Das Lob der Torheit - Erasmus von Rotterdam |
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Philosophie
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Gesellschaftsmagazin |
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einen Schatten auf ihr heiteres Gemüt werfe. Alle Herrscher-pflichten glauben sie mustergültig zu erfüllen, wenn sie ständig auf die Jagd gehen, schmucke Pferde halten, zu ihrem eigenen Vorteil Ämter und Kommandostellen verschachern und sich täglich neue Mittel und Wege ausdenken, wie sie das Vermögen der Bürger schmälern und es in ihre private Schatulle zusammenfegen können, wobei sie, raffiniert, wie sie sind, erfundene Rechtsansprüche ins Spiel bringen, damit auch die krasseste Ungerechtigkeit nach außen hin noch einen Schein des Rechts aufweist. Das Ganze garnieren sie absichtlich mit einer tüchtigen Portion einschmeichelnder Artigkeiten, um so die Herzen des Volkes, so gut es geht, für sich einzunehmen. Stellt euch nun einen Menschen vor es gibt ihn tatsächlich ab und zu , der von den Gesetzen keine Ahnung hat, dem Wohl der Allgemeinheit gegenüber fast feindlich eingestellt, nur auf seinen privaten Vorteil erpicht und seinen Leidenschaften verfallen ist, die Bildung haßt, die Freiheit und Wahrheit haßt, der an nichts weniger als an die Wohlfahrt des Gemeinwesens denkt, alles vielmehr am Maßstab des Lustgewinns und des eigenen Nutzens bemißt. Hängt ihm dann die goldene Kette um, welche die Harmonie aller innig miteinander verbundenen Tugenden symbolisiert, setzt ihm die edelsteinverzierte Krone auf, die ihn an seine Pflicht erinnern soll, sich durch Ausübung aller heroischen Tugenden vor allen Untertanen her vorzutun, drückt ihm überdies das Zepter in die Hand, das Zeichen der Gerechtigkeit und einer in jeder Hinsicht unbescholtenen und unbestechlichen moralischen Grundeinstellung, und kleidet ihn schließlich in Purpur, das Sinnbild geradezu grenzenloser Hingabe an das Volk wenn dann ein Fürst diese prunkvollen Insignien der Macht mit seinem Lebenswandel vergliche, so würde er, denke ich, sich seiner Aufmachung gewaltig schämen und befürchten, irgendein bissiger Kommentator möchte das ganze theatralische Gepränge dem Gelächter und Gespött preisgeben. Was soll ich aber erst von den hochgeborenen Höflingen sagen? Obgleich es niemanden gibt, der so devot, so liebedienerisch, so geistlos und so hundsgemein ist wie sie, wollen sie gleichwohl für die Elite im Staat gehalten werden. In einer Hinsicht sind sie allerdings äußerst bescheiden: Sie sind es zufrieden, Gold, Edelsteine, Purpur und alle übrigen Symbole der Tugenden und der Weisheit an ihrem Leib herumzutragen, das Ringen um die Tugenden selbst aber überlassen sie ausschließlich den andern. Sie kommen sich als wahre Glückspilze vor, daß sie den König ihren Herrn nennen dürfen, daß sie gelernt haben, kurz angebunden mit drei Worten zu grüßen, daß sie die offiziellen Titulaturen "Ihre Durchlaucht", "Ihre Herrlichkeit" und "Ihre Hoheit" unablässig in ihre Reden einzuflechten wissen, daß sie das Schamgefühl in sich erstickt haben und ihnen draufloszuschmeicheln ganz leicht von den Lippen geht. Denn dies sind die Künste, die ein echter Edelmann und Höfling beherrschen muß. Nähme man aber ihren gesamten Lebensstil genauer unter die Lupe, würde man in ihnen waschechte Phäaken finden, "Freier der Penelope" die Fortsetzung des Gedichts kennt ihr ja; auch wird es euch Echo besser wiederholen können als ich. Der rechte Hofmann schläft bis gegen Mittag; schon steht dann ein wohlbestalltes Pfäfflein am Bett bereit, um husch, husch die Messe zu lesen, fast ohne daß der vornehme Herr sich aus den Federn zu bemühen braucht. Gleich darauf geht es zum Frühstück, und kaum hat man es hinter sich gebracht, ruft bereits das Mittagsmahl. Anschließend locken das Würfelspiel, Brettspiele, das Ziehen von Losen, Faxenmacher, Narren, Huren, Schäkereien und Kindereien. Zwischendurch wird ein oder zweimal gevespert. Dann kommt das Abendessen und nachher noch der Nachtschoppen, aber, bei Gott, nicht nur einer. Bei diesen Lebensgewohnheiten verstreichen ihnen, ohne daß sie des Daseins je überdrüssig würden, die Stunden, Tage, Monate, Jahre und selbst Jahrhunderte. Ich selbst ziehe manchmal recht mit Vergnügen gesättigt von dannen, wenn ich diese Wichtigtuer sehe: Wie sich da unter den Dämlein ein jedes um so gottähnlicher dünkt, je länger die Schleppe ist, die es hinter sich herschleift, wie ein Höfling den andern mit dem Ellbogen wegdrängt, um den Eindruck zu erwecken, seinem Herrgott, dem Fürsten, näher zu sein, wie jedem um so mehr der Kamm schwillt, je schwerer die Kette ist, die er um den Hals trägt, und dies tut er sich an, um nicht nur mit seinem Reichtum, sondern auch mit seiner Kraft zu protzen. Den
Gepflogenheiten der Fürsten eifern Päpste, Kardinäle und Bischöfe schon lange
eifrig nach und haben ihre Vorbilder |
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In diesem Meisterstück vorurteilsfreien
Denkens erweckte Erasmus von Rotterdam die Gattung der ironischen Lobrede
zu neuem Leben.
Dieser Übersetzung liegt zum ersten Mal für eine Übertragung ins Deutsche der Text der historisch-kritischen Erasmus-Ausgabe zugrunde. (Manesse-Bibliothek) |
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Erasmus
von Rotterdam |
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1469 - 1536, |
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erhielt als unehelicher
Sohn eines Geistlichen 1492 die Pristerweihe. Nach dem Studium in Paris und
Turin lebte er in England, Basel und den Niederlanden. Er pflegte rege Kontakte
zur gesamten europäischen Geisteswelt und wurde zur prägenden Figur
des christlichen Humanismus.
Die kirchliche Zesur konnte seinem engagierten Werk nichts anhaben. |
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| Text-Auszug: ................ Ihr seht nun, denke ich, wie sehr diese Menschen bei mir in der Pflicht stehen, da sie allein durch ein paar überflüssige Zeremonien, alberne Farcen und viel Geschrei eine Art Tyrannis unter den Sterblichen ausüben und sich einbilden, sie seien Redner vom Rang eines Paulus und Antonius. Doch von diesen Komödianten, die ebenso undankbar meine Wohltaten verleugnen, wie sie schamlos Frömmigkeit heucheln, will ich mich nun gern verabschieden. Schon lange nämlich reizt es mich, ein paar Worte über die Könige und hohen Herren bei Hof zu sagen, von denen ich ganz offen und freimütig wie es sich eben für Freigeborene geziemt verehrt werde. Besäßen sie freilich auch nur eine halbe Unze gesunden Verstand, gäbe es dann etwas Trostloseres und Fliehenswürdigeres als ihr Leben? Denn keiner wird es für ratsam erachten, sich durch Meineid oder Verwandtenmord in den Besitz der Macht zu bringen, der gründlich erwogen hat, welch ungeheure Last derjenige auf seine Schultern lädt, der ein wahrer Herrscher sein will. Er müßte sich Folgendes vor Augen halten: "Wer am Steuerruder des Staates sitzt, darf nur öffentliche, nicht aber private Interessen verfolgen und soll ausschließlich auf das Wohlergehen der Allgemeinheit bedacht sein; von den Gesetzen, die er selbst erläßt und vollstreckt, darf er keinen Finger breit abweichen; er muß sich für die Unbescholtenheit aller Beamten und Behörden verbürgen; auf ihn allein sind die Augen aller gerichtet, kann er doch entweder wie ein heilbringendes Gestirn durch seinen untadeligen Lebenswandel größten Segen über die Welt bringen oder aber wie ein unheildrohender Komet Verderben über sie hereinbrechen lassen. Wenn andere Menschen Fehler begehen, so spürt man das nicht im gleichen Maße, und die Folgen reichen nicht so weit. Ein Fürst aber nimmt eine so hohe Stellung ein, dass der kleinste Fehltritt dazu führt, daß im Nu eine verheerende moralische Pest unter sehr vielen Menschen um sich zu greifen beginnt. Ferner bringt das glückliche Los eines Mächtigen vieles mit sich, was gern vom rechten Weg ablenkt, wie zum Beispiel extravagante Vergnügungen, Zügellosigkeit, Speichelleckerei, Prunksucht; da heißt es denn für ihn, sich recht scharf ins Zeug zu legen und mit Argusaugen auf der Hut zu sein, um ja nicht, und sei es auch nur als Opfer einer Täuschung, irgendwo seine Pflicht zu versäumen. Und schließlich, um von heimtückischen Anschlägen, Haßausbrüchen und all den übrigen Gefahren und Ängsten erst gar nicht zu reden, schwebt drohend über seinem Haupt jener wahre König, der schon sehr bald von ihm auch über das geringste Vergehen Rechenschaft fordern wird, und zwar um so unerbittlicher, je herausragender einst seine Macht war. Ja, sage ich, wenn ein Fürst sich dies und dergleichen mehr sorgfältig durch den Kopf gehen ließe und er täte es, wenn er klug wäre , so könnte er, davon bin ich überzeugt, weder genüßlich schlafen noch essen. Nun aber stellen dank meiner Gnade die Mächtigen all diese Kümmernisse den Göttern anheim, leben wie die Paschas und leihen nur denen ihr Ohr, die mit erfreulichen Nachrichten aufzuwarten wissen, damit ja kein Sorgenwölkchen |
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Zeichnung:
Hans Holbein d. J. |
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