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Konrad Lorenz, die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit

Ethologie

PIPER Verlag
112 S. TB./ € (D) 7,90
im Buchhandel

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Die acht Todsünden
der zivilisierten
Menschheit

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»Ich befürchtete damals,
ebenso wie noch heute,
daß unsere zivilisierte Menschheit
von analogen Prozessen
des genetischen Verfalles
betroffen sein könnte«.


1974 Konrad Lorenz aus seiner Nobelpreis- Autobiographie
(Fremd-Übersetzung)

Konrad Lorenz, Prof. Dr. - Nobelpreisträger

Konrad Lorenz
* 7. November 1903 in Wien
† 27. Februar 1989 in Wien

Prof. Dr. med. Dr. phil.,
studierte Medizin und Zoologie.
1940 wurde er Professor für vergleichende Psychologie in Königsberg, Ostpreußen,
(ehemaliger Lehrstuhl Immanuel Kants).

Von 1950 bis 1973 war er Direktor am Max-Planck-Institut für
Verhaltensphysiologie in Buldern
und später Seewiesen,
danach Leiter des Konrad-Lorenz-Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

1973 erhielt Konrad Lorenz den Nobelpreis für Physiologie und Medizin
(zusammen mit Karl von Frisch und Niko Tinbergen).


Bei Piper veröffentlichte er u.a.:
»Über tierisches und menschliches Verhalten«
(2 Bände),
»Die Rückseite des Spiegels«,
»Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen«,
»Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit«
»Das Jahr der Graugans«,
»Der Abbau des Menschlichen«,
»Hier bin ich – wo bist du?«,
»Wozu aber hat das Vieh diesen Schnabel?«,
(mit Oskar Heinroth)
»Die Naturwissenschaft vom Menschen«.

Eigentlich wollte ich Wildgans werden
»Eigentlich wollte ich
Wildgans werden
«,
Aus meinem Leben,
aus dem Engl. von W. Schleidt
Mit Essays von I. Eibl-Eibesfeldt, und W.Schleidt
Ca. 128 Seiten mit s/w-Bildteil.
Gebunden
€ 14.90 (D) / sFr 25.80



als auch diejenigen, durch die sie es festhält, sind von denen des Artenwandels verschieden. Die Methode jedoch, mit welcher unter dem vielen Angebotenen das Festzuhal-tende ausgewählt wird, ist offenbar in Art- und Kultur-entwicklung dieselbe, nämlich Auswahl nach gründlicher Erprobung. Gewiß, die Selektion, durch die Struk-turen und Funktionen einer Kultur bestimmt werden, ist nicht ganz so streng wie diejenige, die im Artenwandel am Werke ist, weil sich der Mensch durch die ständig wachsende Beherrschung der umgebenden Natur einem selektierenden Faktor nach dem anderen entzieht. Bei Kulturen findet man daher öfters, was bei Arten kaum vorkommt: sogenannte Luxusbildungen, d. h. Strukturen, deren Form sich nicht aus einer systemerhaltenden Leistung, auch nicht aus einer früheren, ableitet.

Der Mensch kann es sich eben erlauben, mehr unnützen Ballast mitzuschleppen als ein wildes Tier. Merkwürdigerweise ist es offenbar die Selektion allein, die darüber entscheidet, was als traditionelle, »geheiligte« Sitte und Gewohnheit in den dauernden Wissensschatz einer Kultur eingeht. Es will nämlich scheinen, als ob auch Erfindungen und Entdeckungen, die durch Einsicht und rationale Exploration gemacht werden, den Charakter des Rituellen, ja Religiösen annehmen, wenn sie durch längere Zeit tradiert worden sind. Darauf werde ich im nächsten Kapitel noch zurückkommen müssen. Untersucht man die herkömmlichen sozialen Verhaltensnormen einer Kultur, so wie sie im Augenblick vorgefunden werden, also ohne Einführung einer historisch vergleichenden Betrachtungsweise, so kann man unter ihnen solche, die zufällig entstandenem »Aberglauben« entstammen, nicht von solchen unterscheiden, die echten Einsichten und Erfindungen ihren Ursprung verdanken. Überspitzt könnte man sagen, alles, was über längere Zeiträume durch kulturelle Tradition überliefert wird, nimmt schließlich den Charakter eines »Aberglaubens« oder einer »Doktrin« an.

Dies mag zunächst als ein »Konstruktionsfehler« des Mechanismus erscheinen, der in menschlichen Kulturen Wissen erwirbt und speichert. Bei längerem Nachdenken aber wird man finden, daß größte Konservativität im Festhalten des einmal Erprobten zu den lebensnotwendigen Eigenschaften des Apparates gehört, dem in der Kulturentwicklung eine analoge Aufgabe zufällt, wie sie im Artenwandel vom Genom geleistet wird. Das Festhalten ist nicht nur ebenso wichtig, sondern sehr viel wichtiger als das Hinzuerwerben, und man muß sich vor Augen halten, daß wir ohne ganz speziell darauf gerichtete Untersuchungen durchaus nicht wissen können, welche von den Sitten und Gebräuchen, die uns von der Tradition unserer Kultur überliefert werden, entbehrlicher, überalterter Aberglaube und welche unentbehrliches Kulturgut sind. Auch bei Verhaltensnormen, deren üble Auswirkung selbstverständlich scheint, wie etwa beim Kopfjagen mancher Stämme Borneos und Neuguineas, ist durchaus nicht abzusehen, welche Rückwirkungen ihre radikale Abschaffung auf das System sozialer Verhaltensnormen ausüben wird, das die betreffende Kulturgruppe zusammenhält. Ein solches System stellt nämlich gewissermaßen das Skelett jeglicher Kultur dar, und ohne Einsicht in die Vielzahl seiner Wechselwirkungen ist es höchst gefährlich, willkürlich ein Element aus ihm zu entfernen.

Der Irrglaube, daß nur das rational Erfaßbare oder gar nur das wissenschaftlich Nachweisbare zum festen Wissensbesitz der Menschheit gehöre, wirkt sich verderblich aus. Er führt die »wissenschaftlich aufgeklärte« Jugend dazu, den ungeheuren Schatz von Wissen und Weisheit über Bord zu werfen, der in den Traditionen jeder alten Kultur wie in den Lehren der großen Weltreligionen enthalten ist. Wer da meint, all dies sei null und nichtig, gibt sich folgerichtig auch einem anderen, ebenso verderblichen Irrtum hin, indem er in der Überzeugung lebt, Wissenschaft könne selbstverständlich eine ganze Kultur mit allem Drum und Dran auf rationalem Wege und aus dem Nichts erzeugen. Dies ist nur um ein weniges weniger dumm als die Meinung, unser Wissen reiche hin, um durch Eingriffe in das menschliche Genom den Menschen willkürlich zu »verbessern«. Eine Kultur enthält ebensoviel »gewachsenes«, durch Selektion erworbenes Wissen wie eine Tierart, die man bekanntlich bisher auch noch nicht »machen« kann!

Die gewaltige Unterschätzung des nichtrationalen, kulturellen Wissensschatzes und die gleiche Überschätzung dessen, was der Mensch als Homo faber mittels seiner Ratio auf die Beine zu stellen vermag, sind aber keineswegs die einzigen Fakto-ren, die unsere Kultur mit Vernichtung bedrohen, ja nicht einmal die ausschlaggebenden . . .

Auszüge

Optimistisches Vorwort

Die vorliegende Abhandlung ist für die Festschrift geschrieben worden, die zum 70. Geburtstag meines Freundes Eduard Baumgarten erschien. Ihrem Wesen nach paßt sie eigentlich weder zu einer so freudigen Gelegenheit noch zu der fröhlichen Natur des Jubilars, denn sie ist eingestandenermaßen eine Jeremiade, eine an die ganze Menschheit gerichtete Aufforderung zu Reue und Umkehr, von der man meinen könnte, daß sie einem Bußprediger, wie dem berühmten Wiener Augusti-ner Abraham a Santa Clara, besser anstünde als einem Naturforscher. Wir leben aber in einer Zeit, in der es der Naturforscher ist, der gewisse Gefahren besonders klar zu sehen vermag.
So wird ihm das Predigen zur Pflicht.

Meine Predigt, die über den Rundfunk verbreitet wurde, fand einen Widerhall, der mich erstaunt hat. Ich bekam unzählige Briefe von Leuten, die nach dem gedruckten Text verlangten, und schließlich wurde ich von meinen besten Freunden kategorisch aufgefordert, die Schrift einem weiten Leserkreis zugänglich zu machen. Das alles ist an sich schon dazu angetan, den Pessimismus Lügen zu strafen, der aus jener Schrift zu sprechen scheint: Der Mann, der da offensichtlich der Meinung war, einsam in der Wüste zu predigen, sprach, wie sich herausstellt, vor einer zahlreichen und durchaus verständigen Hörer-schaft! Mehr noch: Beim Wiederlesen meiner Worte fallen mir mehrere Aussagen auf, die schon zur Zeit der Niederschrift ein wenig übertrieben, heute aber schon nicht mehr wahr sind. So steht S. 98, daß die Ökologie eine Wissenschaft sei, deren Bedeutung nicht genügend anerkannt werde. Das kann man heute wirklich nicht mehr behaupten, denn unsere bayerische »Gruppe Ökologie« findet erfreulicherweise bei den verantwort-lichen Stellen Gehör und Verständnis. Die Gefahren der Übervölkerung und der Wachstums-Ideologie werden von einer rasch wachsenden Zahl vernünftiger und verantwortlicher Menschen richtig eingeschätzt. Gegen die Verwüstung des Lebensraumes werden allenthalben Maßnahmen ergriffen, die zwar bei weitem nicht ausreichend sind, aber die Hoffnung erwecken, es bald zu werden.

Noch in anderer Hinsicht muß ich meine Aussagen in einer erfreulichen Richtung korrigieren. Ich schrieb bei Besprechung der behavioristischen Doktrin, daß sie »unzweifelhaft einen erklecklichen Teil der Schuld an dem drohenden moralischen und kulturellen Zusammen-bruch der Vereinigten Staaten« trage. Inzwischen sind in den Vereinigten Staaten selbst eine Reihe von Stimmen laut geworden, die dieser Irrlehre höchst energisch entgegentreten. Noch werden sie mit allen Mitteln bekämpft, aber sie werden gehört, und die Wahrheit kann man nur dadurch auf die Dauer unterdrücken, daß man sie verstummen macht. Die epidemischen Geistes-krankheiten der Gegenwart pflegen, aus Amerika kommend, in Europa mit einiger Verspätung aufzutreten. Während der Behaviorismus in Amerika im Abflauen ist, grassiert er neuerdings unter europäischen Psychologen und Soziologen. Es ist voraussagbar, daß die Epidemie abklingen wird.

Schließlich möchte ich noch zur Feindschaft zwischen den Generationen einen kleinen berichtigenden Zusatz machen. Wenn sie nicht politisch verhetzt oder über-haupt unfähig sind, einem älteren Menschen irgend etwas zu glauben, haben die heutigen jungen Leute offene Ohren für die grundlegenden biologischen Wahrheiten. Es ist durchaus möglich, revolutionäre Jugendliche von der Wahrheit des im VII. Abschnitt dieses Büchleins Gesagten zu überzeugen.

Es wäre überheblich, zu glauben, daß das, was man selbst sicher weiß, nicht auch den meisten anderen Menschen verständlich gemacht werden kann. Alles, was in diesem Buch steht, ist viel leichter zu verstehen als z. B. Integral- und Differentialrechnung, die jeder Oberschüler lernen muß. Jede Gefahr verliert viel von ihrer Schrecklichkeit, wenn ihre Ursachen erkannt sind. So glaube und hoffe ich, daß dieses Büchlein ein wenig beitragen kann zur Verminderung der die Menschheit bedrohenden Gefahren.

Seewiesen 1972, Konrad Lorenz


 

Wärmetod des Gefühls

. . . Unter diesen Umständen war so manches, was wir heute als »sündhaft« oder zumindest als verächtlich betrachten, durchaus richtige, ja lebensnotwendige Strategie des Überlebens. Fraß und Völlerei waren eine Tugend, denn wenn einmal ein Großtier in die Falle gegangen war, war es das Klügste, was ein Mensch tun konnte, sich so voll zu fressen wie nur irgend möglich. Von der Todsünde der Faulheit gilt Analoges, die Anstrengungen, die nötig waren, ein Stück Beute zu erjagen, waren so gewaltig, daß man gut daran tat, nicht mehr Energie zu verausgaben als unbedingt erforderlich. Die Gefahren, die den Menschen auf Schritt und Tritt umlauerten, waren so drohend, daß das Eingehen jedes unnötigen Risikos unverantwortlicher Unsinn und äußerste, an Feigheit grenzende Vorsicht die einzig richtige Maxime allen Handelns war. Kurzum, zu der Zeit, als der Großteil der Instinkte programmiert wurde, die wir heute noch in uns tragen, brauchten unsere Vorfahren die Härten des Daseins nicht in »mannhafter« oder »ritterlicher« Weise zu suchen, denn diese drängten sich ihnen von selbst in gerade eben noch erträglicher Weise auf. Das dem Menschen von seinem phylogenetisch entstandenen Lust-Unlust-Mechanismus aufgezwungene Prinzip, allen vermeidbaren Gefahren und Energie-Ausgaben tunlichst aus dem Wege zu gehen, war damals durchaus richtig.

Die vernichtenden Fehlleistungen, die derselbe Mechanismus unter den Lebensbedingungen heutiger Zivilisation hervorbringt, erklären sich aus seiner phylogenetischen Konstruktion und aus den beiden fundamentalen physiologischen Eigenschaften der Gewöhnbarkeit und der Trägheit.

Schon in grauer Vorzeit haben die Weisen der Menschheit ganz richtig erkannt, daß es für den Menschen keineswegs gut ist, wenn er in seinem instinktiven Streben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung allzu erfolgreich ist. Schon in alten Zeiten haben es die Menschen hochentwickelter Kulturen verstanden, alle unlustbringenden Reizsituationen zu vermeiden, was zu einer gefährlichen, wahrscheinlich sogar oft zum Untergang einer Kultur führenden Verweichlichung führen kann.

Seit altersher haben die Menschen herausgefunden, daß man die Wirkung lustbringender Situationen durch besonders schlaue Zusammenstellung der Reize steigern und durch deren ständigen Wechsel vor der Abstumpfung durch Gewöhnung bewahren kann, und diese Erfindung, die in jeder höheren Kultur gemacht wurde, führt zum Laster, das indessen kaum jemals ebenso kulturvernichtend wirkt wie die Verweichlichung.

Gegen beide ist gepredigt worden, solange weise Männer gedacht und geschrieben haben, und zwar stets mit der größeren Emphase gegen das Laster.

Die Entwicklung der modernen Technologie und vor allem der Pharmakologie leistet nun dem allgemein-menschlichen Streben nach Unlustvermeidung in nie vorher dagewesenem Maße Vorschub.
Wir sind uns kaum mehr bewußt, wie sehr wir von dem modernen »Komfort« abhängig

geworden sind, so selbstverständlich ist er uns geworden.
Die bescheidenste Hausgehilfin würde sofort empört revoltieren, böte man ihr ein Zimmer mit der Heizung, der Beleuchtung sowie der Schlaf- und Waschgelegenheit an, die dem Geheimrat von Goethe oder selbst der Herzogin Anna Amalie von Weimar durchaus ausreichend erschienen.

Als vor einigen Jahren in New York durch eine größere Reglerkatastrophe für einige Stunden der elektrische Strom ausfiel, glaubten viele ganz ernstlich, der Weltuntergang sei gekommen.

Auch diejenigen unter uns, die von den Vorzügen der guten alten Zeit und vom erziehlichen Werte eines spartanischen Lebens am festesten überzeugt sind, würden ihre Ansichten revidieren, wenn sie gezwungen würden, die vor 2000 Jahren übliche chirurgische Behandlung über sich ergehen zu lassen. Spezifisch menschlichen Normen des Verhaltens, die im Rahmen des Kulturlebens analogen Funktionen dienen.

Das resultierende Verhalten, nämlich die in so vielen heutigen Filmen verherrlichte und zur Norm erhobene Sofort-Begattung (Anm: One night stand) als »tierisch« zu bezeichnen, wäre irreführend, da ihresgleichen bei höheren Tieren nur ganz ausnahmsweise vorkommt, »viehisch« wäre etwas besser, wenn man unter »Vieh« Haustiere versteht, denen der Mensch im Interesse leichterer Züchtbarkeit alle höher differenzierten Verhaltensweisen der Paarbildung »weggezüchtet« hat.

Weil dem Mechanismus der Lust-Unlust- Ökonomie, wie erwähnt, die Eigenschaft der Trägheit und damit der Kontrastbildung zu eigen ist, hat das übertriebene Bestreben, die geringste Unlust um jeden Preis zu vermeiden, zur unausbleibenden Folge, daß bestimmte Formen des Lustgewinnes, die eben auf Kontrastwirkung beruhen, unmöglich gemacht werden. Die alte Weisheit aus Goethes Schatzgräber »Saure Wochen, frohe Feste« droht in Vergessenheit zu geraten. Vor allem ist es die Freude, die durch wehleidige Unlustvermeidung unerreichbar gemacht wird. Helmut Schulze hat auf die merkwürdige Tatsache hingewiesen, daß das Wort wie der Begriff »Freude« bei Freud nicht vorkommt. Er kennt den Genuß, aber nicht die Freude. Wenn man, so sagt Schulze etwa, verschwitzt und müde, mit durchgekletterten Fingern und schmerzenden Muskeln auf dem Gipfel eines schwer besteigbaren Berges ankommt, mit der Aussicht, alsbald die noch größeren Mühen und Gefahren des Abstieges bestehen zu müssen, so ist dies alles wahrscheinlich kein Genuß, aber die größte Freude, die man sich denken kann. Genuß kann allenfalls noch gewonnen werden, ohne den Preis von Unlust in Gestalt saurer Arbeit dafür zu bezahlen, nicht aber der Freude schöner Götterfunke. Die heutzutage in ständigem Wachsen begriffene Unlust-Intoleranz verwandelt die naturgewollten Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens in eine künstlich planierte Ebene, aus den großartigen Wellenbergen und -tälern macht sie eine kaum merkbare Vibration, aus Licht und Schatten ein einförmiges Grau. Kurz, sie erzeugt tödliche Langeweile.

Durch die fortschreitende Beherrschung seiner Umwelt hat der moderne Mensch ganz zwangsläufig die »Marktlage« seiner Lust-Unlust-Ökonomie in der Richtung einer ständig zunehmenden Sensitivierung gegenüber allen Unlust auslösenden Reizsituationen und einer ebensolchen Abstumpfung gegen alle Lust auslösenden verschoben. Aus einer Reihe von Gründen führt dies zu deletären Folgen.

Die wachsende Intoleranz gegen Unlust - im Verein mit der verringerten Anziehungskraft der Lust - führt dazu, daß die Menschen die Fähigkeit verlieren, saure Arbeit in solche Unternehmen zu investieren, die erst in der späteren Folge einen Lustgewinn versprechen. Daraus resultiert ein ungeduldiges Verlangen nach sofortiger Befriedigung aller aufkeimenden Wünsche. Dem Bedürfnis nach Sofortbefriedigung (instant gratification) leisten nun leider die Produzenten und kommerziellen Unternehmen in jeder Weise Vorschub, und merkwürdigerweise durchschauen die Konsumenten nicht, wie sehr sie durch die »entgegenkommenden« Ratengeschäfte in Sklaverei geraten.

Aus leicht einzusehenden Gründen zeitigt das zwanghafte Bedürfnis nach sofortiger Befriedigung auf dem Gebiete des sexuellen Verhaltens besonders böse Folgen. Mit dem Verlust der Fähigkeit, ein weitgestecktes Ziel zu verfolgen, schwinden alle feiner differenzierten Verhaltensweisen der Werbung und der Paarbildung, sowohl die instinktmäßigen wie die kulturell programmierten, also nicht nur jene, die im Verlaufe der Stammesgeschichte zum Zwecke des Paarzusammenhaltes entstanden sind, sondern auch die

Dieser »emotionelle Wärmetod« scheint nun in ganz besonderer Weise jene Freuden und Leiden zu bedro-hen, die sich notwendigerweise aus unseren sozialen Beziehungen, aus unseren Bindungen an Gatten und Kinder, an Eltern, Verwandte und Freunde ergeben. Die von Oskar Heinroth 1910 geäußerte Vermutung, »daß es sich bei unserem Benehmen gegen Familie und Fremde, beim Liebes- und Freundschaftswerben um rein angeborene und vielurtümlichere Vorgänge handelt, als wir gemeinhin glauben«, erweist sich durch moderne humanethologische Ergebnisse als durchaus richtig. Die erbliche Programmierung aller dieser höchst komplexen Verhaltensweisen hat zur Folge, daß sie samt und sonders nicht nur Freude, sondern auch viel Leid mit sich bringen. »Ein Irrtum, welcher sehr verbreitet und manchen Jüngling irreleitet, ist der, daß Liebe eine Sache, die immer nur Vergnügen mache«, sagt Wilhelm Busch. Dem Leide aus dem Wege gehen zu wollen heißt, sich einem wesentlichen Teil des menschlichen Lebens zu entziehen. Diese deutliche Tendenz summiert sich in gefährlicher Weise mit derjenigen der schon S. 21 besprochenen Übervölkerungsfolgen (not to get involved). Bizarre, ja unheimliche Auswirkungen hat bei manchen Kulturgruppen das Bestreben, alles Trauern um jeden Preis zu vermeiden, für die Einstellung zum Tode geliebter Menschen. Dieser wird bei großen Anteilen der nordamerikanischen Bevölkerung im Freudschen Sinne verdrängt, der Verstorbene ist plötzlich verschwunden, man spricht nicht von ihm, ja es ist taktlos, dies zu tun, man benimmt sich so, als wäre er nie gewesen. Noch schauerlicher ist die von Evelyn Waugh, dem grausamsten aller Satiriker, in seinem Buche >The Loved One< gegeißelte Verniedlichung des Todes. Man schminkt die Leiche kunstvoll, und es gehört zum guten Ton, Entzücken über ihr hübsches Aussehen zu äußern. .........


Abreißen der Tradition

Die Entwicklung einer menschlichen Kultur zeigt einige bemerkenswerte Analogien zur phyletischen Artentwicklung. Die kumulierende Tradition, die aller Kulturentwicklung zugrunde liegt, beruht auf wesensmäßig neuen, bei keiner Tierart vorhandenen Leistungen, vor allem auf begrifflichem Denken und Wortsprache, die durch die Fähigkeit, freie Symbole zu bilden, dem Menschen eine nie vorher dagewesene Möglichkeit zur Verbreitung und Überlieferung individuell erworbenen Wissens eröffnen. Diese »Vererbung erworbener Eigenschaften«, die als Folge hiervon auftritt, ist ihrerseits der Grund dafür, daß sich die geschichtliche Entwicklung einer Kultur um mehrere Zehnerpotenzen schneller vollzieht als die Phylogenese einer Art.

Sowohl die Verfahren, durch welche eine Kultur neues, systemerhaltendes Wissen hinzuerwirbt,


Ja, zum Leben, aber wie?

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Lust-Unlust-Ökonomie

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