Kultur Fibel Magazin
Philosophie, Essays, Literatur
vor Ch. bis heute
1992
HOMEPAGE
HOME
2
Die
LINKE KRÜCKE HOFFNUNG
Das Ende der Trierer Eschatologie oder:
Die Angst der Intellektuellen vorm Utopie Verlust.

Von Fritz J. Raddatz
Gesellschaftsmagazin
jedem, der zwischen 1933 und 1945 nicht in Deutschland war, das Recht ab, über die politische Entwicklung in Deutschland zu urteilen« ‑ würde ein eigenes Dokumentationsbuch füllen. Das Land, in dem es dreizehn Oberschulen auf den Namen Agnes Miegel gab, aber keine auf den Namen Carl von Ossietzky, »enthält allzu viel von dem«, sagte der Emigrant Ernest Bornemann, »was wir im NS-Staat bekämpft haben, und allzu wenig von dem, was wir uns von einem nachhitlerischen Deutsch-land erhofft hatten. « Posten, Pensionen, Ehrungen und Preise für die alten Nazis zuhauf: Ein Will-Vesper-Haus - aber keine Tucholsky-Straße; eine Hermann-Stehr- und natürlich eine Guido-Kolbenheyer-Gesellschaft -aber keine Heinrich-Mann-Akademie; eine »weihevolle Geburtstags-feier« (Lörrach, 1959) für Hermann Burte - aber kein Erich-Mühsam- Gedenken. Dwingers blutrünstig - faschistischer Schrott wird in Auflagen von 200.000 und 400.000 gedruckt, derweil Walter Mehring sagt »Ich schreibe Tag und Nacht ohne Verleger«. Verboten wurden Bücher, Platten, Theaterstücke nicht. Sie wurden »lediglich« nicht verlegt, aufgelegt, gespielt. Gründgens ja, Piscator nein.

Ein persönliches Beispiel für das gespenstische Alte wie für das neue Blümchen-Biedermeier: 1959 war ich Cheflektor eines Münchner Verlages (dessen von mir engagierter, eben promovierter Lektor den Namen Kautsky noch nie gehört hatte). Ich stellte fest, dass in der gesamten Bundesrepublik nichts von Karl Marx gedruckt war. Um mich wegen eines möglichen Herausgebers einer Auswahlausgabe kundig zu machen, rief ich einen jungen Redakteur der Süddeutschen Zeitung mit der Bitte um Rat an. Nach langem Zögern, er wisse eigentlich niemanden, der »so was« wisse, kam ein erleichtertes »Da gibt es, glaube ich, einen jungen Assistenten von Adorno, der könnte der einzige sein ...«. Als ich dort anrief, kam auf meinen Vorschlag, drei Bände Karl Marx herauszugeben, zuerst einmal ein total verblüfftes »Sie müssen ja ein mutiger Mann sein«. Man musste Mut haben, in der BRD Karl Marx zu drucken! (Der junge Redakteur hieß übrigens Joachim Kaiser; er hatte mich an Jürgen Habermas verwiesen.)

Wann enden die fünfziger Jahre? 1980 kommt ein wissenschaftliches Institut in München zu dem Befund: »Insgesamt 13 Prozent der Weltbevölkerung (ca. 5,5 Millionen) haben ein ideologisch geschlos-senes rechtsextremes Weltbild, dessen Hauptstützen ein national-sozialistisches Geschichtsbild, Hass auf Fremdengruppen, Demokratie und Pluralismus sowie eine übersteigerte Verehrung von Volk, Vaterland und Familie sind.
«

Dagegen, pars pro toto, war die junge Intelligenz. Das nannte man ‑ und nannte sich »links«. Mit Sozialismus, auch nur oberflächlicher Kenntnis sozialistischer Literatur, hatte es nicht das geringste zu tun ‑ so wenig der Katholik Döblin, dessen Hamlet-Roman zuerst in der DDR und nicht in der BRD erschien, mit sozialistischem Gedankengut zu tun hatte oder Arno Schmidt, der aus Ekel über die Verhältnisse in der BRD einen Umzug in die DDR erwog.

Hier beginnt, auch historisch, die definitorische Unreinlichkeit, die die augenblickliche Debatte bis zur Unredlichkeit trübt. Selbst der wahrlich des Differenzierens fähige kluge alte Rolf Liebermann bestimmte jüngst »links« als »antirassistisch, antifaschistisch«. Das stimmt nicht. Dann wäre der emphatische Royalist Joseph Roth »links«. Dann wäre der gesamte aristokratische und katholische Widerstand, bis zu den Leuten vom 20. Juli, »links«. Das waren sie aber so wenig wie Mirabeau Antiroyalist war. Prompt stimmt auch Rolf Liebermanns Diktum nicht »Kunst ist links ... Ich kenne keinen Künstler von Qualität, der rechts ist.« Der Royalist Balzac oder Flaubert, der eine Aristokratie geradezu herbei-flehte - links? Ezra Pound, Louis-Ferdinand Celine -keine Künstler von Qualität?
Viele von uns - ich auch? - waren voll Abscheu über die Restauration in Westdeutschland, für deren Herren ein Mann namens Mende das
Ritterkreuz wieder salonfähig machte und für deren Damen sich der Oberbekleidungskünstler Heinz Oestergaard empfahl, indem er die Kleider für Zarah Leander in »Ave Maria« entwarf; man sang »Auf Regen folgt Sonne, nach dem Weinen wird gelacht« - und so war es auch. Eine Dissertation ließe sich schreiben über die Verwendung
- wann, wo, wie oft, in welchem Zusammenhang - des Wörtchens »vergessen«; ob in Maria Schell / O.W. Fischer-Filmen oder im Schlager. »Der alte Seemann kann nachts nicht schlafen« - das war beliebt; die Frage, ob
vielleicht der Gedanke an die von seinen U-Booten Ertränkten ihm die Ruhe raube - die war es nicht. Kein schöner Land in dieser Zeit ....

In diesem vagen »Links«‑Begriff liegt die Schwäche der Position. Er war - in Westdeutschland -nie inhaltlich gefüllt. Ich werde nie vergessen, wie verblüfft ein wenig später der DKP nahestehender Romancier meine Anthologie »Marxismus und Literatur« 1969 zur Kenntnis nahm; von Lassalle oder Plechanow, Franz Mehring oder Gramsci hatte er noch nie gehört. Oder wie ein befreundeter Schriftsteller meiner Ablehnung des von ihm damals bewunderten
Frisör- Schriftstellers Lawrence Durrell begegnete: »Man merkt Ihre dialektisch - materialistische Schulung.« Dialektik konnte man offenbar lernen wie Autofahren. Linke unter sich. Dann kam so eine Zeit der Marxismus-Kochkurse, Drei- oder Viermonats-Schnellkurse, von windigen und schlüpfrigen Scharlatanen absolviert. Man kann das die Phase der Boehilchs nennen; also nicht ernst zu nehmen. Solche Brackwasser-Surfer verkündeten mal auf schickem Packpapier den »Tod der Literatur«, und mal griffen sie in Hochglanz-journalen die Unkultur der Hochglanzjournale an. Die hätten sich zur Zeit der Mao-Mode am liebsten die Augen operieren lassen. Im Moment sind, glaube ich, die Fußgängerzonen dran. Das sind zuverlässige Leute, denen vertraut man sich gerne an. Ist das links?

Eine Auseinandersetzung mit sozialistischer Theorie war es so wenig wie eine mit der Praxis. Weil viele von uns das bruchlose Kontinuum des Goebbelsschen, von Millionen getragenen Antikommunismus, zu dem der Adenauer-Aera ekelte, wollten wir nicht antisowjetisch denken, fühlen, argumentieren. Tucholskys Satz »Ich bin kein Bolschewist, aber ich bin Anti-Antibolschewist« war noch nicht bekannt; aber er war die Maxime. Nur leider nicht der andere Satz dieses Mannes, der schon Anfang der dreißiger Jahre Stalin einen Verbrecher genannt hat: »Aber links ist nichts und aber nichts ... Wer einmal marxistisch denken gelernt hat, der kann überhaupt nicht mehr denken und ist verdorben.« Vielleicht dachte und schrieb sich derlei 1934 »leichter«; nach zwanzig Millionen Toten der Sowjetunion mochten, konnten viele von uns so nicht fühlen. Das war historisch Rechts, zumindest begreifbar; politisch-moralisch war es fragwürdig; gar frevlerisch. Heinrich Mann hätte, nach den Morden an Trotzki oder Isaac Babel, nicht Stalin als Intellektuellen feiern und schreiben dürfen: »Stalin ist kein Diktator.
«

Hunderte solcher falscher Priester - weil sie Achtung, Respekt, Bewunderung verdienten als Opfer und Verjagte und wohl auch als Künstler - wurden von unsereins akzeptiert; sie haben falsch Zeugnis geredet, von Feuchtwanger bis Brecht. Niemals hätte der Stückeschreiber einen Preis mit dem Blutnamen annehmen dürfen. Jedoch nach seinen verschwundenen Freunden Tretjakow und Carola Neher fragen müssen. War das nun links - oder waren die Mörder links? Und war dieser Brief an Walter Ulbricht, eine Bitte für die Häftlinge in der DDR - 26 Todesurteile in einer Nacht in Waldheim, 40.000 Jahre Freiheitsstrafen - »reaktionär«, den allerdings der Bürger Thomas Mann schrieb; ein vergleichbarer des Marxisten Berthold Brecht ist bisher nicht dokumentiert: »Zehn Verhandlungen etwa fanden in einer Stunde statt. Kein Verteidiger wurde zugelassen, kein Entlastungszeuge gehört. Gefesselt ... wurden die Angeklagten, die im voraus Verurteilten dem Gericht vorgeführt, das nach Vorschrift Zuchthausstrafen von 15, 18, 25 Jahren, auch lebenslängliche über sie aussprach ... Hat es einen Sinn, diese
Folgeseite
Seite - 1 - >2< - 3 - 4 -

© - Copyright
Sämtliche Fotos, Texte, Layout und Desig
n Kultur Fibel Verlag GmbH, Berlin
und JBM-marketing, PF 140315, D-40073 Düsseldorf

Oper-Ballett:

Oper La Traviata - Oper La Boheme - Oper Entführung aus dem Serail - Oper Die Liebe zu den drei Orangen - Oper Die Zauberflöte - Madame Butterfly
Oper Cosi fan tutte - Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - Oper Die Teufel von Loudun - Oper Der Waffenschmied - Oper Simon Boccanegra
Oper Orelando paladino - Oper Carmen - Oper Armida - Oper Der Spieler, Hrpok - Oper Fidelio
Oper Agrippina - Oper Der Türke in Italien - Oper Der Goldene Hahn - Ballett Dornröschen - Ballett Schneewittchen
Ballett Tanzgeschichte - Ballett Carmen Flamenco - Ballett Der Nussknacker - Ballett Martha Graham Company

Interviews:

Interview Lola Müthel - Interview Herbert Bötticher - Interview Ruth Drexel - Interview Ute Lemper
Interview Wolfgang Spier - Interview Judy Winter - Interview Romuald Pekny - Interview Helmut Griem