man streichen und umstellen, aber umschreiben ist nicht zulässig. (Es sei denn, man arbeitet mit einem lebenden Autor zusammen alles nochmal von Anfang an durch.) Und Klassiker in Umgangs-sprache zu übersetzen, ist ein Unding. Dagegen habe ich mich als Schauspieler immer gewehrt. Ich spreche das Original, da bin ich ganz strikt.
Ich finde das nicht konservativ. Im Gegenteil, da es so viele Regisseure heute so machen, finde ich es geradezu progressiv, nichts am Text zu verän-dern. Wenn ein Schauspieler oder Regisseur so tut, als sei er in der Lage, ein besseres Stück zu schreiben, muß ich mich fragen: Warum schreibt er's nicht? Ich finde das einfach hochmütig. Als der Burgtheater- Chef Claus Peymann letztes Jahr in seinem skandalerregenden "ZEIT"-Interview eine Attacke gegen die Schauspieler ritt, haben sie sich in einer öffentlichen Stellungnahme mit groben Worten zur Wehr gesetzt.
Der Rundumschlag von Peymann gegen das Theater erschien mir widerspruchsreif. Zumal ja auch die Kammerspiele mit einbezogen waren. Was soll das, daß man uns als Boutiquentheater deklariert? Die Kammerspiele stehen schon viel länger an der Maximilianstraße als die diversen Nobelboutiquen. Das ist eine grundsätzliche Lebenshaltung: Wenn mir einer gegen das Schien-bein tritt, halte ich nicht das andere auch noch hin, sondern ich trete zurück. |
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Helmut Griem |
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im
Gespräch mit Gabriella Lorenz 1989 |
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Persönlichkeiten der Theatergeschichte |
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Gesellschaftsmagazin |
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größten Taten im Bösen wie im Guten fähig ist, und dazu von unglaubli-chem Kleinmut ist. Aber das wollen die Leute nicht sehen, weil sie meist auch das Stück garnicht ganz kennen. Das geht ja weiter damit, daß Faust Diktator wird. Dem Goethe ist die Figur beim Schreiben auch immer unsympathischer geworden. Ich habe allerdings auch Zustimmung erfahren. Manche Leute fanden, daß man die "Faust"-Geschichte so weiter-denken kann, mache ihnen Angst vor dem deutschen Wesen.
Was ist Moral? Wenn das Theater eine Form ist, die die Welt in ihren fürchterlichen Erscheinungen realistisch abbildet, müßte es auch einen erzieherischen Effekt haben. Ich bin gegen jeden Zeigefinger. Die eigene Haltung darf keine negierende sein (sonst könnte man sich gleich umbringen), aber eine kritische und hellhörig machende Sicht müßte es schon sein. |
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Helmut Griem als Ferdinand mit Gisela Stein als Lucette in "Ein Klotz am Bein" von Georges Feydeau. Regie: Dieter Dorn. Münchner Kammerspiele, 1983. Foto: Oda Sternberg |
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Unser Beruf hat mit Präzision und Konzentra-tion zu tun, man muß sich auf entscheidende Punkte zuspitzen können. Man spielt ja nicht in Trance und läuft nicht wie Hänschen im Blau-beerwald über die Bühne, sondern die Leistung muß jeden Abend gleichermaßen abrufbar sein. Diesogenannten Sternstunden, daß ein Schau-spieler sich einmal zu einer einsamen Höhe aufschwingt, die er dann nie wieder erreicht, sind wie ein Sechser im Lotto. Aber für einen Lottogewinn muß man nichts gelernt haben. Das schauspielerische Handwerk bedeutet ein präzises Gefühls- und Empfindungsgedächtnis. Ich muß mich in Sekundenbruchteilen in einen seelischen Ausnahmezustand versetzen können, und die Empfindungswellen müssen nach unten ins Publikum gehen. Für einen |
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Helmut Griem als Josef
K. mit Cornelia Froboess als Fräulein Bürstner in "Der neue
Prozess" von Peter Weiss. Regie: Dieter Dorn. Münchner Kammerspiele,
1983.
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kleinen Teil von guten Schauspielern sind solche extremen Gefühlszu-stände abrufbar, reproduzierbar, das heißt, man muß den gleichen Gefühlsaufruhr in einem selber wieder erzeugen können, sonst wäre |
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Helmut Griem als Tellheim in "Minna von Barnhelm", von Ephraim Lessing. Regie: Dieter Dorn. Münchner Kammerspiele, 1976. Foto: Hildegard Steinmetz |
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Wie reagieren Sie auf Kritiken? Ich traue es mich fast nicht sagen, weil es eh keiner glaubt. Ich habe vor sieben oder acht Jahren das Lesen von Kritiken komplett eingestellt. Bei negativen Kritiken habe ich mich geärgert, also warum soll ich mir den Tort überhaupt antun? Es ist ja nur die Meinung eines einzelnen, die als öffentlich ausgegeben wird. Zumal es kaum Kritiker gibt, die ihre Kritik als persönliche Meinung deklarieren. Sie wird ja immer als Tatbestand ausgegeben. Der größte Fehler der deutschen Kritiker ist, daß sie sich nicht auf die Prämissen der Theatermacher einlassen und die Aufführung an deren Absichten messen, sondern daß sie ihre eigenen Prämissen im Kopf haben. Und wenn das Ergebnis anders ist, als sie es sich vorstellen, finden sie es eben nicht gut. Das ist, wie wenn ich ein Bild in Blautönen beschreibe, und der Maler sagt mir, er habe aber in Grüntönen gemalt. Das kann einfach nicht zusammenkommen, da bleibt immer ein Mißverhältnis zu dem, was die Macher eigentlich gewollt haben. Ein anderer Grund, weshalb ich keine Kritiken mehr lese, ist der: Ich habe in meiner Karriere noch nie, auch nicht von Großkritikern, ein Argument gelesen, von dem ich gesagt hätte: „Donnerwetter, darauf sind wir nicht gekommen." Es waren immer Punkte, die wir bei den Proben diskutiert und verworfen haben. Das ist ja auch kein Wunder: Bei großen Produktionen beschäftigt man sich ein halbes oder ein ganzes Jahr mit dem Stück.
Was ist das? Ich kann mich auch ärgern, wenn man gelobt wird für etwas, was man gar nicht gewollt oder gespielt hat. Wenn einer eine Arbeit von mir nicht gut findet, ist das ja nicht mein Problem, sondern seins. Es gibt nur eine kritische Instanz, das ist man selber. Man kann doch nicht anfangen, Geschmäcker und Meinungen zu bedienen. Trifft es Sie, wenn das Publikum Ihre Leistung ablehnt, wie es Ihnen teilweise jetzt mit dem "Faust' passiert? Ich behaupte, daß das Publikum die schauspielerische Qualität gar nicht beurteilen kann. Es reagiert zu 80 % nicht auf die Leistung, sondern auf die Figur. Angenommen, ein Schauspieler spielt einen Bösewicht, dann kriegt er weniger Applaus. Am nächsten Abend spielt er ein Opfer und man jubelt ihm zu. Wenn er deshalb glaubt, er sei heute besser gewesen als gestern, ist er ohnehin verloren. Das Publikum hat keinen Sachverstand. Es reagiert auf Magnetfelder, Chemie, Sympathieträger, und ist normalerweise nicht in der Lage, einen guten von einem sehr guten oder von einem außerordentlichen Schauspieler zu unterscheiden. Einfach weil es nicht weiß, wie die Wirkung hergestellt wird. Und das ist auch gut so. Warum finden Sie das gut? Wäre Ihnen nicht mehr Sachverstand lieber? Es ist gut, weil der Schauspieler-Beruf etwas zu tun hat mit Zauberei, mit Kunststücken und Magie. Der Zauberer verrät ja seine Geheimnisse (ich sage bewußt nicht „Tricks") auch nicht. Und ich habe die Zuschauer ohnehin in der Hand. Ich kann so spielen, daß sie lachen (das Publikum heute will sich auf Deubel-komm-raus amüsieren, das merkt man). Und wenn ich finde, daß das Lachen über ein erträgliches Maß hinausgeht, ziehe ich die Schraube fester an, dann vergeht es ihnen. |
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Wie sehen Ihre Pläne für die nächste Zeit aus? Ich werde vorerst an den Kammerspielen keine neue Rolle mehr übernehmen, da wir im nächsten Jahr mit dem "Faust" sehr viel international unterwegs sein werden. Ich möchte mich aber längerfristig auf die Regie konzentrieren und eine Inszenierung pro Jahr machen.
Ich sehe keinen Grund, an ein anderes Haus zu gehen. Wenn ich eine bestimmte Rolle gern spielen wollte, könnte ich das auch an den Kammerspielen tun. Und das Niveau der Kammerspiele, vor allem in seiner Kontinuität, ist derzeit von anderen Häusern nur schwer zu erreichen. Es liegen momentan ja viele große Häuser in Deutschland im Argen.
Daß die Kulturbehörden zuviele Nichts-könner als Intendanten einsetzen, daß sie Leute holen, denen das eigene Wohl mehr am Herzen liegt, als das des Theaters.
Natürlich. Es ist ja schließlich kein Geheim- |
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Helmut Griem als Faust
mit Romuald
Pekny als Mephistopheles in Faust von J.W. von Goethe, Regie: Dieter
Dorn. Münchner Kammerspiele, 1987
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es nur kalter Kaffee, nur technisches Abspulen. Deshalb ist der Beruf nicht nur psychisch, sondern auch physisch und mental anstrengend, weil ich mein Innenleben so knetbar, so weich, so transparent halten muß, daß es wirklich zum Innenleben der Figur wird. Gleichzeitig muß das Bewußtsein voll präsent sein, um alle Verabredungen auf der Bühne genauestens einzuhalten, um im richtigen Tempo einen Gang zu machen, einen Satz zu sagen. Wie präzise diese Verabredungen einge-halten werden, zeigt sich daran, daß an den Kammerspielen selbst die Aufführungsdauer einer Fünf-Stunden-Inszenierung höchstens um ein bis zwei Minuten variiert.
Es ist deutlich spürbar, daß viele Zuschauer diesen "Faust" ablehnen. Das liegt an meiner ungewöhnlichen Interpretation, die allem zuwiderläuft, was man auf der Schule gelernt hat. Vielleicht spielt auch die Täter-Opfer-Konstellation eine Rolle: Faust bringt ja vier Leute um, |
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nis, daß Zadek auch Bochum als Runinenfeld hinterlassen hat. Ich finde es auch nicht richtig, Kritiker zu Intendanten zu machen. Sie können aber beispielsweise Ivan Nagel nicht vorwerfen, er habe sich nicht um sein Haus gekümmert. Nagel hat zwar viel bewegt, aber die Kontinu-ität hat er nicht gefördert. Wenn pausenlos Gastregisseure und Gastschauspieler einflie-gen, schafft das einfach Mißstimmung. Ein Haus ist ein subtiles und heikles Instrument, das kann man sehr schnell zerstören, wenn |
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Helmut
Griem mit Lambert Hamel in "Die Nacht der Tribaden" von
Per Olov Enquist. Regie: Dieter Dorn. Münchner Kammerspiele, 1976. Foto
Hildegard Steinmetz |
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man nur an kurzfristige Produktions-erfolge denkt.
Nein, prinzipiell hat sich nichts geändert. Brandt hat damals gesagt: „Es gibt eine Mehrheit links von der Mitte", und ich meine, die gibt es heute noch. Ich hoffe nur, daß die Amerikaner nicht mit einem Trick in der Abrüstungsfrage Herrn Kohl plötzlich so gut aussehen lassen, daß er dadurch eine rot-grüne Koalition verhindern kann.
Wenn es eine Wählerinitiative für Rot-Grün gäbe, würde ich mich ihr absolut zur Verfügung stellen. <<< |
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da ist die Zustimmung einleuchtenderweise etwas gebremst. Wir haben die Figur
entmythologisiert und ins Groteske getrieben, was dem deutschen Bildungsbürger
den Zugang zu seinem Faust ziemlich verwehrt. Komischerweise haben Leute,
die sich wirklich mit Literatur befassen (das sind meist ältere), und jüngere
Zuschauer damit gar keine Schwierigkeiten, nur die sogenannte Mittelschicht. Ich hatte ja die gleiche Vorstellung vom "Faust" wie alle anderen, aber die habe ich im Text nicht gefunden. Der Kleinbürger Faust beinhaltet das unwahrscheinliche Nebeneinander des deutschen Wesens, das zu |
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Helmut
Griem Interview 1989 |
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