Gaias Rache, James LovelockJetzt kaufen
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Sachbuch
KLIMA

GAIAS RACHE
Warum die Erde sich wehrt

Die Klimakatastrophe hat längst begonnen.
Unsere Kinder werden von den dramatischen
Folgen betroffen sein,
nicht erst künftige Generationen.
Angesichts der unmittelbaren Bedrohung
erhebt er nun noch einmal seine Stimme
zu einem radikalen Warnruf,
bevor es zu spät ist.

"Wir alle sollten die Botschaft dieses Buches erkennen und
danach handeln. Lovelock ist ein wissenschaftlicher Visionär."
The Times

"Lovelock ist einer der größten Denker unserer Zeit."
The Observer

"Das wichtigste Buch, das je über
die Klimakatastrophe erschienen ist."
The Independent


"James Lovelock spricht über die Gefahr der globalen
Erwärmung in den klarsten Worten, die man bisher
zu diesem Thema gehört hat."
Daily Mail


James Lovelock
geboren 1919, ist Honorary Visiting Fellow am Green Collage der Oxford University. Er hat viele maßgeblichew wissenschaftliche Publikationen verfasst. Auf Deutsch sind von ihm erschienen: Gaia. Die Erde ist ein Lebewesen (1992), Das Gaia-Prinzip. Die Biographie unseres Planeten (1993) und zusammen mit Fritjof Capra u. a. Der wissende Kosmos (2001).
James Lovelock gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der Umweltbewegung.
AUSZÜGE

Gaias Rache

Selbst die, die einen systemwissenschaftlichen Ansatz verfolgen, würden als Erste einräumen, dass unser Verständnis des irdischen Systems nicht viel besser ist als das eines Arztes des 19. Jahrhunderts von seinem Patienten. Doch wir sind uns der Physiologie der Erde genügend bewusst, um zu merken, wie schwer sie erkrankt ist. Wir vermuten, dass es einen Schwellenwert gibt, der von der Temperatur oder dem Kohlendioxidgehalt der Luft vorgegeben ist; wenn dieser erst einmal überschritten ist, werden alle Staaten der Welt die Folgen nicht mehr abwenden können, und die Erde wird unwiderruflich in eine neue heiße Phase übergehen. Gegenwärtig nähern wir uns einem dieser Umkipppunkte, und unsere Zukunft gleicht der von Passagieren auf einem kleinen Vergnügungsdampfer, die unbesorgt oberhalb der Niagarafälle herumfahren und nicht wissen, dass die Maschinen bald versagen werden.

Das wenige, was wir über die Reaktion der Erde auf unsere Anwesenheit wissen, ist zutiefst beunruhigend. Selbst wenn wir sofort aufhörten, Gaia Land und Wasser zur Nahrungs- und Brennstoffproduktion zu entziehen und die Luft zu vergiften, würde die Erde über 1000 Jahre brauchen, um sich von den bereits angerichteten Schäden zu erholen, und es könnte bereits so spät sein, dass selbst dieser drastische Schritt uns nicht mehr retten könnte. Eine Gesundung, ja selbst nur eine Linderung der Folgen unseres vergangenen Fehlverhaltens wird ein außergewöhnliches Ausmaß an internationalen Anstrengungen und eine sorgfältige Planung zur Ersetzung fossiler Kohlenstoffquellen durch sicherere Energieträger erfordern. Als Zivilisation gleichen wir zu sehr Süchtigen, deren Droge sie töten wird, wenn sie sie weiterhin nehmen, und die sie genauso töten wird, wenn man sie ihnen auf der Stelle entzieht. In unser gegenwärtiges Dilemma sind wir durch unsere Intelligenz und unseren Erfindungsreichtum geraten. Erstmals haben wir damit vielleicht schon vor 100 000 Jahren angefangen, als wir Wälder in Brand setzten, um uns die Jagd bequem zu machen. Damit hatten wir aufgehört, bloß ein weiteres Raubtier zu sein, und mit der Demolierung der Erde begonnen. Als Spezies gleichen wir dem schizoiden Paar Dr. Jekyll und Mr. Hyde; wir haben die Fähigkeit zu katastrophalen Zerstörungen, aber auch das Potenzial, eine großartige Zivilisation zu begründen. Mister Hyde brachte uns dazu, unsere Technik zum Schlechten einzusetzen; wir haben Energie missbraucht und die Erde überbevölkert. Aber wir können unsere Zivilisation nicht aufrechterhalten, wenn wir die Technik aufgeben. Wir müssen sie stattdessen klug einsetzen, wie Dr. Jekyll das tun würde, und dabei die Gesundheit der Erde - nicht der Menschen - im Blick behalten. Aus diesem Grund ist es für eine nachhaltige Entwicklung viel zu spät; wir brauchen einen nachhaltigen Rückzug.
Wir sind von der Idee des Fortschritts und der Besserung der Menschheit so besessen, dass wir »Rückzug« als Schimpfwort betrachten, als etwas, für das man sich schämen muss. Der Philosoph und Geistesgeschichtler John Gray schrieb in seinem Buch Straw Dogs, dass wir nur selten über die Bedürfnisse der Menschheit hinausblicken, und er führte diese Blindheit auf unsere christliche und humanistische Binnenstruktur zurück. Sie kam vor 2000 Jahren auf und war damals bescheiden, sodass wir für Gaia keine wesentliche Bedrohung darstellten. Heute besteht die Menschheit aus mehr als sechs Milliarden hungrigen und gierigen Individuen, die alle versuchen, im Stil der Ersten Welt zu leben, sodass sich unsere urbane Daseinsform immer mehr des Reiches der lebendigen Erde bemächtigt. Wir nehmen ihr so viel weg, dass sie nicht länger in der Lage ist, die vertraute und komfortable Umwelt aufrechtzuerhalten, die wir als gegeben hingenommen hatten. Jetzt verändert sie sich nach ihren eigenen, internen Regeln und geht in eine Phase über, in der wir nicht länger willkommen sind.

Die Menschheit, die aufgrund ihrer humanistischen Traditionen darauf völlig unvorbereitet ist, steht vor ihrer größten Herausforderung. Die Beschleunigung des Klimawandels, der jetzt eingesetzt hat, wird die komfortable Umwelt, an die wir angepasst sind, hinwegfegen. Wandel ist ein normaler Teil der geologischen Geschichte; die jüngste Veränderung war der Übergang von einer langen Vergletscherungsperiode zur derzeitigen warmen Zwischeneiszeit. Neu an der kommenden Krise ist, dass wir der Grund dafür sind und so etwas Schwer¬wiegendes nicht mehr seit der langen heißen Periode zu Beginn des Eozäns vor 55 Millionen Jahren passiert ist; damals waren die Veränderungen größer als die zwischen Eiszeit und 19. Jahrhundert und hielten 200 000 Jahre lang an.
Das große irdische System, Gaia, gerät in einer Zwischeneiszeit wie der momentanen in einen Teufelskreis positiver Rückkopplung*, und das macht die globale Erwärmung zu einem so schwerwiegenden und dringlichen Problem. Zusätzliche Wärme aus jeder erdenklichen Quelle - seien es Treibhausgase, das Verschwinden des arktischen Eises, die Strukturveränderungen der Ozeane oder die Zerstörung der Tropenwälder - wird verstärkt, und der Gesamteffekt ist größer als die bloße Summe. Es ist fast, als hätten wir ein Feuer gemacht, um uns zu wärmen, und beim Nachlegen von Brennstoff nicht bemerkt, dass es bereits außer Kontrolle geraten ist und die Möbel in Brand gesetzt hat. Wenn so etwas passiert, bleibt kaum noch Zeit, die Flammen zu löschen, ehe sie das ganze Haus ergreifen. Die globale Erwärmung beschleunigt sich wie ein Feuer, und wir haben so gut wie keine Zeit mehr, um zu reagieren.
Die Philosophin Mary Midgley hat in ihren glänzenden Werken Science and Poetry und The Essential Mary Midgley gewarnt, dass die Dominanz atomistischen und reduktionistischen Denkens in der Wissenschaft während der letzten beiden Jahrhunderte zu einer beschränkten, engstirnigen Sicht der Erde geführt hat. In der Wissenschaft sagt man oft, dass die Bedeutung von Ideen daran gemessen wird, wie lange sie den Fortschritt verhindern. Es dauerte fast 200 Jahre, bis Newtons Sichtweise des Universums Einsteins umfassenderer Vision Platz machen musste. Nach diesem Maßstab war Descartes ein wahrhaft großer Denker. Seine Trennung von Geist und Körper, so notwendig sie auch zu seiner Zeit war, und die Zurückstufung alles Lebendigen auf eine mechanistische Interpretation beförderten das reduktionistische Denken. Unter Reduktion versteht man das analytische Zerlegen einer Sache in ihre Grundelemente, dem dann die Neuerschaffung durch das Wiederzusammenbauen der Teile folgt; in den vergangenen zwei Jahrhunderten hat das Verfahren sicherlich zu großartigen Triumphen der Physik und der Biologie geführt, aber erst heute findet es sei¬nen ihm angemessenen Platz als bloß ein Teil der Wissenschaft, nicht als die Wissenschaft selbst. Zumindest beginnen wir - auch wenn es vielleicht zu spät ist - zu erkennen, dass die holistische Perspektive, die eine Sache von außen betrachtet und ihre Fragen stellt, während diese Sache in Betrieb ist, genauso wichtig ist, wie die Sache in ihre Teile zu zerlegen und sie von Grund auf zu rekonstruieren. Das gilt im besonderen Maß für Lebewesen, komplexe Systeme und Computer.

Vor allem aber müssen wir die Liebe und die Empathie für die Natur erneuern, die wir verloren haben, als wir unseren Flirt mit dem Stadtleben begannen. Sokrates war wahrscheinlich nicht der Erste, der meinte, außerhalb der Stadtmauern würde nichts Interessantes passieren, aber er war immer noch mit der natürlichen Welt draußen vertraut. Selbst zu Shakespeares Zeiten waren die Städte klein genug, dass er an einem Ufer spazieren gehen konnte, an dem wilder Thymian blühte und Himmelsschlüssel und Veilchen wuchsen. Die frühen Umweltschützer, die die Natur kannten und sich ihrer wahrhaftig erfreuten - Wordsworth, Ruskin, Rousseau, Humboldt, Thoreau und so viele andere -, wohnten die meiste Zeit ihres Lebens in kleinen, kompakten Städten. Heute sind Städte so riesig, dass nur wenige Bewohner je das weit entfernte Landleben kennenlernen. Ich frage mich, wie viele meiner Leser schon einmal wilden Thymian blühen gesehen haben.

Energiequellen
>> . . . ihr Fusionsreaktor funktionierte; zwei Sekunden lang hatte er ein nukleares Feuer aufrechterhalten, bei dem Deuterium und Tritium, zwei Wasserstoffisotope, verschmolzen und 16 Megawatt Energie lieferten. Zugegeben, das waren nur 64 Prozent der Energie, die nötig gewesen war, um das Feuer in Gang zu setzen, aber es war damit bewiesen, dass die Physik und die Technik stimmten und wie erwartet funktionierten. Der Reaktor des Culham Centre ist ein Prototyp, der zu einem Versuchskraftwerk weiterentwickelt werden könnte, aus dem wiederum das erste funktionierende Fusionskraftwerk entstehen könnte.
Als Wissenschaftler faszinierte mich der Gedanke, dass da vor meinen Augen in diesem toroidalen Behältnis ein paar Sekunden lang Temperaturen weit über denen der heißesten Teile des Sonnenkerns aufrechterhalten worden waren. Die Temperatur der verbrennenden Mixtur von Wasserstoffisotopen betrug 150 Millionen °C, im Inneren der Sonne herrschen nur 100 Millionen °C. Die Sonne kann es sich natürlich leisten, in viel gemütlicherem Tempo zu verbrennen.
Das für die Fusionsenergie als Brennstoff benötigte Deuterium steht unbegrenzt zur Verfügung. Es macht 0,016 Prozent allen Wassers aus und ist leicht zu extrahieren. Der zweite Brennstoff, das radioaktive Wasserstoffisotop Tritium, muss hergestellt werden. In der seltsamen Welt der Nuklearenergie wird Tritium vom Fusionsreaktor während des Betriebs selbst hergestellt. Wenn die beiden Wasserstoffisotope verschmelzen, erzeugen sie Energie in Form zweier energiereicher Teilchen, einem Heliumatom mit drei Millionen Elektronenvolt und einem Neutron mit 14 Millionen Volt Energie. Die theoretische Energie des Heliumatoms liefert die Hitze, die die Plasmaflamme heiß hält, und die Neutronen geben ihre gigantische kinetische Energie an die Reaktorwände weiter, wo sie in Hitze umgewandelt wird. Bei einem zukünftigen Fusionskraftwerk würde die Hitze des Neutronenstroms die thermale Energie liefern, die in Turbinen in Strom umgewandelt wird. Der Neutronenstrom könnte auch eine beständige Quelle neuen Tritiums darstellen, wenn er mit einem Lithiumisotop reagiert, das in die Reaktorwände eingebaut ist.

Als nuklearer Abfall eines Fusionsreaktors würde das harmlose, nicht radioaktive Gas Helium entstehen, langfristig radioaktive Produkte gäbe es nicht. Die Metallteile des Reaktors würden infolge des Neutronenstroms leicht radioaktiv, aber deren Entsorgung wäre ein kleineres Problem.
Warum werden wir nicht jetzt schon mit sicherer Fusions¬energie beliefert? Die großartigen internationalen Entwicklungen in Culham vollziehen sich so rasch, wie man vernünftigerweise erwarten kann; die in Fusionsreaktoren eingesetzte Energie wurde im Verlauf der letzten 20 Jahre in einem Tempo gesteigert, das schneller war als das, mit dem Computer ihre Geschwindigkeit und Leistungsfähigkeit vergrößerten. Die erzeugte Energie ist jetzt fast so groß wie die, die zur Ingangsetzung des Fusionsprozesses notwendig ist, was bedeutet, dass ein funktionierender Fusionsreaktor nun in Reichweite gerückt ist. Das ist ein überwältigendes Ergebnis, und wir verließen Culham mit der Vorstellung, dass der nächste große thermonukleare Reaktor, der in Frankreich gebaut werden soll, Energie für die landesweite Stromversorgung liefern wird. Es wird sich um den Prototyp einer wachsenden Zahl sicherer, zuverlässiger Energielieferanten handeln.

Wenn das Kyoto-Protokoll mehr von pragmatischen Wissenschaftlern und Ingenieuren beeinflusst worden wäre als von romantischen Idealisten, würden wir vielleicht schon bald Fusionsenergie ernten. Wie die Dinge stehen, wird es selbst bei gutem Willen noch weitere 20 Jahre dauern, bis sie unsere elektrischen Wasserkocher aufheizt oder unsere Computer laufen lässt.

Kernspaltung

Wie bei den anderen Energiequellen werde ich hier nicht die Konstruktionsweise der unterschiedlichen Kernreaktortypen oder die ihnen zugrunde liegenden wissenschaftlichen Konzepte schildern; ich behandle nur die Vorzüge von Kernkraft als Gaiafreundlicher Energiequelle und ihre Sicherheit. Ein neueres ausgezeichnetes Buch, NuclearRenaissance von W. J. Nuttall (2005), ist ein guter Ausgangspunkt für alle, die mehr über die Geschichte, die Bauweise und die politischen Aspekte von Kernspaltung und Kernfusion erfahren wollen. Eine frühere Übersicht von Walt Patterson, Transforming Electricity (1999), wäre eine gute Alternative.

Viele meiner Freunde unter den Umweltschützern sind überrascht, wie sehr ich mich für Kernkraft stark mache, und glauben anscheinend, dass ich kürzlich einen Sinneswandel durchgemacht habe.

Das stimmt ganz und gar nicht, wie ein Blick in das zweite Kapitel meines ersten Buches Gaia (1979, dt. 1982 und 1992) und in Kapitel sieben meines zweiten Buches Das Gaia-Prinzip (1988, dt. 1991 und 1993) zeigen kann.

In einem Fernsehinterview wurde ich einmal gefragt: »Aber was ist mit dem Atommüll? Wird er nicht die gesamte Biosphäre vergiften und noch Millionenjahre weiterstrahlen?« Ich wusste, dass dies ein Albtraum ist, der in der realen Welt völlig gegenstandslos ist.

Ich wusste auch, dass die Natur nuklearen Abfall als perfekten Schutz vor

gierigen »Landerschließern« willkommen heißt und dass, was für kleinere Schäden er auch immer anrichten mochte, diese nur ein minimaler Preis wären.

An stark radioaktiv verseuchten Orten verblüfft mich am meisten, wie reichhaltig ihre Tier- und Pflanzenwelt ist. Das gilt für die Gegend von Tschernobyl, die Bombentestgelände im Pazifik und das Gebiet um die Nuklearwaffenfabrik Savannah River in den USA, wo die Bomben für den Zweiten Weltkrieg gebaut wurden. Wildpflanzen und -tiere nehmen radioaktive Strahlung nicht als gefährlich wahr, und jede mögliche leichte Reduktion ihrer Lebensspanne ist weit weniger bedrohlich als die Gegenwart von Menschen und ihren Haustieren. Man vergisst leicht, dass wir heute so viele sind, dass fast alles, was wir zusätzlich in Form von Land- und Forstwirtschaft und Häuserbauen tun, die Natur und Gaia weit mehr schädigt. Dass Wildpflanzen und -tiere Gegenden mit nuklearen Abfällen bevorzugen, legt den Schluss nahe, dass die Tropenwälder und andere Habitate, die vor ihrer Zerstörung durch hungrige Bauern und Land-erschließungsmaßnahmen zuverlässig geschützt werden müssen, die besten Orte zur Entsorgung wären.

Ein entscheidender Vorteil nuklearer gegenüber fossilen Brennstoffen besteht darin, wie leicht man mit den Abfallprodukten umgehen kann. Die Verbrennung fossiler Energieträger erzeugt jährlich 2 7 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, woraus man, wie ich zuvor erwähnt habe, in verfestigter Form einen Berg von 1600 Metern Höhe und knapp 20 Kilometern Umfang errichten könnte. Wird dieselbe Energiemenge mittels Kernspaltung erzeugt, führt dies zu zwei Millionen mal weniger Abfall, nämlich einem Würfel von 16 Metern Kantenlänge. Der Kohlendioxidmüll ist unsichtbar, aber so tödlich, dass seine Emissionen, wenn sie nicht eingedämmt werden, so gut wie jeden umbringen werden. Der an den Produktionsstätten vergrabene Atommüll stellt für Gaia keine Bedrohung dar und gefährdet nur die, die dumm genug sind, sich seiner Strahlung auszusetzen.
Es wird zwar viel darüber geredet, den Kohlendioxidabfall zu vergraben, aber kaum jemand scheint zu erkennen, wie überaus schwierig diese Aufgabe ist. Wie soll er von den Myriaden Quellen überall auf der Welt eingesammelt werden? Wo bringen wir die Berge unter, die wir jedes Jahr produzieren? Ich finde es traurig, aber nur allzu menschlich, dass es gigantische Verwaltungen gibt, die sich um Atommüll kümmern, riesige Organisationen, die den Ausstieg aus der Kernkraft betreiben, aber nichts Vergleichbares, um mit dem wirklich bösartigen Abfall, dem Kohlendioxid, fertig zu werden.
Als Argument für eine breitere Nutzung der Kernkraft reicht das allein nicht, weil die öffentliche Meinung zu sehr von der Schädlichkeit der nuklearen Energiegewinnung überzeugt ist, um sich durch einfache Argumente davon abbringen zu lassen. Stattdessen habe ich öffentlich angeboten, allen in einem Jahr von einem Kernkraftwerk produzierten hochgradig radioaktiven Abfall zu nehmen und auf meinem kleinen Flecken Land zu deponieren; es wäre nur ein Kubikmeter, und der ließe sich sicher in einer Betongrube lagern. Mit der Wärme des radioaktiven Zerfalls seiner Bestandteile könnte ich mein Haus heizen; sie nicht zu nutzen wäre Verschwendung. Wichtiger aber ist, dass er weder für mich oder für meine Familie noch für Wildpflanzen und -tiere eine Gefahr darstellen würde.


In der endlosen Debatte über die Kernkraft bekommt man oft den Eindruck, es kämpfe ein antinuklearer David tapfer gegen den Goliath der Kernin-dustrie. Wie falsch dieses Bild doch ist. Die grünen Lobbys sind groß, während die Kernindustrie im Vergleich zu den manchmal wirklich riesigen Öl- und Kohlegesellschaften winzig ist. Wenn man nur kurz die Energie-dichte von Kohlenstoff-Energieträgern mit der nuklearen Energieträger vergleicht, erklärt sich, warum die Nuklearindustrie so klein ist. Um dieselbe Strommenge zu erzeugen, braucht man eine Million mal mehr Öl oder Gas als Uran. Infolgedessen kann sich die Nuklearindustrie kaum Werbung und Demonstrationen pro Kernkraft leisten, und die Gegenargumente kommen einem kaum zu Ohren.
Ein weiterer Faktor, der das falsche Bild der nuklearen Gefahren aufrechterhalten hat, ist die Abneigung von Wissenschaftlern, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Ein guter Wissenschaftler weiß, dass nichts sicher ist; alles ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Ein AntiKernkraft-Aktivist zögert hingegen nie, zu übertreiben und zu spekulieren. Man braucht nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie leicht ein guter und ehrlicher Wissenschaftler in der feindseligen Atmosphäre eines Gerichtssaals oder Fernsehstudios als wenig überzeugend hingestellt werden kann. Vor allem wenn, wie es in den Medien so oft der Fall ist, der Moderator auf einen Schaukampf aus ist, nicht nur auf nüchterne Informationen.
Darüber hinaus behindert die heutigen Wissenschaftler ihr niedriger sozialer und wirtschaftlicher Status. Lange vergangen sind der Respekt und die Unabhängigkeit, derer sich Lavoisier, Darwin, Faraday, Maxwell, Perkin, Curie und Einstein erfreuten. Kaum ein Laborwissenschaftler ist so frei, wie ein guter Autor sein kann. In der Tat hege ich den Verdacht, dass wir nur die Wissenschaftler gut kennen, die unterhaltsame Bücher schreiben können; die, die wirklich zu unserem Wissen beitragen, bleiben größtenteils unbekannt. Jüngere Wissenschaftler können ihre Meinung nicht frei äußern, ohne Stipendien oder Veröffentlichungsgelegenheiten zu gefährden. Schlimmer noch: Nur wenige können heute dem verschlungenen Pfad der glücklichen Zufälle folgen, der zu wirklichen Entdeckungen führt. Nicht politische oder theologische Tyrannen legen ihnen Schranken auf, sondern der feste Zugriff der Bürokraten, aus denen das große Heer des qualifizierten, aber bremsenden mittleren Managements besteht, und der Sicherheitsbeauftragten um sie herum.
Warum also sind so viele gegen Kernenergie? Wie kamen diese falschen Ängste auf? Ich glaube, sie gehen auf den Zweiten Weltkrieg zurück, als Präsident Truman - der über schwierige Entscheidungen sagte: »Der Schwarze Peter bleibt immer an mir hängen« - die schreckliche Aufgabe hatte, entscheiden zu müssen, ob die neu entwickelten Atombomben auf eine japanische Stadt geworfen oder bloß ihre fürchterliche Gewalt dem japanischen Militär demonstriert werden sollten.

Dass Hiroshima und Nagasaki mit den Bomben zerstört wurden, ließ alles Nukleare in völlig neuem Licht erscheinen. Wir können Kernkraft nicht länger als wunderbares Geschenk betrachten, das uns schadstofffreie Energie liefert; unser Geist war von der Angst vor einem Atomkrieg vernebelt, und diese Angst hält weiter vor. Wir hätten vielleicht die Segnungen der Kern¬kraft deutlicher erkannt, wenn Amerika nicht versucht hätte, für sich zu behalten, was es als sein eigenes Geheimnis betrachtete, und wenn die Polarisierung der Politik sich nicht zu einem Kalten Krieg zwischen dem Kapitalismus, repräsentiert durch die Vereinigten Staaten, und dem Kommunismus, repräsentiert durch Sowjetrussland, aufgeschaukelt hätte. Es dauerte nicht lange, bis die Sowjetunion ihre eigenen Atombomben hatte. Bald kam es zu einem nuklearen Wettrüsten, die Waffen wurden im¬mer zerstörerischer, und die meisten von uns fürchteten einen Krieg, der nicht nur die Kämpfenden, sondern die gesamte Zivilisation auslöschen würde. In dieser pathologischen Atmo¬sphäre, als die Welt von heißen Konfrontationen wie der Kubakrise erschüttert wurde, begannen die Anti-Atom-Proteste.
In Nuclear Renaissance bietet Nuttall die beste Zusammenfassung über das Aufkommen der AntiAtom-Bewegung in den westlichen Demokratien, die ich je gelesen habe:
In der Öffentlichkeit entwickelte sich der echte Widerstand gegen die Kernkraft in den siebziger und achtziger Jahren. Man könnte argumentieren, das sei eine Folge des Aufkommens von politischen Interessengruppen und der Jugendkultur gewesen. Das heißt: Wie die Anti-Vietnam-Demonstra-tionen Ende der Sechzigerjahre aus den früheren Bürgerrechts-Demonstrationen entstanden waren, so erwuchsen die Anti-Atom-Demonstrationen Ende der siebziger Jahre direkt aus den Vietnam¬ Demonstrationen >>>


Über das Ende hinaus

Wie in Richard Wagners Der Ring des Nibelungen hängt das Schicksal am Seil der Nornen, aber der Faden, der unser Los bestimmt, wird gleich reißen.

Gaia, die lebendige Erde, ist alt und nicht mehr so stark wie vor zwei Milliarden Jahren. Sie kämpft darum, sich für ihre Myriaden Lebensformen trotz der unausweichlichen Zunahme der Sonnenhitze kühl zu halten. Verschärft werden ihre Probleme dadurch, dass eine dieser Lebensformen - Menschen, streitlustige Stammestiere, die davon träumen, sogar andere Planeten zu erobern - versucht hat, die Erde nur zu ihrem eigenen Nutzen zu beherrschen. Mit atemberaubender Dreistigkeit haben sich die Menschen die Kohlenstoffvorräte genommen, die Gaia vergraben hatte, um den Sauerstoff auf dem richtigen Niveau zu halten, und ihn verbrannt. Damit haben sie Gaias Autorität an sich gerissen und es ihr unmöglich gemacht, ihrer Verpflichtung nachzukommen, den Planeten so zu bewahren, dass er für das Leben geeignet ist. Sie haben nur an ihr eigenes Wohlergehen und an ihre Bequemlichkeit gedacht.
Irgendwann gegen Ende der sechziger Jahre ging ich mit meinem Freund William Golding, der in der Nähe wohnte, durch eine ruhige Nebenstraße in meinem Heimatdorf. Wir sprachen darüber, dass ich kurz zuvor im Jet Propulsion Laboratory in Kalifornien gewesen war, wo man die Idee verfolgte, auf anderen Planeten nach Leben zu suchen. Ich legte ihm dar, warum meiner Meinung nach sowohl Mars als auch Venus unbelebt sind und dass die Erde mehr ist als einfach ein belebter Planet und warum ich sie in gewisser Hinsicht als selbst lebendig betrachte. Er sagte sofort: »Wenn du eine so große Idee verbreiten willst, musst du ihr einen passenden Namen geben; ich schlage vor, du nennst sie >Gaia<.« Ich war ihm wirklich dankbar, dass er mir für meine Vorstellungen von der Erde diesen einfachen, überzeugenden Namen schenkte. Glücklich übernahm ich ihn und erwies damit früheren literarischen Bezügen die Ehre, denn auch in vergangenen Jahrhunderten hatte man auf Gaia zurückgegriffen, als man die Wissenschaften von der Erde Geologie, Geografie und so weiter nannte. Damals wusste ich kaum etwas über die griechische Göttin Gaia, und ich hätte mir niemals träumen lassen, dass die zu dieser Zeit aufkommende New-Age-Bewegung Gaia wieder als mythische Gottheit begreifen würde. Wie hinderlich dies auch für die Akzeptanz der Theorie in der Wissenschaft gewesen sein mag, die New-Age-Anhänger waren in bestimmter Weise hellsichtiger als die Wissenschaftler. Wir erleben heute, dass Gaia, das große irdische System, sich wie andere mythische Gottheiten verhält: Kali und Nemesis. Sie ist eine fürsorgliche Mutter, zugleich aber gnadenlos grausam gegenüber allen, die die Regeln nicht einhalten, und seien es ihre eigenen Kinder.

Ich weiß, dass ich mit meiner Personalisierung des irdischen Systems als Gaia - wie ich es oft getan habe und auch in diesem Buch wieder tue - die wissenschaftlich Korrekten irritiere, aber ich bleibe in diesem Punkt stur, weil wir mehr denn je Metaphern brauchen, um das wahre Wesen der Erde und der drohenden tödlichen Gefahren umfassend zu verstehen.

Seit 40 Jahren lebe ich nun mit dem Konzept Gaia, und ich dachte, ich würde sie kennen, aber mir wird jetzt klar, dass ich unterschätzt habe, wie streng ihr Regiment ist. Ich wusste, dass sich unsere sich selbst regulierende Erde aus den Spezies entwickelt hat, die ihren Nachkommen eine bessere Umwelt hinterließen, wobei diejenigen eliminiert wurden, die ihr Habitat verschmutzten. Aber nie zuvor habe ich gemerkt, wie zerstörerisch wir sind und dass wir die Erde so schwer geschädigt haben, dass Gaia uns nun mit der äußersten Strafe, dem Aussterben, droht.

Ich bin kein Pessimist und habe immer daran geglaubt, dass letzten Endes das Gute siegen würde. Als der königliche Hofastronom Sir Martin Rees, jetzt Präsident der Royal Society, 2003 sein Buch Our Final Century? veröffentlichte, wagte er es, über das Ende der Zivilisation und der Menschheit nachzudenken und zu schreiben. Ich habe dieses durch und durch kluge Buch gern gelesen, es aber mehr für eine Spekulation unter Freunden gehalten, nicht für etwas, das einem den Schlaf rauben sollte.
Ich hatte unrecht. Es war hellsichtig. Denn jetzt kommen von Beobachtern auf der ganzen Welt Hinweise, die von einem unmittelbar bevorstehenden Umkippen unseres Klimas in eines künden, das man schlicht und einfach als die Hölle beschreiben kann: so heiß, so tödlich, dass nur eine Hand voll der heutigen Milliarden überleben wird. Wir haben auf dem Planeten ein entsetzliches Durcheinander angerichtet, und das in der Hauptsache mit uneingeschränkt liberalen guten Absichten. Selbst jetzt, wo die Glocke schon unsere letzte Stunde einläutet, reden wir noch von nachhaltiger Entwicklung und erneuerbaren Energien, als wären diese kläglichen Angebote ausreichende und angemessene Opfer, die Gaia akzeptieren würde. Wir verhalten uns wie rücksichts- und gedankenlose Familienmitglieder, die alles kaputt machen, aber zu glauben scheinen, es würde reichen, sich zu entschuldigen. Wir sind Gaias Familienmitglieder und als solche willkommen, aber wenn wir nicht aufhören, uns so zu verhalten, als ginge es einzig und allein nur um das menschliche Wohlergehen und als wäre dieses die Entschuldigung für unser Fehlverhalten, ist alles Gerede von irgendeiner Weiterentwicklung nicht akzeptabel. >>>>

Ende des Auszüge
Wir Wettermacher

Klima, Erwärmung, Klimawandel, Klimakatastrophe, CO2, Atomabfall, Atommüll, CO2_Berge
Gaias Rache - die Rache der Erde, der ausgebeuteten Erde

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Leseprobe, Buchumschlag und Foto List Verlag
Temperatur, Zeichnung von Tony Fankhausere nach Informationen des IPCC.
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