Kultur Fibel Magazin
Der kleine Vampir, Sommer-Bodenburg
 

Der kleine Vampir
und die letzte Verwandlung

Sachbuch
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Auszug
Die Einladung
Anton rechnete fest damit, dass Lumpi kurz nach Einbruch der Dämmerung an sein Fenster klopfen würde, um sich nach seinem Erfolg bei Schnuppermaul zu erkundigen. Doch Lumpi kam nicht. Als es dunkel geworden war, lud ihn sein Vater zu einem weiteren «Männerabend» ein, für den er Cheeseburger, Chicken Nuggets, Pommes frites, Muffins und Milchshakes mitgebracht hatte.
«Total ungesund», wäre der Kommentar von Antons Mutter gewesen. Aber sie war ja nicht da, sondern hatte ihr eigenes, vermutlich auch nicht sehr gesundes Essen im Landschulheim.
Bevor Anton zum Festgelage ins Wohnzimmer ging, befestigte er noch schnell mit Tesafilm außen an seiner Scheibe einen Zettel, auf den er geschrieben hatte: Hi Lumpi, ich hab mit Schnuppermaul gesprochen. Alles ist okay, und er erwartet dich an eurem alten Treffpunkt. Anton.
Als er nach einem Abend mit zu viel Essen, etwas Schachspielen und einem Krimi im Fernsehen wieder in sein Zimmer kam, war der Zettel verschwunden. Offenbar hatte Lumpi seine Nachricht gefunden und mitgenommen!
Anton schloss die Vorhänge und ging ins Bett. Irgendwann in der Nacht klopfte es. In der Erwartung, Lumpi zu sehen, sprang er aus dem Bett, lief ans Fenster und schob die Vorhänge zur Seite.
Doch da draußen saß ein Vampirmädchen, auf deren kinnlangen, silberblonden Haaren eine große hellblaue Schleife wippte.
«Olga » Anton hatte Mühe, seinen Schreck zu verbergen.
«Mach auf!», kommandierte sie.
Widerstrebend öffnete er das Fenster. Olga Fräulein von Seifenschwein war die Letzte, die er in seinem Zimmer haben wollte! Nein, noch schlimmer wäre Tante Dorothee ...


«Sei gegrüßt, Anton!», säuselte Olga und schwebte ins Zimmer.
Sie roch nach Lavendel und war so gepflegt, oder eher herausgeputzt, wie immer. Unter ihrem Vampirumhang trug sie ihr übliches Dirndlkleid, diesmal in Hellblau, und dazu die unvermeidliche blütenweiße Schürze.
«Gefalle ich dir?», fragte sie und lächelte eitel.
«Äh — ja», stotterte er — was sollte er auch sonst sagen. «Findest du, Hellblau steht mir?»
«Doch ... »
«Besonders gesprächig bist du ja nicht!»
«Ich hab geschlafen», brummte er.
Auf einmal wurde ihm ganz komisch im Kopf und im Magen.
«Ich glaub, mir wird schlecht», stammelte er und stürzte an Olga vorbei zur Tür, durch den Flur und ins Badezimmer.
Zehn Minuten später kam Anton zurück. Auch jetzt fühlte er sich noch etwas wacklig auf den Beinen. Vor seiner Zimmertür, die Olga zu gemacht haben musste, blieb er stehen und horchte. Insgeheim hoffte er, Olga durch sein plötzliches Verschwinden so gekränkt zu haben, dass sie das Weite gesucht hatte. Doch leider hörte er hinter der Tür Geräusche: das Rascheln von Papier, dann kicherte Olga.
Anton stieß die Tür auf. «He! Lass meine Sachen in Ruhe!»
Olga hatte die Schreibtischlampe eingeschaltet. Antons Blick fiel auf den Teppich, der mit Heften, Zeichnungen, Briefen, Fotos und Spielkarten übersät war. Mittendrin kniete Olga.
«Du hast kein Recht, dich an meinen Sachen zu vergreifen!», rief er.
Olga lachte ihr raues Lachen. «Anstatt dich aufzuregen, solltest du dich lieber freuen.»
Anton schnappte nach Luft. «Freuen? Etwa über das Chaos, das du angerichtet hast?»
Olga stand auf und brachte ihr Dirndlkleid in Ordnung. Du solltest dich freuen, dass ich nichts von dem hässlichen Entlein bei dir entdeckt hab!»
«Von welchem hässlichen Entlein sprichst du?» Anton wollte seine Stimme zornig klingen lassen — so zornig, wie er sich fühlte. Doch sie klang eher matt, weil ihm schon wieder ganz komisch wurde.
«Von Anna natürlich», sagte Olga. «Aber Dracula sei Dank hast du keine Liebesbriefe von ihr. Ich hatte schon mit dem Schlimmsten gerechnet.»
«Erstens ist Anna nicht hässlich. Und zweitens hast du absolut kein Recht —», sagte Anton. Aber da begann es erneut in seinem Magen zu rumoren, und er musste ins Badezimmer flüchten.
Diesmal folgte Olga ihm. Anton saß auf dem Rand der Badewanne und presste einen nassen Seifenlappen gegen seine Stirn, als die Tür aufging und Olga um die Ecke spähte.
«Was machst du eigentlich andauernd hier drinnen?» Sie trat ein und schloss die Tür hinter sich. Neugierig sah sie sich um.
«Das sieht ja aus wie ein Schönheitssalon!», rief sie begeistert.
«Was verstehst du denn von Schönheitssalons?», sagte Anton.
«Einiges», erwiderte sie kühl. «Vampir zu sein, bedeutet nicht, hinterm Mond zu leben.»
Vor allem leben, dachte Anton und unterdrückte ein Grinsen.
«Und in Transsylvanien sind wir erst recht nicht wie die Bauern herumgelaufen», fügte sie hinzu. «Ich hatte sogar eine Dienerin, die nur für meine Toilette zuständig war.»
Anton prustete los. «Nicht mal dahin konntest du allein gehen?»
Zeichnung: Amelie Glienke
Olga warf ihm einen hoheitsvollen Blick zu. «Sehr gebildet bist du anscheinend nicht. Das Wort Toilette kommt aus dem Französischen und wird für die verschiedensten Dinge benutzt, unter anderem für das Abendkleid der vornehmen Dame.»
Anton presste seine Lippen aufeinander. Er wollte nicht lachen, er durfte nicht lachen — schon wegen seines Magens nicht.
Er sah zu, wie sich Olga direkt vor das Spiegelschränkchen stellte, in dem die Kosmetiksachen seiner Eltern waren. Auch das war typisch für Olga: Sie störte sich überhaupt nicht daran, dass sie kein Spiegelbild hatte, ganz im Gegensatz zu Anna, die vor Spiegeln immer den Kopf wegdrehte. Jetzt öffnete sie unverfroren die beiden Spiegeltüren.
«Ist das Riechwasser?» Sie nahm das Parfüm von Antons Mutter heraus und versprühte es in der Luft.
«He, das Parfüm gehört meiner Mutter!» Anton versuchte ihr das Fläschchen abzunehmen. «Du hast wohl überhaupt keinen Respekt vor den Sachen anderer Leute!», fuhr er sie an.
«Erraten», sagte sie. Aber zumindest stellte sie das Parfüm ins Schränkchen zurück. Nun holte sie das Glasgefäß mit der Nachtcreme seiner Mutter heraus. Sie schraubteschraubte den Deckel ab, steckte ihren Zeigefinger ein und verteilte eine großzügige Menge Creme auf ihrer Stubspsnase und ihren Wangen.
«Das ist bestimmt eine Verschönerungscreme, oder? «Ich wette, damit werd ich noch unwiderstehlicher!»
Es ist eine Sonnencreme», behauptete Anton, um sich findest auf diese Weise für ihre Übergriffe zu rächen. Doch das hätte er lieber nicht sagen sollen.
«Was?», kreischte Olga und warf das Gefäß auf den Fliesenboden, wo es zerbrach. «So eine Gemeinheit», schrie sie Anton an. «Jetzt kriege ich unter Garantie Falten!»
«Mach nicht solchen Lärm!», beschwor Anton sie.
Aber es war bereits zu spät, denn in diesem Augenblick wurde energisch gegen die Badezimmertür geklopft.
Olga fing an, wie Espenlaub zu zittern.
Es klopfte noch einmal, und dann ertönte die Stimme von Antons Vater: «Anton? Hast du Probleme?»
Zu Antons großem Glück war es bei Familie Bohnsack üblich, die Tür zum Badezimmer nur nach Aufforderung zu öffnen. Diese Rücksichtnahme verdankte Anton dem Psychologen Herrn Schwartenfeger, der Antons Eltern erklärt hatte, ihr Sohn sei jetzt in dem Alter, in dem er seine «Privatsphäre» brauche.
«Mir war schlecht, Vati», rief er seinem Vater durch die Tür zu. «Ich glaub, ich hab zu viel gegessen.»
«Darf ich reinkommen?», fragte Antons Vater.
«Nein!», rief Anton erschrocken. «Äh, gleich», fügte er hastig hinzu.
«Möchtest du, dass ich dir einen Pfefferminztee koche? Der beruhigt den Magen.»
«Ja, gern!»
Anton hörte, wie sich die Schritte seines Vaters entfernten.
«Du musst verschwinden», sagte er zu Olga, die sich neben dem Waschbecken auf die Fliesen gekauert hatte. «Mein Vater kommt in fünf Minuten zurück.»
Sie wirkte total verängstigt und konnte nur nicken.
Aber Anton wusste ja, mit welch panischer Angst Olga auf laute Schläge gegen geschlossene Türen reagierte. >>>>>>>
Ende des Auszuges

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