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PIPER
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1974 schreibt
Konrad Lorenz "Ich befürchtete damals - ebenso wie noch heute - daß unsere zivilisierte Menschheit von analogen Prozessen des genetischen Verfalles betroffen sein könnte". |
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| Auszüge Eigentlich wollte ich Wildgans werden |
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1974
schreibt Konrad Lorenz
Kurz nach dem Einmarsch der
Deutschen in Österreich folgte ich einem unbesonnenen Impuls. Ich schrieb
über die Gefahren der Domestikation und, um sicher zu sein, verstanden
zu werden, verfaßte ich meine Schrift in der nationalsozialistischen
Terminologie. Ich möchte meine Handlung nicht beschönigen, aber
ich glaubte damals, daß die neuen Herrscher eine Wende zum Besseren
bewirken würden. Denn ihre Vorgän-ger, ein engstirniges, katholisches
Regime, hatten zur Folge, daß Leute, die um vieles besser und intelligenter
waren als ich, diese naive Hoffnung hegten. Fast alle meiner Freunde und Lehrer
waren dieser Meinung, einschließlich meines eigenen Vaters, der sicher
ein freundlicher und menschlicher Mann war. Keiner von uns nahm damals an,
daß >Ausmerzung<, wie es von diesen Machthabern bezeichnet wurde,
Mord bedeuten könnte. Ich bedaure das damals Geschriebene weniger wegen
der unbezweifelbaren Unglaubwürdigkeit in bezug auf meine eigene Person,
als wegen des Einflusses, den sie auf die zukünftige Einschätzung
der Gefahren der Selbstdomestikation des Menschen nach sich zieht.«
(Nach Lorenz 1974a, S. 108) AUSZÜGE
Im Krieg konnte er sich in die durch das Schicksal gegebenen Umstände als verantwortungsbewußter Kamerad einfügen und war stolz darauf, als Lagerarzt in Rußland, durchaus im Sinne des Hippokratischen Eides, seinen Kameraden geholfen zu haben. Die Anschuldigungen
nach 1945 Schon drei Jahre später,
in den »Angeborenen Formen möglicher Erfahrung«, Ende der Auszüge |
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Ich erinnere mich
noch genau, wie sehr ich mich über meinen Vater ärgerte, weil er
etwas so Wichtiges wußte und es nicht für notwendig erachtet hatte,
mir davon zu erzählen. Mein Wunsch, Paläontologe
zu werden, wurde durch das Medizinstudium abgelenkt. Eine der ersten Vorlesungen
war die des Anatomen Professor Ferdinand Hochstetter. Er war nicht nur ein
brillanter Anatom und ausgezeichneter Kenner der Wirbeltiere. Noch wichtiger
war für mich, daß sein Hauptinteresse der vergleichen-den Embryologie
galt. Er war ein hervorragender Lehrer der vergleichenden Methode und stets
bemüht, die Studenten von deren Wert zu überzeugen. Dies ist nämlich
die Entdeckung der Grundlage aller Ethologie. Damals hatte ich die Wichtigkeit
dieser Einsicht sicher noch nicht verstanden und auch einige Jahre später
nicht, als ich den Mann traf, der diese Entdeckung schon vor Jahren gemacht
hatte: Oskar Heinroth. Der hatte nämlich nicht nur entdeckt, daß
Verhaltensweisen ebenso verläßliche Merkmale von Arten, Gattungen
und höheren taxonomischen Einheiten sind wie Körpermerkmale, sondern
er hatte dies auch bei der gleichen Tiergruppe wie ich entdeckt, bei den Enten-vögeln!
Erst viel später, nachdem Heinroth und ich gute Freunde geworden waren,
stießen wir auf den tatsächli-chen Pionier der »vergleichenden
Verhaltensfors-chung«, Charles Otis Whitman, der schon zehn Jahre früher
als Heinroth die gleiche Tatsache verstanden hatte: als Folge seiner Beobachtungen
an Tauben. Es ist noch gar nicht lange her, da traf ich zufällig Whitmans Sohn, einen erfolgreichen Geschäftsmann, und auch er hatte keine Ahnung von der wissenschaftlichen Bedeutung seines Vaters. Das einzige, was er von ihm wußte, war, daß er »verrückt nach Tauben war« und viele Käfige mit diesen Vögeln hatte. Gestatten Sie
mir, an dieser Stelle etwas über »Amateure« oder »Dilettanten«
zu schreiben. Das Wort Amateur leitet sich vom lateinischen amare, »lieben«,
ab, Dilettant vom italienischen dilettarsi, »sich an etwas ergötzen«.
In der Wissenschaft ist es heute Mode geworden, zu experimentieren, statt
zu beobachten, zu quantifizieren, statt zu beschreiben. Wir alle, Amateure und Dilettanten, können eine ganze Reihe großer Wissenschaftler zu unseren Mitgliedern zählen, und das gilt besonders für die Liebhaber von Wassergeflügel. Nicht daß
ein Liebhaber deswegen gleich ein Wissenschaftler sein müsste! Wenn aber
jemand ein echter Amateur, ein echter Liebhaber irgendeiner Art von Fischen,
Vögeln oder Säugetieren ist, dann kann er nicht umhin, ein Experte
zu werden. Und nochmals: Der Experte braucht kein Wissenschaftler zu sein,
aber der Wissenschaftler ist ohne Zweifel dazu verpflichtet, ein Experte zu
werden. Wenn ein Experte zum Wissenschaft-ler wird, dann spielt sich das oft
ungefähr so ab: Der Experte, der noch gar nicht auf die Idee käme,
sich für einen Wissenschaftler zu halten, liest und hört, was berühmte
Wissenschaftler geschrieben und gesagt haben über das, worin er, der
Experte, sich sehr gut auskennt. Dann merkt er zu seiner großen Überraschung,
daß die berühmten Männer keine Vorstellung von dem haben,
wovon sie reden, und daher völlig unsinnige Meinungen vertreten. Bernhard Hellmann hatte mir 1922 zum Geburtstag »Die Vögel Mitteleuropas« von Oskar Heinroth geschenkt, ein Werk, das nichts weniger ist als eine »Vergleichende Entwicklungsgeschichte des Verhaltens der Vögel«. Mir wurde klar, daß der Vergleich der Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten lebender Tiere viel bessere Einsichten in die Stammesgeschichte und den Verlauf der Evolution vermittelte als die Untersuchung von Fossilien, die so selten und lückenhaft sind. Plötzlich verstand ich, daß die reine Beobachtung dessen, was ein Vogel tut, daß meine Beschäftigung, die ich bisher nur für das Steckenpferd eines Amateurs gehalten hatte, tatsächlich ernsthafte Wissenschaft war. Das Ziel meines Lebens als Wissenschaftler hatte feste Formen angenommen. Wir beide, Bernhard Hellmann und ich, haben uns während der letzten Jahre im Gymnasium (1920 bis 1922) besonders mit einer eigenartigen Gruppe von Kleinkreb-sen beschäftigt: den Blattfußkrebsen. Unser Interesse entwickelte sich aus der Routine, Lebendfutter für unsere Aquarienfische zu fangen. Ein älterer Freund, dem ich zu ewigem Dank verpflichtet bin, hatte mir ein kleines Mikroskop geschenkt, und aus reiner Neugier sah ich mir nun das Ergebnis meiner Beutezüge in den Donautümpeln an, bevor ich die Tierchen an meine Fische verfütterte. Als ich die Vielfalt von Formen sah, erfaßte mich die Sammlerleidenschaft. . . . . . .Objektivität
kann nicht durch das Ausklam-mern subjektiver Erfahrungen erreicht werden,
wie die Behavioristen glauben, sondern durch die sorgfältige Erforschung
von dem, was Bridgeman »the »Wollte
man im mindesten daran zweifeln, daß beide gar keine den Dingen an sich
selbst, sondern nur bloße ihrem Verhältnisse zur Sinnlichkeit anhängende
Bestim-mungen sind, so möchte ich gern wissen, wie man es möglich
finden kann, a priori und also vor aller Bekannt-schaft mit den Dingen, ehe
sie nämlich uns gegeben sind, zu wissen, wie ihre Anschauung beschaffen
sein müsse, welches doch hier der Fall mit Raum und Zeit ist.«
(Kant 1920/1940, S. 36) Kant war offensichtlich
davon überzeugt, daß eine Antwort auf diese Frage in den Begriffen
der Naturwiss-enschaft prinzipiell unmöglich sei. Zu Recht brachte er
vor, daß unsere Formen der Ideenbildung und unsere Denkkategorien nicht
das Ergebnis individueller Erfahrung seien, wie das Hume und andere Empiristen
glaubten. Er fand eindeutige Beweise dafür, daß sie nicht individuell
durch Lernen erworben werden. Da ich zu jener Zeit erst sehr wenig über Kants Werk wußte, war dieser Gegenangriff eine ungewisse Angelegenheit. Was Kants Lehre anging, stützte ich mich vor allem auf die Äußerungen und insbesondere auf die Briefe meiner Widersacher. Großen Dank schulde ich dem Physiologen H. H. Weber und Annemarie Koehler, der ersten Frau meines Lehrers und Freundes Otto Koehler. Häufig verwendete ich die Formel hic dicat quispiam (ein Kantianer würde hier sagen), worauf ich wörtlich anführte, was ursprünglich Weber oder Frau Koehler gesagt hatten. So kam mein Aufsatz »Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte der gegenwärtigen Biologie« zustande.* Diese wagemutige, ja tollkühne Attacke auf den transzendentalen Idealismus erschien erst, nachdem ich meine Verpflichtung gegenüber meinem Lehrer Heinroth eingelöst und eine ausführliche Arbeit mit dem Titel »Vergleichende Bewegungsstudien an Anatiden« fertiggestellt hatte.** Beide Aufsätze wurden erst veröffentlicht, nachdem ich bereits zur Wehrmacht einberufen worden war. * Lorenz
1941a. |
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