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Robert Musil

Biographie
rowohlt - Verlag
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Karl Corino: ROBERT MUSIL, eine fundamentale, bahnbrechende Biographie des österreichischen Autors.

darstellbar? Die Schwierigkeiten, Musils Biographie zu schreiben, hängen gewiß damit zusammen, daß die Problematik seines Hauptwerks auch mit der Vita seines Schöpfers zu tun hat. Daß er nämlich «als empirische Person nicht ganz dabei war, nicht ganz mitspielte; zuweilen brach das in Momenten der Abwesenheit durch [...] Er war nicht mit sich selbst identisch, so wie das Ideal des Existentiellen es verhimmelt, sondern hatte eine eigentümliche Unangreifbarkeit, sogar etwas Unbeteiligtes, Zuschauerhaftes, wie Kierkegaard es nur aus Puritanismus am Ästhetischen geschmäht hat. Noch die Passion wurde ihm, während er ihr sich überließ, Material fürs Kunstwerk [...] und seine erworbene Lebensklugheit lief nur darauf hinaus, Bedingungen herzustellen, die ihm gestatteten, eigenen physischen Schwächen und psychologischen Widerständen das Œuvre abzuzwingen.» Diese Sätze Theodor W. Adornos über Alban Berg könnten genauso über Musil geschrieben sein und zeigen, daß es im Wien der zwanziger und dreißiger Jahre einen - wenn auch vielleicht nicht sehr verbreiteten - Sozialtypus des Künstlers gab, den der scharfe Beobachter in der Musik wie in der Literatur fand.

Der Verfasser dieser Biographie hat seit 1966 versucht, die für Musils Leben und Werk relevanten Zeugnisse zu sichern, die letzten Augenzeugen zu befragen, Musils Foto-Archiv zu rekonstruieren. Der Band über Musil in Bildern und Texten, der 1988 nach gut zwei Jahrzehnten Sammeltätigkeit erschien, war sozusagen eine Vorstudie, die das ikonographische Material nur knapp kommentierte. Es war noch einmal erheblicher Aufwand nötig, um das Sichtbar-Behauptete argumentativ zu untermauern. Die Geschichte der Recherchen ergäbe vielleicht ein eigenes Buch, weil sich die Suche nach einzelnen Menschen - nach Valerie, Musils großer, mystikerzeugender Jugendliebe, nach dem Modell Moosbruggers, des Frauen-Schlächters - über Jahrzehnte hinzog und weil, wie Musil einmal formulierte, auch da Irrtümer Stationen der Wahrheit wurden. Es fehlte nicht an eigenartigen Episoden - von Manuskripten, die in einer Art Gottesurteil von Martha, der Witwe, in ihren Mantel eingenäht worden waren und die dann doch, lange nach ihrem Tod, gefunden wurden; von Briefen, die, in einem Bozener Keller vergessen, ein Menschenalter später auftauchten und mit einemmal das Leben des Paares während eines Abschnitts von anderthalb Jahren, während des 1. Weltkriegs, in ein viel deutlicheres Licht tauchten als alle anderen Lebensphasen, so daß die Verdüsterung der europäischen Geschichte durch die Politik und die Erhellung des privaten Schicksals paradox in eins gingen. Jener Mensch aber, dessen Tod mit sich brachte, daß auf dem Leben des Autors vorgeblich ein «kleiner warmer Schatten» lag, Tonka alias Herma Dietz, blieb trotz jahrzehntelanger Suche eine gespenstische Un-Person, weil außerhalb von Musils Werk nirgends eine Spur von ihr übriggeblieben zu sein scheint. Manchmal verweigerten Augenzeugen wie Musils Jugendfreund Gustav Donath aus Verbitterung oder wie der Psychoanalytiker Rene A. Spitz aus ärztlicher Diskretion die Auskunft über Fakten in Musils Leben, die von erheblicher Bedeutung waren; sie nahmen Geheimnisse mit ins Grab, die sich niemals mehr werden lüften lassen.
Vielleicht wird in Zukunft der eine oder andere seiner frühesten Texte, wie er sie schon als Fünfzehnjähriger unter Pseudonym veröffentlicht haben will, auftauchen. Vielleicht wird man sich eines Tages auch entschließen, die anonymen Texte aus den Soldaten-Zeitungen des I. Weltkriegs erneut zu publizieren, die bis dato als ungehobene Masse in den Archiven schlummern, und man wird die erwähnten Familienbriefe seiner Frau und seiner Eltern aus den Jahren 1914-1916 herausgeben. Dennoch ist anzunehmen, manches von Musils Leben und Schreiben werde für immer apokryph bleiben. Vielleicht ist es sogar sinnvoll, wenn über manchen Teilen der vita und des œuvres ein Schleier bleibt, denn ein Rest des Ungeklärten hält das Interesse wach und verhindert, daß Mensch und Text umstandslos auf den Begriff gebracht werden. Was sich freilich von Musils Lebensarbeit ungeachtet aller epischen Vielfalt fassen läßt, ist genug, um ihm auch im 21.Jahrhundert Beachtung zu sichern. Er gehört nämlich zu den wenigen Epikern vor der Jahrtausend-Schwelle, die versuchten, das Auseinanderfallen der «zwei Kulturen», von denen C. P. Snow sprach, nämlich des <schönen Geistes> und der exakten Wissenschaften, zu verhindern und, soweit bereits geschehen, die beiden Sphären auf eine produktive Weise wieder zusammenzufügen. Die Gefahr, daß Belletristik und szientifischtechnische Intelligenz einander immer weniger zu sagen haben, steigt von Jahr zu Jahr, sozusagen mit jeder neuen Computer-Generation, wobei es vielleicht zu den tragischen Aspekten von Musils Arbeitsweise gehört, daß er ohne die modernen elektronischen Hilfsmittel, über die wir heute verfügen, nicht in der Lage war, die Datenmengen seiner Texte zu verarbeiten und sich in seinen Entwürfen rasch und sicher zu orientieren.
Er, ein Kind des Rechenschieber-Zeitalters, des (von ihm geringgeschätzten) Zettelkastens oder noch unvollkommenerer händischer Register, wäre bei der Bewältigung seiner Probleme auf die Technologie der Zukunft angewiesen gewesen. Nur sie hätte es ihm erspart, mitunter hilflos in seinen Schmier- und Leit- und Ideen-Blättern, den exzerptiven Kontrollen und vielen Teil-Indices hin- und herzuirren und kostbare Lebenszeit damit zu verbringen, seine Manuskripte immer wieder mit größeren oder kleineren Varianten abzuschreiben. Die heutige Datenverarbeitung wäre kein Allheilmittel für seine schriftstellerischen Probleme gewesen, aber Teil einer möglichen Lösung. Es gehört zu den schmerzlichen Einsichten, daß der Prophet einer
neuen, vielseitig vernetzten Intelligenz das gelobte Land zwar sah, es aber selber nicht mehr betreten konnte, sich in einer besonderen Art von <zirkulärem Irresein> beim Rundlauf durch seine papierenen Labyrinthe aufrieb.
Die zentrale Idee seines Werks, nämlich die von Genauigkeit und Seele, hat in unserer Zeit, da luftiges Fabulieren und die Logik der Forschung einander immer fremder gegenüberstehen, an Gültigkeit nicht verloren. Er suchte diese Synthese, gegen die Schwächen seiner leib-seelischen Konstitution, mit schier unmenschlicher Geduld.

«Die wahre, unvergleichliche Kraft und Würde des <Mannes ohne Eigenschaften>», so folgerte Ignazio Silone, «ist der Autor selbst, der, mit seiner Utopie ringend, wie ein lebend Begrabener in diesem Werke ruht.»

«Als ob ich schon so gut wie nicht da wäre»
Die Genfer Jahre

Mit welchen Gefühlen und Gedanken mag sich Musil den sommerlichen Gefilden Genfs genähert haben? Mit dem Genf des strengen Calvin, in dem der wirtschaftliche Erfolg auf den Gnadenstand eines Menschen schließen ließ, kann er nichts im Sinn gehabt haben. Rousseau? Dessen Forderung nach der Wiederherstellung der natürlichen Rechtsgleichheit aller in seinem «Discours» von 1754 genoß angesichts der nationalsozialistischen Rassenpolitik plötzlich wieder überraschende Aktualität, nicht minder, in persönlicher Hinsicht, der Zustand der Bedürftigkeit Rousseaus, nachdem er sich, zum Calvinismus zurückgekehrt, mit fast allen Freunden und Gönnern überworfen hatte. Die Hauptwerke großer materieller Not abgerungen. Byron? Die Villa Diodati, in der sich einst der inzestuöse Lord, der Liebhaber seiner Halbschwes-ter Augusta, auf der Flucht vor dem Skandal eingemietet hatte, stand noch - sie wurde nun von Carl Jacob Burckhardt, dem Geschichtsprofessor und Hohen Kommissar des Völkerbunds in Danzig, bewohnt. Der Spieler Dostojewski? Einst war er mit seiner Geliebten Polina Suslova, mit der er wie Bruder und Schwester zusammenleben wollte, ohne einen roten Heller hier eingetroffen und wartete dringend auf Geldsendungen aus Rußland.

Und im Hinblick auf den Völkerbund hatte Musil im Herbst 1933 in sein Tagebuch notiert, dieses Genf erinnere «an Schulbuben mit einem schwachen Lehrer». Der Assoziationen waren viele möglich. Anscheinend war Musil zunächst und für lange Zeit von den landschaftlichen Eindrücken überwältigt. Er gestand, im Unterschied zu der «bloß anerkennens-werten» Landschaft Zürichs sei man in die Genfs ständig ein wenig verliebt. Dabei war das Genfer Wetter mit seinen ständigen Luftdruckwechseln für einen Hypertoniker seines - pardon - Schlages gewiß nicht ideal. Während des Sommers gab es zudem das Problem, daß man, von der Sonne gefährdet, in der Stadt «kaum Schatten finden» konnte.

Er quartierte sich und Martha (auf die er wegen seiner schlechteren Französisch-Kenntnisse nun im Kontakt mit der Umwelt noch stärker angewiesen war) in einer Hotel-Pension in der Rue de Lausanne 135 ein und suchte von dort aus ein billigeres, möbliertes Quartier. Nach kurzer Recherche fand er es ganz in der Nähe, in der Rue de Lausanne 125, in Gestalt von «zwei nett eingerichteten, isolierten Zimmerchen mit schöner Aussicht, [...] im sechsten Stockwerk über der rue Lausanne wie in einem Lift» schwebend. Es waren nur ein paar Schritte zum Park «Mon repos» und zum See, in den Musil freilich nie eingetaucht sein dürfte - seit dem Schlaganfall im Wiener Diana-Bad war das Schwimmen in einem offenen Gewässer für ihn lebensgefährlich.

Genf bot zu den anheimelnden eigenen Reizen in jenen Tagen noch zusätzliche, geliehene von geradezu magnetischer Kraft: im «Musée d'art et d'histoire» waren von Juni bis August 1939 die ausgelagerten Schätze des Prado zu sehen, ca. 200 Gemälde und Tapisserien - mit allem, was in der Kunstgeschichte gut und berühmt ist, angefangen bei Dürers Selbstbildnis von 1498 über Tizians Reiterbild Karls V in der Schlacht bei Mühlberg bis zu Goyas «Nackter Maja»
Es war wie ein letztes, halb unfreiwilliges Geschenk der Ende März untergegangenen spanischen Republik an die demokratische Welt unmittelbar vor Entfesselung des neuen Weltbrandes. Nur wenigen - vielleicht dem einen oder anderen erfahrenen Offizier? - dürfte aufgefallen sein, daß der überwältigende bildnerische Reichtum des Prado neben seinen Stilleben, Kinderporträts etc. auch eine Archäologie des Kriegs bot: die Ikonographie des
<gehegten> Krieges aus der Feudalzeit, der sich sozusagen um Millionen Tote vom modernen mechanisierten und totalen Krieg unterschied, wie er nun vor der Tür stand.

Musil, der in den ersten Genfer Wochen nicht müde wurde, seine Freunde und Bekannten mit der Prado-Ausstellung zu locken, las sinnigerweise in jenen Wochen ein Buch, in dem er die Ideologie dieses neuen Krieges kennenlernte. Es war Hermann Rauschnings 500 Seiten umfassende NS-kritische Studie «Die Revolution des Nihilismus», die damals in stark veränderter neuer Auflage im Europa-Verlag Zürich/New York erschien. Er exzerpierte dieses Buch seitenlang' und holte nach, was er 1932/33, im Joch des «Mannes ohne Eigenschaften», versäumt hatte: er vergegenwärtigte sich die Theorien aus Ernst Jüngers «Arbeiter», die unmittelbar vor Hitlers Machtergreifung erschienen waren und bei anfälligen Intellektuellen ihren Teil zur geistigen Mobilmachung beigetragen hatten.

«Die bürgerliche Welt ist unwideruflich versunken. Mit ihr die wirtschaftliche Deutung der Welt, das vernünftig-tugendhafte Gefühlsbild der Welt, die wirtschaftliche Utopie der Welt», rekapitulierte Musil Jüngers Thesen, die sich implizit natürlich auch gegen die Schweiz richteten.

«Das bürgerliche Weltbild ist das Prinzip des Fortschritts, der Grundanspruch, der Träger der Prosperität zu sein u.[nd] daraus seine Bedeutung zu gewinnen. Jeder Sieg der Technik ist hier ein Sieg der Bequemlichkeit. Der Bürger ist nicht imstande, die revolutionäre Dämonie der Technik u.[nd] der aus ihr aufsteigenden neuen Ordnung zu begreifen.
Im neuen Staat tritt an die Stelle der Verfassung der Arbeitsplan. [...] Die Aufgaben innerhalb des Plans gehen nicht mehr aus der Diskussion der Meinungen, sondern aus dem Entwurf des Pensums hervor [...] Die Satzung einer neuen Befehlsordnung tritt an die Stelle der Änderung des Gesellschaftsvertrages. Dies entrückt den Arbeiter der Sphäre der Verhandlungen, des Mitleids, der Literatur, u.[nd] erhebt ihn in die der Tat. [...] > . . .

Karl Corino
Karl Corino

1942 in Ettlingen / Mittelfranken geboren; Studium der Germanistik, Altphilologie und Philosophie. 1966/67 Katalogisierung des Musil-Nachlasses in Rom. Seit 1970 Redakteur in der Literaturabteilung des Hessischen Rundfunks, von 1985 bis 2002 deren Leiter. Lebt in Tübingen.
Veröffentlichte u. a.: "Robert Musil - Thomas Mann. Ein Dialog" (1970). "Intellektuelle im Bann des Nationalsozialismus" (1981). "Musil. Leben und Werk in Bildern und Texten" (1988). "Außen Marmor, innen Gips. Die Legenden des Stephan Hermlin" (1996).


AUSZÜGE

Vorwort

Robert Musils Werk fasziniert mich bis zum heutigen Tag,... und was ich von ihm lernte, war das Schwerste: daß man ein Werk auf Jahrzehnte unternehmen kann, ohne zu wissen, ob es sich vollenden läßt, eine Waghalsigkeit, die hauptsächlich aus Geduld besteht, die eine beinahe unmenschliche Hartnäckigkeit voraussetzt.
ELIAS CANETTI

«Jetzt bin ich nicht berühmt, aber wenn ich einmal tot bin!» sagte Robert Musil zu Beginn der dreißiger Jahre im Berliner Haus des Journalisten und Juristen Rudolf Olden. Die Prophezeiung ging während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in stupender Weise in Erfüllung. Seine erzählenden Werke, seine Dramen, seine Essays sind in alle wichtigen Sprachen der Welt übersetzt, seine Stücke, die zu Lebzeiten nur ein paarmal inszeniert wurden wie «Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer» oder gar als unspielbar galten wie «Die Schwärmer» und nach der einzigen mißglückten Premiere im Theater-Orkus versanken, gehören heute zum Repertoire der großen Bühnen und werden begleitet von Dramatisierungen des «Mannes ohne Eigenschaften».
Bei einer Umfrage unter deutschen Kritikern und Literaturwissenschaftlern wurde Musils fragmentari-scher Roman zum bedeutendsten deutscher Sprache im 20. Jahrhundert gewählt.
Daß es erst 60 Jahre nach dem Tod des Autors zu einer ersten ausführlicheren Biographie kommt, hat verschie-dene Gründe. Die Vernichtung seines bei der Emigration in Wien zurückgelassenen persönlichen Archivs, zahlloser Manuskripte, seiner Korrespondenz, seiner Foto-Sammlung, seiner Bibliothek, die Kompliziertheit seines Genfer (später nach Wien zurückgekehrten) Nachlasses, der Tod seiner Witwe Martha, bevor die Forschung einsetzte, die Verspren-gung seiner Freunde über ganz Europa und den amerikanischen Kontinent, die Unübersehbarkeit der heute Säle füllenden literaturwissenschaftlichen Abhandlungen sind ein Teil der Sachlage. Aber es
gibt auch einen anderen Grund: daß Musil nach dem
I. Weltkrieg mehr und mehr ein Autor ohne Biographie wurde, daß sein Leben nahezu ganz vom Werk aufgesogen wurde, daß ihm das «primitiv Epische » abhanden kam. Dies erzwingt es, für die zweite Hälfte seines Lebens bisweilen von der schlichten Chronologie abzugehen und Sachzusammenhänge darzustellen.
Musil hätte, so er denn die Wahl gehabt hätte, eine reine Geschichte seiner Ideen bevorzugt (auch wenn das oft auf eine Kette von Entlehnungen hinaus-gelaufen wäre). Für einen lebendigen Literaturunter-richt solle man nicht die Bindung in der Person (z. B. in Goethe geben, sondern die bewegte geistige Substanz, die z.B. für seine Generation in Hebbel lebendiger gewesen sei. Man lehre ja auch Differentialrechnung und nicht Leibniz. Natürlich verdienen seine Konzeptionen des Möglichkeitssinns, der Moral des nächsten Schritts - «Es kommt nicht darauf an, was man tut, sondern was man daraus macht»-, sein Generalsekretariat der Genauigkeit und Seele, die taghelle Mystik eine entsprechende Aufmerksamkeit, aber ihre Entstehung, ihre Verwurzelung im Lebensgrund sind nicht minder aufschlußreich.
Eine reine Ideengeschichte wäre gewiß schonender für ihn als Person, jedoch auch unmenschlich. Denn sie eskamotierte das produzierende Individuum. Daß Musils Werk vielen persönlichen Marotten, Krankheiten, materieller Not und einer nicht enden wollenden Neurose abgewonnen wurde, ja daß die späten Lebensjahre Werk gewordene Neurose sind, daß sich die Neurose mit dem Dämon der Möglichkeit verschwistert hatte, scheint unbestreitbar. Mögen viele Schwächen ihres Mannes, wie Martha meint, leicht abstreifbar gewirkt haben - die unendliche Umarbeitung seiner Texte war eine Eigenart, die er nicht abtun konnte; sie verhinderte die Vollendung des Werkes, sicherte aber zugleich dem riesigen Fragment seinen Rang.
Die Witwe Martha wurde nach dem Tod ihres Mannes von einem Schweizer Freund, Armin Kesser, gebeten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Sie lehnte es ab. Natürlich wisse sie viele «für Robert bezeichnende und auch amüsante Einzelheiten, deren Hintergrund aber seine Bedeutung bilden müßte. Ich versage da völlig: Er - und ich glaube, auch Sie - könnten die äußeren Eigenschaften wie sich öffnende Kulissen darstellen, vielleicht nur durch einen Nebensatz oder einen Ausruf. Meine Darstellung würde nur für Menschen, die ihn verstehen und schätzen, eine gewisse Bedeutung haben; der Allgemeinheit gäbe sie das Bild eines sonderbaren, bestenfalls willensstarken Menschen, voll von Einbildungen und Eigenheiten. So veränderlich wie er im Äußeren war - ohne Übergang jung, heiter, alt, bedeutend aussehend - so war er auch im Wesen wechselnd, nur tief innen einheitlich. Die Jahre sind an äußeren Erlebnissen nicht der langen Zeit entsprechend reich gewesen, und die Vielfalt des Geistigen kann ich nicht deutlich machen».
Ist das Leben eines "Mannes ohne Eigenschaften"

Ende des Auszüge

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