Martin Walser, Der Lebenslauf der Liebe  


Der Lebenslauf
der Liebe

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sich erklären konnte, warum er diesmal verlo-ren hatte. Susi hörte sich das Schachkauder-welsch seit Jahr und Tag an. Wenn Edmund fragte: Verstehst du? nickte sie. Die Mr. Ying-ling-Sätze, die er immer mitbrachte, verstand sie immer. Gestern hatte Mr. Yingling Edmund erklärt, warum er, Mr. Yingling, der sich einen Fastgläubigen nenne, mit Edmund immer am Freitagabend Schach spielen könne, also genau dann, wenn der Sabbat beginne. Nicht verboten sei, hatte Mr. Yingling erklärt, das Einfangen eines Hirsches, das Einfangen der Schlange und das Aufstechen eines Geschwürs. Auch nicht verboten seien Hand-lungen, die nur scheinbar sind. Warum das Schachspielen eine scheinbare Handlung genannt werden dürfe, werde er seinem Freund Gern ein anderes Mal erklären. Gestern hatte Edmund verloren, angeblich weil er zuviel von Mr. Yinglings historischem Burgunder getrun-ken habe, während Mr. Yingling, der gut und gerne Fünfundachtzigjährige, sich beschämend gut beherrscht habe: Musigny, Jahrgang 1945, und da nippt Mr. Yingling eher, als er trinkt, während Edmund nach dem zweiten Schluck eigentlich nicht mehr auf-hören möchte. Und weiß doch auch, daß man so eine höchste Flüssigkeit gar nicht fromm genug zu sich nehmen, sich einverleiben kann. Natürlich hat er auch gestern ein Buch mitgebracht, wie immer eine Erstausgabe. Ich bin sein letzter Kunde, sagte Edmund. Außer an Edmund verkauft er an niemanden mehr, seit er das Geschäft in der Breiten Straße geschlossen hat. Auch das Buch, das Edmund gestern mitgebracht hatte, sah gar nicht aus wie ein Buch, sondern wie etwas, in dem man etwas Kostbares aufbewahrt, Schmuck zum Beispiel. Edmund streichelte die Bücher, die er von Mr. Yingling brachte, wie Susi ihre Kätzchen. Da fühl mal, dieses Maroquin, quergenarbt, fühlst du's. Und da, diese florale Bordüre, goldgeprägt, Schnucke, und das ist der erste Druck der ersten Ausgabe, die in wenigen Exemplaren für Goethe selbst hergestellt wurde. Auf Velinpapier. Und heißt ... Er drehte ihr den Buchrücken zu. Lies! Sie las: Goethe West-Oestlicher Divan. Und las ihr gleich volltönend vor:
Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident!
Und geschrieben für eine Marianne, die vierunddreißig Jahre jünger war als er.
Und wie immer am Freitag bestieg Edmund, als er das Buch lange genug liebkost hatte, die riesige und auf riesigen Messingrollen fahrbare Mahagonileiter, setzte sich oben auf der Plattform auf die lederbezogene Bank, fing noch einmal an zu blättern und zu lesen und schob dann die Neuerwerbung feierlich zärtlich da hin, wo sie hingehörte.
Ach, Schnucke, hatte er dann, als er ihr beim Packen zugeschaut hatte, gesagt, wenn ich doch auch schon fünfundachtzig wäre. Ach, Lieken, hatte Susi gesagt, schön wär's.
Er schaute ihr beim Packen immer zu, als wolle er das, was da getan wurde, lernen, um es bald selber zu können. Pose. Seit Jahrzehnten. Susi wußte, daß in Rom, wenn er den Koffer öffnete, Heimchen Pudlich neben ihm stehen würde. Heimchen Pudlich sollte sehen, daß dieser Koffer von Frau Gern gepackt worden war. So konnte nur Frau Gern einen Koffer packen. Frau Gern, ein Genie der Ordnung und der Gerechtigkeit. Sollte Heimchen Pudlich denken. Und sich fürchten.

Susi rannte zur Fensterfront im Wohnzimmer, um Edmund abfahren zu sehen. Vielleicht schaute er ja herauf. Tatsächlich, er schaute, er winkte herauf. Oh Lieken, dachte sie. Empfand sie. Damals in Essen kuckte er runter und sie hinauf, kuckte aus dem RHEINSTAHL-Bau, fünfte Etage, sah sie unten stehen, die Verlobte, die den Referendar jeden Abend abholte, hin und her ging, stehen blieb vor dem erleuchteten Schaufenster gegenüber, vor Heiligenfiguren, Kreuzen, Weihnachtsflitter. Ein leichter Schneesturm trieb an diesem Abend, als Edmund runterkuckte, durch die Straßen. Sie stand, sagte er nachher und sagte es in den Jahren und Jahrzehnten danach noch hundertmal, so himmlisch geduldig stand sie, er habe gewußt: dieser Augenblick ist unvergänglich, zu der, die da unten im lyrischen Schneesturm steht - so hat er sich dann ausgedrückt -, zu der habe er in der

fünften Etage laut gesagt: Du gehörst zu mir. Als sie sich, zu Connys Erstkommunion, wieder einmal viel zu kleine Schuhe gekauft hatte und in der Kirche wenigstens aus dem rechten geschlüpft war und gestöhnt hatte vor Schmerz, und das Edmund, als er fragte, was denn sei, erklärt hatte, da habe er, erzählte er später, das Gelübde abgelegt: Ich will ihr immer zuhören, egal was sie mir sagt. Also. Ab zu Heimchen Pudlich. Jetzt Witwe. Der arme Herr Pudlich. Als Herr Pudlich, weil er ein Trinker war, seine kleine Galerie in Köln nicht mehr hatte halten können, hatte Edmund Herrn Pudlich beim Galeristen Hüllencremer unterge-bracht. Hüllencremer: Ob Herr Pudlich mit dem Maler Pudlich verwandt sei. War er nicht. Herr Hüllencremer nahm ihn trotzdem. Ihnen kann ich nichts abschlagen, Herr Gern. Schließlich ließ sich Edmund von Herrn Hüllencremer alle seine Konstruktivisten besorgen. Sie hatten schon zehnmal so viel, wie sie in ihrem Dachpalast an die Wände hängen konnten. Susi wollte nicht froh sein über des armen Herrn Pudlich Tod, obwohl sie, wenn er noch gelebt hätte, heute und morgen und übermorgen und solange Edmund unterwegs war, Herrn Pudlichs Anrufen ausgesetzt gewesen wäre, seiner elend leisen Stimme und den quälend langsamen Sätzen. Immer wenn Heimchen Pudlich mit Edmund verreiste, mußte Susi Herrn Pudlichs Kontrollanrufe aushalten und Herrn Pudlich durch ebenso kühne wie konkrete Auskünfte von dem Verdacht erlösen, seine Frau sei womöglich mit seinem Wohltäter Gern unterwegs. Herr Pudlich wagte natürlich nie, direkt zu fragen, ob Edmund da sei und, wenn nicht, wo er denn gerade sei. Susi, die wußte, was Herr Pudlich brauchte, bediente ihn gleich mit einer Budapest-Reise, Herr Gern hat eine Schweineverarbeitungsfabrik, Tageskapazität tausend Schweine, zu finanzieren. Oder: Herr Gern ist in Kuwait, weiht dort eine Palastkühlanlage ein, daß die zwölf Frauen des Prinzen bei minus zwanzig Grad in den von den Sowjets geschenkten Schneetigerfellen herumspazieren können. Das waren immer Reisen, die wirklich aus Edmunds Reisekalender stammten, also eine unbezweifelbare Tatsächlichkeit ausstrahlten. Aber Susi wurde das Gefühl nicht los, Herr Pudlich wisse genau, daß seine Frau mit seinem Wohltäter in Baden-Baden oder in Ascona flanierte. Er mußte anrufen, Kontrollfragen stellen, aber eigentlich bat er Susi, ihn vor der Wahrheit zu schützen. Ging es ihr denn anders? Einerseits hatte Edmund, als er die Fundamentalbedingung ihrer Ehe gewürdigt hatte - nichts hinterm Rücken des anderen! -, die Unverbrüchlichkeit ihrer Ehe gefeiert - wenigstens die Wahrheit und nichts als die Wahrheit -, andererseits hatte sie sich oft genug gewünscht, es nicht wissen zu müssen, weil dann in ihrer Vorstellung alles ablief, was dort, wo er gerade war, ablief. Und trotzdem: es zu wissen, so weh es tat, war besser als die undurchsichtige Watte des Betrugs. Ist doch gar nicht wahr! Hin jetzt, quer durch die Flughafenhalle, denen Guten Flug ins Gesicht geschrieen und zurück in die Stadt, die Scheidung eingereicht ... Susi in Aufruhr. Du hast dich nie abgefunden, Blödesuse, du hast nur so getan, als ob. Schluß. Bleib. 's iss, wie's iss. Werde praktisch.

Ende des Auszugs

Martin Walser
Auszug

. . . Aber Edmund ließ sich nicht rausbringen. Es folgte einer jener Auftritte, die Edmund selber Nummern nannte.
Die Ein-Engel-namens-Edmund-Nummer, rief er. Schau, Schnucke, schau-schau-schau. Und hob bei jedem schau die Arme, daß die Goldfassungen seiner Manschettenknöpfe leuchten konnten. Und als eine Art Fred Astaire unterstützte er seinen Singsang.

Zweihunderttausend
Aufwand,
die Ausschreibung
war unser,
Edmund himself
meißelt den Vertrag,
hermesgesichert,
jetzt, Konzernkonsortium,
leg los.
Die schicken hin
zuerst einen
Dipl-Insch,
der hält Rom
für Castrop-Rauxel,
Rom ist sauer,
will raus aus dem
Vertrag,
jetzt flehen
die Konzerne,
ein ganzes Konsortium
fleht: Herr Gern,
Herr Gern, retten Sie,
retten Sie Ihr Werk.
Also überfliegt
der Engel namens
Edmund schnell mal
die Alpen. Schnucke,
wie das tut,
tun zu dürfen,
was man am liebsten
tut. Irre gut tut
das, Schnucke. Adieu.


Und tanzte, als würde Fred Astaire einen
Torero parodieren, hinaus. Sie wußte es ja, Edmund war ein Kind. Nein, pubertär war er. Als sie ihm das einmal gesagt hatte, hatte er sich gekränkt gegeben. Um ihn zu versöhnen, hatte sie gesagt, Männer seien eben pubertär. Das hatte ihn versöhnt. Aber es stimmte nicht. Sie hätte sagen müssen: viele Männer sind pubertär. Und denken: aber nicht alle. Zum Glück. Aber lustig waren die Pubertären. Durchaus möglich, daß Edmund nur den Anzug hatte vorführen wollen, der gestern von Mr. Wilkinson aus London eingetroffen war. Ein Stoff, der sein Grau adelte. Angepaßt, wie Edmund es verlangt: als wäre der Anzug eine Winzigkeit zu klein. Wahrscheinlich sollte Edmund dadurch ein bißchen größer wirken. Die Krawatten immer von Blau oder Schwarz beherrscht. Was gelb oder rot als Muster auftritt, muß eher verloren wirken im blauen oder schwarzen Fond.

Fort war ihr Pubertärer mit all seinen feinen mit EAG signierten Sachen, die sie gestern abend gepackt hatte, als er summend von seinem Schach-Guru zurückgekommen war. Summend, obwohl er wieder verloren hatte. Er behaup-tete, Mr. Yingling sei der einzige Mensch, gegen den er genau so gern verliere wie gewinne, aber wenn Susi am Freitagabend versäumte zu fragen, wer denn gewonnen habe, war Edmund verstimmt. Auch verlorene Spiele wollte er ihr melden, weil er dann ihr und

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