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Einleitung
Alles
bestens oder fünf vor zwölf?
Ein Junge
dringt bewaffnet in seine Schule ein und richtet Mitschüler und Lehrer
mitleidlos hin. Entsetzt stehen wir vor der brutalen Wirklichkeit und fragen
uns nach den Ursachen. Eine Mutter überlässt ihre vier halb-wüchsigen
Kinder ein Jahr lang sich selbst in einer völlig verdreckten, verwahrlosten
Wohnung. Wir sind fassungslos! Ein Stiefvater miss-braucht das zweijährige
Kind seiner Lebensgefährtin, mit Wissen der Mutter, anschließend
tötet er es; und der Ehemann einer Tagesmutter vergeht sich im Laufe
weniger Jahre an neunzehn Kindern.
Keine Sprache der Welt hat dafür Worte!
Dies sind Vorfälle, die uns zutiefst schockieren. Vorfälle, wie
sie in der täglichen Berichterstattung jedoch fast schon zu unserer Alltagswahrneh-mung
gehören. Es sind Ereignisse, bei denen wir oft gar nicht in der Lage
sind, sie zu bewerten: Handelt es sich nun schlicht um menschliches Ver-sagen,
wie es immer schon in der Geschichte des Homo sapiens vorge-kommen ist und
auch stets wieder passieren wird? Oder sind dies ernst zu nehmende Alarmzeichen?
Signale dafür, dass etwas nicht stimmt im Wohlstandsstaat Deutschland?
Schlagzeilen haben ihre eigene Realität. Sie spielen Tragödien zu
Sensa-tionen hoch, über die wir alle miteinander diskutieren, am Arbeitsplatz,
beim Friseur, zu Hause. Sie sind mediales Entertainment geworden, flimmern
allabendlich in unsere Wohnstuben, gehören für kurze Zeit zu unserer
Wirklichkeit, befriedigen die Lust am Zuschauen, bedienen den Voyeurismus.
»Wie schrecklich«, sagen wir mit gruseligem Erschauern. Danach
geht man zur Tagesordnung über.
»Alles bestens«, beruhigen wir uns, »solche Dinge spielen
sich zum Glück woanders ab.« Scheinbar. Denn in Wirklichkeit ereignen
sie sich Tür an Tür mit unserem eigenen Leben, diese Unglücke,
Schicksale und Katastrophen. Wir lassen sie lediglich nicht zu nah an uns
heran, weil wir hoffen, verschont zu bleiben von den beunruhigenden Ereignissen.
Und wollen oft nicht wahrhaben, dass jeder Einzelne von uns ein verantwortlicher
Teil einer Gesellschaft ist, die zu den reichsten der Erde gehört und
es dennoch nicht schafft, eklatante Missstände in den Griff zu bekommen.
Panikmache? Ja, dieses Argument verwenden viele nur allzu gern. Nach all den
vielen dramatischen Schilderungen in der Tagespresse vergeht uns allmählich
die Lust, uns wieder aufzuregen, erneut mitzufühlen und uns abermals
hineinzudenken in das traurige Leben anderer Menschen. Wir gewöhnen uns
an das Elend.
Die Statistiken jedoch sprechen eine eindeutige Sprache: Unsere Gesell-schaft
befindet sich im Umbruch. Dazu gehört der demografische Wandel mit erschreckend
wenigen Geburten und einer immer älter werdenden Bevölkerung, dazu
gehört aber auch ein beklemmender Anstieg von Kinderarmut und -verwahrlosung
sowie Jugendkriminalität. Viele junge Menschen flüchten angesichts
der vielschichtigen gesellschaftlichen Probleme in Einsamkeit und Depression,
andere in Gewalt oder Drogenwelten. Und es drängt sich die Frage auf:
Sind wir überhaupt gewappnet für das, was auf uns zukommt? Sind
wir darauf vorbereitet, dass wir uns in Zukunft in einer sich auflösenden
Gesellschaft orientieren müssen? Haben wir die Kraft, die Einsicht und
die Fantasie, zu ändern, was uns bedroht?
Als ich vor einiger Zeit in einem Taxi in Frankfurt unterwegs war, begann
der Fahrer plötzlich unaufgefordert mit mir über seinen beruflichen
Alltag zu sprechen. Ihn grause es inzwischen vor den nächtlichen Wochenend-fahrten,
berichtete er. Das Bild, welches die Jugendlichen am späten Abend böten,
sei verheerend und erschreckend. So habe er es nicht sel-ten erlebt, dass
halb besinnungslose junge Frauen von anderen Jugendlichen in sein Fahrzeug
gelegt worden seien. Diese flohen dann, während er verzweifelt auf der
Suche nach einer Adresse gewesen sei. Die volltrunkenen Mädchen seien
oft nicht mehr in der Lage zu sprechen oder sich zu artikulieren. Eine »soziale
Entkoppelung« der jungen Generation erfahre er täglich bei seiner
Arbeit. Woran das liege und welche Ursachen diese dramatische Veränderung
wohl habe?, fragte ich ihn. Seine kurze Antwort, die in drei Worten die kalte,
nüchterne Wahrheit formulierte, ließ mich erschauern: »Sie
sind ungeliebt! «
Der Überbringer der schlechten Nachricht ist traditionell derjenige,
dem die Kritik gilt. Das habe ich selber erfahren. Als ich mit meinem Buch
Das Eva-Prinzip den Finger in die Wunde legte und unbequeme Fragen stellte
nach den Folgen der Emanzipation und dem Zustand unserer Familien, war die
Empörung bekanntermaßen groß. Doch es gab auch viele, die
dankbar waren. Die ebenso wie ich ein tiefes Unbehagen spürten darüber,
wie sich unser Leben verändert hat. Die zweifelten, ob man es als Fort-schritt
bezeichnen kann, wenn immer mehr Familien zerfallen, immer mehr Menschen als
Singles leben, immer mehr Frauen zerbrechen an den Anforderungen, die an sie
gestellt werden, wenn immer mehr Kindern die liebevolle Bindung innerhalb
der Familie verweigert wird.
Auf meinen vielen Lesungen sind mir Menschen begegnet, die meine Sicht teilten,
die aber auch ratlos waren und mich fragten: Was können wir denn jetzt
tun? Was können wir verändern? Welche Möglichkeiten haben wir?
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir alle etwas verändern
können. Die Bedingung ist allerdings, dass wir uns einer schonungslosen
Bestandsaufnahme stellen. Das hat nichts mit Hysterie oder Panikmache zu tun.
Wir müssen nur bereit sein, genauer hinzusehen: Leben wir so, wie wir
es uns einmal erträumten? Haben wir die unerschütterlichen Beziehungen,
die uns über Höhen und Tiefen hinwegbegleiten
und stützen? Sind wir offen für unser Umfeld, interessiert es uns,
wie es unserer Familie, unseren Freunden, unseren Nachbarn geht? Oder stecken
wir den Kopf in den Sand und hoffen, dass alles schon irgendwie wieder ins
Lot gerät?
Wenn ein menschenwürdiges und erfülltes Zusammenleben gefährdet
ist, können wir nicht länger so tun, als hätten wir es mit
bedauerlichen Einzel-fällen zu tun. Der Amoklauf von Erfurt, die jüngsten
erschütternden Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung,
die Gewaltausbrüche an Schulen und die überfüllten Jugendgefängnisse
sind ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nicht mehr auf staatliche
Eingriffe warten können, die diese Fehlentwicklungen korrigieren.
Die Zeit des bangen Beobachtens und Abwartens ist vorbei. Nicht länger
können wir die Verantwortung an andere delegieren.
Jedes Mal, wenn eine grausame Tat bekannt wird, ein Mord, eine Kinder-vergewaltigung,
ein Fall von Jugendkriminalität, wird nach Instanzen gerufen. Nach dem
Jugendamt, nach der Polizei, nach einer härter durchgreifenden Justiz,
nach mehr staatlicher Kontrolle. Und jedes Mal frage ich mich: Wo war die
Familie? Wo waren die Mütter und Väter, die Großeltern, die
Geschwister? Wo die Nachbarn, die Freunde, Lehrer? Warum haben sie nicht bemerkt,
was da vor sich ging? Wieso haben sie sich nicht eingemischt, sich engagiert?
Warum ist den Erziehern, den Lehrern, den Ärzten nichts aufgefallen?
Das große Schweigen umgibt die vielen schrecklichen Fälle von Gewalt
und Vernachlässigung, die uns immer wieder aufwühlen, sofern wir
davon hören oder lesen. Doch niemand will selbst hineingezogen werden
in die täglichen Tragödien und noch weniger wird eingegriffen.
Da ist
das Kleinkind, das an der Supermarktkasse quengelt und von seiner Mutter geohrfeigt
wird — vor schweigendem Publikum. Da ist die Erstklässlerin, die
nie ein Schulbrot dabei hat und trotz einer fiebrigen Bronchitis zur Schule
geschickt wird — die Lehrer schweigen. Da ist der torkelnde Jugendliche,
der in der S-Bahn eine alte Frau belästigt — die anderen Fahrgäste
sehen aus dem Fenster. Da
sind die verzweifelten Kinderschreie aus der Nachbarwohnung, die nicht enden
wollen — niemand klingelt oder ruft die Polizei.
Solche Beispiele könnte man beliebig fortsetzen. Was uns verloren ging,
ist nicht nur Zivilcourage, es ist schlicht das Interesse an unserem Nächsten,
den Mitmenschen. Ängstliche Bequemlichkeit macht sich breit. Jeder zieht
sich in seine Einzelzelle zurück und behauptet, ihn ginge all das nichts
an. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Niemand von uns lebt auf einer Insel.
Auch wenn wir die Gesellschaft als anonym und unüber-schaubar erleben,
sind wir doch unmittelbar mit ihren Entwicklungen konfrontiert.
Eltern wissen das schon lange. Sie können ihr Kind noch so gut erziehen
und vor schlechten Einflüssen schützen wollen — wenn auf dem
Schulhof Vergewaltigungsvideos auf den Handys die Runde machen, müssen
sie das hilflos hinnehmen. Wenn ihre Kinder auf dem Schulweg von aggressionsbereiten
Jugendlichen bedroht, erpresst, zusammen-geschlagen oder bestohlen werden,
sind sie machtlos. Wenn sie ihren Kindern Werte mit auf den Lebensweg geben,
die die Kinder weder in der Schule noch in den Medienwelten wiederfinden,
wird ihr Einfluss schwächer werden.
Doch Resignation allein genügt nicht mehr. Es geht um unser Überleben.
Das mag vielleicht pathetisch klingen. Doch wenn wir uns und unseren Kindern
keine lebenswerte Welt mehr einrichten können, stoßen wir an die
Grenzen unserer Existenz, dann sind wir verloren. Wie können wir noch
optimistisch in die Zukunft sehen, wenn doch alles dagegen spricht, dass ihre
Bedingungen dazu angetan sind, Glück, Bindung und Dauerhaftigkeit zu
schaffen? Dabei geht es nicht um Einzelne, die im letzten Augenblick noch
einmal davonkommen, es geht um den Fortbe-stand des Lebens überhaupt,
um Hoffnung und Zukunft.
Noah und seine Familie bauen die Arche gemeinsam, sie wissen um die bestehende
Gefahr und tun alles, um dieser zu begegnen. Sie machen das solidarisch: Jeder
legt mit Hand an, keiner drückt sich vor der Arbeit. Es ist ein riesiges
Projekt, und es dauert lange, bis das Schiff fertig ist. Das Gelingen hängt
vom Individuum ab, von der Tatkraft und dem Engage-ment des Einzelnen.
Mir scheint das Bild der Arche Noah heute aktueller denn je zu sein. Denn
es ist ein Bild der Hoffnung, nicht der Panik. Es ist die Vorstellung von
einem Handlungsprinzip, das der drohenden Katastrophe ganz konkret etwas entgegensetzt.
Mit Ruhe, Ausdauer und Überlegenheit. Und mit einem ganz festen Ziel:
zu überleben!
Wir alle können an der Arche Noah mitarbeiten. Und wir können andere
mit in die Arche ziehen. Diejenigen, die nicht einsichtig sein wollten und
deswegen die Gefahr nicht erkannten, überlebten die biblische Sintflut
nicht.
Im Gegensatz zu der alttestamentarischen Katastrophe einer tödlichen
Überschwemmung zeigt sich die Bedrohung heute in vielen kleineren und
größeren Katastrophen. Doch in der Summe wirken sie nicht weniger
vernichtend. Es beginnt damit, dass Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt spielen
können, weil es zu gefährlich ist. Dass an manchen Schulen schon
kein Unterricht mehr möglich ist, der die Chance auf eine verlässliche
berufliche Perspektive gibt. Dass Gewalt zur alltäglichen Erfahrung gehört.
Dass die Verrohung der Sexualität unter Jugendlichen das Entstehen von
dauerhaften und zärtlichen Bindungen zerstört. Dass Familien keinen
Zusammenhalt mehr erfahren, weil Eltern, Kinder und Großeltern getrennt
werden, die einen sind bei der Arbeit, die anderen in Betreuungseinrichtungen,
die Alten in Heimen. Wer diese Beobachtun-gen für hysterische Übertreibung
hält, verschließt sich den tatsächlichen Entwicklungen.
Die Geschichte von der Arche Noah enthält aber auch noch einen anderen,
mindestens ebenso wichtigen Aspekt: Er ist auch ein Appell. Wir haben viel
zu lange gekämpft. Im Geschlechterkrieg traten Frauen und Männer
gegeneinander an, mittlerweile streiten Frauen mit Frauen um den »wahren
Feminismus«. Die Fronten sind deutlich: Hausfrauen gegen Berufstätige,
Kinderlose gegen Mütter.
Die Diskussionen sind natürlich wichtig und notwendig, und wir müssen
sie weiterführen. Doch oft erscheint es mir heute so, dass wir im Toben
der Kämpfe die Inhalte völlig aus dem Blick verlieren. Wie in einem
realen Krieg, der ursprünglich aus völlig anderen Gründen entfacht
wurde, als die Handlungen sich dann später entwickelten. Immer neue Nebenkriegs-schauplätze
werden eröffnet, die mit dem anfänglichen Motiv an sich kaum noch
etwas zu tun haben.
Ein eindringliches Beispiel dafür ist die Debatte um das Frauenbild.
Da bekriegten sich in den vergangenen Monaten aufgebrachte Frauen, beleidigten
einander und griffen auch mich heftig an. Mit keinem Wort aber erwähnten
sie das, worum es mir in Wirklichkeit immer gegangen ist: um das Wohl
und den Schutz unserer Kinder und die fehlende Weib-lichkeit in unserer Gesellschaft
als den wichtigsten Motor für das Familienglück.
Wir können es uns nicht mehr leisten, einander zu attackieren und unsere
Kräfte aufzureiben. Dafür sind die Probleme, mit denen wir es zu
tun haben, viel zu ernst. Warum setzen wir uns nicht — bildlich gesprochen
— alle an einen Tisch und überlegen, wo wir anset¬zen können
und müssen, um aktiv zu werden und erfolgreichere Entscheidungen zu treffen
als bisher? Warum werden Zeit und Energie damit verschleudert, das neumodische
Gender-Mainstreaming, also den politischen Vorsatz zur Gleichmacherei der
beiden Geschlechter, voranzutreiben und damit die Freiheit von Mann und Frau
weiter zu belasten, statt uns um die Not derer zu kümmern, für die
solche Überlegungen Luxusprobleme sind?
Eine Veränderung und Verbesserung unserer Lebensumstände
ist keine Frage von Ideologien, sondern von Werten. Sie zu formulieren
und ihre Umsetzung zu ermöglichen, muss das oberste Ziel sein. Wer also
in diesem Buch eine Streitschrift erwartet, eine schäumende Antwort auf
meine Kritiker und einen munteren Gegenangriff, den muss ich ent-täuschen.
Stattdessen plädiere ich für die Abrüstung unserer Debatten.
Es geht nicht um Rechthaberei, sondern um die Diagnosen und die Therapien,
die wir so dringend benötigen.
Ende Vorwort
Endlich Single
— wie sich Männer entziehen
Es passiert täglich: Ein Mann packt seine Sachen, winkt Frau und Kind
zu — und geht. Vielleicht nur in den Fitnessclub oder zum Kneipenabend
mit seinen Freunden. Vielleicht aber auch für immer.
Man muss keine Statistiken lesen, um die alarmierende Tendenz wahrzu-nehmen:
Immer mehr Beziehungen werden beendet, immer mehr Familien zerbrechen. Oft
geht dem Bruch eine quälende Phase voraus, in der gestritten und gekämpft
wird, in der seelische und körperliche Verletzun-gen ihre Spuren hinterlassen.
Ein ganzes Volk, so scheint es, ist unter-wegs — weg von der Familie,
hin zum Singledasein. In deutschen Großstädten beträgt die
Trennungsrate über 5o Prozent, im Schnitt hält eine Beziehung dort
vier Jahre.
Sicher, auch viele Frauen drängen auf Auflösung der Partnerschaften,
sie reichen sogar mehrheitlich die Scheidung ein — doch die Zahlen täuschen.
Häufig geschieht das nur, weil sie fürchten, dass der Mann, bevor
er die Scheidung offiziell beantragt, vorher seine finanziellen Verhältnisse
planvoll verschleiert, um Unterhalt zu sparen.
Soziologen sprechen schon von den »modernen Nomaden«, die aller-dings
im Gegensatz zu den Nomadenvölkern traditioneller Kulturen allein bleiben:
auf sich gestellt, frei, niemandem verantwortlich. Einzelwesen, die sich nehmen,
was sie brauchen und dann weiterziehen, zum nächsten Job, zur nächsten
Kurzzeitaffäre, zum nächsten Kick. Das alles geschieht in einem
gesellschaftlichen Klima, in dem sich Männer und Frauen feindlich wie
nie zuvor gegenüberzustehen scheinen. Ein Riss geht mitten durch die
Gesellschaft, ein Riss, der, täglich tiefer werdend, eine in Jahrhun-derten
gewachsene Familienkultur innerhalb weniger Jahrzehnte zerstörte.
Gegenseitige Schuldzuweisungen sind in diesem Zusammenhang zum neuen Gesellschaftsspiel
geworden. Die Männer beklagen sich über Frauen, die zu fordernd
seien, die Frauen kritisieren, dass ihre Männer sich schon während
der Beziehung abkapselten und ihr eigenes Leben führten — bloße
Zaungäste im Familienleben. Und immer häufiger verlassen die Männer
endgültig den Kampfschauplatz und ziehen sich zurück in ihre Welt.
Endlich alleine!, lautet ihr Stoßseufzer. Nichts wie weg aus der Beziehungshölle.
Doch diese Entscheidung betrifft nicht nur sie selbst mit allen weitreichenden
Konsequenzen, sondern auch diejenigen, die sie verlassen: Frau und Kinder.
Eine der verhängnisvollsten
Nebenwirkungen ist die, dass auf diese Weise neue Leitbilder
entstehen, die von den Kindern oft über¬nommen werden. Wer ein Scheidungskind
ist, hat wenig Mut, sich auf eine Familie einzulassen. Sicherlich einer der
Gründe dafür, dass immer weniger Männer sich überhaupt
noch eine Familie wünschen. Zwischen 40 und 5o Prozent der Fünfunddreißigjährigen
gaben bei einer aktuellen Befragung an, sie würden sich durch Kinder
und Ehefrau in ihrer Freiheit einge-schränkt fühlen. Und dieselbe
Studie zeigt auch die fatale Schlussfolge-rung: Diese Männer wollen bewusst
keine Familie mehr gründen.
Bevor also das Zusammenleben überhaupt erprobt wird, wirft etwa die Hälfte
aller deutschen Männer das Handtuch. Eine erschreckende Zahl.
Wie konnte es so weit kommen?
Wie ist der Graben zwischen Männern und Frauen entstanden, der heute
zunehmend unüberwindlich scheint?
Nach dem Erscheinen des Eva-Prinzips wurde mir in vielen Briefen und E-Mails
die Frage gestellt, warum ich in meinem Buch politische und gesell-schaftliche
Veränderungen für Frauen und Kinder gefordert,
die Männer jedoch weitgehend aus der Kritik herausgelassen hätte.
Wo denn die Vorschläge für die »neuen Männer« blieben?
Sie trügen schließlich eine |
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wurde er bisher noch
nicht.
Stattdessen entziehen sich die Männer der Familie, sie diskutieren leider
auch selten mit, wenn es um sie geht. Ist das nur eine Phase oder ein Zeichen
dafür, dass der »neue Mann« pure Illusion ist? Ein weibliches
Wunschbild, das Männer desto weniger erfüllen wollen, je lauter
es eingeklagt wird? Vieles spricht für die zweite Antwort. Ich höre
zwar schon jetzt die ärgerlichen Einwürfe einiger Verfechterinnen
der fortschrittlichen Emanzipation, denen diese Auslegung nicht gefallen wird.
Trotzdem ist die Sache unbestreitbar: Wir Frauen haben wesentlich dazu beigetragen,
die Männer schwer zu verunsichern. Oder wie es der Theologe und Kommunikationsexperte
Norbert Bolz ausdrückt: »Wer heute etwas über die Zukunft
des Mannes erfahren möchte, muss sich erst die Gegenwart der Frauen anschauen.«
Auch wenn es eine unbequeme Wahrheit ist: Wir selbst haben die Männer
zu dem gemacht, was sie sicherlich nie werden wollten — nach Orientierung
suchende, vorsichtige Verweigerer, . . . . .>>>
. . .>> Zu allen
Zeiten sind Jungen durch die Gegend gestreift, haben unter Aus-schluss der
Öffentlichkeit gezündelt, sich im Streit auch schon mal eine blutige
Lippe geholt. Doch im Gegensatz zu heute hatten sie früher Platz, ihrem
Bewegungsdrang nachzugeben, ihre Kräfte zu messen. Die Gegebenheiten
haben sich umgekehrt: Während einst strenge Regeln einengten, aus denen
die Kinder ins Freie flüchten konnten — immer vor Augen, dass sie
die Regeln nicht ungestraft würden brechen können —, leben
sie heute räumlich eingeengt, dafür aber frei von festen Regeln.
Doch wo keine Regeln mehr gelten, ufert jeder Unsinn, jeder Bubenstreich aus
und wird schlimmstenfalls ein krimineller Akt. Jeder »echte Junge«
hatte früher verinner-licht, dass man sich nur mit gleich Starken misst,
dass man niemals zu mehreren auf einen losgeht, dass man keinesfalls noch
mal zutritt, wenn der Gegner schon am Boden liegt. Ein »richtiger Mann«
war fair, souverän, sportlich.
All dies scheint heute
außer Kraft gesetzt, es gibt keine innere, moralische Grenze mehr. Die
virtuellen »Helden« der Computerspiele, vermitteln
keine Werte: »Die heroischen Gestalten der angesagten Computerspiele
haben allesamt
dieselben Merkmale, sie haben keine Erinnerung, keine Geschichte ... sie stammen
aus dem Nichts ... Sie haben keine Identität, das ist ihre Stärke«,
sagt Wolfgang Bergmann. Hinzu kommt, dass Jungen in unserer immer »verkopfteren«
Wissensgesellschaft mit ihren körperlichen Fähigkeiten nicht mehr
punkten können. »Viele Jungs haben nicht so viel Interesse, sich
in eine Erfahrungswelt, die nur in Worten aufgeschrieben ist, entführen
zu lassen«, schreibt der Pädagoge Frank Beuster. »Sie würden
sich mehr von der realen Welt, von Natur, realen Gegenständen und Bildern
beeindrucken lassen.« Doch das bleibt Wunschdenken — und die Jungen
versuchen offensiv, sich zu wehren. . . . .>>>
Schmerzventile
— ADHS und Essstörungen
Deutlich mehr Jungen als Mädchen werden auch von ihren Eltern als verhaltensauffällig
und hyperaktiv eingeschätzt (3o Prozent Jungen, 25 Prozent
Mädchen), so das Ergebnis einer Studie über den Gesundheitszustand
von Kindern und Jugendlichen (KiGGS) im Alter von null bis siebzehn Jahren
des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Die Datenerhebung wurde im Mai 2003 angefangen
und im Mai 2006 abgeschlossen.
Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) ist seit einigen
Jahren ein Schlagwort, das immer dann fällt, wenn es um Auffälligkeiten
und Probleme von Kindern und Jugendlichen geht. Die Eltern sind häufig
hilflos, wenn sie den Weg zum Arzt endlich gefunden haben und ihre Beobachtungen
schildern. »Mein Sohn springt plötzlich auf, um etwas aus dem Schulranzen
zu holen, hat aber
auf dem Weg dorthin schon wieder vergessen, was es war«, berichtet Harriett
verzweifelt über ihren zehnjährigen Sohn. Er rast durchs Haus ohne
Sinn und Verstand und lässt sich dann erschöpft fallen. Regungslos
bleibt er liegen, ist oft nicht mehr ansprechbar. Hat er sich eine Weile in
seine eigene Welt zurückgezogen, beginnt er wieder aufzudrehen. »Eine
neue Runde beginnt, unsere Nerven halten das nicht mehr lange aus«,
erzählt die Mutter. In der Schule wachsen die Probleme täglich,
ihr Sohn stört fortlaufend den Unterricht, kann nicht warten, bis die
Lehrerin ihn aufruft, und fällt grundsätzlich den Mitschülern
ins Wort.
Kinder mit ADHS sind eine Herausforderung für die Familie, aber auch
für Lehrer. Jede Ermahnung trifft ins Leere, weil sie zwar gehört,
aber nicht umgesetzt wird. Wie viele unter diesem Syndrom leiden, ist nicht
bekannt. Einige Studien sprechen von drei bis sieben Prozent, andere von bis
zu knapp 18 Prozent aller Schulkinder in Deutschland.
Auch die Ursache ist noch unklar. Die populärste Meinung derzeit: ADHS
ist ein genetischer Defekt im Hirn. Das hören Eltern gern, die sich bisher
damit konfrontiert sahen, dieses zappelige Verhalten sei auf Erziehungsfehler
zurückzuführen. Und auch Lehrer atmen auf, denn eine Krankheit kann
man mit Medikamenten behandeln, die Kinder stören nicht länger den
Unterricht. Methylphenidat heißt das Zauberwort, besser bekannt unter
Ritalin. Das Präparat gehört zu den Aufputschmitteln. Es soll die
Aufmerksamkeitsleistungen verbessern, Impulsivität und motorische Unruhe
senken. Wunderbar! Schließlich hat niemand Zeit, sich ständig um
Problemkinder zu kümmern. Gern wird dabei vergessen, die Nebenwirkungen
zu erwähnen: Schlafstörungen, Nervosität, Sehstörungen,
Traurigkeit bis hin zur Depression, Appetitlosigkeit, die zu starker Gewichtsabnahme
führen kann, Haarausfall. Und ganz nebenbei: Methylphenidat kann süchtig
machen. Dennoch werden besorgte Eltern immer wieder beruhigt: Die Nebenwirkungen
träten nur in Einzelfällen auf, Studien ergäben ein positives
Bild, der Leidensdruck mit ADHS sei viel höher als das Risiko der Einnahme
von diesen Medikamenten.
Doch es gibt Störenfriede,
Mediziner und Therapeuten, die am Wundermittel Ritalin zweifeln. Die sogar
an der gesamten Theorie zweifeln, ADHS sei eine Krankheit! Der Kindertherapeut
Wolfgang Bergmann macht beispielsweise ganz andere Ursachen dafür verantwortlich.
Kinder mit AD(H)S-Symptomen seien ein Spiegelbild unserer heutigen Welt, sagt
er. »Aufmerksamkeitsdefizite sind ganz wesentliche Folgen eines komplexen
kulturellen Vorgangs, der die modernen Kinder im Stich lässt. Mit Aufmerksamkeit
(oder einem Mangel daran) hat das alles wenig zu tun, mit Mangel an Liebe
und Verlässlichkeit in den Familien, den Schulen, den psychologischen
Praxen und psychiatrischen Kliniken, den Jugendämtern und den Forschungs-einrichtungen
hingegen eine ganze Menge.« Er folgert weiter: »Wird die natürliche
Daseinsfreude eines Kindes nicht wieder und wieder bestätigt, dann muss
dieses Kind ... das genannte >Versprechen des Lebens< aus sich selber
schöpfen ... Das hyperaktive Kind muss sich in das Leben strampeln und
zappeln, um sich selber und den anderen zu bedeuten, dass es nicht tot ist.«
Wer sich bewusst umschaut, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir
alle mehr oder weniger hyperaktiv sind: Während man mit der besten Freundin
telefo-niert, gießt man die Blumen, bügelt, ruft E-Mails ab und
beantwortet sie nebenbei, im Fernsehen wird von einem Kanal zum anderen gezappt,
beim Italiener um die Ecke schickt man zwischen Vorspeise und Hauptgericht
drei SMS ab, während man sich gleichzeitig mit seinem Tischnachbarn unterhält.
Wir lassen uns auf nichts vollkom-men ein und nennen es positiv »Multitasking«.
Diese Lebenshaltung, immer mehrere Dinge auf einmal zu tun, nichts mehr intensiv
und ausschließlich zu spüren, geben wir an unsere Kinder weiter.
Uns um die Auswirkungen zu kümmern, die ein solches Leben im Schnelldurchgang
auf die sensible Kinderseele hat, dafür haben wir leider keine Zeit.
. . . >>
Verhängnisvoll
—
staatlich empfohlener Kindesmissbrauch?
Schon ganz früh wird dem Sex — und der im besten Fall damit verbundenen
Liebe — seine Verzauberung genommen. Da werden unter dem hehren Ziel
»Aufklärung« Mädchen und Jungen mit intimsten Details
des Geschlechtsverkehrs konfrontiert, die sie oft noch nicht wissen wollen
und nicht verarbeiten können. Schamgefühl und Moral werden außer
Acht gelassen, Werte sowieso. Die Eltern nehmen es hin, nicht selten aus Angst,
sie selbst könnten als verklemmt gelten.
Eine Mutter erzählt, ihre achtjährige Tochter sei nach dem Sexualkundeunterricht
nach Hause gekommen und habe gefragt: »Mami, unsere Lehrerin hat uns
erklärt, wie Sex geht. Muss man das wirklich machen, um Kinder zu bekommen?«
Ihre Eltern hatten bisher das Thema Sex zu Hause nicht von sich aus angesprochen,
allerdings immer ehrlich und so kindgerecht wie möglich geantwortet,
wenn Lea Fragen gestellt hatte. Ganz selbstverständlich hatte sie den
Vater im Bad auch mal nackt gesehen. »Jetzt wird sie plötzlich
im Sexualkundeunterricht mit Dingen konfrontiert, die sie nicht einordnen
kann, die sie so detailliert noch gar nicht wissen will«, sagt die Mutter
auf einem Elternabend. Während die Lehrerin ungerührt darauf hinweist,
Sexualkundeunterricht stehe nun einmal für die dritte Klasse im Lehrplan,
wird die Mutter von anderen Eltern attackiert. Sie sei »blauäugig«,
sie solle sich nicht wundern, wenn ihre Tochter mit elf schwanger würde,
wenn sie nicht aufgeklärt sei. Leas Mutter hatte plötzlich den Eindruck,
ihre behutsame Herangehensweise an die Aufklärung sei »völlig
daneben«, überhaupt nicht zeitgemäß. > . . . >>
Weiter heißt es:
»Scheide und vor allem Klitoris erfahren kaum Beachtung durch Benennung
und zärtliche Berührung (weder seitens des Vaters noch der Mutter)
und erschweren es damit für das Mädchen, Stolz auf seine Geschlechtlichkeit
zu ent-wickeln.« Kindliche Erkundungen der Genitalien Erwachsener können
»manchmal Erregungsgefühle bei den Erwachsenen auslösen«.
Wenn Mädchen (ein bis drei Jahre!) bei der Erkundung der eigenen Lust
dabei »Gegenstände zur Hilfe nehmen«, dann soll man das nicht
»als Vorwand benutzen, um die Masturbation zu verhin-dern«. Der
Ratgeber fände es »erfreulich, wenn auch Väter, Großmütter,
Onkel oder Kinderfrauen einen Blick in diese Informationsschrift werfen würden
und sich anregen ließen — fühlen Sie sich bitte alle angesprochen!«
Auch im Kindergarten wird die massive Einführung in Sexualkunde deutlich
geför-dert. Mit dem Lieder- und Notenheft Nase, Bauch und Po singen Kinder
Lieder wie Folgendes:
»Wenn ich meinen Körper anschau' und berühr', entdeck' ich
immer mal, was alles an mir eigen ist ...
wir haben eine Scheide, denn wir sind ja Mädchen. Sie ist hier unterm
Bauch, zwischen meinen Beinen. Sie ist nicht nur zum Pullern da, und wenn
ich sie berühr',
ja ja, dann kribbelt sie ganz fein.
>Nein< kannst du sagen, >Ja< kannst du sagen, >Halt< kannst
du sagen, oder >Noch mal genauso<, >Das mag ich nicht<, >Das
gefällt mir gut.<, >Oho, mach weiter so.«
Und auch Schulkinder werden nicht verschont mit der neuen Früheinführung
in Sexualkunde; mit neun Jahren beginnt der Verhütungsunterricht. Sämtliche
Schriften der Bundeszentrale für Aufklärung propagieren die Sexualisierung
der Kinder und Jugendlichen ab dem ersten Lebensjahr. Es geht nicht mehr um
Liebe zwischen zwei Menschen, sondern es wird unseren Kindern vielmehr eine
neue, verzerrte, doch gewollte, erlaubte Lustwelt vorgeführt, in der
sie in frühestem Alter geradezu ver-führt und ermuntert werden zu
Sexspielchen, die auf dramatische Weise verharmlost dargestellt werden. Die
Autorität der Eltern wird mit diesen Maßnahmen weiter untergraben,
sie müssen hilflos zusehen, wie schon ihre neunjährigen Kinder zu
Verhütungsprofis herangezogen werden. Sex wird zur rein mechanischen,
zur rein körperlichen Angelegenheit, die alleine beherrscht sein will.
Wenn in diesen Aufklärungsschriften denn auch mal von Schwangerschaft
die Rede ist, dann stets nur im Zusammenhang mit dem Wort »ungewollt«.
Abtreibung gilt hier als eine ganz normale Verhütungsmöglichkeit.
Die Verharmlosung der beschriebenen »rechtzeitigen Lebensvorbereitung
für unsere Kleinsten« zeigt weitere Zusammenhänge auf: die
erschütternden Auswüchse der Kinderpornografie. > . . .>>
Generationenzusammenhalt
— alles bröckelt
Ratlosigkeit macht
sich breit, wenn wir betrachten, wie wenig tragfähig sich das Modell
Familie heute erweist. Zusammenhalt, Verlässlichkeit, das sind Fremdwörter
in der modernen, aufgeklärten Ge¬sellschaft, die das Individuum feiert
und Bindungen für puren Luxus hält oder für Hemmnisse, die
der Selbstverwirklichung entgegenstehen.
Die Ich-Ideologie hat viel von dem zerstört, was wir Instinkt oder Intuition
nennen könnten, das Bedürfnis, denen nah zu sein, die wir lieben,
uns um sie zu kümmern und unser Heil nicht in der Selbst¬bezogenheit
zu suchen, sondern in der Beziehung zu anderen. Damit einher geht die Tendenz,
die Generationen systematisch vonein-ander zu trennen. Längst leben Kinder,
Eltern und Großeltern in ver¬schiedenen Teilbereichen der Gesellschaft.
Und so sieht es aus, das Modell, das schon in naher Zukunft Wirklichkeit sein
wird: Mutter und Vater sind ganztägig berufstätig, die Kinder sind
ganztägig in Krippe, Kindergarten oder Ganztagsschule, die Großeltern
leben im Heim.
»Mal deine Familie auf«, hieß es neulich in der Schule,
die der Sohn einer Freundin besucht. Adrian ist in der zweiten Klasse. Er
zeichnete sich selber ganz klein unten im Bild, weiter entfernt eine große,
runde Mutter, der winzige Vater landete oben in der linken Ecke. »Und
wer gehört noch dazu?«, fragte die Lehrerin. Ratlos schaute Adrian
sie an. »Äh, vielleicht mein Freund Jasper?« Die Lehrerin
war sprachlos. »Na, hast du keine Oma? Oder einen Onkel?« Adrian
nickte unsicher. Die Namen seiner Verwandten konnte er allerdings nicht sagen.
Und wer wessen Vater, Onkel, Bruder war, wusste er nicht.
Als seine Mutter Charlotte mir die Geschichte erzählte, war sie nicht
im Mindesten beunruhigt. Sie lachte sogar darüber. »Die Familie
spielt bei uns eben keine große Rolle«, erklärte sie, »der
Vater entzieht sich, wir haben Freunde, das reicht.« Als ich nachfragte,
wie lange denn Freundschaften im Allgemeinen halten, runzelte sie die Stirn.
»Man trifft sich, findet sich nett, hat Gemeinsamkeiten, aber irgendwann
lebt man sich auch wieder auseinander«, sagte sie. »Ist doch normal.
Worauf willst du eigentlich hinaus? Dass Blut dicker ist als Saft? Lass mich
bloß in Ruhe mit diesen alten Sprüchen.«
Dieses Gespräch ging mir noch lange durch den Kopf. Jeder weiß,
was gemeint ist. Wenige Freundschaften halten ein Leben lang, man entwickelt
sich weiter, orientiert sich neu, und passend zu jeder Phase sucht man sich
Freunde. Doch hinter diesem Verhalten wird eine Problematik sichtbar, die
weit über die Alternative Freunde oder Familie hinausgeht. Charlotte
hat nämlich nie den Versuch gemacht, Tanten, Onkel oder Großeltern
aktiv einzubinden. Ihr war der Gedanke fremd.
Was wir zur Zeit erleben und sehenden Auges zulassen, ist eine folgenreiche
Isola-tion der Generationen. Kritiker sprechen schon von einer drohenden »Kasernie-rung«.
Und haben sie nicht recht? Wo sieht man in einer deutschen Großstadt
tagsüber Kinder? Wo sind die Alten, die Gebrechlichen? Wo sind die Mütter,
die Väter? Und wann sieht man sie alle gemeinsam? Die Antwort kennen
wir alle. Großfamilien im Supermarkt, im Lokal, auf dem Spielplatz sind
schlicht nicht anzutreffen. Was wir beobachten, sind allenfalls Paare im Restaurant,
professionell beaufsichtigte Kindergruppen auf dem Spielplatz, vereinzelte
ältere Menschen im Park, wenn sie nicht als Busladung im Rahmen einer
Seniorenfahrt daherkommen.
Soziologen sprechen von der »Ausdifferenzierung der Lebenswelten«.
Ein wertneutraler Begriff, der nichts von dem Verlust andeutet, als Mensch
im Blick hat. Dass sie auf Mitmenschen trifft, die sie trotz aller Schwächen
und Defizite nicht kühl und distanziert behandeln. >. . . >>
Perspektiven
einer neuen Familienkultur
Achtsamkeit — das ist sicher der wichtigste Begriff einer neuen Familienkultur,
nachdem die traditionelle Familie vielfach ausgedient hat. Was bedeutet Familie
schließlich heute noch? Für nicht wenige Menschen ist sie eine
zwanglose Angelegenheit, etwas, was man beiläufig ausprobiert und beendet,
wenn es nicht zufriedenstellend klappt. Eine Möglichkeit unter vielen,
mehr nicht. Mit dem Begriff der »Achtsamkeit« aber wird angedeutet:
Es geht um eine neue Qualität des Verhaltens, nicht um die Frage, ob
man nun in einer traditionellen Familie, einer Patchworkfamilie, alleinerziehend
oder als Single lebt. Achtsamkeit heißt Rücksicht nehmen. Vorsicht
walten zu lassen, behutsam auf die Empfindungen anderer Menschen zu reagieren
.>. . . >>
>>Dass Familie
aber neu bestimmt werden kann und muss ungeachtet der Lebens-situationen und
Lebensformen, das gilt es noch zu entdecken. Machen wir Schluss mit den Schuldzuweisungen.
Beenden wir den Geschlechterkampf, der Frauen und Männer entzweit, rüsten
wir ab im Streit mit Exmännern, Exfrauen und deren neuen Partnern. Entwickeln
wir ein neues Verhältnis zu jenen, die die Schwächsten sind und
am meisten unter der Zersplitterung von Familien leiden: den Kindern und den
Älteren.
Wir sind im Begriff,
die Hektik und Dynamik der Moderne auch in unsere familiären Lebensformen
sickern zu lassen. Zeitfenster werden geöffnet und geschlossen, es herrscht
immer häufiger die Überzeugung vor, es komme nicht auf die Dauer,
sondern auf die Intensität der Eltern-Kind-Beziehung an. Genauso beteuern
ja auch manche Paare, ihre Partnerschaft sei intensiver, weil sie sich wenig
sehen. Kurz und heftig, lautet das Motto.
Die Flexibilität
und Effizienz, die uns das moderne Arbeitsleben abverlangt, taugt also wenig
als Modell für ein intaktes Familienleben. Zeit zu haben, sich Zeit zu
nehmen, ist nicht ersetzbar durch noch so intensive fünf Minuten. |
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