Das abenteuerliche Herz, die Sehnsucht der Jugen, Ernst Jünger
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Das Abenteuerliche Herz
Ernst Jünger

Klett-Cotta
156 Seiten, Pappband
Euro (D) 12,90
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Klärt nicht auch die Tatsache, daß der Mensch dabei ist,
seinen Bestand zu verbrennen, die sehr merkwürdige
Stellung unserer Jugend auf?
Da sich in ihr dieser Prozeß am heftigsten vollzieht,
steht sie sehr schutzlos, sehr vereinsamt da.
Ernst Jünger
Ernst Jünger
* 29. März 1895 † 21. Februar 1998

Ohne Zweifel sind die Psychologen diejenigen, die heute am wenigsten über die Seele auszusagen imstande sind, es sich aber zur Ehre anrechnen dürfen, durch ihre Tätigkeit allein den Bestand aller vier Fakultäten zu jenem Gedankenpuder zu zerreiben, der wie eine dichte Gipswolke die Trümmer des 19. Jahrhunderts verbirgt.
Wie geschäftig sperrt man der Scharlatanerie, den verspäteten Cagliostros und Saint-Germains, die Torflügel auf. Dies ist die Stunde, in welcher der Arzt und der Quacksalber sich in der Türe begegnen, die Stunde entre chien et loup.
Strindberg, der sich mit dem Falle Dreyfus und der Goldmacherei beschäftigt — ein gutes Beispiel für eine Haltung, die auf der gefährlichen Schneide zwischen zwei Zeitaltern steht.
Zinnowitz

Im dichten Gestrüpp hinter der Düne, das durch seine Üppigkeit erstaunt, erbeutete ich auf meinem gewöhnlichen Spaziergange ein glückliches Bild: das große Blatt einer Zitterpappel, in das ein kreisrundes Loch gebrochen war. Bei näherer Betrachtung schien von seinem Rande ein dunkelgrüner Fransensaum herabzuhängen, der sich als ein aus einer Reihe von winzigen Raupen bestehendes Gebilde entpuppte, die sich nur mit den Kiefern am Blattmark hielten. Es mußte hier seit kurzem ein Schmetterlingsgelege ausgekommen sein; die junge Brut hatte sich wie ein Feuerbrand des Lebens auf ihrem Nährboden ausgedehnt. Das Seltene dieses Anblickes bestand in der fast absoluten Schmerzlosigkeit der Zerstörung, die er vorspiegelte; so machten jene Fransen den Eindruck herabhängender Fasern des Blattes selbst, so daß gar nichts an Substanz verlorengegangen schien. Hier war es so augenscheinlich, wie die doppelte Buchführung des Lebens sich abgleicht; ich mußte an den Trost Condés denken, den er dem über die sechstausend Gefallenen der Schlacht bei Freiburg weinenden Mazarin spendete: »Bah, eine einzige Nacht in Paris gibt mehr Menschen das Leben, als diese Aktion gekostet hat.«
Ich habe für diese Haltung der Schlachtenführer, die hinter der Verbrennung die Veränderung sieht, immer viel übrig gehabt, wie für jede Haltung, die dem Menschen einen Wert zumißt, gleichviel ob dieser Wert fast nichts oder fast alles umfaßt, weil sowohl die eisige wie die feurige Luft der so geschätzten Stalltemperatur gleich unzuträglich ist. So empfinde ich ein inniges Vergnügen bei dem Gedanken an das für Chateaubriand so ärgerliche Wort von der Consomption forte, vom starken Verzehr, das Napoleon zuweilen in jenen für den Feldherrn untätigen Augenblicken der Schlacht zu murmeln pflegte, in denen alle Reserven auf dem Marsche sind, während die Front unter Kavallerieattacken und dem Beschuß der vorgezogenen Artillerie wie unter einer Brandung von Stahl und Feuer zerschmilzt. Das sind so Worte, die man nicht missen möchte, Fetzen von Selbstgesprächen an magischen Schmelzöfen, die glühen und zittern, während im rauchenden Blute der Geist in die Essenz eines neuen Jahrhunderts überdestilliert.
Vergegenwärtigen wir uns aber, daß diesen Gipfeln einer prächtigen Unbarmherzigkeit die doppelte Höhe zukommt, insofern sie der Tiefebene einer immer feineren und schmerzlicheren Empfindsamkeit entwachsen? Das Leben, das sich an die Tafel setzt, um seine eigenen Herzstücke zu verzehren — das ist auch ein Bild unserer selbst. Der Wille zur Macht, auf seinem schrecklichen Wege durch einen peinlichen Willen zur Wertung kontrolliert, der das Maß der angerichteten Zerstörung nachrechnet und sie in ihrer vollen Schmerzlichkeit vor das Bewußtsein zu bringen sucht — in diesem Bestreben, Raupe und Blatt zu gleicher Zeit zu sein, habe ich kurz nach dem Kriege das quälende Anzeichen der Unsicherheit unserer Ansprüche gesehen. Aber schon die Tatsache, daß dieser Chorus anklagender Stimmen sich nicht überhören läßt, daß jede einzelne von ihnen verarbeitet werden will, muß stutzig machen. Und wirklich verhält es sich ja auch nicht so, daß das Mitleid, die Humanität, kurz die Nerven im feineren Sinne, der Stoßkraft des Blutes Abbruch tun, sofern diese nur vorhanden ist. Es ist keine Kraftverminderung, die sich hier ergibt, sondern eine unerhörte Steigerung des Abstandes und der Gefährlichkeit. Der Fürst von Ligne: »Mit dem Vergnügen des Soldaten und dem Schmerze des Philosophen sah ich zwölfhundert Bomben in die Luft steigen, die ich auf jene armen Teufel abzuschießen befohlen hatte.« Man muß die Messer des Schmerzes am eigenen Leibe fühlen, wenn man mit ihnen sicher und kaltblütig operieren will; man muß die Münze kennen, mit der man bezahlt. Daher fallen auch an den herrlichen Kriegerköpfen, die die Bildhauerei und Erzgießerei uns erhalten haben, so oft die geheimen Siegel des Schmerzes auf. Das heroische Gemüt, das sich verpflichtet fühlt, keiner Belastung auszuweichen, darf auch diese nicht scheuen. Eine Idee, die nicht begierig ist, jede Möglichkeit der Verantwortung an sich zu reißen, gleicht einem Gebäude, das man zu unterkellern vergißt.
Gerade dies, das Ausweichen vor der Verantwortung dort, wo sie ernsthaft zu werden beginnt, und das Billige der Erfolge, die heute zu ernten sind, hat mich die politische Tätigkeit sehr bald als unanständig empfinden lassen. Welche Mauselöcher der Verantwortungslosigkeit stellen die Parteien dar in einer Zeit, in der die Werte bei Tag und Nacht auf der Goldwaage zittern sollten, und wie dankbar muß man den jungen Leuten sein, die sich vor einer jedem entschlossenen Herzen unerträglichen Niederträchtigkeit hinter die Mauern der Gefängnisse zurückgezogen haben. Man kann sich heute nicht in Gesellschaft um Deutschland bemühen; man muß es einsam tun wie ein Mensch, der mit seinem Buschmesser im Urwald Bresche schlägt und den nur die Hoffnung erhält, daß irgendwo im Dickicht andere an der gleichen Arbeit sind.
Wir besitzen in der Welt den Ruf, daß wir Kathedralen zu zerstören imstande sind. Das will viel heißen zu einer Zeit, in der das Bewußtsein der Unfruchtbarkeit ein Museum neben dem andern aus dem Boden treibt. Und wirklich, wenn man mit schärferen Gläsern schaut, wenn man sich durch die scheinbare Schmerzlosigkeit der Vorgänge nicht täuschen läßt, muß man erkennen, daß wir uns bemühen, eines hohen Grades der Schonungslosigkeit würdig zu werden. Man muß erkennen, daß wir uns bemühen, uns Schmerz zuzufügen, und daß wieder wie im 15. Jahrhundert der Rauch der Scheiterhaufen über der Landschaft steht. Wir, deren Sprache die meisten Fremdworte zu ertragen vermag, haben nicht nur dem Osten und Westen weit die Tore geöffnet, sondern jedem Raum und jeder Zeit, die für uns erreichbar sind. Dies alles gleicht der peinlichen Frage der alten Kriminalordnung, und wer könnte etwa die eschatologische Welt Dostojewskis anders an sich herantreten lassen als mit Zähneklappern — mit der Furcht, keine Antwort zu finden, deren Unbarmherzigkeit dem Maße des angetanen Schmerzes entspricht. Die Beschäftigung des Deutschen zu dieser Zeit ist die, von allen Ecken der Welt Material herbeizuschleppen, um den Brand zu nähren, den er unter seinen Begriffen gestiftet hat. So ist es denn kein Wunder, daß alles, was brennbar ist, in vollen Flammen steht.
Über das Schreckliche dieses Vorganges, der sich im menschlichen Bestande vollzieht, läßt sich eigentlich nur mit ganz jungen Menschen sprechen — mit besonders gefährdeten, mit solchen, deren Seele viel Zündstoff besitzt. Er hat
nichts Problematisches, sondern im Gegenteil etwas sehr Notwendiges, unter Zwang Stehendes, und so gibt es nichts Unangenehmeres als den deutschen Literaten, der sich ihm mit seinen Fragestellungen des 19. Jahrhunderts, vor allem mit dem antiquierten Begriff der individuellen Freiheit, zu nähern sucht. Den in unseren Städten so Zahlreichen, die wie ausgebrannte Krater sind, so daß sie fast der leisesten Bewegung unfähig scheinen, kann gar nicht geholfen, ihnen kann nichts abgenommen werden. Es gibt Schmerzen, die notwendig sind, und es gibt eine tragische Disziplin, zu der jeder sich selbst gegenüber verpflichtet ist. So kann man nur wünschen, daß die Zerstörung sich so langsam vollzieht, daß das Neue nachzuwachsen vermag, ähnlich wie im medizinischen Sinne eine Verbrennung überstanden werden kann, wenn nicht über ein Drittel der Haut auf einmal verlorengegangen ist. Dies ist auch der Wert der Reaktion, des retardierenden Momentes im ganzen wie im einzelnen. So liegt eine Möglichkeit der Erholung darin, daß in Zeiten intensiver Wandlung die Politik von mittelmäßigen und veralteten Köpfen geleitet wird, daß in der Wissenschaft die statischen Systeme noch Verfechter finden, daß dem Bürger die Normen nicht verlorengehen, denn auf diese Weise erhält sich eine Art von künstlichem Horizont, mit dessen Hilfe die verwirrenden Gestirne einer neuen Wirklichkeit notdürftig zu fixieren sind.
Klärt nicht auch die Tatsache, daß der Mensch dabei ist, seinen Bestand zu verbrennen, die sehr merkwürdige Stellung unserer Jugend auf? Da sich in ihr dieser Prozeß am heftigsten vollzieht, steht sie sehr schutzlos, sehr vereinsamt da. So ist es bezeichnend, daß sie in den Städten im eigentlichen Sinne des Wortes gar nicht wohnberechtigt ist und in den Häusern, die die Eltern vor dem Kriege erbauten, ihr Obdach suchen muß. Ebenso ergeht es ihr in den Berufen, in den wissenschaftlichen Disziplinen, in der Politik, im Moralischen — es mangeln ihr die Wände und harten Schalen, daher richtet sie sich in den vorhandenen notdürftig als Untermieter ein.

So entsteht das Bild von Kriegern, die in Bürgerzimmern kampieren, oder von Explosivstoffen, die in den Fächern von Krämerläden gelagert sind. Höchst merkwürdige Erscheinungen bilden sich so heraus, etwa von Mystikern, die sich der fachwissenschaftlichen Terminologie des 19. Jahrhunderts bedienen, von Revolutionären innerhalb konservativer Parteien, von Anarchisten, die allem Anschein nach auf dem Gebiete der Astrophysik oder der Atomtheorie produktiv tätig sind. >>>>>>>>

>>>>>>>Zu dem, was ich dort unten gefunden habe, gehört die tiefere Liebe zur Nation, die mir, wie ich wohl weiß, vor dem Kriege mangelte. Der Pöbel hat, wie das nicht anders zu erwarten war, das Land im Stiche gelassen. Der Bürger hat sich von der deutschen Idee abgeschnürt, um ein Deutschland der zeitlichen Erscheinung zu konservieren. Er hat die vordersten Kampfgräben verlassen, und das ist gut, denn es befreit den großen Aufstand von jenem Hauch der Wohlanständigkeit, der auch den stärksten Wein ansäuerlich macht. Wie leicht wäre es ferner, mit den Geistreichen geistreich zu sein. Aber dies alles, dieses Gasgemisch aus Verrat, Stickluft und wohlfeiler Ironie, das den Motor der Korruption in Bewegung hält, muß sich schon deshalb selbst verzehren, weil es dem Willen zur Unfruchtbarkeit entstiegen ist. Daher heißt, hiergegen anzukämpfen, sich seine Aufgabe gar zu billig machen. Es hat keinen Sinn, sich einer Zerstörung entgegenzustellen, die unaufhaltsam ist. In der sauberen Begrenzung und im gerüsteten Abwarten liegt die Kraft kleiner, kriegerischer Gemeinschaften, denn Fäulnis geschieht nicht im wesentlichen Kern; und der Bestand, der abgebrochen wird, ist ebenso belanglos wie jene Kräfte, die sich damit beschäftigen.


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VORWORT
Michael Klett

Dies ist ein Buch der Sehnsucht nach dem Verschütteten und dem Verlorenen in uns, ein Manifest für das Leben, das sich uns zu entziehen beginnt, ein Aufruf, sich mit klopfendem Herzen dem Unerwarteten dieser Welt auszusetzen, ihrer Dämonie, ihrer Dynamik, ihrem Schrecken. Mit leidenschaftlichen Sätzen spricht der junge Autor dem Leser zu, seine Tiefe zu erschließen, um den verlorenen Einklang mit dem Leben wiederzufinden und sich als wunderbares Wesen anzusehen, das der verantwortliche Träger wunderbarer Kräfte sei.
»Das Abenteuerliche Herz« faßt Aufzeichnungen zusammen, die vermutlich zwischen dem Ende des Weltkrieges und der einmaligen Veröffentlichung 1929 niedergelegt wurden. Die Schrecken der Materialschlacht sind künstlerisch bewußter verarbeitet als in den Kriegsbüchern, die Jünger europaweit berühmt gemacht hatten. Zugleich aber bezeugt dieses Buch den Aufbruch in eine vielschichtige, immens fruchtbare Autorschaft, die nahezu über das gesamte Jahrhundert reicht. Im Jahre 1938 erschien die sogenannte zweite Fassung mit dem Untertitel »Figuren und Capriccios« und trat an die Stelle der Urschrift. Die später so genannte erste Fassung wurde erst wieder Ende der fünfziger Jahre in die zehnbändige Werkausgabe übernommen, später in der Ausgabe der »Sämtlichen Werke« fortgedruckt und liegt nun, nach beinahe sechzig Jahren, wieder als unveränderte Einzeledition vor.
Die biographische Situation des Autors in den Jahren der Niederschrift kann man sich heute nur schwer vor Augen führen. Hochdekorierter Soldat und erfolgreicher Autor einer Reihe von Büchern, die aus dem Erlebnis des Krieges hervorgegangen waren, war er zugleich der glühende Anhänger einer Nation, die einen Krieg mit ungeheuren Verlusten hinter sich hatte und durch einen unsinnigen Friedensvertrag gedemütigt war.

Viele Sätze und Metaphern stehen denn auch unter der Wirkung dieser Umstände. Politische Wirren, Hunger und Arbeitslosigkeit kennzeichnen diese Jahre ebenso wie ein Umbruch ästhetischer Werte und Formen, dessen Vorzeichen schon seit der Jahrhundertwende deutlich gesetzt waren. Die rauschhafte Lebensintensität der Menschen ging, vor allem bei Dichtern und Künstlern, einher mit pessimistischen Einschätzungen der kommenden Zeit. Max Rychner: »In der Verzweiflung dieser Dichter war ein heraufkommendes Verhängnis vorauszuspüren, noch bevor man es wissen konnte«. Die alte Ordnung Europas, die bürgerliche Welt — Jünger spricht vom versteinerten Leben —, seit Beginn des Jahrhunderts immer mehr in Frage gestellt, war in den Schützengräben des ersten Weltkrieges endgültig zerbrochen, ohne daß sich eine neue Ordnung schon hätte befestigen können. Das Schwankende, Unbestimmte jener Jahre hat den Autor wohl schärfer und nachhaltiger ergriffen als andere. Heute bemerken wir, daß die tiefgeschichteten Verwerfungen, die dieses Jahrhundert kennzeichnen, wohl von keinem Dichter so deutlich erkannt und zur Sache seines Werkes gemacht wurden wie von Jünger. Den größten Teil der zwanziger Jahre hatte er in Berlin verbracht, einer fiebernden, heißlebenden Metropole. Zu der Zeit, als »Das Abenteuerliche Herz« erscheint, zieht er sich auf das Land zurück. Später erwähnt er diese Veränderung, »weil von nun an die Uhr langsamer für mich lief und ich mehr Zeit hatte. Das war für meine Prosa günstig«.
»Das Abenteuerliche Herz« ruft seinen Leser zur Entscheidung und zur Entschiedenheit auf. Augenblicke, Stimmungen, blickhafte Einfälle, Träume bestimmen die Form dieser Aufzeichnungen, die noch dem Genre des Tagebuches zugehören und doch auch mit ihrer gelegentlich vexierbildhaften Wendung zum Manifest, zum Pamphlet, zur Erzählung, zum vertrauten Gespräch mit dem Leser in einer Übergangsbewegung zum modernen Essay steht. Jünger, dessen Geistes- und Artverwandte, etwa Rimbaud, Baudelaire, Novalis, E. T. A. Hoffmann, Byron, Poe, Kubin, in den Blättern des Buches verzeichnet sind, stellt sich radikal auf die Seite des Gefühls vor dem Verstand, des Geistigen gegenüber dem Materiellen, der Werte gegenüber den Ziffern, des Abenteuerlichen vor dem Alltäglichen und tritt deshalb als Person mit der Emphase des coeur mis ä nu, dieser Baudelaireschen Metapher, deren Verwandtschaft mit dem vorliegenden Titel unverkennbar ist, in einer Weise hervor wie sonst selten in seinen Büchern.
Obwohl einige Passagen und insbesondere Traumstücke wie etwa »Der Blechsturz«, »Der schwarze Ritter« oder »Liebe und Wiederkunft« fast wortgleich in die zweite Fassung aufgenommen wurden, und obwohl man die erste Fassung wie einen Entwurf zur zweiten sehen kann, sind die beiden Bücher mit demselben Titel voneinander ganz verschieden. Das ältere enthält nicht nur eine Fülle von Ansätzen und Entwürfen zu Werken, die später ausgeführt wurden (»Der Arbeiter«, »Sizilischer Brief an den Mann im Mond«, »Subtile Jagden«, »Drogen und Rausch«, »Eumeswil« usf.), es ist auch so etwas wie ein Schlüssel zum Jüngerschen Denken überhaupt.
Bei der zweiten Fassung ist unverkennbar, daß eine sorgsame, die Prosa wie ein Werkstück bearbeitende Hand mit dem leidenschaftlich, oft rauschhaft niedergeschriebenen frühen Text umgegangen ist, und wenn aus diesem künstlerischen Prozeß ein Werk von einzigartiger Schönheit entstanden ist, eines der wenigen großen Bücher dieses Jahrhunderts, so zeichnet das ältere Werk, sein Skizzenbuch, wie Jünger es einmal nannte, der Schmelz des unbekümmerten Anfangs aus. »Mögen wir niemals so alt werden, daß wir das rechte Lachen verlieren über die Taten derer, die plötzlich als Taugenichtse auf und davon gingen, weil ihnen die Bücher den Kopf verdrehten. Mögen wir im Gegenteil immer bei denen sein, die eines Morgens ausziehen, fest in den Steigbügeln und reiten in die Sonne hinein, mit dem festen Glauben an sich und die Schatzkammern der Welt.« Mit solchen Sätzen verschwört er sich mit dem Leser, den er als Einzelnen, Einsamen adressiert. Wenige Sätze weiter kommt er auf Don Quichote zu sprechen, diese alte Symbolfigur des Anarchischen, eine erste Lektüre des Zehnjährigen und sein späteres Erkennen, daß »die alten Narren die besten« seien. Dem Sterben des Kindes im Menschen, dem Anwachsen des Alltäglichen, dem Einbruch der Aufklärung in die frühen Träume wird fast schon eine Programmatik des Erlebens gegenübergestellt, wobei »böse« Momente, wie der Schrecken, der Schock, das Entsetzen, der Schmerz in einem neuen Wertgefüge neben Gewöhnlichem stehen, wie dem Augenblick, dem Traumbild, dem »heißen Begreifen« des Kindes. Der Einbruch des Jähen, Unerwarteten reißt den Menschen aus der Lauheit heraus, das »ganz andere« tritt ein. Jünger läßt keinen Zweifel, daß es ein materialistisch werdendes Zeitalter zu bestehen gilt. In einem Essay, der wenig später erscheint, fasziniert und bedrückt ihn etwa die Vorstellung eines Menschen, der ein Torpedo steuert, also zum intelligenten Aggregat einer Maschine wird. Mit der Erinnerung an das magische Weltalter wird eine Wahrnehmung gesucht, wo »die Dinge noch einmal zum Sprechen« gebracht werden, wo der lebendige Einklang entsteht zwischen Mensch und Sache, wo »die Bannkraft neuer, verborgener Urbilder« wirksam wird. Die materielle Welt muß von uns verzaubert werden, sonst vernichtet sie uns.
Die etwas später erschienene Reiseaufzeichnung »Dalmatinischer Aufenthalt« bezeichnet Jünger als eine Schule des Sehens. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich eine in ihrer Bedeutung noch kaum verstandene neue Optik, deren Umrisse in dem vorliegenden Buch erkennbar sind. Ihr »dynamisches Wesen«, also die Abkehr von der alten kontemplativen Ruhe im Schauen und die Entdeckung einer Wahrnehmung, die erregt und bewegt ist und bei der die Sinne in den Sinnen tätig werden, wird uns eigentlich erst in diesen letzten Jahren des Jahrhunderts richtig zugänglich.
Von einigen wenigen aus den Zeitumständen erklärbaren Passagen abgesehen, hat dieses kühne, leidenschaftliche Buch über ein halbes Jahrhundert nach seinem ersten Erscheinen an Gegenwärtigkeit nichts verloren. Im Gegenteil, das Leben mit seiner trügerischen Dynamik in einer technisch weiter fortgeschrittenen, komfortzivilisatorischen, neu verbürgerlichten Welt, ist naturferner und langweiliger als zu der Zeit, da sich überall in Europa Künstler und Intellektuelle an die Erneuerung einer skierotisierten Kultur machten.

Michael Klett

AUSZÜGE

> > > Die Lage, in der sich unser Instinkt zurechtzufinden hat, ist immer noch die, daß die Abbilder der Werte eines durch verstandesmäßige Erkenntnis beherrschten Jahrhunderts das einzig Sichtbare sind, während das Leben bereits unter der Bannkraft neuer, verborgener Urbilder steht. Dies bringt die gültigen Ordnungen und die sich immer dringender anmeldenden Werte in einen Gegensatz, der noch heute nicht entschieden ist.

Dieses Jahrhundert gleicht uns sehr. Obwohl es in seiner Wiege bereits eine Reihe von Schlangen erdrückte, ist es doch mit dreißig Jahren in bezug auf sein Bewußtsein noch ein Kind. Wir alle könnten unser Schulgeld zurückverlangen, insbesondere der vierte Stand, dem seine Lehrmeister ein geradezu hoffnungsloses Autoritätsbewußtsein mitgegeben haben. Wie soll einer Bäume ausreißen, der nicht auf den Rasen zu treten wagt.

Mit stereoskopischem Blick betrachtet, bietet etwa der späte Darwinismus, der noch auf unsere Jugend entscheidende Schatten warf, ein seltsames Bild. Auf der einen Seite erscheint er als Anstrengung des wissenschaftlichen Willens in seiner emsigsten Tätigkeit, bereit, das Leben nicht nur zu erklären, sondern es gänzlich auszufüllen und in den letzten seiner Bezirke einzuströmen.
Vom andern Pole aus jedoch überrascht ein phantastisches Spiegelbild: das Leben, vordringend in den wissenschaftlichen Raum, um sich mit dem Geschrei der Märkte, dem Haß der Blutsgemeinschaften und dem Toben politischer Kämpfe in ihm anzusiedeln. Das Ganze ist ein magischer Vorgang von hohem Rang, nur vergleichbar mit gewissen aus dem Dunkel von Träumen auftauchenden Masken, deren Ausdruck sowohl tödliche Starre wie dämonische Bewegung zu spiegeln scheint.

Der Zweifel, dessen bissige Meute das Leben von seiner eigentlichen Bühne in immer höhere und gefährlichere Ränge hetzt, bis es sich in eisige, luftleere Räume verschlagen sieht. Doch während hier sein Formenschatz in den Abgrund stürzt, schwingt sich das, was diesen Schatz zu schaffen vermochte, mutig hinaus zur Herrschaft über ein neues Element — und wer weiß, ob hinter dem Ganzen nicht von vornherein die Sehnsucht zum Fluge lebendig war?
Da die Einzelnen sich darauf angewiesen sehen, in den vorhandenen Formen um die neuen Werte zu kämpfen, so schleppen sie, ohne es zu ahnen, in die Welt dieser Formen die Zersetzung ein. Aber, wie gesagt, geschieht Fäulnis niemals im wesentlichen Kern; und eine Untersuchung, auf welchen Wegen und Umwegen sich das wertvolle Leben rettet aus diesen unsichtbaren und tödlichen Mikrobenschlachten zwischen zwei Zeitaltern, würde ein lohnendes Schauspiel
bieten. Jedes Sterben findet auf der Schattenseite des Lebens statt, wie jedes Leben sich vom Tode ernährt.



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