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Zur
Eigenart unserer Zeit
gehört die Verknüpfung bedeutender Auftritte mit unbedeutenden Darstellern.
Das
wird vor allem an ihren großen Männern sichtbar; man hat den Eindruck,
daß es sich um Gestalten handelt, wie man sie in beliebiger Menge in
Genfer oder Wiener Kaffeehäusern, in provinziellen Offiziersmessen oder
obskuren Karawansereien finden kann.
Wo über die bloße Willenskraft hinaus geistige Züge auftreten,
darf man darauf schließen, daß noch alter Stoff vorhanden ist,
wie etwa bei Clemenceau, den man als in der Wolle gefärbt bezeichnen
kann.
Das Ärgerliche an diesem Schauspiel ist die Verbindung von so geringer
Höhe mit ungeheurer funktionaler Macht.
Das sind die Männer, vor denen Millionen zittern, von deren Entschlüssen
Millionen abhängen. Und doch sind es dieselben, von denen man zugeben
muß, daß der Zeitgeist sie mit unfehlbarem Griff auswählte,
wenn man ihn unter einem seiner möglichen Aspekte, nämlich dem eines
gewaltigen Abbruchunternehmers, betrachten will. All diese Enteignungen, Abwertungen,
Gleichschaltungen, Liquidationen, Rationalisierungen, Sozialisierun-gen, Elektrifizierungen,
Flurbereinigungen, Auftei-lungen und Pulverisierungen setzen weder Bildung
noch Charakter voraus, die beide den Automatismus eher schädigen. Wo
daher in der Werkstättenlandschaft auf die Macht geboten wird, erhält
derjenige den Zuschlag, in dem sich das Bedeutungslose durch starken Willen
überhöht. Dies Thema, und insbesondere seine moralische Verflechtung,
werden wir an anderer Stelle wieder aufnehmen.
Im gleichen Maße aber, in dem die Handlung psychologisch abzusinken
beginnt, wird sie typologisch bedeutender.
Der Mensch tritt in Zusammenhänge ein, die er mit dem Bewußtsein
nicht sogleich erfaßt, geschweige denn durch die Gestaltung - die Optik
wird erst mit der Zeit erworben, die das Schauspiel verständlich macht.
Erst dann wird Herrschaft möglich sein. Ein Vorgang muß zunächst
begriffen werden, ehe man auf ihn einwirken kann.
Wir sehen mit den Katastrophen Gestalten auftreten, die sich ihnen gewachsen
zeigen und die sie überdauern werden, wenn längst die Zufallsnamen
vergessen sind. Zu ihnen zählt vor allem die Gestalt des Arbeiters, die
sicher und unbeirrbar ihren Zielen zuschreitet. Das Feuer der Untergänge
hebt sie nur immer glänzender hervor. Noch leuchtet sie im ungewissen
Titanenlichte; wir ahnen nicht, in welchen Königsstädten, in welchen
kosmischen Metropolen sie ihren Thron errichten wird.
Die Welt trägt ihre Uniform und Rüstung und einmal wohl auch ihr
Festtagskleid. Da sie erst im Beginn ihrer Laufbahn steht, werden Vergleiche
mit dem Vollendeten ihr nicht gerecht. ....
... Verzweiflung, wenn inmitten der Labyrinthe
der Blick die Sterne sucht.
Der Vorgang hat zwei Pole - einmal den des Ganzen, das, sich immer mächtiger
gestaltend, fortschreitet durch jeden Widerstand. Hier ist vollendete Bewegung,
imperiale Entfaltung, vollkommene Sicherheit. Am anderen Pole sehen wir den
Einzelnen, leidend und schutzlos, in ebenso |
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vollkommener
Unsicherheit. Beides bedingt sich, denn die große Machtentfaltung lebt
von der Furcht, und der Zwang wird dort besonders wirksam, wo die Empfindsamkeit
gesteigert ist.
Wenn sich die Kunst in zahllosen Versuchen mit dieser neuen Lage des Menschen
befaßt als mit dem eigentlichen Thema, so geht das über die Schilde-rung
hinaus. Es handelt sich vielmehr um Experi-mente
mit einem höchsten Ziel, das darin liegt, Freiheit und Welt in neuer
Harmonie zu einigen.
Wo das im Kunstwerk sichtbar wird, muß sich die angestaute Furcht zerteilen
wie Nebel im ersten Sonnenstrahl.
....... Die Furcht gehört zu den Symptomen unserer Zeit. Sie wirkt um so
bestürzender, als sie sich an eine Epoche großer individueller Freiheit
anschließt, in der auch die Not, wie etwa Dickens sie schildert, fast
unbekannt geworden war.Wie kam es zu solchem Übergang? Wollte man einen
Stichtag wählen, so wäre wohl keiner geeigneter als jener, an dem
die »Titanic« unterging. Hier stoßen Licht und Schatten grell
zusammen: die Hybris des Fortschritts mit der Panik, der höchste Komfort
mit der Zerstörung, der Automatismus mit der Katastrophe, die als Verkehrsunfall
erscheint.
Tatsächlich hängen wachsender Automatismus und Furcht ganz eng zusammen,
und zwar insofern, als der Mensch zugunsten technischer Erleichterungen sich
in der Entscheidung beschränkt.
Das führt zu mannigfaltiger Bequemlichkeit.
Notwendig muß aber auch der Verlust an Freiheit zunehmen. Der Einzelne
steht nicht mehr in der Gesellschaft wie ein Baum im Walde, sondern er gleicht
dem Passagier in einem sich schnell bewegenden Fahrzeug, das »Titanic«
oder das auch Leviathan heißen kann. Solange das Wetter gut ist die Aussicht
angenehm, wird er den Zustand minderer Freiheit kaum gewahren, in den er geraten
ist. Es tritt im Gegenteil ein Optimismus auf, ein Machtbewußtsein, das
die Geschwindigkeit erzeugt. Das wird dann anders, wenn feuerspeiende Inseln
und Eisberge auftauchen. Dann wechselt nicht nur die Technik vom Komfort auf
andere Gebiete über, sondern es wird zugleich der Mangel an Freiheit sichtbar
- sei es im Sieg elementarer Kräfte, sei es dadurch, daß Einzelne,
die stark geblieben sind, absolute Kommandogewalt ausüben.
Die Einzelheiten sind bekannt und vielfach beschrieben; sie gehören unserer
eigensten Erfahrung an. Hier ließe sich der Einwand denken, daß
es auch Zeiten der Furcht, der apokalyptischen Panik gegeben hat, ohne daß
dieser automatische Charakter sie instrumentierte und begleitete. Wir wollen
das dahingestellt sein lassen, denn das Automatische wird fürchterlich
erst, wenn es sich als eine der Formen, als der Stil, des Verhängnisses
offenbart, wie Hieronymus Bosch das schon so unübertrefflich geschildert
hat. Möge es sich nun bei der modernen um eine ganz besondere Furcht handeln
oder nur um den Zeitstil der Weltangst, die wiederkehrt - wir wollen uns bei
dieser Frage nicht aufhalten, sondern wir wollen die Gegenfrage stellen, die
uns am Herzen liegt: Ist es vielleicht möglich, die Furcht zu vermindern,
während der Automatismus fortbesteht oder sich, wie vorauszusehen, weiterhin
der Perfektion annähert? Wäre es also möglich, zugleich |
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auf dem Schiff zu verbleiben und sich die eigene
Entscheidung vorzubehalten - das heißt, die Wurzeln nicht nur
zu wahren, sondern auch zu stärken, die noch dem Urgrund verhaftet sind?
Das ist die eigentliche Frage unserer Existenz. Es ist auch die Frage, die heute
hinter jeder Zeitangst sich verbirgt. Der Mensch fragt, wie er der Vernichtung
entrinnen kann. Wenn man in diesen Jahren an jedem beliebigen Punkt Europas
mit Bekannten oder Unbekannten im Gespräch zusammensitzt, so wird die Unterhaltung
sich bald dem Allgemeinen zuwenden, und das ganze
Elend wird auftauchen. Man wird erkennen, daß fast alle diese Männer
und Frauen von einer Panik erfaßt sind, wie sie seit dem frühen Mittelalter
bei uns unbekannt geworden war. Man wird beobachten,daß sie sich mit einer
Art Besessenheit in ihre Furcht hineinstürzen, deren Symptome offen und
schamlos hervortreiben. Man wohnt da einem Wettbewerb von Geistern bei, die
darüber streiten, ob es besser sei, zu fliehen, sich zu verbergen oder
Selbstmord zu verüben, und die bei voller Freiheit schon darauf sinnen,
durch welche Mittel und Listen sie sich die Gunst des Niederen erwerben können,
wenn es zur Herrschaft kommt. Und mit Entsetzen ahnt man, daß es keine
Gemeinheit gibt, der sie nicht zustimmen werden, wenn es gefordert wird. Darunter
sieht man kräftige, gesunde Männer, die wie die Wettkämpfer gewachsen
sind. Man fragt sich, wozu sie Sport treiben.
Nun sind aber dieselben Menschen nicht nur
ängstlich, sondern fürchterlich zugleich. Die Stimmung wechselt
von der Angst zu offenem Hasse, wenn sie jenen schwach werden sehen, den sie
eben noch fürchteten. Und nicht nur in Europa trifft man solche Gremien.
Die Panik wird sich noch verdichten, wo der Automatismus zunimmt und sich
perfekten Formen nähert, wie in Amerika. Dort findet sie ihre beste Nahrung;
sie wird durch Netze verbreitet, die mit dem Blitz wetteifern. Schon das Bedürfnis,
mehrere Mal am Tage Nachrichten aufzunehmen, ist ein Zeichen der Angst; die
Einbildung wächst und lähmt sich in steigenden Umdrehungen. All
diese Antennen der Riesenstädte gleichen dem gesträubten Haar. Sie
fordern zu dämonischen Berührungen heraus. ......
Auszug - Ende |