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Wenn der Phallus symbolisch
mit dem Intellekt gleichgesetzt wird und das Gefühl aufkommt, kastriert
zu sein, wird das als Verlust jeder geistigen Potenz erlebt, als Dummheit.
Eine Patientin von mir, deren unbewußter Versuch einer wechselseitigen
Glorifizierung zusammengebrochen war, behauptete, sie sei jetzt geistig beschränkt.
Sie bestand darauf, daß sie bis zur Analyse zu kreativen Gedanken fähig
gewesen sei und jetzt verblöde. Zu Beginn der Analyse hatte sie verschiedentlich
geträumt, einen Penis zu haben. Ihren Glauben an eine heimliche phallische
Überlegenheit zu verlieren, konfrontierte sie mit heftigen Neidgefühlen
und intensiver Verzweiflung. Jede neue Deutung von mir weckte diese Gefühle
von neuem, wenn sie von ihr beeindruckt war. Für ziemlich lange Zeit
hegte sie auch die Überzeugung, daß ich gegen Angst, Depression,
Eifersucht oder Neid immun sei. Sie mochte Athenes Schild verloren haben,
glaubte aber eindeutig, ich besäße ihn noch.
In der Geschichte meiner Patientin gab es viele Faktoren, die die Entwicklung
dieser besonderen pathologischen Organisation bei ihr begünstigt hatten.
Ihre Mutter war und blieb schwer neurotisch und ihr gegenüber immer wieder
feindselig, während ihr Vater viel kompetenter und zuverlässiger
war. Sie war eine von zwei Töchtern, ihre jüngere Schwester war
homosexuell. Die Patientin glaubte, daß ihre Mutter sich an ihr als
Säugling hätte freuen können, wenn sie einen Penis gehabt hätte.
Aber sie glaubte auch, daß ihr Vater in Wirklichkeit lieber sie als
ihre Mutter zur Frau gehabt hätte. Was sie mit ihrem Vater gemeinsam
hatte, waren sein Intellekt, seine Ehrlichkeit und sein Realismus. Sie sah
darin phallische Eigenschaften. In der Analyse wurde diese Verbindung von
neuem hergestellt und ausgelebt. Als es schließlich durch die Analyse
der Übertragung zu einer Desillusionierung kam, verlor die Patientin
das Gefühl, durch die Nähe zum Vater eine besondere Frau zu sein
und für immer die Vater-Tochter zu bleiben. In der Analyse kam es danach
zu einer langwierigen Phase, in der sie sich mit der sehr schwierigen Beziehung
zu ihrer Mutter, insbesondere zum Körper ihrer Mutter, beschäftigte.
>>>>>>
Humor
und Über-Ich
Für Freud zählte Humor zu jenen Aspekten des Alltagslebens, zu denen
er einen psychoanalytischen Zugang suchte: Träume, Fehlleistungen, Tagträume,
Literatur, Religion. Schon in den Anfangszeiten der Psychoanalyse verfaßte
er unter Anwendung seines Modells der psychischen Energie in Der Witz und
seine Beziehung zum Unbewußten (Freud 1905c) eine ausführliche
Abhandlung über den Humor; eine weitere Arbeit über den Humor entstand
1927 unter Anwendung seiner neuen Strukturtheorie. Dabei ist zu sehen, wie
sehr sich seine Theorie, die jetzt auf Objektbeziehungen basiert, verändert
und weiterentwickelt hat. In Freuds Arbeit »Humor« (1927d) findet
sich eine seiner klarsten Darstellungen der Beziehung zwischen Ich und Über-Ich.
James Strachey verwies in seiner Einleitung zu dieser Arbeit (der englischen
Übersetzung in der Standard Edition, Anm. d. Ü.) darauf, daß
hier zum ersten Mal von einem gutgelaunten Über-Ich die Rede sei. Wie
schon gesagt, sehe ich in der »dritten Position« der Selbstbeobachtung
im triangulären Raum eine Ichfunktion. Freud macht in seiner Arbeit klar,
daß das unreife Ich vom Über-Ich mit Humor und Toleranz betrachtet
werden kann - wie paßt das zu meiner Auffassung? Für mich besteht
die Antwort darin, daß sich ein über sich selbst reflektierendes
Ich und ein beobachtendes Über-Ich verbinden, dieses Mal nicht zur Selbstgeißelung,
sondern um sich amüsiert die große Diskrepanz zwischen den Bestrebungen
des Ichideals und den Unzulänglichkeiten des ausführenden Ichs zu
betrachten. Die Auflösung der Spannung und der Zufluß an Energie,
die sich aus dieser Vereinigung von Ich und Über-Ich ergeben, kommt durch
Lachen zum Ausdruck.
Freud schreibt: »Der humoristische Vorgang kann sich [...] zwischen
zwei Personen [vollziehen], von denen die eine am humoristischen Vorgang gar
keinen Anteil hat, die zweite aber diese Person zum Objekt ihrer humoristischen
Betrachtung macht« (Freud 1927d, S. 383). Er fährt fort: »Man
kann die humoristische Einstellung [...] gegen die eigene oder gegen fremde
Personen wenden« (ebd., S. 384). In einer Fußnote in seiner früheren
Arbeit (1905c) bringt Freud zwei Beispiele, die er einander gegenüberstellt,
Falstaff und Don Quichotte. Ersterer nimmt sich selbst gegenüber eine
humoristische Einstellung ein, letzterer bietet sich als Objekt für unsere
humoristische Einstellung an. Freud beschreibt Falstaff als grandiosen, unwürdigen
Prasser und Schwindler, der uns mit seinem Witz und seiner Selbsterkenntnis
entwaffnet: »Wir verstehen, daß er sich genau so kennt, wie wir
ihn beurteilen [ ... ] Sir Johns eigener Humor geht eigentlich aus der Überlegenheit
eines Ichs hervor, dem weder seine leiblichen noch seine moralischen Defekte
die Heiterkeit und Sicherheit rauben können« (Freud 1905c, S. 264).
Im Unterschied dazu verfügt Don Quichotte über keinerlei Humor,
aber die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Phantasien behandelt, verschafft
dem Leser ein humoristisches Vergnügen; Don Quichotte ist, wie Freud
schreibt, »eine rein komische Figur, ein großes Kind«
In diesem Absatz nimmt Freud eine Formulierung vorweg, auf die er zwanzig
Jahre später in seiner Arbeit über den »Humor« zurückkommt,
in der er über den Humoristen sagt: »Die Erhebung seines Ichs,
von welcher die humoristische Verschiebung Zeugnis ablegt [...] könnte
er wohl aus der Vergleichung seines gegenwärtigen Ichs mit seinem kindlichen
entnehmen« (Freud 1905c, S. 267), denn »im Kinderleben allein
hat es intensive peinliche Affekte gegeben, über welche der Erwachsene
heute lächeln würde«. In seiner Arbeit »Der Dichter
und das Phantasieren« (Freud 1908e [1907]) führte Freud seine Überlegungen
weiter, als er sich mit der Rolle der Phantasie bei der Kreativität beschäftigte:
»Der Erwachsene kann sich darauf besinnen, mit welchem hohen Ernst er
einst seine Kinderspiele betrieb, und in¬dem er nun seine vorgeblich ernsten
Beschäftigungen jenen Kinderspielen gleichstellt, wirft er die allzu
schwere Bedrückung durch das Leben ab und erringt sich den hohen Lustgewinn
des Humors« (Freud 1908e [1907], S. 215). Die Gleichstellung be¬zieht
sich hier nicht auf das Kinderspiel und die humoristische Einstellung, auch
wenn dieser Eindruck entstehen könnte. Vielmehr verweist Freud auf eine
Zeit, in der das Kinderspiel eine todernste Sache war - so ernst, wie wir
unsere tagtäglichen Schwierigkeiten nehmen. Erst der Erwachsene kann
seine momentanen Sorgen mit derselben humorvollen Haltung betrachten wie die
grandiosen oder ängstigenden Phantasien seiner Kindheit.
Mit anderen Worten kann der Erwachsene, der die ängstigenden Phantasien
des Kindes oder dessen ernsthaftes Spiel betrachtet, nach und nach so weit
kommen, seine eigenen Ausbrüche zu betrachten. Wenn wir über die
Gabe verfügen, Geschichten zu erzählen, in denen wir uns über
uns selbst lustig machen, können wir die Rolle des erwachsenen Betrachters
anderen überlassen, die sich uns als Objekt für ihre humoristische
Einstellung vornehmen. Chaplin oder Jacques Tati konnten mit ihrer außerordentlichen
Begabung Millionen von Menschen das Vergnügen bereiten, in der Rolle
des erwachsenen Zuschauers das kindische Selbst amüsiert zu betrachten,
während sie gleichzeitig dazu eingeladen waren, sich mit dem kindlichen
Selbst zu identifizieren. Ein anderes Bei¬spiel für ein solches Angebot
stammt aus der geistreichen Feder Dorothy Parkers (1977, S. 112):
»1 do not like
my state of mind; I'm bitter, querulous, unkind.
I hate my legs, 1 hate my hands, I do not yearn for lovelier hands.
1 dread the dawn's recurrent light;
>>>>>>>
10. Kapitel
Narzißmus und narzißtische Störungen
Vor einiger Zeit beschloß ich, mir mal wieder in der psychoanalytischen
Literatur einen Überblick über das Konzept des Narzißmus und
die Beschreibung der narzißtischen Störungen zu verschaffen. Ich
wollte herausfinden, wie weit sie mit meiner eigenen klinischen Erfahrung
übereinstimmten. Wahrscheinlich gibt es in der psychoanalytischen Literatur
kein Thema, das ähnlich ausgiebig behandelt worden wäre wie der
Narzißmus: Es kam mir endlos vor, als ich mich hindurcharbeitete. Ich
erspare Ihnen das meiste davon und zitiere nur, was für meine Diskussion
unmittelbar relevant ist, aber dahinter steht eine Fülle nicht zitierter
Arbeiten. Nicht nur ist die Literatur über den Narzißmus sehr umfangreich,
sie ist auch sehr verwirrend. Neben unterschiedlichen Entwicklungsmodellen,
die jede Diskussion des Narzißmus komplizieren, trägt noch zur
Verwirrung bei, daß der Begriff in unterschiedlichen Bedeutungen angewandt
wird.
Bevor ich irgendwelche weiteren Überlegungen anstelle, möchte ich
deshalb klären, wie ich den Begriff Narzißmus anwende. Meines Erachtens
wird der Begriff Narzißmus in der psychoanalytischen Literatur auf dreierlei
Weise gebraucht.
Erstens wird Willi Baranger (1991) kommt in seinem Überblick über
Freuds Anwendung des Konzepts auf neun Bedeutungen des Begriffs, die er in
drei Gruppen mit je drei Unterformen unterteilt. Seine drei Gruppen zeigen
durchaus Ähnlichkeiten mit den von mir getroffenen Unterscheidungen:
In der ersten be¬zeichnet Narzißmus die Form der Libido, in der
zweiten die Art des Objekts und in der dritten den Charakter der Person (S.
109-111).damit Narzißmus als ein Phänomen beschrieben: Scheinbar
fehlt es dann an Interesse an anderen Menschen, alles dreht sich um die eigene
Person. Dieses Phänomen läßt sich bei verschiedenen psychologischen
Störungen beobachten und auch im Alltag. Zweitens wird mit Narzißmus
eine Kraft oder angeborene Tendenz in der Persönlichkeit benannt, die
sich Beziehungen außerhalb des Selbst widersetzt. Drittens gilt der
Begriff einer spezifischen Gruppe von Patienten mit dysfunktionalen Persönlichkeitsstörungen,
die als narzißtische Störungen bezeichnet werden. In diesem Kapitel
untersuche ich die zweite und die dritte Form dieser Anwendungen des Begriffs
Narzißmus. Dabei geht es mir vor allem um folgende Fragen: Welche Rolle
spielt der Narzißmus als eine Kraft bei diesen narzißtischen Störungen?
Wie unterscheiden sich libidinöser und destruktiver Narzißmus?
Die Entwicklung des Narzißmuskonzepts
Die Ursprünge der Unterscheidung zwischen einem libidinösen und
einem destruktiven Narzißmus lassen sich in der Geschichte der Entwicklung
dieses Konzepts finden. Von Anfang an durchziehen zwei Themen kontrapunktisch
den Diskurs über den klinischen Narzißmus. Das eine Thema bezieht
sich auf den Narzißmus als Abwehr gegen unerwünschte Objektbeziehungen;
im anderen Thema geht es um Narzißmus als Manifestation einer grundlegenden
Feindseligkeit gegen Objektbeziehungen überhaupt. Selbst der ursprüngliche
Mythos von Narziß wird in zwei Versionen überliefert: als ein solipsistischer
Bericht und als eine Erklärung, die auf einer Traumatisierung beruht.
In der bekannten Darstellung Ovids muß Narziß dafür bezahlen,
daß er nur sich selbst liebt, aber Pausanias erinnert an eine andere
Version, in der Narziß seine Zwillingsschwester verloren hatte und sein
Spiegelbild im Wasser fälschlicherweise für den verlorenen Zwilling
hielt.
In einer brauchbaren, wenn auch ungenauen Verallgemeinerung könnte man
zu dem Schluß kommen, daß Freuds Überlegungen uns zum Konzept
des libidinösen Narzißmus führen, während Abrahams Gedankengänge,
die zeitlich denen Freuds sogar vorausgingen, uns zu der Vorstellung eines
destruktiven Narzißmus führen. Für Freud diente sekundärer
Narzißmus der Aufrechterhaltung der Liebe oder ihrer Wiederherstellung,
wenn die Liebe zum Objekt nicht möglich schien, während Abraham
bei narzißtischen Störungen die Feindseligkeit gegenüber Übertragungsobjekten
hervorhob. Freud sah in der Selbstliebe bei narzißtischen Charakteren
einen Ersatz für die Liebe der Mutter, während Abraham davon ausging,
daß Neid den Narzißmus begünstige und die Liebe zum Objekt
verzögere.
Abraham verknüpfte von Anfang an das Kreisen um sich selbst mit »Negativismus«.
»Der Negativismus bei der Dementia praecox ist das vollste Gegenteil
der Übertragung« (Abraham 1908, S. 138) schrieb er in seiner ersten
Arbeit zu diesem Thema. Zunächst hatte Abraham Freud, dem er bis dahin
noch nicht persönlich begegnet war, diese Überlegung in einem Brief
mitgeteilt. Er meinte, daß im Unterschied zur Hysterie »die Dementia
praecox die Fähigkeit zur Sexualübertragung, zur Objektliebe vernichte«
(Abraham 1908, S. 136). Zu dieser Zeit war der Begriff »Narzißmus«
noch nicht geprägt worden, Abraham bezog sich auf Autoerotismus. Er war
der Auffassung, daß sich der Schizophrene von allen Liebesobjekten abwende
und zum Autoerotismus zurückkehre. Seine Überlegungen machten auf
Freud großen Eindruck, er war überzeugt, daß Abrahams Theorie
zutreffe.
Freud übernahm den Begriff Narzißmus von Paul Näcke und Havelock
Ellis, die damit das Phänomen beschrieben hatten, daß jemand den
eigenen Körper zum Liebesobjekt nahm. Freud entwickelte den Begriff weiter;
seine ersten Beiträge zum Thema Narzißmus finden sich in einer
Fußnote, die er 1910 seinen »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«
hinzufügte. In ihr beschrieb er narzißtische Objektbeziehungen
und entwickelte Theorien über männliche Homosexuelle. Er schrieb,
daß sie »in den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr
intensiver, aber kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durch
machen, nach deren Überwindung sie sich mit dem Weib identifizieren und
sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, das heißt vom Narzißmus ausgehend
jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer aufsuchen, die
sie so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat«
(Freud 1905d, S. 44, Fn.)
In seiner Arbeit »Zur Einführung des Narzißmus« (1914c)
führt Freud seine Gedanken über diesen Wunsch nach dem Ideal der
Liebe zwischen Mutter und Kind weiter. Bei der Verliebtheit, meinte er, verarme
das Selbst zugunsten des Objekts, nur die Erwiderung dieser Liebe könne
den erlittenen Verlust ausgleichen. Dem Unglücklichen, dessen Liebe nicht
erwidert wird, fehle es dann nicht nur an der Liebe des anderen, sondern auch
an Selbstwertgefühl, was ihm Schmerzen bereite und sein Selbstbewußtsein
schwinden lasse. Zum sekundären Narzißmus kommt es nach Freud allerdings
nur, wenn der Erfüllung der Liebe zum Ojekt innere Gründe entgegenstehen.
Er schrieb: »Liebesbefriedigung ist unmöglich, die Wiederbereicherung
des Ichs wird nur durch die Zurückziehung der Libido von den Objekten
möglich. Die Rückkehr der Objektlibido zum ich, deren Verwandlung
in Narzißmus, stellt gleichsam wieder eine glückliche Liebe dar,
und andererseits entspricht auch eine reale glückliche Liebe dem Urzustand,
in welchem Objekt- und Ichlibido voneinander nicht zu unterscheiden sind«
(Freud 1914c, S. 167).
In diesem letzten Satz präsentiert uns Freud plötzlich die Überlegung,
daß der libidinöse Narzißt, wenn sich das klinische Bild
voll entwickelt hat, in sich selbst genau so verliebt ist wie ein anderer
vielleicht in einen anderen Menschen »verliebt« ist. Aber geht
es wirklich um eine andere Person, wenn eine »glückliche Liebe
dem Urzustand [entspricht], in welchem Objekt- und Ichlibido voneinander nicht
zu unterscheiden sind«? <<<<<
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Dieses Buch enthält meine persönliche Einschätzung psychoanalytischer
Theorien im Licht meiner klinischen Erfahrung. Es umfaßt drei Teile,
in denen ich jeweils zu formulieren versuche, wie ich heute über verschiedene
historisch wichtige analytische Konzepte denke. Im ersten Teil geht es um
Sexualität und um das Thema, mit dem die Psychoanalyse eigentlich ihren
Anfang nahm - Hysterie. Im zweiten Teil geht es um das Ich und das Über-Ich
und die Beziehung zwischen beiden, ein Thema, das Freud seit seiner mittleren
Schaffensperiode in seinen Arbeiten vorrangig behandelte. Im letzten Teil
geht es um Narzißmus und narzißtische Störungen, Themen,
mit denen sich die Psychoanalyse in der zweiten Hälfte des zwanzigsten
Jahrhunderts intensiv auseinandergesetzt hat.
Ich nehme für mich in Anspruch, daß meine Arbeiten »erfahrungsbasiert«
sind, womit ich die heutzutage so gern zitierte Formulierung »evidenzbasiert«
ergänzen möchte. Der Ausdruck »evidenzbasiert« hat sich
aus der Medizin kommend in die Psychiatrie und inzwischen in die Psychotherapie
ausgebreitet. Dieser Begriff hat seine Verdienste, wendet sich aber doch eher
an den Rechtsanwalt in uns als an den Arzt oder Psychoanalytiker. Das dazugehörige
Ambiente erinnert mehr an einen Gerichtssaal als an einen Behandlungsraum,
seine Anwendung geht, wenn man im klinischen Bereich tätig ist, mit einer
gewissen Ängstlichkeit einher. Der Anspruch »evidenzbasiert«
scheint keine weiteren Argumente zu dulden und all jene Aktivitäten,
klinischen Auffassungen und Theorien zu verwerfen, die sich nicht so leicht
demonstrieren lassen oder für die es noch keine hinreichende Evidenz
gibt. Solche Theorien gelten dann nicht als unbewiesen, sondern als unbegründet.
Das übliche Durcheinander der klinischen Praxis wirkt dann plötzlich
sträflich nachlässig. Der Ausdruck vermittelt Autorität in
Situationen, in denen Unsicherheit unser täglicher Begleiter ist, in
denen es um viel Angst und dringliche Notwendigkeiten geht.
In solch schwierigen Situationen ist eine auf Erfahrung beruhende Autorität
der andere Weg, um persönliche Sicherheit zu erlangen. Bevor wir hinreichend
eigene Erfahrung im Umgang mit einem Problem gemacht oder genügend kollektive
Evidenz gesammelt und formuliert haben, verlassen wir uns auf die Autorität
von Lehrern oder Lehrbüchern, aus der Hoffnung heraus, daß deren
Autorität auf Erfahrung basiert. Aber auch bei noch so gutem Willen ist
nicht auszuschließen, daß diese mit überwertigen Ideen kontaminiert
sein kann. Wer eine medizinische Ausbildung durchläuft, kann die Patentrezepte
seiner Lehrer und die von ihnen übernommenen Weisheiten später in
relativ kurzer Zeit anhand seiner eigenen Erfahrungen verbessern und modifizieren,
aber die Psychoanalyse hat an diesem Punkt ein Problem. Die eigene Erfahrung
wächst nur langsam, so daß man viel länger auf die Autorität
anderer angewiesen ist. In der analytischen Praxis durchläuft nicht nur
der Patient eine lange Zeit der Abhängigkeit. An meiner ersten Arbeitsstelle
in einer neurologischen Klinik versicherte mir mein Chef zu Beginn, daß
die Komplexität der klinischen Bilder und die Mühsal der anatomischen
Diagnosen mir bald vertraut und zu leicht erkennbaren Mustern werden würden.
So war es auch, nachdem ich einige Monate lang jede Woche viele neue Patienten
gesehen hatte. Das gilt auch in der Psychoanalyse, allerdings in einer völlig
anderen Zeitspanne. Die Muster, mit denen man in der Analyse allmählich
vertraut wird, beziehen sich auf die Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehung.
Aber es dauert Jahre, bis man genügend viele Patienten gesehen oder über
sie ge¬hört hat, bevor man mit diesen Mustern wirklich vertraut ist;
in der Zwischenzeit müssen wir uns auf die Autorität unserer Lehrer
und Lehrbücher verlassen.
Diese verlängerte Abhängigkeit von Autoritäten verstärkt
die ohnehin vorhandene Tendenz, sich führen zu lassen oder an ein Theorie-»Set«
gebunden zu bleiben. Daraus ergibt sich, daß die Kontaminierung von
Erfahrung mit überwertigen Ideen in der Psychoanalyse ein besonderes
Problem darstellt. Betrachten wir unsere Kollegen, sehen wir, wie schwer solche
überwertigen Ideen zu verändern sind, wenn sie erst einmal Fuß
gefaßt haben; bei uns selbst merken wir, wie schwer sie aufzugeben sind.
Der Leser wird entdecken, daß es mir nicht um eine umfassende Darstellung
ging und ich nicht versucht habe, die vielen und unterschiedlichen Beiträge
von Autoren aus einer Vielzahl psychoanalytischer Schulen zu evaluieren und
zwar keineswegs, weil ich sie nicht kenne oder ihren Wert anzweifle. Als Mitglied
der British Psychoanalytical Society hatte ich Gelegenheit, zusätzlich
zu der von mir favorisierten Lehrmeinung ständig noch mindestens zwei
weitere kennenzulernen, was mich zweifellos beeinflußt hat. Ich habe
nicht versucht, meine Überlegungen mit denen der nordamerikanischen Ichpsychologie
zu korrelieren, auch nicht mit denen Kohuts und der Selbstpsychologie oder
Lacans Diskurs. Ich sehe Beziehungen und Überschneidungen, aber wenn
ich sie aufzugreifen versuche, verlasse ich den Weg meiner eigenen Gedanken
und verliere jegliche Klarheit, die ich zu erreichen versuche. Deshalb überlasse
ich es anderen, diese Verknüpfungen herzustellen. Meines Erachtens wird
ihnen das nicht schwer fallen, denn wenn Theorien auf valider klinischer Erfahrung
beruhen, muß es zwangsläufig viele Überschneidungen geben.
Ich glaube, daß es in der Psychoanalyse einen »common ground«
gibt, wie Wallerstein (1992) vermutet hat: die klinische Erfahrung.
»Nothing ever
becomes real 'til it is experienced«
»Alles wird erst wirklich, wenn man es selbst erlebt.«
JOHN KEATS
Emanzipation vom
Über-Ich
I heard it in a yellow wood. If
God is God he is not good
If God is good he is not God.
»Ich hörte es in einem gelben Wald. / Wenn Gott Gott ist, ist er
nicht gut.
Wenn Gott gut ist, ist er nicht Gott.«
ARCHIBALD MACLEISH, J. B.
In diesem und dem nächsten
Kapitel möchte ich die negativen Aspekte der Beziehung zwischen Ich und
Über-Ich untersuchen, in diesem Kapitel zunächst den Kampf, den
das Ich führen muß, um sich von einem herrschsüchtigen Über-Ich
zu emanzipieren, und im nächsten Kapitel dann das Konzept eines das Ich
zerstörenden Über-Ichs.
James Strachey hat 1934 in seiner häufig zitierten Arbeit über mutative
Deutungen dargelegt, daß eine therapeutische Wirkung der Analyse aus
einer Modifizierung des Über-Ichs resultiere. Aus¬gangspunkt seiner
Überlegungen war der von Melanie Klein be¬schriebene Zyklus von Projektion
und Reintrojektion. Strachey vertrat die Auffassung, daß ein strenges
Über-Ich im Rahmen der Übertragung gemildert werden kann, wenn der
Analytiker immer wieder die auf ihn gerichteten Projektionen in sich modifizieren
kann und diese anschließend vom Patienten reintrojiziert werden. Die
Erfahrung des Patienten mit dem Analytiker, auf den diese Projektionen gerichtet
waren, würde im Lauf der Zeit das Über-Ich modifizieren. Vieles
in unserer analytischen Praxis basiert auf dieser Idee, und Veränderungen,
die sich im Verlauf der Therapie einstellen, lassen sich immer noch gut darauf
zurückführen. Ich möchte diese Theorie ergänzen und noch
hinzufügen, daß es meines Erachtens nicht nur auf den Charakter
des Über-Ichs an¬kommt, sondern auch auf die Beziehung des Ichs zum
Über-Ich. In einer monarchischen Autokratie variiert der Charakter des
Monarchen wahrscheinlich von Herrscher zu Herrscher, was auf die Untertanen
beträchtliche Auswirkungen hat. Modifiziert sich der Charakter des Autokraten,
hat dies also große Bedeutung, und dasselbe gilt auch in der inneren
Welt. Aber wenn sich das Wohlbefinden der Staatsbürger dauerhaft verbessern
soll, muß die konstitutionelle Beziehung zwischen Krone und Commonwealth
modifiziert werden. Ähnlich ist es in der inneren Welt von ausschlaggebender
Bedeutung für die Position des Ichs, welche Beziehung es zu demjenigen
hat, der den Sitz des Gewissens einnimmt. Selbst wenn das Über-Ich seinen
adversiven Charakter behält, kann eine Analyse dem Patienten helfen,
falls sich die Beziehung zwischen Ich und Über-Ich verändern läßt.
Insbesondere kann eine Analyse dazu beitragen, dem Über-Ich die Funktion
zu entwinden, sowohl über die innere wie die äußere Realität
Urteile zu fällen. Und das verstehe ich unter der Emanzipation des Ichs.
Bei einem destruktiven Über-Ich, um das es im nächsten Kapitel geht,
bestünde die Aufgabe der Analyse darin, das feindselige, fremde innere
Objekt vom Sitz des Gewissens, den es okkupiert, abzusetzen.
Seit Freud zum ersten Mal den Begriff Ichideal einführte, ist oft auf
die in diesem Zusammenhang entstandene Begriffsverwirrung hingewiesen worden.
Entspricht das Ichideal dem Idealich, oder ist es dasselbe wie das Über-Ich?
Für Freud waren die Begriffe Ichideal und Über-Ich zeitweise austauschbar.
Wenn er nur einen der Begriffe in dieser zweifachen Bedeutung anwandte, schrieb
er dieser Instanz zwei Funktionen zu: Sie diente als Idealmodell und als kritische
Instanz, die ihre Urteile über das Individuum anhand dieses Ideals fällte.
Auch über die Herkunft dieser Einheit hat es zu unterschiedlichen Zeiten
unterschiedliche Angaben gegeben. Als der Begriff Ichideal 1914 zum ersten
Mal in Freuds Arbeiten auftauchte, ging er davon aus, daß es die psychischen
Überreste des idealen Selbst der frühen Kindheit seien (Freud 1914c).
Viel später vertrat er in seiner Arbeit Neue Vorlesungen zur Einführung
in die Psychoanalyse die Auffassung: »[Es] ist der Niederschlag der
alten Elternvorstellung, der Ausdruck der Bewunderung jener Vollkommenheit,
die das Kind ihnen damals zuschrieb« (Freud 1933a, S. 71). Mittlerweile
hatte das Über-Ich als Internalisierung der elterlichen Autorität
einen festen Platz in seinem Denken als »ein Niederschlag [...] dieser
beiden (Vater und Mutter), irgend¬wie miteinander vereinbarten Identifizierungen
[...] als Ichideal oder Über-Ich« (Freud 1923b, S. 262).
War vielleicht das Idealich nun zur Bezeichnung für dieses idealisierte
Selbst der narzißtischen frühen Kindheit geworden, als das es ursprünglich
beschrieben worden war? Charles Hanly (1984) hält es für sinnvoll,
den Begriff Idealich beizubehalten und ihn vom Ichideal zu unterscheiden,
das auf ein angestrebtes Ziel hin¬weise, einen »Zustand des Werdens«,
während sich das Idealich auf ein illusionäres perfektes Selbst
beziehe. Dieser Auffassung schließe ich mich an; hinzufügen möchte
ich, daß das illusionäre perfekte Selbst aus einer Identifizierung
des subjektiven Selbst mit dem Selbst entsteht, das das erstrebte Selbst sein
sollte. Ich meine, daß das angestrebte Ichideal der Nachfolger des idealen
Kindes ist, das einst in der Vorstellung der Eltern existierte und nun im
Inne¬ren des Individuums als ein Möchtegern-Selbst weiterlebt, nach
dem immer wieder gesucht und das immer wieder betrauert wird. Das Idealich
entsteht, wenn das subjektive Selbst durch projektive Identifizierung diese
Identität annimmt. Diese Figuration des Selbst, die in gewisser Weise
an Kohuts »grandioses Selbst« erinnert, gehört meines Erachtens
nicht zur üblichen Entwicklung, sondern stellt eine Abweichung davon
dar. Sie führt zu dem, was Freud in seiner Arbeit »Über libidinöse
Typen« (1931a) den narzißtischen Typus genannt hat. In dieser
späten Arbeit untersucht Freud die Grundlagen des Charakters nicht anhand
der Phasen der Libidoentwicklung, sondern anhand der Objektbeziehungen des
Individuums, insbesondere der zum Über-Ich. Um diese Zeit machte sich
Freud vor allem Gedanken über die Beziehung des Ichs zum Über-Ich.
Über den narzißtischen Typus sagte er, es gebe bei ihm »keine
Spannung zwischen Ich und Über-Ich, - man würde von diesem Typus
her kaum zur Aufstellung eines Über-Ichs gekommen sein« (Freud
1931, S. 511). Meines Erachtens fehlt diese Spannung, weil das Individuum
glaubt, es sei das Ichideal, das sich das Über-Ich wünsche. Das
Ergebnis ist ein Charakter, der kein Über-Ich zu haben scheint. In der
Sprache der Religion könn¬te man an die Worte aus dem Matthäus-Evangelium
denken, in dem »eine Stimme aus dem Himmel sprach: >Dies ist mein
gelieb¬ter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe< « (Matth.
3, 17). In der daraus abgeleiteten christlichen Theologie mußte die
absolute Identität zwischen Gottvater und dem Sohn Gottes damit vereinbart
werden, daß es zwischen beiden einen manifesten Unterschied gibt. Dazu
diente die Formel, daß »Vater und Sohn zwei Personen mit der einen
göttlichen Natur« seien. »Ich und der Vater sind eins«
sagt Christus (Johannes 10, 30), und doch sagt er später: »Der
Vater ist größer als ich« (Joh. 14, 28). Analytisch gesehen
war das Idealich - der kindlichen Vollkommenheit - identisch mit der Vollkommenheit
des Ichideals, das auf der Vollkommenheit der Eltern beruhte. Freuds Kommentar,
daß er nie das Über¬Ich entdeckt hätte, wenn dies die
einzigen Patienten gewesen wären, mit denen er es zu tun hatte, wäre
dann angemessen. Was würde passieren, wenn das Über-Ich, mit dem
es zu dieser absoluten Identifizierung kommen sollte, keinen göttlichen,
sondern einen aggressiven, destruktiven Charakter hätte? Dann käme
es vermutlich zur Entwicklung einer Persönlichkeit, die ohne Schuldgefühle
Zerstörung betreibt und in Übereinstimmung mit einem inneren destruktiven
Gott funktioniert.
Um 1930 hatte sich das Konzept des Über-Ichs eingebürgert. >>>>>
Teil
1
Sexualität und Tod
>>>>
. . gibt es noch eine andere analytische Arbeit, in der die Autorin sich selbst
in verhüllter Form als Fall beschreibt und eine hervorragende Schilderung
einer emporstrebenden Athene liefert: Joan Rivieres 1922 vorgelegte Arbeit
»Weiblichkeit als Maske« (diskutiert bei Hughes 1997).
In der Position der Antigone wird die Bedeutung der Mutter erneut geleugnet,
während alle Sorge dem vom Schicksal geschlagenen Vater gilt, der jetzt,
nachdem er nicht länger über seine früheren magischen phallischen
Kräfte verfügt, für den Rest seines Lebens gänzlich von
seiner Tochter abhängig ist, die auch nach seinem Tod die Erinnerung
an ihn wachhält. Um die von Anna Freud selbst geprägte Terminologie
aufzugreifen, besteht die Position der Athene in einer »Identifikation
mit dem Aggressor« und die der Antigone in einer »altruistischen
Abtretung«. Noch einmal beschreibt sich Anna Freud in dem Kapitel über
eine »Form des Altruismus« in ihrem Buch "Das Ich und die
Abwehrmechanismen" (1936) selbst als Patientin, dieses Mal als »eine
Erzieherin« (S. 96). Der Fall der »Erzieherin« illustriert
bewundernswert, was ich mit der Position der Antigone meine. |
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