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Das Paradies
zum Verweilen


Selbstvergessene Phantasien
auf dem Weg zum Weihnachtsgeschehen

Geschichten laden ein zur Identifikation. Sie verlocken, sich in die Ereignisse eines Buches zu versenken, in die Handlung eines Theaterstücks, in die Tanzschritte auf der Bühne. Gedanken und Empfindungen anderer werden zu den eigenen. Vertrautes tritt zurück, macht Ungewohntem Platz. Buchstaben lassen fremde, faszinierende Welten im Kopf des Lesers entstehen. Gebannt sitzt der Zuschauer vor den Brettern, die die Welt bedeuten und wird selbstvergessen eins mit denen, die für ihn spielen, singen und tanzen. In Worten und Tönen erzählte Geschichten bieten Raum und Zeit, ganz im anderen aufzugehen, sich in ihm und seinem Erleben zu verlieren, um dann nur umso intensiver wieder bei sich selbst zu sein. Ein wehmütiges Lächeln mit der verzauberten Giselle, befreites Auflachen über die gespreizte Schöngeisterei von Molieres gelehrten Frauen, verstohlen aus dem Augenwinkel gewischte Tränen wegen Pippas zerbrochener Seele oder dem leisen Schmerz des Kontrabaßspielers, Trauer bei John Gabriel Borkmans einsamen Gesprächen - Momente einer möglichen Übereinstimmung, die den Blick freigeben auf das eigene Ich.

Alle Geschichten, ob sie voller Freude oder Tragik stecken, voll Spannung oder Ruhe, laden ein zur Identifikation. Auch die Weihnachtsgeschichte, jedes Jahr wieder gelesen und szenisch dargestellt, ist offen, um sich darin zu vertiefen und neu zu finden. In besonderer Weise sind es die vielerlei Arten von Krippen, die zum Schauen und Träumen verführen.

Männer, Frauen, Kinder gehen zum Stall. Sie haben ihre je individuelle Beziehung zu dem Kind, das geboren worden ist. Eine Beziehung, die so unterschiedlich ist, wie die Menschen selbst, ihre Charaktere und ihre Lebensgeschichte. Sie kann herzlich sein, freundschaftlich, zweifelnd oder unsicher. Jeder hat seinen Platz, ob ganz dicht am Geschehen in der ersten Reihe, in der nachdenklichen Entfernung der Mitte oder in der Distanz der hinteren Ränge.
Ein Mann macht sich auf, einer in den besten Jahren. Er ist mit sich zufrieden, weil er unter manchen Opfern vieles in seinem Leben erreicht hat. Er weiß, daß eine gute berufliche Position, ein gesichertes Einkommen und die elegant eingerichtete Wohnung nicht alles sind. Innerlich will er frei sein und bleiben von äußeren Zwängen und gesellschaftlichem Druck, den Blick für das Wesentliche behalten, für das, worauf es ihm ankommt im Leben. Ruhe möchte er finden und die Zeit für Besinnung. Seinen Weg geht er sicheren Schrittes.

Eine junge Frau kommt zur Krippe. Sie ist noch unentschieden, ob sie Leben zur Welt bringen soll. Sie weiß, Leben geben, das meint mehr als gebären. Es bedeutet Liebe zu verschenken, Anteil nehmen an dem, was einen anderen bewegt, zuhören, sich einfühlen in seine Gedanken und Sehnsüchte. Sie ist unterwegs mit all ihrer Sensibilität und Zartheit, aber auch mit den Wunden und Narben, die sie dadurch schon davongetragen hat. Ohne Schmerzen geht es nicht ab, wenn sich Menschen ganz nahe kommen. Ein sanfter Mann ist in ihrer Nähe, einer, der der jungen Frau seelenverwandt ist. Er leidet unter dem Bild des Männlichen, dem er entsprechen soll, aber nicht kann und auch nicht will. Denen, die nicht aus Angst verächtlich auf ihn herabschauen, ist er ein guter und liebevoller Freund. Für Nöte und Kümmernisse hat er offene Ohren. Er hofft, es aushalten zu können, wenn er aus dem Rahmen des Üblichen fällt. Er wünscht sich, mutig seinen Weg weiterzugehen, nicht isoliert zu werden, sondern Menschen zu finden, die ihn verstehen.

Gebückt von der Last eines aufreibenden Lebens kommt eine stille Frau. Sie ist immer für andere dagewesen. Sie wünscht sich jemanden, dem sie einmal alle Mühe ihres Lebens vor die Füße legen und an dessen Schulter sie sich ausweinen kann. Ihre Hoffnung ist es, nicht immer nur Wärme und Geborgenheit geben zu müssen, sondern sie endlich auch empfangen zu dürfen.
In Ihrer Begleitung ist ein schon älterer, sehr kluger Mann. Seine Entscheidungen sind klar und frei von gefühlsseligen, vagen Empfindungen. Es macht ihm manchmal zu schaffen, immer nur vernünftig und rational zu sein. Er geht, um ganz zu werden, um alles, was in ihm lebt, auch wirklich leben zu lassen. Er wünscht sich, Verstand und Gefühl zu vereinen und hofft darauf, daß Glauben und Vertrauen kein Widerspruch sind zu klugen Gedanken.

Krippen heißen das „Paradies, in dem alle vorkommen". Niemand, der sich dorthin aufgemacht hat, wird wieder daraus vertrieben.

Susanne Breit-Keßler Bischöfin, Oberbayern


"Ein Paradies zum Verweilen"
Weihnachten, Stille Nacht, heilige Nacht, chrismas - silent night, holy night,
Bischöfin Susanne Breit Keßler
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