe, Aron Gurwitsch und Paul Tillich.
1958 The Gnostic Religion: The Message of the Alien God and the Beginnings of Christianity. Akademischer Festvortrag an der New School über »The Practical Uses of Theory«. Beginn der Auseinander-setzung mit der modernen Technik.
1959/60 Jonas verbringt sein Sabbatical in München. Vortragsreisen in Deutschland.
1961 Ingersoll Lecture an der School of Divinity der Harvard University über »Immortality and the Modern Temper«.
1963 Zerwürfnis mit Hannah Arendt wegen ihres Buches über den Eichmann-Prozeß in Jerusalem - bis zur Versöhnung vergehen beinahe zwei Jahre.
1964 Jonas' Vortrag über »Heidegger and Theology« an der Drew University in New Jersey macht Furore. Vortragsreise nach Deutschland. Erst 1969 kommt es zu einer kurzen persönlichen Begeg-nung mit Heidegger in Zürich.
1966 The Phenomenon of Life. Toward a Philosophical Biology.
1967 »Philosophische Reflexionen über Experimente mit menschlichen Subjekten« vor der American Academy of Arts and Sciences in Boston. Übergang zu konkreten bio- und medizinethischen Themen wie Hirntod und Organtransplantation.
1969 Founding Fellow am interdisziplinären Hastings Center-on-Hudson. 1973 Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie.
1974 Philosophical Essays. From Ancient Creed to Technical Man.
1976 Rede auf der Gedenkfeier für Rudolf Bultmann in Marburg. Emeritierung.
1978 On Faith, Reason and Responsibility: Six Essays.
1979 Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethikfür die technologische Zivilisation wird zu einem überwältigenden Erfolg in Deutschland.
1982/83 Eric-Voegelin-Gastprofessur an der Ludwig-Maximilans-Universität München 1984 Verleihung des Leopold-Lukas-Preises der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Preisrede über Der Gottesbegriff nach Auschwitz.
Eine jüdische Stimme.
1985 Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung.
1987 Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Rede über »Technik, Freiheit und Pflicht«. Empfang des Großen Bundesver-dienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und der Ehrenbürger-würde der Stadt Mönchengladbach.
1988 Materie, Geist und Schöpfung. Kosmologischer Befund und kosmo-gonische Vermutung.
1991 Ehrendoktorwürde der Universität Konstanz
1992 Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin.
1992 Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen.
1993 Philosophie. Rückschau und Vorschau am Ende des Jahrhunderts.
Am 30. Januar Entgegennahme des Premio Nonino in Urbino, Italien.

Am 5. Februar stirbt Hans Jonas in New Rochelle bei New York.
Er ist im jüdischen Teil des ökumenischen Friedhofs von Hastings im Staate New York begraben.


Veröffentlichungen im Insel Verlag

Gnosis, Die Botschaft des fremden Gottes. Herausgegeben von Christian Wiese. 1999. 450 S. Ln. € 35,80, (3-458-16944-X)

Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen, 1992. 257 S. Ln. € 20,80 (3-458-16262-3)

Das Prinzip Leben Ansätze zu einer philosophischen Biologie. Neuausgabe. Aus dem Englischen vom Verfasser und von Klaus Dockhorn. 1994. 408 S. Ln. € 24,80 (3-458-16649-1)

Das Prinzip Verantwortung Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 1979. 424 S. Ln. € 24,80 (3-458-14907-4)

Technik, Medizin und Ethik Zur Praxis des Prinzips Verantwortung. 1985. 8. Tsd. 1990. 324 S. Ln. € 22,80 (3-458-14288-6)

Veröffentlichungen im Suhrkamp Verlag

Gedanken über Gott. Drei Versuche. 1994. BS 1160. 104 S.
(D) 8,80 (3-518-22160-4)

Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme. 1987. 38. Tsd. 2001. st 1516. 49 S. € (D) 5,-- (3-518-38016-8)

Macht oder Ohnmacht der Subjektivität? Das Leib-Seele-Problem im Vorfeld des Prinzips Verantwortung. 1987. 16. Tsd. 1987. st 1513. 140 S. (3-518-38013-3)

Philosophie Rückschau und Vorschau am Ende des Jahrhunderts. 1993. 8. Tsd. 1993. 43 S. Engl. Brosch. (D) 9,80 (3-518-40517-9)

Das Prinzip Leben Ansätze zu einer philosophischen Biologie. 1997. st 2698. 408 S. € (D) 11,50 (3-518-39198-4)

Das Prinzip Verantwortung Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 1984. st 1085. 426 S. € (D) 10,-- (3-518-37585-7) - als BS 1005. 1989. 414 S. EURO (D) 17,80
(3-518-22005-5)

Technik, Medizin und Ethik Zur Praxis des Prinzips Verantwortung. 1987. st 1514. 324 S. € (D) 9,50 (3-518-38014-1)

Gedanken über Gott Drei Versuche. 1994. BS 1160. 104 S. € (D) 8,80 (3-518-22160-4)


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Zionismus, der Irrtum - faschistischer Zionismus
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