Kultur Fibel Magazin
Philosophie, Essays, Literatur
vor Ch. bis heute
1992
3
HOMEPAGE
HOME
Die
LINKE KRÜCKE HOFFNUNG
Das Ende der Trierer Eschatologie oder:
Die Angst der Intellektuellen vorm Utopie Verlust.

Fritz J. Raddatz
Gesellschaftsmagazin
armen Teufel ... ganz im Stil jenes zur Hölle gefahrenen Roland Freisler, der genau so seine Zuchthaus‑ und Todessprüche verhängte, aburteilen zu lassen und damit der nichtkommunistischen Welt ein Blutschauspiel zu geben, das ein Ansporn ist allem Hass?
Wer heute das ehemalige KZ Buchenld besucht, kann Plakate zum Gedenken derer lesen, die dort auch in den Jahren 1945 bis 1950 eingesperrt und, ja, ermordet wurden. Das zu sagen sei »reaktionär«, das zu verschweigen »links«? Schweigen kann Lügen sein. Und war es wirklich »rechts«, als Melvin Lasky - für uns alle Prototyp des Kalten Kriegers, wenn nicht gar des CIA‑Agenten - auf dem Schriftsteller-kongress 1947 nach dem in Ungnade gefallenen »Potemkin«-Regisseur Eisenstein fragte? »Endlich habe ich einen Kriegshetzer in Natur gesehen«, rief Valentin Katejew, und empört - »Etwas weniger Lügen« - verließ die sowjetische Delegation, gefolgt von Deutschen, den Saal.
Wer log?
Vielleicht hätten die sowjetischen Kollegen besser dem Namen Eisenstein die Namen Mandelstam und Babel anführen sollen? »Wir protestieren!« hatten sie gerufen. Es war der falsche Protest.

Nur wenige untersuchten diesen unscharfen »Links« Begriff; einer davon war Walter Dirks, der schon 1951 analysierte: »Man ist gewohnt, den Vorgang, von dem wir sprechen, der 'Reaktion' fast oder ganz gleich zu setzen,
man benützt das Kampfwort Restauration auf der Linken und schleudert es der Rechten ins Gesicht. In Wahrheit aber kann auch die Linke an der Restauration teilhaben, - ja sie kann sie geradezu herbeiführen. Die Restauration des alten Parteiwesens z.B. ist zeitlich zuerst von der kommunistischen Partei ausgegangen. Sie hat sich 1945 nicht echt und neu der einzigartigen Situation im Nachkriegsdeutschland gestellt und das Wagnis der Geschichte nicht auf sich genommen, sondern sie hat diese Situation nur taktisch genommen und blieb auf sich selber bestehen, auf ihrer alten Linie. Als die Sozialdemokraten das merkten - und sie merkten es trotz der kommunistischen Parole der sogenannten antifaschistischen Front sehr bald -, unterlagen auch sie der Versuchung, sich selbst zu restaurieren ... Die SPD hat, ohne es zu wollen, die Wiederherstellung der alten Welt gefördert, weil sie keine neuen Antworten auf die neue Stunde zu geben wusste, sondern sich selbst bewahrt hat.«

Damit ist die Wurzel des Debakels benannt. Links war zumeist eine Haltung; Resultat einer radikalen Analyse war es nicht.

Es war etwas entstanden, das es eigentlich nicht gibt:
Eine anständige Unaufrichtigkeit. Sie ist das Merkmal der aktuellen Debatte.

Lassen wir mal unausgegorene Platitüden à la Helga Königs-dorf beiseite; den Text - »Ihr Emigranten hattet es leicht, aber was haben wir durch-gemacht« - kann man bereits nachlesen in den ruchlos -blauäugigen Appellen der Frank Thiess und Walter von Molo an den Emigranten Thomas Mann; wie dessen gültige Antwort. Auch von selbsterrnannten Jakobinern Rhetorik getauftes Geschwätz hilft nicht. Es geht nämlich nicht um »Hatz« und »Jagdreviere«; das ist Wandlitz-Vokabular. Es geht um Fragen. Ich gestehe, dass mir die Sache mit dem Pfeffer auch nicht schmeckt; dennoch: Fragen wird man doch wohl noch dürfen? Wenn unsereins Breker oder Ernst Jünger oder Furtwängler »befragte« - wieso dann nicht Willi Sitte oder Stephan Hermlin oder Ludwig Güttler? Musste man vor Honecker zu dessen Geburtstag die Trompete blasen? Jurek Becker hat kürzlich eindringlich diese kleinen, mesquinen Gehorsamkeiten geschildert, mal musste die Tochter Abitur machen, mal wollte der Sohn Medizin studieren. Dazu hat schon Joseph Roth einmal gesagt, ein Schriftsteller habe sein Werk vertan, wenn er dem Motto folge, »Aber meine Frau muss doch Hüte tragen«;
tout comprendre, c'est tout confondre.
Nun heißt es, man dürfe nicht vergleichen. Mal abgesehen davon, dass ich mir ungern - und von wem eigentlich? - schon wieder/immer noch per »darf nicht« etwas verbieten lasse: Dieses Verdikt stimmt nicht einmal semantisch. Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Natürlich darf man, muss man vergleichen - zum Beispiel, um Unterschiede deutlich zu machen. Die Brekers dekorierten eine Mörderbande, den Fabriktod von Millionen »Untermenschen«, und die Riefenstahls illuminierten den Brand, in dem Europa in Asche sank. Dergleichen unterstellt niemand den Tübkes und Berghaus', denen, die nie je einen DDR‑Nationalpreis ablehnten. Es wird überhaupt nicht »unterstellt«. Aber es wird fest-gestellt: Eine Ballade über Katyn ist da nicht ge-schrieben worden. Ich wüsste eben gerne, wie das ist - Jude und Kommunist zu sein, und zu den antisemitischen Prozessen in Moskau oder Prag zu schweigen. Wie das ist, in einem der Privilegierten-Clubs Dienstagsabend zu essen, wo man Montagabend noch mit Leo Bauer aß. Der war nun weg, in Workuta, über Nacht nicht mehr »links«, sondern ein Reaktionär. Stephan Hermlin beschweigt dieses Thema; er ist beleidigt. Ein bisschen wenig, scheint mir, eine Beleidigung gar des eigenen Werks. In einem Gespräch, in dem er 1983 von Trotzkis Tod spricht, als sei der an einer Grippe gestorben, nähert er sich der eigenen Schmerzgrenze: »Ich werde mir persönlich nicht verzeihen, dass ich die Wahrheit, ich kann auch jetzt nichts anderes sagen, - nicht wissen wollte. Das drückte sich darin aus, dass ich zu dieser Zeit gänzlich aufhörte, bestimmte Dinge zu lesen. Sagen wir mal, ich las grundsätzlich nicht die Bücher etwa von Arthur Köstler Ich las nicht die Darstellungen von Trotzki, die er im Exil in Mexiko schrieb und die in allen großen Sprachen verbreitet wurden. Ich bezeichnete das alles von vornherein als Lüge, ohne es zur Kenntnis zu nehmen. « Und dann biegt er sich die gefälligen Kurven zum Ausweg zurecht: »Aber so wie die Situation war, hätte ich anders handeln können nur um den Preis, aus dieser Bewegung auszutreten. Denn wenn ich nicht ausgetreten wäre, so wäre ich ausgeschlossen worden.

«Das ist nicht »links«, sondern unehrlich - im Gewande der Aufrichtig-keit. Es insinuiert, dass aufhören musste, Antifaschist zu sein, wer »die Bewegung« verließ. Willi Münzenberg oder Mannes Sperber waren dann also keine Antifaschisten mehr? Stephan Hermlin findet Zeit, auf läp-pischen Literatenklatsch - Brecht habe ihn »außen Marmor, innen Gips« genannt - per Leserbrief zu antworten; aber er findet nicht Zeit - vielmehr Fragen danach ungehörig -, seine Stalin-Gedichte zu erklären. Sie seien aus der Zeit des antifaschistischen Kampfes, zu der Stalin der Verbündete war. Sie sind aber aus der Nachkriegszeit. Benns Irrtümer zu benennen war also links, über Hermlins nachzudenken ist rechts? Wer verordnet diese Platitüden?
Das Komplexe der Situation machte mir kürzlich, beim Treffen der "Gruppe 47" in Schloss Dobris, ein Schriftsteller deutlich, dessen Werk sich seiner genauen Beobachtung verdankt. Als dort Walter Janka vom spanischen Freiheitskampf sprach, ohne die seinerzeit schon bekannten stalinistischen Morde an spanischen Anarchisten mit einem Wort zu erwähnen und sich - ungebrochen? unbelehrt? unreflektiert? - als »Sozialisten« bezeichnete, sagte der Lyriker:
»Aber er hat sich ja selber verhaftet!«

Die andere Platitüde heißt, es dürfe nicht über diese Zusammenhänge und Risse urteilen, wer nicht »dabei gewesen«. Das sagen mitunter dieselben Leute, die - Rechtens - durchaus die Jahre 1933 bis 1945 beurteilt haben, ohne dabei gewesen zu sein; deren Protagonisten wollten unsereins ja tunlichst schweigen machen über ihr gehorsames Versagen, ihre mitlaufende Schuld. Gegen diese Mischung aus Feigheit und Drohgebärde haben Linke sich immer verwahrt; und nun werden diese Pflugscharen zu Schwertern umgeschmiedet? Also nur Büchner Zeitgenossen dürfen über Büchner reflektieren, und nur wer in Wallen-steins Lager hauste über den? Das komische an diesem Pseudo Argu-ment wird in unserer Debatte absurd: Wir waren ja dabei. Der
einge-
Folgeseite
Seite - 1 - 2 - >3< - 4 -

© - Copyright
Sämtliche Fotos, Texte, Layout und Desig
n Kultur Fibel Verlag GmbH, Berlin und JBM-marketing, PF 140315 D-40073 Düsseldorf

Oper-Ballett:

Oper La Traviata - Oper La Boheme - Oper Entführung aus dem Serail - Oper Die Liebe zu den drei Orangen - Oper Die Zauberflöte - Madame Butterfly
Oper Cosi fan tutte - Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - Oper Die Teufel von Loudun - Oper Der Waffenschmied - Oper Simon Boccanegra
Oper Orelando paladino - Oper Carmen - Oper Armida - Oper Der Spieler, Hrpok - Oper Fidelio
Oper Agrippina - Oper Der Türke in Italien - Oper Der Goldene Hahn - Ballett Dornröschen - Ballett Schneewittchen
Ballett Tanzgeschichte - Ballett Carmen Flamenco - Ballett Der Nussknacker - Ballett Martha Graham Company

Interviews:

Interview Lola Müthel - Interview Herbert Bötticher - Interview Ruth Drexel - Interview Ute Lemper
Interview Wolfgang Spier - Interview Judy Winter - Interview Romuald Pekny - Interview Helmut Griem