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Vorwort
Hans Langendörfer, Karl Jüsten
Dieses Buch handelt
im weitesten Sinn vom christlichen Glauben bei Men-schen, deren persönliche
Geschichte und berufliches Wirken höchst verschieden sind. Gemeinsam
ist allen, dass sie zu Kardinal Lehmann in Verbindung stehen und ihm zum 70.
Geburtstag gratulieren möchten. Dabei sind das Aussehen und die Intensität
dieser Beziehung wiederum sehr verschieden. Freunde und Studiengefährten
kommen zu Wort, Kollegen aus der Theologie und anderen Wissenschaften, Kirchenverantwortliche,
Mit-arbeiter und vor allem sehr viele Persönlichkeiten, die im Bereich
des poli-tischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens Verantwortung
tragen oder trugen. Aus der politischen Welt sind Europa, der Bund und die
Ebene der Länder vertreten. Das Wirken derer, die geschrieben haben,
weist in viele Berufe, nicht zuletzt im Bereich der Medien. Oft durchdringen
sich professionelle Reflexion, ethische Überlegungen und persönliches
Erzählen.
Gottes- und Menschenliebe in vielen Erscheinungsformen behandelt dieses Buch,
Hingabe und Engagement in der Familie, in der Politik und im Beruf - und das
Suchen und Finden von Stand¬punkten, die sich aus dem christ-lichen Glauben
und einer Rationa¬lität speisen, welche seinem Menschenbild entspricht.
Daraus wachsen Perspektiven für viele Herausforderungen im Bereich der
Wissenschaften, der Medien oder der globalisierten Wirtschaft.
Als wir mit der Arbeit an diesem Glaubensbuch besonderer Art begannen, standen
uns die Chancen und Risiken klar vor Augen. Das breite Panorama der Beiträge,
um die wir bitten wollten, könnte zulasten einer inneren Kohärenz
gehen. Die Vielfalt der literarischen Formen würde es schwerer machen,
das einigende Band der Kapitel zu erkennen. Denn ausdrücklich haben wir
es den Beitra¬genden selbst überlassen, das Format ihres Textes zu
wählen. So fin¬den sich neben der brieflichen Würdigung des
Kardinals auch ein Interview, die biographische Rückschau, der grundsätzliche
Aufsatz und die Schilderung von Begegnungen. Indessen waren wir überzeugt,
dass gerade diese Vielfalt die Chance bringen würde, der Person von Karl
Lehmann besonders gut zu entsprechen. Für sie ist typisch, sich in vielen
geistigen und kulturellen, gesellschaftlichen, christlichen oder nicht christlich
geprägten Welten zu bewegen und viele Sprachen und Formen der Verständigung
zu beherrschen.
Die Antworten, welche unser Anliegen fand, waren überwältigend positiv,
und nach und nach folgten den Zusagen auch die Ausarbeitungen. Was uns von
Anfang an erstaunte und freute, war die große Bereitschaft vieler Auto-ren,
sehr offen und mutig persönlich zu werden und Erfahrungen, eigene Einstellungen
und Wertungen nicht in allgemeinen Formulierungen zu ver-packen. Vielleicht
ist es ja ein besonders schönes Kompliment an den Geehr-ten, dass er
Menschen nicht nur persönlich ansprechen, sondern ihnen auch Mut machen
kann, sich zu bekennen und weiter hinauszuwagen, als es üblich ist und
den allgemeinen Gepflogenheiten entspricht. Er ist in diesem Sinn ein guter
und begnadeter Hirte, was nach unserer Auffassung zu den wichtigs-ten Gaben
gehört, mit denen Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz und Vorsitzender
der Deutschen Bischofskonferenz, beschenkt wurde.
Es ist, so hoffen wir, ein Buch gelungen, das den christlichen Glauben behan-delt,
ohne dass es ein theologisches Lesebuch traditioneller Art wäre. Dazu
tragen die Erfahrungen, Reflexionen, Bekenntnisse und Meditationen bei, die
es enthält, aber auch die zeit- und kirchengeschichtlichen Beobachtungen
und Einsichten, die - mit und ohne ausdrücklichen Bezug auf Karl Lehmann
- von einer lebendigen Kirche und deren Integrationskraft zeugen, besonders
in den Jahren während des II. Vatikanischen Konzils und danach. Die Päpste
Johannes Paul II. und Benedikt XVI. spielen dabei eine prominente Rolle.
Der Band ist Kardinal Lehmann in Dankbarkeit gewidmet, dem in besonderer Weise
auch die Tätigkeit des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz und
des Kommissariats der Deutschen Bischöfe in Berlin verpflichtet ist.
Das ganze Spektrum des Wirkens der katholischen Kirche in der Welt von heute
spiegelt sich in deren täglicher Arbeit. Beide Institutionen und ihre
Mitar-beiter werden angeregt durch die Klugheit, katholische Gesinnung, intellek-tuelle
Brillanz, geistige Offenheit, Neugier, menschliche Wärme und Zuwen-dung
von Karl Lehmann. In seiner Person finden die so vielfältigen Beiträge
dieser Sammlung ihre äußere Klammer.
Wir danken allen, die zu diesem Buch beigetragen oder an seinem Werden mitgewirkt
haben, besonders Frau Dr. Ute Stenert, die das Projekt in den verschiedenen
Phasen verlässlich und mit großem Geschick unterstützt und
vorangebracht hat, und dem Verlag Herder.
Ad multos annos!
HELMUT KOHL
Politik aus Glauben
Sehr geehrter Herr Kardinal, lieber Karl,
zu Deinem 70. Geburtstag gratuliere ich Dir sehr herzlich. Ich wünsche
Dir für die kommenden Jahre Weisheit und Kraft für Dein verantwortungsvolles
Amt, und vor allem Gesundheit, Glück und Gottes Segen. Einer meiner Wünsche
für Dich ist auch, dass Du auf Deinem Weg viel Hilfe und Unterstützung
von treuen Weggenossen und Begleitern erfährst.
Du hast in Deinem Leben viel erlebt und durftest viel leisten. Du bist heute
ein weit über unser Land hinaus bekannter und angesehener Theologe, Bischof
und Kardinal und eine Persönlichkeit von großer moralischer und
geistlicher Autorität, die vielen Menschen Wegweisungen und Hilfe gibt.
Mit Deiner Überzeugungskraft und Deinem Glauben genießt Du innerhalb
und auch außerhalb unserer Kirche zu Recht Achtung und Anerkennung.
Dabei vertrittst Du Deine Überzeugungen mit großer Leidenschaft,
und Du bist offen, Dich auch mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen.
In Deinen Gesprächen mit allen politischen und gesellschaftlichen Gruppen
leistest Du einen wichtigen Beitrag für die Erhaltung des inneren Friedens
und zur Gestaltung der Zukunft in unserem Vaterland. Und dazu gehört
für mich auch Deine Bereitschaft, den ökumenischen Dialog zu unterstützen
und voranzubringen.
Du bist ein Pastor und Seelsorger geblieben, das heißt, Du hast ein
offenes Ohr für die Sorgen und Nöte Deiner Mitmen¬schen und
stehst ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Ich hoffe sehr, dass Du Dir bei aller
Bürde des Amtes Dein frohes Gemüt und Deinen Humor erhältst.
Unsere beruflichen Wege kreuzten sich erstmals im Jahre 1968, als Du den Lehrstuhl
für Systematische Theologie an der Universität Mainz übernahmst.
Ich war damals Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag von Rheinland-Pfalz,
bevor ich 1969 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Seit dieser
Zeit haben wir viele Begegnungen - seien sie offizieller oder privater Art
- miteinander gehabt, und ich habe unsere Gespräche stets als eine große
Bereicherung empfunden.
Ich möchte gerne diese gute Gelegenheit wahrnehmen, Dir noch einmal für
die vielen Jahre der Freundschaft und Kameradschaft zu danken. Vor allem aber
möchte ich Dir danken für das, was Du für unsere Kirche und
unser Vaterland getan hast.
Ich wünsche Dir noch viele gute und gesegnete Jahre.
Mit herzlichen Grüßen
Dein Helmut Kohl
GUNDULA
GAUSE
„Wie geht es den Kindern?"
„Wie geht
es den Kindern? Was macht die Familie?" - Wann immer ich Kardinal Lehmann
treffe, sind dies seine Fragen an mich. Sogar auf der Bühne des Festaktes,
den die Stadt Mainz anlässlich seiner Berufung in das Kardinalskollegium
und der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Mainz am 4. März
2001 in der Rheingoldhalle ausrichtete, nahm er sich Zeit für diese persönliche
Ansprache und Zuwendung. Und er tat dies in einem Moment, in dem die versammelte
Festgemeinschaft auf nichts anderes als seine Dankesrede wartete. Ein ungewöhnliches
Ereignis, das charakteristisch für den Bischof von Mainz ist.
Die Mainzer Veranstaltungshalle war bis auf den letzten Platz besetzt: Kardinäle
und geistliche Würdenträger sowie Persönlichkeiten aus Politik
und Gesellschaft, unter anderen der Präsident des Deutschen Bundestages,
Ministerpräsidenten und Parteivorsitzende, hatten sich ebenso eingefunden
wie etwa 1500 Gäste aus Stadt, Diözese und Region. Sie alle hörten
die Fest-ansprachen zu Ehren Kardinal Lehmanns, eine Laudatio folgte der nächsten.
Bis heute werde ich auf diese besondere Veranstaltung angesprochen, die von
Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationssender von ARD und ZDF, live übertragen
wurde und bei der mir die Ehre der Moderation zukam. Der
damalige Programmdirektor und heutige Intendant des ZDF, Prof. Markus Schächter,
hatte mich um die „moderative" Begleitung des Festaktes gebeten,
ohne zu wissen, dass ich protestantischen Glaubens bin. Er setzte sich auch
über meine Bedenken hinweg, als Frau diesen Part zu übernehmen.
,Wie geht es den Kindern?" Das also fragte mich Kardinal Lehmann auf
der Bühne dieses Festaktes, nachdem alle Laudationes gehalten und die
Ehren-bürgerwürde der Stadt Mainz verliehen worden war. An sich
warteten die zahlreichen Gäste gespannt auf seine Worte, zu denen ich
ihn auf die Bühne gebeten hatte. Aber der Kardinal stellte sich zu mir
auf die Seite des Podiums und nahm sich ausgerechnet in diesem Augenblick
die Zeit, um sich in aller Ruhe nach meinen Kindern zu erkundigen!
Das ehrliche und emotionale Interesse an Kindern im Einklang mit dem Wissen
um die Bedeutung der Familie führte uns Jahre später im Kuratorium
des „Forum Familie stark machen" zusam-men. Diese überparteiliche
und überkonfessio-nelle Initiative will die Zukunft der Familien aktiv
mitgestalten und
konnte neben verschiedenen |
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einige
Themenfelder der evangelischen Kirche involviert und bemerke dabei, wie sehr
die beiden großen christlichen Kirchen an einem guten Miteinander interessiert
sind und darin eine Praxis der Ökumene leben. An dieser gelebten Ökumene
haben Protagonisten wie der EKHN-Kirchenpräsident Steinacker und Kardinal
Lehmann großen Anteil. Und sie tun dies nicht zuletzt auch dadurch,
dass sie ihre gewiss überbordenden Terminkalender an den Geburtstagen
des jeweils anderen ausrichten.
In Mainz, dem alten Bischofssitz mit herausragender Stellung in politischer
wie kirchenpolitischer Hinsicht, fließen die Kommunikationswege merklich
zusammen: Kardinal Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
ist in der alten Universitätsstadt am modernen Medienstandort in vielfältigen
Formen präsent: Er ist zu sehen, zu hören und zu lesen. So konn¬te
ihn der Chefredakteur der Mainz Vierteljahreshefte für ein Gespräch
mit Mainz 05 Trainer Jürgen Klopp gewinnen, das in der Presse und durch
die Fernsehübertragung beim Südwestrundfunk große Beachtung
fand. Uns Medienschaffenden gilt er als prominenter Gesprächspartner,
wenn wir als „die Medien" in ethisch-moralischer Hinsicht gehaltvolle
Antworten auf schwierige Fragen suchen. Wie oft war der kurze Weg vom Bischöflichen
Ordinariat am Mainzer Dom auf den Lerchenberg schon von Vorteil! Jede Begegnung
- und sei es per Zufall im Flugzeug nach Berlin - ist von großer Herzlichkeit
und dem gemeinsamen Interesse an den Themen geprägt, die alle Menschen
verbinden: an „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von
heute" - wie es das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution
zum Ausdruck bringt.
Als im April 2005 ein neuer Papst gewählt wurde, zog Kardi¬nal Lehmann
besondere Aufmerksamkeit auf sich. Hoffnungen verbanden sich mit seiner Person,
vor allem aber die berechtigte Annahme, dass er als „Insider" aufgrund
seiner tiefen Kenntnis und langjährigen Erfahrung sicherstellen würde,
dass die Kardinäle eine kluge Wahl treffen würden - eine Wahl, inspiriert
von jener Klugheit, die durch die Liebe zu Gott und den Menschen geformt ist.
Nicht nur dies macht ihn in unserer Medienwelt so unverzichtbar! Kardinal
Lehmann mit seinem theologischen Werk, seiner philosophischen Arbeit, mit
seinen Beiträgen zur katholischen Soziallehre, seinen Äußerungen
zum kirchlichen Selbstverständnis sowie zu aktuellen Einzelthemen wie
Familie, Arbeit, Wirtschaft, Politik, Frieden und Umwelt ist auch in der Medienszene
ein eminent wichtiger Baustein. Für uns Medienmacher ist er ein eloquenter
und geistreicher Gesprächspartner mit fundiertem Wissen, nicht nur im
Blick auf vatikanische Spezialitäten. Den Balanceakt zwischen intellektuellem
Diskurs und menschlicher Nähe bewältigt er in einer ihm eigenen,
würdevollen, menschlichen und priesterlichen Art und Weise, die nicht
nur die Mainzer fasziniert.
Für mich persönlich schließt sich der Kreis beim Thema „Kinder":
Jeden Morgen sehe ich das Bild von Kardinal Lehmann im Flur des Kindergartens,
den mein Sohn besucht. So ist er allerorten in Mainz zu erleben, und ich freue
mich auf die nächste Begegnung, bei der Karl Kardinal Lehmann, der Bischof
von Mainz und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, gewiss wieder
fragen wird: „Wie geht es den Kindern? Was macht die Familie?"
ANGELA
MERKEl
"Ich darf Fehler machen"
Was hält unsere Gesellschaft eigentlich noch zusammen? Diese Frage stellen
sich angesichts eines dramatischen Wandels in Deutschland immer mehr Menschen:
Globalisierung, Individualisierung, rasante technologische Entwicklungen,
die Alterung der Gesellschaft mit vielfältigen Folgen für unser
Zusammenleben und unsere soziale Absicherung - viele Menschen sind verunsichert.
Darin liegt aber auch eine Chance, wenn wir uns in dieser Situation
der Unsicherheit unserer grundlegenden Werte vergewissern und uns wieder klarmachen,
was uns als Individuen und als Gesellschaft wirklich wichtig ist, was uns
miteinander verbindet und welche Wurzeln uns Halt geben.
Wir brauchen über diese Fragen eine breit angelegte und durchaus leidenschaftliche
gesellschaftliche Diskussion. Die christlichen Kirchen werden dabei, davon
bin ich überzeugt, eine bedeutende Rolle spielen; nicht nur, weil es
gleichsam zu ihrem Auftrag gehört, zur Werteorientierung und Sinnstiftung
der Gesellschaft beizutragen. Es wird ihnen nicht zuletzt auch deshalb gelingen,
weil sie so herausragende Hirten wie Karl Kardinal Lehmann haben. Er hat einen
durchaus kritischen Blick auf Politik und Gesellschaft, der aber ganz von
der Liebe zu den Menschen geprägt ist. Ich habe es immer wieder auch
persönlich erleben können: Als Theologe und Bischof baut er feste
Brücken zwischen Christentum und Kirche in die Gesellschaft und zur Politik
in Deutschland. Politik und Politiker tun gut daran, die von ihm miterrichteten
Brücken immer wieder zu betreten und die andere Seite aufzusuchen. Das
tut der Politik gut. Und es tut dem Politiker als Mensch gut.
Der Politik in Deutschland tut es gerade in Zeiten schneller Veränderungen
gut, sich auf ihr Wertefundament zu besinnen - und anzuerkennen, dass es zu
einem großen Teil christlich geprägt ist. Nach unserem Grundgesetz
ist die Würde des Menschen unantastbar. „Sie zu achten und zu schützen",
beschreibt Artikel 1 die wichtigste Aufgabe des Staates in der Demokratie,
„ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt". Als Christen sollten
wir nach meinem Empfinden öfter und selbstbewusst darauf hinweisen, dass
diese große rechtlich-kulturelle Errungenschaft letztlich auf dem christlichen
Verständnis des Menschen als Gottes Ebenbild beruht. Jeder Mensch ist
nach unserem Verständnis von Gott gewollt und genau deshalb einzigartig
und schützenswert - in allen Phasen seines Lebens, unabhängig von
Geschlecht, Rasse, Leistungsfähigkeit oder anderen Merkmalen. Auch wer
selber nicht gläubig ist, sollte einsehen können: Die christlich-religiös
fundierte Unantastbarkeit seiner Würde macht den Menschen anderen Menschen
unverfügbar und schützt ihn besser als jede andere Begründung.
Der Mensch ist also ein Wert an sich. Und wenn etwa davor gewarnt wird, ihn
zu sehr oder gar allein unter ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten,
so können wir Christen darauf hinweisen, dass unser Verständnis
vom Menschen gerade davor bewahrt: Vor unserem Gott zählt der Arme ebenso
viel wie der Wohlhabende, der Schwache ebenso viel wie der Starke. Wir alle
haben noch deutlich vor Augen, wie Papst Johannes Paul II. uns vorgelebt hat,
dass Leiden, Schwäche, Gebrechlichkeit und Tod dem Menschen nichts von
seiner Würde nehmen können, weil er sich immer in Gott geborgen
fühlen darf. Dieser große Papst wird über seinen Tod hinaus
ein leuchtendes Zeichen für die Kraft und den Wert des Lebens sein. Das
haben auf der ganzen Welt unzählige Menschen gespürt, und auch für
mich als protestantische Christin waren sein Sterben, sein Begräbnis,
aber auch die Wahl seines Nachfolgers, der sein Werk fortsetzt, unvergessliche
Erlebnisse. Sie haben einmal mehr gezeigt, welche spirituelle Kraft von der
Botschaft Christi ausgeht.
Wie jedem anderen Menschen, kann auch dem Politiker der Glaube gut tuhn, ihm
als Mensch Halt und Geborgenheit geben. Es hilft mir auch bei meiner Arbeit
als Bundeskanzlerin, zu wissen: Ich darf Fehler machen. Gott hat den Menschen
die Freiheit zum Handeln gegeben, und er liebt die Menschen, selbst wenn sie
Fehler machen - und natürlich macht jeder Fehler, auch folgenschwere.
Das gibt mir Zuversicht bei allen Herausforderun¬gen, die zu meistern
sind. Denn bei wem die Angst vor Fehlern überhandnimmt, der wird gelähmt
und handlungsunfähig. Wir sind aber aufgerufen, zu handeln, unsere Freiheit
zu nutzen und zum Wohle aller unsere Stärken und Talente zu entfalten.
Die christliche Botschaft ermuntert uns, unser Leben und die Gesellschaft
zu gestalten.
Zugleich lehrt uns der christliche Glaube aber auch Demut: Das Wissen um unsere
Verantwortung vor Gott und unsere Unvollkommenheit hilft uns, uns nicht zu
wichtig zu nehmen. Es bewahrt uns vor Allmachtsphantasien, die in der Politik
bekanntlich schon großes Unheil angerichtet haben. Wir können aber
in der Politik allenfalls die vorletzten Dinge regeln und sollten uns immer
wieder einmal an eine beeindruckende Stelle des Jakobus-Briefes erinnern:
„Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder
die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und
Gewinn machen - und wisst nicht, was morgen sein wird: Ein Rauch seid ihr,
der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen sollt ihr sagen:
Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun" (Jak 4,13-15).
Zuversicht und Demut sind Einstellungen, die nicht nur dem Einzelnen in seinem
Leben helfen, sondern auch als Grundgefühl einer Gesellschaft dazu beitragen
können, ein menschenwürdiges Umfeld für die Mitbürgerinnen
und Mitbürger zu schaffen. Sie helfen, Probleme anzugehen und sich auch
durch Rückschläge nicht entmutigen zu lassen. Karl Kardinal Leh¬mann
verkörpert diese Einstellung als Bischof und Theologe in herausragender
Art und Weise. Er leistet damit einen unverzichtbaren Beitrag zum Zusammenhalt
unserer Gesellschaft. Auch dafür gebührt ihm unsere dankbare Anerkennung.
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