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Fischer-Verlag
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Auszüge |
Fotsetzung: |
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Der Hund, ebenso wie
der Berliner unfähig zur phonetischen Verbindlichkeit des süddeutschen
Singsangs, mißversteht den Berliner nicht, wie der Berliner gleichermaßen
im rauhen Hundebellen Elemente der eigenen Sprache erkennt, was seine verwandtschaftliche
Verbundenheit mit dem Hund befördert. Demzufolge darf der Ausdruck »Berliner
Schnauze« auch weniger als kritische Selbsterkenntnis denn als eine
zur Selbstliebe erweiterte Hundeliebe verstanden werden. Kneipen entziehen sich, sofern es sich nicht um die polizeiliche Schließstunde handelt, weitgehend dem staatlichen Reglement. Sie haben ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Hierarchien. Wer draußen im Leben ein großes Tier ist, gilt in der Kneipe vielleicht als kleine Laus. In der Kneipe hält sich über alle politischen und technischen Revolutionen hinweg ein kontinuierliches, fast folkloristisches Gemurmel, der Kammerton A der Stadt, die Legende vom Kiez, das Ewiggleiche, wenn alles anders wird. Rund um die Kreuzung Dimitroff- (heute Danziger) Ecke Knaackstraße gab es drei Kneipen, den »Hackepeter«, »Siecke« und das »Keglerheim«. Vor dem Krieg tranken im »Hackepeter« die Nazis, bei »Siecke« die Kommunisten und im »Keglerheim« die Sozialdemokraten. Und obwohl in den Jahrzehnten nach dem Krieg sich kaum jemand als Nazi oder Sozialdemokrat bekannt hätte, hieß es bis in die achtziger Jahre, im »Hackepeter« säßen die Nazis und im »Keglerheim« die Sozialdemokraten. Trotz solcherart Traditionspflege änderten sich die Sitten in den Kneipen Ost-Berlins. Auf kleinen weißen Schildern an den Außentüren verkündete ein kleiner weißer Scotch-Terrier (jedenfalls war es meistens ein Scotch-Terrier) stellvertretend für alle Hunde: Ich muß draußen bleiben. Die Hundeliebe der Berliner ließ sich nur noch im traurigen Blick des Hundes erkennen, gleichsam als Spiegelbild eines menschlichen Rührens, mit dem durchaus nicht jeder abgewiesene Artgenosse bedacht wurde. Ich hatte damals keinen Hund, sondern Katzen und machte mir darum über dieses wohl ungeschriebene Gesetz keine Gedanken. Außerdem regte ich mich, wie die meisten meiner Mitbürger, natürlich mehr darüber auf, daß wir alle eingesperrt, als daß die Hunde ausgesperrt waren. Aber erstens habe ich jetzt keine Katzen, sondern einen Hund, und zweitens rücken nun, nachdem die grundsätzlichen Fragen ja geklärt sind, die Sekundärfragen ins Bewußtsein. Wie konnte es passieren, daß den Ost-Berliner Hunden verwehrt wurde, was für die West-Berliner Hunde ein selbstverständliches Recht war? Politische Gründe dürfen wohl ausgeschlossen werden, da der Besitz von Hunden nicht verboten oder auch nur verdächtig war. Möglich ist, dass sich durch den massenhaften Zuzug von Menschen aus der Sächsischen und Thüringischen Provinz der Begriff von öffentlicher Ordnung oder Ordnung überhaupt verändert hatte, wofür auch die aufgereihten Straßenschuhe vor den Wohnungstüren in den Neubaublocks sprachen. Aber eigentlich glaube
ich, daß es vor allem um die Menschenwürde ging, die, wie immer
die Verhältnisse nun einmal sind, dem Menschen seinen ideellen Vorrang
unter allen Säugetieren garantiert. Die Mauer ist weg, die
Ost-Berliner Kneipen und Restaurants haben sich vermutlich verzehnfacht und
bieten Patz für Herrschaft samt Hund. Und während in den letzten
Jahren die Ost-Berliner Hunde allmählich wieder in das gesellige Leben
integriert wurden, zog sich über der gesamten deutschen Hundeschaft ein
Unheil zusammen, das sich derzeit gerade in Gesetzen entlädt: der Kampfhund,
der für den Kampf gezüchtete, dressierte und gequälte Pitbull
oder Staffordshire- oder Bullterrier, der Kinder totbeißt, Gesichter
zerfleischt, bevorzugt gehalten als Waffe und Drohgebärde von Zuhältern,
Schlägern und Leuten mit Persönlichkeitsdefekt. Der Kampfhund ist auch in Berlin zum unverhofften Verbündeten der Hundefeinde in ihrem Kampf gegen den Hund schlechthin geworden, allerdings unter Mithilfe fanatischer Hundefreunde. Die nämlich warfen den Hundefeinden Rassismus vor, da nicht nur Pitbulls und ähnliche Rassen, sondern alle von perversen Menschen mißbrauchten Hunde zu Kampfhunden mutieren könnten, ein Argument, auf das die Hundefeinde natürlich nur gewartet hatten, denn wenn jeder Zwergpudel ein potentieller Kampfhund ist, gehört er ebenso an die Leine wie der Pitbull. Und so ist es nun wirklich gekommen. |
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Das
Gymnasium Zwei Wochen Blauhemd |
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Monika
Maron |
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Foto:
Jonas Maron |
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Dem Wort Gymnasium haftete, seit ich es zum ersten Mal gehört hatte, etwas Verdächtiges an. Auf ein Gymnasium gingen die Kinder der Reichen, also der Ausbeuter, die den Kindern der Ausgebeuteten das Recht auf Bildung geraubt hatten, um sie weiterhin beherrschen und ausbeuten zu können. Ein Gymnasiast war, wie der dickliche Petka aus Katajews »Es blinkt ein einsam Segel«, ein verwöhnter, ängstlicher Junge, der keine Ahnung hatte vom richtigen Leben und das erst von Gawlik, einem revolutionären Arbeiterjungen, lernen mußte. Lebende Gymnasiasten kannte ich nicht. Und dann verschlug es mich 1955, nach der Grundschule, ausgerechnet auf die einzige Oberschule Ost-Berlins, wenn nicht der ganzen DDR, die noch Gymnasium hieß, nämlich »Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster«. Das fand ich zwar interessant, aber eben auch ein bißchen lächerlich. Die Ermahnungen älterer Lehrer, der Tradition unserer ehrwürdigen Schule den gebührenden Respekt zu erweisen, wirkten auf mich komisch, rührend auch, und als wir zum 1. Mai 1957 mit Schulemblem und Schulfarben für die Sportlerriege marschierten, wußte ich nicht genau, ob ich das Traditionsgetue eher peinlich oder vielleicht doch reizvoll finden sollte. Mein Bekenntnis zum Gymnasium und zur Tradition meiner Schule setzte erst am Nachmittag dieses 1. Mai 1957 ein. Meine Eltern saßen mit einigen Freunden, darunter ein Polizeipräsident, in unserem Wohnzimmer und bestürmten mich in ihrer Feiertagslaune mit Fragen nach meiner Schule. Sie hatten von der Tribüne tatsächlich unser Emblem gesehen, und obwohl meine Eltern ja auch vorher wissen mußten, wie meine Schule hieß, waren sie plötzlich aufgebracht und entschlossen, diesen anachronistischen Unfug zu beenden. Ob die folgenden Ereignisse dann wirklich eintraten, weil unser Emblem meinen Stiefvater und seine Freunde an die Kränkungen ihrer Kindheit erinnert hat, oder doch vor allem, weil sich eine Abiturklasse des altsprachlichen Zweigs geschlossen zum dreizehnten Schuljahr in West-Berlin angemeldet hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls wurde unsere Schule umbenannt in »2. Oberschule Mitte«, wir bekamen einen neuen Direktor, der nicht einmal des Deutschen vollkommen mächtig war, geschweige denn des Griechischen oder Lateinischen, dafür aber verlangte, daß alle Schüler die nächsten zwei Wochen in FDJ-Blusen zu erscheinen hätten. Während ich noch zwei Jahre lang miterlebte, wie meiner Schule die Reste gymnasialen Geistes ausgetrieben wurden, gewann das Wort Gymnasium für mich einen verheißungsvollen Glanz, ähnlich solchen Worten wie Kammermusiksaal oder Handwerkerinnung oder Königlich-Preußische Porzellanmanufaktur. Jedenfalls erzähle ich jetzt noch gerne, daß ich Schülerin des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster war, wenn ich auch nur zum R-Zweig (verstärkter Russischunterricht) gehörte und von dem traditionellen Bildungsgut meiner Schule gar nicht profitieren konnte. |
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1941
in Berlin geboren, wuchs |
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Auszüge
- Fortsetzung |
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Alle Berliner Hunde, auch der schuhgroße Terrier meiner Nachbarin, werden an die Leine gezwungen. Die Berliner Hundeliebe und die Berliner Schnauze stehen vor einer großen Bewährungsprobe. Obwohl die Berliner ja auch Deutsche sind und die Deutschen in der internationalen Öffentlichkeit oft der Hysterie verdächtigt werden, darf man die Berliner in ihrer Mehrheit aber mit gutem Recht als unhysterisch bezeichnen. Selbst die Raucher leben in Berlin relativ unbehelligt, was für die Zukunft der Hunde in der Stadt als gutes Zeichen gelten darf, weil die Hunde- und die Raucherfeinde nicht nur mit ähnlichem Furor ihre Widersacher verfolgen, sondern gleichermaßen von dem Glauben besessen scheinen, daß eine von Rauchern oder Hunden befreite Welt endlich friedlich, reinlich und glücklich wäre. Hundefeinde sind eigentlich Weltverbesserer. Wahrscheinlich würden sie am liebsten alles Böse und Schlechte in der Welt verbieten: Kriege, Drogen, Mord und Totschlag, Prostitution, Aids, Ungerechtigkeit, Erdbeben. Und weil diese Kämpfe so anstrengend wie vergeblich wären, konzentrieren sie sich lieber auf das Verbietbare: Hunde und Raucher zum Beispiel. Da der Hundefeind, indem er seinen Nachbarshund drangsaliert, eigentlich die Schlechtigkeit der ganzen Welt bekämpft, ist er weniger ein lokales Phänomen als ein globales, was auch bedeutet, daß der Hundefeind ein moderner, der Hundeliebhaber hingegen ein anachronistischer Mensch ist, der inmitten der Chip-Karten, e-mails, Networks und Haushalts-Elektronik ab und zu ein Stück Fell streicheln will und ein zufriedenes Hundeschnaufen für sein Gemüt braucht. Denn der Hundeliebhaber will nicht die Welt verbessern, sondern seine eigene Gemütslage, und mit einem Tier ist das Leben eben gemütlicher, womit wir wieder bei den Berlinern sind, denn die Berliner, jedenfalls die richtigen, sind Gemütsmenschen, was sich in ihrer Tierliebe ebenso zeigt wie in der Anhänglichkeit an die Stammkneipe. Vor einigen Tagen traf ich, als ich mit meinem Hund spazierenging, vier Frauen, alle um die siebzig, die sich mit ihren vier sehr kleinen Hunden an einem Hauseingang neben einem griechischen Restaurant versammelt hatten. Zwei saßen auf den Stufen, zwei standen daneben. Als ich versuchte, meinen aufgeregten Hund an dem Auflauf vorbeizuzotteln, rief eine der Frauen: »Kommse her, wir sind hier der Kampfhundverein.« Wir haben uns dann eine Weile über das liebenswürdige Wesen unserer Hunde, die Bosheit tierquälerischer Kampfhundbesitzer und die Hysterie der Hundefeinde unterhalten, und ich dachte, daß ich gern in Berlin wohne, wo sich seit zehn Jahren die Straßen und Plätze täglich verändern, wo man in der eigenen Stadt verreisen kann wie an einen fremden Ort und wo dieser verläßliche anachronistische Gemütston herrscht: Kommse her, wir sind hier der Kampfhundverein. |
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Die
Berliner und die Hunde |
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Berlin ist bekannt für seine Kneipen, seine Hunde, die berüchtigte Berliner Schnauze und natürlich für die Mauer, die es aber nicht mehr gibt. Die Kneipen, die Hunde und die Schnauze gehören irgendwie zusammen, obwohl es sich bei der Schnauze keineswegs um eine Hundeschnauze handelt, sondern um den verbalen Ausdruck dessen, was das Wort bezeichnen soll: den Berliner Charme, der erst im Dunst der vertrauten Eckkneipe, inspiriert vom Gurgeln und Zischen des Zapfhahns, seinen wahren Witz entfaltet. Der Berliner ist tierlieb, ganz besonders hundelieb, weshalb die Stammkundschaft der meisten Kneipen nicht nur aus Menschen, sondern auch aus deren Hunden besteht. Und da man zum Zapfen eines ordentlichen Bieres angeblich sieben Minuten braucht, wird der Hund nicht selten vor seiner Herrschaft bedient. In den besseren Restaurationen wird ihm das Wasser mit einem Mohrrübenstift oder einem Petersilienblatt dekoriert, obwohl Besitzer und Kellner selten Berliner, vielleicht nicht einmal hundelieb sind. Aber eher dürfte ein Gastwirt in der deutschen Haupt- und Regierungsstadt seine Feindschaft gegenüber dieser oder jener oder jeglicher Partei bekennen, als daß er es wagen könnte, seinen Abscheu gegen Hunde zu offenbaren, weil der Verdacht, wer kein Tierfreund ist, sei vielleicht auch kein Menschenfreund, selbst die Nicht-Hundebesitzer unter seinen Gästen befallen könnte, auch wenn ein Sprichwort das Gegenteil besagt. Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere, heißt es, was ja auch bedeuten kann, daß jemand, der die Tiere nicht liebt, sein Vertrauen in die Menschen noch nicht aufgegeben hat. Ich weiß nicht, ob die Berliner einander mehr Enttäuschungen bereiten als die Bewohner anderer Städte oder ob die Zuwanderer aus den schlesischen und pommerschen Dörfern ihre Naturverbundenheit über die Generationen vererbt haben, jedenfalls gehören die Hunde zu Berlin wie die Kneipen und diese, nur Fremde erschreckende Großmäuligkeit, in der Selbstbeschreibung der Stadt als Berliner Schnauze bezeichnet. Es ist natürlich auch möglich, daß die Berliner Sprechweise, die wegen ihres zuweilen bellenden Grundtons häufig zu Mißverständnissen im Umgang mit anderen, insbesondere süddeutschen Bevölkerungsgruppen führt, für die Kommunikation mit dem Hund aber besonders geeignet ist. |
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Ende
Auszüge |
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