Kultur Fibel Magazin
   


Das Prinzip Arche Noah
Warum wir die Familie retten müssen

Die Buchempfehlung mit einer Leseprobe zur eigenen Meinungsbildung unserer Leser.
Gesellschaftsmagazin
Jeder Anstoß zum Umdenken kann die Überlebenschance der Menschheit erhöhen.
Pendo Verlag
247 Seiten / Euro (D) 18,00
im Buchhandel
oder Kultur Fibel Verlag
RG. + Porto EUR 3,50
"Die Zukunft wird in der Gegenwart vorbereitet und beginnt jetzt.
Sie zeigt einen stabilen Trend in die falsche Richtung.
Höchste Zeit zum Nach- und Umdenken“.
Prof.Manfred Wöhlcke

Vieles liegt in unserer Gesellschaft im Argen. Wenn man beginnt, sich darüber Gedanken zu machen, kommt man nicht immer zu bequemen Schlussfolgerungen.
Oft sogar widersprechen sie dem herrschenden Zeitgeist.
2007 / Eva Herman

Auszüge
Eva Herman
Erst allmählich zeigt sich nun, dass die säkularisierte Emanzipation und das ungebremste Streben nach immer neuem Fortschritt, nach Befrie-digung der ständig zunehmenden Erwartungen und nach wachsender Macht — immer größer, immer weiter, immer höher —, dass dies alles
zu Armut, Vereinsamung und Entfremdung führt.
Marion Gräfin von Dönhoff

Mitschuld an der Misere, in der die beiden Geschlechter zurzeit steckten, auch sie müssten endlich zur Rechenschaft gezogen werden, schrieben viele aufgebrachte Frauen. Als Konsequenz wurde mir nahegelegt, nun das Adam-Prinzip zu schreiben — und gründlich abzurechnen.

Es wäre zu einfach, die Männer als rückständige, lächerliche Machos schlechtzureden. Als Modelle mit überschrittenem Verfallsdatum. Ihnen vorzuwerfen, sie hätten nicht Schritt gehalten mit der Entwicklung der Frauen. Die Gründe müssen tiefer liegen. Denn es ist eine Tatsache, dass unsere Gesellschaft wenig schlüssige Antworten darauf gefunden hat, wie denn das Geschlechterverhältnis neu gestaltet werden könnte. Dass das notwendig ist, darüber jedenfalls scheint Einigkeit zu herrschen.

Wenn die Frauen sich neue Bereiche erobern, sich von traditionellen Mustern lösen, dann müssen die Männer gleichziehen, lautet die Argumentation. Und so warten alle gespannt auf den »neuen Mann« — doch gesichtet

Einleitung
Alles bestens oder fünf vor zwölf?
Ein Junge dringt bewaffnet in seine Schule ein und richtet Mitschüler und Lehrer mitleidlos hin. Entsetzt stehen wir vor der brutalen Wirklichkeit und fragen uns nach den Ursachen. Eine Mutter überlässt ihre vier halb-wüchsigen Kinder ein Jahr lang sich selbst in einer völlig verdreckten, verwahrlosten Wohnung. Wir sind fassungslos! Ein Stiefvater miss-braucht das zweijährige Kind seiner Lebensgefährtin, mit Wissen der Mutter, anschließend tötet er es; und der Ehemann einer Tagesmutter vergeht sich im Laufe weniger Jahre an neunzehn Kindern.

Keine Sprache der Welt hat dafür Worte!
Dies sind Vorfälle, die uns zutiefst schockieren. Vorfälle, wie sie in der täglichen Berichterstattung jedoch fast schon zu unserer Alltagswahrneh-mung gehören. Es sind Ereignisse, bei denen wir oft gar nicht in der Lage sind, sie zu bewerten: Handelt es sich nun schlicht um menschliches Ver-sagen, wie es immer schon in der Geschichte des Homo sapiens vorge-kommen ist und auch stets wieder passieren wird? Oder sind dies ernst zu nehmende Alarmzeichen? Signale dafür, dass etwas nicht stimmt im Wohlstandsstaat Deutschland?
Schlagzeilen haben ihre eigene Realität. Sie spielen Tragödien zu Sensa-tionen hoch, über die wir alle miteinander diskutieren, am Arbeitsplatz, beim Friseur, zu Hause. Sie sind mediales Entertainment geworden, flimmern allabendlich in unsere Wohnstuben, gehören für kurze Zeit zu unserer Wirklichkeit, befriedigen die Lust am Zuschauen, bedienen den Voyeurismus. »Wie schrecklich«, sagen wir mit gruseligem Erschauern. Danach geht man zur Tagesordnung über.
»Alles bestens«, beruhigen wir uns, »solche Dinge spielen sich zum Glück woanders ab.« Scheinbar. Denn in Wirklichkeit ereignen sie sich Tür an Tür mit unserem eigenen Leben, diese Unglücke, Schicksale und Katastrophen. Wir lassen sie lediglich nicht zu nah an uns heran, weil wir hoffen, verschont zu bleiben von den beunruhigenden Ereignissen. Und wollen oft nicht wahrhaben, dass jeder Einzelne von uns ein verantwortlicher Teil einer Gesellschaft ist, die zu den reichsten der Erde gehört und es dennoch nicht schafft, eklatante Missstände in den Griff zu bekommen.
Panikmache? Ja, dieses Argument verwenden viele nur allzu gern. Nach all den vielen dramatischen Schilderungen in der Tagespresse vergeht uns allmählich die Lust, uns wieder aufzuregen, erneut mitzufühlen und uns abermals hineinzudenken in das traurige Leben anderer Menschen. Wir gewöhnen uns an das Elend.
Die Statistiken jedoch sprechen eine eindeutige Sprache: Unsere Gesell-schaft befindet sich im Umbruch. Dazu gehört der demografische Wandel mit erschreckend wenigen Geburten und einer immer älter werdenden Bevölkerung, dazu gehört aber auch ein beklemmender Anstieg von Kinderarmut und -verwahrlosung sowie Jugendkriminalität. Viele junge Menschen flüchten angesichts der vielschichtigen gesellschaftlichen Probleme in Einsamkeit und Depression, andere in Gewalt oder Drogenwelten. Und es drängt sich die Frage auf: Sind wir überhaupt gewappnet für das, was auf uns zukommt? Sind wir darauf vorbereitet, dass wir uns in Zukunft in einer sich auflösenden Gesellschaft orientieren müssen? Haben wir die Kraft, die Einsicht und die Fantasie, zu ändern, was uns bedroht?
Als ich vor einiger Zeit in einem Taxi in Frankfurt unterwegs war, begann der Fahrer plötzlich unaufgefordert mit mir über seinen beruflichen Alltag zu sprechen. Ihn grause es inzwischen vor den nächtlichen Wochenend-fahrten, berichtete er. Das Bild, welches die Jugendlichen am späten Abend böten, sei verheerend und erschreckend. So habe er es nicht sel-ten erlebt, dass halb besinnungslose junge Frauen von anderen Jugendlichen in sein Fahrzeug gelegt worden seien. Diese flohen dann, während er verzweifelt auf der Suche nach einer Adresse gewesen sei. Die volltrunkenen Mädchen seien oft nicht mehr in der Lage zu sprechen oder sich zu artikulieren. Eine »soziale Entkoppelung« der jungen Generation erfahre er täglich bei seiner Arbeit. Woran das liege und welche Ursachen diese dramatische Veränderung wohl habe?, fragte ich ihn. Seine kurze Antwort, die in drei Worten die kalte, nüchterne Wahrheit formulierte, ließ mich erschauern: »Sie sind ungeliebt! «
Der Überbringer der schlechten Nachricht ist traditionell derjenige, dem die Kritik gilt. Das habe ich selber erfahren. Als ich mit meinem Buch Das Eva-Prinzip den Finger in die Wunde legte und unbequeme Fragen stellte nach den Folgen der Emanzipation und dem Zustand unserer Familien, war die Empörung bekanntermaßen groß. Doch es gab auch viele, die dankbar waren. Die ebenso wie ich ein tiefes Unbehagen spürten darüber, wie sich unser Leben verändert hat. Die zweifelten, ob man es als Fort-schritt bezeichnen kann, wenn immer mehr Familien zerfallen, immer mehr Menschen als Singles leben, immer mehr Frauen zerbrechen an den Anforderungen, die an sie gestellt werden, wenn immer mehr Kindern die liebevolle Bindung innerhalb der Familie verweigert wird.
Auf meinen vielen Lesungen sind mir Menschen begegnet, die meine Sicht teilten, die aber auch ratlos waren und mich fragten: Was können wir denn jetzt tun? Was können wir verändern? Welche Möglichkeiten haben wir?
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir alle etwas verändern können. Die Bedingung ist allerdings, dass wir uns einer schonungslosen Bestandsaufnahme stellen. Das hat nichts mit Hysterie oder Panikmache zu tun. Wir müssen nur bereit sein, genauer hinzusehen: Leben wir so, wie wir es uns einmal erträumten? Haben wir die unerschütterlichen Beziehungen, die uns über Höhen und Tiefen
hinwegbegleiten und stützen? Sind wir offen für unser Umfeld, interessiert es uns, wie es unserer Familie, unseren Freunden, unseren Nachbarn geht? Oder stecken wir den Kopf in den Sand und hoffen, dass alles schon irgendwie wieder ins Lot gerät?
Wenn ein menschenwürdiges und erfülltes Zusammenleben gefährdet ist, können wir nicht länger so tun, als hätten wir es mit bedauerlichen Einzel-fällen zu tun. Der Amoklauf von Erfurt, die jüngsten erschütternden Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, die Gewaltausbrüche an Schulen und die überfüllten Jugendgefängnisse sind ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nicht mehr auf staatliche Eingriffe warten können, die diese Fehlentwicklungen korrigieren.
Die Zeit des bangen Beobachtens und Abwartens ist vorbei. Nicht länger können wir die Verantwortung an andere delegieren.
Jedes Mal, wenn eine grausame Tat bekannt wird, ein Mord, eine Kinder-vergewaltigung, ein Fall von Jugendkriminalität, wird nach Instanzen gerufen. Nach dem Jugendamt, nach der Polizei, nach einer härter durchgreifenden Justiz, nach mehr staatlicher Kontrolle. Und jedes Mal frage ich mich: Wo war die Familie? Wo waren die Mütter und Väter, die Großeltern, die Geschwister? Wo die Nachbarn, die Freunde, Lehrer? Warum haben sie nicht bemerkt, was da vor sich ging? Wieso haben sie sich nicht eingemischt, sich engagiert? Warum ist den Erziehern, den Lehrern, den Ärzten nichts aufgefallen?
Das große Schweigen umgibt die vielen schrecklichen Fälle von Gewalt und Vernachlässigung, die uns immer wieder aufwühlen, sofern wir davon hören oder lesen. Doch niemand will selbst hineingezogen werden in die täglichen Tragödien und noch weniger wird eingegriffen.

Da ist das Kleinkind, das an der Supermarktkasse quengelt und von seiner Mutter geohrfeigt wird — vor schweigendem Publikum. Da ist die Erstklässlerin, die nie ein Schulbrot dabei hat und trotz einer fiebrigen Bronchitis zur Schule geschickt wird — die Lehrer schweigen. Da ist der torkelnde Jugendliche, der in der S-Bahn eine alte Frau belästigt — die anderen Fahrgäste sehen aus dem Fenster. Da sind die verzweifelten Kinderschreie aus der Nachbarwohnung, die nicht enden wollen — niemand klingelt oder ruft die Polizei.
Solche Beispiele könnte man beliebig fortsetzen. Was uns verloren ging, ist nicht nur Zivilcourage, es ist schlicht das Interesse an unserem Nächsten, den Mitmenschen. Ängstliche Bequemlichkeit macht sich breit. Jeder zieht sich in seine Einzelzelle zurück und behauptet, ihn ginge all das nichts an. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Niemand von uns lebt auf einer Insel. Auch wenn wir die Gesellschaft als anonym und unüber-schaubar erleben, sind wir doch unmittelbar mit ihren Entwicklungen konfrontiert.
Eltern wissen das schon lange. Sie können ihr Kind noch so gut erziehen und vor schlechten Einflüssen schützen wollen — wenn auf dem Schulhof Vergewaltigungsvideos auf den Handys die Runde machen, müssen sie das hilflos hinnehmen. Wenn ihre Kinder auf dem Schulweg von aggressionsbereiten Jugendlichen bedroht, erpresst, zusammen-geschlagen oder bestohlen werden, sind sie machtlos. Wenn sie ihren Kindern Werte mit auf den Lebensweg geben, die die Kinder weder in der Schule noch in den Medienwelten wiederfinden, wird ihr Einfluss schwächer werden.

Doch Resignation allein genügt nicht mehr. Es geht um unser Überleben. Das mag vielleicht pathetisch klingen. Doch wenn wir uns und unseren Kindern keine lebenswerte Welt mehr einrichten können, stoßen wir an die Grenzen unserer Existenz, dann sind wir verloren. Wie können wir noch optimistisch in die Zukunft sehen, wenn doch alles dagegen spricht, dass ihre Bedingungen dazu angetan sind, Glück, Bindung und Dauerhaftigkeit zu schaffen? Dabei geht es nicht um Einzelne, die im letzten Augenblick noch einmal davonkommen, es geht um den Fortbe-stand des Lebens überhaupt, um Hoffnung und Zukunft.
Noah und seine Familie bauen die Arche gemeinsam, sie wissen um die bestehende Gefahr und tun alles, um dieser zu begegnen. Sie machen das solidarisch: Jeder legt mit Hand an, keiner drückt sich vor der Arbeit. Es ist ein riesiges Projekt, und es dauert lange, bis das Schiff fertig ist. Das Gelingen hängt vom Individuum ab, von der Tatkraft und dem Engage-ment des Einzelnen.
Mir scheint das Bild der Arche Noah heute aktueller denn je zu sein. Denn es ist ein Bild der Hoffnung, nicht der Panik. Es ist die Vorstellung von einem Handlungsprinzip, das der drohenden Katastrophe ganz konkret etwas entgegensetzt. Mit Ruhe, Ausdauer und Überlegenheit. Und mit einem ganz festen Ziel: zu überleben!
Wir alle können an der Arche Noah mitarbeiten. Und wir können andere mit in die Arche ziehen. Diejenigen, die nicht einsichtig sein wollten und deswegen die Gefahr nicht erkannten, überlebten die biblische Sintflut nicht.
Im Gegensatz zu der alttestamentarischen Katastrophe einer tödlichen Überschwemmung zeigt sich die Bedrohung heute in vielen kleineren und größeren Katastrophen. Doch in der Summe wirken sie nicht weniger vernichtend. Es beginnt damit, dass Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt spielen können, weil es zu gefährlich ist. Dass an manchen Schulen schon kein Unterricht mehr möglich ist, der die Chance auf eine verlässliche berufliche Perspektive gibt. Dass Gewalt zur alltäglichen Erfahrung gehört. Dass die Verrohung der Sexualität unter Jugendlichen das Entstehen von dauerhaften und zärtlichen Bindungen zerstört. Dass Familien keinen Zusammenhalt mehr erfahren, weil Eltern, Kinder und Großeltern getrennt werden, die einen sind bei der Arbeit, die anderen in Betreuungseinrichtungen, die Alten in Heimen. Wer diese Beobachtun-gen für hysterische Übertreibung hält, verschließt sich den tatsächlichen Entwicklungen.
Die Geschichte von der Arche Noah enthält aber auch noch einen anderen, mindestens ebenso wichtigen Aspekt: Er ist auch ein Appell. Wir haben viel zu lange gekämpft. Im Geschlechterkrieg traten Frauen und Männer gegeneinander an, mittlerweile streiten Frauen mit Frauen um den »wahren Feminismus«. Die Fronten sind deutlich: Hausfrauen gegen Berufstätige, Kinderlose gegen Mütter.
Die Diskussionen sind natürlich wichtig und notwendig, und wir müssen sie weiterführen. Doch oft erscheint es mir heute so, dass wir im Toben der Kämpfe die Inhalte völlig aus dem Blick verlieren. Wie in einem realen Krieg, der ursprünglich aus völlig anderen Gründen entfacht wurde, als die Handlungen sich dann später entwickelten. Immer neue Nebenkriegs-schauplätze werden eröffnet, die mit dem anfänglichen Motiv an sich kaum noch etwas zu tun haben.
Ein eindringliches Beispiel dafür ist die Debatte um das Frauenbild. Da bekriegten sich in den vergangenen Monaten aufgebrachte Frauen, beleidigten einander und griffen auch mich heftig an. Mit keinem Wort aber erwähnten sie das, worum es mir in Wirklichkeit immer gegangen ist: um das Wohl und den Schutz unserer Kinder und die fehlende Weib-lichkeit in unserer Gesellschaft als den wichtigsten Motor für das Familienglück.
Wir können es uns nicht mehr leisten, einander zu attackieren und unsere Kräfte aufzureiben. Dafür sind die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, viel zu ernst. Warum setzen wir uns nicht — bildlich gesprochen — alle an einen Tisch und überlegen, wo wir anset¬zen können und müssen, um aktiv zu werden und erfolgreichere Entscheidungen zu treffen als bisher? Warum werden Zeit und Energie damit verschleudert, das neumodische Gender-Mainstreaming, also den politischen Vorsatz zur Gleichmacherei der beiden Geschlechter, voranzutreiben und damit die Freiheit von Mann und Frau weiter zu belasten, statt uns um die Not derer zu kümmern, für die solche Überlegungen Luxusprobleme sind?
Eine Veränderung und Verbesserung unserer Lebensumstände ist keine Frage von Ideologien, sondern von Werten. Sie zu formulieren und ihre Umsetzung zu ermöglichen, muss das oberste Ziel sein. Wer also in diesem Buch eine Streitschrift erwartet, eine schäumende Antwort auf meine Kritiker und einen munteren Gegenangriff, den muss ich ent-täuschen. Stattdessen plädiere ich für die Abrüstung unserer Debatten. Es geht nicht um Rechthaberei, sondern um die Diagnosen und die Therapien, die wir so dringend benötigen.
Ende Vorwort

Endlich Single — wie sich Männer entziehen
Es passiert täglich: Ein Mann packt seine Sachen, winkt Frau und Kind zu — und geht. Vielleicht nur in den Fitnessclub oder zum Kneipenabend mit seinen Freunden. Vielleicht aber auch für immer.
Man muss keine Statistiken lesen, um die alarmierende Tendenz wahrzu-nehmen: Immer mehr Beziehungen werden beendet, immer mehr Familien zerbrechen. Oft geht dem Bruch eine quälende Phase voraus, in der gestritten und gekämpft wird, in der seelische und körperliche Verletzun-gen ihre Spuren hinterlassen. Ein ganzes Volk, so scheint es, ist unter-wegs — weg von der Familie, hin zum Singledasein. In deutschen Großstädten beträgt die Trennungsrate über 5o Prozent, im Schnitt hält eine Beziehung dort vier Jahre.
Sicher, auch viele Frauen drängen auf Auflösung der Partnerschaften, sie reichen sogar mehrheitlich die Scheidung ein — doch die Zahlen täuschen. Häufig geschieht das nur, weil sie fürchten, dass der Mann, bevor er die Scheidung offiziell beantragt, vorher seine finanziellen Verhältnisse planvoll verschleiert, um Unterhalt zu sparen.
Soziologen sprechen schon von den »modernen Nomaden«, die aller-dings im Gegensatz zu den Nomadenvölkern traditioneller Kulturen allein bleiben: auf sich gestellt, frei, niemandem verantwortlich. Einzelwesen, die sich nehmen, was sie brauchen und dann weiterziehen, zum nächsten Job, zur nächsten Kurzzeitaffäre, zum nächsten Kick. Das alles geschieht in einem gesellschaftlichen Klima, in dem sich Männer und Frauen feindlich wie nie zuvor gegenüberzustehen scheinen. Ein Riss geht mitten durch die Gesellschaft, ein Riss, der, täglich tiefer werdend, eine in Jahrhun-derten gewachsene Familienkultur innerhalb weniger Jahrzehnte zerstörte.
Gegenseitige Schuldzuweisungen sind in diesem Zusammenhang zum neuen Gesellschaftsspiel geworden. Die Männer beklagen sich über Frauen, die zu fordernd seien, die Frauen kritisieren, dass ihre Männer sich schon während der Beziehung abkapselten und ihr eigenes Leben führten — bloße Zaungäste im Familienleben. Und immer häufiger verlassen die Männer endgültig den Kampfschauplatz und ziehen sich zurück in ihre Welt.
Endlich alleine!, lautet ihr Stoßseufzer. Nichts wie weg aus der Beziehungshölle. Doch diese Entscheidung betrifft nicht nur sie selbst mit allen weitreichenden Konsequenzen, sondern auch diejenigen, die sie verlassen: Frau und Kinder.

Eine der verhängnisvollsten Nebenwirkungen ist die, dass auf diese Weise neue Leitbilder entstehen, die von den Kindern oft über¬nommen werden. Wer ein Scheidungskind ist, hat wenig Mut, sich auf eine Familie einzulassen. Sicherlich einer der Gründe dafür, dass immer weniger Männer sich überhaupt noch eine Familie wünschen. Zwischen 40 und 5o Prozent der Fünfunddreißigjährigen gaben bei einer aktuellen Befragung an, sie würden sich durch Kinder und Ehefrau in ihrer Freiheit einge-schränkt fühlen. Und dieselbe Studie zeigt auch die fatale Schlussfolge-rung: Diese Männer wollen bewusst keine Familie mehr gründen.
Bevor also das Zusammenleben überhaupt erprobt wird, wirft etwa die Hälfte aller deutschen Männer das Handtuch. Eine erschreckende Zahl.

Wie konnte es so weit kommen?

Wie ist der Graben zwischen Männern und Frauen entstanden, der heute zunehmend unüberwindlich scheint?
Nach dem Erscheinen des Eva-Prinzips wurde mir in vielen Briefen und E-Mails die Frage gestellt, warum ich in meinem Buch politische und gesell-schaftliche Veränderungen für Frauen und Kinder
gefordert, die Männer jedoch weitgehend aus der Kritik herausgelassen hätte. Wo denn die Vorschläge für die »neuen Männer« blieben? Sie trügen schließlich eine

Eva Herman

in Emden 1958 geboren, absolvierte ihre journalistische Ausbildung beim Bay. Rundfunk. Seit 1988 Sprecherin der "Tagesschau".

Ihre Bücher

2003 - "Vom Glück des Stillens"

2005 - "Mein Kind schläft durch"
2006 - "Das Eva Prinzip"


wurde er bisher noch nicht.
Stattdessen entziehen sich die Männer der Familie, sie diskutieren leider auch selten mit, wenn es um sie geht. Ist das nur eine Phase oder ein Zeichen dafür, dass der »neue Mann« pure Illusion ist? Ein weibliches Wunschbild, das Männer desto weniger erfüllen wollen, je lauter es eingeklagt wird? Vieles spricht für die zweite Antwort. Ich höre zwar schon jetzt die ärgerlichen Einwürfe einiger Verfechterinnen der fortschrittlichen Emanzipation, denen diese Auslegung nicht gefallen wird. Trotzdem ist die Sache unbestreitbar: Wir Frauen haben wesentlich dazu beigetragen, die Männer schwer zu verunsichern. Oder wie es der Theologe und Kommunikationsexperte Norbert Bolz ausdrückt: »Wer heute etwas über die Zukunft des Mannes erfahren möchte, muss sich erst die Gegenwart der Frauen anschauen.« Auch wenn es eine unbequeme Wahrheit ist: Wir selbst haben die Männer zu dem gemacht, was sie sicherlich nie werden wollten — nach Orientierung suchende, vorsichtige Verweigerer, . . . . .>>>

. . .>> Zu allen Zeiten sind Jungen durch die Gegend gestreift, haben unter Aus-schluss der Öffentlichkeit gezündelt, sich im Streit auch schon mal eine blutige Lippe geholt. Doch im Gegensatz zu heute hatten sie früher Platz, ihrem Bewegungsdrang nachzugeben, ihre Kräfte zu messen. Die Gegebenheiten haben sich umgekehrt: Während einst strenge Regeln einengten, aus denen die Kinder ins Freie flüchten konnten — immer vor Augen, dass sie die Regeln nicht ungestraft würden brechen können —, leben sie heute räumlich eingeengt, dafür aber frei von festen Regeln. Doch wo keine Regeln mehr gelten, ufert jeder Unsinn, jeder Bubenstreich aus und wird schlimmstenfalls ein krimineller Akt. Jeder »echte Junge« hatte früher verinner-licht, dass man sich nur mit gleich Starken misst, dass man niemals zu mehreren auf einen losgeht, dass man keinesfalls noch mal zutritt, wenn der Gegner schon am Boden liegt. Ein »richtiger Mann« war fair, souverän, sportlich.

All dies scheint heute außer Kraft gesetzt, es gibt keine innere, moralische Grenze mehr. Die virtuellen »Helden« der Computerspiele, vermitteln keine Werte: »Die heroischen Gestalten der angesagten Computerspiele haben allesamt dieselben Merkmale, sie haben keine Erinnerung, keine Geschichte ... sie stammen aus dem Nichts ... Sie haben keine Identität, das ist ihre Stärke«, sagt Wolfgang Bergmann. Hinzu kommt, dass Jungen in unserer immer »verkopfteren« Wissensgesellschaft mit ihren körperlichen Fähigkeiten nicht mehr punkten können. »Viele Jungs haben nicht so viel Interesse, sich in eine Erfahrungswelt, die nur in Worten aufgeschrieben ist, entführen zu lassen«, schreibt der Pädagoge Frank Beuster. »Sie würden sich mehr von der realen Welt, von Natur, realen Gegenständen und Bildern beeindrucken lassen.« Doch das bleibt Wunschdenken — und die Jungen versuchen offensiv, sich zu wehren. . . . .>>>

Schmerzventile — ADHS und Essstörungen
Deutlich mehr Jungen als Mädchen werden auch von ihren Eltern als verhaltensauffällig und hyperaktiv eingeschätzt (3o Prozent Jungen, 25 Prozent Mädchen), so das Ergebnis einer Studie über den Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen (KiGGS) im Alter von null bis siebzehn Jahren des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Die Datenerhebung wurde im Mai 2003 angefangen und im Mai 2006 abgeschlossen.
Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) ist seit einigen Jahren ein Schlagwort, das immer dann fällt, wenn es um Auffälligkeiten und Probleme von Kindern und Jugendlichen geht. Die Eltern sind häufig hilflos, wenn sie den Weg zum Arzt endlich gefunden haben und ihre Beobachtungen schildern. »Mein Sohn springt plötzlich auf, um etwas aus dem Schulranzen zu holen,
hat aber auf dem Weg dorthin schon wieder vergessen, was es war«, berichtet Harriett verzweifelt über ihren zehnjährigen Sohn. Er rast durchs Haus ohne Sinn und Verstand und lässt sich dann erschöpft fallen. Regungslos bleibt er liegen, ist oft nicht mehr ansprechbar. Hat er sich eine Weile in seine eigene Welt zurückgezogen, beginnt er wieder aufzudrehen. »Eine neue Runde beginnt, unsere Nerven halten das nicht mehr lange aus«, erzählt die Mutter. In der Schule wachsen die Probleme täglich, ihr Sohn stört fortlaufend den Unterricht, kann nicht warten, bis die Lehrerin ihn aufruft, und fällt grundsätzlich den Mitschülern ins Wort.
Kinder mit ADHS sind eine Herausforderung für die Familie, aber auch für Lehrer. Jede Ermahnung trifft ins Leere, weil sie zwar gehört, aber nicht umgesetzt wird. Wie viele unter diesem Syndrom leiden, ist nicht bekannt. Einige Studien sprechen von drei bis sieben Prozent, andere von bis zu knapp 18 Prozent aller Schulkinder in Deutschland.
Auch die Ursache ist noch unklar. Die populärste Meinung derzeit: ADHS ist ein genetischer Defekt im Hirn. Das hören Eltern gern, die sich bisher damit konfrontiert sahen, dieses zappelige Verhalten sei auf Erziehungsfehler zurückzuführen. Und auch Lehrer atmen auf, denn eine Krankheit kann man mit Medikamenten behandeln, die Kinder stören nicht länger den Unterricht. Methylphenidat heißt das Zauberwort, besser bekannt unter Ritalin. Das Präparat gehört zu den Aufputschmitteln. Es soll die Aufmerksamkeitsleistungen verbessern, Impulsivität und motorische Unruhe senken. Wunderbar! Schließlich hat niemand Zeit, sich ständig um Problemkinder zu kümmern. Gern wird dabei vergessen, die Nebenwirkungen zu erwähnen: Schlafstörungen, Nervosität, Sehstörungen, Traurigkeit bis hin zur Depression, Appetitlosigkeit, die zu starker Gewichtsabnahme führen kann, Haarausfall. Und ganz nebenbei: Methylphenidat kann süchtig machen. Dennoch werden besorgte Eltern immer wieder beruhigt: Die Nebenwirkungen träten nur in Einzelfällen auf, Studien ergäben ein positives Bild, der Leidensdruck mit ADHS sei viel höher als das Risiko der Einnahme von diesen Medikamenten.

Doch es gibt Störenfriede, Mediziner und Therapeuten, die am Wundermittel Ritalin zweifeln. Die sogar an der gesamten Theorie zweifeln, ADHS sei eine Krankheit! Der Kindertherapeut Wolfgang Bergmann macht beispielsweise ganz andere Ursachen dafür verantwortlich. Kinder mit AD(H)S-Symptomen seien ein Spiegelbild unserer heutigen Welt, sagt er. »Aufmerksamkeitsdefizite sind ganz wesentliche Folgen eines komplexen kulturellen Vorgangs, der die modernen Kinder im Stich lässt. Mit Aufmerksamkeit (oder einem Mangel daran) hat das alles wenig zu tun, mit Mangel an Liebe und Verlässlichkeit in den Familien, den Schulen, den psychologischen Praxen und psychiatrischen Kliniken, den Jugendämtern und den Forschungs-einrichtungen hingegen eine ganze Menge.« Er folgert weiter: »Wird die natürliche Daseinsfreude eines Kindes nicht wieder und wieder bestätigt, dann muss dieses Kind ... das genannte >Versprechen des Lebens< aus sich selber schöpfen ... Das hyperaktive Kind muss sich in das Leben strampeln und zappeln, um sich selber und den anderen zu bedeuten, dass es nicht tot ist.«
Wer sich bewusst umschaut, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir alle mehr oder weniger hyperaktiv sind: Während man mit der besten Freundin telefo-niert, gießt man die Blumen, bügelt, ruft E-Mails ab und beantwortet sie nebenbei, im Fernsehen wird von einem Kanal zum anderen gezappt, beim Italiener um die Ecke schickt man zwischen Vorspeise und Hauptgericht drei SMS ab, während man sich gleichzeitig mit seinem Tischnachbarn unterhält. Wir lassen uns auf nichts vollkom-men ein und nennen es positiv »Multitasking«. Diese Lebenshaltung, immer mehrere Dinge auf einmal zu tun, nichts mehr intensiv und ausschließlich zu spüren, geben wir an unsere Kinder weiter. Uns um die Auswirkungen zu kümmern, die ein solches Leben im Schnelldurchgang auf die sensible Kinderseele hat, dafür haben wir leider keine Zeit. . . . >>

Verhängnisvoll —
staatlich empfohlener Kindesmissbrauch?

Schon ganz früh wird dem Sex — und der im besten Fall damit verbundenen Liebe — seine Verzauberung genommen. Da werden unter dem hehren Ziel »Aufklärung« Mädchen und Jungen mit intimsten Details des Geschlechtsverkehrs konfrontiert, die sie oft noch nicht wissen wollen und nicht verarbeiten können. Schamgefühl und Moral werden außer Acht gelassen, Werte sowieso. Die Eltern nehmen es hin, nicht selten aus Angst, sie selbst könnten als verklemmt gelten.
Eine Mutter erzählt, ihre achtjährige Tochter sei nach dem Sexualkundeunterricht nach Hause gekommen und habe gefragt: »Mami, unsere Lehrerin hat uns erklärt, wie Sex geht. Muss man das wirklich machen, um Kinder zu bekommen?« Ihre Eltern hatten bisher das Thema Sex zu Hause nicht von sich aus angesprochen, allerdings immer ehrlich und so kindgerecht wie möglich geantwortet, wenn Lea Fragen gestellt hatte. Ganz selbstverständlich hatte sie den Vater im Bad auch mal nackt gesehen. »Jetzt wird sie plötzlich im Sexualkundeunterricht mit Dingen konfrontiert, die sie nicht einordnen kann, die sie so detailliert noch gar nicht wissen will«, sagt die Mutter auf einem Elternabend. Während die Lehrerin ungerührt darauf hinweist, Sexualkundeunterricht stehe nun einmal für die dritte Klasse im Lehrplan, wird die Mutter von anderen Eltern attackiert. Sie sei »blauäugig«, sie solle sich nicht wundern, wenn ihre Tochter mit elf schwanger würde, wenn sie nicht aufgeklärt sei. Leas Mutter hatte plötzlich den Eindruck, ihre behutsame Herangehensweise an die Aufklärung sei »völlig daneben«, überhaupt nicht zeitgemäß. > . . . >>

Weiter heißt es: »Scheide und vor allem Klitoris erfahren kaum Beachtung durch Benennung und zärtliche Berührung (weder seitens des Vaters noch der Mutter) und erschweren es damit für das Mädchen, Stolz auf seine Geschlechtlichkeit zu ent-wickeln.« Kindliche Erkundungen der Genitalien Erwachsener können »manchmal Erregungsgefühle bei den Erwachsenen auslösen«. Wenn Mädchen (ein bis drei Jahre!) bei der Erkundung der eigenen Lust dabei »Gegenstände zur Hilfe nehmen«, dann soll man das nicht »als Vorwand benutzen, um die Masturbation zu verhin-dern«. Der Ratgeber fände es »erfreulich, wenn auch Väter, Großmütter, Onkel oder Kinderfrauen einen Blick in diese Informationsschrift werfen würden und sich anregen ließen — fühlen Sie sich bitte alle angesprochen!«
Auch im Kindergarten wird die massive Einführung in Sexualkunde deutlich geför-dert. Mit dem Lieder- und Notenheft Nase, Bauch und Po singen Kinder Lieder wie Folgendes:
»Wenn ich meinen Körper anschau' und berühr', entdeck' ich immer mal, was alles an mir eigen ist ...
wir haben eine Scheide, denn wir sind ja Mädchen. Sie ist hier unterm Bauch, zwischen meinen Beinen. Sie ist nicht nur zum Pullern da, und wenn ich sie berühr',
ja ja, dann kribbelt sie ganz fein.
>Nein< kannst du sagen, >Ja< kannst du sagen, >Halt< kannst du sagen, oder >Noch mal genauso<, >Das mag ich nicht<, >Das gefällt mir gut.<, >Oho, mach weiter so.«
Und auch Schulkinder werden nicht verschont mit der neuen Früheinführung in Sexualkunde; mit neun Jahren beginnt der Verhütungsunterricht. Sämtliche Schriften der Bundeszentrale für Aufklärung propagieren die Sexualisierung der Kinder und Jugendlichen ab dem ersten Lebensjahr. Es geht nicht mehr um Liebe zwischen zwei Menschen, sondern es wird unseren Kindern vielmehr eine neue, verzerrte, doch gewollte, erlaubte Lustwelt vorgeführt, in der sie in frühestem Alter geradezu ver-führt und ermuntert werden zu Sexspielchen, die auf dramatische Weise verharmlost dargestellt werden. Die Autorität der Eltern wird mit diesen Maßnahmen weiter untergraben, sie müssen hilflos zusehen, wie schon ihre neunjährigen Kinder zu Verhütungsprofis herangezogen werden. Sex wird zur rein mechanischen, zur rein körperlichen Angelegenheit, die alleine beherrscht sein will. Wenn in diesen Aufklärungsschriften denn auch mal von Schwangerschaft die Rede ist, dann stets nur im Zusammenhang mit dem Wort »ungewollt«. Abtreibung gilt hier als eine ganz normale Verhütungsmöglichkeit.
Die Verharmlosung der beschriebenen »rechtzeitigen Lebensvorbereitung für unsere Kleinsten« zeigt weitere Zusammenhänge auf: die erschütternden Auswüchse der Kinderpornografie. > . . .>>

Generationenzusammenhalt — alles bröckelt
Ratlosigkeit macht sich breit, wenn wir betrachten, wie wenig tragfähig sich das Modell Familie heute erweist. Zusammenhalt, Verlässlichkeit, das sind Fremdwörter in der modernen, aufgeklärten Ge¬sellschaft, die das Individuum feiert und Bindungen für puren Luxus hält oder für Hemmnisse, die der Selbstverwirklichung entgegenstehen.
Die Ich-Ideologie hat viel von dem zerstört, was wir Instinkt oder Intuition nennen könnten, das Bedürfnis, denen nah zu sein, die wir lieben, uns um sie zu kümmern und unser Heil nicht in der Selbst¬bezogenheit zu suchen, sondern in der Beziehung zu anderen. Damit einher geht die Tendenz, die Generationen systematisch vonein-ander zu trennen. Längst leben Kinder, Eltern und Großeltern in ver¬schiedenen Teilbereichen der Gesellschaft. Und so sieht es aus, das Modell, das schon in naher Zukunft Wirklichkeit sein wird: Mutter und Vater sind ganztägig berufstätig, die Kinder sind ganztägig in Krippe, Kindergarten oder Ganztagsschule, die Großeltern leben im Heim.

»Mal deine Familie auf«, hieß es neulich in der Schule, die der Sohn einer Freundin besucht. Adrian ist in der zweiten Klasse. Er zeichnete sich selber ganz klein unten im Bild, weiter entfernt eine große, runde Mutter, der winzige Vater landete oben in der linken Ecke. »Und wer gehört noch dazu?«, fragte die Lehrerin. Ratlos schaute Adrian sie an. »Äh, vielleicht mein Freund Jasper?« Die Lehrerin war sprachlos. »Na, hast du keine Oma? Oder einen Onkel?« Adrian nickte unsicher. Die Namen seiner Verwandten konnte er allerdings nicht sagen. Und wer wessen Vater, Onkel, Bruder war, wusste er nicht.
Als seine Mutter Charlotte mir die Geschichte erzählte, war sie nicht im Mindesten beunruhigt. Sie lachte sogar darüber. »Die Familie spielt bei uns eben keine große Rolle«, erklärte sie, »der Vater entzieht sich, wir haben Freunde, das reicht.« Als ich nachfragte, wie lange denn Freundschaften im Allgemeinen halten, runzelte sie die Stirn. »Man trifft sich, findet sich nett, hat Gemeinsamkeiten, aber irgendwann lebt man sich auch wieder auseinander«, sagte sie. »Ist doch normal. Worauf willst du eigentlich hinaus? Dass Blut dicker ist als Saft? Lass mich bloß in Ruhe mit diesen alten Sprüchen.«

Dieses Gespräch ging mir noch lange durch den Kopf. Jeder weiß, was gemeint ist. Wenige Freundschaften halten ein Leben lang, man entwickelt sich weiter, orientiert sich neu, und passend zu jeder Phase sucht man sich Freunde. Doch hinter diesem Verhalten wird eine Problematik sichtbar, die weit über die Alternative Freunde oder Familie hinausgeht. Charlotte hat nämlich nie den Versuch gemacht, Tanten, Onkel oder Großeltern aktiv einzubinden. Ihr war der Gedanke fremd.
Was wir zur Zeit erleben und sehenden Auges zulassen, ist eine folgenreiche Isola-tion der Generationen. Kritiker sprechen schon von einer drohenden »Kasernie-rung«. Und haben sie nicht recht? Wo sieht man in einer deutschen Großstadt tagsüber Kinder? Wo sind die Alten, die Gebrechlichen? Wo sind die Mütter, die Väter? Und wann sieht man sie alle gemeinsam? Die Antwort kennen wir alle. Großfamilien im Supermarkt, im Lokal, auf dem Spielplatz sind schlicht nicht anzutreffen. Was wir beobachten, sind allenfalls Paare im Restaurant, professionell beaufsichtigte Kindergruppen auf dem Spielplatz, vereinzelte ältere Menschen im Park, wenn sie nicht als Busladung im Rahmen einer Seniorenfahrt daherkommen.
Soziologen sprechen von der »Ausdifferenzierung der Lebenswelten«. Ein wertneutraler Begriff, der nichts von dem Verlust andeutet, als Mensch im Blick hat. Dass sie auf Mitmenschen trifft, die sie trotz aller Schwächen und Defizite nicht kühl und distanziert behandeln. >. . . >>

Perspektiven einer neuen Familienkultur
Achtsamkeit — das ist sicher der wichtigste Begriff einer neuen Familienkultur, nachdem die traditionelle Familie vielfach ausgedient hat. Was bedeutet Familie schließlich heute noch? Für nicht wenige Menschen ist sie eine zwanglose Angelegenheit, etwas, was man beiläufig ausprobiert und beendet, wenn es nicht zufriedenstellend klappt. Eine Möglichkeit unter vielen, mehr nicht. Mit dem Begriff der »Achtsamkeit« aber wird angedeutet: Es geht um eine neue Qualität des Verhaltens, nicht um die Frage, ob man nun in einer traditionellen Familie, einer Patchworkfamilie, alleinerziehend oder als Single lebt. Achtsamkeit heißt Rücksicht nehmen. Vorsicht walten zu lassen, behutsam auf die Empfindungen anderer Menschen zu reagieren .>. . . >>

>>Dass Familie aber neu bestimmt werden kann und muss ungeachtet der Lebens-situationen und Lebensformen, das gilt es noch zu entdecken. Machen wir Schluss mit den Schuldzuweisungen. Beenden wir den Geschlechterkampf, der Frauen und Männer entzweit, rüsten wir ab im Streit mit Exmännern, Exfrauen und deren neuen Partnern. Entwickeln wir ein neues Verhältnis zu jenen, die die Schwächsten sind und am meisten unter der Zersplitterung von Familien leiden: den Kindern und den Älteren.

Wir sind im Begriff, die Hektik und Dynamik der Moderne auch in unsere familiären Lebensformen sickern zu lassen. Zeitfenster werden geöffnet und geschlossen, es herrscht immer häufiger die Überzeugung vor, es komme nicht auf die Dauer, sondern auf die Intensität der Eltern-Kind-Beziehung an. Genauso beteuern ja auch manche Paare, ihre Partnerschaft sei intensiver, weil sie sich wenig sehen. Kurz und heftig, lautet das Motto.

Die Flexibilität und Effizienz, die uns das moderne Arbeitsleben abverlangt, taugt also wenig als Modell für ein intaktes Familienleben. Zeit zu haben, sich Zeit zu nehmen, ist nicht ersetzbar durch noch so intensive fünf Minuten.

Auszug - Ende


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