Susanne Breit-Keßler
Bischöfin

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Die Freiheit des Individuums
Subjektive Gedanken zum Reformationsfest
Susanne Breit-Keßler, Bischöfin, Oberbayern

Luther auf dem Reichstag zu Worms am 17. April 1521, Verteidigt seine Thesen
Luther auf dem Reichstag zu Worms am 17. April 1521. Mittelfeld Feder und Aquarell über Bleistift, 21 X 24 cm.

In einer überfüllten Halle der Stadt Worms treffen sie aufeinander:
Karl V., Sproß des Hauses Habsburg, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und Martin Luther, ein Bergmannssohn, der Mönch und Theologieprofessor geworden ist.
Es ist früher Abend und Martin Luther, schon seit Monaten von Rom zum Ketzer erklärt, hat nun noch eine letzte Gelegenheit, sich vor Kaiser und Reich zu rechtfertigen. In der gespannten Atmosphäre ist kein Raum, um über den Inhalt der Bücher Luthers zu diskutieren. Der Kaiser als Garant der alten weltlichen und geistlichen Ordnung will eine klare Entscheidung Luthers. Widerruft er seine Schriften gegen die Mißstände in Theologie und Kirche oder nicht?

Luther, der sich durch keine überzeugenden Gründe widerlegt sieht, antwortet unter Lebensgefahr: „Mein Gewissen ist gebunden in Gottes Wort. Widerrufen kann und will ich nichts, weil wider das Gewissen zu handeln nicht sicher und nicht lauter ist. Gott helfe mir. Amen." Die ältesten gedruckten Zeugnisse fügen die Worte hinzu: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders."

Die aufsehenerregendste und folgenschwerste Rede seines Lebens wiederholt Luther noch in lateinischer Sprache und verläßt dann unter dem abfälligen Zischen der spanischen Gefolgschaft des Kaisers die Halle. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, einer der geistreichsten Philosophen der Geschichte, bezeichnete den Eigensinn Luthers als Beginn einer großen Revolution.
Einer Revolution, die nichts anerkennt und gelten läßt, es sei denn durch selbständige und von äußerer Autorität unabhängige Gedanken gerechtfertigt. Christsein ist im Kern eine individuelle Beziehung zwischen dem Gläubigen und Gott. Es erfordert das persönliche Gefühl des einzelnen, seine Nachdenklichkeit, seinen eigenen Glauben. Ein Vollzug der Religion ohne innere Übereinstimmung, nur auf Anweisung hin, macht keinen Sinn. Ebensowenig wie bloß auftragsgemäßes Malen, lustloses Komponieren oder gleichgültiges Agieren in einem Bühnenwerk.

Religion lebt von der bewußten Beteiligung der Gläubigen, wie die Kunst von denen lebt, die sich

ihr mit Leib und Seele verschrieben haben - als Künstler oder als leidenschaftliche, auch kritische Interessenten.

Der Grundsatz der Reformation ist nach Hegel Freiheit. Das „Hausrecht" im eigenen Gewissen darf sich niemand anmaßen zu stören. Das hat Folgen für den ganzen, auch den künstlerischen Menschen.
Hegel schreibt: „Das eigene Denken und Wissen des Menschen, so daß er sich in seiner Tätigkeit befriedigt, Freude an seinen Werken hat, und seine Werke als etwas Erlaubtes und Berechtigtes betrachtet - dieses Gelten des Subjektiven hat jetzt einer höheren Bewäh-rung und der höchsten Bewährung bedurft, um vollkommen legitimiert zu sein und sogar zur absoluten Pflicht zu werden...." Wenn vorgefertigte Normen und äußere Autoritäten ihre Macht auf Kopf und Herz verlieren, kann auch der Künstler sich seinen Weg des Ausdrucks und der Gestaltung suchen. Das Bewußtsein, mit individuellen Gaben und Fähigkeiten gesegnet zu sein, die zu Recht nach Verwirklichung drängen, beflügelt und verpflichtet zu neuen Taten. Seiner selbst gewiß sein zu können, ist kein Akt der Willkür. „Ich kann nicht anders", meint: Ich will und muß so handeln, weil ich nach langem und reiflichen Nachdenken überzeugt bin von dem, was zu tun ist. Abfälliges Zischen, Buhrufe oder andere Mißfallenskundgebungen dürfen nicht Maßstab oder Hindernis sein für das, wonach es einen drängt.

Schiller, Zeitgenosse Hegels und in der Tradition Luthers stehend, sah neben der Religion in der Kunst die große Möglichkeit, den Menschen zu sich selbst zu bringen, ihn zu befreien von dem Druck der Fremdbe-stimmung. Die Weise, in der dies geschieht, kann sehr unterschiedlich sein. Nach Schiller reicht sie in Dichtung und Theater, dem seine besondere Liebe galt, von der naiven, unbewußten Darstellung der Wirklichkeit über die satirische Empörung und die elegische Wehmut bis hin zur idyllischen Resignation.

Die Freiheit des Geistes, der im Schaffen des Individuums lebendig wird, hat viele Gesichter.

Gott sei Dank auch heute noch.


Die Freiheit des Individuums - Subjektive Gedanken zum Reformationsfest
von Susanne Breit-Keßler, Bischöfin, Oberbayern


Keine Freiheit des Geistes, die den sittlichen Rahmen eines menschenwürdigen Lebens erodieren,
und den Respekt vor den Intimitätsschranken der Menschen, der Individuen missachten.
Keine Freiheit des Geistes für Fiktionen, für Perversionen die dem Schacher dienen und
den Menschen, die Fauna und Flora,
die Erde, unseren Lebensraum, zerstören.
Armin H. Eilenberg / 5-2009

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