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Buch, Das Ende der friedlichen Gesellschaft
 

Das Ende der
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Polit. Sachbuch
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Deutschlands Illusionen
im globalen Krieg

Dabei haben die Auswirkungen des Irakkriegs, mit dem - so die Prophezeiung des jordanischen Königs Abdullah - die »Büchse der Andorra« geöffnet worden ist, die Bundesrepublik längst erfasst, und zwar direkt ebenso wie indirekt.

Ungeachtet der Ablehnung der Irakinvasion - der vermeintlichen Versicherungspolice gegen Terroranschläge - ist Deutschland wegen der Präsenz der Bundeswehr in Afghanistan und wegen der Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten sehr wohl gefährdet.

Die Warnungen von Sicherheitsexperten wie Peter Struck, Otto Schilb und Günther Beckstein jedoch werden verdrängt. Deren Aussagen sind einhellig wie selten: »Es wäre ein Irrtum anzunehmen, nur weil wir am Irakkrieg nicht teilgenommen haben, würden wir verschont bleiben.« (Peter Struck) - »Wir sind im Visier der Terroristen.« (Otto Schilb) - »Nach meiner Einschätzung ist in Deutschland ein Anschlag wahr-scheinlicher, als dies von der Bundesregierung dargestellt und in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. [...] Niemand ist an Panik oder Hysterie interes-siert. Dennoch muss man der Bevölkerung deutlich sagen, was Sache ist.« (Günther Beckstein)

Die globale Bedrohung durch den extremistischen Islamismus hat weit vor dem 11. September 2001 begonnen. Terroranschläge auf westliche, vor allem amerikanische Einrichtungen waren in den neunziger Jahren nur die ersten Vorboten einer zerstörerischen politisch-ideologischen Strategie, die von Osama bin Laden und seinem weitverzweigten Netzwerk lange vor den Einschlägen der Passagiermaschinen in die Türme des World Trade Centers und in das Pentagon in Gang gesetzt wurde. Die terroristische Gefährdung ist nicht erst durch den Irakkrieg entstanden, doch sie ist durch den Irakkrieg nicht geringer, sondern wesentlich größer, komplexer und vielschichtiger geworden, und sie wird noch lange nicht beendet sein, wenn es in Zukunft einmal einen halbwegs stabilisierten irakischen Staat geben sollte. (Anm.Redaktion, A.E.: Weltbrand, gezündet in Palästina)

Nicht nur bei der Eindämmung der terroristischen Herausforderung sind die Vereinigten Staaten und die Europäische Union aufeinander angewiesen. Nach der Wahl des ultrakonservativen Mahmud Ahmadinedschad zum neuen Staatspräsidenten der Islamischen Republik Iran und der Ernennung eines Kabinetts mit durchweg fundamentalistischen Hardlinern forciert das Regime seine Pläne zur Vollendung des nuklearen Brennstoffkreislaufs und verschafft sich damit die Voraussetzungen für den Bau von Atombomben. Die Bemühungen des europäischen Vermittlertrios Großbritannien, Frankreich und Deutschland, Teheran auf dem Verhandlungswege davon abzubringen, sind nach der Wiederaufnahme des Betriebs in der Uran-Anreicherungsanlage in Isfahan Anfang August 2005 vom Scheitern bedroht. Ursprünglich hatte die US-Regierung die europäische Verhandlungsinitia-tive als überflüssigen Alleingang ignoriert, seit dem Einzug von Condoleezza Rice ins State Department waren die diplomatischen Bemühungen immerhin toleriert worden. Spätestens jetzt ist klar, dass der europäische Versuch, als vermittelnde Friedensmacht einen der heikelsten sicherheitspolitischen Konflikte zu entschärfen, ohne aktive amerikanische Unterstützung nicht erfolgreich sein wird.

Die Dimension der Gefahr, die von den iranischen Atomplänen ausgeht, scheint vielen Deutschen noch nicht klar zu sein. Dabei zählen die Atompläne Nordkoreas und des Iran nach Einschätzung des renommierten Londoner Instituts für Internationale Strategische Studien (IISS) zu den größten Risikofaktoren für den »Erwerb einer Atomwaffe durch Al Kaida oder eine ähnliche Terrorgruppe zu dem Zweck, Zivilisten massenhaft zu töten«, und stehen damit gleichwertig neben dem Versuch islamistischer Terrorgruppen, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu kommen, und der Gefahr unzureichend bewachter Atomwaffenlager in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Allen drei globalen Herausforderungen - islamistischer Extremismus, Iran, Weiterverbreitung von Atomwaffen - können die USA und Europa nur gemeinsam begegnen. Es ist jedoch mehr als fraglich, ob es zu einer Annäherung Amerikas und Europas kommen wird - zu gegensätzlich sind die auch ideologisch bedingten Positionen. Während die USA eine Transformierung des Nahen und Mittleren Ostens notfalls auch unter Anwendung oder Androhung von Gewalt erzwingen wollen, bemühen sich die Europäer darum, die Region mit diplomatischen und wirtschaftlichen Mitteln zu stabilisieren und zu entwickeln.

Bei einer Zuspitzung der Situation wie vor dem Irakkrieg könnte sich eine erneute Spaltung des europäischen Lagers auftun. Ob Deutschland dann an der Seite der USA steht oder nicht - die internationale Sicherheitslage wird sich zwangsläufig so zuspitzen, dass sich kein Land dieser Erde mehr sicher fühlen kann.

Die Vorstellung, wir könnten uns eigentlich fein aus allem raushalten, weil wir schließlich nein zum Irakkrieg gesagt hätten, erweist sich als das, was sie ist: als Illusion, eine Autosuggestion, die nicht mehr trägt. Wir müssen uns auf das Ende der friedlichen Gesellschaft einstellen.

<<<<Viel war nicht mehr übriggeblieben von den ehemaligen Doktrinen der USA in der Region, etwa von der sogenannten Zwei-Säulen-Doktrin, die bis Anfang der neunziger Jahre galt und wonach sich Washington zur Sicherung seiner nationalen Interessen in der Region stets der Unterstützung entweder des Irak oder des Iran vergewissert hatte. Vom amerikanischen Coup zur Absetzung des iranischen Ministerpräsidenten Mohammad Mosaddeq 1953 über die massive militärische Aufrüstung und politische Unterstützung des Iran unter der Herrschaft des Schahs, dem Präsident Nixon »die Entscheidungen über den Kauf von militärischem Equipment« wie etwa von F-14- und F-15-Kampfflugzeugen bis hin zu lasergesteuerten Bomben überließ, bis zu der drastischen Kehrtwende hin zu Saddam Hussein nach der iranischen Revolution - stets galt eine Maxime: Irak und Iran durften sich unter keinen Umständen miteinander verbünden und unter den einigenden Einfluss der schiitischen Geistlichkeit des Iran geraten. Wenn die amerikanischen Geheimdienste ein Szenario für den denkbar schlechtesten Ausgang der Invasion in den Irak hatten, dann lautete es: Ein feindlich gesinnter Iran könnte sich zusammen mit einem schiitisch dominierten Irak gegen die Sicherheitsinteressen Amerikas verbünden.

Die Irak-Connection

Der iranische Außenminister kam auf dem Landweg nach Bagdad. Keine achtundvierzig Stunden, nachdem Condoleezza Rice die irakische Hauptstadt unter strengster Geheimhaltung betreten und wieder verlassen hatte, rollte der Konvoi von Kamal Kharrazi bei Mehran über die iranisch-irakische Grenze und erreichte nach 160 Kilometern Bagdad. Mit Bedacht hatte Teheran die Reiseroute ausgesucht, denn für den Außenminister der Islamischen Republik Iran wäre es undenkbar gewesen, an Bord eines amerikanischen Militärhubschraubers nach Bagdad zu fliegen, wie es alle anderen ausländischen Gesprächspartner der irakischen Regierung getan hatten.

Seite an Seite mit Ministerpräsident Ibrahim al-Jaafari verließ der iranische Chefdiplomat dessen Amtszimmer und schritt die wenigen Marmorstufen herab zu den wartenden Journalisten. Der irakische Regierungschef hatte zuvor taktvoll angeordnet, dass sich die schwerbewaffneten Mitglieder der U.S. Navy Seals, die rund um die Uhr für seine Sicherheit sorgten, im Hintergrund hielten und das Bild von der neuen irakisch-iranischen Annäherung nicht trübten.

»Mr. Kharrazi, konkurrieren der Iran und die USA hier in Bagdad darum, wer über den größten Einfluss verfügt? « wollte einer der Reporter von dem wie stets im makellosen grauen Seidenanzug erschienenen Außenminister wissen. Natürlich war es alles andere als ein Zufall, dass die erste hochrangige Regierungsdelegation aus dem Iran ausgerechnet jetzt, fünfundzwanzig Jahre nach dem Überfall Saddam Husseins auf den Iran, der Hunderttausende von iranischen Soldaten das Leben gekostet hatte, nach Bagdad kam, das hatte sein irakischer Amtskollege schon öffentlich

eingeräumt. Dr. Kamal Kharrazi - seinen Doktor hatte er Mitte der siebziger Jahre an der Universität von Houston gemacht - wählte seine Worte gewohnt sorgsam und unternahm vor den internationalen Medien einen kleinen Exkurs in die geographisch-politischen Realitäten am Persischen Golf: »Die Partei, die den Irak verlassen wird, sind die Vereinigten Staaten, weil sie sich schlussendlich zurückziehen werden«, sagte er auf englisch. »Aber die Partei, die mit den Irakern leben wird, ist der Iran, weil er ein Nachbar des Irak ist.«

Damit signalisierte Kharrazi der US-Regierung gleich zu Beginn seiner mehrtägigen Visite, in welch langen Zeiträumen der Iran seine machtpolitischen Ansprüche in der Region zu realisieren gedachte. Teheran bleibe stets der unmittelbare Partner der irakischen Regierung. Deren Ministerpräsident, der wie so viele Mitglieder der neuen politischen Klasse während der Saddam-Diktatur im Iran Zuflucht gefunden hatte, versäumte es denn auch nicht, auf diese persönlichen Bindungen zum Iran hinzuweisen."'

Doch bei allen Referenzen an die schützende Rolle des Iran während der langen Jahre des Exils durfte der neue irakische Ministerpräsident die Realitäten im Land nicht außer acht lassen, vor allem nicht die allgegenwärtige Präsenz der amerikanischen Besatzungsmacht. Er werde nicht zulassen, dass die Feindseligkeiten zwischen den USA und dem Iran das irakischiranische Verhältnis belasten, versprach al-Jaafari in eloquentem Farsi. »Wir werden unsere Beziehungen zwischen dem Irak und anderen Staaten irakischen Maßstäben und irakischen nationalen Interessen gemäß aufbauen.«

Der irakische Regierungschef wollte sich nicht in den Machtkampf zwischen Washington und Teheran verwickeln lassen. Er könne sich eine ganz andere amerikanisch-iranische Zukunft vorstellen: »Wir wünschen uns Beziehungen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten, die von Frieden und Liebe charakterisiert sind und von einem Verständnis ihrer gemeinsamen Interessen.«

Den Hinweis auf die »gemeinsamen Interessen« verstand al-Jaafaris iranischer Gast problemlos: Wenn es um den Kampf gegen die sunnitischen Aufständischen gehe, sei Iran jederzeit in der Lage, dem Irak in Fragen der Sicherheit hilfreich zur Seite zu stehen. »Beide, der Iran und die Vereinigten Staaten«, analysierte später ein britischer Iran-experte, »wollen den sunnitischen Aufstand besiegt sehen, beide würden Opfer bringen müssen, falls ein Bürgerkrieg im Irak ausbrechen sollte.« Deshalb favorisiere Teheran auch nicht den sofortigen vollständigen Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak, jedenfalls so lange nicht, bevor nicht der Widerstand der Sunniten gebrochen sei."'

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Weder die USA noch die Europäische Union noch die übrige internationale Staatengemeinschaft werden sich ein rechtloses, unkontrollierbares Staatsgebilde leisten, in dem eine neue Generation von militanten Extremisten ungehindert heranwachsen und sich auf die Unterwanderung, Destabilisierung und schließlich Machtübernahme in den benachbarten Ländern vorbereiten kann - und das inmitten einer Weltregion, in der die Verfügungsgewalt über die dort vorhandenen Erdölressourcen den Verlauf der Weltwirtschaft bestimmt.

Washington braucht Berlin, Berlin braucht Washington

Gelassen hielten die Tontechniker der Fernsehteams dem ungleichen Politikerpaar sechs lange, auszieh-bare Mikrophonangeln unter die Nase. Kameramän-ner und Photographen, die übrigen Journalisten sowie der Begleitertross bildeten einen respekt-vollen Halbkreis um George W. Bush und Gerhard Schröder, die im Oval Office auf den gelbblau gestreiften Stühlen saßen und vorgaben, sich bestens zu verstehen. Ein wenig abgesetzt davon standen Dick Cheney, der Vizepräsident, und Außenministerin Condoleezza Rice. Sie verfolgten das deutschamerikanische Rencontre aufmerksam.

»Deutschland ist ein sehr wichtiges Land in Euro-pa«, eröffnete Bush die Runde und fügte eine Formulierung hinzu, die ihm vor zwei Jahren nicht so leicht über die Lippen gekommen wäre: »Und Deutschland ist ein Freund der Vereinigten Staaten.« Der US-Präsident legte dem Kanzler, den er wieder »einen Freund« nannte, vertrauensvoll die rechte Hand auf den Unterarm. »Es wird nicht sein erstes Rodeo sein«, alberte Bush und lachte mit diesem typischen schluckaufartigen Mekkern über die eigene Bemerkung zum bevorstehenden deutschen Wahlkampf. Dabei dürften ihm die letzten deutschen Wahlen noch in lebhafter Erinnerung sein, schließlich markierten sie das bilaterale Krisen-jahr 2002.

»Hinten sind die Enten fett«, gab ein sichtlich gutgelaunter Schröder zurück und freute sich, dass die Anspielung auf seinen angeblichen Status als »lame duck« bei seinem Gastgeber so gut ankam. Wie »lahm« die Ente tatsächlich war, würde sich am Wahltag erweisen, und dem hatte er beschlossen, optimistisch entgegenzusehen.

Endlich fühlte sich der Kanzler, dessen Kurzvisite beim US-Präsidenten unter dem Eindruck der Vertrauensabstimmung im Bundestag stand, von Bush protokollarisch wieder gut behandelt. Die Übernachtung in Blair House, dem repräsentativen Gästehaus des amerikanischen Präsidenten vis-á-vis vom Weißen Haus, deutete die deutsche Delegation stolz als politische Aufwertung. Auch dass sich Bush und sein engster Beraterkreis insgesamt drei Stunden Zeit für den Kanzler auf Abruf nahmen, bewertete der Schröder-Tross als »Quality Time«.

Schröder stellte in Washington die beiderseitige Wiederentdeckung der realpolitischen Interes-senkongruenz zwischen Deutschland und den USA fest.

»Keine Frage: Ein stabiler und demokratischer Irak liegt im europäischen, liegt im deutschen Interesse«, formulierte der Sozialdemokrat, »und deshalb engagieren wir uns.« Gleichzeitig demonstrierte er wieder einmal sein großes außenpolitisches Ego, das seiner Ansicht nach aus dem deutlich gestiegenen internationalen Engagement Deutschlands resultiert. »Ich habe auf Deutschlands Leistungen hingewiesen in Afghanistan, ich habe darauf hingewiesen, was wir für einen stabilen Irak tun, an Ausbildung, die wir in den Emiraten machen, und ich habe deutlich gemacht, was wir auf dem Balkan an stabilisierender Arbeit leisten, und daraus leiten wir bestimmte Rechte ab, was die Frage der Vereinten Nationen angeht. Wir tun etwas, und weil wir was tun, denken wir, haben wir auch das Recht, an vorderster Stelle mitzuentscheiden. «

Ungerührt verfolgte der US-Präsident die Übersetzung der mit einem stark britischen Akzent sprechenden Dolmetscherin, die Schröders entscheidenden Hinweis auf »das Recht« Deutschlands, »an vorderster Stelle mitzuentschei-den« bei der Übertragung sprachlich abmilderte. So hörte Bush nur, dass der Kanzler den Wunsch ausgedrückt habe, »bei entscheidenden Dingen involviert zu sein«.

Dass die erste Journalistin, die der Präsident aufrief, nach seiner Haltung zum deutschen UN-Wunsch fragte, kam dem Gastgeber gelegen. Seine Außen-ministerin, die ihrem Chef im Hintergrund zuhörte, hatte ja schon vor einigen Wochen in vertraulicher Runde Kongressmitgliedern ihre »Gedanken« mit-geteilt, denen zufolge es nur »eine sehr kümmerliche Begründung dafür gibt, einem anderen Mitglied der Europäischen Union [als den beiden Vetomächten Frankreich und Großbritannien] einen ständigen Sitz [im Sicherheitsrat] zu geben«. Allein Japan wird von Washington unterstützt, als geopolitisches Korrektiv zu China.

Bush entschied sich für eine »lauwarme« Antwort, wie später die Chicago Tribune kommentierte: »Ich danke Gerhard dafür, dass er dieses Thema ange-sprochen hat, aber wir sind - wie gesagt - nicht gegen irgendein Land hier.« Während der Kanzler Bushs diplomatisches Schweigen unter Anwendung einer zweifelhaften Dialektik freudig begrüßte und meinte, es gebe »keine Opposition seitens des Präsidenten gegen Deutschland«, blieben die ameri-kanischen Beobachter realistisch: Bushs Aussage sei zwar kaum als Unterstützung für die deutschen Ambitionen zu sehen, aber auch nicht als komplette Absage.

Clemens Verenkotte
geboren 1960, ist leitender Redakteur des Bayerischen Rundfunks und hat als Korrespondent in Bonn, Berlin und lange Jahre in Washington gearbeitet. Zuletzt erschien von ihm "Die Herren der Welt". Das amerikanische Imperium. Die Hintermänner des Überfalls auf den Irak. (Beim Droemer Verlag bereits vergriffen).

AUSZUG
EINLEITUNG

Die Kulisse gefiel Gerhard Schröder: Zehntausend freudig gestimmte SPD-Anhänger warteten geduldig auf dem Opernplatz von Hannover auf den Hauptredner. An den Fahnenmasten, die die Auftaktveranstaltung der Sozialdemokraten zum Bundestagswahlkampf (2005) umrahmten, waren - wie es sich gehörte - die roten Flaggen der Partei gehisst worden, Schilder mit der schönen Aufschrift »Der Mut ist links« schmückten den Platz. Vor einem Restaurant versammelten sich die Jusos und boten Kuchenstücke einer vier Quadratmeter großen Himbeertorte an, die Schröder zuvor angeschnitten hatte. Auf dem überdachten Podium standen, wie an Perlen aufgezogen, Otto Schily, Manfred Stolpe, Klaus Uwe Benneter, Matthias Platzeck, Renate Schmidt, Edelgard Bulmahn, Hans Eichel, Brigitte Zypries, Franz Müntefering, Doris Schröder-Köpf und eben - Gerhard Schröder. Eine angenehme Augustsonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel, Kabarettist Ottfried Fischer durfte mit Bekenntnissen, warum er gegen den Irakkrieg und für Schröder sei, im Vorprogramm schon mal die Stimmung anheizen. Minutenlanger Beifall brandete auf, als der Kanzler ans Rednerpult trat. Die außenpolitische Großwetterlage hatte sich wieder einmal mit erstaunlicher Präzision zugunsten Schröders gedreht: Pünktlich zur Eröffnung der heißen Wahlkampfphase konnte er die Bundesrepublik erneut als »anerkannte Friedensmacht« präsentieren, die in den großen globalen Konflikten der aggressiven US-Politik stets mutig entgegentreten musste. Unmittelbar vor Schröders Auftritt Mitte August 2005 hatte ihm George W. Bush mit seiner Äußerung, er habe zur Lösung des Atomstreits mit dem Iran alle Optionen, einschließlich der militärischen, auf dem Tisch liegen, die perfekte Vorlage geliefert.

Die Bilder gleichen sich. Drei Jahre zuvor hatte Schröder aus demselben Anlass am gleichen Ort gestanden: beim zentralen Wahlkampfauftakt der SPD Anfang August 2002. Damals wie heute arbeitete er sich zunächst durch den für ihn nicht gerade erfreulichen Berg innen- und sozialpolitischer Themen, bis er endlich seine rhetorischen Salven in Richtung Washington abfeuern konnte, bei denen er sicher sein konnte, dass diese unterschwelligen antiamerikanischen Appelle nicht nur dem eingeschworenen Genossen-Publikum gefallen würden. Niemand wolle, dass die iranische Führung in den Besitz von Atomwaffen komme, sagte Schröder, um dann mit einem Satz seinen Applaus abzuholen: »Nehmt die militärische Option vom Tisch! Wir haben gelernt, dass sie nichts taugt.« Die Vereinigten Staaten und deren Verbündete im Irakkrieg sollten nicht die Fehler aus der Vergangenheit wiederholen.

Und dann ließ er sein gesamtes außenpolitisches Credo auf die begeisterte Menge herabprasseln: Politische Konflikte müssten friedlich gelöst werden, »eine starke Verhandlungsposition gegenüber Iran« sei »mit den amerikanischen Freunden« zu entwickeln, deutsche Außenpolitik werde immer noch in Berlin gemacht. Mit einem deutlichen Seitenhieb auf die transatlantische Treue der Unionschefin stellte Schröder noch einmal klar, welches Verständnis er von der Rolle des wiedervereinigten Deutschlands in der Welt hat: »Ich will nicht, dass an die Stelle freundschaftlichen Selbstbewusstseins wieder neue Willfährigkeit tritt.« Auch für dieses Verdikt über die vermeintlich prinzipienlose Amerikazuneigung der Konservativen erntete er donnernden Beifall.

Man hätte eigentlich darauf wetten können: Wenn Gerhard Schröder zum Auftakt eines Bundestagswahlkampfs auf dem Opernplatz in Hannover steht, den demoskopischen Gegenwind im Gesicht, Tausende unverdrossener SPD-Anhänger im Blick, dann spitzt sich gerade eine internationale Krise zu einer schweren Herausforderung für die westliche Welt zu. Drei Bedingungen müssen erfüllt sein, um dieses Szenario zum Leben zu erwecken:

• Erstens muss der US-Präsident George W. Bush heißen und zuvor einem Staat im Mittleren Osten, dessen Name mit dem Buchstaben I beginnt, mit dem Einsatz militärischer Gewalt gedroht haben, wenn er weiterhin gegen internationale Abkommen verstößt.

• Zweitens muss der Union das außenpolitische Thema eher unangenehm sein - und das ist so gut wie immer der Fall, wenn die USA darin verwickelt sind, denn das Plädoyer der Union für ein enges transatlantisches Verhältnis verbindet sich unmittelbar mit der Person des amerikanischen Präsidenten, dessen Popularitätswerte in Deutschland auf einem kaum nachweisbaren Stand sind.

• Drittens muss die Bevölkerung davon überzeugt sein, dass die jeweils aktuelle Krise eine Bedrohung für den Weltfrieden und damit für die Sicherheit Deutschlands darstellt - im Fall des iranischen Atomprogramms fühlen sich über 70 Prozent der Bundesbürger bedroht.

Sollte es sich so fügen, dass diese Kriterien an einem Augusttag mit Gerhard Schröders Anwesenheit in der niedersächsischen Landeshauptstadt zeitlich zusammenfallen, dann stehen wohl wieder Wahlen bevor, die SPD hat den Aufholkampf um die Wählergunst begonnen, und Gerhard Schröder ist wieder dabei, mit einem sicherheitspolitischen Thema auf Stimmenfang zu gehen. Hochwillkommene Schlagzeilen tragen die Botschaft ins Land: »Schröder warnt Bush vor Krieg gegen Iran«, prangte tags darauf von der Titelseite der Bild am Sonntag. Und die Leser der Super Illu ließ Schröder wissen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchten: Er könne sicher ausschließen, dass sich eine von ihm geführte Bundesregierung an einem Waffengang Amerikas gegen den Iran beteiligen werde.

Nur ein halbes Jahr zuvor, als Präsident Bush ähnlichlautende Bemerkungen über Amerikas Optionen zur Eindämmung des iranischen Nuklearprogramms gemacht hatte, hatte Schröder auf die publikumswirksame Mahnung an Washington noch verzichtet. Doch damals, im Februar 2005, waren am innenpolitischen Horizont der Bundesrepublik auch noch keine Wahlkampfwolken aufgezogen.

Das deutsche Nein zum Irakkrieg und zu jeglicher möglichen Beteiligung an einem Waffengang, und sei er auch durch ein entsprechendes UN-Mandat legitimiert, sowie die seither gern wiederholten Feststellungen der Schröder-Regierung, leider habe man, rückblickend betrachtet, gegenüber den »amerikanischen Freunden« recht behalten, bewirkte eine Bewusstseinsveränderung: In das politische Bewusstsein der Menschen sank die wohlige Vor-stellung ein, wir würden von den Folgen des ameri-kanischen Eingreifens im Irak nicht erfasst. Schließlich habe Deutschland in dem Konflikt ja auf der »richtigen Seite« der Geschichte gestanden. Ob die Region durch Washingtons Intervention demo-kratisiert oder radikalisiert wird, könne den Deutschen doch eigentlich gleichgültig sein. Und ohnehin: Amerikas Außenpolitik werde sich schon ändern, wenn erst einmal ein anderer als George W. Bush US-Präsident ist.

Ende des Auszugs

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Operette Vetter aus Dingsda - Operette Die Lustige Witwe - Operette Die Fledermaus - Musical Rocky Horror Show
Musical Ludwig II - Musical Robin Hood - Musical Sweeney Tood - Musical Swan Lake - Musical African footprint
Musical Tarzan - Musical In nomine patris - Musical West Side Story - Musical Dirty Dancing - Musical Kiss me Kate
Musical Tanguera, Tango-Argentino - Musical My Fair Lady - Musical Balé de Rua - Musiktheater Friedrichstadtpalatz Berlin

Theater
Sextett - Spanische Fliege - Glücliche Zeiten - Jude von Malta

 

Oper-Ballett:

Oper La Traviata - Oper La Boheme - Oper Entführung aus dem Serail - Oper Die Liebe zu den drei Orangen - Oper Die Zauberflöte
Oper Cosi fan tutte - Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - Oper Die Teufel von Loudun - Oper Der Waffenschmied - Madame Butterfly
Oper Simon Boccanegra - Oper Orelando paladino - Oper Carmen - Oper Armida - Oper Der Spieler, Hrpok - Oper Fidelio
Oper Agrippina - Oper Der Türke in Italien - Oper Der Goldene Hahn - Ballett Dornröschen - Ballett Schneewittchen
Ballett Tanzgeschichte - Ballett Carmen Flamenco - Ballett Der Nussknacker - Ballett Martha Graham Company

Interviews:

Interview Lola Müthel - Interview Herbert Bötticher - Interview Ruth Drexel - Interview Ute Lemper
Interview Wolfgang Spier - Interview Judy Winter - Interview Romuald Pekny - Interview Helmut Griem