Jenseits von Links und Rechts
 
 


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Suhrkamp Verlag
3. Aufl.
338 S. Kt.Euro (D) 15,80
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Moderne mit negativem Vorzeichen
Ökologische Fragestellungen
und die Politik der Lebensführung

Kann der erstaunliche Aufschwung grüner Ideen während der letzten Jahrzehnte als Beginn einer erneuerten politisch radikaldemokratischen Bewegung gelten? Die Verfechter ökologischer Ansichten sind gewiß dieser Ansicht. So meint z. B. Carolyn Merchant, daß die »radikale Ökologie« Vorschläge mache für ein »neues Bewußtsein von unserer Verantwortung für die restliche Natur und die übrigen Menschen. Sie strebt eine neue Ethik der Natur und der Bildung des Menschen an. Sie befähigt die Menschen zu Veränderungen der Welt, die mit einer neuen sozialen Sichtweise und einer neuen Ethik in Einklang zu bringen sind.«

Murray Bookchin ist nur einer von vielen Autoren, die die Ansicht vertreten, daß das ökologische Denken, wie er schreibt, »den Grundgedanken der radikalen Kritik des sozialen Lebens wiederbeleben« könne.

Heute habe das radikale Denken, wie er geltend macht, seine Identität verloren. Was wir jetzt »radikal« nennen also der Radikalismus der Linken-, sei zu einem »scheußlichen Abklatsch von drei Jahrhunderten revolutionären Widerstands« geworden und bestehe aus »bloßen Schatten der direkten Aktion, des kampfbereiten Engagements, der rebellischen Konflikte und des sozialen Idealismus, die kennzeichnend waren für jedes revolutionäre Vorhaben der Geschichte«. Der Marxismus und der Sozialismus überhaupt seien Komplizen der gesellschaftlichen Ordnung, die sie anzugreifen behaupten. Lenins Beschreibung, wonach der Marxismus »nichts weiter« sei »als das dem ganzen Volk nutzbar gemachte staatskapitalistische Monopol«, ist nach Bookchins These keine Vulgärfassung der Marxschen Ideen, sondern bringe den eigentlichen Charakter des sozialistischen Projekts ans Licht. Die Aufklärung habe noch eine ethische Vorstellung vom guten Leben gehabt, die jedoch vom Sozialismus nicht entfaltet, sondern verraten worden sei. In den sozialistischen Theorien (sowie in einigen in anderen Hinsichten recht gegensätzlichen Lehrgebäuden) »wird die Natur zum erstenmal als bloßes Objekt der Menschheit, als reiner Nutzgegenstand hingestellt; als eigenständige Macht wird sie nicht mehr anerkannt, und die theoretische Erkenntnis ihrer unabhängigen Gesetze wirkt nun lediglich wie eine List, durch die sie menschlichen Erfordernissen unterworfen werden soll, sei es als Gegenstand der Konsumtion oder als Mittel der Produktion«.

Durch die ökologische Bewegung, schreibt Bookchin im weiteren, könne der Radikalismus gerettet und sogar vertieft werden. Durch die Trennung des Menschen von der Natur und den daran anschließenden ökologischen Verfall seien die meisten Vorteile zunichte gemacht worden, die man im Laufe mehrerer Jahrhunderte wirtschaftlicher »Entwicklung« errungen hatte. Zwischen der Natur und dem sozialen Leben der Menschen müsse wieder eine harmonische Beziehung hergestellt werden, die sich auf tiefgreifende Änderungen unserer derzeitigen Lebensweisen stützen soll. Es obliege uns, »ein neues Empfinden für die Biosphäre« zu kultivieren und »die Verbindung der Menschheit zur Erde, zum pflanzlichen und tierischen Leben, zur Sonne und zum Wind wiederherzustellen«.

In einer ökologischen Gesellschaft würden nach Bookchins Auffassung das Gleichgewicht und die Unversehrtheit der Biosphäre um ihrer selbst willen bewahrt oder wiederhergestellt. Eine solche Gesellschaft würde sich auch für die Vielfalt der menschlichen Gruppen und in der Natur einsetzen. Vorbedingung wäre eine drastische Dezentralisierung der Macht, die an lokale und sich selbst regierende Gemeinschaften überginge. Diese Gemeinschaften würden auf anspruchslosen technischen Verfahren basieren und hätten als Richtschnur »einen ethischen Holismus, der in den objektiven Werten wurzelt, die aus Ökologie und Anarchismus hervorgehen".

In den Schriften zur politischen Theorie der Grünen wird häufig über die von Arne Naess vertretene »tiefe« Ökologie debattiert, in der vergleichbare Ideen dargelegt werden. Um es knapp zu formulieren, meint die tiefe Ökologie, es sei eine neue politische und moralische Philosophie nötig, die den Menschen nicht als ein der Natur überlegenes, sondern als ein in ihr verwurzeltes und aus ihr hervorgehendes Wesen ansieht. Der »biosphärischen Gleichheit« entsprechend wird dem Menschen ein Ort auf derselben Ebene zugewiesen, auf der auch alle übrigen Lebewesen stehen. Ferner betont die tiefe Ökologie die wechselseitigen Zusammenhänge in der Natur wie in der sozialen Gemeinschaft. Von »primitiven« Kulturen seien diese Zusammenhänge, wie es heißt, noch begriffen worden, während den modernen Zivilisationen dieses Verständnis abhanden gekommen sei. Vorbilder, zu denen die Menschheit zurückkehren sollte, liefern die Pflanzer sowie die Jäger und Sammler, obwohl diese Gruppen durch den »Fortschritt« der Moderne so gut wie ausgerottet worden sind. Als Richtschnur für alle ökologischen Regionen sollte die menschliche Fähigkeit zum Tragen von Lasten dienen. Die Menschen seien imstande, als »Primitive der Zukunft« zu leben und als »Ein-Wohner« des Landes die ökologische Mannigfaltigkeit wiederzugewinnen. Bei Edward Goldsmith heißt es: »Es sind die traditionalen Gesellschaften der Vergangenheit, von denen wir uns anregen lassen müssen. «

EINLEITUNG
Auszüge

Was kann radikal-politische Kritik* heute noch bedeuten? Das Gespenst, das einst das europäische Bürgertum um den Schlaf brachte und dann über siebzig Jahre lang körperliche Gestalt annahm, ist ja inzwischen in die Unterwelt zurückgeschickt worden. Die Hoffnungen der radikal-politischen Kritiker auf eine Gesellschaft, in der die Menschen, wie Marx sagt, wahrhaft frei sein könnten, haben sich offenbar als leere Träumereien erwiesen.

Lange Zeit wurde radikal-politische Kritik in erster Linie mit sozialistischen Ideen in Verbindung gebracht. "Radikal kritisch sein" bedeutete eine bestimmte Auffassung über die der Geschichte innewohnenden Möglichkeiten. Radikalismus hieß, mit der Vergangenheit zu brechen. Mancher Radikale hat eine revolutionäre Anschauung vertreten, wonach die Revolution - und vielleicht nur die Revolution - den angestrebten Bruch mit dem früheren Geschehen herbeiführen könne. Doch der Revolutionsbegriff ist nie das eigentliche Definitionsmerkmal des politischen Radikalismus gewesen, sondern der Fortschrittsgedanke. Die geschichtliche Entwicklung müsse man in den Griff bekommen und sie den menschlichen Zwecken entsprechend gestalten, um so die Vorteile, die in früheren Zeiten gottgegeben und einer kleinen Minderheit vorbehalten zu sein schienen, auszubauen und durch Umstrukturierung der Gesamtheit nutzbar zu machen.

Radikal-politische Kritik, also der Griff nach den Wurzeln der Dinge, war nicht allein auf Veränderung bedacht, sondern der Wandel sollte so gesteuert werden, daß es zu geschichtlichen Fortschritten käme. Ebendieses Vorhaben ist heute offenbar gescheitert. Wie soll man auf eine derartige Situation reagieren? Manche behaupten, die Möglichkeiten radikaler, grundlegender Veränderung seien verbaut. Die Geschichte habe sozusagen ihr Ende erreicht und das sozialistische Ziel sei zu weit gesteckt gewesen. Könnte man dem aber nicht entgegenhalten, die Veränderungsmöglichkeiten seien keineswegs verbaut, vielmehr krankten wir an einer Überfülle solcher Möglichkeiten? Denn irgendwann gelangt man an einen Punkt, an dem ständiger Wandel nicht nur Unruhe schafft, sondern geradezu verheerend wirkt - und in vielen Bereichen des sozialen Lebens ist dieser Punkt gewiß schon erreicht.

Eine solche Überlegung führt allem Anschein nach weg von der radikal-politischen Kritik im herkömmlichen Sinne - sie führt zum Konservatismus. Seit Edmund Burke ist es das Hauptanliegen des konservativen Denkens, die meisten oder alle Formen radikalen Wandels mit Argwohn zu betrachten. Doch hier stoßen wir auf etwas ganz Überraschendes, das der Erklärung bedarf. Der Konservatismus hat sich in einigen seiner in Europa derzeit besonders einflußreichen Erscheinungsformen sowie in gewissem Maße auch in anderen Gegenden der Welt mehr oder weniger genau das zu eigen gemacht, was er früher verwerfen wollte, nämlich den wettbewerbsorientierten Kapitalismus sowie die einschneidenden und weitreichenden Veränderungsprozesse, die der Kapitalismus auszulösen tendiert. Viele Konservative vertreten heute einen aktiven Radikalismus im Hinblick auf ebenjenes Phänomen, das ihnen früher besonders lieb war: die Tradition. Wo hört man denn heute Äußerungen, die von der Vergangenheit ererbten Fossilien sollten abgeschafft werden? Nicht von der Linken, sondern von der Rechten.

Der radikal gewordene Konservatismus steht nun dem konservativ gewordenen Sozialismus gegenüber. Seit dem Verfall der Sowjetunion konzentrieren viele Sozialisten ihre Kräfte auf die Verteidigung des Sozialstaats gegen den Druck, dem er inzwischen ausgesetzt ist. Von einigen Sozialisten wird zwar weiterhin behauptet, der eigentliche Sozialismus sei noch nie erprobt worden und das Verschwinden des Kommunismus sei keine Katastrophe, sondern ein unverhoffter Glücksfall. Nach dieser Anschauung war der Kommunismus eine Form von autoritärem Dogmatismus, die sich vom Verrat an der Revolution herschreibe, während der Reformsozialismus westeuropäischer Prägung einen Niedergang erlebt habe, weil er, anstatt den Kapitalismus zu überholen, sich diesem anzupassen versucht habe. Diese These wirkt allerdings wirklich abgeschmackt, und die meisten Sozialisten sind zurückgeworfen in die Defensive, indes ihre Position in der "Avantgarde" der historischen Entwicklung auf die bescheidenere Aufgabe zurückgeschraubt wurde, den Sozialstaat zu schützen.

Freilich kennen die Radikalen der Linken noch eine andere Richtung, in die sie ihren Blick lenken können, nämlich die Richtung der neuen sozialen Bewegungen, bei denen es um Feminismus, Ökologie, Frieden oder Menschenrechte geht. Auf den Allgemeinbegriff des Proletariers können sich die historischen Bestrebungen der Linken nicht mehr stützen. Werden diese neuen Instanzen womöglich jene Rolle übernehmen? Denn derartige Gruppen verfolgen nicht nur "progressive" Ziele, sondern die von ihnen bevorzugte politische Organisationsweise ist die gleiche wie die, von der man einst annahm, daß sie das Proletariat zum letztlichen Sieg führen werde.

Es liegt jedoch auf der Hand, daß sich die neuen sozialen Bewegungen nicht ohne weiteres für den Sozialismus reklamieren lassen. Zwar kommen die Bestrebungen einiger solcher Bewegungen sozialistischen Idealen nahe, doch ihre Zielsetzungen sind ganz verschiedenartig, mitunter sogar völlig entgegengesetzt. Sieht man von einigen Gruppierungen der Grünen ab, so kennen die neuen sozialen Bewegungen nicht das "Totalisierende", das der Sozialismus an sich hat (bzw. hatte), indem er eine neue Phase der sozialen Entwicklung verhieß, die über die existierende Ordnung hinausgehen werde. Manche Spielarten des feministischen Denkens z. B. sind nicht weniger radikal als alles, was man bisher als Sozialismus bezeichnet hat. Dennoch haben sie nicht vor, die Zukunft in der gleichen Weise zu lenken, in der die besonders ehrgeizigen Versionen des Sozialismus das wollten.

Im ausgehenden 20. Jahrhundert zeigt sich also, daß sich die Welt nicht so entwickelt hat, wie die Begründer des Sozialismus es vorausgesehen hatten, als sie die Geschichte durch Überwindung von Tradition und Dogma in eine bestimmte Richtung lenken wollten. Sie hegten die gar nicht unvernünftige Meinung, daß wir, die gesamte Menschheit, die soziale und materielle Realität um so eher im eigenen Interesse zu steuern vermöchten, je mehr wir darüber in Erfahrung brächten. Vor allem was das soziale Leben angehe, seien die Menschen imstande, nicht nur Urheber, sondern auch Herren des eigenen Geschicks zu werden.

Von den Ereignissen sind diese Gedanken nicht bestätigt worden. Die Welt, in der wir heute leben, unterliegt nicht der strengen Herrschaft des Menschen - eine Vorstellung, die die Bestrebungen der Linken geleitet hatte, während sie der Rechten, wie man sagen könnte, Alpträume bereitete. Nahezu das Gegenteil ist der Fall, denn die Gegenwart ist durch Verwerfungen und Ungewißheit gekennzeichnet, ist eine Welt "ohne Zügel". Beunruhigend ist dabei, daß gerade das Moment, das immer größere Gewißheit schaffen sollte (das Fortschreiten der menschlichen Erkenntnis und die "kontrollierte Einflußnahme" auf Gesellschaft und Natur), in Wirklichkeit durch und durch verstrickt ist in diese Unvorhersagbarkeit. Beispiele gibt es in Hülle und Fülle. Betrachten wir etwa die Auseinandersetzung über den globalen Treibhauseffekt, bei der es um die möglichen Auswirkungen menschlichen Handelns auf den Klimawandel geht. Erwärmt sich die Erde wirklich, oder verhält es sich nicht so? Die Mehrheit der Naturwissenschaftler ist wahrscheinlich der übereinstimmenden Meinung, daß es diesen Effekt wirklich gibt. Doch von anderen Wissenschaftlern wird entweder das Vorhandensein dieses Phänomens selbst oder die zu dessen Erklärung aufgestellte Theorie in Zweifel gezogen. Sofern der globale Treibhauseffekt tatsächlich stattfindet, sind die Konsequenzen nur schwer abzusehen und werfen Probleme auf, denn hier handelt es sich um einen Vorgang ohne Beispiel.

Mit Bezug auf die derart hervorgerufenen Ungewißheiten werde ich allgemein von hergestellter Unsicherheit sprechen. Das Leben ist immer schon eine riskante Angelegenheit gewesen. Das Eindringen der hergestellten Unsicherheit in unser Leben bedeutet nicht, daß unser Dasein auf individueller oder kollektiver Ebene gefährlicher geworden ist, als es bisher zu sein pflegte. Vielmehr sind es die Ursachen und der Umfang der Risiken, die sich geändert haben. Die hergestellte Unsicherheit ist ein Ergebnis menschlicher Eingriffe in die Bedingungen des sozialen Lebens und in die Natur. Die dadurch erzeugten Ungewißheiten (und Chancen) sind großenteils neu. Mit überkommenen Mitteln ist ihnen nicht beizukommen. Aber auf das Aufklärungsrezept
"Je mehr Erkenntnis, um so mehr Kontrolle" sprechen sie ebensowenig an. Um es genauer zu formulieren: Bei den Reaktionen, die solche Risiken heute auslösen, handelt es sich oft zugleich um Schadensbegrenzung und -behebung wie um den endlosen Prozeß zunehmender Beherrschung.

Die Herausbildung hergestellter Unsicherheit ist das Ergebnis der langfristigen Entwicklung der Institutionen der Moderne. Aber zugleich ist die beschleunigte Zunahme dieser Unsicherheit das Ergebnis einer Reihe von Vorgängen, die die Gesellschaft (und die Natur) in höchstens vier oder fünf Jahrzehnten umgestaltet haben. Will man den veränderten Kontext des politischen Lebens begreifen, ist eine genaue Bestimmung dieser Entwicklungen unerläßlich. Drei Gruppen von Entwicklungen sind hier besonders wichtig. Vor allem betreffen sie die industrialisierten Länder, aber ihre Auswirkungen beeinflussen in immer höherem Maße die gesamte Welt.

ANTHONY GIDDENS

Der 1938 geborene Anthony Giddens gilt als wichtigster englischer Soziologe der Gegenwart. Er ist Absolvent der Universität von Cambridge. Von 1985 bis 1996 lehrte er Soziologie am King's College der Universität Cambridge, seit 1997 ist er Direktor der renommierten London School of Economics and Politics (LSE).

Er zählt zum Beraterkreis des britischen Premierministers und Labour-Partei-Chefs Tony Blair.

Sein Hauptwerk, die Strukturationstheorie erschien 1984. Seither hat sich Giddens insbesondere im Rahmen der Globalisierungsdebatte in verschiedenen Publikationen immer wieder mit einer gesellschaftskritischen Politik jenseits aller eingefahrenen Denkmuster beschäftigt.

"Giddens ist maßgeblicher Denker von New Labour und Verfechter des Anspruchs, den Wohlfahrtsstaat in Zeiten der Globalisierung neu zu formen. Der Sozialismus sei kollabiert, der Konservatismus in großer Krise und der Liberalismus nicht gut genug, alleine das ganze Geschäft zu machen, so heißt Giddens' Credo",
schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung anläßlich der Verleihung des Preller-Preises an Anthony Giddens im Dezember 1997 in Frankfurt.

BIBLIOGRAPHIE

Im Suhrkamp Verlag sind erschienen:

Konsequenzen der Moderne
1995 und 1996

Reflexive Modernisierung.
Eine Kontroverse.

1996

Jenseits von Links und Rechts.
Die Zukunft radiakaler Demokratie.

1997

Der dritte Weg. Die Erneuerung
der sozialen Demokratie.

1999

Die Frage der sozialen Ungleichheit.
2001

Die entfesselte Welt.
Wie die Glabalisierung unser Leben verändert.

2001

Trotz der feindseligen Haltung solcher Autoren wie Bookchin gegenüber der Linken haben sich viele Autoren dieser Couleur dem ökologischen Denken zugewandt. Der Schritt von Rot zu Grün gewährt dem verhinderten Radikalismus schließlich ein hilfreiches Refugium. Warum soll man nicht an grüne Utopien denken, wenn die sozialistische Revolution nicht mehr machbar ist? Denn wenn der Kapitalismus doch nicht in eine Wirtschaftskrise stürzt, die den Übergang zum Sozialismus aus sich erzeugt, fragt es sich, ob er nicht vielleicht der ökologischen Krise zum Opfer fallen wird. So spricht Alain Lipietz in Anlehnung an das Kommunistische Manifest von einem »Gespenst«, das um die Wende zum neuen Jahrtausend in der Welt umgehe, und dieses Gespenst sei nicht mehr der Kommunismus, sondern der ökologische Radikalismus.

Verbrechen an der Natur«, schreibt Lipietz, »werden immer häufiger, und jedes Verbrechen an der Natur ist ein Verbrechen an der Menschheit«. Die Logik der kapitalistischen Akkumulation beruhe auf der Maximierung der wirtschaftlichen Erträge auf Kosten aller anderen Dinge und führe zu einer Ausbeutung der Natur, durch die wir heute in eine extrem prekäre Situation geraten seien. Die alles umfassende Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise habe »unser Ökosystem völlig durchdrungen und die Zeit, die uns noch bleibt zur Anpassung an den von uns selbst verursachten Bruch, beträchtlich verringert«. Teillösungen seien ausgeschlossen, nur gründlichere Lösungen seien möglich: »Die Ökologie, die früher an der >Peripherie< der Ökonomie lag, bildet heute den innersten Kern des Problems. [ . . . ] Die von uns selbst ausgehende Herausforderung besteht darin, daß wir die Verantwortung übernehmen müssen für das Schicksal des ganzen Planeten.«

Aber obwohl die grünen Bewegungen geneigt sind, sich links anzusiedeln, besteht keine offensichtliche Affinität zwischen der radikalen Ökologie und dem linksgerichteten Denken. Frühe Formen der Ökologie und des Naturschutzgedankens resultierten vor allem aus der Modernisierungskritik der Altkonservativen. Es war Edmund Burke, der schrieb, daß die Französische Revolution alles »vom Weg der Natur abgebracht und in dieses sonderbare Chaos der Verwegenheit und Gemeinheit gelenkt« habe. Die Natur müsse verteidigt werden gegen das Eindringen des ökonomischen Expansionismus, der sowohl ihre inneren Harmonien als auch ihre Schönheiten bedrohe.
Solche Gedanken wurden dann im Faschismus wichtig, und die Nationalsozialisten planten bedeutende Naturschutz- und Aufforstungsvorhaben.

Diese historischen Verbindungen zwischen den grünen Weltanschauungen und dem Konservatismus sind offensichtlich. Wie immer die »Bewahrung der Natur« interpretiert wird, weist sie deutliche Verbindungen auf zum Konservatismus im Sinne der Bewahrung des Vergangenheitserbes. Zu den Schlüsselbegriffen der grünen Theorie gehört auch die Vorstellung von einer nachhaltigen Entwicklung, der Förderung lokaler Vielfalt oder der Achtung vor der wechselseitigen Abhängigkeit der Dinge, und in diesen Vorstellungen hallen Grundströmungen des philosophischen Konservatismus wider. Die Thesen der ökologischen Theoretiker stimmen manchmal genau mit denen der Konservativen überein. So schreibt Goldsmith z. B. über den Niedergang der Gemeinschaft und der Familie: »Der größte Schaden, den der Sozialstaat angerichtet hat, [...] ist die Auflösung der Familie«. Diese »Grundinstanz des menschlichen Verhaltens, ohne die es gar keine stabile Gesellschaft geben kann, vermag nicht zu überleben in einer Situation, in der der Staat die Aufgaben an sich gerissen hat, die normalerweise von der Familie erfüllt werden sollten«. Anschließend behandelt Goldsmith das Thema der Geschlechterrollen und behauptet, daß die natürlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen die Grundlage der Arbeitsteilung bilden sollten: »Männer und Frauen sehen verschieden aus, und zwar aus dem sehr triftigen Grund, daß sie wirklich verschieden sind. Heute werden die Frauen denselben Bildungsmaßnahmen ausgesetzt wie die Männer und werden auf jede Weise dazu angehalten, mit den Männern zu konkurrieren. Das kann nichts anderes bedeuten als den weiteren Niedergang der Familie, deren Weiterbestehen von einer deutlichen Arbeitsteilung ihrer Mitglieder abhängt.«


Bei John Gray findet sich die Feststellung, daß grüne Autoren und grüne Parteien in letzter Zeit immer wieder von konservativen Kritikern angegriffen worden sind. Unter anderem sei den Grünen vorgeworfen worden, sie propagierten in kaschierter Form sozialistische Ideen, seien wissenschaftsfeindlich, stellten völlig unbegründete apokalyptische Behauptungen auf und zersetzten die Sozialbeziehungen. Dennoch seien den Grünen und dem Konservatismus eine ganze Reihe von Gedanken gemeinsam, nämlich die Idee »des Gesellschaftsvertrags, der nicht als Abmachung zwischen anonymen und kurzlebigen Individuen aufgefaßt wird, sondern als Abmachung zwischen den Generationen der Lebenden, der Toten und der noch Ungeborenen; die Tory-Skepsis in bezug auf den Fortschritt sowie die Einsicht in die entsprechenden Ironien und Täuschungen; der konservative Widerstand gegen unerprobte Neuheiten und großangelegte soziale Experimente sowie ganz besonders der traditionelle konservative Lehrsatz, der einzelne könne nur im Kontext gemeinsamer Lebensformen gedeihen«. Tatsächlich möchte Gray grüne Gedanken für den Konservatismus nutzbar machen, wobei er weiterreichende grüne Vorschläge für Gesellschaftsreformen abschwächt.

Mit dem Konservativismus stehen die ökologischen Ideen allerdings ebensowenig in privilegierter Verbindung wie mit der Linken oder dem Liberalismus. Zutreffender wäre es, die philosophischen Anschauungen der Grünen als Ausdruck der politischen Orientierungswechsel aufzufassen, die in dieser Studie durchweg dokumentiert werden sollen. Die Anschauungen der Grünen sind weder ausgesprochen rechts noch ausgesprochen links. Sie widersetzen sich jenem Fortschrittsdenken, nach dessen Auffassung alles so verändert werden kann, daß es besser wird; doch zur gleichen Zeit vertreten sie Formen des Radikalismus, deren Folgen weit über das hinausreichen, was im üblichen Rahmen des Sozialismus zur Darstellung käme. Aus dieser Feststellung resultiert allerdings nicht, daß wir die politische Theorie der Grünen für bare Münze nehmen sollten; diese Theorie ist im gleichen Maße Ausdruck wie Lösungsvorschlag der sozialen und politischen Probleme, denen wir heutzutage gegenüberstehen. Und selbstverständlich kennt die politische Philosophie der Grünen natürlich eine Vielzahl von Lesarten, die durchaus nicht alle miteinander in Einklang gebracht werden können.

* Der englische Ausdruck "radical" wird im folgenden, je nach Kontext, mit "radikal kritisch", "radikal-demokratisch" wiedergegeben. (Anm. d. Übers.)

Auszug - Ende

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