Kardinal Lehmann, Wir Nachbarn des Himmels

 

Religion
Kardinal Lehmann


Wir Nachbarn
des Himmels

Erfahrungen und Begegnungen mit
Karl Kardinal Lehmann

Kultur Fibel Magazin
Herder-Verlag
192 S.geb..
€ (D) 19,90
um 70. Geburtstag des Vorsitzenden
der Deutschen Bischofskonferenz
Gesellschaftsmagazin
im Buchhandel
oder Kultur Fibel Verlag
RG. + Porto EUR 3,50
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Kardinal Lehmann
namhaften Persönlichkeiten auch Kardinal Lehmann für ihre Aufgabe gewinnen. Darüber hinaus erlebe ich den Mainzer Bischof immer wieder als aufgeschlossenen, interessierten und amüsanten Gesprächspartner bei Podiumsdis-kussionen. Seine Humanitas, seine Empathie, sein ehrliches Engagement für die Menschen mit all ihren irdischen Nöten und Problemen wirkt auch in schwierigen Situationen nie aufgesetzt. Sie strahlt von innen und gibt darin Zeugnis für Jenen, in dessen priesterlicher Nachfolge Bischof Lehmann in besonderer, ja auch promi-nenter Weise steht. Szenenwechsel: „Am 16. Mai kann ich nicht, da hat Kardinal Lehmann Geburtstag, und weil es der 70. ist, werden wir feiern." Das sagte EKHN-Kirchenpräsident Prof. Peter Steinacker, als wir Anfang Januar 2006 im Kuratorium der Stiftung der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau versuchten, einen neuen Sitzungstermin zu finden. Als mit einem Katholiken verheiratete Protestantin war ich über Jahre etwas verwundert, dass es immer wieder die katholische Kirche, insbesondere das Bischöfliche Ordinariat in Mainz war, das auf mich zukam und um die Mitgestaltung kirchlicher Aktivitäten bat. Mittlerweile bin ich auch in

Erfahrungen und Begegnungen
mit Karl Kardinal Lehmann

Vorwort
Hans Langendörfer, Karl Jüsten

Dieses Buch handelt im weitesten Sinn vom christlichen Glauben bei Men-schen, deren persönliche Geschichte und berufliches Wirken höchst verschieden sind. Gemeinsam ist allen, dass sie zu Kardinal Lehmann in Verbindung stehen und ihm zum 70. Geburtstag gratulieren möchten. Dabei sind das Aussehen und die Intensität dieser Beziehung wiederum sehr verschieden. Freunde und Studiengefährten kommen zu Wort, Kollegen aus der Theologie und anderen Wissenschaften, Kirchenverantwortliche, Mit-arbeiter und vor allem sehr viele Persönlichkeiten, die im Bereich des poli-tischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens Verantwortung tragen oder trugen. Aus der politischen Welt sind Europa, der Bund und die Ebene der Länder vertreten. Das Wirken derer, die geschrieben haben, weist in viele Berufe, nicht zuletzt im Bereich der Medien. Oft durchdringen sich professionelle Reflexion, ethische Überlegungen und persönliches Erzählen.
Gottes- und Menschenliebe in vielen Erscheinungsformen behandelt dieses Buch, Hingabe und Engagement in der Familie, in der Politik und im Beruf - und das Suchen und Finden von Stand¬punkten, die sich aus dem christ-lichen Glauben und einer Rationa¬lität speisen, welche seinem Menschenbild entspricht. Daraus wachsen Perspektiven für viele Herausforderungen im Bereich der Wissenschaften, der Medien oder der globalisierten Wirtschaft.
Als wir mit der Arbeit an diesem Glaubensbuch besonderer Art begannen, standen uns die Chancen und Risiken klar vor Augen. Das breite Panorama der Beiträge, um die wir bitten wollten, könnte zulasten einer inneren Kohärenz gehen. Die Vielfalt der literarischen Formen würde es schwerer machen, das einigende Band der Kapitel zu erkennen. Denn ausdrücklich haben wir es den Beitra¬genden selbst überlassen, das Format ihres Textes zu wählen. So fin¬den sich neben der brieflichen Würdigung des Kardinals auch ein Interview, die biographische Rückschau, der grundsätzliche Aufsatz und die Schilderung von Begegnungen. Indessen waren wir überzeugt, dass gerade diese Vielfalt die Chance bringen würde, der Person von Karl Lehmann besonders gut zu entsprechen. Für sie ist typisch, sich in vielen geistigen und kulturellen, gesellschaftlichen, christlichen oder nicht christlich geprägten Welten zu bewegen und viele Sprachen und Formen der Verständigung zu beherrschen.

Die Antworten, welche unser Anliegen fand, waren überwältigend positiv, und nach und nach folgten den Zusagen auch die Ausarbeitungen. Was uns von Anfang an erstaunte und freute, war die große Bereitschaft vieler Auto-ren, sehr offen und mutig persönlich zu werden und Erfahrungen, eigene Einstellungen und Wertungen nicht in allgemeinen Formulierungen zu ver-packen. Vielleicht ist es ja ein besonders schönes Kompliment an den Geehr-ten, dass er Menschen nicht nur persönlich ansprechen, sondern ihnen auch Mut machen kann, sich zu bekennen und weiter hinauszuwagen, als es üblich ist und den allgemeinen Gepflogenheiten entspricht. Er ist in diesem Sinn ein guter und begnadeter Hirte, was nach unserer Auffassung zu den wichtigs-ten Gaben gehört, mit denen Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, beschenkt wurde.

Es ist, so hoffen wir, ein Buch gelungen, das den christlichen Glauben behan-delt, ohne dass es ein theologisches Lesebuch traditioneller Art wäre. Dazu tragen die Erfahrungen, Reflexionen, Bekenntnisse und Meditationen bei, die es enthält, aber auch die zeit- und kirchengeschichtlichen Beobachtungen und Einsichten, die - mit und ohne ausdrücklichen Bezug auf Karl Lehmann - von einer lebendigen Kirche und deren Integrationskraft zeugen, besonders in den Jahren während des II. Vatikanischen Konzils und danach. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. spielen dabei eine prominente Rolle.
Der Band ist Kardinal Lehmann in Dankbarkeit gewidmet, dem in besonderer Weise auch die Tätigkeit des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz und des Kommissariats der Deutschen Bischöfe in Berlin verpflichtet ist. Das ganze Spektrum des Wirkens der katholischen Kirche in der Welt von heute spiegelt sich in deren täglicher Arbeit. Beide Institutionen und ihre Mitar-beiter werden angeregt durch die Klugheit, katholische Gesinnung, intellek-tuelle Brillanz, geistige Offenheit, Neugier, menschliche Wärme und Zuwen-dung von Karl Lehmann. In seiner Person finden die so vielfältigen Beiträge dieser Sammlung ihre äußere Klammer.
Wir danken allen, die zu diesem Buch beigetragen oder an seinem Werden mitgewirkt haben, besonders Frau Dr. Ute Stenert, die das Projekt in den verschiedenen Phasen verlässlich und mit großem Geschick unterstützt und vorangebracht hat, und dem Verlag Herder.

Ad multos annos!


HELMUT KOHL
Politik aus Glauben


Sehr geehrter Herr Kardinal, lieber Karl,
zu Deinem 70. Geburtstag gratuliere ich Dir sehr herzlich. Ich wünsche Dir für die kommenden Jahre Weisheit und Kraft für Dein verantwortungsvolles Amt, und vor allem Gesundheit, Glück und Gottes Segen. Einer meiner Wünsche für Dich ist auch, dass Du auf Deinem Weg viel Hilfe und Unterstützung von treuen Weggenossen und Begleitern erfährst.
Du hast in Deinem Leben viel erlebt und durftest viel leisten. Du bist heute ein weit über unser Land hinaus bekannter und angesehener Theologe, Bischof und Kardinal und eine Persönlichkeit von großer moralischer und geistlicher Autorität, die vielen Menschen Wegweisungen und Hilfe gibt. Mit Deiner Überzeugungskraft und Deinem Glauben genießt Du innerhalb und auch außerhalb unserer Kirche zu Recht Achtung und Anerkennung. Dabei vertrittst Du Deine Überzeugungen mit großer Leidenschaft, und Du bist offen, Dich auch mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen.
In Deinen Gesprächen mit allen politischen und gesellschaftlichen Gruppen leistest Du einen wichtigen Beitrag für die Erhaltung des inneren Friedens und zur Gestaltung der Zukunft in unserem Vaterland. Und dazu gehört für mich auch Deine Bereitschaft, den ökumenischen Dialog zu unterstützen und voranzubringen.
Du bist ein Pastor und Seelsorger geblieben, das heißt, Du hast ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte Deiner Mitmen¬schen und stehst ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Ich hoffe sehr, dass Du Dir bei aller Bürde des Amtes Dein frohes Gemüt und Deinen Humor erhältst.
Unsere beruflichen Wege kreuzten sich erstmals im Jahre 1968, als Du den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Mainz übernahmst. Ich war damals Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag von Rheinland-Pfalz, bevor ich 1969 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Seit dieser Zeit haben wir viele Begegnungen - seien sie offizieller oder privater Art - miteinander gehabt, und ich habe unsere Gespräche stets als eine große Bereicherung empfunden.
Ich möchte gerne diese gute Gelegenheit wahrnehmen, Dir noch einmal für die vielen Jahre der Freundschaft und Kameradschaft zu danken. Vor allem aber möchte ich Dir danken für das, was Du für unsere Kirche und unser Vaterland getan hast.

Ich wünsche Dir noch viele gute und gesegnete Jahre.
Mit herzlichen Grüßen
Dein Helmut Kohl

GUNDULA GAUSE
„Wie geht es den Kindern?"

„Wie geht es den Kindern? Was macht die Familie?" - Wann immer ich Kardinal Lehmann treffe, sind dies seine Fragen an mich. Sogar auf der Bühne des Festaktes, den die Stadt Mainz anlässlich seiner Berufung in das Kardinalskollegium und der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Mainz am 4. März 2001 in der Rheingoldhalle ausrichtete, nahm er sich Zeit für diese persönliche Ansprache und Zuwendung. Und er tat dies in einem Moment, in dem die versammelte Festgemeinschaft auf nichts anderes als seine Dankesrede wartete. Ein ungewöhnliches Ereignis, das charakteristisch für den Bischof von Mainz ist.
Die Mainzer Veranstaltungshalle war bis auf den letzten Platz besetzt: Kardinäle und geistliche Würdenträger sowie Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, unter anderen der Präsident des Deutschen Bundestages, Ministerpräsidenten und Parteivorsitzende, hatten sich ebenso eingefunden wie etwa 1500 Gäste aus Stadt, Diözese und Region. Sie alle hörten die Fest-ansprachen zu Ehren Kardinal Lehmanns, eine Laudatio folgte der nächsten. Bis heute werde ich auf diese besondere Veranstaltung angesprochen, die von Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationssender von ARD und ZDF, live übertragen wurde und bei der mir die Ehre der Moderation zukam.
Der damalige Programmdirektor und heutige Intendant des ZDF, Prof. Markus Schächter, hatte mich um die „moderative" Begleitung des Festaktes gebeten, ohne zu wissen, dass ich protestantischen Glaubens bin. Er setzte sich auch über meine Bedenken hinweg, als Frau diesen Part zu übernehmen.
,Wie geht es den Kindern?" Das also fragte mich Kardinal Lehmann auf der Bühne dieses Festaktes, nachdem alle Laudationes gehalten und die Ehren-bürgerwürde der Stadt Mainz verliehen worden war. An sich warteten die zahlreichen Gäste gespannt auf seine Worte, zu denen ich ihn auf die Bühne gebeten hatte. Aber der Kardinal stellte sich zu mir auf die Seite des Podiums und nahm sich ausgerechnet in diesem Augenblick die Zeit, um sich in aller Ruhe nach meinen Kindern zu erkundigen!

Das ehrliche und emotionale Interesse an Kindern im Einklang mit dem Wissen um die Bedeutung der Familie führte uns Jahre später im Kuratorium des „Forum Familie stark machen" zusam-men. Diese überparteiliche und überkonfessio-nelle Initiative will die Zukunft der Familien aktiv mitgestalten
und konnte neben verschiedenen

Karl Kardinal Lehmann
Geboren am 16. Mai 1936
in Sigmaringen, Dr. phil., Dr. theol.,
Dr. h.c. mult., 1968 - 1983 Professor für Dogmatische Theologie in Mainz und Freiburg; seit 1983. Bischof von Mainz, seit 1987. Vorsitzender
der Deutschen Bischofkonferenz,
seit 2001 Kardinal

einige Themenfelder der evangelischen Kirche involviert und bemerke dabei, wie sehr die beiden großen christlichen Kirchen an einem guten Miteinander interessiert sind und darin eine Praxis der Ökumene leben. An dieser gelebten Ökumene haben Protagonisten wie der EKHN-Kirchenpräsident Steinacker und Kardinal Lehmann großen Anteil. Und sie tun dies nicht zuletzt auch dadurch, dass sie ihre gewiss überbordenden Terminkalender an den Geburtstagen des jeweils anderen ausrichten.
In Mainz, dem alten Bischofssitz mit herausragender Stellung in politischer wie kirchenpolitischer Hinsicht, fließen die Kommunikationswege merklich zusammen: Kardinal Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist in der alten Universitätsstadt am modernen Medienstandort in vielfältigen Formen präsent: Er ist zu sehen, zu hören und zu lesen. So konn¬te ihn der Chefredakteur der Mainz Vierteljahreshefte für ein Gespräch mit Mainz 05 Trainer Jürgen Klopp gewinnen, das in der Presse und durch die Fernsehübertragung beim Südwestrundfunk große Beachtung fand. Uns Medienschaffenden gilt er als prominenter Gesprächspartner, wenn wir als „die Medien" in ethisch-moralischer Hinsicht gehaltvolle Antworten auf schwierige Fragen suchen. Wie oft war der kurze Weg vom Bischöflichen Ordinariat am Mainzer Dom auf den Lerchenberg schon von Vorteil! Jede Begegnung - und sei es per Zufall im Flugzeug nach Berlin - ist von großer Herzlichkeit und dem gemeinsamen Interesse an den Themen geprägt, die alle Menschen verbinden: an „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute" - wie es das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution zum Ausdruck bringt.

Als im April 2005 ein neuer Papst gewählt wurde, zog Kardi¬nal Lehmann besondere Aufmerksamkeit auf sich. Hoffnungen verbanden sich mit seiner Person, vor allem aber die berechtigte Annahme, dass er als „Insider" aufgrund seiner tiefen Kenntnis und langjährigen Erfahrung sicherstellen würde, dass die Kardinäle eine kluge Wahl treffen würden - eine Wahl, inspiriert von jener Klugheit, die durch die Liebe zu Gott und den Menschen geformt ist.
Nicht nur dies macht ihn in unserer Medienwelt so unverzichtbar! Kardinal Lehmann mit seinem theologischen Werk, seiner philosophischen Arbeit, mit seinen Beiträgen zur katholischen Soziallehre, seinen Äußerungen zum kirchlichen Selbstverständnis sowie zu aktuellen Einzelthemen wie Familie, Arbeit, Wirtschaft, Politik, Frieden und Umwelt ist auch in der Medienszene ein eminent wichtiger Baustein. Für uns Medienmacher ist er ein eloquenter und geistreicher Gesprächspartner mit fundiertem Wissen, nicht nur im Blick auf vatikanische Spezialitäten. Den Balanceakt zwischen intellektuellem Diskurs und menschlicher Nähe bewältigt er in einer ihm eigenen, würdevollen, menschlichen und priesterlichen Art und Weise, die nicht nur die Mainzer fasziniert.
Für mich persönlich schließt sich der Kreis beim Thema „Kinder": Jeden Morgen sehe ich das Bild von Kardinal Lehmann im Flur des Kindergartens, den mein Sohn besucht. So ist er allerorten in Mainz zu erleben, und ich freue mich auf die nächste Begegnung, bei der Karl Kardinal Lehmann, der Bischof von Mainz und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, gewiss wieder fragen wird: „Wie geht es den Kindern? Was macht die Familie?"

 

ANGELA MERKEl
"Ich darf Fehler machen"


Was hält unsere Gesellschaft eigentlich noch zusammen? Diese Frage stellen sich angesichts eines dramatischen Wandels in Deutschland immer mehr Menschen: Globalisierung, Individualisierung, rasante technologische Entwicklungen, die Alterung der Gesellschaft mit vielfältigen Folgen für unser Zusammenleben und unsere soziale Absicherung - viele Menschen sind verunsichert. Darin liegt aber auch eine Chance, wenn wir uns in dieser
Situation der Unsicherheit unserer grundlegenden Werte vergewissern und uns wieder klarmachen, was uns als Individuen und als Gesellschaft wirklich wichtig ist, was uns miteinander verbindet und welche Wurzeln uns Halt geben.
Wir brauchen über diese Fragen eine breit angelegte und durchaus leidenschaftliche gesellschaftliche Diskussion. Die christlichen Kirchen werden dabei, davon bin ich überzeugt, eine bedeutende Rolle spielen; nicht nur, weil es gleichsam zu ihrem Auftrag gehört, zur Werteorientierung und Sinnstiftung der Gesellschaft beizutragen. Es wird ihnen nicht zuletzt auch deshalb gelingen, weil sie so herausragende Hirten wie Karl Kardinal Lehmann haben. Er hat einen durchaus kritischen Blick auf Politik und Gesellschaft, der aber ganz von der Liebe zu den Menschen geprägt ist. Ich habe es immer wieder auch persönlich erleben können: Als Theologe und Bischof baut er feste Brücken zwischen Christentum und Kirche in die Gesellschaft und zur Politik in Deutschland. Politik und Politiker tun gut daran, die von ihm miterrichteten Brücken immer wieder zu betreten und die andere Seite aufzusuchen. Das tut der Politik gut. Und es tut dem Politiker als Mensch gut.
Der Politik in Deutschland tut es gerade in Zeiten schneller Veränderungen gut, sich auf ihr Wertefundament zu besinnen - und anzuerkennen, dass es zu einem großen Teil christlich geprägt ist. Nach unserem Grundgesetz ist die Würde des Menschen unantastbar. „Sie zu achten und zu schützen", beschreibt Artikel 1 die wichtigste Aufgabe des Staates in der Demokratie, „ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt". Als Christen sollten wir nach meinem Empfinden öfter und selbstbewusst darauf hinweisen, dass diese große rechtlich-kulturelle Errungenschaft letztlich auf dem christlichen Verständnis des Menschen als Gottes Ebenbild beruht. Jeder Mensch ist nach unserem Verständnis von Gott gewollt und genau deshalb einzigartig und schützenswert - in allen Phasen seines Lebens, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Leistungsfähigkeit oder anderen Merkmalen. Auch wer selber nicht gläubig ist, sollte einsehen können: Die christlich-religiös fundierte Unantastbarkeit seiner Würde macht den Menschen anderen Menschen unverfügbar und schützt ihn besser als jede andere Begründung.
Der Mensch ist also ein Wert an sich. Und wenn etwa davor gewarnt wird, ihn zu sehr oder gar allein unter ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten, so können wir Christen darauf hinweisen, dass unser Verständnis vom Menschen gerade davor bewahrt: Vor unserem Gott zählt der Arme ebenso viel wie der Wohlhabende, der Schwache ebenso viel wie der Starke. Wir alle haben noch deutlich vor Augen, wie Papst Johannes Paul II. uns vorgelebt hat, dass Leiden, Schwäche, Gebrechlichkeit und Tod dem Menschen nichts von seiner Würde nehmen können, weil er sich immer in Gott geborgen fühlen darf. Dieser große Papst wird über seinen Tod hinaus ein leuchtendes Zeichen für die Kraft und den Wert des Lebens sein. Das haben auf der ganzen Welt unzählige Menschen gespürt, und auch für mich als protestantische Christin waren sein Sterben, sein Begräbnis, aber auch die Wahl seines Nachfolgers, der sein Werk fortsetzt, unvergessliche Erlebnisse. Sie haben einmal mehr gezeigt, welche spirituelle Kraft von der Botschaft Christi ausgeht.
Wie jedem anderen Menschen, kann auch dem Politiker der Glaube gut tuhn, ihm als Mensch Halt und Geborgenheit geben. Es hilft mir auch bei meiner Arbeit als Bundeskanzlerin, zu wissen: Ich darf Fehler machen. Gott hat den Menschen die Freiheit zum Handeln gegeben, und er liebt die Menschen, selbst wenn sie Fehler machen - und natürlich macht jeder Fehler, auch folgenschwere. Das gibt mir Zuversicht bei allen Herausforderun¬gen, die zu meistern sind. Denn bei wem die Angst vor Fehlern überhandnimmt, der wird gelähmt und handlungsunfähig. Wir sind aber aufgerufen, zu handeln, unsere Freiheit zu nutzen und zum Wohle aller unsere Stärken und Talente zu entfalten. Die christliche Botschaft ermuntert uns, unser Leben und die Gesellschaft zu gestalten.
Zugleich lehrt uns der christliche Glaube aber auch Demut: Das Wissen um unsere Verantwortung vor Gott und unsere Unvollkommenheit hilft uns, uns nicht zu wichtig zu nehmen. Es bewahrt uns vor Allmachtsphantasien, die in der Politik bekanntlich schon großes Unheil angerichtet haben. Wir können aber in der Politik allenfalls die vorletzten Dinge regeln und sollten uns immer wieder einmal an eine beeindruckende Stelle des Jakobus-Briefes erinnern: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen - und wisst nicht, was morgen sein wird: Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen sollt ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun" (Jak 4,13-15).
Zuversicht und Demut sind Einstellungen, die nicht nur dem Einzelnen in seinem Leben helfen, sondern auch als Grundgefühl einer Gesellschaft dazu beitragen können, ein menschenwürdiges Umfeld für die Mitbürgerinnen und Mitbürger zu schaffen. Sie helfen, Probleme anzugehen und sich auch durch Rückschläge nicht entmutigen zu lassen. Karl Kardinal Leh¬mann verkörpert diese Einstellung als Bischof und Theologe in herausragender Art und Weise. Er leistet damit einen unverzichtbaren Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Auch dafür gebührt ihm unsere dankbare Anerkennung.


Karl Kardinal Lehmann
mit Helmut Kohl, Angela Merkel
Gundala Gause, katholisch, Kirche,
Glaube, Politi und Glaube
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