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GAIAS RACHE
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Die
Klimakatastrophe hat längst begonnen.
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"Wir
alle sollten die Botschaft dieses Buches erkennen und |
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![]() James Lovelock geboren 1919, ist Honorary Visiting Fellow am Green Collage der Oxford University. Er hat viele maßgeblichew wissenschaftliche Publikationen verfasst. Auf Deutsch sind von ihm erschienen: Gaia. Die Erde ist ein Lebewesen (1992), Das Gaia-Prinzip. Die Biographie unseres Planeten (1993) und zusammen mit Fritjof Capra u. a. Der wissende Kosmos (2001). James Lovelock gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der Umweltbewegung. |
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AUSZÜGEGaias RacheSelbst die, die einen systemwissenschaftlichen Ansatz verfolgen, würden als Erste einräumen, dass unser Verständnis des irdischen Systems nicht viel besser ist als das eines Arztes des 19. Jahrhunderts von seinem Patienten. Doch wir sind uns der Physiologie der Erde genügend bewusst, um zu merken, wie schwer sie erkrankt ist. Wir vermuten, dass es einen Schwellenwert gibt, der von der Temperatur oder dem Kohlendioxidgehalt der Luft vorgegeben ist; wenn dieser erst einmal überschritten ist, werden alle Staaten der Welt die Folgen nicht mehr abwenden können, und die Erde wird unwiderruflich in eine neue heiße Phase übergehen. Gegenwärtig nähern wir uns einem dieser Umkipppunkte, und unsere Zukunft gleicht der von Passagieren auf einem kleinen Vergnügungsdampfer, die unbesorgt oberhalb der Niagarafälle herumfahren und nicht wissen, dass die Maschinen bald versagen werden. Das wenige, was wir über die Reaktion der Erde auf unsere
Anwesenheit wissen, ist zutiefst beunruhigend. Selbst wenn wir sofort aufhörten,
Gaia Land und Wasser zur Nahrungs- und Brennstoffproduktion zu entziehen und
die Luft zu vergiften, würde die Erde über 1000 Jahre brauchen,
um sich von den bereits angerichteten Schäden zu erholen, und es könnte
bereits so spät sein, dass selbst dieser drastische Schritt uns nicht
mehr retten könnte. Eine Gesundung, ja selbst nur eine Linderung der
Folgen unseres vergangenen Fehlverhaltens wird ein außergewöhnliches
Ausmaß an internationalen Anstrengungen und eine sorgfältige Planung
zur Ersetzung fossiler Kohlenstoffquellen durch sicherere Energieträger
erfordern. Als Zivilisation gleichen wir zu sehr Süchtigen, deren Droge
sie töten wird, wenn sie sie weiterhin nehmen, und die sie genauso töten
wird, wenn man sie ihnen auf der Stelle entzieht. In unser gegenwärtiges
Dilemma sind wir durch unsere Intelligenz und unseren Erfindungsreichtum geraten.
Erstmals haben wir damit vielleicht schon vor 100 000 Jahren angefangen, als
wir Wälder in Brand setzten, um uns die Jagd bequem zu machen. Damit
hatten wir aufgehört, bloß ein weiteres Raubtier zu sein, und mit
der Demolierung der Erde begonnen. Als Spezies gleichen wir dem schizoiden
Paar Dr. Jekyll und Mr. Hyde; wir haben die Fähigkeit zu katastrophalen
Zerstörungen, aber auch das Potenzial, eine großartige Zivilisation
zu begründen. Mister Hyde brachte uns dazu, unsere Technik zum Schlechten
einzusetzen; wir haben Energie missbraucht und die Erde überbevölkert.
Aber wir können unsere Zivilisation nicht aufrechterhalten, wenn wir
die Technik aufgeben. Wir müssen sie stattdessen klug einsetzen, wie
Dr. Jekyll das tun würde, und dabei die Gesundheit der Erde - nicht der
Menschen - im Blick behalten. Aus diesem Grund ist es für eine nachhaltige
Entwicklung viel zu spät; wir brauchen einen nachhaltigen Rückzug. Die Menschheit, die aufgrund ihrer humanistischen Traditionen
darauf völlig unvorbereitet ist, steht vor ihrer größten Herausforderung.
Die Beschleunigung des Klimawandels, der jetzt eingesetzt hat, wird die komfortable
Umwelt, an die wir angepasst sind, hinwegfegen. Wandel ist ein normaler Teil
der geologischen Geschichte; die jüngste Veränderung war der Übergang
von einer langen Vergletscherungsperiode zur derzeitigen warmen Zwischeneiszeit.
Neu an der kommenden Krise ist, dass wir der Grund dafür sind und so
etwas Schwer¬wiegendes nicht mehr seit der langen heißen Periode
zu Beginn des Eozäns vor 55 Millionen Jahren passiert ist; damals waren
die Veränderungen größer als die zwischen Eiszeit und 19.
Jahrhundert und hielten 200 000 Jahre lang an. Vor allem aber müssen wir die Liebe und die Empathie für die Natur erneuern, die wir verloren haben, als wir unseren Flirt mit dem Stadtleben begannen. Sokrates war wahrscheinlich nicht der Erste, der meinte, außerhalb der Stadtmauern würde nichts Interessantes passieren, aber er war immer noch mit der natürlichen Welt draußen vertraut. Selbst zu Shakespeares Zeiten waren die Städte klein genug, dass er an einem Ufer spazieren gehen konnte, an dem wilder Thymian blühte und Himmelsschlüssel und Veilchen wuchsen. Die frühen Umweltschützer, die die Natur kannten und sich ihrer wahrhaftig erfreuten - Wordsworth, Ruskin, Rousseau, Humboldt, Thoreau und so viele andere -, wohnten die meiste Zeit ihres Lebens in kleinen, kompakten Städten. Heute sind Städte so riesig, dass nur wenige Bewohner je das weit entfernte Landleben kennenlernen. Ich frage mich, wie viele meiner Leser schon einmal wilden Thymian blühen gesehen haben. Energiequellen Als nuklearer Abfall
eines Fusionsreaktors würde das harmlose, nicht radioaktive Gas Helium
entstehen, langfristig radioaktive Produkte gäbe es nicht. Die Metallteile
des Reaktors würden infolge des Neutronenstroms leicht radioaktiv, aber
deren Entsorgung wäre ein kleineres Problem. Wenn das Kyoto-Protokoll mehr von pragmatischen Wissenschaftlern und Ingenieuren beeinflusst worden wäre als von romantischen Idealisten, würden wir vielleicht schon bald Fusionsenergie ernten. Wie die Dinge stehen, wird es selbst bei gutem Willen noch weitere 20 Jahre dauern, bis sie unsere elektrischen Wasserkocher aufheizt oder unsere Computer laufen lässt. Kernspaltung Wie bei den anderen Energiequellen werde ich hier nicht die Konstruktionsweise der unterschiedlichen Kernreaktortypen oder die ihnen zugrunde liegenden wissenschaftlichen Konzepte schildern; ich behandle nur die Vorzüge von Kernkraft als Gaiafreundlicher Energiequelle und ihre Sicherheit. Ein neueres ausgezeichnetes Buch, NuclearRenaissance von W. J. Nuttall (2005), ist ein guter Ausgangspunkt für alle, die mehr über die Geschichte, die Bauweise und die politischen Aspekte von Kernspaltung und Kernfusion erfahren wollen. Eine frühere Übersicht von Walt Patterson, Transforming Electricity (1999), wäre eine gute Alternative. Viele meiner Freunde unter den Umweltschützern sind überrascht, wie sehr ich mich für Kernkraft stark mache, und glauben anscheinend, dass ich kürzlich einen Sinneswandel durchgemacht habe. Das stimmt ganz und gar nicht, wie ein Blick in das zweite Kapitel meines ersten Buches Gaia (1979, dt. 1982 und 1992) und in Kapitel sieben meines zweiten Buches Das Gaia-Prinzip (1988, dt. 1991 und 1993) zeigen kann. In einem Fernsehinterview wurde ich einmal gefragt: »Aber was ist mit dem Atommüll? Wird er nicht die gesamte Biosphäre vergiften und noch Millionenjahre weiterstrahlen?« Ich wusste, dass dies ein Albtraum ist, der in der realen Welt völlig gegenstandslos ist. Ich wusste auch, dass die Natur nuklearen Abfall als perfekten Schutz vor |
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gierigen »Landerschließern« willkommen heißt und dass, was für kleinere Schäden er auch immer anrichten mochte, diese nur ein minimaler Preis wären. An stark radioaktiv verseuchten Orten verblüfft mich am meisten, wie reichhaltig ihre Tier- und Pflanzenwelt ist. Das gilt für die Gegend von Tschernobyl, die Bombentestgelände im Pazifik und das Gebiet um die Nuklearwaffenfabrik Savannah River in den USA, wo die Bomben für den Zweiten Weltkrieg gebaut wurden. Wildpflanzen und -tiere nehmen radioaktive Strahlung nicht als gefährlich wahr, und jede mögliche leichte Reduktion ihrer Lebensspanne ist weit weniger bedrohlich als die Gegenwart von Menschen und ihren Haustieren. Man vergisst leicht, dass wir heute so viele sind, dass fast alles, was wir zusätzlich in Form von Land- und Forstwirtschaft und Häuserbauen tun, die Natur und Gaia weit mehr schädigt. Dass Wildpflanzen und -tiere Gegenden mit nuklearen Abfällen bevorzugen, legt den Schluss nahe, dass die Tropenwälder und andere Habitate, die vor ihrer Zerstörung durch hungrige Bauern und Land-erschließungsmaßnahmen zuverlässig geschützt werden müssen, die besten Orte zur Entsorgung wären. Ein entscheidender Vorteil
nuklearer gegenüber fossilen Brennstoffen besteht darin, wie leicht man
mit den Abfallprodukten umgehen kann. Die Verbrennung fossiler Energieträger
erzeugt jährlich 2 7 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, woraus man, wie
ich zuvor erwähnt habe, in verfestigter Form einen Berg von 1600 Metern
Höhe und knapp 20 Kilometern Umfang errichten könnte. Wird dieselbe
Energiemenge mittels Kernspaltung erzeugt, führt dies zu zwei Millionen
mal weniger Abfall, nämlich einem Würfel von 16 Metern Kantenlänge.
Der Kohlendioxidmüll ist unsichtbar, aber so tödlich, dass seine
Emissionen, wenn sie nicht eingedämmt werden, so gut wie jeden umbringen
werden. Der an den Produktionsstätten vergrabene Atommüll stellt
für Gaia keine Bedrohung dar und gefährdet nur die, die dumm genug
sind, sich seiner Strahlung auszusetzen.
Dass Hiroshima und Nagasaki
mit den Bomben zerstört wurden, ließ alles Nukleare in völlig
neuem Licht erscheinen. Wir können Kernkraft nicht länger als wunderbares
Geschenk betrachten, das uns schadstofffreie Energie liefert; unser Geist
war von der Angst vor einem Atomkrieg vernebelt, und diese Angst hält
weiter vor. Wir hätten vielleicht die Segnungen der Kern¬kraft deutlicher
erkannt, wenn Amerika nicht versucht hätte, für sich zu behalten,
was es als sein eigenes Geheimnis betrachtete, und wenn die Polarisierung
der Politik sich nicht zu einem Kalten Krieg zwischen dem Kapitalismus, repräsentiert
durch die Vereinigten Staaten, und dem Kommunismus, repräsentiert durch
Sowjetrussland, aufgeschaukelt hätte. Es dauerte nicht lange, bis die
Sowjetunion ihre eigenen Atombomben hatte. Bald kam es zu einem nuklearen
Wettrüsten, die Waffen wurden im¬mer zerstörerischer, und die
meisten von uns fürchteten einen Krieg, der nicht nur die Kämpfenden,
sondern die gesamte Zivilisation auslöschen würde. In dieser pathologischen
Atmo¬sphäre, als die Welt von heißen Konfrontationen wie der
Kubakrise erschüttert wurde, begannen die Anti-Atom-Proteste.
Wie in Richard Wagners Der Ring des Nibelungen hängt das Schicksal am Seil der Nornen, aber der Faden, der unser Los bestimmt, wird gleich reißen. Gaia, die lebendige
Erde, ist alt und nicht mehr so stark wie vor zwei Milliarden Jahren.
Sie kämpft darum, sich für ihre Myriaden Lebensformen trotz der
unausweichlichen Zunahme der Sonnenhitze kühl zu halten. Verschärft
werden ihre Probleme dadurch, dass eine dieser Lebensformen - Menschen, streitlustige
Stammestiere, die davon träumen, sogar andere Planeten zu erobern - versucht
hat, die Erde nur zu ihrem eigenen Nutzen zu beherrschen. Mit atemberaubender
Dreistigkeit haben sich die Menschen die Kohlenstoffvorräte genommen,
die Gaia vergraben hatte, um den Sauerstoff auf dem richtigen Niveau zu halten,
und ihn verbrannt. Damit haben sie Gaias Autorität an sich gerissen und
es ihr unmöglich gemacht, ihrer Verpflichtung nachzukommen, den Planeten
so zu bewahren, dass er für das Leben geeignet ist. Sie haben nur an
ihr eigenes Wohlergehen und an ihre Bequemlichkeit gedacht. Ich weiß, dass ich mit meiner Personalisierung des irdischen Systems als Gaia - wie ich es oft getan habe und auch in diesem Buch wieder tue - die wissenschaftlich Korrekten irritiere, aber ich bleibe in diesem Punkt stur, weil wir mehr denn je Metaphern brauchen, um das wahre Wesen der Erde und der drohenden tödlichen Gefahren umfassend zu verstehen. Seit 40 Jahren lebe ich nun mit dem Konzept Gaia, und ich dachte, ich würde sie kennen, aber mir wird jetzt klar, dass ich unterschätzt habe, wie streng ihr Regiment ist. Ich wusste, dass sich unsere sich selbst regulierende Erde aus den Spezies entwickelt hat, die ihren Nachkommen eine bessere Umwelt hinterließen, wobei diejenigen eliminiert wurden, die ihr Habitat verschmutzten. Aber nie zuvor habe ich gemerkt, wie zerstörerisch wir sind und dass wir die Erde so schwer geschädigt haben, dass Gaia uns nun mit der äußersten Strafe, dem Aussterben, droht. Ich bin kein Pessimist
und habe immer daran geglaubt, dass letzten Endes das Gute siegen würde.
Als der königliche Hofastronom Sir Martin Rees, jetzt Präsident
der Royal Society, 2003 sein Buch Our Final Century? veröffentlichte,
wagte er es, über das Ende der Zivilisation und der Menschheit nachzudenken
und zu schreiben. Ich habe dieses durch und durch kluge Buch gern gelesen,
es aber mehr für eine Spekulation unter Freunden gehalten, nicht für
etwas, das einem den Schlaf rauben sollte. |
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