|
|
|
|
>>>
Der double bind konfrontiert das Individuum nicht primär mit
der Gefahr, eine falsche Entscheidung zu treffen, sie war für jeden
Entscheidenden zu jeder Zeit präsent. Es geht auch nicht um die Versuchung,
getroffene Entscheidungen zu revidieren; auch mit dieser Last wurde wohl
zu allen Zeiten gelebt, wenn die Opportunitätskosten für die
Revisionen auch variierten. Es geht um die Diskreditierung des Entscheidens
an und für sich oder auch um die Belohnung der Entscheidungsvermei-dung,
denn jede echte Entscheidung, die also Möglichkeiten ausschließt
und Pfadabhängigkeiten etabliert, ist hier potentiell falsch.
Schlimmer noch: Sie ist banal, wenn die präsenten und erreichbaren
Alternativen offenbar gleichwertig sind, wie es Lektion 2 nahelegt. Lektion
3 verschärft das Dilemma dadurch, daß die Handlungsentwürfe
de facto so freigesetzt dann doch nicht sind, aber ihre Beschränkungen
und Festlegungen durch die Vielfalt der sichtbaren und verfügbaren,
doch letztlich wenig unterschiedenen Optionen wesentlich schwerer zu fassen
und damit zu verändern sind als jemals zuvor.
Die Illusion, alles
sei gleichermaßen verfügbar, aber auch gleichermaßen
(wenig) begehrenswert, führt dann unter Umständen zu einem Verlust
der Unterscheidungsfähigkeit. Das heißt also, Oberflächendifferenzierung
produziert Oberflächennivellierung. Zusammengenommen evozieren diese
drei Thesen eine Situation, in der die Dyade moderne Gesellschaft und
individualisierte Persönlichkeit nicht mehr in einem sich gegenseitig
bedingenden Spannungsverhältnis, sondern einander feindlich gegenüberzustehen
scheinen. Das behauptet auch der Autor Michel Houellebecq in seinem Roman
»Elementarteilchen« (1999), der wohl nicht umsonst den Status
eines Schlüsselromans der späten Moderne errungen hat. Houellebecqs
Entscheidung gegen den Individualisten und für die Gesellschaft in
Form der Masse der geklonten Sozialwesen, die den Menschen ersetzen, ist
motiviert durch die Leiden des modernen Individualisten.
Er scheitert daran, die eigene Person jenseitsder Banalität der unbeschränkten
Freiheit, das dressing selbst zu wählen, zu verankern. Durch diese Vergeblichkeit,
die er als Unfähigkeit allein dem Individuum zuschreibt, sieht Houellebecq
Gesellschaft bedroht. Sie gilt es in seiner Sicht gegen die vollindividualisierten
Elementarteilchen zu bewahren. Damit ist sein Roman zwar immer noch literarisch
bemerkenswert, aber in seinem Thesen eher dem mainstream der Kulturkritik
zuzuordnen.
Ich werde mich in dieser Arbeit mit den weithin geteilten Beobachtungen
dieser Leiden befassen und sowohl eine Analyse der Ursachen als auch der
möglichen Zukunftsszenarien anbieten. Ein außer Rand und Band
geratener Individualismus, so der Verdacht, der an dieser Stelle üblicher-weise
formuliert wird, führt zu bindungsunfähigen Egomanen, die, scheinbar
paradox, an ihrer Freiheit in unappetitlicher und sozialschädlicher
Manier zugrunde gehen.
Zu weit ging die Befreiung von inneren und äußeren Zwängen,
zu heftig wurde väterliche und kulturelle Autorität demontiert,
und nun führt kein Weg mehr zu einem »gesünderen« Verhältnis
zwischen Zwang und Entfaltung zurück. Exemplarisch wird diese Situationsanalyse
immer wieder in der Diskussion um die narzißtische Gesellschaft angeboten,
die als Zeitdiagnose seit über 30 Jahren die geisteswissenschaftliche
Krisenliteratur anregt (dazu exemplarisch Lasch 1995; Ehrenberg 2004).
Gegen dieses Verständnis der späten Moderne wende ich mich mit einem
Modernisierungsversuch eines brillanten Essays von Georg Simmel, in dem er
den Idealtypus von Gesellschaft entwirft — und unmißverständ-lich
deutlich macht, daß Gesellschaft und individualisierte Persönlichkeit
einander nicht nur sozial, sondern auch logisch voraussetzen und also auch
nicht ohne einander zu denken sind.
Georg Simmel, einer der Gründerväter der Soziologie, gehört,
anders als seine Kollegen Max Weber und Emile Durkheim, nicht unbedingt
zur Pflichtlektüre eines angehenden Soziologen. Das mag sich aus
der thema-tischen Vielfalt seiner Schriften und dem (im besten Sinne)
essayistischen Stil seiner Abhandlungen erklären, der es schwierig
macht, eine Fragestellung mit Simmelscher Methode zu bearbeiten > >
>
Die narzißtische
Gesellschaft — Strukturmerkmale und Bevölkerung
Die grundlegende These, die den Konzepttransfer von Psychoanalyse in Gesellschaftstheorie
legitimiert, kann man folgendermaßen paraphrasieren: Die jeweils
prominenten Psychopathologien sind als Überzeichnung des dominanten
Sozialcharakters einer Gesellschaft zu deuten:
Wenn diese Beobachtungen (über die narzißtische Gesellschaft,
SF) zutrafen, so war das Fazit, wie mir schien, nicht, daß die amerikanische
Gesellschaft »krank« war oder daß die Amerikanerinnen
und Amerikaner alle Kandidaten für psychiatrische Kliniken waren,
sondern daß normale Menschen jetzt viele der Persönlichkeitsmerkmale
zeigten, die, in extremerer Form, im Zusammenhang mit dem pathologischen
Narzißmus auftraten.
Freud betonte immer die fließenden Übergänge zwischen dem
Normalen und dem Abnormen, und für einen Freudianer erschien es daher
sinnvoll, davon auszugehen, daß die klinische Beschreibung der narzißtischen
Störungen etwas über die typischen Persönlichkeitsmerkmale
unserer Gesellschaft aussagen könnte — einer von großen bürokratischen
Organisationen und Massenmedien beherrschten Gesellschaft, in der Familien
als Übermittler der Kultur keine bedeutende Rolle mehr spielten und in
der die Menschen demzufolge kaum Gefühle des Verbundenseins mit der Vergangenheit
mehr hatten. (ebd. 333
f.)
Die Symptomatik, die Lasch den Mitgliedern der narzißtischen Gesellschaft
zuschreibt, ist derjenigen, mit der ich die Erosionserscheinungen der ersten
beiden A priori illustriert habe, zum Verwechseln ähnlich. War jedoch
in meinen Ausführungen noch kein Schuldiger in Sicht, so hat Lasch die
Ursache für die Entwicklung zur narzißtischen Gesellschaft im Verfall
familiärer und kultureller Autorität ausgemacht:
Die wachsende Bürokratie schafft ein kompliziertes Netz persönlicher
Beziehungen, belohnt gesellschaftliche Fertigkeiten und macht den zügellosen
Egoismus des amerikanischen Adams unhaltbar. Gleichzeitig aber baut sie
alle Formen patriarchalischer Autorität ab und schwächt damit
das kollektive Über-Ich, das einst von Vätern, Lehrern und Pfarrern
verkörpert wurde. Der Verfall der institutionalisierten Autorität
in einer offenkundig permissiven Gesellschaft führt jedoch keineswegs
zu einem »Verfall des Über-Ichs« bei den Individuen.
Er fördert vielmehr die Entwicklung eines harten, strafenden Über-Ichs,
das angesichts fehlender maßgebender gesellschaftlicher Verbote
einen Großteil seiner psychischen Energie aus den destruktiven aggressiven
Impulsen im Es herleitet.
Das Über-Ich wird
allmählich von unbewußten, irrationalen Elementen in ihm selbst
beherrscht. In dem Maße, wie die Autoritätsfiguren in der modernen
Gesellschaft ihre »Glaubwürdigkeit« verlieren, entwickelt
sich das individuelle Über- Ich zunehmend aus den primitiven Phantasien
des Kindes über seine Eltern — Phantasien, die mit sadistischer
Wut aufge-laden sind — und kaum mehr aus verinnerlichten Ich-Idealen,
wie sie aus der späteren Erfahrung mit geliebten und geachteten Vorbildern
gesell-schaftlichen Verhaltens erwachsen. (ebd.
32 f.)
Der Verfall gesellschaftlicher Autorität produziert hier umstandslos
Patienten, denn die gesellschaftliche Ordnung führt bei Lasch mit atem-beraubender
Geschwindigkeit direkt ins Über-Ich. Das »harte, strafende Über-Ich«
wird also gefördert durch die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen.
Mit anderen Worten: Laschs Über- Ich hat keine Eltern — es hat
nur Gesellschaft.
Der Hauptschuldige an
dieser Entwicklung ist die Therapie. Sie tritt, gemeinsam mit Rohkost und
Extremsport, an die Stelle von gebildeten Mittelschicht.
Autorität und Sinn im Leben des Einzelnen, der größere
Ziele als moment-hafte Begegnungen mit sich selbst nicht mehr ins Auge
faßt: »Liebe« als Selbstopfer oder Selbsterniedrigung,
»Sinn« als Loyalität gegenüber einer höheren
Instanz — solche Sublimierungen gelten der therapeutischen Sensibilität
als unerträgliche Unterdrückung, dem gesunden Menschenverstand
unzumutbar und persönlichem Glück und Wohlbefinden abträglich.
Die nachfreudianischen
Therapien und insbesondere ihre populären Vertreter haben es sich zur
vordringlichen Aufgabe gemacht, die Menschheit von solchen überholten
Vorstellungen wie Liebe und Pflicht zu befreien. Für sie ist die psychische
Gesundheit gleichbedeutend mit dem Überbordwerfen von Hemmungen und mit
der unverzüglichen Befriedigung jeder impulsiven Regung. (ebd. 34 f.)
Für einen Freudianer hält Lasch erstaunlich wenig von den praktizierenden
Kollegen . . . vor allem aber läßt er die Frage offen, warum denn
(seiner Ansicht nach massenhaft) Kundschaft deren Dienste nachfragt und sich
in diesem Sinne indoktrinieren läßt. Welches Virus hat den einstmals
aufrechten Bürger infiziert und anfällig gemacht für die Verlockungen
der Innerlichkeit?
Dieser Frage werde ich in den nächsten beiden Kapiteln nachgehen, in
denen ich mich mit Laschs Analyse des Verfalls der Politikfähigkeit des
modernen Individualisten und der Erosion der bürgerlichen Kleinfamilie
auseinandersetze. Ich werde dabei auch Alternativen zu der — wie ich
meine — überstrapazierten psychoanalytisch fundierten Deutung der
Phänomene vorstellen, die Lasch als Symptome der narzißtischen
Gesellschaft diskutiert. >>>
|
|
EXKURS:
Der Wandel der medialen Umwelt der modernen Familie und die möglichen
Folgen
Eine wichtige Bedingung für die Konstituierung einer bürgerlichen
Kindheit war der Buchdruck, der es ermöglichte, einen Schutzraum
für Kinder in dem Sinne zu schaffen, insofern Informationen vorwiegend
schriftlich vermittelt wurden und damit nur des Lesensmächtigen Personen
zugänglich waren (vgl. Aris 1992, 76; Postman, 1993). Erst so wurden
die »Geheimnisse der Erwachsenenwelt« geschaffen und ein von
ihnen entlasteter Lebensraum, eben die Kindheit, möglich.
Das Spezielle dieser Institution und ihre Abhängigkeit von der dominanten
Art der Informationsvermittlung vermag ein Vergleich mit Zeiten, in denen
Kindheit wesentlich kürzer terminiert wurde, illustrieren: Das Mittelalter
war gekennzeichnet durch »Fachliteralität«: Nur wenige
Gelehrte beherrschten die Schriftsprache, und dies häufig auch nur
ungenügend. Dies war auch durch den Verlust eines eindeutigen Alphabets
zugunsten einer kalligraphischen |
|
|
|
|
|
|
|
Gestaltung der Buchstaben nach dem Niedergang des Römischen Reichs
verursacht, die ein einfaches Wiedererkennen verhinderte. Damit war soziale
Literalität als gewöhnliches Merkmal des Durchschnittsbürgers
oder mindestens des männlichen Angehörigen der mittleren Schichten,
im Mittelalter verschwunden.
Die Geheimnisse des Erwachsenenlebens
waren verbal und ikonographisch zu erschließen und dadurch mit dem Erwerb
der Sprachfähigkeit dem Kind zugänglich. Auch deswegen wurde der
Begriff »Kind« im Mittelalter nur auf Kinder unter sieben Jahren
angewendet. Spätestens in diesem Alter beherrschten sie die Sprache der
Erwachsenen und waren damit von diesen nicht mehr zu unterscheiden.
Mit der schriftlichen Codierung des Wissens en masse nach der
Erfindung des Buchdrucks und der dadurch wiedererweckten sozialen Literalität",
d. h. Literalität als Merkmal des Durchschnittsbürgers oder
mindestens des männlichen Angehörigen der mittleren Schichten,
gab es eine Kompetenz, die Erwachsenen vorbehalten war und die Kinder
angeleitet erlernen mußten (vgl.
Aris, 1992: 223, 237). Mit der nun größeren Verfügbarkeit
von Wissen wurde auch die Welt der Erwachsenen komplizierter. Die verschiedenen
Phasen von Kindheit und Jugend wurden nun wesentlich durch das Erreichen
von bestimmten Lernstufen definiert, denen man nach und nach nicht nur
die Beherrschung von technischen Fähigkeiten zuschrieb, sondern auch
das Erreichen von seelischen Reifegraden, das wiederum die Offenbarung
von Facetten des Erwachsenenlebens, im Bereich Sexualität, Politik,
Erwerbsleben und anderem nahelegte oder verbot.
Die moderne Entwicklung in den Bereichen Internet, Telekommunikation und Medien
legt die These eines — mindestens auch medial vermittelten — allmählichen
Verschwindens der Kindheit als Schutzraum, in dem die Geheimnisse der Erwachsenenwelt
bestenfalls erahnt, aber nicht gewußt werden, nahe. Leicht zugängliche
ikonographische Darstellungen lassen soziale Literalität für die
(altersgerechte) Entzifferung der Welt obsolet werden.
Eltern können heute weniger als je zuvor bestimmen, wann, wo und in welcher
Deutlichkeit der Sprößling beispielsweise in die Geheimnisse der
Sexualität eingeweiht wird.
(> Gleiches gilt auch für Tod und Gewalt. So war im Jahr 2006 beispielsweise
die Hinrichtung von Saddam Hussein nicht nur ein nachrichtliches Medienereignis,
sondern konnte im Internet auch als Video erlebt werden).
Die mit dieser Beobachtung
verbundene Befürchtung lautet nicht, die Sexualmoral gehe durch den Abbau
von Tabus vor die Hunde, sondern daß die Bedingungen für
die Entwicklung einer reifen Individualität durch das Verschwinden des
Tabus an und für sich erodieren:
Das Lustprinzip absorbiert das Realitätsprinzip; die Sexualität
wird in gesellschaftlich aufbauenden Formen befreit (oder vielmehr liberalisiert).
Dieser Gedanke schließt ein, daß es repressive Weisen von
Entsublimierung gibt, im Vergleich zu denen die sublimierten Triebe und
Ziele mehr Abweichungen, mehr Freiheit und mehr Weigerung enthalten, die
gesellschaftlichen Tabus zu beachten. Es scheint, daß eine solche
repressive Entsublimierung in der sexuellen Sphäre tatsächlich
vor sich geht, und hier erscheint sie, wie bei der Entsublimierung der
höheren Kultur, als das Nebenprodukt der gesellschaftlichen Kontrollen
über die technologische Wirklichkeit, welche die Freiheit erweitern
und dabei die Herrschaft intensivieren. (Marcuse
1994 [19641: 91 f.)
Marcuses
These lautet, daß eine mechanisierte und rationalisierte Umgebung einerseits
mehr Libido freisetzt, andererseits aber auch gerade dadurch Möglichkeiten
der Befriedigung versperrt hat und sie fast ausschließlich auf Sexualität
konzentriert. Damit ist weniger Triebverzicht notwendig, und die gesellschaftliche
Ordnung, die dies ermöglicht, wird positiv angenommen.
Indem sie derart die erotische Energie herabmindert und die sexuelle intensiviert,
beschränkt die technologische Wirklichkeit die Reichweite der Sublimierung.
Sie verringert ebenso das Bedürfnis nach Sublimierung. Im seelischen
Apparat scheint die Spannung zwischen dem Ersehnten und dem Erlaubten beträchtlich
herabgesetzt, und das Realitätsprinzip scheint keine durchgreifende und
schmerzhafte Umgestaltung der Triebbedürf-nisse mehr zu erfordern. Das
Individuum muß sich einer Welt anpassen, die die Verleugnung seiner
innersten Bedürfnisse nicht zu verlangen scheint — eine Welt, die
nicht wesentlich feindlich ist.
Der Organismus wird so präpariert, das Gebotene spontan hinzunehmen.
Insofern, als daß die größere Freiheit eher eine Kontraktion
als eine Erweiterung und Entwicklung der Triebbedürfnisse mit sich
bringt, arbeitet sie eher für als gegen den Status quo allgemeiner
Repression — man könnte von »institutionalisierter Entsublimierung«
sprechen. (ebd. 93)
Die Erkenntnisfunktion der Sublimierung, die das Individuum befähigt,
repressive Strukturen in der Gesellschaft zu erkennen und auch deren Beseitigung
mindestens zu phantasieren, wird aufgegeben zugunsten eines happy consciousness,
das weder von Schuld noch von Verlangen weiß. > > >
Gegenthesen und
Zusammenfassung
Massenkonsum und die Warenförmigkeit aller Aspekte des sozialen,
kulturellen und individuellen Lebens und ihre fast schrankenlose Entzifferbarkeit
durch die neuen Massenmedien verursachen also in dieser Analyse nicht
nur die Auflösung der bürgerlichen Kleinfamilie durch eine Egalisierung
ihrer Mitglieder vor der unmittelbaren Befriedigung ihrer Bedürfnisse,
sondern auch den Verlust der Individualität aller Mitglieder der
nun nicht mehr bürgerlichen Gesellschaft, wie sie im zweiten A priori
beschrieben wurde. So hat sich auch hier das Innenleben des Bewohners
der Moderne verändert, allerdings nicht, wie in den Thesen zur narzißti-schen
Gesellschaft bei Lasch, durch die Entmündigung des Individuums durch
den Experten, sondern durch eine (Kultur)Industrie, die den ungesellschaftlichen
Innenraum des Individuums dadurch kompromittiert, dass sie allen möglichen
Wunschbildern, die hier entstehen könnten, bereits Dispens und Realitätsstatus
gewährt. Die einzige Möglichkeit der Subversion scheint hier
in der visuellen Askese zu liegen — doch auch dies würde dann
wohl bald als Produktidee vermarktet.
Die narzißtische
Gesellschaft — Gegenthesen und Zusammenfassung
Die psychologische Erklärung der Beobachtungen aus dem 2. Kapitel, die
hier diskutiert wurden, können nicht wirklich überzeugen:
Erstens gehen sie aus von einer Veränderung im klinischen Bereich,
die empirisch kaum nachzuweisen ist. Zweitens ist nur thetisch behauptet,
nicht jedoch empirisch belegt worden, daß eine Veränderung
im klinischen Bereich eine Veränderung (und dann auch
noch eine parallele) in der Gesellschaft impliziert. Einerseits
werden soziale und politische Strukturen umstandslos der intrapsychischen
Dimension einverleibt und sind damit nicht mehr gesellschaftlich bearbeitbar.
Andererseits bleiben dann die Ursachen der psychischen Veränderung
einer ganzen (Mütter)Generation im dunkeln, und die Hypothese mutiert
zum Glaubenssatz»
Drittens muß man zumindest Lasch vorwerfen, daß er ein Symptom
mit einer Ursache verwechselt, wenn er in der Therapie und in einer »Therapeutisierung«
der Gesellschaft eine Erklärung für eine Unzahl von verschiedensten
Phänomenen, vom Niedergang einer politischen Kultur über den
Anstieg von Scheidungsquoten bis zu einer Veränderung der Management-Methoden
usw. zu finden glaubt.
Viertens wird hier ignoriert, daß etliche der hier besprochenen Entwicklungen
bereits in den Anfängen und in der Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft
und der Moderne angelegt sind — daß sich also weniger die Moderne
fundamental verändert hat, sondern ihr Gegenbild verschwun-den und daß
sie mithin reflexiv geworden ist.
Fünftens ist dieser Analyse ein sehr reaktionärer Perspektivenwechsel
immanent:
In dem Bemühen, die Grundlagen
geistiger und gesellschaft-licher Gesundheit in bürgerlicher Familie,
väterlicher Autorität und religiöser Überzeugung zu reanimieren,
wird übersehen, daß es genau diese Strukturen waren, die Freud
einst als pathogene Bedingungen in seiner Neurosentheorie erkannt hat. Hier
wird der Neurotiker zum Verantwortungsethiker stilisiert, der kulturelle Individualismus
dagegen als Pathologie diskreditiert.
Sechstens werden positive
Deutungsmöglichkeiten der »narzißtischen Gesellschaft«
und ihrer im vorherigen Kapitel besprochenen Charakteristika nicht einmal
angedacht: So ist die gehäufte Inanspruchnahme psychotherapeutischer
Behandlung, sowohl in den letzten dreißig Jahren als auch innerhalb
der jeweils jüngeren Generation, kaum negativ zu bewerten und ganz
sicher kein eindeutiges Zeichen* für eine Zunahme psychischer
Erkrankungen."
*(2007
/ Anm. Redaktion:
Die besorgniserregende Zunahme der Geisteskrankheiten (Persönlichkeitstörungen)
in den Industrienationen,
in unserer jüngster Zeit, ist ein eindeutiges Zeichen.
> Die
weite Verbreitung schwerer Persönlichkeitsstörungen geben
Anlaß zur Beunruhigung,
Prof. O. F. Kernberg.
|
|