Literatur, Essays, Philosophie. |
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Das
Paradies
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Geschichten
laden ein zur Identifikation. Sie verlocken, sich in die Ereignisse eines
Buches zu versenken, in die Handlung eines Theaterstücks, in die Tanzschritte
auf der Bühne. Gedanken und Empfindungen anderer werden zu den eigenen.
Vertrautes tritt zurück, macht Ungewohntem Platz. Buchstaben lassen fremde,
faszinierende Welten im Kopf des Lesers entstehen. Gebannt sitzt der Zuschauer
vor den Brettern, die die Welt bedeuten und wird selbstvergessen eins mit
denen, die für ihn spielen, singen und tanzen. In Worten und Tönen
erzählte Geschichten bieten Raum und Zeit, ganz im anderen aufzugehen,
sich in ihm und seinem Erleben zu verlieren, um dann nur umso intensiver wieder
bei sich selbst zu sein. Ein wehmütiges Lächeln mit der verzauberten
Giselle, befreites Auflachen über die gespreizte Schöngeisterei
von Molieres gelehrten Frauen, verstohlen aus dem Augenwinkel gewischte Tränen
wegen Pippas zerbrochener Seele oder dem leisen Schmerz des Kontrabaßspielers,
Trauer bei John Gabriel Borkmans einsamen Gesprächen - Momente einer
möglichen Übereinstimmung, die den Blick freigeben auf das eigene
Ich. Männer, Frauen,
Kinder gehen zum Stall. Sie haben ihre je individuelle Beziehung zu dem Kind,
das geboren worden ist. Eine Beziehung, die so unterschiedlich ist, wie die
Menschen selbst, ihre Charaktere und ihre Lebensgeschichte. Sie kann herzlich
sein, freundschaftlich, zweifelnd oder unsicher. Jeder hat seinen Platz, ob
ganz dicht am Geschehen in der ersten Reihe, in der nachdenklichen Entfernung
der Mitte oder in der Distanz der hinteren Ränge. |
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Eine junge Frau kommt zur Krippe. Sie ist noch unentschieden, ob sie Leben zur Welt bringen soll. Sie weiß, Leben geben, das meint mehr als gebären. Es bedeutet Liebe zu verschenken, Anteil nehmen an dem, was einen anderen bewegt, zuhören, sich einfühlen in seine Gedanken und Sehnsüchte. Sie ist unterwegs mit all ihrer Sensibilität und Zartheit, aber auch mit den Wunden und Narben, die sie dadurch schon davongetragen hat. Ohne Schmerzen geht es nicht ab, wenn sich Menschen ganz nahe kommen. Ein sanfter Mann ist in ihrer Nähe, einer, der der jungen Frau seelenverwandt ist. Er leidet unter dem Bild des Männlichen, dem er entsprechen soll, aber nicht kann und auch nicht will. Denen, die nicht aus Angst verächtlich auf ihn herabschauen, ist er ein guter und liebevoller Freund. Für Nöte und Kümmernisse hat er offene Ohren. Er hofft, es aushalten zu können, wenn er aus dem Rahmen des Üblichen fällt. Er wünscht sich, mutig seinen Weg weiterzugehen, nicht isoliert zu werden, sondern Menschen zu finden, die ihn verstehen. Gebückt von der
Last eines aufreibenden Lebens kommt eine stille Frau. Sie ist immer für
andere dagewesen. Sie wünscht sich jemanden, dem sie einmal alle Mühe
ihres Lebens vor die Füße legen und an dessen Schulter sie sich
ausweinen kann. Ihre Hoffnung ist es, nicht immer nur Wärme und Geborgenheit
geben zu müssen, sondern sie endlich auch empfangen zu dürfen. Krippen heißen das „Paradies, in dem alle vorkommen". Niemand, der sich dorthin aufgemacht hat, wird wieder daraus vertrieben. Susanne Breit-Keßler Bischöfin, Oberbayern |
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"Ein Paradies zum Verweilen" Meist
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