Philosophie, Essays, Literatur - 1922
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JA, DAS LEBEN!

Was haben wir daraus gemacht?
Eine endlose Reihe von Trivialitäten
und Kleinigkeiten!

Und was haben wir uns gewünscht?

Das Dasein einfacher zu gestalten,
damit wir das schaffen können, was wir eigentlich wollen, und dass die Kräfte nicht unterwegs von allerhand Kleinigkeiten aufgebraucht würden, von all dem, was wir nicht wollen. Volle Entfaltung unserer Kräfte, unserer Persönlichkeit, unseres innersten Wesens - das, was wohl die Bedingung für alles echte Lebensglück ist.

Wie weit sind wir gekommen?
Es geht den verkehrten Weg. "Mach die Schleppe länger, und du machst die Schwingen kürzer", heißt es. Aber ist es nicht gerade die Schleppe, an der wir arbeiten? Jede neue Erfindung kann wohl Erleichterung geben, vermehrt aber die Bedürfnisse und bindet uns fester an Kleinigkeiten.
Das Leben wird immer verwickelter.
Vom Zelt und dem Kamelhaarmantel sind wir weit abgekommen!
Und die Schwingen?
Die materielle Entwicklung (1922) hat in der lärmenden Gesellschaft Europas die Übermacht. Und die geistige Entwicklung - wer fragt nach ihr? Äußerer Luxus, materielles Wohlbefinden, scheint es, sind Losung und Ziel geworden, und für wie viele wiegt das schwerer als manche geistigen Werte?


Ein Beispiel! Wenn ich zu einem Freunde komme, und er bittet mich, zum Abend zu bleiben, damit wir miteinander plaudern können, und er setzt mir dann nur seine gewohnte Hafergrütze vor, müßte ich mich da nicht geehrt fühlen? Denn er setzt voraus, dass ich, wie er, das als eine Nebensache im Leben ansehe, und das es Geist und Begabung sind, mit denen zusammen zu sein schon ein Fest ist. Aber ob nicht manche es als eine Beleidigung auffassen würden, dass man nicht mehr Staat mit Ihnen macht?
Wer hat den Willen und den Mut, einfach zu sein, wenn es nicht gerade Mode ist?
Mode! Man denke: eine "Kultur", die Moden hat, den Stempel der Unselbständigkeit, der verwaschenen Persönlichkeiten!
Wendet nicht ein, dass nur Frauen und närrische Mannsleute der Mode nachlaufen. O nein, nicht nur in Kleidern, Essen, Trinken und dergleichen haben wir Moden. Sie herrschen auch in der Kunst, in der Literatur, in der Wissenschaft, ja in unsern Meinungen, in unserer "Überzeugung".
Und es wird immer schlimmer. Mit den immer schneller werdenden Verkehrsmitteln nimmt das Tempo unheimlich zu. Früher brauchte eine neue Mode Jahre, um zu uns zu gelangen. Jetzt braucht sie ebenso viele Tage oder Stunden; - und unaufhörlich wechselt sie.

In dieser lärmenden Hetzjagd hat man keine Zeit, seine eigene Meinung zu finden; so keucht man hinter derjenigen der letzten Mode her. Man darf nicht etwa entdeckt werden, wie man dasitzt mit einem Hut oder einer Ansicht oder einer Meinung oder einem Unterrock, die schon altmodisch geworden sind!
Unser ganzes Leben ist darauf eingerichtet, auf andere zu wirken; es ist nicht so eingerichtet wie wir es selber wünschen könnten, sondern so, wie die anderen, die Masse es will. So wohnen wir, so kleiden wir uns, so speisen wir, so schlafen wir, so arbeiten wir, so denken wir, ja - so lieben wir auch ...
Wann kommt das neue Geschlecht, das all diese Zeitvergeudung abschüttelt, das sein eigenes Leben lebt, es selbst ist, freie Männer und Frauen, das das Kleine klein läßt und die Schönheit und Harmonie ins Leben zurückführt?
Wie soll das enden? Ohne Ruhe und Verarbeitung der neuen Eindrücke, ohne Selbstvertiefung kann sich wohl kein Mensch entwickeln. Aber wann findet man dazu die Ruhe in der modernen Gesellschaft?
Neue Eindrücke pflanzen sich immer schneller fort; wir bekommen jetzt mehr von Ihnen an einem Tage als früher in Monaten und Jahren. Sie wimmeln heran mit den Telegraphen, mit den Zeitungen, mit dem Telefon. Und wenn wir in die Welt hinaus reisen, um den Horizont zu erweitern, durchfahren wir in einer Woche mehr, als wir früher in einem Jahr sahen.
Und das arme Gehirn müht sich mit all diesem Stoffe ab. Es ist in der Entwicklung nicht nachgefolgt. Sein Rauminhalt und seine Kräfte sind so begrenzt wie sie früher waren, während der Stoff, die Eindrücke unbegrenzt geworden sind - es wird mit ihnen nicht mehr fertig.
Wir sehen, wir hören unendlich viel mehr, aber wir lernen weniger. Das muß mit logischer Notwendigkeit zur Oberflächlichkeit führen; es wird unmöglich, in die Tiefe zu gehen.
Das gibt Mangel an Originalität, Mangel an Persönlichkeit.


Und das Übel wächst, es wächst in geometrischer Progression. Wo soll das enden?
Rousseau, du bist heute nötiger denn je zuvor! Damals war nur eine kleine Oberschicht auf Abwege geraten, jetzt ist das ganze Leben der Gesellschaft so geworden, daß es mit Eisenbahngeschwindigkeit den verkehrten Weg einschlagen muß.
Ein größerer Geist muß kommen, der den Zug umlenkt und höher hinauf, zur Vereinfachung führt.
Kommt er nicht, dann gehen die Menschen zugrunde.

(Auszug) Fridtjof Nansen
*10.10.1861 in Oslo, + 13.05.1930 in Lysaker

Ja zum Leben! Aber wie?
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JA, DAS LEBEN! Was haben wir daraus gemacht? Eine endlose Reihe von Trivialitäten
und Kleinigkeiten! Und was haben wir uns gewünscht?

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