Nagivation

Gesellschaftsmagazin

Philosophie, Literatur, Essays

“Pfingsten"

Bewegte Assoziationen zur Vielfalt des Geistes

Susanne Breit-Keßler, Bischöfin von Oberbayern

„Zu Pfingsten gibt es nichts", soll ein kleiner Junge einmal gesagt haben, „kein Christkind und keinen Osterhasen." Materiell gesehen hat er recht. Den Geschäftsleuten fällt es schwer, zu Pfingsten einen Rummel zu entfalten, der dem adventlichen und österlichen gleichkommen könnte. Am ehesten haben noch Touristikunternehmen und Gastronomie ihre wirtschaftliche Freude an den freien Tagen.

Einfach zu vermarkten und in Gebrauch zu nehmen ist er nicht, dieser Geist, dem Christen zwei Feiertage widmen. Selbst der Duden, der den Gehalt der deutschen Sprache zu erfassen sucht, hat zum Anlaß von Pfingsten nur wenig zu erklären. Vom Geist ist vor allem die Rede, wenn er verwirrt ist, abwesend oder ganz aufgegeben wird. Seltener wird von seiner Gegenwart gesprochen, seiner Kraft, wenn er wie ein Blitz das Dunkel der Gedanken erhellt, oder den Gaben, die er verleiht.

Statt dem einen bevölkert eine Vielzahl von Geistern die Gesellschaft. Diverse Geister werden beschworen, in privaten Zirkeln oder öffentlich mit durchschaubarer Absicht. Materialisiert erschrecken sie zum Spaß in den finsteren Bahnen der Volksfeste jauchzende Besucher. Sie geistern durch unruhige Träume; leiten Geisterfahrer in die Irre des Gegenverkehrs, oder stützen den, der anderen ungenannt seine Sprache leiht.

Statt des einen Geistes die vielen — statt reicher Vielfalt in harmonischer Einheit ein beängstigendes Durcheinander von Stimmen. Welcher Art ist der eine Geist, der im Juni gefeiert wird?

Der Geist Gottes, der zu Beginn der Schöpfung über den Wassern schwebte, der heilige, beständige und willige Geist, um den in den Psalmen gebetet wird, er ist nach den Schriften des Alten Testaments weiblich. Weiblich, wie die Weisheit, die allezeit in der Nähe Gottes weilt, weiblich wie das hebräische Wort, das die Gegenwart Gottes umschreibt.

Für den Kirchenvater Augustin bedeutet Geist im Rückschritt dazu männliche Rationalität und Vernunft. Dem ehemaligen Sprachlehrer galten nach seiner Bekehrung Körper, Sinne und Gefühl als

weiblich-dubioser Bereich des „Fleisches". Geist setzt er mit Mann und Vernunft gleich; Emotionalität mit Frau und Unverstand. „Wo das Fleisch herrscht und der Geist dient, ist das Haus verkehrt. Was ist schlechter als ein Haus, wo das Weib die Herrschaft über den Mann hat. Recht aber ist das Haus, wo der Mann befiehlt, das Weib gehorcht. Recht also ist der Mensch, wo der Geist herrscht, das Fleisch dient." Auch Kirchenväter können irren. Die strikte Trennung von Vernunft und Gefühl ist eine heillose Scheidung mit katastrophalen Folgen für das Zusammenleben und die Fortentwicklung der Gesellschaft.

Rationalität ist notwendige Klarheit der Gedanken, Einsicht in Ursachen und Folgen, Umsicht im Handeln. Wo aber Emotionalität fehlt, mangelt es an einem entscheidenden Element der Wahrnehmung. Das Gefühl ist Ort der selbständigen Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt. Für Goethe ist es die Erkenntniskraft des gestaltenden Genies, für den Zeitgenossen Hölderlin die produktive Kraft des Künstlers. Nichts gibt es, was allein „rational", nur „objektiv" wäre. Es ist ein Mißverständnis zu glauben, ein Mensch werde umso subjektivistischer, je mehr er dem Subjekt Raum gibt. Gerade der, der die Individualität, die persönlichen Eigenheiten unter vorgeblicher vernünftiger Objektivität zu verdrängen sucht, übersieht, daß sich in ihm die innersten Kräfte unkontrolliert auswirken, mehr noch, daß er eines Teils seiner kreativen Fähigkeiten verlustig geht. Der ganze Mensch ist ein Tempel des Heiligen Geistes, heißt es in der Bibel. Kein Lebensbereich braucht schamhaft‑einseitig ausgegrenzt zu werden.

Der Geist, dessen Bewegung an Pfingsten gedacht wird, vereint Vernunft und Gefühl. Von ihm kommen individuelle Gaben und Selbstbewußtsein ebenso wie die Befähigung zu Alltäglichem und Außerordentlichem. Der Geist, der gleichermaßen in Männern und Frauen wirksam ist, ist Kraft zum Leben und zur Veränderung.
Ist das „nichts" .....

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