Fuchs, Der Verlust der Eindeutigkeit, Buchtitel
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Soziologie


Der Verlust der Eindeutigkeit
Annäherung an
Individuum und Gesellschaft

Klett-Cotta
372 Seiten im Buchhandel

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Nur wenn der Mensch seinen Lebens-Befriedigungs-Zyklus ändert,
hat er, die Zivilisation in diesem Jahrhundert eine Überlebenschance.
Eine Spezies, die sich selbst vernichtet, ist entartet.

Armin H. Eilenberg
, 02/2007

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Arbeiten wie diese können als Anregung dienen,
den beschleunigten Verfall (soz. Entropie) der Werbe-
und PR-Gesellschaften, zum Teil, zu verstehen.
Kultur Fibel

Höchste Zeit Probleme zu klären,
bevor die Probleme uns klären.

Susanne Fuchs, Professorin, Portrait
Susanne Fuchs,
geboren 1967 in Berlin, Studium der Biologie und der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Promotion an der Universität Leipzig. Sie forscht und lehrt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und an
der
Universität Leipzig.
Sie lehrte u. a. an der Humboldt- Universität zu Berlin und der
New School University
in New York City, USA.


Auszüge

>>> Der double bind konfrontiert das Individuum nicht primär mit
der Gefahr, eine falsche Entscheidung zu treffen, sie war für jeden Entscheidenden zu jeder Zeit präsent. Es geht auch nicht um die Versuchung, getroffene Entscheidungen zu revidieren; auch mit dieser Last wurde wohl zu allen Zeiten gelebt, wenn die Opportunitätskosten für die Revisionen auch variierten. Es geht um die Diskreditierung des Entscheidens an und für sich oder auch um die Belohnung der Entscheidungsvermei-dung, denn jede echte Entscheidung, die also Möglichkeiten ausschließt und Pfadabhängigkeiten etabliert, ist hier potentiell falsch.
Schlimmer noch: Sie ist banal, wenn die präsenten und erreichbaren Alternativen offenbar gleichwertig sind, wie es Lektion 2 nahelegt. Lektion 3 verschärft das Dilemma dadurch, daß die Handlungsentwürfe de facto so freigesetzt dann doch nicht sind, aber ihre Beschränkungen und Festlegungen durch die Vielfalt der sichtbaren und verfügbaren, doch letztlich wenig unterschiedenen Optionen wesentlich schwerer zu fassen und damit zu verändern sind als jemals zuvor.

Die Illusion, alles sei gleichermaßen verfügbar, aber auch gleichermaßen (wenig) begehrenswert, führt dann unter Umständen zu einem Verlust der Unterscheidungsfähigkeit. Das heißt also, Oberflächendifferenzierung produziert Oberflächennivellierung. Zusammengenommen evozieren diese drei Thesen eine Situation, in der die Dyade moderne Gesellschaft und individualisierte Persönlichkeit nicht mehr in einem sich gegenseitig bedingenden Spannungsverhältnis, sondern einander feindlich gegenüberzustehen scheinen. Das behauptet auch der Autor Michel Houellebecq in seinem Roman »Elementarteilchen« (1999), der wohl nicht umsonst den Status eines Schlüsselromans der späten Moderne errungen hat. Houellebecqs Entscheidung gegen den Individualisten und für die Gesellschaft in Form der Masse der geklonten Sozialwesen, die den Menschen ersetzen, ist motiviert durch die Leiden des modernen Individualisten.
Er scheitert daran, die eigene Person jenseitsder Banalität der unbeschränkten Freiheit, das dressing selbst zu wählen, zu verankern. Durch diese Vergeblichkeit, die er als Unfähigkeit allein dem Individuum zuschreibt, sieht Houellebecq Gesellschaft bedroht. Sie gilt es in seiner Sicht gegen die vollindividualisierten Elementarteilchen zu bewahren. Damit ist sein Roman zwar immer noch literarisch bemerkenswert, aber in seinem Thesen eher dem mainstream der Kulturkritik zuzuordnen.

Ich werde mich in dieser Arbeit mit den weithin geteilten Beobachtungen dieser Leiden befassen und sowohl eine Analyse der Ursachen als auch der möglichen Zukunftsszenarien anbieten. Ein außer Rand und Band geratener Individualismus, so der Verdacht, der an dieser Stelle üblicher-weise formuliert wird, führt zu bindungsunfähigen Egomanen, die, scheinbar paradox, an ihrer Freiheit in unappetitlicher und sozialschädlicher Manier zugrunde gehen.
Zu weit ging die Befreiung von inneren und äußeren Zwängen, zu heftig wurde väterliche und kulturelle Autorität demontiert, und nun führt kein Weg mehr zu einem »gesünderen« Verhältnis zwischen Zwang und Entfaltung zurück. Exemplarisch wird diese Situationsanalyse immer wieder in der Diskussion um die narzißtische Gesellschaft angeboten, die als Zeitdiagnose seit über 30 Jahren die geisteswissenschaftliche Krisenliteratur anregt (dazu exemplarisch Lasch 1995; Ehrenberg 2004).

Gegen dieses Verständnis der späten Moderne wende ich mich mit einem Modernisierungsversuch eines brillanten Essays von Georg Simmel, in dem er den Idealtypus von Gesellschaft entwirft — und unmißverständ-lich deutlich macht, daß Gesellschaft und individualisierte Persönlichkeit einander nicht nur sozial, sondern auch logisch voraussetzen und also auch nicht ohne einander zu denken sind.
Georg Simmel, einer der Gründerväter der Soziologie, gehört, anders als seine Kollegen Max Weber und Emile Durkheim, nicht unbedingt zur Pflichtlektüre eines angehenden Soziologen. Das mag sich aus der thema-tischen Vielfalt seiner Schriften und dem (im besten Sinne) essayistischen Stil seiner Abhandlungen erklären, der es schwierig macht, eine Fragestellung mit Simmelscher Methode zu bearbeiten > > >

Die narzißtische Gesellschaft — Strukturmerkmale und Bevölkerung
Die grundlegende These, die den Konzepttransfer von Psychoanalyse in Gesellschaftstheorie legitimiert, kann man folgendermaßen paraphrasieren: Die jeweils prominenten Psychopathologien sind als Überzeichnung des dominanten Sozialcharakters einer Gesellschaft zu deuten:
Wenn diese Beobachtungen (über die narzißtische Gesellschaft, SF) zutrafen, so war das Fazit, wie mir schien, nicht, daß die amerikanische Gesellschaft »krank« war oder daß die Amerikanerinnen und Amerikaner alle Kandidaten für psychiatrische Kliniken waren, sondern daß normale Menschen jetzt viele der Persönlichkeitsmerkmale zeigten, die, in extremerer Form, im Zusammenhang mit dem pathologischen Narzißmus auftraten.
Freud betonte immer die fließenden Übergänge zwischen dem Normalen und dem Abnormen, und für einen Freudianer erschien es daher sinnvoll, davon auszugehen, daß die klinische Beschreibung der narzißtischen Störungen etwas über die typischen Persönlichkeitsmerkmale unserer Gesellschaft aussagen könnte — einer von großen bürokratischen Organisationen und Massenmedien beherrschten Gesellschaft, in der Familien als Übermittler der Kultur keine bedeutende Rolle mehr spielten und in der die Menschen demzufolge kaum Gefühle des Verbundenseins mit der Vergangenheit mehr hatten. (ebd. 333 f.)
Die Symptomatik, die Lasch den Mitgliedern der narzißtischen Gesellschaft zuschreibt, ist derjenigen, mit der ich die Erosionserscheinungen der ersten beiden A priori illustriert habe, zum Verwechseln ähnlich. War jedoch in meinen Ausführungen noch kein Schuldiger in Sicht, so hat Lasch die Ursache für die Entwicklung zur narzißtischen Gesellschaft im Verfall familiärer und kultureller Autorität ausgemacht:
Die wachsende Bürokratie schafft ein kompliziertes Netz persönlicher Beziehungen, belohnt gesellschaftliche Fertigkeiten und macht den zügellosen Egoismus des amerikanischen Adams unhaltbar. Gleichzeitig aber baut sie alle Formen patriarchalischer Autorität ab und schwächt damit das kollektive Über-Ich, das einst von Vätern, Lehrern und Pfarrern verkörpert wurde. Der Verfall der institutionalisierten Autorität in einer offenkundig permissiven Gesellschaft führt jedoch keineswegs zu einem »Verfall des Über-Ichs« bei den Individuen. Er fördert vielmehr die Entwicklung eines harten, strafenden Über-Ichs, das angesichts fehlender maßgebender gesellschaftlicher Verbote einen Großteil seiner psychischen Energie aus den destruktiven aggressiven Impulsen im Es herleitet.

Das Über-Ich wird allmählich von unbewußten, irrationalen Elementen in ihm selbst beherrscht. In dem Maße, wie die Autoritätsfiguren in der modernen Gesellschaft ihre »Glaubwürdigkeit« verlieren, entwickelt sich das individuelle Über- Ich zunehmend aus den primitiven Phantasien des Kindes über seine Eltern — Phantasien, die mit sadistischer Wut aufge-laden sind — und kaum mehr aus verinnerlichten Ich-Idealen, wie sie aus der späteren Erfahrung mit geliebten und geachteten Vorbildern gesell-schaftlichen Verhaltens erwachsen. (ebd. 32 f.)
Der Verfall gesellschaftlicher Autorität produziert hier umstandslos Patienten, denn die gesellschaftliche Ordnung führt bei Lasch mit atem-beraubender Geschwindigkeit direkt ins Über-Ich. Das »harte, strafende Über-Ich« wird also gefördert durch die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen. Mit anderen Worten: Laschs Über- Ich hat keine Eltern — es hat nur Gesellschaft.

Der Hauptschuldige an dieser Entwicklung ist die Therapie. Sie tritt, gemeinsam mit Rohkost und Extremsport, an die Stelle von gebildeten Mittelschicht.
Autorität und Sinn im Leben des Einzelnen, der größere Ziele als moment-hafte Begegnungen mit sich selbst nicht mehr ins Auge faßt: »Liebe« als Selbstopfer oder Selbsterniedrigung, »Sinn« als Loyalität gegenüber einer höheren Instanz — solche Sublimierungen gelten der therapeutischen Sensibilität als unerträgliche Unterdrückung, dem gesunden Menschenverstand unzumutbar und persönlichem Glück und Wohlbefinden abträglich.

Die nachfreudianischen Therapien und insbesondere ihre populären Vertreter haben es sich zur vordringlichen Aufgabe gemacht, die Menschheit von solchen überholten Vorstellungen wie Liebe und Pflicht zu befreien. Für sie ist die psychische Gesundheit gleichbedeutend mit dem Überbordwerfen von Hemmungen und mit der unverzüglichen Befriedigung jeder impulsiven Regung. (ebd. 34 f.)
Für einen Freudianer hält Lasch erstaunlich wenig von den praktizierenden Kollegen . . . vor allem aber läßt er die Frage offen, warum denn (seiner Ansicht nach massenhaft) Kundschaft deren Dienste nachfragt und sich in diesem Sinne indoktrinieren läßt. Welches Virus hat den einstmals aufrechten Bürger infiziert und anfällig gemacht für die Verlockungen der Innerlichkeit?


Dieser Frage werde ich in den nächsten beiden Kapiteln nachgehen, in denen ich mich mit Laschs Analyse des Verfalls der Politikfähigkeit des modernen Individualisten und der Erosion der bürgerlichen Kleinfamilie auseinandersetze. Ich werde dabei auch Alternativen zu der — wie ich meine — überstrapazierten psychoanalytisch fundierten Deutung der Phänomene vorstellen, die Lasch als Symptome der narzißtischen Gesellschaft diskutiert. >>>

EXKURS:
Der Wandel der medialen Umwelt der modernen Familie und die möglichen Folgen
Eine wichtige Bedingung für die Konstituierung einer bürgerlichen Kindheit war der Buchdruck, der es ermöglichte, einen Schutzraum für Kinder in dem Sinne zu schaffen, insofern Informationen vorwiegend schriftlich vermittelt wurden und damit nur des Lesensmächtigen Personen zugänglich waren (vgl. Aris 1992, 76; Postman, 1993). Erst so wurden die »Geheimnisse der Erwachsenenwelt« geschaffen und ein von ihnen entlasteter Lebensraum, eben die Kindheit, möglich.
Das Spezielle dieser Institution und ihre Abhängigkeit von der dominanten Art der Informationsvermittlung vermag ein Vergleich mit Zeiten, in denen Kindheit wesentlich kürzer terminiert wurde, illustrieren: Das Mittelalter war gekennzeichnet durch »Fachliteralität«: Nur wenige Gelehrte beherrschten die Schriftsprache, und dies häufig auch nur ungenügend. Dies war auch durch den Verlust eines eindeutigen Alphabets zugunsten einer kalligraphischen

Gestaltung der Buchstaben nach dem Niedergang des Römischen Reichs verursacht, die ein einfaches Wiedererkennen verhinderte. Damit war soziale Literalität als gewöhnliches Merkmal des Durchschnittsbürgers oder mindestens des männlichen Angehörigen der mittleren Schichten, im Mittelalter verschwunden.
Die Geheimnisse des Erwachsenenlebens
waren verbal und ikonographisch zu erschließen und dadurch mit dem Erwerb der Sprachfähigkeit dem Kind zugänglich. Auch deswegen wurde der Begriff »Kind« im Mittelalter nur auf Kinder unter sieben Jahren angewendet. Spätestens in diesem Alter beherrschten sie die Sprache der Erwachsenen und waren damit von diesen nicht mehr zu unterscheiden.
Mit der schriftlichen Codierung des Wissens en masse nach der Erfindung des Buchdrucks und der dadurch wiedererweckten sozialen Literalität", d. h. Literalität als Merkmal des Durchschnittsbürgers oder mindestens des männlichen Angehörigen der mittleren Schichten, gab es eine Kompetenz, die Erwachsenen vorbehalten war und die Kinder angeleitet erlernen mußten (vgl. Aris, 1992: 223, 237). Mit der nun größeren Verfügbarkeit von Wissen wurde auch die Welt der Erwachsenen komplizierter. Die verschiedenen Phasen von Kindheit und Jugend wurden nun wesentlich durch das Erreichen von bestimmten Lernstufen definiert, denen man nach und nach nicht nur die Beherrschung von technischen Fähigkeiten zuschrieb, sondern auch das Erreichen von seelischen Reifegraden, das wiederum die Offenbarung von Facetten des Erwachsenenlebens, im Bereich Sexualität, Politik, Erwerbsleben und anderem nahelegte oder verbot.
Die moderne Entwicklung in den Bereichen Internet, Telekommunikation und Medien legt die These eines — mindestens auch medial vermittelten — allmählichen Verschwindens der Kindheit als Schutzraum, in dem die Geheimnisse der Erwachsenenwelt bestenfalls erahnt, aber nicht gewußt werden, nahe. Leicht zugängliche ikonographische Darstellungen lassen soziale Literalität für die (altersgerechte) Entzifferung der Welt obsolet werden.

Eltern können heute weniger als je zuvor bestimmen, wann, wo und in welcher Deutlichkeit der Sprößling beispielsweise in die Geheimnisse der Sexualität eingeweiht wird.

(> Gleiches gilt auch für Tod und Gewalt. So war im Jahr 2006 beispielsweise die Hinrichtung von Saddam Hussein nicht nur ein nachrichtliches Medienereignis, sondern konnte im Internet auch als Video erlebt werden).

Die mit dieser Beobachtung verbundene Befürchtung lautet nicht, die Sexualmoral gehe durch den Abbau von Tabus vor die Hunde, sondern daß die Bedingungen für die Entwicklung einer reifen Individualität durch das Verschwinden des Tabus an und für sich erodieren:

Das Lustprinzip absorbiert das Realitätsprinzip; die Sexualität wird in gesellschaftlich aufbauenden Formen befreit (oder vielmehr liberalisiert). Dieser Gedanke schließt ein, daß es repressive Weisen von Entsublimierung gibt, im Vergleich zu denen die sublimierten Triebe und Ziele mehr Abweichungen, mehr Freiheit und mehr Weigerung enthalten, die gesellschaftlichen Tabus zu beachten. Es scheint, daß eine solche repressive Entsublimierung in der sexuellen Sphäre tatsächlich vor sich geht, und hier erscheint sie, wie bei der Entsublimierung der höheren Kultur, als das Nebenprodukt der gesellschaftlichen Kontrollen über die technologische Wirklichkeit, welche die Freiheit erweitern und dabei die Herrschaft intensivieren. (Marcuse 1994 [19641: 91 f.)
Marcuses These lautet, daß eine mechanisierte und rationalisierte Umgebung einerseits mehr Libido freisetzt, andererseits aber auch gerade dadurch Möglichkeiten der Befriedigung versperrt hat und sie fast ausschließlich auf Sexualität konzentriert. Damit ist weniger Triebverzicht notwendig, und die gesellschaftliche Ordnung, die dies ermöglicht, wird positiv angenommen.
Indem sie derart die erotische Energie herabmindert und die sexuelle intensiviert, beschränkt die technologische Wirklichkeit die Reichweite der Sublimierung. Sie verringert ebenso das Bedürfnis nach Sublimierung. Im seelischen Apparat scheint die Spannung zwischen dem Ersehnten und dem Erlaubten beträchtlich herabgesetzt, und das Realitätsprinzip scheint keine durchgreifende und schmerzhafte Umgestaltung der Triebbedürf-nisse mehr zu erfordern. Das Individuum muß sich einer Welt anpassen, die die Verleugnung seiner innersten Bedürfnisse nicht zu verlangen scheint — eine Welt, die nicht wesentlich feindlich ist.
Der Organismus wird so präpariert, das Gebotene spontan hinzunehmen. Insofern, als daß die größere Freiheit eher eine Kontraktion als eine Erweiterung und Entwicklung der Triebbedürfnisse mit sich bringt, arbeitet sie eher für als gegen den Status quo allgemeiner Repression — man könnte von »institutionalisierter Entsublimierung« sprechen. (ebd. 93)

Die Erkenntnisfunktion der Sublimierung, die das Individuum befähigt, repressive Strukturen in der Gesellschaft zu erkennen und auch deren Beseitigung mindestens zu phantasieren, wird aufgegeben zugunsten eines happy consciousness, das weder von Schuld noch von Verlangen weiß. > > >

Gegenthesen und Zusammenfassung
Massenkonsum und die Warenförmigkeit aller Aspekte des sozialen, kulturellen und individuellen Lebens und ihre fast schrankenlose Entzifferbarkeit durch die neuen Massenmedien verursachen also in dieser Analyse nicht nur die Auflösung der bürgerlichen Kleinfamilie durch eine Egalisierung ihrer Mitglieder vor der unmittelbaren Befriedigung ihrer Bedürfnisse, sondern auch den Verlust der Individualität aller Mitglieder der nun nicht mehr bürgerlichen Gesellschaft, wie sie im zweiten A priori beschrieben wurde. So hat sich auch hier das Innenleben des Bewohners der Moderne verändert, allerdings nicht, wie in den Thesen zur narzißti-schen Gesellschaft bei Lasch, durch die Entmündigung des Individuums durch den Experten, sondern durch eine (Kultur)Industrie, die den ungesellschaftlichen Innenraum des Individuums dadurch kompromittiert, dass sie allen möglichen Wunschbildern, die hier entstehen könnten, bereits Dispens und Realitätsstatus gewährt. Die einzige Möglichkeit der Subversion scheint hier in der visuellen Askese zu liegen — doch auch dies würde dann wohl bald als Produktidee vermarktet.

Die narzißtische Gesellschaft — Gegenthesen und Zusammenfassung
Die psychologische Erklärung der Beobachtungen aus dem 2. Kapitel, die hier diskutiert wurden, können nicht wirklich überzeugen:
Erstens gehen sie aus von einer Veränderung im klinischen Bereich, die empirisch kaum nachzuweisen ist. Zweitens ist nur thetisch behauptet, nicht jedoch empirisch belegt worden, daß eine Veränderung im klinischen Bereich eine Veränderung (und dann auch noch eine parallele) in der Gesellschaft impliziert. Einerseits werden soziale und politische Strukturen umstandslos der intrapsychischen Dimension einverleibt und sind damit nicht mehr gesellschaftlich bearbeitbar. Andererseits bleiben dann die Ursachen der psychischen Veränderung einer ganzen (Mütter)Generation im dunkeln, und die Hypothese mutiert zum Glaubenssatz»
Drittens muß man zumindest Lasch vorwerfen, daß er ein Symptom mit einer Ursache verwechselt, wenn er in der Therapie und in einer »Therapeutisierung« der Gesellschaft eine Erklärung für eine Unzahl von verschiedensten Phänomenen, vom Niedergang einer politischen Kultur über den Anstieg von Scheidungsquoten bis zu einer Veränderung der Management-Methoden usw. zu finden glaubt.
Viertens wird hier ignoriert, daß etliche der hier besprochenen Entwicklungen bereits in den Anfängen und in der Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft und der Moderne angelegt sind — daß sich also weniger die Moderne fundamental verändert hat, sondern ihr Gegenbild verschwun-den und daß sie mithin reflexiv geworden ist.
Fünftens ist dieser Analyse ein sehr reaktionärer Perspektivenwechsel immanent:
In dem Bemühen, die
Grundlagen geistiger und gesellschaft-licher Gesundheit in bürgerlicher Familie, väterlicher Autorität und religiöser Überzeugung zu reanimieren, wird übersehen, daß es genau diese Strukturen waren, die Freud einst als pathogene Bedingungen in seiner Neurosentheorie erkannt hat. Hier wird der Neurotiker zum Verantwortungsethiker stilisiert, der kulturelle Individualismus dagegen als Pathologie diskreditiert.

Sechstens werden positive Deutungsmöglichkeiten der »narzißtischen Gesellschaft« und ihrer im vorherigen Kapitel besprochenen Charakteristika nicht einmal angedacht: So ist die gehäufte Inanspruchnahme psychotherapeutischer Behandlung, sowohl in den letzten dreißig Jahren als auch innerhalb der jeweils jüngeren Generation, kaum negativ zu bewerten und ganz sicher kein eindeutiges Zeichen* für eine Zunahme psychischer Erkrankungen."

*(2007 / Anm. Redaktion:
Die besorgniserregende Zunahme der Geisteskrankheiten (Persönlichkeitstörungen)
in den Industrienationen, in unserer jüngster Zeit, ist ein eindeutiges Zeichen.
>
Die weite Verbreitung schwerer Persönlichkeitsstörungen geben Anlaß zur Beunruhigung, Prof. O. F. Kernberg.



Individuum und Gesellschaft, moderne Familie, mediale Umwelt, Sexualität, neurotische Kinder

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Klett-Cotta, Portrait Susanne Fuchs Foto: Harry Jesse
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