Meßmers Reisen


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Buchempfehlungen

Martin Walser
Meßmers Reisen

Die Buchempfehlung
mit einer Leseprobe, ohne die Ansichten
vorbelasteter Kritiker,
zur Meinungsbildung unserer Leser.

Hätte man doch,
als man lebte, gelebt.

Martin Walser, Portrait mit Hut

Solange man noch Zeitung liest,
ist einem nicht zu helfen.

Ich sitze die Zeit ab,
in immer schnelleren Zügen.

Wie mit dieser überall gegenwärtigen deutschen Minderwertigkeit leben?

Richtlinieneifer.
Die oben sind, behandeln uns
von oben herab.
Kein Unterschied zu denen,
deren Talare sie 1968 schmähten.
Nur die Mode hat gewechselt.

Tartuffe neu als linker Bekenner.
Das waren noch Zeiten, als die Heuchler rechts waren.

Nichts, was mir wichtig ist,
ist links oder rechts.

Die sind hier immer noch im
Vokabularquirl Adorno.

Glienicker Brücke. Brücke der Einheit. Steinstükken.
Die Mauer ist also aus drei auf einander gestellten Betonplatten gebaut. Auf der Mauerkrone noch ein Zementrohr, mit Eisenbändern auf der Mauer fixiert; offenbar, um greifenden Händen keinen Halt zu bieten, daß sie abrutschen müssen. Die Vorstellung, daß sich das auch nur ein einziges Mal bewähre. Das Menschenmögliche.


»Ich habe nie eine Beleidigung
auf dieser Welt verziehen.«
Heinrich Heine

Frauen konnten von ihm erwarten, daß er
sich auf jede einstellte. Es ist keine Kunst,
an jeden Menschen so zu denken, als gebe
es nur ihn und sonst keinen auf der Welt. Jeder Mensch ist faszinierend. Von Frauen fasziniert zu sein ist für ihn schön. Jede ist einzig. Unvergleichlich. Er kann jede ganz lieben. Wenn überhaupt, dann ganz.
Er könnte mit jeder sein Leben verbringen.
Schade, daß er nur eins hat.


Hätte man doch,
als man lebte, gelebt.


Nicht, ob die Türken oder die Schweden uns leben lassen
oder ob wir bei Stalingrad fallen
oder bei Tobruk,
sondern mit wem wir den Abend verbringen, die Nacht - das ist unsere Lebensfrage.

Meßmers Utopie: Er stünde zwischen allen Wünschen und äße achtlos Zeug aus Silberpapier. So gesund wäre er, und nutzlos.

Der Raucher ist ein Kettenraucher.
Er könnte eine an der anderen anzünden, aber er schaltet jedes mal das Feuerzeug dazwischen.

Dr. von Wolf findet nichts in meinem Bauch und Blut. Also bleibt mein Bauchweh ohne Namen. Um so besser.

Beeindruckt vom Aufwand für das Überleben, nimmt der Lebenswille ab. Es bleibt, abstrakt: der Wille zur Arbeit.


Diese Opernfoyersprache der bürgerlichen Kritik für die Krankheitsberichte anderer.

Zu beweisen, daß das Leben schön ist,
wird mir vielleicht nicht mehr gelingen.
Das Gefühl, umsonst gelebt zu haben.

Daß ich mir das antue, nehme ich mir übel. Wäre ich mir selbst nahe, brächte ich das nicht fertig. Es über sich bringen. Es hinter sich bringen.

Alles Gute. Und laß dich wieder mal sehen bei uns. Vielen Dank für deinen Besuch. Ich geh schon mal raus. Man hört direkt, wie froh der Mann ist, daß er gehen kann.

Martin Walser
Auszüge

Die Frau hört dem jungen Bauhistoriker zu.
Der redet dringlich auf sie ein. Er korrigiert andauernd Kapazitäten. Was die über römische Bauten in Dormagen, Xanten,
Köln und Bonn verzapfen, ohne gesicherte Erkenntnisse, denn zwischen Zweihundert-undsoundsoviel und Dreihundertachtund-neunzig haben wir ja in Xanten überhaupt keine Reizschwellenhäuser.
Die junge Frau:
Ich muß ehrlich sagen, der Gebrauch,
den die Gebildeten von ihrer
Bildung machen, ist oft vernichtend.

Eine Berühmtheit (vor allen) zu Meßmer: Sie wollen die Deutschen retten. Offenbar haben Sie den Verstand jetzt völlig verloren. Die Deutschen sind alle Nazis. So einfach ist das. Ihre einzige Chance: Sie sagen diesen meinen Satz nach: Die Deutschen sind alle Nazis. Dann sind Sie selber, obwohl Sie ein Deutscher sind, keiner. Wenn Sie aber sagen: Die Deutschen sind nicht alle Nazis, dann sind Sie einer. Ja, mein Herr, Wichtiges ist immer einfach. Wer sich nicht einfach ausdrückt, hat nichts zu sagen.

Abend lang so gut wie nicht zu Wort gekommen. Dann mußte jeder Angerufene sagen, er habe schon gehört, daß außer der Berühmtheit keiner zu Wort gekommen sei und das sei gut so,
denn keiner könne so gescheitschön reden
wie die Berühmtheit,
die Mitrechtberühmtheit.



Hätte man doch, als man lebte, gelebt.
Zeitung lesen, die Werbeblätter lesen - warum -
für die Zeitungen und Magazinen, als treuer Leser,
für gute Werbeeinnahmen,
denn schön bunt sind die Werbehefte.

Vegetieren im Mainstream, in einer fiktiven Medienwelt, anstatt zu leben

Martin Walser, Mensch, Leben, Minderwertigkeit, schnelle Züge, Zeitung




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Oper-Ballett:

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Oper Cosi fan tutte - Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - Oper Die Teufel von Loudun - Oper Der Waffenschmied - Oper Simon Boccanegra
Oper Orelando paladino - Oper Carmen - Oper Armida - Oper Der Spieler, Hrpok - Oper Fidelio
Oper Agrippina - Oper Der Türke in Italien - Oper Der Goldene Hahn - Ballett Dornröschen - Ballett Schneewittchen
Ballett Tanzgeschichte - Ballett Carmen Flamenco - Ballett Der Nussknacker - Ballett Martha Graham Company

Interviews:

Interview Lola Müthel - Interview Herbert Bötticher - Interview Ruth Drexel - Interview Ute Lemper
Interview Wolfgang Spier - Interview Judy Winter - Interview Romuald Pekny - Interview Helmut Griem