Lucius Annaeus Seneca
* 1 n. Chr. † 65 n. Chr.
Wege zur inneren Freiheit

Seneca, Philosoph, Dichter

Philosophie

emu verlag
F:11x16,5cm - ca. 160 S.
Euro (D) 11,--
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De brevetate vitae
Die Kürze des Lebens
Seneca


Seneca, Gemälde von Rubens - Selbsttötung auf Befehl
Museum Prado Madrid ©

Mit vergeblichem Kummer, törichten Freuden und gierigen Leidenschaften verschwenden wir den kostbaren Rohstoff Zeit, als ob er uns unermesslich zur Verfügung stünde:

Ihr lebt, als würdet ihr immer leben, niemals kommt euch in den Sinn, wie karg ihr bedacht seid. Man kann die meisten sagen hören: "Vom fünfzigsten Jahre an will ich mich in den Ruhestand zurückziehen.” Oder: „Das sechzigste Jahr soll mich von allen Geschäften losmachen.”

Diese Rechnung ist lebensgefährlich. Denn:
Wie viel zu spät ist es doch, dann erst zu leben anzufangen, wenn man aufhören soll! Welch törichtes Vergessen der Sterblichkeit ist es, vernünftige Vorsätze auf das fünfzigste oder sechzigste Jahr hinauszuschieben und das Leben erst da beginnen zu wollen, wohin es nur wenige bringen!


Niemand achtet den Wert der Zeit. Man gebraucht sie verschwenderisch, als ob sie nichts koste. Dabei vergeuden wir uns und vertagen, nach Seneca, das Wesentliche immer wieder auf das Morgen:

Das Hinausschieben ist der größte Verlust fürs Leben; es verzettelt immer den nächsten Tag, es entreißt die Gegenwart, indem es auf die Zukunft verweist. Das größte Hindernis des Lebens ist die Erwartung, die vom Morgen abhängt.

Weil uns dann die Zeit knapp wird, versuchen wir das Tempo zu steigern:

Daher muss man mit der Eile der Zeit durch Schnelligkeit der Benutzung wetteifern und, wie aus einem reißenden Waldbache, der nicht immer strömen wird, rasch schöpfen . .. Die Sache eines sorglosen und ruhigen Gemütes ist es, alle Teile seines Lebens zu durchlaufen; die Seelen der Vielgeschäftigen können sich, als ob sie unter dem Joche wären, nicht wenden und zurückschauen. Ihr Leben ist also in die Tiefe entschwunden, und so wie es nichts hilft, wenn du auch noch so viel hineingießest, wenn nicht unten etwas ist, was es aufnehme und halte: So kommt auch nichts darauf an, wie viel Zeit gegeben wird, wenn nichts da ist, wo sie haften bleibt; durch schadhafte und durchlöcherte Seelen rinnt sie hindurch ....Dem Vielgeschäftigen gehört also bloß die Gegenwart, die so kurz ist, dass man sie nicht erfassen kann, und gerade sie entzieht sich den nach so vielen Seiten hin Zerstreuten.

Die Zerstreuten eilen nach Seneca von der einen Sache zu der anderen. Sie können nicht bei einem Verlangen stehen bleiben. Ihnen sind die Tage nicht lang, sondern verhasst:

Den Tag verlieren sie in Erwartung der Nacht, die Nacht in Furcht vor dem Tage. Ihre Vergnügungen selbst sind angstvoll und durch mancherlei Schrecken beunruhigt, und in ihrer ausgelassensten Freude beschleicht sie der Gedanke: Wie lange wird sie dauern?

Seneca spricht mit seinen Überlegungen über die Kürze des Lebens ein Problem an, das sich in der Neuzeit eminent verschärft hat. Denn der Zeitverschwendung unserer Ignoranz dem Wesentlichen des Lebens gegenüber, steht das Phänomen der rasanten mechanischen Beschleunigung und Verknappung einer inhaltsarmen Zeit entgegen. Marianne Gronemeyer hat diesen umwälzenden Geschichtsprozess in ihrem Buch

Das Leben als letzte Gelegenheit
meisterhaft analysiert.

Mit dem Projekt Moderne der neuzeitlichen Naturwissenschaft und Philosophie wurde die Herrschaft über die Natur statt die Partnerschaft mit ihr anvisiert. Damit geriet der Mensch philosophisch aus der Haltung der Geduld.

Wege zur inneren Freiheit
Mathias Jung

Auszüge


Mathias Jung

Dr. phil. Mathias Jung, 1942 in Düsseldorf geboren. Von 1948 - 1958 Jesuiteninternat, gefolgt vom Studium der Philosophie, Germanistik, Pädagogik in Münster, Wien, und Bonn.
Ab 1970 als FH-Dozent, Fachjournalist und freier Publizist tätig. Im Alter von 45 Jahren begann seine
sechsjährige Ausbildung zum Gestalttherapeuten, integrativer Therapeut bei Prof. Petzold (Düsseldorf-Hückeswagen), familiensystemische Ausbildung bei Dr. Hans Jellouschek (Tübingen). Seit 1992 als Einzel- und Gruppentherapeut sowie Paartherapeut zusammen mit seiner Schwester, Dipl-Psychologin Dr. Maria Theresia Jung im Dr.-Max-Otto-Brucker-Haus in Lahnstein, Koblenz tätig.

Sein neues Buch "Seneca" konfrontiert den Leser mit dem unverändert, radikal authentischen Denker Seneca. Seine provozierende Frage nach dem Wesen des Menschseins stellt Mathias Jung mit viel Feingefühl und Humor in seinem Buch "Seneca — Wege zur inneren Freiheit" zur Diskussion.


Der mittelalterliche Mensch akzeptierte den Tod als von Gott verhängten Abschluss des Lebens, hinter dem Himmel oder Hölle sich verbarg. Dem Menschen des Mittelalters war hiermit, wenn man so will, eine unendliche Zeitstrecke gegeben, eine kleine hier auf Erden, eine unendliche im Jenseits.
Als das neuzeitliche Individuum sich jedoch emanzipierte und sein Dasein im Wesentlichen als die Spanne zwischen dem Punkt A, der Geburt, und dem Punkt B, dem Tod, definierte, sah er sich mit tödlicher Dringlichkeit mit einer extrem begrenzten Lebensspanne konfrontiert. Wie nie zuvor erlebte der Mensch von jetzt an den Widerspruch zwischen dem Überangebot der Lebensoptionen einerseits und der Zeitknappheit andererseits. Was sollte er tun? Wenn das Versprechen der individuellen Unsterblichkeit mehr als brüchig geworden war - und fast alle modernen Philosophen von Voltaire über Kant bis Feuerbach, Marx, Nietzsche, Heidegger und Sartre reflektieren diesen Verlust der frühen Heilsgewissheit -, so muss die Verknappung der Zeit damit kompensiert werden, dass die Lebensschnelligkeit erhöht wird.

Marianne Gronemeyer sagt dazu:
Mit dem Anbruch des Maschinenzeitalters wurden die Kräfte entfesselt, die die Umdrehungsgeschwindigkeit des Laufs der Dinge schwindelerregend steigerten. Kraft und Antriebsmaschinen verfältigten die zur Verfügung stehenden Kräfte, und die Arbeitsteilung brachte zeitsparende Ordnung und Routine in die Arbeit.
Die Moderne bescherte so einen Triumph über die Langsamkeit. Der Zeitgewinn war jedoch zugleich mit einem Schwund der natürlichen Welt bezahlt. Das macht die Janusköpfigkeit des Fortschrittes aus. Er ist zugleich Gewinn und Verlust. Mit der Postkutsche brauchten unsere Vorfahren von Rügen bis Konstanz ungefähr zwei Wochen, mit dem Auto schaffen wir das heute problemlos in einem Tag. Aber, um diesen sensationellen Zeitgewinn zu realisieren, benötigen wir zuvor eine von uns präparierte künstliche, ja geschundene Welt.
Marianne Gronemeyer nennt den Preis:

Die Beschleunigung der Fortbewegung war ohne Raubbau an fossilen Brennstoffen, ohne Ausplünderung anderer Rohstofflager, ohne Hinterlassung dicker Luft, die man fast nur noch in Scheiben atmen kann, ohne Durchsäuerung des Bodens, die immer mehr Bäume zum Aufgeben zwingt, ohne Schädigung von Tausenden von Tier- und Pflanzenarten, ohne flächendeckenden Lärm rund um die Uhr nicht zu haben. ....

(... Ende vom Auszug)

Kürze des Lebens
Frage dich bei jeder Handlung: In welchem Verhältnis steht diese zu mir?
Werde ich sie nicht bereuen?
Bald schon werde ich gestorben und alles verschwunden sein. Was suche ich mehr, wenn ich im gegenwärtigen Augenblick als intelligentes Wesen handele, welches sich in den Dienst der menschlichen Gemeinschaft stellt und Gott gleichgestellt ist?

Marc Aurel (121 - 180 n. Ch.)
Selbstbetrachtungen

Je älter der Mensch wird, desto mehr trifft ihn in der Regel der Schock über die Kürze des Lebens. Wer kennt den Stoßseufzer nicht, mit dem wir zum fünfzigsten oder sechzigsten Geburtstag sagen: Jetzt möchte ich mit all meinem gegenwärtigen Wissen und meiner Lebenserfahrung das Leben noch einmal neu beginnen! Es gehört zu den Paradoxien des bewussten Lebens, daß es, kaum ist es, wie ein guter Wein, zur herbstlichen Fülle gelangt, schon wieder dem Ende entgegensteuert. Kosmisch gesehen, ist das winzige Leben eines menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Geschöpfes ohnehin nur eine Anekdote, ein Wimpernschlag im Kontinuum der Unendlichkeit. Vielen Menschen ist es nicht vergönnt, wie - dem biblischen Mythos nach - der steinalte Moses, die Welt restlos erfüllt und lebenssatt zu verlassen.--

Seneca hat zu diesem Thema eine seiner schönsten Schriften unter dem Titel De brevetate vitae, Über die Kürze des Lebens geschrieben. Ich liebe diese Betrachtung am meisten von allen Werken Senecas. Das hat damit zu tun, dass ich in den Herbst meines Lebens eingetreten bin und, wenn ich still werde, die Sanduhr der Endlichkeit leise rieseln höre und nach dem Sinn des Ganzen frage. Seneca wendet sich in dieser Schrift an seinen Freund Paulinus und registriert zu Beginn das Skandalon, das Ärgernis des Menschen:

Die Mehrzahl der Sterblichen klagt über die Ungunst der Natur, weil wir nur für eine kurze Lebensdauer geboren würden, weil die Frist der uns verliehenen Zeit so schnell, so reißend verlaufe, dass, sehr wenige ausgenommen, die meisten das Leben mitten unter den Zubereitungen für das Leben verlassen.

Es ist eine der großen Leistungen der stoischen Philosophie, die Menschen immer wieder auf die Kürze des Lebens und die Substanzlosigkeit der Polypragmasie, der hektischen Vielgeschäftigkeit, hingewiesen zu haben. Noch Marc Aurel, der 180 nach Christus in einem Feldlager bei Wien gestorbene wehrhafte Kaiser und bedeutende Denker, der die Stoa abschließt, machte die Philosophie zur ständigen Begleiterin. Sie half ihm, die Last der Regierungsgeschäfte zu tragen und mitten in der Rastlosigkeit seines Schicksals die Heiterkeit und den Frieden eines innerlich freien Menschen zu bewahren. Seine Selbstbetrachtung, das Reiterstandbild auf dem Capitol in Rom und die Markussäule auf der Piazza Colona erinnern bis heute an sein Wirken. In den Selbstbetrachtungen resümiert Marc Aurel, nicht anders als Seneca, den kurzen Bühnenauftritt der menschlichen Existenz und das theaterhaft Illusionäre unserer Wichtigtuerei:

Winzig ist also die Zeit, die jeder lebt, winzig das Fleckchen Erde, worauf er lebt; winzig auch der weitreichendste Nachruhm, dieser beruht auf der Überlieferung durch Menschen, die sehr bald sterben werden und nicht einmal sich selber kennen, geschweige denn den vor Zeiten Gestorbenen.

Ja, Marc Aurel empfiehlt sogar mit drastischen Worten, auf das Menschliche stets als etwas Vergängliches und Wertloses herabzuschauen.

Gestern ein bisschen Schleim, morgen Mumie oder Asche.

Wenige Denker haben so eindringlich das Hamsterrad unserer oft so sinnentleerten Geschäftigkeit beschrieben wie Seneca:

Den einen aber hält unersättliche Habsucht gefangen, einen anderen geschäftige Emsigkeit in überflüssiger Arbeit; der eine ersäuft im Weine, ... den anderen treibt in Hoffnung auf Gewinn fortreißende Handelsbegierde in allen Ländern, auf allen Meeren umher . Die meisten jagt, kein sicheres Ziel verfolgend, unstetig, unbeständig, sich selbst missfallende Unbeständigkeit von einem Plan zum anderen . . . . Wir leben nur des Lebens kleinsten Teil; denn freilich, unsere ganze übrige Dauer ist nicht Leben, sondern Zeit.

Wen gibt es, so Seneca, der sein Geld an Hinz und Kunz verteilen möchte? Aber genau das machen wir mit unserer Zeit.



Seneca Philosoph, Stoiker - Mark Aurel - Kürze des Lebens - Lebenshast - Habsucht - Profitgier
antike Philosophie - Dichter - Schriftsteller
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