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Hintergrund
Die zionistische Bewegung strebte im späten 19. Jahrhundert
die Errichtung eines jüdischen Staates mit überwiegend, wenn nicht
sogar rein jüdischer Bevölkerung in Palästina an.
Dies war als Lösung der so genannten jüdischen Frage gedacht, also
der Wechselbeziehung zwischen Juden und Nichtjuden, die von Zurückweisung
(oder Antisemitismus) und Anziehung (oder Assimilation) geprägt war.
Als die zionistische Bewegung nach der Veröffentlichung der Balfour-Erklärung
durch Großbritannien erst einmal in Palästina Fuß gefasst
hatte, stellte die einheimische arabische Bevölkerung das größte
Hindernis bei der Schaffung eines solchen Staates dar. Denn unmittelbar vor
der zionistischen Besiedlung war der überwiegende Teil der Bevölkerung
Palästinas nicht jüdisch, sondern muslimisch- und christlich-arabisch.
Den wichtigsten Gruppen quer durch das zionistische Spektrum war von Anfang
an klar, dass die einheimische arabische Bevölkerung Palästinas
ihre Enteignung nicht stillschweigend hinnehmen würde. »Der Zionismus
war nicht, wie häufig behauptet wird, blind gegenüber der Anwesenheit
von Arabern in Palästina«, bemerkt Zeev Sternhell. »Zionistische
Intellektuelle und Politiker schenkten dem >arabischen Dilemma< vor
allem deshalb keine Beachtung, weil sie wussten, dass es innerhalb des zionistischen
Weltbildes keine Lösung für dieses Problem gab....
Im Allgemeinen durchschauten beide Seiten einander recht gut und wussten,
dass die Verwirklichung des Zionismus nur auf Kosten der palästinensischen
Araber möglich war.« Moshe Shertok (später Sharett) tat
die Überzeugung derjenigen, die von »>beiderseitigen Missverständnissen<
zwischen uns und den Arabern, von >gemeinsamen Interessen< [und]
von >der Möglichkeit von Einheit und Frieden zwischen zwei Bruder
- Völkern«< sprachen, verächtlich als »trügerische
Hoffnungen« ab. »Die Geschichte kennt kein einziges Beispiel«,
fasste David Ben-Gurion das Kernproblem prägnant in Worte, »dass
ein Volk die Tore seines Landes nicht aus der Notwendigkeit heraus öffnet,
... sondern weil das Volk, das Einlass begehrt, seinen Wunsch nach diesem
Land deutlich gemacht hat.«
»Die Tragödie des Zionismus war«, so
Walter Laqueur in seinem historischen Standardwerk, »dass er auf
der internationalen Bühne erschien, als es keine weißen Flecken
mehr auf der Weltkarte gab.« Das ist nicht ganz richtig. Es war
wohl eher so, dass es politisch nicht mehr haltbar war, derartige Flecken
zu schaffen: Die Möglichkeit einer Eroberung durch die Vernichtung
eines Volkes war nicht mehr gegeben. Im Grunde hatte die zionistische
Bewegung lediglich die Wahl zwischen zwei Strategien, um ihr Ziel zu erreichen:
dem, was Benny Morris »den Weg Südafrikas« nannte - »die
Schaffung eines Apartheidstaates, in dem sich eine Minderheit von Siedlern
zu Herren über eine große, ausgebeutete einheimische Mehrheit
aufschwingt« -, oder »dem Weg des Transfers« - »wenn
man alle oder die meisten Araber um- oder aussiedeln würde, könnte
man einen homogenen jüdischen Staat oder zumindest einen Staat mit
einer überwältigenden jüdischen Mehrheit schaffen«.
Zionistische
Grundeinstellungen:
Theorie und Praxis
des jüdischen Nationalismus
Das Buch "Zionism and the Arabs, 1882-1948: A Study
of Ideology" von Yosef Gorny ist das wichtigste Standardwerk über
den entscheidenden Zeitraum, in dem die zionistische Bewegung die ersten
Kontakte zur einheimischen arabischen Bevölkerung aufnahm, gegen
sie kämpfte und am Ende die Oberhand über sie gewann. Wie schon
der Untertitel des Buches andeutet, steht die zionistische Ideologie im
Zentrum der Untersuchung. Gorny zeigt in faszinierender Detailarbeit sowohl
die ganze Vielfalt zionisti-scher Ideen als auch ihren harten Kern, der
jeden modus vivendi mit den Arabern Palästinas von vornherein
ausschloss.
Definition
des zionistischen Projekts
Gorny arbeitet zunächst den »ideologischen Konsens« heraus,
der die Grundlage bildete, auf der sich das zionistische Denken zum Teil
- wenn nicht sogar in seiner ganzen Bandbreite - entwickelte. Im Verlauf
der Studie wird immer wieder betont, dass eines der Elemente, aus denen
dieser Konsens bestand, zentraler Bestandteil der zionistischen Überzeugungen
war und das wesentliche Hindernis für jede Einigung mit den Arabern
darstellte: Die Zielvorstellung, dass Palästina einmal von
einer jüdischen Mehrheit bevölkert sein sollte. |
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Auf der Grundlage dieses ideo-logischen Konsenses bestanden nebeneinander
drei unterschied-liche Strömungen: der politische Zionismus,
der Arbeiterzionismus und der Kulturzionismus. Jede dieser Strömungen
vertrat die Forderung nach einer jüdischen Mehrheit, aber aus nicht
ganz identischen Gründen.
Der Liberalismus der Französischen
Revolution steht und fällt mit der Vorstellung, dass eine rationale und
gerechte soziale Ordnung auf gemeinsamen politischen, d. h. demokratischen
Werten aufgebaut werden kann und muss. Daher wurde der Nationalstaat vor allem
als eine Beziehung aufgefasst, die über einen Konsens geregelt ist, und
der Bürger galt als seine unverzichtbare und grundlegende Einheit. |
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Der politische Zionismus ging aus der Reaktion auf den
Rationalismus und Liberalismus der Aufklärung in der Zeit nach der
Französischen Revolution hervor. Sein Ausgangspunkt war die Annahme,
dass die Idee der Demokratie am Ende sei. Romantische Nationalisten waren
der Meinung, dass bestimmte Individuen durch tiefere Bindungen »auf
natürliche Weise« miteinander verbunden waren und andere daher
»auf natürliche Weise« ausgeschlossen. Daraus folgerten
sie, dass jede dieser organisch verbundenen Gemeinschaften idealerweise
mit einem eigenen Staat ausgestattet sein müsste. Hans Kohn, wahrscheinlich
die bedeutendste Autorität auf dem Gebiet des modernen Nationalismus
(der selbst einmal Zionist war), zeigt zunächst, dass das Denken
Theodor Herzls, des Gründers des modernen Zionismus,
auf solche »deutsche Quellen« zurückgeht
und fährt fort:
Der alldeutschen Ideologie zufolge sollten Menschen gemeinsamer Abstammung
... einen gemeinsamen Staat bilden. Dem Pangermanismus lag die Vorstellung
zu Grunde, dass alle Personen deutscher Rasse und Abstammung oder deutschen
Blutes in erster Linie zur Loyalität gegenüber Deutschland verpflichtet
seien und Staatsangehörige Deutschlands, ihres wirklichen Heimatlandes,
werden sollten. Dabei spielte es keine Rolle, wo sie lebten oder welchem
Staat sie angehörten. Sie selbst, ja selbst ihre Väter und Vorväter,
mochten unter »fremden« Himmeln oder in »fremden«
Umgebungen aufgewachsen sein, ihre grundlegende innere »Wirklichkeit«
blieb deutsch.
Der spezifisch zionistische Zugang zur »jüdischen
Frage« war von vergleichbaren Annahmen durchdrungen. Seine Anhänger
in der gesamten Diaspora vertraten die Ansicht, dass Juden eine »fremde«
Gruppe innerhalb von Staaten darstellten, die anderen, numerisch überlegenen
Nationen »gehörten«. Antisemitismus
war aus ihrer Sicht die natürliche Reaktion eines organischen Ganzen,
das von einem »Fremdkörper« (oder einem zu aufdringlichen
»Fremdkörper«) »infiziert« war. In Wirklichkeit
reproduzierte die zionistische Analyse der »jüdischen
Frage« die Überlegungen des antisemitischen Lagers, das sich
auf dieselben Behauptungen berief, um den Judenhass zu rechtfertigen.
Das Heilmittel, das der Zionismus gegen das Dilemma der
Lage der Juden verordnete, war auch in der Logik des Antisemitismus
enthalten. Der politische Zionismus war nicht darauf
ausgerichtet, den Antisemitismus zu bekämpfen, denn
dies galt bestenfalls als weltfremd. Vielmehr ging es ihm darum, einen
modus vivendi mit dem Antisemitismus zu finden.
Der zionistische Ansatz war, dass die jüdische Nation
die »jüdische Frage« lösen sollte, indem sie sich
(wieder) einen Staat schuf, der ihr »gehörte«. Zu diesem
Zweck mussten sich die Juden irgendwo als Mehrheit konstituieren. Denn
kam die Staatenlosigkeit der Juden nicht daher, dass sie überall
in der Diaspora numerisch in der Minderheit waren? Irgendwo in der Mehrheit
zu sein würde folglich den grundlegenden Anspruch der Juden auf einen
Staat legitimieren. Der führende revisionistische Zionist
Vladimir
Jabotinsky, der den zionistischen Konsens angemessen
repräsentiert (S. 165; wenn nicht anders angegeben, beziehen sich
die Seitenzahlen in diesem Kapitel auf Gornys Buch), äußerte
daher, dass die »Entstehung einer jüdischen Mehrheit ... das
grundlegende Ziel des Zionismus« sei, denn »der Begriff >Jüdischer
Staat< beinhaltet ... eine jüdische Mehrheit« und Palästina
»wird zu einem jüdischen Land werden, sobald die Juden
dort in der Mehrheit sind« (S. 169, 170-171, 233).
>Auszug<
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