Helmut Griem mit Gisela Stein, sexy in Reizwaesche und Strapse,  in "Ein Klotz am Bein"
Kultur Fibel Magazin

Helmut Griem

im Gespräch mit Gabriella Lorenz
1989

Persönlichkeiten
der Theatergeschichte

Gesellschaftsmagazin
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Wie beurteilen Sie den Zustand des Theaters heute?

Das Theater hat sich verändern müssen, weil es die Wirklichkeit nicht mehr so abbilden kann, wie es der Film oder das Fernsehen können. Es muß also versuchen, eine Form herzustellen, die nicht mit den Medien konkurriert.

Sie sind aber kein Anhänger des Bildertheaters, das seit Robert Wilson auch bei uns groß im Schwange ist?

Das Bildertheater kann von höchstem ästhetischen Reiz sein. Aber da werden die Schauspieler nur als Figurinen eingesetzt und benutzt. Ich meine, daß auf der Bühne der lebendige Mensch im Zentrum stehen

Helmut Griem als Claire, in Damen Unterwaesche, in "Die Zofen" von Jean Genet.

Helmut Griem mit Gisela Stein in "Ein Klotz am Bein",
Regie: Dieter Dorn. Schillertheater, Berlin, 1974
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Foto: Harry Corner

Unterhaltungsstücke immer seltener an großen Häusern. Das liegt an dem Zugzwang, sich von den Medien zu distanzieren. Man zieht sich zunehmend auf die Texte, also die Wortvermittlung zurück. Und den Umgang mit Stoffen wie "Ein seltsames Paar" von Neil Simon zum Beispiel können die Medien einfach besser - ich denke da an den Film mit Jack Lemmon und Walter Matthau. Durch die Medien ist auch eine ästhetische Veränderung im Theater passiert: Man kann heute kein kleines Zimmer mehr realistisch auf die Bühne stellen, da ist man gleich mitten im Kleinen Fernsehspiel.

Sie haben unendlich viele und vielfältige Rollen gespielt. Gibt es noch offene Wünsche?

Wunschrollen habe ich eigentlich nie gehabt. Man kann ja ohnehin immer nur einen Bruchteil aller existierenden Rollen spielen. Der „Hamlet" ist mir immer entgangen, das hat sich einfach nie ergeben. Aber jetzt könnte ich den vom Alter her sowieso nicht mehr spielen, also muß ich ihn eben irgendwann mal inszenieren.

Sie haben schon mehrfach erfolgreich Regie geführt, zuletzt vor kurzem im Werkraumtheater bei Joe Ortons schwarzer Komödie "Seid nett zu Mr. Sloane". Wie kamen Sie dazu?

Das Interesse an der Regie war bei mir immer schon da. Schon in meinen Anfangszeiten bei Hans Bauer habe ich Pinters „Hausmeister" inszeniert. Dann kam ich lange Zeit nicht dazu, weil den Intendanten der Schauspieler Griem immer wichtiger war als der Regisseur Griem. Ich war einfach immer so mit Arbeit eingedeckt, daß ich zum Inszenieren keine Zeit hatte. Nach vielen Jahren habe ich dann in München wieder etwas Eigenständiges gemacht, das war die szenische Lesung der "Ästhetik des Widerstandes" von Peter Weiß. Das Problem ist, daß man sich irgendwann zwischen Regie und Spielen ent-scheiden muß, eine Priorität setzen muß. Der Wunsch zum Inszenieren ist da, das Wissen, daß ich es kann, auch, und Dieter Dorn weiß auch schon lange, daß ich es will. Seit fünf bis sechs Jahren war ich immer kurz davor, und jetzt ist es mit dem "Sloane" endlich etwas geworden. Das wollen wir nun kontinuierlich am Haus weiter-betreiben, vielleicht weitet es sich aus.

Könnte es sein, daß Sie eines Tages die Priorität „Regie" setzen und dafür das Spielen hintanstellen?

Das ist durchaus vorstellbar.

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Helmut Griem als Claire in "Die Zofen" von Jean Genet.
Regie Dieter Dorn. Schillertheater, Berlin, 1973

Foto: Horst Güldenmeister

Helmut Griem als Trofimov - mit Gisela Stein als- Varja in "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow,
Darstellern zusammenfügt, gut. Aber wenn es sich verselbständigt, ist das genauso gefährlich, wie wenn sich Schauspieler als Stars auf der Bühne verselbständigen oder wenn ein Regisseur immer nur Einfälle hat. Einfälle kann man haben, aber dann muß man sie wegschmeißen. Man muß eine Sache nicht unbedingt originell machen wollen, man muß sie richtig machen wollen.

Der beste Regisseur ist der, den man am Schluß gar nicht mehr merkt. Wenn die Bild-Erfingungen den Schauspieler erdrücken und überwuchern, leuchten bei mir immer Warnlampen auf. Ich glaube, daß sich die Schauspieler da häufiger gegen Regisseure zur Wehr setzen müßten.

Ärgern Sie sich im Theater über Aufführungen, die Ihnen nicht gefallen ?

Nee. Entweder ist's langweilig oder nicht. Allerdings: Ärgerlich finde ich, wenn Regisseure eine Inszenierung als Vehikel benutzen für ein eigenes Stück, das sie nicht schreiben können. Man kann doch nicht Klassiker einfach umschreiben. Ich finde grundsätzlich, daß man Texte nicht verändern soll. Jeder Autor hat das Recht, daß sein Geschriebenes stehen bleibt. Meine Hochachtung vor Autoren ist größer als die vor Regisseuren. Natürlich kann

Helmut Griem als Trofimov - mit Gisela Stein als- Varja in "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow, Regie: Hans Lietzau. Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 1970 Foto:Rosemarie Clausen

muß. Warum gehen denn die Leute ins Theater? Weil sie da was sehen, was nicht aus der Konserve kommt. Im Film ist der
Schauspieler total manipulierbar, da kann man ihn buchstäblich zerstückeln - ein Lächeln hier, ein Blick dort, alles durch den Schnitt beliebig verschiebbar - und wieder zusammensetzen. Im Film hat der Regisseur eine viel größere Macht als im Theater. Die Bilderfluten auf der Bühne lassen junge Schauspieler nicht mehr dazu kommen, ihr Handwerk richtig zu erlernen. Der Aufbau einer Figur und die dramaturgische Konstruktion sind heute viel weniger gefragt als das Regie- und Bühnenbildkonzept. Ich sehe, wie schwer es vielen Schauspielern heute fällt, Stücke aus den Figuren heraus zu entwickeln. Deshalb ist es von höchstem Nutzen und größter Wichtigkeit, daß an unseren Häusern Stücke vor beispielsweise Feydeau oder Orton gespielt werden, wo alles vom Schauspieler knapp und präzise hergestellt werden muß, wo einfach alles stimmen muß. Das wird heute oft als altmodisch angesehen, aber für mich hat immer der Reiz des Theaters ausgemacht, große Schauspielerleistungen zu sehen.
Sicher, man kann nicht immer nur "well made plays" spielen, aber als Salz in der Suppe sind sie unentbehrlich. Man merkt es auch immer wieder bei dem Autor Botho Strauß: Wenn er dicht an den Figuren bleibt, ist es spannend und gut. Wenn er ins Bildhafte, Metaphysische, Überbauliche abdriftet, kriegt man sofort lange Zähne - zumindest geht es mir so.

Bühnenbild und Regie müssen sich also dem Schauspieler auf der Bühne unterordnen?

Es gibt durchaus Bühnenbilder, die Kunst-werke für sich sind. Aber ein Bühnenbild soll ja keine Bühnenbild-Ausstellung sein. Wenn es sich mit Regie und

Helmut Griem als Richard II in "Richard II" von W. Shakespeare.
Helmut Griem als Richard II in "Richard II" von W. Shakespeare.
Regie: Hans Litzau, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 1971.
Foto: Rosemarie Clausen

Oper-Ballett:

Oper La Traviata - Oper La Boheme - Oper Entführung aus dem Serail - Oper Die Liebe zu den drei Orangen - Oper Die Zauberflöte - Madame Butterfly
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Ballett Tanzgeschichte - Ballett Carmen Flamenco - Ballett Der Nussknacker - Ballett Martha Graham Company

Interviews:

Interview Lola Müthel - Interview Herbert Bötticher - Interview Ruth Drexel - Interview Ute Lemper
Interview Wolfgang Spier - Interview Judy Winter - Interview Romuald Pekny - Interview Helmut Griem

 

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