Erzählungen


Der gewendete Tag
Marcel Proust

Kultur Fibel Magazin
Gesellschaftsmagazin
Manesse - Verlag
640 S. Leinen
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"Osterferien" und "Sonnenstrahl auf dem Balkon"
(Auszüge)

Vecchio in der Sonne und die großen Mengen feilgebotener Blumen vor mir, während ich in einer Kälte, wie sie im Januar nicht geherrscht hatte, über den Boulevard des Italiens ging, wo in der wassergleich flüssig-eiskalten Luft die Kastanien - pünktliche Gäste in vollständiger Aufmachung, unbeirrt vom schlechten Wetter - trotz allem damit begannen, aus eisigen Blöcken das unwiderstehliche Grün herauszurunden und zu feilen, wobei die lebensfeindliche Kälte zwar ungelegen kam, aber sie nicht zu bremsen vermochte spazierenzuführen, erbleichte und vergeblich mein Herzklopfen zu unterdrücken versuchte. Ihre Eltern wirkten noch heftiger auf mich. Ihre Existenz trug etwas Übernatürliches in die Welt hinein, und als ich erfuhr, daß es in Paris eine Straße gab, in der man hin und wieder den Vater meiner Freundin auf dem Weg zum Zahnarzt sehen konnte, da kam mir diese Straße so wunderbar vor wie einem Bauern ein Weg, von dem er gehört hätte, daß dort Feen erscheinen, und ich postierte mich in der Straße für lange Stunden. Zu Hause las ich dann Werke über Florenz, die damals noch nicht aus der Feder Henri Ghéons und Valery Larbauds stammten, denn die N.R.F. ruhte noch für einige Jahre in der Zukunft. Doch war ich von den Büchern weniger ergriffen als von den Reiseführern, und von den Reiseführern weniger als vom Fahrplan. In der Tat war ich ganz verwirrt beim Gedanken, daß dieses Florenz, das ich in meiner Vorstellung so nahe, aber unzugänglich vor mir sah, irgendwie, indirekt, über Umwege, «über den Landweg» erreichbar sein könnte. Ich war außer mir vor Freude, als mein Vater, zwar unter Klagen über das kalte Wetter, den besten Zug zu suchen begann und mir bewußt wurde, daß wir nach dem Mittagessen nur in die rauchige Höhle, das verglaste Laboratorium des Bahnhofs eindringen und den magischen Wagen, der die Transmutation um uns herum vollziehen würde, besteigen mußten, um am nächsten Morgen am Fuß der Hügel von Fiesole in der Stadt der Lilien zu erwachen: «Also», fügte mein Vater hinzu, «ihr könntet am 29. in Florenz sein oder sogar schon am Ostermorgen», womit er dieses Florenz nicht nur aus dem abstrakten Raum, sondern auch aus der imaginären Zeit hervortreten ließ, in der wir nicht nur eine einzige, sondern mehrere simultane Ferienreisen ansiedeln, während er sie einer bestimmten Woche meines Lebens zuordnete (einer mit dem Montag beginnenden Woche), da mir die Wäscherin die weiße Weste bringen sollte, die ich mit Tinte bekleckst hatte, eine gewöhnliche, aber wirkliche Woche, da sie nicht auf doppelte Art Verwendung fand. Und ich fühlte, daß ich anhand der ergreifendsten aller Geometrien auf die Ebene meines Lebens die Kuppeln und Türme der Blumenstadt würde zeichnen müssen.Und das letzte Stadium der Fröhlichkeit erreichte ich schließlich, als ich meinen Vater sagen hörte: «Abends ist es am Arno-Ufer bestimmt noch kalt, du solltest deinen Winter-Überzieher und das dicke Jackett für alle Fälle mit einpacken.»

Denn erst da hatte ich das Gefühl, daß ich es war, der am Tag vor Ostern in dieser Stadt, wo ich mir lauter Renaissance-Menschen vorstellte, umherspazieren würde, daß ich es war, der Kirchen betreten würde, wo wir beim Anblick der Hintergründe auf den Bildern Fra Angelicos den Eindruck haben, der strahlende Nachmittag sei zusammen mit uns über die Schwelle getreten und habe seinen blauen Himmel in den Schatten und in die Kühle mitgebracht. Da hatte ich, was mir bis dahin unmöglich erschienen war, wirklich das Gefühl, in den Namen «Florenz» einzudringen; durch eine allerhöchste und meine Kräfte übersteigende Gymnastik warf ich die Luft meines gegenwärtigen Zimmers - das schon nicht mehr meines war - wie einen leergewordenen Panzer ab und ersetzte sie durch gleich viele Anteile Florentiner Luft, jene nicht zu benennende, besondere Atmosphäre, wie man sie im Traum einatmet und die für mich im Namen «Florenz» beschlossen war; ich fühlte, wie sich in mir eine wunderbare Desinkarnation vollzog; dazu kam ein Unbehagen, das man verspürt, wenn man sich eben eine Halsentzündung zugezogen hat; am Abend lag ich mit Fieber im Bett, der Arzt verbot mir zu reisen, und mein Vorhaben wurde zunichte.

Nicht ganz allerdings; denn in der nächsten Fastenzeit war es die Erinnerung daran, die den Tagen ihren Charakter verlieh, sie harmonisch machte. Als ich eines Tages hörte, wie eine Dame sagte: «Ich habe wieder den Pelzmantel anziehen müssen; das Wetter ist wirklich nicht nach der Jahreszeit, man würde nicht glauben, daß schon so bald Ostern ist; man könnte meinen, wir hätten wieder Winter», gaben mir diese Worte ganz plötzlich ein Frühlingsgefühl. Da war wieder die Melodie, die ein Jahr zuvor die gleichen Wochen verzaubert hatte, deren Reminiszenz die diesjährigen zu sein schienen; müßte ich ein musikalisches Äquivalent für sie finden, würde ich sagen, daß sie zart, duftend und zerbrechlich war wie das Rekonvaleszenz- und Rosenthema im Fervaal von d'Indy."

Die Träume, mit denen wir die Namen ausstatten, bleiben so lange intakt, wie wir diese Namen hermetisch geschlossen halten, solange wir nicht reisen; sobald wir sie auch nur ein wenig öffnen, sobald wir in der Stadt angekommen sind, bricht die erste vorbeifahrende Tramway in sie ein, und diese Erinnerung ist von nun an untrennbar verbunden mit der Fassade von Santa Maria Novella.

Im Vorjahr hatte ich den Verdacht gehabt, daß der Ostertag nicht anders war als die anderen Tage, daß er nicht wußte, daß er Ostern hieß, und im Wind, der wehte, hatte ich eine Weichheit wiederzuerkennen geglaubt, die ich schon einmal gespürt hatte, die unveränderliche Materie, die vertraute Feuchtigkeit, das unwissend Flüssige der alten Tage. Aber ich konnte nicht verhindern, daß die Erinnerung an meine vorjährigen Pläne der Osterwoche etwas Florentinisches und Florenz etwas Österliches verlieh. Die Osterwoche war noch weit weg, doch in der Reihe von Tagen, die sich vor mir erstreckte, hoben sich die heiligen Tage deutlicher ab, ein Strahl fiel auf sie wie auf bestimmte Häuser eines entfernten Dorfes, das man in einem Licht-Schatten-Spiel erblickt; sie zogen das ganze Licht auf sich. Wie die bretonische Stadt, die zu gewissen Zeiten aus dem Abgrund, der sie verschlungen hat, aufsteigt, wurde Florenz für mich wiedergeboren. Alle beklagten sich über das schlechte Wetter und die Kälte. Mich aber in meiner Rekonvaleszenten-Mattigkeit ließ die Sonne, die bestimmt über den Feldern von Fiesole schien, blinzeln und lächeln. Nicht nur die Glocken waren aus Italien zurückgekehrt, sondern Italien selbst. Meinen getreuen Händen fehlte es nicht an Blumen zu Ehren der Reise, die ich nicht unternommen hatte. Denn seit es um die Platanen und Kastanien des Boulevards wieder kalt geworden war, öffneten sich in der eisigen Luft, die sie umgab, wie in einer Schale reinen Wassers die Narzissen, die Osterglocken, die Hyazinthen und die Anemonen des Ponte Vecchio.

SONNENSTRAHL AUF DEM BALKON

Eben habe ich den Vorhang aufgemacht: die Sonne hat auf dem Balkon ihre weichen Kissen verteilt. Ich werde nicht ausgehen; diese Strahlen versprechen mir nicht das Glück; warum fühlte ich mich bei ihrem Anblick sogleich von einer Hoffnung umschmeichelt - einer Hoffnung auf nichts, Hoffnung ohne jeden Gegenstand und doch, im Reinzustand, einer zarten, zärtlichen Hoffnung?

Als ich zwölfjährig war, spielte ich auf den Champs-Elysées mit einem Mädchen, das ich liebte, das ich nie mehr wiedergesehen habe, das heute eine verheiratete Frau und Mutter ist, deren Namen ich letzthin unter den Abonnenten des Figaro fand. Da ich aber ihre Eltern nicht kannte, gab es keinen anderen Ort, wo ich sie treffen konnte, und sie kam nicht jeden Tag, denn da waren Lektionen, Katechismen, Nachmittagseinladungen, Kinderveranstaltungen, Einkäufe mit ihrer Mutter, ein ganzes unbekanntes Leben, voll von schmerzlichem Charme, da es das ihre war und mich von ihr

trennte. Wenn ich wußte, daß sie nicht kam, mußte meine Erzieherin mit mir zu dem Haus pilgern, wo meine kleine Freundin mit ihren Eltern wohnte. Und ich war so verliebt, daß ich, wenn ihr alter Hausmeister herauskam, um einen Hund spazierenzuführen, erbleichte und vergeblich mein Herzklopfen zu unterdrücken versuchte. Ihre Eltern wirkten noch heftiger auf mich. Ihre Existenz trug etwas Übernatürliches in die Welt hinein, und als ich erfuhr, daß es in Paris eine Straße gab, in der man hin und wieder den Vater meiner Freundin auf dem Weg zu Zahnarzt sehen konnte, da kam mir diese Straße so wunderbar vor wie einem Bauern ein Weg, von dem er gehört hätte, daß dort Feen erscheinen, und ich postierte mich in der Straße für lange Stunden.

Zu Hause kannte ich nur ein Vergnügen, nämlich mit Hilfe von Tricks zu erreichen, daß ihr Vor- oder Nachname oder mindestens der Name der Straße, in der sie wohnte, ausgesprochen wurde; gewiß, ich wiederholte sie mir fortwährend im Kopf, aber ich mußte auch ihren köstlichen Klang hören, mußte mir diese Musik vorspielen lassen, da mir ihre stumme Lektüre nicht genügte; doch meinen Eltern fehlte völlig dieser zusätzliche und momentane Sinn, den die Liebe verleiht und der mir erlaubte, in allem, was das kleine Mädchen umgab, Lust und Geheimnis zu sehen, und so fanden sie meine Konversation unerklärlich monoton. Sie befürchteten, ich würde später zu einem Blödian und - da ich mich krumm zu halten versuchte, um auszusehen wie der Vater meiner Freundin - zu einem Buckligen, was noch schlimmer schien.

Manchmal war die Stunde, da sie gewöhnlich auf die Champs-Elysées kam, schon verstrichen, und sie war noch nicht da. Ich war verzweifelt, doch da traf mich wie eine Kugel, abgefeuert zwischen dem Kasperletheater und den Holzpferden, die verspätete, aber glückselige Erscheinung des violetten Federbusches ihrer Erzieherin mitten ins Herz. Wir spielten. Wir hörten zwischendurch nur auf, um zur Händlerin zu gehen, wo meine Freundin eine Lutschstange und Früchte kaufte. Da sie die Naturgeschichte mochte, wählte sie am liebsten solche mit einem Wurm. Ich betrachtete mit Bewunderung die leuchtenden und gefangenen Achatkugeln in einer separaten Holzschale; sie schienen mir wertvoll, weil sie lächelnd und blond waren wie junge Mädchen und weil sie fünfzig Centimes das Stück kosteten.

Die Erzieherin meiner Freundin trug einen Gummimantel. Leider Gottes weigerten sich meine Eltern trotz inständiger Bitten, der meinen auch einen solchen Mantel zu kaufen, und es gab auch keinen violetten Federbusch. Unglücklicherweise fürchtete diese Erzieherin die Feuchtigkeit sehr - ihretwegen. Wenn das Wetter, und war es auch Januar, stabil schön blieb, dann wußte ich, daß ich meine Freundin sehen würde; und wenn ich am Morgen, da ich meine Mutter begrüßen ging, über dem Klavier eine Staubsäule frei stehen sah und unter dem Fenster eine Drehorgel En Revenant de la Revue spielen hörte und also wußte, daß der Winter bis zum Abend den unverhofften und strahlenden Besuch eines Frühlingstags erhalten hatte; wenn ich über die ganze Länge der Straße von der Sonne losgelöste Balkone wie goldene Wolken vor den Häusern schweben sah, dann war ich glücklich! An anderen Tagen jedoch war das Wetter unsicher, meine Eltern hatten gesagt, es könnte sich noch bessern, es genügte ein Sonnenstrahl, aber wahrscheinlich würde es doch eher regnen. Und wenn es regnete, wozu dann auf die Champs-Elysées gehen? So befragte ich seit dem Mittagessen ängstlich den unsicheren und bewölkten Nachmittagshimmel. Es blieb dunkel. Vor dem Fenster war der Balkon grau.

Doch da, auf einmal erblickte ich auf dem trübseligen Stein - nicht eine weniger matte Farbe, sondern fühlte etwas wie ein Bemühen um eine weniger matte Farbe, das Pulsieren eines zögernden Strahls, der sein Licht freilassen möchte. Einen Augenblick später war der Balkon bleich und reflektierend wie Wasser am Morgen, und das Gitterwerk seines Eisengeländers widerspiegelte sich tausendfach. Ein Windstoß trieb die Spiegelungen auseinander, der Stein hatte sich verdunkelt, doch als wären sie jetzt zahmer, kamen sie wieder; er wurde von neuem allmählich weiß, und wie eins jener gehaltenen Crescendos, die in der Musik am Ende einer Ouvertüre eine einzige Note schnell über alle Zwischenstufen hinweg zum stärksten Fortissimo führen, so erreichte er vor meinen Augen jenes ungetrübte und beständige Gold der schönen Tage, von dem sich das geschmiedete Sims des Geländers schwarz abhob wie eine launische Vegetation, mit einer Feinheit in der Zeichnung der geringsten Einzelheiten, die ein darauf ausgerichtetes Bewußtsein, eine künstlerische Befriedigung zu verraten schien, und mit einem solchen Relief, einer solchen Samtigkeit in der Ruhe seiner dunklen und glücklichen Masse, daß diese großen, blättrigen Spiegelungen auf dem Sonnensee zu wissen schienen, daß sie ein Unterpfand der Ruhe und des Glücks waren.

Augenblicks-Efeu, flüchtige Wandflora! die farbloseste, die traurigste, die untergeordnetste neben vielen anderen, die das Fenster schmücken oder an der Wand hochklettern; für mich die liebste seit dem Tag, da sie auf dem Balkon erschienen war wie der tatsächliche Schatten der Gegenwart meiner Freundin, die vielleicht schon auf den Champs-Elysées war und bei meinem Eintreffen sofort sagen würde: «Fangen wir gleich zu spielen an, du bist in meinem Lager»; zerbrechlich, von einem Windhauch weggeblasen, aber auch in Zusammenhang nicht mit der Jahreszeit, sondern mit der Stunde, Versprechen eines augenblicklichen Glücks, das der Tag verweigert oder vollziehen wird, und so des augenblicklichen Glücks par excellence, des Glücks der Liebe; weicher, wärmer auf dem Stein als selbst das Moos; lebhaft, so daß ihr ein Sonnenstrahl genügt, um geboren zu werden und Freude aufgehen zu lassen, sogar mitten im Winter, wenn jede andere Vegetation verschwunden ist, wenn die schöne grüne Haut, die die Stämme der alten Bäume umgibt, vom Schnee versteckt ist und auf jenem, der den Balkon deckt, die plötzlich erscheinende Sonne Goldfäden ineinanderschlingt und schwarze Reflexe stickt.

Dann kommt der Tag, da uns das Leben keine Freuden mehr bringt. Sie werden uns jedoch vom Licht, das sie in sich aufgenommen hat, wieder zurückgegeben, vom Sonnenlicht, das wir mit der Zeit zu etwas Menschlichem gemacht haben und das für uns nichts anderes mehr ist als eine Erinnerung an das Glück; es läßt uns die Freuden im gegenwärtigen Augenblick, da es scheint, und im vergangenen, an den es erinnert, zugleich genießen, oder vielmehr läßt es sie zwischen den beiden Augenblicken, außerhalb der Zeit, wirklich zu immerwährenden Freuden werden. Die Dichter, die einen paradiesischen Ort beschwören möchten, stellen ihn oft deshalb so langweilig dar, weil sie, statt sich anhand ihres eigenen Lebens daran zu erinnern, welche bestimmten Dinge etwas Paradiesisches hatten, den Ort in strahlendes Licht tauchen und unbekannte Düfte wehen lassen. Es gibt für uns nur die paradiesischen Strahlen und Düfte, die unser Gedächtnis einst registriert hat; sie lassen uns die leichte Instrumentierung hören, mit der unsere damalige Empfindungsfähigkeit sie angereichert hat, eine Empfindungsfähigkeit, die uns origineller scheint, heute, da die oft unmerklichen, aber unaufhörlichen Veränderungen unseres Denkens und unserer Nerven uns so sehr von ihr entfernt haben. Nur sie gibt es - und nicht irgendwelche dummen Strahlen und neuen Düfte, die noch nichts vom Leben wissen -, nur sie vermögen uns ein wenig von der einstigen Luft wiederzubringen, die wir nicht mehr atmen werden, nur sie vermögen uns die einzigen wahren Paradiese, die verlorenen Paradiese! nahezubringen. Und vielleicht habe ich vorhin wegen der kleinen, soeben erwähnten «Kinderszene» in den Sonnenstrahlen, die sich auf dem Balkon niedergelassen hatten und auf die diese Szene ihre Seele übertragen hatte, etwas Sonderliches, Melancholisches und Zärtliches gesehen wie in einem Satz von Schumann.

Ende der Auszüge

Marcel Proust, *10. Juli 1871 in Auteuil, †18. November 1922, führte bis zum Alter von etwa fünfunddreißig Jahren ein Leben als Dandy in den vornehmsten Pariser Salons, worauf sein völliger gesellschaftlicher Rückzug folgte. Der zehnbändige Roman «A la recherche du temps perdu», 1913–1927, La Prisonnière (1923), Albertine disparue (1925) and Le Temps retrouvé (1927), die Erstausgaben der einzelnen Bände erschienen nach seinem Tod, gehört zu den bedeutendsten Werken des 20. Jahrhunderts.

OSTERFERIEN

Die Romanciers, die nach Tagen und Jahren zählen, sind Dummköpfe. Für eine Uhr mögen die Tage gleich sein, nicht aber für einen Menschen. Es gibt gebirgige, mühsame Tage, die zu überwinden man eine Ewigkeit braucht, und Abhang-Tage, über die man mit vollem Schwung und singend hinunterläuft. Vor allem die etwas nervösen Naturen besitzen, wie Automobile, verschiedene Gänge, um die Tage hinter sich zu bringen.

Dann gibt es Tage außer der Reihe, die, dazwischengeschaltet, aus einer anderen Jahreszeit, einer anderen Gegend der Welt kommen. Man ist in Paris, es ist Winter, und doch hat man im Halbschlaf das Gefühl, da beginne ein sizilianischer Frühlingsmorgen. Dem ersten Rumpeln der Tramway hören wir an, daß sie nicht im Regen verkommt, sondern nach der Bläue aufbricht; unzählige für verschiedene Instrumente subtil komponierte Volksmusik-Themen, vom Horn des Brunnenflickers bis zum Flageolett des Ziegenhirten, leichte Orchestrierung der morgendlichen Aura, eine Art «Ouvertüre zu einem Festtag».

Und beim ersten Sonnenstrahl, der uns erreicht, beginnen wir wie der Memnon-Koloß zu singen. Es braucht nicht einmal einen Wetterumschlag, um in unserer Sensibilität, unserer inneren Musikalität plötzlich eine Änderung der Tonart herbeizuführen. Namen, die Namen von Ländern, die Namen von Städten - gleich jenen wissenschaftlichen Apparaturen, mit denen man Phänomene hervorbringen kann, die in der Natur selten und unregelmäßig auftreten - bringen uns Dunst, Sonne, Gischt.

Oft hebt sich eine ganze Reihe von Tagen, die von außen gesehen nicht anders sind als die anderen, von diesen so deutlich ab wie eine Melodie von einer ganz anderen. Die Ereignisse erzählen heißt die Oper nur über das Libretto vermitteln; schriebe ich jedoch einen Roman, würde ich versuchen, die Musik eines jeden Tages herauszuarbeiten.

Ich erinnere mich, wie in einem Jahr - ich war noch ein Kind - mein Vater beschloß, wir würden die Osterferien in Florenz verbringen. Ein Name ist etwas Großes, ganz etwas anderes als ein Wort. Im Lauf eines Lebens werden die Namen allmählich zu Wörtern; wir entdecken, daß es zwischen einer Stadt namens Quimperlé und einer Stadt namens Vannes, zwischen einem Herrn namens Joinville und einem Herrn namens Vallombreuse vielleicht gar nicht so viele Unterschiede gibt wie zwischen ihren Namen. Doch lange zuvor führen uns die Namen irre; die Wörter präsentieren ein klares gewöhnliches kleines Bild von den Dingen, wie jene Bilder, die in der Schule an der Wand hängen, um uns als Exempel für eine Hobelbank, ein Schaf, einen Hut zu dienen, Dinge, die man sich je nach Sorte immer gleich vorstellt. Der Name jedoch macht uns glauben, die Stadt, die er bezeichnet, sei eine Person und zwischen ihr und jeder anderen gebe es einen Abgrund.

Das Bild, das er von ihr zeichnet, ist zwangsläufig vereinfacht. Ein Name ist nicht sehr ausgdehnt; viel Raum und Zeit können wir da nicht hineinpferchen; ein einziges Denkmal, und immer um die gleiche Tageszeit gesehen; höchstens, daß mein Florenz-Bild in zwei Abteilungen aufgeteilt war wie jene Bilder von Ghirlandaio, die den gleichen Protagonisten in zwei verschiedenen Momenten der Handlung zeigen; auf dem einen stand ich unter einem Stein-Baldachin und schaute durch einen Vorhang aus schrägem, zunehmendem und geschichtetem Sonnenlicht hindurch auf die Gemälde von Santa Maria dei Fiori; auf dem anderen überquerte ich, um zum Mittagessen zurück zu sein, den ganz mit Osterglocken, Narzissen und Anemonen vollgestellten Ponte Vecchio.

Doch das Bild, das die Namen von den Städten zeichnen, entnehmen sie vor allem sich selbst, ihrem eigenen hellen oder dunklen Klang, und sie tauchen es völlig darin ein; wie auf jenen einfarbig roten oder blauen Plakaten, auf denen die Boote, die Kirche, die Fußgänger, die Straße gleicherweise rot oder blau sind, so scheinen uns die unbedeutendsten Häuser von Vitre vom Schatten seines Accent aigu verdunkelt; und von allen Florentiner Häusern dachte ich, sie müßten duften wie Blütenkelche, vielleicht wegen Santa Maria dei Fiori. Hätte ich auf meine eigenen Gedanken besser achtgegeben, wäre mir bewußt geworden, daß ich jedesmal, wenn ich mir «nach Florenz fahren», «in Florenz sein» sagte, überhaupt keine Stadt sah, sondern etwas so anderes als alles, was ich kannte, etwas so anderes, wie es für eine Menschheit, die ihr ganzes Leben an Winter-Spätnachmittagen verbracht hätte, jenes wunderbare Unbekannte sein könnte: ein Frühlingsmorgen.

Zweifellos ist es eine Aufgabe der Begabten, den Gefühlen, die von der Literatur mit konventionellem Pomp umgeben werden, ihren wahrhaftigen und natürlichen Ausdruck zurückzugeben; in L'Annonce faite ä Marie von Paul Claudel bewundere ich nicht zuletzt - jene allerdings, die angesichts erhabener Giebelfelder in Verzückung geraten, werden die Feinheit des Vierblatts nicht zu schätzen wissen -, daß die Waldarbeiter am Weihnachtsabend nicht sagen: «Weihnacht, der Erlöser ist da»; sondern: «Kiki, il fait frone»; und als Violaine das Kind wieder zum Leben erweckt hat: «Quoi quignia, mon tresor.» In dem großartigen Werk des Dichters Francis Jammes würde ich noch viele solche Beispiele finden. Umgekehrt aber kann es die Funktion der Literatur sein, in jenen Fällen einen genaueren Ausdruck zu finden, wo wir unsere Gefühle zu dunkel manifestieren, die Gefühle, die uns beherrschen, ohne daß wir uns über sie im klaren wären. Die köstliche Erwartung, die mich bezüglich Florenz erfüllte, drückte ich nur dadurch aus, daß ich meine Toilette ein dutzendmal unterbrach, um mit geschlossenen Beinen herumzuhüpfen und so laut wie möglich Le Pere la Victoire zu singen; und doch war diese Erwartung nicht ungleich jener von Gläubigen, die sich auf der Schwelle zum Paradies wissen.

Der Winter schien noch einmal zu kommen; mein Vater sagte, die Temperatur sei für den Aufbruch nicht gerade günstig. Es war der Augenblick, da wir in anderen Jahren nach einer kleinen Stadt in der Beauce reisten, zu den sich färbenden Veilchen und den wiederangezündeten Feuern. Doch dieses Jahr hatte die Sehnsucht nach Ferien in Florenz die Erinnerung an die Ferien in der Nähe von Chartres gelöscht. Unsere Aufmerksamkeit ist in jedem Augenblick unseres Lebens viel mehr auf das gerichtet, was wir ersehnen, als auf das, was wirklich vor uns ist. Analysierte man die Reize, die auf die Augen und den Geruchssinn eines Menschen einwirken, der an einem brennendheißen Junitag zum Mittagessen nach Hause geht, so fände man viel weniger den Staub der Straßen, die er durchquert, weniger die blendenden Schilder der Geschäfte, an denen er vorbeikommt, als vielmehr die Gerüche, die ihn jetzt gleich umgeben werden - den Geruch der Obstschale mit Kirschen und Aprikosen, den Geruch des Apfelweins, des Gruyere-Käses - aufgehoben im sahnigen, polierten, durchsichtig-kühlen Helldunkel des Eßzimmers, das die Gerüche durchziehen wie zarte Adern das Innere eines Achats, während die Messerbänke aus prismatischem Glas Regenbogenfragmente flimmern lassen oder da und dort Pfauenfeder-Augen hintupfen. So sah ich Florenz, den Ponte

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Operette Vetter aus Dingsda - Operette Die Lustige Witwe - Operette Die Fledermaus - Musical Rocky Horror Show
Musical Ludwig II - Musical Robin Hood - Musical Sweeney Tood - Musical Swan Lake - Musical African footprint
Musical Tarzan - Musical In nomine patris - Musical West Side Story - Musical Dirty Dancing - Musical Kiss me Kate
Musical Tanguera, Tango-Argentino - Musical My Fair Lady - Musical Balé de Rua - Musiktheater Friedrichstadtpalatz Berlin

Theater

Sextett - Spanische Fliege - Glücliche Zeiten - Jude von Malta

Oper-Ballett:

Oper La Traviata - Oper La Boheme - Oper Entführung aus dem Serail - Oper Die Liebe zu den drei Orangen - Oper Die Zauberflöte
Oper Cosi fan tutte - Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - Oper Die Teufel von Loudun - Oper Der Waffenschmied - Madame Butterfly
Oper Simon Boccanegra - Oper Orelando paladino - Oper Carmen - Oper Armida - Oper Der Spieler, Hrpok - Oper Fidelio
Oper Agrippina - Oper Der Türke in Italien - Oper Der Goldene Hahn - Ballett Dornröschen - Ballett Schneewittchen
Ballett Tanzgeschichte - Ballett Carmen Flamenco - Ballett Der Nussknacker - Ballett Martha Graham Company

Interviews:

Interview Lola Müthel - Interview Herbert Bötticher - Interview Ruth Drexel - Interview Ute Lemper
Interview Wolfgang Spier - Interview Judy Winter - Interview Romuald Pekny - Interview Helmut Griem

 

Marcel Proust