Zeit der Leidenschaft, Sex, Beischlaf, digitale Leere

Glück, Leidenschaft, Sex

Roman

Droemer - Verlag
236 S. geb. € (D) 16,90
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Zeit der Leidenschaft

Mit grandioser Entschlossenheit ist unsere Spezies
von der Steinzeit über die industrielle Revolution
zur digitalen Leere fortgeschritten.
Wir sind gewichtslos geworden,
im negativen Wortsinn.
Prof. Alan Lightman

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Alan Lightman,
geb. 1948, ist Professor of Humanities am Massachusetts Institute of Technolpgy (MIT) und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Boston.
Neben seinen wissenschaftlichen Erfolgen als Astrophysiker veröffentlicht er Gedichte und Essays
sowie Romane.
"Und immer wieder die Zeit"
"Die Diagnose"

Foto: Nicholas Altenbernd

Auszüge

Sheila liegt auf mir, schnarchend; ihre schweren Brüste lasten auf meiner Brust, ihr Bauch schmiegt sich an meinen Bauch, ihr Haar ist feucht in der Nachmittagshitze. Ein Lichtspalt fällt durch die weiße Jalousie, die sie immer schließt, wenn wir uns lieben. Ich höre den langsamen Rhythmus des Ventilators an der Decke und leise Radiogeräusche von der Straße her. Auch ich schlafe ein. Ich fliege über Berge, schwindelnd, voller Angst. Irgendein Arm gleitet über mein Gesicht. Wie? Was? Eine Stunde ist vergangen, vielleicht auch zwei. Schwitzend setzte ich mich auf dem Seidenteppich auf. In Zeitlupe küsst Sheila mich auf den Nacken, steht auf und dehnt sich. »Es gefällt mir hier zwischen den Büchern«, sagt sie und gähnt. »Schon immer. Hast du sie alle gelesen? Bestimmt sind die meisten reine Angabe.« Sie grinst mich an und nimmt einen langen Zug aus dem Weinglas auf dem Bücherregal. Ich sehe die bernsteinfarbene Flüssigkeit langsam um ihre Lippen wirbeln, stiere auf ihren weichen weißen Leib. Sie ist nicht unattraktiv in ihrer reifen Nacktheit, und ich glaube, ich könnte sogar Liebe für sie empfinden, aber jetzt will ich, dass sie geht. Da liegt ein Buch, das ich fertig lesen will.
Noch immer völlig nackt, schlendert sie in die Küche, kommt mit dem tragbaren Fernseher ins Arbeitszimmer zurück und schaltet ihn ein. Klick. Wir sehen einen Werbespot für ein Deodorant, dann eine Reportage über irgendeinen Hurrikan in Honduras. Hunderte von Männern und Frauen kauern vor primitiven Unterständen, Kinder spielen im Morast. Aus Lastwagen werden Nahrungsmittel und Medikamente ausgeladen.
»Ich werde ihnen eine Spende schicken«, sagt Sheila. »Ihnen?«
»Der Hilfsorganisation. Oxfam. Das solltest du auch tun.«
Was soll ich Sheila erwidern? Ich bin noch schlaftrunken, schlaff von unserem Liebesspiel, nicht einmal darauf vorbereitet, aus dem Fenster zu schauen.
Während ich mir den Schlaf aus den Augen reibe, bin ich versucht, den Fernseher auszuschalten. In Wahrheit fühle ich keinen Bezug zu den Gesichtern auf dem Bildschirm. Die Honduraner sind nur eine Anzahl elektronischer Pixel. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es die große Errungenschaft unseres Zeitalters ist, die Erde so gründlich mit Megabits zu überfluten, dass jedes Bild und jede Tatsache zu einem digitalisierten, entkörperlichten Nichts geworden sind. Mit grandioser Entschlossenheit ist unsere Spezies von der Steinzeit über die industrielle Revolution zur digitalen Leere fortgeschritten. Wir sind gewichtslos geworden, im negativen Wortsinn.
Die honduranischen Frauen in ihren erdfarbenen Schultertüchern, die Männer mit ihrem leeren Blick und ihren schief auf dem Kopf sitzenden Strohhüten sind nicht mehr als Bits auf dem Bildschirm, Stöße elektrischer Spannung, Verflüchtigungen. Hätte Sheila bloß nicht den Fernseher eingeschaltet! Ich würde lieber wieder eindösen oder lesen.
Sheila war irgendwo im ersten Stock und hat in einem der Zimmer dort gestöbert. Nun kommt sie lässig die lange Wendeltreppe herab. Sie hat sich eine Bluse übergestreift, sie aber raffinierterweise aufgeknöpft gelassen. »Ich werde eine Spende schicken.« Sie schaut mich an und hebt fast unmerklich eine Augenbraue, als wartete sie darauf, dass ich etwas sage oder tue. Ich kenne diese winzige Geste von meiner Exfrau her. Sie war ein Hinweis darauf, dass ich es an der nötigen Aufmerksamkeit fehlen ließ. Diese kleinen Stiche vermisse ich, stelle ich unvermutet fest. »Du kannst dir mehr leisten als ich, Charles«, sagt sie.
»Stimmt.« Sie versucht eindeutig, einen Streit vom Zaun zu brechen. Ist sie womöglich gelangweilt? »Oxfam hat eine kostenlose Telefonnummer, bei der du deine Kreditkarte benutzen kannst«, sagt sie. »Du kannst aber auch einen Scheck ausschreiben, an den Hilfsfonds für Honduras. Das werde ich jedenfalls tun.«
»Nur zu«, sagte ich.
Mit ihrer aufgeknöpften Bluse sieht Sheila überraschend sexy aus. Ihr Körper ist echt, er ist kein digitalisiertes Bit, er hat Gewicht und ist nur dreißig Zentimeter von mir entfernt. Ich greife nach ihren Brüsten.
Sie weicht einen Schritt zurück. »Benimm dich doch nicht wie ein mieses Miststück«, sagt sie. Ich fühle mich nicht wie ein Miststück. Ich habe über solche Dinge nachgedacht. Erst kürzlich habe ich einen Artikel über die Relativität von Werten gelesen. Das erwähne ich, weil es sich direkt auf das Problem der honduranischen Hurrikanopfer im Fernsehen bezieht. Selbst wenn sie nicht nur elektronische Datenpünktchen sind, geht es diesen Leuten nicht halb so schlecht, wie es scheint. Wohlergehen und Not sind nämlich rein relative Begriffe. Es gibt keine Armut an sich, kein Leiden an sich, kein Unglücklichsein an sich. Alles ist relativ. Der Physiker Galileo Galilei war der Erste, der das begriffen hat. Absolute Bewegung ist nicht beobachtbar. Nur die relative Bewegung zwischen zwei Objekten hat Bedeutung. Auch die großen Maler haben diesen Punkt erfasst: Das Auge reagiert nur auf relatives Licht und relativen Schatten. Man sieht das an den Bildern von Corot, zum Beispiel an Landschaft mit See und Schiffer oder Chäteau-Thierry, oder an den Werken von John Singer Sargent und Frederick Edwin Church. Ein dunkler Bereich der Leinwand ist nur dunkel, weil er an einen helleren Bereich angrenzt. Oder die Farben. Seit langem wissen Maler und Fotografen, dass ein Farbwert nur in Beziehung zu den anderen Farben um ihn herum wahrgenommen wird. Je nach dem Hintergrund kann ein Grün braun erscheinen und ein Blau rot. Laut der Autorin oder dem Autor des Zeitschriftenartikels - an den Namen erinnere ich mich nicht mehr - gebietet es die Vernunft, diese Beweisführung auch auf die menschliche Zufriedenheit anzuwenden. Nur im Vergleich mit irgendeinem anderen Zustand fühlt der Mensch sich zufrieden. Ein Mann, der sein Leben lang nur ein Fahrrad besessen hat, fühlt sich in dem Augenblick, in dem er ein Auto kauft, plötzlich reich. Einige Tage lang lenkt er seinen neuen Wagen langsam durch sein Wohnviertel, damit die Leute ihn angaffen können, er holt auf der Autobahn alles aus dem Motor heraus, liebevoll poliert er die Radkappen, bis er sich darin spiegeln kann. Dieses Glücksgefühl nutzt sich jedoch alsbald ab. Nach einer Weile ist der Wagen nur noch eines der Dinge, die unser Freund besitzt; und wenn sein Nachbar zwei Autos kauft, fühlt er sich augenblicklich arm und benachteiligt. Wenn ich nun wieder an die honduranischen Hurrikanopfer denke, muss ich zugeben, dass ich diese Argumente zu meinem Nutzen auf Dinge ausweite, über die nichts in diesem Artikel gestanden hat. Wer könnte sagen, ob die Honduraner Not leiden oder unglücklich sind? Not leiden und unglücklich bezogen worauf? Wahrscheinlich sind sie ohnehin nicht daran gewöhnt, viel zu besitzen. Lachen die honduranischen Kinder denn nicht, während sie im Morast spielen? In meinen Augen sind sie quietschvergnügt. Höchstwahrscheinlich haben sie, was sie brauchen. Lasst sie doch in Ruhe. Ich kann nicht entscheiden, was andere Leute brauchen, nur, was ich selbst brauche. Doch ich verliere den roten Faden meiner Beweisführung.
»Charles, ich merke, dass du schon wieder denkst«, sagt Sheila, während sie mit dem kleinen Finger dunkelroten Lippenstift auf ihre Lippen streicht. »Immer denkst du nach. Das ist nicht gut für dich.«

Ich stelle einen Scheck über fünfzehn Dollar an den Hilfsfonds für Honduras aus und schalte den Fernseher ab. Geschafft. Jetzt essen wir Eiskrem mit Pfefferminzgeschmack. Pfefferminz ist meine Lieblingssorte, aber ich habe auch eine Menge Eis mit Pistazien- und SchokoMandel-Geschmack im Eisfach. Zwischendrin zieht Sheila an ihrer Zigarette und stößt lange silberne Rauchfäden aus. Sie will über einen Film sprechen, den sie letzte Woche gesehen hat, irgendeine französische Romanze, bei der Jean Doumer Regie geführt hat. Zwar gehe ich auch gern ins Kino, aber Sheilas Film habe ich nicht gesehen und kann nur nicken, während sie spricht. Sie steht auf, um sich eine zweite Schale Eiskrem aus der Küche zu holen; ich höre den Kühlschrank auf- und zugehen, ein Löffel fällt klappernd auf die Arbeitsplatte. Der Film werde bestimmt noch ein paar Wochen laufen, sagt sie. Ob ich am Freitagabend mitgehen wolle? Sie habe nichts dagegen, ihn noch einmal zu sehen.
Aus irgendeinem Grund finde ich nun den Faden der Beweisführung wieder, mit der ich vorhin beschäftigt war. Im Grunde geht es um Folgendes: Ich habe es geschafft, meine bescheidenen Bedürfnisse und Ambitionen zu erkennen. Bevor ich mich morgens anziehe, stelle ich mich im Pyjama ein paar Minuten auf meine Veranda und schnuppere an dem neuen Tag, bevor er mir durch die Finger gleitet. Ich esse die beiden pochierten Eier, die ich mir selbst zubereite, und eine trockene Scheibe Toast. Ich trinke meine Tasse Kaffee, den ich in meiner Kaffeemaschine zubereitet habe, zwei Löffel Milch, kein Zucker. An Werktagen fahre ich mit dem Fahrrad zum grün belaubten Campus meines kleinen College, wo ich meine Vormittagsveranstaltungen abhalte. Ich führe ein paar Telefongespräche, empfange einige Studenten. Am Nachmittag radle ich nach Hause, vorbei an gepflegten Gärten, an Briefkästen auf Zedernpfosten, an zweistöckigen Häusern mit Garagen. Dann bin ich daheim, in meinem eigenen zweistöckigen Haus.
Eigentlich ist es gar nicht mein Haus. Ein Professor an einem kleinen College, der wie ich mit dem Hungerlohn eines solchen Professors auskommen muss, könnte sich dieses Haus bei weitem nicht leisten. Meine Exfrau hat es gekauft und mir bei ihrem Abschied hinterlassen. Einer meiner weniger angenehmen Kollegen hat mir gegenüber einmal gestichelt: »Wir haben nicht alle das Glück, mit Frauen verheiratet zu sein, die uns bei der Scheidung so schöne Häuser hinterlassen.« Und ich habe geantwortet: »Das ist mir ziemlich egal, mein Bester. Vielleicht haben Sie beim nächsten Mal auch mehr Glück.« Barbara hat genau gewusst, was sie tat. Als wir uns trennten, hat sie nur ein Porzellanfläschchen mitgenommen, das wir einmal zusammen in New York gekauft hatten. Das Haus, den Wagen, die ganzen Möbel, selbst ihre Kleider hat sie mir gelassen. Sie hätte ihr verfluchtes Zeugs mitnehmen sollen. Das Haus hätte sie auch behalten sollen. Sie hat ihre Rache bekommen.
So radle ich denn durch ein Viertel mit erfolgreichen Anwälten, Ärzten und Bankern, komme nach Hause und benote kindische Aufsätze. Am späten Nachmittag mixe ich mir einen Drink, ziehe ein Buch heraus und sinke in meinen Sessel. Nach dem Abendessen arbeite ich an einem meiner fünftausend Teile umfassenden Puzzles mit französischen Landschaften. An manchen Abenden habe ich keine Lust, an einem Puzzle zu arbeiten.
Käme mein Leben einem Honduraner, egal, ob Hurrikanopfer oder nicht, nicht lachhaft extravagant vor? Natürlich. Die Hauptsache ist, ich will nicht gestört werden. Ich habe Opfer für dieses verweichlichte Leben gebracht, zumindest relativ gesehen, und ich fühle mich wohl. Führe ich das Leben eines selbstsüchtigen Miststücks? Sei's drum! Ich bin zufrieden in meinem Mist. »Fährst du zu diesem Jahrgangstreffen an deinem alten College?«, fragt Sheila. Sie steckt das mit ihrem Monogramm verzierte Zigarettenetui weg. »Wann ist das eigentlich? Ist es nicht übernächstes Wochenende, am Sechsten?«
»Ja. Kommst du mit?« Mindestens einen Monat lang hoffe ich schon, dass Sheila mitfährt, das wird mir nun klar. Zum zwanzigjährigen Jubiläum bin ich alleine gefahren, gleich nach meiner Scheidung, und das war mörderisch. Alle hatten ihre Frauen oder Freundinnen dabei. Da scharen sich ehemalige Studenten aus dem ganzen Land, die sich zwanzig Jahre nicht gesehen haben, nicht in Verbindung geblieben sind und keine besondere Zuneigung zueinander verspüren, zusammen und tun so, als kämen sie zu einem Familientreffen. Das fünfundzwanzigste, das große Jubiläum, bei dem alle über ihren speziellen Platz auf der Welt sprechen, habe ich ausgelassen. Aus heiterem Himmel habe ich mich nun entschlossen, zum dreißigsten zu fahren. Jetzt sind wir alle über fünfzig, werden kahl und weitsichtig und bekommen allmählich Hängebacken. Wie auf des Messers Schneide stehen wir an dem Zeitpunkt, an dem wir einen Großteil dessen, was wir im Leben erreichen werden, bereits erreicht haben, und fangen gerade damit an, auf den schwarzen Abgrund zu starren, der uns am anderen Ende erwartet. Wieso habe ich nur beschlossen hinzufahren? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Aber ich fühle mich wohl, werde ich zu meinen alten Kommilitonen sagen, ich fühle mich sauwohl. Ich will nicht gestört werden. »Ich kann nicht mitfahren«, sagt Sheila. »Wieso fragst du nicht Emily?«
»Emily fährt nicht gern mit mir weg. Sie sagt, wenn wir zusammen wegfahren, fühlt sie sich wie ein Kind. Wahrscheinlich sehe ich Emily erst, wenn sie an Thanksgiving nach Hause kommt, vielleicht nicht einmal dann. Womöglich verbringt sie Thanksgiving bei Barbara.«
»Ich würde wirklich gerne mitfahren. Aber an diesem Wochenende habe ich ein Kundenmeeting.« »Bitte komm doch mit.«
Sie zögert. »Vielleicht kann ich den Termin verlegen.« Von der anderen Seite des Zimmers her wirft sie mir einen teilnehmenden Blick zu. Aber sie hat ein paar Sekunden zu lange gezögert, und ich weiß, dass sie nicht mitkommen will. »Nein«, sage ich, »leg deinen Termin nicht um. Ist schon in Ordnung.« Wieso kann man nicht ehrlich miteinander umgehen? Ich bin auch nicht ehrlich.


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Am nächsten Tag regnet es. Mit dem Mittagsbus nach New York verlässt er den Campus und erreicht das Studio von Morla Magay um halb drei. Wie um sein Elend zu vermehren, hat er trotz des Wetters keinen Regenmantel mitgenommen und ist durchnässt bis auf die Haut. Als er das Studio betritt, tanzt Juliana gerade einen Pas de deux. Tony lehnt an einem eisernen Heizkörper, pafft seinen Zigarettenstummel und klatscht den Takt zur Musik. Tschaikowsky. Kann er die Augen schließen und nur zuhören? Kann er sich einige Minuten lang vergessen?
Lynn, die auf der anderen Seite des Raumes steht, entdeckt ihn und


schwebt am Pianisten vorbei. »Du kannst wohl die Finger nicht von ihr lassen«, flüstert sie und lächelt. »Oder bist du wegen mir gekommen?« Sie steht sehr nah bei ihm, so nah, dass er an ihrem Hals eine Ader pochen sieht. »Ich hab gehört, Juliana ist krank gewesen«, sagt er. »Geht es ihr besser?«
»Ach, hat sie das erzählt?«, sagt Lynn. »Wir sind alle krank. Verhungert und krank. Wir würden uns dafür umbringen. Wenn ich nicht tanzen würde, würde ich zehn Pfund mehr wiegen.« Zehn Pfund wären immer noch viel zu wenig, denkt er. Durch ihr Trikot hindurch kann man die Rippen zählen. »Juliana sagt, du bist Ringer.«
Sie sehen zu, wie Juliana und ihr Partner durch den Raum wirbeln und schweben. Wenn Juliana tatsächlich krank war, ist davon jetzt nichts mehr zu sehen. Mühelos hält sie die Schwanenpositionen und entfaltet sie in einer Linie. Ihr Partner stürmt auf sie zu, sie zieht sich scheu zurück. Prinz und Schwanenkönigin sehen ekstatisch verliebt aus, und sie vermitteln ihre Liebe vollständig durch ihr Mienenspiel und ihre Bewegungen. Charles merkt, dass er eifersüchtig auf den Tänzer ist, eifersüchtig auf jeden Blick, auf jede Berührung von Julianas Händen und Taille. Er kann kaum hinsehen.
»Woran denkst du?«, fragt Lynn.

»An einen Traum«, erwidert er. »Juliana arbeitet sehr hart.« Lynn macht vor ihm ein paar Dehnungen, aber als er sie nicht beachtet, geht sie davon. Einen Moment lang denkt er, er sollte auch weggehen, dieses Studio verlassen und nie wiederkommen, zurückkehren zu ... was? Als die Probe vorüber ist, gibt er Juliana den Gedichtband, und sie scheint sich zu freuen. Sie fordert ihn auf, sie zu Frankie's zu begleiten. »Wieso?«, fragt er, während er die Tür für sie aufhält. »Wieso sollte ich mit dir zu Frankie's gehen?« Er ist verwirrt, verletzt, verliebt, alles zugleich.
»Muss ich das denn erklären?«, fragt sie leise. »Komm einfach mit.«
»Wieso hast du das letzte Mal abgesagt, am Abend vorher?«
»Bitte hör auf, mir Fragen zu stellen. Ich bin gern mit dir zusammen.« Sie schiebt ihre Hand in seine, und er schmilzt dahin.
Als sie um Mitternacht mit Kellnern fertig ist, führt sie ihn ins Studio zurück. Schweigend steigen sie die drei Treppen hoch, er folgt ihr, die Füße klatschen leise auf die Steinstufen. Sie hat einen Schlüssel. Im Dunkeln gehen sie durchs Studio, am schattenhaften Umriss des Klaviers vorbei, nach hinten und hinaus in einen engen Flur. Erst als sie die schmale Tür der Damengarderobe erreicht haben, macht sie das Licht an. Die Tänzerinnen haben ihr Kabuff in ein Feldlager verwandelt. Die Ablage unter dem großen, länglichen Spiegel ist mit Lippenstiften, Mascara, Haarklemmen, Kämmen und Bürsten, Haarspray und Kosmetiktüchern, Brennscheren, farbigen Schminkstiften und getrockneten Blumen übersät. Die Fotos von Liebhabern, die an die niedrige Decke gepinnt sind, würde der leiseste Luftzug wegblasen, aber in diesem Innenraum eines Innenraums regt die Luft sich nicht.
Sie schließt die Tür und hängt ihre Tasche an einen Kleiderständer voller Kostüme und seidiger Büstenhalter. Es ist so still, dass sie das Ticken der Uhr im Studio am anderen Ende des Flurs hören können. Dann dreht sie sich um und küsst ihn. Als er sie umarmt, fällt ihm zum ersten Mal das kleine Muttermal an ihrer Lippe auf. Selbst ihre kleinen Unvollkommenheiten machen sie noch vollkommener. Er betrachtet ihr Gesicht und versucht, sie zu ergründen.

Ohne zu sprechen, zieht sie langsam erst sich aus und dann ihn. Sie hat feste, perfekte kleine Brüste, genau wie er es sich vorgestellt hat. Er spürt sich zittern, und sie hält ihn fest, drückt ihn an ihre glatte Haut.
An die Wand gelehnt, lieben sie sich. Ihr Körper ist zart, geschmeidig, vollkommen. Er denkt, sie sei wie für ihn geschaffen. Zuerst zeigt sie ihm genau, wie er sie berühren soll, dann verschlingt er sie. Sein Hunger ist gewaltig, als hätte er sein Leben lang gehungert. Er verschlingt sie, ihre Arme und Beine, die länglich glühen in der Nacht, den langen Bogen ihres Körpers, duftend und heilig. Ihr Ozean durchströmt ihn, er ertrinkt in ihr, er will sie ganz und gar, trinkt ihre ganze Schärfe und Süße. Er ertrinkt und freut sich daran. Irgendwo bewegt sie sich gegen ihn, geräuschlos, als tanzte sie, außer an ihrem Höhepunkt, als sie aufschreit.

Der Schrei rauscht, birst und hallt in seinen Ohren. Seine eigene Entladung ist so stark und so unglaublich, dass er von ihrem Gipfel in eine tiefe Besinnungslosigkeit stürzt. Als er wieder zu Bewusstsein kommt, steht er noch immer an der Wand, in sie verschachtelt. Sie aber betrachtet ihren Körper im Spiegel.

Kurz vor der Morgendämmerung verlässt sie ihn, um zur Wohnung ihrer Tante zu fahren. »Ich muss kurz dort auftauchen«, sagt sie und zieht sich hastig an. Sie sagt ihm, er solle zu ihrem Morgentraining bleiben, nur noch ein paar Stunden, dann könne er an sein College zurückkehren. Er wird alles tun, was sie verlangt. Sie schreibt die Adresse auf ein zerknittertes Stück Papier, küsst ihn und ist fort. Erschauernd lauscht er ihren Schritten auf dem Studioboden, dem leisen Schließen der Eingangstür. Er schläft ein wenig und blättert in Zeitschriften, dann fährt er mit der U-Bahn zum St. Mark's Place, wo ihr Training stattfindet. Als sie kommt, küsst sie ihn rasch auf die Lippen, dann beginnt sie mit ihren Dehnungen, um sich aufzuwärmen. Alle fangen an der Stange an. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen allerhand bunt zusammengewürfeltes Zeug: Trikots mit schillernden Turnhosen, abgeschnittene Strumpfhosen und Kniestrümpfe, Beinwärmer, Sweatshirts und T-Shirts, Ballettschuhe mit fließenden Bändern, aufgeknöpfte weiße Hemden, die sich bauschen, eng anliegende Mützen und Stirnbänder. Doch die Atmosphäre ist bitterernst. Niemand scherzt, niemand spricht. Alle konzentrieren sich schweigend auf ihren Körper. Die Tänzer sind schnittige Sportwagen, und dies ist die Werkstatt, in der sie geölt, eingestellt und fein abgestimmt werden.
»Plie«, sagt die Lehrerin, eine Frau mittleren Alters mit grimmiger Miene. Während sie mit den Fingern den Takt zur Musik schnippt, schreitet sie vor den Reihen der Tänzer an den Stangen auf und ab. »Tendu.« Die Beine strecken sich zur Seite. Mit den Armen zeigt sie, wie sie es haben will: »Zwei nach vorne, zwei zur Seite, zwei nach hinten.« Alle bewegen sich im Einklang wie ein Garderegiment.
Auf wundersame Weise treffen sich ihre Blicke, und sie lächelt. Sie liebt ihn, ganz bestimmt.
»Rond de jambe«, bellt die Lehrerin. Die Beine zeichnen kleine Kreise in die Luft. »Fondu.« Dieser Pianist hat offenbar Humor, denn er stimmt »Ragtime« an, um das Blut in Fluss zu bringen und den leidenschaftlichen Ehrgeiz zu entschärfen, der in der Luft liegt. Später treten die Tänzer in die Mitte des Raumes und beginnen mit Pirouetten. »Fondu, strecken, ä la seconde, rond de jambe, plie, pas de bourree, tendu, plie, ä la quatrieme, pirouette.« Er ist ein Reisender in einem fremden Land.

Er fühlt sich fallen. Jede Minute will er mit ihr verbringen, er will sie besitzen, ihre Reinheit, ihren Körper, ihren Geist. Sie ist, worauf er gewartet hat. Nun kann er leben. Wie zum allerersten Mal schaut er hinaus und sieht. Gemälde. Luft. Raum. Sonnenlicht strömt durch die zwei großen Fensterflügel und leuchtet in gestuften Kaskaden auf den Blütenblättern der hängenden Geranien, der Messingstange an der Wand, dem abgenutzten Holzboden. Vielleicht können wir etwas vom menschlichen Dasein begreifen, wenn wir verliebt sind, denkt er. Poesie und Liebe.
Im Bus zum College bemerkt er kaum den scharfen Rand des Sitzes, das Halten und Losfahren in jedem kleinen Ort. Stattdessen brennen ihm einzelne Augenblicke der gemeinsam verbrachten Nacht wie heiße Sterne im Gedächtnis. Ihr entzückter Blick, als sie sein Gedicht gelesen und wieder gelesen hat. Die Art und Weise, wie sie ihm den Kopf an die Schulter gelegt und seine Hand ergriffen hat. Die schmerzvolle Lust in ihrem Gesicht, als er sie geliebt hat. Ihr gellender Aufschrei. Alles Geschenke, die er im Herzen trägt. Er will sich ihr immer wieder schenken. Ihr Geruch ist an seinem ganzen Körper. Ihr Duft, ja, ich glaube, ich kann ihn nach all den Jahren immer noch riechen. Nach all den Jahren bin ich noch immer überwältigt, ich kann mich nicht bezähmen. Seltsam, wie ein Geruch ausdauernder ist als alle anderen Empfindungen und Worte. Da saß ich und erduldete diese endlose Busfahrt, die ich so oft machen sollte, mit ihrem Geruch auf meinen Beinen und an meiner Brust. Natürlich erinnere ich mich an ihren Duft. Schweiß mit Parfüm gemischt, nicht wahr? Doch selbst der Schweiß war an Juliana fein und delikat; er machte mich so rasend vor Begierde, dass ich ihn manchmal von ihrem Körper leckte. Besonders aus der Mulde zwischen ihren Brüsten. Ihre Haut verströmte einen natürlichen Lavendelduft, als hätte sie gerade eben in einem Feld mit diesen blassblauen Blüten gebadet. Wie könnte ich das vergessen!
Und die Garderobe der Tänzerinnen. So viele Male habe ich in den vergangenen dreißig Jahren ihre schmale Tür geöffnet. Der lange Spiegel, die winzigen Glasfläschchen, die klirrten und klapperten, der malvenfarbene Seidenschal, der unter die Decke gespannt war. Aber die Kostümablage war nicht in der Garderobe, sie war draußen im Flur. Eigentlich keine Kostümablage, sondern nur eine Reihe von Holzpflöcken in der Wand. Wir trugen die Kostüme in die Garderobe und breiteten sie auf dem Boden aus, um uns darauf zu legen, auf unser bunt schillerndes Lager, unser einziges Bett in diesen Monaten. Und die Tür aus lackiertem Sperrholz, kaum in der Lage, die sexuellen Detonationen zu dämpfen, die aus der kleinen Kammer kamen. Welch eine Nacht, jene erste Nacht mit Juliana, die erste Nacht meines Lebens. Ein ganzes Universum wartete auf mich. Ich war selbst ein Universum. Wie prachtvoll leichtsinnig ich doch war. Mit grandioser Torheit vergeudete ich meine Stunden. Sechs Stunden habe ich in Frankie's Kunstledernische auf sie gewartet, weitere vier saß ich alleine am Schminktisch in der Garderobe, während sie bei ihrer Tante duschte. Die Stunden hatten keinerlei Bedeutung. Mit Freuden hätte ich viele weitere Stunden vergeudet, denn was bedeutet Zeit für den verschwenderischen Übermut der Jugend? Wenn sich eine Unendlichkeit von Stunden und Jahren vor einem ausbreitet, was kommt es da auf ein paar Stunden hier und da an?

Ich war unsterblich.
Ich war unsterblich.

Jetzt bin ich krank vor Neid. Ich könnte diesem jungen Burschen in den Hintern treten. Wenn ich auf mein zweiundzwanzigjähriges Ebenbild hinabblicke und die faltenlose Haut sehe, den straffen Körper, die klaren Augen, die rohe Kraft und Leidenschaft ... damals hat die Welt auf mich gewartet, und ich war daran so wenig interessiert, als hätte ein Onkel mir zum Geburtstag ein unbedeutendes Geschenk gemacht. »Vielen Dank, lieber Onkel, für dieses kleine, obligatorische Geschenk. Ich bin nicht völlig undankbar, aber das nächste Mal danke ich dir vielleicht überhaupt nicht, weil ich ein tausendmal größeres Geschenk verdiene. Tausend Geburtstage warten hinter dem Horizont, und was bedeutet da ein kleines Geschenk? Tut mir leid, aber damit kann ich nicht viel anfangen.« Das war meine Haltung. Wie prachtvoll, wie dekadent. Soll die Welt doch warten. Mir wird regelrecht übel.

Natürlich wäre jeder krank vor Neid, und ich verplaudere mich, aber ich will etwas deutlich machen. Junge Menschen platzen geradezu, wenn sie die Welt und die Neuheit des Lebens entdecken. Lange Zeit schlafen sie in ihrem winzigen Kokon, bis sie eines Tages plötzlich aufwachen, vielleicht innerhalb eines Augenblicks, wie in dem Augenblick, in dem Juliana mich das erste Mal geküsst hat, und sehen das Universum taumelnd und keuchend vor sich. Unendlichkeit. So viele Dinge geschehen zum ersten Mal. Was junge Menschen nicht erkennen, ist, dass so vieles auch zum letzten Mal geschieht. Die Welt öffnet und schließt sich zur selben Zeit.

> Ende der Auszüge


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Kommilitonen - Gymnasium Jahrestreffen

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Sextett - Spanische Fliege - Glücliche Zeiten - Jude von Malta

 

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