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1992
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Die
LINKE KRÜCKE HOFFNUNG
Das Ende der Trierer Eschatologie oder:
Die Angst der Intellektuellen vorm Utopie Verlust.

Fritz J. Raddatz
Gesellschaftsmagazin
sperrte Jürgen Fuchs und der ausgesperrte Hans Joachim Schädlich und der Kunert und die Kirsch und, Pardon, auch ich. Deswegen weigere ich mich, diesen Satz von Vaclav Havel unter einem Links-/Rechts-Schema rubriziert zu sehen: »In dieser oder jener Weise sind hier viele schuldig geworden. Es kann uns jedoch nicht vergeben werden, und in unseren Seelen kann nicht Frieden herrschen, solange wir unsere Schuld nicht zumindest eingestehen. Das Eingeständnis befreit. Ich weiß, wie es mich selbst einst freigemacht hat, als ich in mir selbst die Kraft fand, meinen eigenen falschen Schritt zu reflektieren..«

Interessanterweise ist es bislang einzig und allein ein (gescheiterter) Politiker, der in der DDR auf die Frage, ob er das Gefühl von Mitschuld habe. » Ja« gesagt hat, »das tut man«. Hans Modrow erklärt: »Warum habe ich da so lange mitgemacht? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Vor allem seitdem ich Zeit für diese Fragen habe. Warum habe ich nicht alles hingeschmis-sen, bin ausgestiegen? Ich habe ja gesehen, zumindest die letzten zehn Jahre, was alles schief läuft. Es wäre zu billig zu sagen, ich hab' vom Stasi und all dem nichts gewusst, wo doch dieser Staat zum Schluss nur noch so funktionieren hat können. Warum habe ich so lange mitgemacht? War ich zu feige zum Aussteigen?«

Im August‑Heft der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur versucht der oft widerborstige Erwin Strittmatter, die eigene Position zu klären, er wird befragt: »Ohne die DDR wäre ich nicht, was ich bin, wüßte ich nicht, was ich weiß, könnte ich meine künftigen Bücher nicht schreiben.« Das hat Erwin Strittmatter am Anfang des Weges gesagt. Und Brecht hat es so formuliert: »Ohne die DDR wäre er nicht nur nicht der Schriftsteller geworden, der er ist, sondern vermutlich überhaupt kein Schriftsteller.« Er antwortet darauf: »Ich halte es nicht für eine Schande, wenn man seine Ansichten im Laufe des Lebens ändert. Aus dem Gegenteil sind Konservative und Dogmatiker gemacht. Der genannte Satz, den ich am Anfang meines Weges äußerte, ist ein arg parteilicher Satz. Mit der Parteilichkeit geht es bei mir seit etwa zwanzig Jahren bergab. Man kann's oder wird's in meinen Tagebüchern nachlesen. Jener Teil meines damaligen Ausspruchs, ohne die DDR wußte ich nicht, was ich weiß ..., stimmt schon deshalb nicht, weil in der DDR Werke vieler Philosophen, auch Werke von Schriftstellern, die Geltung in der Welt haben, auf dem Index standen. Man mußte sie sich illegal beschaffen.

Nun erscheinen Post-festum-Rechtfertigungen etwa des unheilvollen Ministers Höpcke, der ihm 1977 apparat-anonym zurückgewiesene Texte bejammerlappt: » So der Bescheid, den ich erhielt ... Der Vorschlag wurde abgelehnt.« Noch immer weiß er, Juni 1990, nicht die Unterdrücker zu benennen. Respekt.

Nun erscheinen weinerliche Gedichte von Johannes R. Becher oder apokryphe Texte von Georg Lukacs, die sie zu Lebzeiten nicht zu veröffentlichen wagten ‑ die Rettung ins Posthume. Respekt.
Die Mahres penseurs sind nackt.

Mich interessiert aber eine »Schuldfrage« gar nicht so sehr. Ich bin da nicht meiner Meinung; habe nichts ein- noch anzuklagen. Lauterkeit hat kein Zahlungsziel. Aufregend aber finde ich den ‑ eigenen? Trotz, mit dem eine Utopie bewahrt werden soll. Von Willi Sitte- der, guter Sozialist, allerdings weiß, »die Straße hätte nicht das letzte Wort haben dürfen« ‑ bis Hermann Kant und dem von ihm einst reglementierten Stefan Heym: die »eigentliche« Utopie Sozialismus wollen sie erhalten wissen. Wenige, wie Hans Joachim Schädlich, sind da rigoroser; so hätte wohl auch der linke Uwe Johnson formulieren können: »Die offenen und ehrlichen literarischen Vertreter der Macht schrieben stets nach Dienstvorschrift. Andere, die es eigentlich anders wollten, erlagen dem Denk‑ und Sprachmonopol und wurden zu bloßen Konformisten. Vielleicht sagten sie hinter der Hand: » Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut« (ein Satz von Karl Valentin). Wieder andere, die es auch anders wollten, beharrten versteckt oder offener auf der Selbst-bestimmung der Literatur. Einige lauschen noch immer - manchmal traurig, manchmal trotzig - dem Geist der Utopie nach, der sich längst in ein Gespenst verwandelt hat. Hat er nicht recht? Eine Utopie, deren Hand-langer auf Befehl mordeten, deren Repräsen-tanten ein Land auf Feudal-Manier auslaugten, deren Herrscher für ein paar mäßig gekachelte Badezimmer den ökologischen Ruin ganzer Landstriche »in Kauf nahmen«? Wieviel Gläubigkeit nach der Musik »Die Sache ist gut, nur ihre Priester erbärmlich« verlangt man beziehungsweise bietet man an? Diesen Glauben aufzukündigen das wäre »rechts«? Müssen wir diese wie immer benannte Utopieverordnung nicht als eine zum Gaukelbild

zerronnene Illusion verabschieden? Politisch ist ja der Geist Rousseaus spätestens seit seinem fanatischen Jünger, Robespierre, anrüchig. Und ästhetisch? Stimmt es denn, was (auch von mir) so oft als These variiert, zum Kanon stilisiert wurde: Es gäbe kein Kunstwerk ohne utopisches Element? Wo wäre das bei Kafka? Welches wäre es bei Flaubert? Wie sähe das aus bei Velazquez? Die Utopie bei Cioran, das wäre mal ein schönes Thema.

Mir scheint das inzwischen ein Hokuspokus, auf Flaschen gezogenes Weihwasser; das Etikett trug den Namen »Sozialismus«. Nur haben diese Flaschen, von Havanna bis Peking, nie Menschen nähren können, viel-leicht einlullen. Schon da, wo Marx sich von der brillanten Analyse zur Verheißung verstieg, war das von erhabener Lächerlichkeit, die Trierer Eschatologie.

Dass daran sich so viele noch klammern, die die Konsequenz scheuen, sich vielleicht nicht mehr links definieren zu können, hat für meinen Begriff Günter Kunert am präzisesten erklärt. Ich finde bei ihm am ehesten Antwort auf die eigene Ratlosigkeit, ob nicht vielleicht das Kunstwerk die Utopie ist (statt kündet): »Vermutlich deckt sich der Bedeutungsverlust von DDR‑Autoren, der als persönliche Kränkung erlebt wird, mit dem Bedeu-tungsverlust dessen, was man ziemlich ungenau linke Ideen zu nennen pflegt (um das Wort Marxismus zu vermeiden). Die trotzige Erklärung, nun werde der (-an sich respektable-) Sozialismus in den nächsten Jahrzehnten nicht durchsetzbar sein, hat den traurigen Cha-rakter obskuren Selbsttrostes und einer historischen, nicht begründbaren gänzlich leeren Hoffnung, die nur als Pflaster für den Moment dient. Ob Sozialismus, welcher Art, irgendwann und irgendwo wiederkehrt, kann einen Schriftsteller kaum kümmern. Für ihn gilt nur, seine Obsessionen optimal in Literatur umzusetzen. Alles andere ist Selbstbetrug. Dass letzterer nun epidemisch unter deutschen Intellektuellen und Autoren grassiert, mag der für überraschend halten, der sein Vaterland nicht kennt ....... Ein Kennzeichen unseres 'Volkscharakters' ist Weltfremdheit und Selbstblindheit, in diesem Fall potenziert durch die Fähigkeit einer theoretischen Begründung.

Es geht mir nicht um ein einzelnes Gedicht oder irgendeine Prosaarbeit; für mich waren einige Texte von Stephan Hermlin wichtig, und ich beurteile das Werk von Christa Wolf gänzlich anders als Ulrich Greiner (dessen Recht auf Kritik gleichwohl undenunziert bleiben muss); zumal ich den Paradigmenwechsel von Weiland »sogenannter DDR« zu nunmehr »sogenannter Erzählung« unangemessen finde. Gerade die Arbeit von Christa Wolf ist Sonde und (Selbst‑)Prüfung, ein unfragwürdiger Beitrag zur Gegenwartsliteratur. Keine Verklärung. Nirgends.

Es geht um Grundsätzliches. Um einen Abschied von sich selbst. Schon Arno Schmidt schrieb von den »ständig zu berücksichtigenden Gegengewichten der beiden großen Teilstaaten«, die den perfidesten Terror in beiden Deutschland verhinderten; und mit großartiger Trau-rigkeit meinte Jurek Becker: »Das wichtigste an den sozialistischen Ländern ist nichts Sichtbares, sondern eine Möglichkeit. Dort ist noch nicht alles so entschieden wie hier. Diese Ungewissheit muss nichts Gutes bedeuten, aber sie hält die einzige Hoffnung am Leben, dass es nach uns mit den Menschen noch weitergeht. Osteuropa kommt mir wie ein letzter Versuch vor. Wenn der beendet wird, dann kann man sein ganzes Geld von der Bank holen und es vertrinken.« Wohl wahr. Ehr-licherweise ist einzugestehen: Mit der linken Krücke Hoffnung ging es besser. Ehrlicherweise ist einzugestehen: Es war ein Blindenstock. Zu verabschieden ist ein Traum. Wer den nicht lassen will, muss ihn sich künstlich erzeugen; man macht das wohl mit Drogen, die haben ver-schiedene Namen. Er wächst auf zum Alptraum, der ungebremsten, unkorrigierten Warengesellschaft, die sich selber frisst: die Welt als Soft-Eis. Ein Mensch, der nicht träumt, sagt man, wird wahnsinnig. Eine Gesellschaft auch? Schön wird das Leben wohl nicht unter dem Mercedessternfirmament. Aber wo steht geschrieben, dass Leben schön sein muss? Als Tucholsky zu Ende gedacht hatte, was hier eingangs zitiert ist, brachte er sich um.

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