Helmut Kohl, Band I
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Helmut Kohl
Erinnerungen


Helmut Kohl
Erinnerungen
Band II
1982 - 1990


Droemer
- Verlag

1152 S. geb.
€ (D) 29,90
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Helmut Kohl, Band I
1930 - 1982


Vom Nato-Doppelbeschluss bis zur Wiedervereinigung - während seiner Kanzlerschaft hat Helmut Kohl die Weichen gestellt, die über die Zukunft Deutschlands und Europa entschieden.
Zum ersten Mal schildert Helmut Kohl die prägenden Jahre seiner Kanzlerschaft.

Francois Metterrand , Helmut Kohl
Zum Zeichen der Versöhnung ergreift Francois Mitterrand
über den Gräbern von Verdun meine Hand (Helmut Kohl)

Auszüge

Weichenstellung

Es stand für mich außer Frage, dass mich meine erste Auslandsreise als Bundeskanzler nach Frankreich führen musste. Um ein deutliches Zeichen der Völkerfreundschaft zu setzen und die besondere Bedeutung der deutsch-französischen Beziehungen zu unterstreichen, machte ich noch am 4. Oktober 1982, dem Tag der Regierungsbildung, einen Antrittsbesuch beim französischen Staatspräsidenten. Francois Mitterrand hatte an jenem Montag zwar einen Staatsbesuch geplant und wollte Paris verlassen, doch er verschob seine Reisepläne, um mich zu empfangen.
Ich erinnere mich noch gut an diesen ersten Flug, den ich als Bundeskanzler mit einer Maschine der Flugbereitschaft der Bundeswehr machte. Gegen 19 Uhr starteten wir vom Köln/Bonner Flughafen, von wo aus ich in den kommenden sechzehn Jahren noch unzählige Male zu Flügen ins In- und Ausland aufbrechen sollte.
Im Elysee-Palast gab es dann ein Abendessen im kleinen Kreis. Neben den Außenministern Hans-Dietrich Genscher und Roland Dumas nahmen daran auch die beiden Botschafter unserer Länder teil. An diesem Abend begegnete ich zum ersten Mal Francois Mitterrand - jenem Mann, der in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen war, aktiv in der Resistance mitgewirkt und als Kommunalpolitiker und Minister in zahlreichen Pariser Regierungen politische Verantwortung übernommen hatte. Ich begegnete einem Politiker, der als Oppositionspolitiker und Parteivorsitzender schon manche Höhen und Tiefen erlebt hatte und schwere Niederlagen einstecken musste, bevor er das einflussreichste Amt erringen konnte, das die französische Republik zu vergeben hat. Ich
lernte einen Menschen kennen, der wie ich aus einem toleranten katholischen Haus stammte, in einer bürgerlichen Großfamilie mit sieben Geschwistern aufgewachsen war und zielstrebig an die Spitze der französischen Sozialisten gelangt war. Mitterrand war ein hochgebildeter und feinsinniger Mann, der sich in den verschlungenen Pfaden der Europapolitik blendend auskannte und über die innenpolitischen Probleme in der Bundesrepublik ebensoviel wusste wie über die Querelen innerhalb der SPD.

Hannelore Kohl
Als Präsidentin des Kuratoriums ZNS engagiert sich Hannelore Kohl
für hirnverletzte Unfallopfer

> > > Der überzeugte Sozialist hatte 1981 vier kommunistische Minister im Kabinett zugelassen und gleichzeitig penibel darauf geachtet, dass die Außenpolitik nicht von der Kommunistischen Partei beeinflusst wurde. Schließlich trat Mitterrand, der die Sowjetunion wegen der Besetzung Afghanistans massiv angegriffen hatte, konsequent für die westliche Nachrüstung ein, und so kamen wir bei unserem äußerst angenehmen Gedankenaustausch unter vier Augen bald auch auf dieses Thema zu sprechen. Mitterrand unterstrich mit großem Ernst, am Nato-Doppelbeschluss festhalten und ihn mit allen Konsequenzen durchsetzen zu wollen. Der Präsident, ein politischer Realist wie kaum ein anderer, zeigte großes Interesse an meiner Einstellung zu dieser Schicksalsfrage und fragte mich direkt, ob sich die neue Bonner Regierungskoalition der Pariser Position anschließen werde. Ich spürte deutlich seine Genugtuung und Erleichterung, als ich ihm ein uneingeschränktes Ja zur Antwort gab. Es ist gut möglich, dass diese Aussage damals ein kleiner, aber wichtiger Beitrag war zur Begründung unserer langjährigen Freundschaft, die über ein Zweckbündnis zweier Regierungschefs weit hinausging.
Auch über unsere Vorgänger sprachen wir an diesem Abend im Elysee, über Helmut Schmidt und über Mitterrands ärgsten Widersacher Valery Giscard d'Estaing, die eine innige Männerfreundschaft verband. Dann kam das Gespräch auf Charles de Gaulle, und selten in meinem Leben habe ich so viele
freundliche Worte über de Gaulle gehört wie damals. Kein Wunder: Die Art und Weise, wie Mitterrand das Amt des Präsidenten ausfüllte, erinnerte mich sehr stark an de Gaulle, den ich mehrfach erlebt hatte.
Ausführlich erläuterte ich dem französischen Staatspräsidenten,
dass ich im März 1983 auch deshalb Neuwahlen in der Bundesrepublik herbeiführen wollte, um in der Nachrüstungsfrage die Wähler entscheiden zu lassen und um von ihnen einen klaren Auftrag zu bekommen, den Nato-Doppelbeschluss durchzusetzen. Meine Risikobereitschaft schien Mitterrand zu gefallen, denn er ermunterte mich, die Legitimation für politisches Handeln bei einer Bundestagswahl einzuholen.
Als ich kurz nach Mitternacht den Heimflug nach Bonn antrat, hatte ich ein gutes Gefühl. Francois Mitterrand hatte meinen Antrittsbesuch in Paris so verstanden, wie ich es mir gewünscht hatte: als Geste, die ausdrücken sollte, wie wichtig mir die Fortsetzung und Intensivierung unserer Beziehungen und der Ausbau der deutsch-französischen Freundschaft im Geiste Adenauers und de Gaulles waren. Wir hatten nicht nur einen breiten Konsens in fast allen Fragen der internationalen Politik erzielt, sondern auch einen persönlichen Kontakt zueinander gefunden, der für die Zukunft unserer beiden Länder von nicht zu unterschätzender Bedeutung war.

Ronald Reagan, Helmut Kohl
Helmut Kohl mit Präsident Ronald Reagan, den ich am 14. November in
Washington traf, verbanden mich freundschaftliche Beziehungen

Kraft dem Deutschen Volk
durch Versöhnung und
Vereinigung.
Anm.:
Kultur Fibel

Durchsetzungswahl

>>>>>>
Es ging den Menschen 1987 besser als vier Jahre zuvor. Die Preise waren stabil, die Wirtschaft wuchs, die Realeinkommen stie-gen, und die Beschäftigung nahm zu. Wir hatten in dieser Legislaturperiode sechs-hunderttausend neue Arbeitsplätze ge-schaffen. Die Zahl der Kurzarbeiter nahm drastisch ab, und auch bei der Überwin-dung der Jugendarbeitslosigkeit machten wir gute Fortschritte. Die SPD wäre gut
Der feige Mord der RAF am 10. Oktober 1986 an Gerold von Braunmühl, dem Leiter der Politischen Abteilung des Aus-wärtigen Amts, hatte nicht nur die Hauptstadt erschüttert. Die Menschen fragten sich: Was können wir tun, um endlich der Geißel des Terrors Herr zu werden?
Für mich stand immer außer Frage, dass es den Terroristen nicht gelingen würde, unseren freiheitlichen Rechtsstaat zu zerschlagen. Das würden wir mit den Mitteln ebendieses Rechtsstaats verhindern. Es gab keinerlei Entschuldigung für die zynischen Anschläge und feigen Morde. Die Täter und diejenigen, die ihnen den Rücken stärkten, mussten
beraten gewesen, diese positive Bilanz nicht madig zu machen und die Arbeitsleistung der Menschen, die diese wirtschaftlichen Erfolge möglich gemacht hatten, nicht herabzusetzen. Die Bundesrepublik war nicht das Jam-mertal, das der Oppositionsführer immer wieder so düster beschwor. Die Wahlkämpfer der SPD mussten ihre Uhren nachstellen: Wir schrieben den Januar 1987 und nicht mehr den September 1982.
Jetzt durften wir nicht in die Fehler der siebziger Jahre zurückfallen. Das hieß vor allem: Man sollte grundsätzlich nur ausgeben, was vorher erarbeitet wurde.
Holger Börner, Joschka Fischer
In Turnschuhen und Jeans erscheint
Joschka Fischer zu seiner Vereidigung
als hessischer Umweltminister durch Ministerpräsident Holger Börner
Nancy Reagan, Hannelore Kohl
Hannelore Kohl mit Nancy Reagan im privaten Flügel des Weißen Hauses
Anm: 2004
Auch der heutige Bundesaußenminister hat damals auf den Mord an Buback reagiert und dabei die folgenden RAF-Attentate in sein Resümee eingeschlossen. Mir (H.O.Henkel) erscheint sein Kommentar fast noch zynischer als der des »Mescalero«.
Im Frankfurter Anarcho-Magazin "Pflasterstrand", das Fischers Freund Daniel Cohn-Bendit herausgab, heute Spitzenkandidat der Grünen für das Europäische Parlament, schrieb Joschka Fischer 1978 über die ermordeten
Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer
deren barbarische »Hinrichtungen« ganz Deutschland mit Entsetzen erfüllt hatten.
»Bei den drei hohen Herren«, so Fischer, »mag in mir keine rechte Trauer aufkommen, das sag ich ganz für mich.«
mit unserer entschiedenen Gegenwehr rechnen.
Die Antwort auf die Herausforderung des Terrorismus musste von uns allen kommen. Wir waren in dreifacher Hinsicht gefordert: Zum einen mussten alle Mitbürger die Fahndungsmaßnahmen der Polizei unterstützen, denn die Terroristen rechneten mit unserer Unaufmerksamkeit. Sie versuchten, sich mitten unter uns zu verstecken. Darum war jeder Hinweis für unsere Polizei so wichtig. Unser Rechtsstaat garantiert, dass lediglich der überführte Täter bestraft wird. Wer die Fahndung der Polizei unterstützte, half also, Menschenleben zu retten und unsere freiheitliche Ordnung zu sichern.
Zum anderen war es notwendig, auf die Brutalität des Terrorismus auch mit den notwendigen gesetzlichen Maßnahmen zu reagieren. Die Koalition brachte dazu eine Reihe von Vorlagen im Bundestag ein. Damit wurde die Fahndung erleichtert.
Und schließlich mussten wir uns alle noch energischer gegen die Verharmlosung von Gewalttaten wenden, die seit Jahren bei uns Mode geworden war. Das war nicht allein eine Aufgabe der Politik, sondern hier waren auch Eltern, Lehrer
Deshalb blieben wir bei unserem Kurs einer soliden Finanz- und Wirtschaftspolitik, die vor allem der Leistung von Gerhard Stoltenberg zu verdanken war, und verspra-chen nicht allen alles, wie das bei den Sozialdemokraten Mode war.
Natürlich wollten wir an einer Gesellschaft mit mensch-lichem Gesicht weiterarbeiten. Die CDU war die Partei der sozialen Reformen. In der zu Ende gehenden Legislatu-rperiode hatten wir auch in dieser Hinsicht viel bewirkt: die Neuordnung der Hinterbliebenenversorgung mit der Gleichstellung von Mann und Frau im Rentenrecht; die Anrechnung von Kindererziehungszeiten bei der Rente, mit der endlich die rentenrechtliche Anerkennung der Arbeit unserer Hausfrauen und Mütter erreicht war; das Erziehungsgeld für junge Familien; der Erziehungsurlaub mit Beschäftigungsgarantie.
Wer uns »soziale Kälte« vorwarf, musste die Wähler für vergesslich und gedankenlos halten. Wir blieben bei unserem Kurs solide finanzierter Sozialreformen. Nur mit einer guten Wirtschafts und einer soliden Finanzpolitik war seriöse Sozialpolitik möglich.
und Kirchen gefordert. Gemeinsam sollten wir immer wieder klarstellen: Wer Gewalt gegen Sachen rechtfertigt, trägt Mitverantwortung für die Gewalt gegen Menschen. Wer sich von Gewalttätern bei Demonstrationen nicht klar distanziert, ermutigt sie zu immer neuer Gewalt. Wer in der Politik oder sonst Hass predigt, kann sich nicht davonschleichen, wenn die Saat der Gewalt aufgeht. In der klaren Absage an jede Form der Gewalt müssen sich Demokraten bei allen Meinungsverschiedenheiten einig sein. Wer diesen Konsens verlässt, muss auf entschiedenen Widerstand treffen.
Führende SPD-Politiker sprachen von Ausgrenzung, wenn wir mit einer Partei nichts zu tun haben wollten, die Sachbeschädigung rechtfertigte, Gewalttaten bei Demonstrationen entschuldigte und sich ganz allgemein nicht klar und deutlich von Gewalt distanzierte. Wichtige Teile der Sozialdemokratie wollten die Macht in Bonn mit Hilfe einer Partei gewinnen, die in ihrem Wahlprogramm zwar den Terror von Rechtsextremisten verur-teilte, aber kein Wort zum Linkster-rorismus fand. So mancher Wähler sah in den Grünen eine Umweltpartei, so manches idealistische Mitglied merkte nicht, dass die Parteiführung damals längst zu einer anderen Republik aufgebrochen war. Gerade deshalb mussten wir in diesem Wahlkampf auch deutlich machen, dass man eine Partei nicht wählen durfte, die wie die Grünen Gewalt verharmloste und herbeiredete.
Berlin 1989, Brandenburger Tor
Unbeschreibliche Freude: Silvester 1989 in Berlin
Bitburg, eine historische Begegnung für die Aussöhnung und das Verstehen,
Ronald Reagan und Helmut Kohl, an den Gräbern gefallender amerikanischer,
deutscher Soldaten und Soldaten der Waffen-SS.
Klein-Geister, die Deutschland in den Abgrund treiben, protestierten
Redaktion Kultur Fibel

Kurt Schumacher wandte sich an die Lebenden, er bezog sich auf jene Generation von jungen Waffen-SS-Soldaten, die im Krieg noch einmal davongekommen war.
1985 diskutierten wir diesseits und jenseits des Atlantiks über junge SS-Soldaten, sprachen über das Schicksal derer, die vor vierzig Jahren gefallen waren.
Wer sich der allgegenwärtigen Gewalt des Nationalsozialismus nicht entziehen konnte, der wurde in der einen oder anderen Weise immer in ihr Unrecht mit verstrickt: als junger Mensch in der Hitler-Jugend (HJ), als Soldat, oft als Beamter, und manche in ganz anderen Zusammenhängen. Das Ausmaß - und das möchte ich unseren ausländischen Freunden und vielen Nachgeborenen zu bedenken geben - , das Ausmaß solcher Verstrickungen war oft nur von Zufälligkeiten des Alters, der persönlichen Lebensumstände oder von Willkürentscheidungen irgendwelcher Machthaber abhängig.
Ich frage mich bis heute, ob es wirklich unsere Sache ist, über Menschen zu richten, die in das Unrechtgeschehen verstrickt waren und ihr Leben verloren, während wir andere achten, die vielleicht nicht minder verstrickt waren, die aber überleben durften und seither zu Recht ihre Chance wahrnahmen, unserer Republik in allen demokratischen Parteien zu dienen.
Wir wollten auf dem Friedhof in Bitburg der Kriegstoten gedenken - jener, die in dem von Hitler entfesselten Krieg in ganz Europa und darüber hinaus sterben mussten, und der Deutschen, die Hitler in diesen Krieg gezwungen hatte und die ihr Leben lassen mussten.

Versöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern ist erreicht, wenn wir fähig zur Trauer um Menschen sind, unabhängig davon, welcher Nationalität die Gemor-deten, die Gefallenen, die Verstorbenen einmal angehörten. Das hatten wir in Verdun demonstriert, das wollten wir in Bitburg demonstrieren.
Das Gedenken an die Opfer hält immer auch die Erinnerung an die Schuld der Täter wach. Kriegsgräber sind immer auch eine Mahnung an die Untaten jener, die die Verbrechen des Krieges in der Gewaltherrschaft gewollt und begangen hatten.
Wir baten unsere Freunde, wir baten insbesondere unsere amerikanischen Freunde, das, was wir wollten - Versöhnung über den Gräbern -, so zu nehmen, wie es aus dem Verstand und aus dem Herzen der Deutschen in diesen Tagen deutlich geworden war. Denn wenn wir uns an diesen Gräbern trafen, an den Gräbern der Gewaltherrschaft in einem Konzentrationslager und auf einem Soldatenfriedhof, dann vor allem als gemeinsames Bekenntnis, dass nie wieder solche Barbarei die Völker, unser Volk heimsuchen darf, dass Krieg und Gewalt für uns keine Mittel der Politik sind, dass für uns der Satz gilt: Von deutschem Boden muss Frieden ausgehen.
Doch ich konnte zu dem Besuchsprogramm sagen, was ich wollte: Der Besuch auf dem Soldatenfriedhof wurde in Amerika wie in der Bundesrepublik als Geschmacklosigkeit, fehlende Feinfühligkeit und Mangel an Takt kritisiert. Nicht zuletzt in den USA war bei der Vorbereitung des Besuchs der Eindruck entstanden, dass der Präsident zwar einen Soldatenfriedhof, aber keine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus besuchen wolle. Richtig ist, dass das ursprünglich für sieben Tage geplante Besuchsprogramm eine Landung in München und den Besuch der Gedenkstätte Dachau vorgesehen hatte. Als der Besuch dann jedoch um zwei Tage verkürzt wurde, musste das Programm umgestellt werden - statt nach Dachau kam Ronald Reagan nun nach
Bergen-Belsen.
Die Presse in beiden Ländern jedoch schreckte nicht vor unverantwortlichen Unterstellungen zurück. Selbst seriöse Blätter in den USA druckten manipulierte Fotos. Blumengebinde von Nachbargräbern standen plötzlich auf den Gräbern der ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen. Es war eine Fälscherorgie sondergleichen, eine der schlimmsten Kampagnen während meiner Kanzlerschaft.
Über fünfzig Senatoren beider Parteien in den Vereinigten Staaten forderten Reagan in einem Brief ultimativ auf, nicht nach Bitburg zu gehen. Proteste überlebender KZ-Häftlinge in den USA und amerikanischer Kriegsteilnehmer hielten unvermindert an. Im Weißen Haus gingen täglich rund hundert Telefonanrufe negativen Inhalts zu Reagans Deutschlandbesuch ein. Es erhob sich ein Proteststurm unter allen jüdischen Organisationen in den USA, vor allem seitens des Jüdischen Weltkongresses.
Ich führte mehrere Telefonate mit dem amerikanischen Präsidenten. Die Dramatik war deutlich zu spüren. Forderungen nach einer Absage seines Besuchs wurden laut. Reagan wehrte sich mit der Bemerkung, auch die toten Soldaten seien Opfer. Über die Schuld der Täter werde alleine Gott entscheiden. Er sei aber nur der Präsident der Vereinigten Staaten.
In dieser schwierigen Lage hatte ich Ende April 1985 ein Telefonat mit Ronald Reagan. Der Druck auf ihn war mit den Händen zu greifen, ich spürte auch die Abneigung seiner Frau Nancy gegenüber dem Besuchsprogramm. So bot ich ihm kurz vor Reiseantritt an, seinen Besuch in der Bundesrepublik zu
verschieben. Er solle die Initiative ergreifen, ich würde seine Entscheidung voll respektieren. Ich sagte ihm aber auch, dass er nicht von mir erwarten könne, dass ich von mir aus die Initiative zur Verschiebung seines Besuchs ergreifen würde. Das Ehrenbataillon bestand aus Fallschirmjägern der Saarland-Brigade, erzählte ich ihm. Konnte ich von den Soldaten dieser Generation erwarten, in der Nato Dienst zu tun, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten nicht in der Lage sei, die Gefallenen zu ehren?

Am anderen Ende der Telefonleitung wurde es einen Moment lang ganz still. Nach einer kurzen Pause sagte Ronald Reagan zu mir, und das werde ich ihm nie vergessen: »Ich sage die Reise nicht ab, ich werde kommen. «
Am 1. Mai 1985 landeten der amerikanische Präsident und seine Frau auf dem Köln-Bonner Flughafen, von wo aus sie sich auf Schloss Gymnich begaben. Bei
unserem ersten Treffen bedankte ich mich für die Festigkeit, mit der Ronald Reagan daran festgehalten hatte, die Toten auch auf dem Soldatenfriedhof zu ehren. Der Präsident versicherte mir, dass wegen des Aufschreis der Presse keine Verstimmung zwischen uns entstanden sei. Durch seine unerschütterliche Haltung und Standhaftigkeit hatte er die Herzen der meisten Deutschen gewonnen.

Der 5. Mai 1985 begann mit einem gemeinsamen Besuch des Grabes von Konrad Adenauer in Rhöndorf. Nancy Reagan und Hannelore legten Blumen nieder.
Der Besuch des Präsidenten in der Gedenkstätte Bergen-Belsen verlief ohne Störung. Vertreter jüdischer Organisationen allerdings hatten wegen Reagans Besuch auf dem Soldatenfriedhof die Teilnahme an der Gedenkfeier im ehemaligen KZ abgesagt.
In seiner Ansprache wandte sich Reagan gegen das Vergessen; vor dem Gedenkstein zur Erinnerung an die in Bergen-Belsen umgekommenen Häftlinge sagte er:
»Diese leidvollen Schritte in die Vergangenheit bedeuten weit mehr als nur eine Erinnerung an den Krieg, der den europäischen Kontinent verwüstet hat. Was wir hier sehen, macht uns allen auf unauslöschliche Weise deutlich, dass niemand, der nicht betroffen war, in vollem Umfang das Ausmaß des Grauens ermessen kann, das die Opfer dieser Lager erdulden mussten. Die Überlebenden tragen eine Erinnerung mit sich, die über alles hinausgeht, was wir uns vorstellen können.«
Im Flugzeug des Präsidenten flogen wir anschließend zum amerikanischen Luftwaffenstützpunkt nach Bitburg. Auf dem Bitburger Soldatenfriedhof legten wir Kränze zum Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs nieder.
An der Seite des amerikanischen Präsidenten stand der frühere Nato-Oberbefehlshaber General Matthew B. Ridgeway, während ich vom ehemaligen Luftwaffen-Inspekteur General Johannes Steinhoff flankiert wurde. Die beiden Generäle, einst Gegner im Zweiten Weltkrieg, reichten einander wortlos die Hände.

Ein Soldat der Bundeswehr spielte auf der Trompete
"Ich hatt' einen Kameraden".

Ende der Auszüge
Helmut Kohl 1930 - 1982 > Band I <

oben Helmut Kohl Band II

Bitburg


Der Bonner Weltwirtschaftsgipfel Anfang Mai 1985 bot sich an, mit diesem Treffen einen Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten zu verbinden. Die Planungen für den Besuch Ronald Reagans und seiner Frau Nancy begannen schon Anfang des Jahres 1985. Vierzig Jahre nach Kriegsende sollte eine überzeugende Geste der Aussöhnung mit unseren damaligen Gegnern über den Gräbern der Toten des barbarischen Krieges demonstrieren, dass unser Volk aus der Geschichte gelernt hatte. Als Einzelheiten des Besuchsprogramms bekannt wurden, wurde ein enormer Medienwirbel in beiden Ländern entfacht.
Aber nicht nur die Medien regten sich auf, auch Politiker diesseits und jenseits des Ozeans begannen eine Schlammschlacht gegen den amerikanischen Staatsgast und gegen mich, wie ich sie noch nicht erlebt hatte.
Was ich im März, April und Mai 1985 an Angriffen hinnehmen musste, machte mich persönlich sehr betroffen, galt doch mein ganzes Bemühen dem Ziel, einen Beitrag zum Frieden und zum Ausgleich der Völker zu leisten. Das war auch der Sinn aller Gespräche zur Vorbereitung des Staatsbesuchs. Hatten wir das nicht schon in Verdun demonstriert, als ich zusammen mit Francois Mitterrand eine Geste der Versöhnung über Gräber hinweg dokumentierte? Damals trafen sich dort neunzigjährige Veteranen des Ersten Weltkriegs mit Vertretern der Kriegsgeneration des Zweiten Weltkriegs. Aber es waren auch einige zehntausend Schulkinder dort, junge Deutsche und Franzosen, die in ihrer Unbefangenheit gar nicht so recht wussten, was da vor der Weltöffentlichkeit besiegelt wurde: dass wir über die Erbfeindschaft hinweg zu Freunden geworden waren und dass ein Bruderkrieg in Europa für uns nicht mehr denkbar ist.
Darüber hatte ich bei meinem Amerikabesuch im November 1984 lange und intensive Gespräche mit Ronald Reagan geführt. Ich kannte den Präsidenten als Freund unseres Volkes und konnte dies in den folgenden Jahren immer wieder erfahren. Das Bild von meinem Treffen mit Francois Mitterrand in Verdun am 22. September hatte ihn sehr beeindruckt, und er ließ sich eingehend über die Begegnung informieren. Auf seinen Vorschlag hin besprachen wir, welche Möglichkeit es gebe, bei seinem Besuch in der Bundesrepublik am Vorabend des 40. Jahrestags der deutschen Kapitulation über Gräber hinweg eine Geste für Frieden und Aussöhnung zu finden.
Es ging in diesen Gesprächen auch darum, dass der Präsident der Vereinigten Staaten vierzig Jahre nach Kriegsende zu jungen Deutschen über die Zukunft spricht, über die Welt von morgen. Ein weiterer Vorschlag von mir war, die Opfer des Nationalsozialismus an einer angemessenen Stätte zu ehren.
Schließlich schlug ich dem amerikanischen Präsidenten vor, auf einem Soldatenfriedhof die Gefallenen aller Völker zu ehren, nicht nur die Gefallenen unseres Volkes, nicht nur die gefallenen jungen Amerikaner, sondern alle Opfer des Zweiten Weltkriegs. Ronald Reagan nahm dies alles auf sehr noble Weise sofort auf und erklärte sich zu dieser Geste der Freundschaft bereit. Als deutscher Bundeskanzler war ich ihm für seine Einstellung äußerst dankbar. Ich bedaure zutiefst, dass dieser großartige Mann, der ein Freund der Deutschen war, dieser noblen Gesinnung wegen später erhebliche innenpolitische Schwierigkeiten in den Vereinigten Staaten hinnehmen musste.
Bei den Vorbereitungen der Details dieser Reise wurden denkbare Orte der Begegnung erörtert. Ich schlug vor, mit jungen Deutschen in Hambach zusammenzutreffen, der Stätte deutscher Demokratie, der Stätte europäischer Solidarität, der Stätte, die so viel an deutsch-amerikanischer Tradition des vergangenen und des vorvergangenen Jahrhunderts signalisiert.
Wir sprachen auch über Möglichkeiten, Begegnungen mit jungen Soldaten zu haben, Soldaten der amerikanischen Armee, Soldaten unserer Bundeswehr, und zwar nicht, um große Paraden durchzuführen, sondern um - soweit dies möglich ist - in einer beinahe persönlich-privaten Atmosphäre mit diesen jungen Leuten zu sprechen: mit den jungen Amerikanern, stellvertretend für die Hunderttausende von Amerikanern, die in den letzten Jahrzehnten den Frieden und die Freiheit unseres Landes immer wieder gesichert und gewährleistet hatten, und mit jungen deutschen Soldaten, neunzehn, zwanzig, einundzwanzig Jahre alt, mit Wehrpflichtigen. Mir erschien es besonders wichtig, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, unser wichtigster Verbündeter, jungen deutschen Soldaten begegnete, vielleicht den Enkeln der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs, die wir ja auch auf diesem Friedhof ehren wollten. Es ging mir darum, dieser Enkelgeneration den Sinn ihres Dienstes für die Freiheit und zur Verteidigung des Friedens zu vermitteln.
So entstand der Gedanke, nach Bitburg zu gehen, einer kleinen Stadt, die beinahe in einer Art von Symbiose mit ihrer amerikanischen Garnison lebte. Auf dem dortigen Flugplatz hatten in den letzten Jahrzehnten weit über hunderttausend Amerikaner ihren Dienst getan. Die Stadt und die örtliche Garnison hatten eine Größe, die eine ganz enge Verbindung entstehen ließ. Dort redete man nicht viel von Partnerschaft, dort lebte man sie jeden Tag, bis in den privaten Bereich hinein. Weit über fünftausend Ehen zwischen Deutschen und Amerikanern waren dort bis zum Jahr 1985 geschlossen worden, viele Tausende von Kindern aus deutsch-amerikanischen Ehen waren hier auf die Welt gekommen. Wenn man irgendwo in Deutschland deutlich machen wollte, dass Deutsche und Amerikaner ganz selbstverständlich miteinander lebten, bot sich Bitburg an. Ich schlug die Stadt auch deshalb vor, weil mir wichtig war, jene Bürger unseres Landes zu ehren, die Jahr für Jahr auch die Last und die Belästigungen von militärischen Anlagen ertrugen.
Noch ein anderer Gesichtspunkt spielte keine geringe Rolle: Zur Begleitung des Präsidenten zählten über dreihundert Journalisten, und auch sie mussten an den Ort des Geschehens gelangen.

Bitburg mit seinem nahen Flugplatz war verkehrstechnisch dafür sehr geeignet. Angesichts der knappen Zeit, die uns bei diesem Besuch zur Verfügung stand, war es naheliegend, den Soldatenfriedhof am Stadtrand von Bitburg in unsere Überlegungen einzubeziehen. Er war im Jahr 1959 neu gestaltet worden; über zweitausend Soldaten - einige aus dem Ersten Weltkrieg, aber die große Mehrzahl aus dem Zweiten Weltkrieg - sind hier beigesetzt, Soldaten, die bei den Kampfhandlungen in diesem Raum gefallen waren und die man nach 1959 von den Friedhöfen der Gemeinden und Dörfer hierher umgebettet hatte. Dabei wurden auf diesem Soldatenfriedhof auch Soldaten der Waffen-SS beigesetzt - wie übrigens auf fast allen Soldatenfriedhöfen, die vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge betreut werden.
Es lagen also SS-Soldaten auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg - und über diesen Gräbern sollte der amerikanische Präsident eine Geste der Versöhnung zeigen?
Das war zuviel für viele Reagan-Kritiker, zuviel für meine Kritiker. Doch wer sich mit der Geschichte der Waffen-SS beschäftigt, weiß, dass viele dieser blutjungen Soldaten gar keine Chance hatten, dem Einberufungsbefehl zur Waffen-SS zu entgehen.
Ich ließ mir damals die Namen und Daten von den Grabplatten notieren. Von den neunundvierzig namentlich auf den Grabplatten des Friedhofs in Bitburg aufgeführten SS-Soldaten waren zweiunddreißig an ihrem Todestag jünger als fünfundzwanzig Jahre. Es handelt sich also um im Alter von siebzehn, achtzehn und neunzehn Jahren Gefallene. Ihr junges Leben währte viel kürzer als die Zeit, die uns 1985 von ihrem Todestag trennte. Sie starben in einem barbarischen Krieg.
Es ist wahr, dass die Verstrickungen unserer jüngsten Geschichte schon für die, die dabei waren, schwer begreiflich sind. Um wie viel mehr sind sie für eine nachgewachsene Generation oft genug kaum begreiflich - und für jene, die nicht hier lebten, die in einem anderen Kontinent aufwuchsen, müssen sie ganz unbegreiflich sein. Und jene, die das Grauen, die ganze Barbarei des Dritten Reichs in Auschwitz, in Treblinka, in Bergen-Belsen erlebten und nicht vergessen können, was man ihnen selbst antat, was man ihren nächsten Angehörigen antat, und die auch nicht vergeben können? Ich denke, uns steht ein Urteil über eine solche Haltung oder gar eine Verurteilung nicht zu. Es ist großartig, wenn jemand, der das alles erleben musste, dennoch - wie Simon Wiesenthal - das befreiende Wort der Vergebung spricht, aber wir haben weder einen moralischen noch gar einen rechtlichen Anspruch auf eine solche Haltung.
Trotzdem denke ich, dass es angesichts der undifferenzierten Urteile, der zum Teil unerträglichen kollektiven Beschuldigungen und angesichts auch mancher bewusster Geschichtsfälschung wichtig ist, einmal einen Zeitzeugen zu zitieren, dessen Lebensweg und dessen Handeln als deutscher Patriot außer Frage stehen.
Kurt Schumacher, der erste Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands nach dem Krieg, hatte im Herbst 1951 auf Grund seiner Erfahrung und seiner Einsichten Gedanken und Formulierungen gefunden, die mit Blick auf die Debatte 1985 beinahe von visionärer Kraft waren:

»Aus dem Zweiten Weltkrieg sind mehr als neunhunderttausend Angehörige der Waffen-SS zurückgekehrt. Diese Waffen-SS ist weder mit der allgemeinen SS noch mit den speziellen Organisationen der Menschenvernichtung gleichzusetzen. Sie war für Kriegszwecke geschaffen. Sicher sind viele der jungen Männer Träger einer spezifisch hitlerischen Ideologie gewesen, ohne aber die Verbrechen der zwölfjährigen Diktatur als solche zum Bestandteil ihrer politischen Zielsetzung zu machen. Hunderttausende aber sind ohne ihr Zutun für die SS als Wehrmachtsteil eingezogen und dahin abkommandiert worden.

Die Mehrzahl dieser neunhunderttausend Menschen ist in eine ausgesprochene Pariarolle geraten. Sie sind kollektiv haftbar für die Verbrechen des Sicherheitsdienstes, des SD, und der Menschenvernichtungsaktionen gemacht worden, obwohl sie als Waffen-SS kaum nähere Berührung damit hatten als manche andere Wehrmachtsteile. Zu jedem totalitären System hat es gehört, mit allen Methoden der Verstrickung ein Ergebnis der Mitschuld aller zu erzeugen. Im Fall der Waffen-SS hat man im Bewusstsein der Welt eine totale Komplizität herbeizuführen sich ziemlich erfolgreich bemüht. Uns scheint es eine menschliche und eine staatsbürgerliche Notwendigkeit zu sein, diesen Ring zu sprengen und der großen Masse der früheren Angehörigen der Waffen-SS den Weg zu Lebensaussicht und Staatsbürgertum freizumachen. «

Eindrucksvoller kann man den Zwiespalt und die Pflicht zur Differenzierung nicht deutlich machen,
als das Kurt Schumacher aus seiner Lebenserfahrung getan hatte.


Helmut Kohl, deutsche Zeitgeschichte von 1982 bis 1990 Band 2, Francois Mitterand, Helmut Kohl Hand in Hand über die Gräber von Verdun,
Ronald Reagan, Helmut Kohl, Versöhnung an den Gräber gefallender amerikanischer , deutscher Soldaten und Soldaten der Waffen-SS,
Hannelore Kohl, Nancy Reagan. Nachkriegsgeschichte.

Joschka Fischer, als "Minister" Vereidigung in Jeans und Turnschuhen!
Deutschland geht bergab!
Joschka Fischer konnte über den Tot (Mord) deutscher Führungskräfte,
durch die RAF, nicht traurig sein, wie er schrieb.

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Leseprobe, Fotos und Buchumschlag, Droemer-Verlag,
Sämtliche Fotos, Text, Layout und Design Kultur Fibel Verlag GmbH, Berlin
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