Der Waldgang, Ernst Jünger - Liebe, Mensch, Sehnsecht, Furcht
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Ernst Jünger

Klett-Cotta
96 Seiten, Pappband
Euro (D) 12,50

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Der Waldgang
Ernst Jünger

Ernst JüngerPhoto: Francois Lagarde
AUSZÜGE

Zur Eigenart unserer Zeit
gehört die Verknüpfung bedeutender Auftritte mit unbedeutenden Darstellern.

Das wird vor allem an ihren großen Männern sichtbar; man hat den Eindruck, daß es sich um Gestalten handelt, wie man sie in beliebiger Menge in Genfer oder Wiener Kaffeehäusern, in provinziellen Offiziersmessen oder obskuren Karawansereien finden kann.
Wo über die bloße Willenskraft hinaus geistige Züge auftreten, darf man darauf schließen, daß noch alter Stoff vorhanden ist, wie etwa bei Clemenceau, den man als in der Wolle gefärbt bezeichnen kann.

Das Ärgerliche an diesem Schauspiel ist die Verbindung von so geringer Höhe mit ungeheurer funktionaler Macht.
Das sind die Männer, vor denen Millionen zittern, von deren Entschlüssen Millionen abhängen. Und doch sind es dieselben, von denen man zugeben muß, daß der Zeitgeist sie mit unfehlbarem Griff auswählte, wenn man ihn unter einem seiner möglichen Aspekte, nämlich dem eines gewaltigen Abbruchunternehmers, betrachten will. All diese Enteignungen, Abwertungen, Gleichschaltungen, Liquidationen, Rationalisierungen, Sozialisierun-gen, Elektrifizierungen, Flurbereinigungen, Auftei-lungen und Pulverisierungen setzen weder Bildung noch Charakter voraus, die beide den Automatismus eher schädigen. Wo daher in der Werkstättenlandschaft auf die Macht geboten wird, erhält derjenige den Zuschlag, in dem sich das Bedeutungslose durch starken Willen überhöht. Dies Thema, und insbesondere seine moralische Verflechtung, werden wir an anderer Stelle wieder aufnehmen.

Im gleichen Maße aber, in dem die Handlung psychologisch abzusinken beginnt, wird sie typologisch bedeutender.
Der Mensch tritt in Zusammenhänge ein, die er mit dem Bewußtsein nicht sogleich erfaßt, geschweige denn durch die Gestaltung - die Optik wird erst mit der Zeit erworben, die das Schauspiel verständlich macht. Erst dann wird Herrschaft möglich sein. Ein Vorgang muß zunächst begriffen werden, ehe man auf ihn einwirken kann.

Wir sehen mit den Katastrophen Gestalten auftreten, die sich ihnen gewachsen zeigen und die sie überdauern werden, wenn längst die Zufallsnamen vergessen sind. Zu ihnen zählt vor allem die Gestalt des Arbeiters, die sicher und unbeirrbar ihren Zielen zuschreitet. Das Feuer der Untergänge hebt sie nur immer glänzender hervor. Noch leuchtet sie im ungewissen Titanenlichte; wir ahnen nicht, in welchen Königsstädten, in welchen kosmischen Metropolen sie ihren Thron errichten wird.
Die Welt trägt ihre Uniform und Rüstung und einmal wohl auch ihr Festtagskleid. Da sie erst im Beginn ihrer Laufbahn steht, werden Vergleiche mit dem Vollendeten ihr nicht gerecht. ....



... Verzweiflung, wenn inmitten der Labyrinthe der Blick die Sterne sucht.
Der Vorgang hat zwei Pole - einmal den des Ganzen, das, sich immer mächtiger gestaltend, fortschreitet durch jeden Widerstand. Hier ist vollendete Bewegung, imperiale Entfaltung, vollkommene Sicherheit. Am anderen Pole sehen wir den Einzelnen, leidend und schutzlos, in ebenso

vollkommener Unsicherheit. Beides bedingt sich, denn die große Machtentfaltung lebt von der Furcht, und der Zwang wird dort besonders wirksam, wo die Empfindsamkeit gesteigert ist.
Wenn sich die Kunst in zahllosen Versuchen mit dieser neuen Lage des Menschen befaßt als mit dem eigentlichen Thema, so geht das über die Schilde-rung hinaus. Es handelt sich vielmehr um
Experi-mente mit einem höchsten Ziel, das darin liegt, Freiheit und Welt in neuer Harmonie zu einigen.
Wo das im Kunstwerk sichtbar wird, muß sich die angestaute Furcht zerteilen wie Nebel im ersten Sonnenstrahl.




....... Die Furcht gehört zu den Symptomen unserer Zeit. Sie wirkt um so bestürzender, als sie sich an eine Epoche großer individueller Freiheit anschließt, in der auch die Not, wie etwa Dickens sie schildert, fast unbekannt geworden war.Wie kam es zu solchem Übergang? Wollte man einen Stichtag wählen, so wäre wohl keiner geeigneter als jener, an dem die »Titanic« unterging. Hier stoßen Licht und Schatten grell zusammen: die Hybris des Fortschritts mit der Panik, der höchste Komfort mit der Zerstörung, der Automatismus mit der Katastrophe, die als Verkehrsunfall erscheint.
Tatsächlich hängen wachsender Automatismus und Furcht ganz eng zusammen, und zwar insofern, als der Mensch zugunsten technischer Erleichterungen sich in der Entscheidung beschränkt.
Das führt zu mannigfaltiger Bequemlichkeit.
Notwendig muß aber auch der Verlust an Freiheit zunehmen. Der Einzelne steht nicht mehr in der Gesellschaft wie ein Baum im Walde, sondern er gleicht dem Passagier in einem sich schnell bewegenden Fahrzeug, das »Titanic« oder das auch Leviathan heißen kann. Solange das Wetter gut ist die Aussicht angenehm, wird er den Zustand minderer Freiheit kaum gewahren, in den er geraten ist. Es tritt im Gegenteil ein Optimismus auf, ein Machtbewußtsein, das die Geschwindigkeit erzeugt. Das wird dann anders, wenn feuerspeiende Inseln und Eisberge auftauchen. Dann wechselt nicht nur die Technik vom Komfort auf andere Gebiete über, sondern es wird zugleich der Mangel an Freiheit sichtbar - sei es im Sieg elementarer Kräfte, sei es dadurch, daß Einzelne, die stark geblieben sind, absolute Kommandogewalt ausüben.
Die Einzelheiten sind bekannt und vielfach beschrieben; sie gehören unserer eigensten Erfahrung an. Hier ließe sich der Einwand denken, daß es auch Zeiten der Furcht, der apokalyptischen Panik gegeben hat, ohne daß dieser automatische Charakter sie instrumentierte und begleitete. Wir wollen das dahingestellt sein lassen, denn das Automatische wird fürchterlich erst, wenn es sich als eine der Formen, als der Stil, des Verhängnisses offenbart, wie Hieronymus Bosch das schon so unübertrefflich geschildert hat. Möge es sich nun bei der modernen um eine ganz besondere Furcht handeln oder nur um den Zeitstil der Weltangst, die wiederkehrt - wir wollen uns bei dieser Frage nicht aufhalten, sondern wir wollen die Gegenfrage stellen, die uns am Herzen liegt: Ist es vielleicht möglich, die Furcht zu vermindern, während der Automatismus fortbesteht oder sich, wie vorauszusehen, weiterhin der Perfektion annähert? Wäre es also möglich, zugleich

Ernst Jünger
* 29. März 1895 - † 21. Februar 1998

Jünger ist am 21. Februar 1998,
im Alter von 102 Jahren, verstorben.
In der, für 2000 Trauergäste zu kleinen Dorfkirche, seines oberschwäbischen Heimatortes Wilfingen, würdigte der baden-württembergische Ministerpräsi-dent Erwin Teufel den Verstorbenen, als einen einzigartigen Menschen und herausragenden Denker.

"Mit Ernst Jünger vollendet sich nicht nur ein reiches Menschenleben.
Mit ihm geht auch ein Jahrhundert
der Literatur, ein Jahrhundertwerk zu Ende. Vieles in seinem Werk wird Bestand haben".

auf dem Schiff zu verbleiben und sich die eigene Entscheidung vorzubehalten - das heißt, die Wurzeln nicht nur zu wahren, sondern auch zu stärken, die noch dem Urgrund verhaftet sind?
Das ist die eigentliche Frage unserer Existenz. Es ist auch die Frage, die heute hinter jeder Zeitangst sich verbirgt. Der Mensch fragt, wie er der Vernichtung entrinnen kann. Wenn man in diesen Jahren an jedem beliebigen Punkt Europas mit Bekannten oder Unbekannten im Gespräch zusammensitzt, so wird die Unterhaltung sich bald dem Allgemeinen zuwenden, und das
ganze Elend wird auftauchen. Man wird erkennen, daß fast alle diese Männer und Frauen von einer Panik erfaßt sind, wie sie seit dem frühen Mittelalter bei uns unbekannt geworden war. Man wird beobachten,daß sie sich mit einer Art Besessenheit in ihre Furcht hineinstürzen, deren Symptome offen und schamlos hervortreiben. Man wohnt da einem Wettbewerb von Geistern bei, die darüber streiten, ob es besser sei, zu fliehen, sich zu verbergen oder Selbstmord zu verüben, und die bei voller Freiheit schon darauf sinnen, durch welche Mittel und Listen sie sich die Gunst des Niederen erwerben können, wenn es zur Herrschaft kommt. Und mit Entsetzen ahnt man, daß es keine Gemeinheit gibt, der sie nicht zustimmen werden, wenn es gefordert wird. Darunter sieht man kräftige, gesunde Männer, die wie die Wettkämpfer gewachsen sind. Man fragt sich, wozu sie Sport treiben.

Nun sind aber dieselben Menschen nicht nur ängstlich, sondern fürchterlich zugleich. Die Stimmung wechselt von der Angst zu offenem Hasse, wenn sie jenen schwach werden sehen, den sie eben noch fürchteten. Und nicht nur in Europa trifft man solche Gremien. Die Panik wird sich noch verdichten, wo der Automatismus zunimmt und sich perfekten Formen nähert, wie in Amerika. Dort findet sie ihre beste Nahrung; sie wird durch Netze verbreitet, die mit dem Blitz wetteifern. Schon das Bedürfnis, mehrere Mal am Tage Nachrichten aufzunehmen, ist ein Zeichen der Angst; die Einbildung wächst und lähmt sich in steigenden Umdrehungen. All diese Antennen der Riesenstädte gleichen dem gesträubten Haar. Sie fordern zu dämonischen Berührungen heraus. ......

Auszug - Ende


Mensch, Liebe, Sehnsucht, Zufriedenheit, Furcht, Angst, Ängste


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