Kultur Fibel Magazin


Livia Macht im ömischen Reich und Augustus

Livia Gattin von Augustus
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LIVIA
Macht und Intrigen am Hof des Augustus


Geschichte
Gesellschaftsmagazin

Klett-Cotta Verlag
352 S. gb / im Buchhandel

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Livia als Göttin Ceres mit Ährenbündel und Füllhorn.
 
Auszüge
DIE KALTE SCHÖNHEIT UND DIE
SCHWIERIGKEIT EINER BIOGRAPHIE
Christiane Kunst

Im Oktober 39 v.Chr. fand in Rom eine Hochzeit statt, deren Umstände mehr als bemerkenswert waren. Der festliche Zug, in dem die Braut bei Ein
bruch der Dunkelheit von den traditionellen fünf Fackeln begleitet zum Haus ihres künftigen Ehegatten schritt, wird einiges Aufsehen erregt haben. Heiratete doch hier Roms »starker« Mann, der Großneffe und postume Adoptivsohn des knapp sechs Jahre zuvor ermordeten Alleinherrschers Caesar.
Er selbst nennt sich Caesar, Sohn des Vergöttlichten, nach seinem Großonkel, um dessen politisches Erbe ein erbitterter Machtkampf tobte.

Christiane Kunst
lehrt seit 1995 Alte Geschichte an der Unuversität Potsdam.
Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Kulturgeschichte der Antike vorgelegt.
Seine Feinde sprechen abschätzig von Octavianus. Sie erinnern damit bewußt an die vergleichsweise bescheidene Herkunft des 24jährigen Ehrgeizlings.
Zusammen mit Marcus Antonius und Marcus Aemilius Lepidus bildet Octavian seit vier Jahren das sogenannte zweite Triumvirat, das die Geschicke der römischen Welt beherrscht. Im November 43 v. Chr. hatten diese drei Männer ein Zweckbündnis zunächst auf fünf Jahre geschlossen. Sie wollten das politische Erbe Caesars gegen die alte Aristokratie sichern. Denn der römische Adel drohte wieder zu erstarken. Das Triumvirat war in Rom unter der Bezeichnung »Dreimännerherrschaft zur Ordnung des Staates«, formal anerkannt, garantierte den Dreien unumschränkte Befehlsgewalt und beruhte fast ausschließlich auf ihrer militärischen Macht. Diese Konstellation resultierte aus Machtkämpfen in und um Rom, die Jahrzehnte gedauert hatten. Der Aufstieg zur Großmacht hatte in Rom eine politische Dauerkrise ausgelöst: Das alte oligarchische System der Republik war unaufhaltsam aus den Fugen geraten. Einer der Konflikte bestand darin, daß einzelne Aristokraten für ihre Erfolge als Heerführer im Zuge der Expansion politische Vorrangstellungen forderten. In immer erbitterteren Bürgerkriegen richtete die Republik sich allmählich zugrunde. Caesar hatte schließlich eine nahezu unangefochtene Macht errungen, nachdem er Gnaeus Pompeius besiegt hatte. Im Februar 44 ließ er sich zum Dictator auf Lebenszeit ernennen und war damit Alleinherrscher — in der römischen Republik ein unvorstellbarer Skandal, an dem sich zeigte, das die alte Republik untergegangen war. > > >
Livia als Göttin Ceres mit Ährenbündel und Füllhorn.
Die Nodusfrisur deutet auf eine Datierung vor dem Tod des Augustus © Louvre, Paris
Liviaportrait » Fayum Typ « / Liviaportrait nach dem Tod des Gatten mit neuer Frisur » Ceres Typ mit vittae«
Portrait der vergöttlichten Livia / Liviaportrait » Allbani BonnTyp « aus schwarzem Basalt, 27nv. Chr.
Liviaportrait nach dem Tod des Gatten mit neuer Frisur » Ceres Typ mit vittae«
14 n. Ch. - 42 n. Chr.
Römisch-Germanisches Museum, Köln
Liviaportrait » Fayum Typ «
4 n. Chr. - 14 n. Chr.
© Carlsberg Glyptothek Kopenhagen
Portrait der vergöttlichten Livia
» Diva Augusta Typ « ab 42 n. Chr.
© Ruhruniversität Bochum
Liviaportrait » Allbani BonnTyp « aus schwarzem Basalt, 27nv. Chr. - 14 n. Chr.
© Louvre, Paris
Römisches Reich, Landkarte  14. n.Chr.
Die Ideale Ehefrau - Noch eine Rolle für Livia

> > > Als letztes geht der Witwer auf die äußere Erscheinung seiner Ehefrau ein und lobt sie dafür, daß ihr Äußeres nicht so auffällig war, daß man hinschauen mußte (ornatus non conspiciendi). Alle hier ausführlich ausgebreiteten Stereotypen weiblicher Lebensführung kommen in zahlreichen Grabinschriften für römische Ehefrauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten vor. Sie alle sprechen kaum von tatsächlichen Lebensgewohnheiten der Frauen, sondern über das allgemeine Frauenideal. Diese Ideale unterlagen allerdings kaum einem Wandel in den ersten zwei Jahrhunderten des Principats.
Paternus schreibt über Urbana, die süßeste, keuscheste und einzigartigste Ehefrau, sie habe sich einen Grabstein verdient, weil sie ihr ganzes Leben mit mir verbrachte in höchstem Frohsinn und Einfachheit, in ehelicher Zuneigung und dem ihr eigenen Fleiß. Und knapp zusammengefaßt heißt es von Marcus Frau Amymone: Hier liegt Marcus (Frau) Amymone, die beste und schönste, eifrig mit ihrer Wolle, fromm, sittsam, sparsam, keusch, zufrieden im Hause zu bleiben.

also aufgrund persönlicher Beziehungen. Dreh- und Angelpunkt ist die Vorstellung vom Gabentausch — do ut des (ich gebe, damit du gibst). Alle mächtigen und einflußreichen Männer fungierten als Patrone einer Anhängerschaft, deren Größe wiederum den Einfluß der Patrone selbst dokumentierte. Voraussetzungen für Patronage war die Vermittlung sowie der Austausch von Diensten und Gütern. Ein reziprokes aber asymmetrisches Verhältnis gliederte entsprechend die Gesellschaft zu einem Geflecht derartiger Patronagebeziehungen. Davon waren Frauen nie ganz ausgeschlossen gewesen. Caecilia Metella, eine Tochter des Balearicus und Patronin des von Cicero verteidigten Sextus Roscius, bot ihrem Klienten Zuflucht und Hilfe;. Servilia, die durch ihren Einfluß einen Senatsbeschluß abzuändern vermochte (vgl. S. 6i f.), oder Cornelia, die ihren Sohn Caius Gracchus zur Neuformulierung eines Gesetzesvorschlags bewegte und damit den Volkstribun Octavius rettete, sind
Beispiele aus der Geschichte. Fulvia, Antonius Frau, hatte — wenn auch vergeblich — mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln versucht zu verhindern, daß ihr Mann zum Staatsfeind erklärt wurde (vgl. 5.7o). Mucia, Sextus Pompeius Mutter, rettete ihrem Sohn aus zweiter Ehe, Aemilius Scaurus, der bei der Schlacht von Actium als Anhänger des Antonius in Gefangenschaft geraten war, aufgrund ihrer guten Beziehungen zu Octavian das Leben.

Immer wieder fällt im Zusammenhang mit Livia der Begriff potentia, Macht. Velleius verweist auf den wohlüberlegten und immer positiven Einsatz von Livias potentia: zur Errettung einer Person aus Gefahr oder zur Rangerhöhung (vgl. S. 157). Tacitus kritisiert ihre »Umgänglichkeit«, Kameradschaft (comitas) und Unkompliziertheit (facilitas), also jene Indikatoren für die ihm suspekte Patronage einer Frau, obgleich dies auch für Frauen eingeführte und positiv belegte Begriffe sind (vgl. S.111). Aber auch Tacitus spricht von der potentia der Augusta, und Sueton betont, daß Tiberius (Anm.: Tiberius, Claudius, Nero, römischer Kaiser 14 n.Chr. - 37. n.Chr., * 16.11.42 v.Chr., † 16.3.37 n. Chr.) es nicht ertragen konnte, daß seine Mutter (Livia) einen gleich großen Anteil an der potentia beanspruchte.

Materielle Voraussetzungen besaß Livia in großer Fülle. Ideelle waren in erster Linie ihr Zugang zum Princeps und ihre persönliche Bekanntschaft mit den Klientelfürsten, aus der sich Freundschaften entwickelten. Privatpersonen wie Gemeinden gehörten somit zum Kreis der von ihr Protegierten. Beide Gruppen wurden 29 n.Chr. in ihrem Testament bedacht. Es ist interessant zu beobachten, wie Livias Patronage geradezu »Matronage« zu nennen ist, nicht nur weil sie als Frau — als Matrona — handelte, sondern auch, weil sie Frauen und Frauenbelange förderte. Schon Aristoteles (1315a,2.5) hatte in seiner Politeia über den Erhalt der Tyrannenherrschaften gesagt, der Tyrann dürfe nicht übermütig gegen seine Untertanen handeln: In gleicher Weise müssen sich auch die eigenen Frauen gegenüber den anderen Frauen verhalten, weil durch den Übermut der Frauen viele Tyrannenherrschaften zugrunde gegangen sind. Livia war äußerst gebildet; überzeugte sie ihren Mann, daß man auch die Ehefrauen bedeutender Männer hofieren und ehren mußte, um durch sie Loyalität zu sichern? Livias Handlungsfeld betraf die bedeutenden Frauen Roms (vgl. S. 232.).

Vielleicht war es nur ein Nebeneffekt, aber es gelang ihr, ein Frauennetzwerk aufzubauen, indem sie Frauen Gunstbeweise zukommen ließ, die darin bestanden, daß sie deren Ehemänner oder Kinder förderte. Dadurch wurden diese Frauen selbst quasi zu Vermittlerinnen der beneficia (Wohltaten) und stabilisierten somit wiederum Livias Einfluß. Tiberius nennt dies abfällig Weiberfreundschaften. Die Tatsache, daß Agrippa Postumus nicht aus dem Exil geholt wurde, verdankte Livia der Information einer Frau. Fabius Maximus, den der greise Augustus in seinen Plan eingeweiht hatte, erzählte seiner Frau Marcia davon, die es umgehend Livia mitteilte. Marcia war die Cousine des Augustus; man hätte wohl erwarten können, daß sie ihm mehr Loyalität entgegenbrachte.

Livias Matronage umfaßte Aufgaben, wie sie eine mater familias im Rahmen der domus ihres Mannes zukamen. Dazu gehörte die Auszahlung einer Mitgift oder die Erziehung von jungen Männern in ihrem Haus, die nicht der Familie angehörten (vgl. S. 15 8). Aber sie scheint auch schon zu Lebzeiten des Augustus ihre angestammte Familie gefördert zu haben, etwa ihren Adoptivbruder und dessen Sohn sowie die mit diesen verwandten Sentii. Dazu kam ein Engagement für Frauen im allgemeinen, Stiftungen und Restaurierungen von Tempeln für Kulte, die mit Frauenbelangen verbundenen waren; ihr baupolitisches Programm unter den Stichworten »Erholung« (porticus Liviae) und »Einkauf« (macellum Liviae). Bereits die öffentlichen Stiftungen kann man daher als Vorwegnahme einer Rolle als mater patriae sehen.
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Livias langer Weg zur Staatsgottheit - S 271 - > > > >

Auch der Schlachter Lucius Aurelius Hermia vom Viminalhügel in Rom setzte seiner Frau und ehemaligen Sklavin einen Grabstein mit den Worten: Sie, die mir im Tod vorangegangen ist mit keuschem Körper, war meine eine und einzige Frau, mit einem liebenden Sinn lebte sie treu ihrem treuen Mann; immer fröhlich, selbst in bitteren Zeiten, vernachlässigte sie nie ihre Pflichten. Auf der Rückseite des Steins spricht Aurelia Philematium selbst und beschreibt sich als: eine Frau keusch und bescheiden, ohne Kenntnis des gewöhnlichen Volkes, treu dem Mann.

Stolz vermerkt sie: durch meine beständige Sorge ging es meinem Mann in allem gut. Auch über Allia, ebenfalls eine Freigelassene, heißt es:


Wackere, rechtschaffene, sparsame, unschuldige und überaus treue Hüterin, gepflegt zu Hause, sehr gepflegt auch draußen, von bestem Leumund, war sie ohne Tadel; als erste stieg sie vom Lager, doch als letzte begab sie sich zur Ruhe ins Bett, nachdem sie der Reihe nach die Dinge geordnet hatte; nie glitt ihr grundlos das Garn aus den Händen, und im Gehorsam übertraf sie keine andere und wohltuend war ihr Charakter.


Alle diese Inschriften für Frauen zeichnen ähnliche Charakterbilder: Sie sind ihrem Gatten Gefährtinnen im doppelten Sinn; sie leisten ihm Gesellschaft, sind ihm Gesprächspartnerin, unterstützen seine Sache, stehen aber auch als anziehende Sexualpartnerinnen zur Verfügung.

Bei Allia, der Frau des Aulus Allius, werden selbst ihre körperlichen Vorzüge, die ihr freilich gleichgültig waren, hervorgehoben:
Sie gefiel sich selbst nicht, nie dünkte sie sich als Freie, obgleich sie hellhäutig war, mit schönen Augen und goldenem Haar und auf ihrem Antlitz stets ein Schimmer lag wie von Elfenbein, wie ihn keine Sterbliche je besessen haben soll. Und auf der schneeigen Brust prangten ihr wohlgeformte kleine Warzen. Und die Schenkel? Sie konnte sich in Positur stellen wie Atalante auf der Bühne. Sie blieb ficht ängstlich auf Schönheitspflege bedacht, doch schön durch ihren gefälligen Körper, trug sie ihre glatten Glieder, ein Haar suchte man an ihr überall vergebens.


Neben der eigenen sexuellen Anziehung für den Gatten war weibliche Duldsamkeit (patientia) für das Funktionieren des römischen Ehealltags von zentrasar Bedeutung. Offenbar bargen die sexuellen Eskapaden der Ehemänner mit den weiblichen Haushaltsangehörigen erhebliches häusliches Konfliktpotensal, vermutlich weniger mit dem Mann als vielmehr darin, daß die Ehefrau die untergebene Rivalin kraft ihrer Position im Haushalt drangsalierte. Valerius Maximus, der zur Zeit des Tiberius schreibt, erwähnt einen Schrein auf dem Palatin, zu dem in alter Zeit Eheleute wanderten, wenn es einen Konflikt zwischen ihnen gab. Dort legten sie einzeln ihren Zwist dar und kehrten dann trächtig nach Hause zurück. Der Name des Schreins viriplacata (Männerbesänftigerin) ist ein Hinweis auf das ungleiche Kräfteverhältnis in römischen Durchschnittsfamilien, in denen Frauen nicht die gleichen Möglichkeiten der Konfliktbewältigung wie in der Aristokratie besaßen. Noch der Kirchenvater Augustinus berichtet von Matronen in seiner Heimatstadt, die von ihren Männern mißhandelt wurden.

Livia duldete angeblich nicht nur die sexuellen Eskapaden des Augustus, sondern — will man Sueton Glauben schenken — förderte diese auch noch. Sueton (Aug. 71,1) präzisiert: Man überliefert, Vorliebe des Augustus sei die Deflorierung von jungen Mädchen gewesen; seine Frau habe ihm diese Mädchen von überallher zugehalten. Die Promiskuität des Augustus ist wenig strittig und es ist durchaus denkbar, daß er, der zeitlebens so viel Geschmack an jungem Fleisch fand, mit Livia nach Eintritt der Menopause überhaupt nicht mehr verkehrte. So wird bereits im Jahr 9 v. Chr. ihr Hausstand als abgetrennt n dem des Herrschers wahrgenommen. Plinius d. Ä. spricht von einer körperlichen Abstoßung (dissociatio corporum) des Paares, die zur Unfruchtbarkeit geführt habe.

MACHT ODER EINFLUSS.
BEZIEHUNGSNETZ UND GELDQUELLEN
Die römische Gesellschaft wies vergleichsweise wenig institutionalisierte Macht auf. Sie funktionierte vielmehr nach den Regeln der Patronage,

Ende der Auszüge

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