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Gesellschaftsmagazin |
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Wer
riesige Entfernungen durchschaut,— wie's Universum sich aus Welten baut, wie ein System ins andere übergeht, wie seiner Sonne folgt jeder Planet, welch Lebensvielfalt jeden Stern anfüllt, — des Himmels Plan mit uns vielleicht enthüllt. |
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Leben und Werk einer der bedeutendsten deutschen Philosophen. Die Geschichte eines Aufklärers, dessen Schriften aktuell geblieben sind. |
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Das ist das Programm einer Meta-Physik, die nicht mehr die Physik als Erfahrungswissenschaft der Natur übersteigt, sofern diese nach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist. Sie geht nicht über sie hinaus, schweift nicht in ein hyperphysisches Reich, sei es nun die Transzendenz des Ich, des Weltganzen oder eines allmächtigen, ewigen Gottes. Kants Metaphysik zielt stattdessen auf den Grund, auf dem eine mathematisch systematisierte Erkenntnis der Natur aufgebaut werden kann. Wenn der junge Himmelstheoretiker einst auf den Schultern Isaac Newtons stand, so will der alte Vernunftkritiker nun endlich klären, auf welchem Fundament Newton selbst seine realistische Naturphilosophie nach mathematischen Prinzipien entwickeln konnte. Wenn Kant dabei bildlich von Insel und Ozean, Seekarte und Kompass spricht, von Fußsteig, Heerstraße und sicherem Gang, von «einem Weg, der noch ganz unbetreten ist» (II, 162) und die Leser anfänglich in Dunkelheit führen muss, dann geht es ihm nicht um einzelne Erkenntnisse, die im Rahmen des Newton-Paradigmas möglich sind. Kant forscht nicht als mathematisch orientierter Physiker, sondern argumentiert als Metaphysiker. Als Liebhaber der Weltweisheit erzeugt er neue Konzepte für die Problemsituation, in der er sich befindet. Sie bilden ein eigenes Territorium, um sich im Denken orientieren zu können. «Stets neue Begriffe erschaffen ist der Gegenstand der Philosophie. Weil der Begriff erschaffen werden muß, verweist er auf den Philosophen als denjenigen, der ihn potentiell innehat oder der über die Macht und die Kompetenz dazu verfügt.»
ERSTER PREUSSISCHER MACHTKAMPF Am 17. August 1786 stirbt, nach 46 Jahren Herrschaft, Friedrich der Große. Damit geht in Preußen auch das Jahrhundert der Aufklärung zu Ende. Jetzt wird wahr, worauf Kants Student Plessing ihn schon am 15. Oktober 1783 in seinem Brief aus Berlin hingewiesen hat. Damals klang es noch wie eine Verschwörungstheorie, die im Kreis der Berliner Aufklärer zirkulierte. Traurige Zeiten der Schwärmerei, des Aberglaubens und der Unwissenheit sollten bevorstehen,
und große Einschränkungen der Denkfreiheit drohten. Auf diese Befürchtung hatte Kant 1784 in der Berlinischen Monatsschrift mit seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? reagiert, in der er vor allem die uneingeschränkte Freiheit des Gelehrten einforderte, von seiner eigenen Vernunft öffentlich Gebrauch machen zu können. Den Hauptpunkt der Aufklärung, «die des Ausganges der Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit» (VI, 6o), hatte er dabei besonders auf «Religionssachen» gelegt. Darin sah er sich mit Friedrich II. einig, der es selbst für Pflicht hielt, «in Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu lassen.» (VI, 59f.) Jeder sollte nach seiner Facon selig werden können. Dabei sieht es zunächst gar nicht so schlecht aus. Man war Friedrichs II. müde. Der Tod dieses zurückgezogen lebenden und einsam regierenden Monarchen scheint nur wenige betrübt zu haben. Jetzt tritt ein junger König an seine Stelle, der zwar auch herrschen und seine preußische Pflicht erfüllen will. Aber er will auch das Leben genießen. Schon als Kronprinz hat der Neffe des Alten Fritz zahlreiche Mätressen um sich, und die schöne, kaum gebildete Wilhelmine Enke hat ihm bereits fünf oder sechs Kinder zur Welt gebracht. Man weiß um die anstößigen Liebeshändel des «dicken Wilhelm», der beim Volk beliebt ist und in seinem Temperament so ganz anders als der große Friedrich. Er gilt als weich, nachgiebig und undiszipliniert. In der preußischen Geschichtsschreibung ist er meist recht schlecht behandelt worden. Aber es ist auch nicht zu übersehen, dass unter seiner Herrschaft «in dem vorher so nüchternen, ja ärmlichen und rauhen Staat eine Kulturblüte und Talentschwemme begann, die fünfzig Jahre angehalten hat, und man kann dem König nicht jedes Verdienst daran absprechen. » Es ist kein hagerer Asket und zynischer Freigeist, sondern ein sinnlicher und frommer Mann mit eindrucksvoller Figur, der am 17. September 1786 nach Königsberg kommt, um sich dort als König Friedrich Wilhelm II. krönen und huldigen zu lassen. Kant, der in diesem Jahr zum ersten Mal als Rektor der Königsberger Universität tätig ist, hat die entsprechenden universitären Feierlichkeiten zu leiten. Er muss die Vorbereitungen für die Festveranstaltung organisieren und den neuen König im Namen der Universität begrüßen. Begleitet von einigen Senatsmitgliedern wird Kant ihm am 18. September auf dem Schloss vorgestellt und von ihm mit größter Hochachtung begrüßt. Der Kulturkampf, der bald beginnen und zehn Jahre lang dauern wird, geht nicht direkt von Friedrich Wilhelm II. aus, den Kant noch 1798, im Rückblick auf seinen Konflikt mit der preußischen Zensur, als einen tapferen, redlichen, menschenliebenden und - «von gewissen Temperamentseigenschaften abgesehen» - durchaus vortrefflichen Herrn lobt, «der auch mich persönlich kannte, und von Zeit zu Zeit Äußerungen seiner Gnade an mich gelangen ließ.»
Unter seiner Herrschaft ist Kant zum Mitglied der Berliner Akademie ernannt worden und erhielt am 3. März 1789 auch eine Extrazulage von 220 Talern jährlich zur Aufbesserung seines doch recht spärlichen Professorengehalts. Die gegen die Aufklärung gerichtete Kultur- und Religionspolitik geht vor allem von einem Geistlichen aus, der schon den jungen Kronprinzen in seinen spiritistisch-mystischen Bann gezogen hat und von 1783 bis 1786 sein geistiger und politischer Lehrer war. Bereits 1781 hat er ihn als Mitglied des legendären Ordens der Rosenkreuzer gewinnen können, der um 1760 in Form eines alchimistischen Geheimbundes von einigen Freimaurerlogen aufgenommen worden war. Unter seinem Einfluss verband sich die sinnliche Lebenslust des Prinzen mit einer frömmelnden Gläubigkeit, die Friedrich Wilhelm oft zum Weinen gebracht hat. Dann saß er stundenlang grübelnd da, schwärmte von Geistern und will auch mehrmals Jesus vor sich gesehen haben. Johann Christoph Wöllner
(1732-1800) ist ein religiöser Geisterseher, den Friedrich II. als einen
«betriegerischen und Intriganten Pfafen, sonst weiter nichts»
charakterisiert hat, um seine Nobilitierung abzulehnen. Kaum ist sein Neffe
an der Macht, wird Wöllner geadelt. Zwei Jahre später, am 3. Juli
1788, entlässt Friedrich Wilhelm II. den aufgeklärten Königlich
Preußischen Staatsminister Freiherr von Zedlitz und setzt J. C. von
Wöllner als Geheimen Staats- und Justizminister und «Chef des geistlichen
Departements» ein. Wöllner und seine Hintermänner haben es
eilig. Schon sechs Tage später, am 9. Juli, tritt das Wöllner'sche
Edikt, die Religionsverfassung in den preußischen Staaten betreffend
in Kraft. Es wird unter hoher Strafandrohung befohlen, dass kein Geistlicher,
Prediger oder Schullehrer der protestantischen Religion die verderblichen
und widerlegten Irrtümer verbreiten darf, die «mit vieler Dreistigkeit
und Unverschämtheit durch den äusserst gemissbrauchten Namen Aufklärung
unter das Volk ausgebreitet worden sind». |
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Immanuel
Kant * 22.April 1724 in Königsberg (Preußen) † 12. Februar 1804 in Königsberg (Preußen) |
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Schloss,
Königsberg, Ostpreußen, links das Wohnhaus vom deutschen Philosophen Immanuel Kant |
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Als Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg, Anfang 1701 in Königsberg war, um sich dort mit barockem Prunk am 18. Januar zum König Friedrich I. in Preußen zu krönen und das Herzogtum Preußen zu einem Königreich zu erheben, nutzte Gehr die günstige Gelegenheit. Er richtete eine unmittelbare Eingabe an den neuen König, die wohlwollend behandelt wurde. Die Gehr'sche Privatschule erhielt den Rang einer «Königlichen Schule» und trug seit dem 10. Mai 1703 den ehrenvollen Namen «Collegium Fridericianum». Als Emanuel Kandt 1732 ins Friedrich-Kolleg eintrat, war es mit seiner ungebundenen Lebensweise endgültig vorbei. Durch Erziehung und Fürsorge seiner Eltern hatte er schon gelernt, dass der natürlich angeborene Hang des Menschen zur Freiheit, der sich im frühkindlichen Geschrei äußert, zwar nicht gebrochen, aber doch in eine Bahn gelenkt werden
muss, die ein soziales Zusammenleben ermöglicht. Ein Kind muss gehorchen lernen. Denn «es ist unnatürlich, daß das Kind durch sein Geschrei kommandiere, und der Starke einem Schwachen gehorche». (VI, 738f.) Jetzt aber kamen schulische Disziplinierung, Kultivierung und Zivilisierung hinzu. AUF DEM TERRITORIUM DER REINEN VERNUNFT Kant ist sich des Risikos bewusst, das mit seiner Kritik an der Metaphysik verbunden ist. Wie soll der Mensch die metaphysische Finsternis ertragen, in der es keine verlässliche Orientierung mehr zu geben scheint? Wenn er sich seiner eigenen Ich-Identität nicht mehr sicher sein kann und auch heilige Schriften oder traditionsmächtige Weltbilder keine Autorität mehr besitzen, sondern einer kritischen Prüfung unterworfen werden, die keine «Machtsprüche» (II, 13) anerkennt, dann tut sich der Abgrund einer radikalen Skepsis auf, die nur schwer zu ertragen ist. Es droht jene Gefahr, die in Humes Nachtgedanken eines Zweiflers den schiffbrüchigen Helden in die Schwermut treibt. Misstrauisch und allein gelassen sitzt er auf seinem Felsen, verzweifelt angesichts all der nachgewiesenen Fehlschlüsse, Antinomien und Blendwerke, denen er zuvor ausgesetzt war. «Ich winke andern sich mit mir zu vereinigen, um wenigstens eine kleine Gesellschaft besonders aus zumachen. Jeder aber hält sich in einer gewißen Entfernung von mir und fürchtet den Sturm, der mich allenthalben umlagert und angreift.» Als Kant am 5. Juli 1771 Hamanns Übersetzung von Humes Treatise I, 4, 7 liest, findet er seine eigene Verzweiflung ausgedrückt. Auch ihn scheint kalter Widerwille ergriffen zu haben angesichts der spekulativen Weltweisheit, die er nur noch voller Skepsis verachten kann. Und ebenso sehr bedrückt ihn die intellektuelle Einsamkeit, in die ihn seine Kritik metaphysischer Fiktionen geführt hat. In seiner «Vorerinnerung von dem Eigentümlichen aller metaphysischen Erkenntnis», mit der er 1783 seine Prolegomena einleitet, wird er rückblickend noch einmal auf Humes Nachtgedanken anspielen, die ihn 1771 wie ein Albtraum heimgesucht haben. Er zeichnet das Bild nach, wie der Zweifler «sein Schiff, um es in Sicherheit zu bringen, auf den Strand (des Skeptizismus) setzte, da es denn liegen und verfaulen mag.» In diesem Zustand wollte er sich nicht einrichten. Ihm kam es darauf an, seinem Schiff «einen Piloten zu geben, der, nach sicheren Prinzipien der Steuermannskunst, die aus der Kenntnis des Globus gezogen sind, mit einer vollständigen Seekarte und einem Kompaß versehen, das Schiff sicher führen könne, wohin es ihm gut dünkt.» (III, 121) Das also ist die neue konstruktive Absicht, die der Professor der Logik und Metaphysik mit seiner Kritik der reinen Vernunft verfolgt. Er will einen sicheren Weg finden, der ihn weder zu dogmatischen Blendwerken noch in eine skeptische Dunkelheit führt. Zehn Jahre ist er schweigsam unterwegs. Zunächst ist es nur ein kleiner «Fußsteig», der sich ihm eröffnet. Aber er hofft, ihn zu einer «Heerstraße» (II, 712) für alle ausbauen zu können, die in seiner Gesellschaft mitwandern wollen. Es ist nicht zuletzt ein Weg, auf dem Kant wieder zur Metaphysik, «wie zu einer mit uns entzweiten Geliebten» (II, 708), zurückkehrt. Denn seine Liebe zur Metaphysik war zwar problematisch geworden, aber nie wirklich erkaltet. Mit dem Überdruss oder der Gleichgültigkeit, die sich gegenüber der Metaphysik breit gemacht haben und ihn selbst um 1770 zu beherrschen drohten, kann sich Kant nicht abfinden. Er ist davon überzeugt, dass der «gänzliche Indifferentism der aus der Skepsis geboren worden ist, dem metaphysischen Interesse widerspricht, dieser «Naturanlage (metaphysica naturalis)», die zu allen Zeiten und in allen Menschen existiert, «so bald Vernunft sich in ihnen bis zur Spekulation erweitert.» (II, 60) Die Kritik der reinen Vernunft ist, in ihrem ersten konstruktiven Teil, Kants Einspruch gegen das zeitgenössische Desinteresse an seiner Geliebten. Doch der ernst zu nehmende Gegenstand metaphysischer Nachforschungen kann nun nicht mehr in jenem übersinnlichen Schattenreich angesiedelt sein, das die Skeptiker und Aufklärer zu Recht für null und nichtig erklärt haben und das auch Kant selbst dialektisch überwunden hat. Im Zeitalter der Kritik taucht er vor allem als Problem der erfolgreichen naturwissenschaftlichen Erkenntnis auf. «Was kann ich
wissen?» (II, 677) ist die Schlüsselfrage von Kants Kritik,
sofern sie sich auf die reine theoretische Vernunft konzentriert. Beantwortbar
ist sie nur durch eine Metaphysik, welche die grundlegenden Bedingungen einer
sachhaltigen Welterkenntnis aufklärt. Dafür aber können spekulative
Psychologie, Kosmologie und Theologie nicht mehr exemplarisch sein. Stattdessen
kommen wieder Mathematik und Physik ins Spiel, für die er sich schon
als junger Student interessiert hat und die ihn zu seinen Gedanken von der
wahren Schätzung der lebendigen Kräfte angeregt haben. Er ist auf
diesen Gebieten zwar nie Fachmann gewesen. Er hat seine Schwierigkeiten mit
der Physik, und auch in der höheren Mathematik war er nicht besonders
qualifiziert. Aber naturwissenschaftliche Lehrbücher, wie die Anfangsgründe
der Naturlehre (1768) von Johann Christian Polycarpus Erxleben oder die Theorie
der Bewegung (1765) von Leonhard Euler, gehören zu seiner Lieblingslektüre,
die ihn immer wieder zum philosophischen Nachdenken anregt. |
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JUGENDSKLAVEREI Mit der kindlichen Ungebundenheit, die sich nur am Tageslauf der Familie orientierte, war es vorbei, als Emanuel, wie es durch das Kirchen- und Schulrecht in Preußen verordnet worden war, als Fünf- oder Sechsjähriger die Schule zu besuchen begann. Jeden Morgen machte er sich auf den Weg zur nahe gelegenen Hospitalschule in der Hinteren Vorstadt. Es gab nur einen Lehrer, der zugleich Kantor und Organist an der dortigen Kirche war, und nur eine Klasse, in der alle Schüler die elementaren Kulturtechniken zu beherrschen lernten: Lesen, Schreiben, ein wenig Rechnen. Vor allem sollten sie die Gründe des Christentums kennen lernen und zu einem gottfürchtigen Leben im Geiste des Protestantismus erzogen werden. Ob der sechsjährige Emanuel, der lieber in der väterlichen Werkstatt und auf den mit vielen Gräben durchzogenen Holzwiesen am Fluss Pregel spielte oder mit seiner Mutter ins Freie ging, bereits diesen ersten Elementarunterricht als jene disziplinierende Sklaverei empfand, gegen die er später so oft opponierte, wenn er auf preußische Erziehungsanstalten zu sprechen kam, ist nicht belegbar. Aber fest steht, dass er schnell lernte und schon bald lesen, schreiben und rechnen konnte.Was aus Emanuel Kant geworden wäre, wenn er die Hospitalschule bis zum Ende besucht hätte, ist ungewiss. Tatsache jedenfalls ist, dass ein besonderer Umstand eine plötzliche Wendung seiner Lebensgeschichte herbeiführte, die für sein weiteres Schicksal bedeutsam werden sollte. Er war sieben Jahre alt, als er Franz Albert Schultz begegnete.1731 war der 4o-jährige Dr. theol. F. A. Schultz nach Königsberg gekommen. Als ehemaliger Feldprediger stand er beim Soldatenkönig Friedrich Wilhelm 1. in hoher Gunst und wurde von ihm zum Konsistorialrat, Pfarrer an der Altstädtischen Kirche und Theologieprofessor an der Albertus-Universität ernannt. Schultz hatte an der Universität Halle Theologie studiert und war unter den dort herrschenden Einfluss des Francke-Spener'schen Pietismus geraten. Aber er war zu sehr Rationalist, um sich dadurch zu einer gefühlsmäßigen Schwärmerei und enthusiastischen Religiosität verführen zu lassen. Statt innerliche Erleuchtungen und Selbstbeobachtungen zu kultivieren, stützte er seinen religiösen Glauben und sein theologisches Wissen lieber auf eine formale Verstandesbildung und intellektuelle Klarheit. Intensiv studierte er vor allem die vielen Vernünfftigen Gedancken, welche der Mathematiker und Logiker Christian Freiherr von Wolff (16791754) unermüdlich über das ganze Spektrum der philosophischen «Weltweisheit» entwickelte und veröffentlichte: über das gesellschaftliche Leben der Menschen (Deutsche Politik), über die Kräfte des menschlichen Verstandes und ihren richtigen Gebrauch zur Erkenntnis der Wahrheit (Deutsche Logik), über die Absichten der natürlichen Dinge (Deutsche Teleologie), über den Gebrauch der Teile in Menschen, Tieren und Pflanzen (Deutsche Physiologie) und über das Tun und Lassen der Menschen zur Beförderung ihrer Glückseligkeit (Deutsche Ethik). Vor allem die Deutsche Metaphysik, die 1720 in Halle erschienen und äußerst populär war, lieferte eine Richtlinie, wie pietistisch und zugleich aufgeklärt der «Mangel des Verstandes und der Tugend» aufgehoben werden kann, unter dem die «gegenwärtigen unglückseligen Zeiten litten. So jedenfalls hatte es Wolff sich in der am 23. Dezember 1719 in Halle geschriebenen Vorrede seiner metaphysischen Vernünfftigen Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt gewünscht. Durch Christian Wolff erhielt die pietistische Herzensreligiosität des jungen Schultz eine intellektuelle Zuschärfung und praktische Energie, die diesen komplexen Charakter nicht nur zu einem erfolgreichen Universitätslehrer und beeindruckenden Pfarrer werden ließen, sondern auch zu einem führenden Verwaltungsbeamten im preußischen Schul- und Kirchenwesen und zum ersten Schulmann Königsbergs. Aber all das wäre wohl vergessen, wenn dieser Franz Albert Schultz nicht 1731 als einer der Ersten die große Begabung des kleinen Emanuel erkannt hätte, der an der Hand seiner Mutter seine Bet- und Bibelstunden besuchte. Denn Anna Regina Kandt war eine «unablässige Zuhörerin und herzliche Anhängerin dieses Mannes, der von allen, die ihn kannten, als ein kluger und klarer Kopf, umsichtiger Praktiker und ehrlicher Charakter geschätzt wurde. Es ist wohl übertrieben, was Wasianski viele Jahrzehnte später über die erste Begegnung zwischen Schultz und seinem jungen Besucher berichtete: «Dieser große Menschenkenner entdeckte zuerst Kants große und seltene Anlagen und zog das unbemerkte Genie, das ohne seinen Beitritt vielleicht verkümmert wäre, hervor. Ihm verdankt Kant, was er wurde, und die gelehrte Welt das, was sie durch seine Ausbildung gewann.» Aber verlässlich überliefert ist, dass Kant später «Schultzen so innig hochschätzte, daß er ihm ein Denkmal der Verehrung zu errichten wünschte. » Zumindest entging Schultz nicht, dass die Mutter zu Recht stolz war auf den Scharfsinn und die Fassungskraft ihres Sohns. Offensichtlich war dieses schmächtige Kind zu begabt für den Besuch einer Zwergschule. Mehrmals besuchte der renommierte Schultz die einfache Handwerkerfamilie in ihrem kleinen Häuschen in der Sattlergasse und redete den Eltern gut zu, ihren Sohn auf ein späteres Universitätsstudium vorbereiten zu lassen. Dazu aber empfahl sich der Besuch einer besseren Schule. Das kam dem Lieblingswunsch der Mutter entgegen, einen klugen und frommen Sohn zu haben; und auch der Vater war gern bereit, von seinen geringen Einkünften das erforderliche Geld für eine bessere Schulbildung abzuzweigen. So kam Ostern 1732 der achtjährige Emanuel auf das Collegium Fridericianum, zu dem Schultz gute Beziehungen besaß. Ein Jahr später wurde er dort Direktor und konnte die Entwicklung seines Zöglings aus nächster Nähe beobachten und beeinflussen. Zwar sollten die Kinder erst mit zehn Jahren in diese «Pietistenschule», wie sie der Volksmund nannte, eingeschult werden, «weil sie vor solchem Jahre ihre Sachen, auch nur in einiger Ordnung zu halten, nicht geschickt sind.» Sie sollten den Elementarunterricht bereits hinter sich haben und genügend diszipliniert worden sein, um dem strengen Reglement des Unterrichts folgen zu können. Doch der kleine Kandt schien schon reif genug gewesen zu sein, um vorzeitig ins Friedrichs-Kolleg eingeschult zu werden, das für die nächsten acht Jahre seinen Lebensmittelpunkt bildete, auch wenn er weiterhin zu Hause wohnen blieb und nun Tag für Tag den weiten Weg von der Hinteren Vorstadt ins zentral gelegene Collegium hinter sich bringen musste. An der Zollschranke auf dem Pregel vorbei, überquerte er die Grüne Brücke, ging dann die Kneiphöfsche Langgasse mit ihren schmucken Giebelhäusern entlang, kam am königlichen Schloss vorbei in die Französische Straße, die zum Kreuztor führte, in dessen Nähe das Collegium lag. Besonders in den eisigen Wintern, in denen die Welt vor Kälte zu zerspringen schien und kein Sonnenstrahl den frühmorgendlichen Weg erhellte, wurde Emmanuels Lust zum Schulbesuch auf eine harte Probe gestellt.Seinen Namen hatte das Pietisten-Gymnasium, das für die preußische Bildungspolitik eine wichtige Rolle spielte, in Erinnerung an seine Gründungs-geschichte erhalten. Der Holzkämmerer Theodor Gehr nämlich hatte auf seinen beruflichen Reisen auch die beiden tonangebenden Pietisten Philipp Jakob Spener (1635-1705) und August Hermann Francke (1663-1727) kennen gelernt. Selbst durch ein Erweckungserlebnis am Matthäustag 1691 zum enthusiastischen Christen geworden, beeindruckten ihn besonders Franckes Erziehungskonzepte und -anstalten in Halle an der Saale. Ähnliches wollte er in Königsberg verwirklichen. Am 11. August 1698 gründete er eine kleine Privatschule in seinem Haus. Bibellektüre stand im Vordergrund, ergänzt durch praktischen Unterricht in nützlichen Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben, Nähen und Sticken. Ein breiter Volksunterricht, an dem auch die Armen teilnehmen können sollten, war das Ziel dieser Schule, deren Wahlspruch vom neuen Geist pietistischer Frömmigkeit zeugte: «Pietas fundamentum omnium virtutum. Der gottselige Glaube ist die Grundlage aller Tugend, wogegen sich Kants spätere Ethik wie eine kritische Umkehrung lesen lässt: «Moralität muß vorangehen, die Theologie ihr dann folgen.» (VI, 756) |
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Manfred
Geier wurde 1943 in Troppau geboren, promovierte 1973 über Noam Chomskys Sprachtheorie und die amerikanische Linguistik. Er lehrte an der Universität Hannover Sprach- und Literaturwissenschaft. |
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Königsberg
1766 |
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