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Alexej aus dem Untergrund
FRANCIS HÜSERS
Eine Betrachtung der Stoffgeschichte zu Sergej Prokofjews Oper Der Spieler
eröffnet Interpretationsmöglichkeiten, die das Leben Fjodor Dostojewskis,
verschiedene Prosatexte von ihm und das Libretto von Prokofjews 1929 in Brüssel
uraufgeführter Oper in freien Ausdeutungen miteinander assoziieren lassen.
Im wechselseitigen Vergleich wird dabei deutlich, dass es hier trotz unterschiedlicher
Akzentuierungen innerhalb der verschiedenen Kunstwerke stets um radikale Perspektiven
auf das Verhältnis von Individuum und gesellschaftlichem Umfeld geht
— mal eher psychologisch bei der subjektiven Wahrnehmung des Einzelnen,
mal eher soziologisch verortet als vermeintlich objektive Darstellung gemeinschaftlicher
Prozesse und Zwänge.
VOM LEBEN ZUM ROMAN
Im August 1863 tritt der 41jährige Fjodor Michailowitsch Dostojewski
seine zweite Reise nach West-Europa an. In Paris will er die 21jährige
Studentin Apollinarija Suslowa, genannt Polina, treffen. Zwei Jahre vorher
war sie ihm auf einer Lesung zum ersten Mal begegnet, und 1863 war Dostojewski,
dessen Beziehung zu seiner an Schwindsucht leidenden (ersten) Frau Marija
von Anfang an wohl wenig glücklich verlief, der selbstbewussten Studentin
offenbar längst leidenschaftlich verfallen. Bei der Reise durch Deutschland
blieb Dostojewski eine Weile in Wiesbaden, das Vorbild des fiktiven »Roulettenburg«
sein könnte, im Spielcasino hängen. Bevor er selbst spielte und
beim ersten Mal auch einen kleinen Gewinn einstreichen konnte, will er tagelang
das Roulettespiel und die Spieler zunächst nur beobachtet haben, bis
er meinte, »das Geheimnis« des sicheren Gewinns zu kennen, dessen
letztlich inhaltslosen Kern er in einem Brief formuliert:
»Es besteht darin, daß man sich jeden Augenblick beherrscht und
bei keiner Phase des Spiels hitzig wird. Das ist alles; unter diesen Umständen
kann man unmöglich verlieren und muss unbedingt gewinnen«.'
'Brief an seine Schwägerin, zitiert nach Hamel: F.M. Dostojewskij.
Als er im Sommer1863 dann schließlich in Paris bei Polina ankommt, hat
die sich in einen spanischen Studenten verliebt. Wie in ihrem Tagebuch festgehalten,
will sie Dostojewski am 9. August 1863 einen Brief geschrieben haben, in dem
sie ihm die Beziehung aufkündigt: »Du kommst etwas zu spät«
Noch vor kurzen hatte ich davon geträumt, mit Dir nach Italien zu gehen,
und sogar begonnen, Italienisch zu lernen; innerhalb weniger Tage, in einer
Woche, ist alles anders geworden.
Du hast einmal gemeint, ich sei nicht fähig, mein Herz schnell zu verschenken
— nun habe ich es in wenigen Tagen hingegeben, auf den ersten Ruf, ohne
Widerstand, ohne Gewißheit, ja fast ohne Hoffnung, daß auch er
mich liebt.' Und in den auf den 27. August 1863 datierten Eintragungen dokumentiert
das Tagebuch der Suslowa dann die tatsächliche Aussprache mit Dostojewski
in Paris und ihr Geständnis, sich dem anderen Mann sexuell hingegeben
zu haben. Nichtsdestotrotz bricht sie dann mit Dostojewski Ende August 1863
zu einer Reise über Deutschland (mit erneutem Spielaufenthalt
in Baden-Baden) nach Italien auf, wo sie den September über rastlos
von Geldnöten geplagt herumfahren, während Dostojewski Notizen für
einen Roman anfertigt, den er später unter dem Titel Der Spieler veröffentlichen
wird. Nebenher sammelt er gleichzeitig Material für die Aufzeichnungen
aus dem Untergrund, deren erster Teil 1864 in der gemeinsam mit seinem Bruder
Michail herausgegebenen Zeitschrift Epocha gedruckt wird. Anfang Oktober 1863
trennen sich Dostojewski und Polina in Turin, von wo sie nach Paris zurückfährt,
während er, finanziert durch einen Vorschuss auf den angekündigten
Roman, nach Russland zu seiner schwer kranken Frau Marija aufbricht. Auf dem
Weg durch Deutschland verspielt Dostojewski in Bad Homburg erneut sein Geld
und kann die Zugfahrt nach Hause schließlich nur mit dem von Polina
aus Paris erhaltenen Geld bezahlen, für das sie Uhr und Halskette verpfändet
haben soll. In Russland lebt Dostojewski dann mit seiner todkranken Frau Marija
in Moskau, wo er die Aufzeichnungen aus dem Untergrund zu Ende schreibt und
Marija im April 1864 schließlich stirbt. Den Spieler-Roman diktiert
Dostojewski jedoch erst im Oktober 1866 der 20jährigen Stenotypistin
Anna Grigorewna Snitkina, die dann im Februar 1867 seine zweite Frau wird.
Im zweiten Teil der Aufzeichnungen, mit dem
Untertitel Bei nassem Schnee versehen, deutet sich dann in der Begegnung des
Erzählers mit der jungen Prostituierten Lisa eine Möglichkeit zur
Erlösung dieses »paradoxen Menschen« an — typisch für
eine Figur Dostojewskis bleibt er jedoch letztlich unfähig, die erlösende
Liebe des Mädchens anzunehmen. Danach ist dieses Erzähler-Ich dann
allerdings auch nicht mehr in der Lage, den destruktiven Selbstversuch seiner
Aufzeichnungen fortzusetzen. Die in ihrer radikalen Subjektivität inhaltlich
wie formal äußerst 'modernen Aufzeichnungen aus dem Untergrund
werden durch den Spieler-Roman komplementär ergänzt, als Versuch
nämlich, eben jene gesellschaftliche Situation realitätsnah zu schildern,
als deren Folge die in den Aufzeichnungen formulierte ',paradoxe« Innenwelt
überhaupt erst zu verstehen ist. Hier wie da geht es beständig um
Erniedrigung und Macht, um Scham und Selbstbehauptung, um das mit Füßen
getretene Recht der Person auf soziale Wahrnehmung und Achtung menschlicher
Würde — und schließlich um den Zusammenhang von Herrschaft
und erotischer Lust.
2Aus dem Tagebuch von P. Suslowa, 19.08.'863, zitiert nach
Polina Suslowa: Dostojewskis ewige Freundin, Berlin 1996.
Der Spieler bietet dabei mehr die soziologische,
die Aufzeichnungen die psychologische Perspektive. Und der Konventionalität
der Erzählhaltung des Romans steht die Modernität der Aufzeichnungen
ebenso gegenüber wie der offene Schluss der Aufzeichnungen dem mit der
Reue des Spielers versöhnlich abgerundeten Ende des Romans: Zu einer
bemitleidenswürdigen Verlierer-Existenz heruntergekommen, muss der Spieler
einige Jahre nach den Ereignissen mit Polina bei einem zufälligen Treffen
mit Mr. Astley erfahren, dass er nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch
das Leben der ehemals Geliebten »verspielt« hat, weil er nicht
erkennen konnte, dass sie ihn in Wahrheit aufrichtig liebte.
Dostojewskis Spieler-Roman sind formale Mängel vorgeworfen worden, die
mit der fehlenden Zeit zur Ausarbeitung erklärt werden — dazu wäre
dann gerade auch dieses Ende zu zählen, mit dem der eigentliche Konfliktstoff
des Romans durch die explizite Formulierung der Reue des Helden verdampft
und unschädlich gemacht wird — kein Zufall, dass der Schlussteil
des Romans jeglicher autobiographischer Züge des ansonsten mit dem Leben
Dostojewskis so eng verwobenen Stoffs entbehrt. Und Prokofjew hat ein ausgesprochen
feines Gespür für den Gehalt des Romans bewiesen, da er dieses Ende
eben nicht vertont, sondern die Handlung nach dem Gewinn Alexejs für
Polina und dem Geld-ins-Gesicht-Werfen abbrechen lässt. Dieser Abbruch
entspricht auch der destruktiven Begegnung der Liebenden aus den Aufzeichnungen
aus dem Untergrund, in denen der Erzähler abschließend feststellt:
„Wenigstens habe ich mich während des Schreibens dieser Novelle
die ganze Zeit geschämt: also ist das schon nicht mehr Literatur, sondern
Korrektionsstrafe. Denn lange Geschichten zu erzählen darüber, wie
ich mein Leben verfehlt habe durch moralische Verwesung in meinem Winkel,
durch den gänzlichen Mangel der Atmosphäre eines Wirkungskreises,
durch Entwöhnung von allem Lebendigen und durch all die mit Sorgfalt
gepflegte Bosheit im Untergrund, — das ist bei Gott, alles andere, nur
nicht unterhaltend. In einem Roman muss es einen Helden geben. Hier aber sind
absichtlich alle Eigenschaften eines Anti-Helden zusammengesucht, und vor
allen macht das Ganze einen äußerst unangenehmen Eindruck. [...]
Doch genug. Ich mag nicht mehr >aus
dem Untergrund< schreiben.3
3 Fjodor Dostojewski: -Aufzeichnungen aus dem Untergrund«,
zitiert nach Werke, Übersetzung von E. K. Rahsin, Bd., Der Spieler. Späte
Romane und Novellen.
VOM ROMAN ZUR OPER
Dostojewski diktiert den Spieler-Roman nach seinen Aufzeichnungen in kürzester
Zeit in einem durch, weil er wegen seiner Schulden unbedingt die Abgabefrist
des Verleger-Vertrags einhalten muss. Das Autobiographische aus den auf der
Reise mit Polina gemachten Notizen schlägt überall durch —
die Spielsucht genau so wie die sexuelle Leidenschaft. Prokofjew nun nimmt
diesen heiß dem Leben abgerungenen Stoff für ein sowohl formales
wie inhaltliches Experiment. Man könnte sogar denken, Prokofjew sei weniger
an dem psychologischen Plot Dostojewskis interessiert gewesen als daran, durch
den Rückgriff auf ein Werk des großen russischen Schriftstellers
den Erfolg der eigenen Kunst zu fördern; zumal es hier um die erste russische
Oper ausschließlich nach einem Sujet von Dostojewski geht. Und schließlich
könnte an diesem Werk ja auch erneut der Begriff der »Literaturoper«
diskutiert werden — nicht zuletzt mit Verweis auf die Tatsache, dass
Prokofjew bei der von ihm selbst vorgenommenen Einrichtung des Librettos viele
Dialogpassagen aus dem Roman unverändert übernehmen konnte.
Es ist ein kalter, sozial-psychologischer Fokus, den Prokofjew an die Stelle
von Dostojewskis zur Identifikation mit dem Ich-Erzähler einladenden
Beschreibungen setzt. Bei Prokofjew erleben wir alle Figuren aus der Distanz
und müssen uns fragen, welche Verhältnisse un¬ter ihnen herrschen,
was sie voneinander wissen und denken. In diesem Sinne ist es nur folgerichtig,
dass die Szene im Spielcasino, die Alexej als Einzelnen im Gewinner-Rausch
vor öffentlichem Publikum der ihn umgebenden Spieler-Gesellschaft zeigt,
zum Höhepunkt der Oper wird. Ulrich Schreiber hat die Komposition der
Spielerszene mit Techniken des Films verglichen und konstatiert, dass die
«aus dem Sprachduktus gewonnene melodische Motivik« es Prokofjew
hier erlaube, die Spieler »wie mit der Zoomkamera« abzufahren:
«im¬mer wieder fällt ein Spotlight auf einen der Besessenen«,
wodurch sich die »soziale Isolie¬rung der Figuren« und zugleich
ihre »Entindividualisierung« zeige.'
Obwohl sie bei Dostojewski nur in Form eines stark gerafften Berichts vorkommt,
den Alexej dem Leser im Nachhinein gibt, kann Prokofjew für den Text
der Szene im Spielcasino im übrigen doch auf den Roman zurückgreifen,
weil Dostojewski im zweiten Kapitel mit den Beobachtungen Alexejs im Spielcasino
genügend Material für typische Situationen und eindeutige Spieler-Typen
unterschiedlicher Provenienz liefert, dem die entscheidenden Impulse für
die Spielszene im Casino zu entnehmen sind.
Nicht nur wegen vielleicht erforderlicher Szenenumbauten trennt Prokofjew
die Casinoszene zudem durch die beiden Zwischenspiele im 4. Akt ab und hebt
sie dadurch formal noch einmal hervor. Als Besonderheit ist sie des weiteren
auch durch die Besetzung markiert, denn hier agieren neben Alexej 21 Solisten
als Spieler, Croupiers und Casino-Direktor, die alle bis zu diesem Zeitpunkt
in der Oper nicht vorgekommen sind. Und schließlich kommt sogar noch
ein Chor zum Einsatz, wenn beim nachfolgenden Zwischenspiel, also nach Alexejs
Triumph, die Chorstimmen hinter der Szene als Stimmen im Kopf von Alexej die
Gesellschaftlichkeit der Spielsituation in die Intimität der abschließenden
Begegnung mit Polina hinein verlängern.
"Ulrich Schreiber: Opernführer
für Fortgeschrittene
Ganz offensichtlich kann Prokofjew dem Reiz
zu einer detailfreudigen Vertonung der Spielerszene schon aus handwerklich-künstlerischen
Gründen nicht widerstehen, denn die meisterliche Art, mit der er hier
bestimmte Effekte realisiert, verrät im Ergebnis die kreative Lust beim
Komponieren: Der sich steigernde Rausch des wiederholten Spiels; die Einwürfe
der Spieler die im Gegensatz zu den äußerst spärlichen Bemerkungen
Alexejs immer mehr die Oberhand gewinnen, bis im höchsten Triumph Alexej
selbst an der Szene nicht mehr teilnimmt und sein Gewinner-Rausch nur noch
mittels der Kommentare der anderen erfahrbar ist; die tonmalerische Gestaltung
des Spielverlaufs selbst mit der Musik der rollenden Kugel und dem vorwärts
drängenden Tempo beim Spielen. All dies bliebe jedoch inhaltsleere Artistik,
wenn damit nicht auch ein Fokuswechsel angezeigt wäre, bei dem etwas
Paradoxes zutage tritt. Denn Prokofjews Spielerszene denunziert eine reale
gesellschaftliche Situation, indem sie den phantastischen Traum eines Spiel
süchtigen naturalistisch wiedergibt.
Bei Dostojewski hingegen ist kaum zufällig eben diese Szene nicht unmittelbar
dargestellt, sondern der distanzierten, nachträglichen Reflexion Alexejs
vorbehalten, wodurch sie beinahe eine ebenso viel sagende Leerstelle darstellt
wie die gleichfalls nicht explizit erzählte, aus Dostojewskis Text aber
eindeutig erschließbare Tatsache, dass Alexej und Polina Sex miteinander
haben, bevor Polina dann abschließend am Morgen der gemeinsam verbrachten
Nacht das von Alexej erhaltene Geld ihm ins Gesicht wirft. Es ließe
sich folgern, dass Dostojewski mit den Erzähltechniken der distanzierten
Raffung und der offensichtlichen Aussparung sowohl den Spiel-Triumph wie auch
die sexuelle Hingabe Polinas als Wunschträume Alexejs markiert —
beides sind Erlösungsfiktionen für ein Ich ”aus dem Untergrund«,
das autistisch gestört zu einer vernünftigen, bürgerlichen
Existenz nicht fähig ist, was ja hieße, in fleißiger Arbeit
Erfolg und in der Ehe Liebesglück zu suchen, wie es die von Alexej bespöttelten
Deutschen tun. Prokofjew realisiert diese Situation—schon weil im Verlauf
der Oper es hier unmöglich wäre, das Verstreichen einer ganzen Nacht
anzudeuten — musikalisch in nur wenigen Takten, in denen die Musik zu
einem ekstatischen Höhepunkt kommt, erwartbar gefolgt von einer Generalpause.
So ist vom Orchester in Zeitraffer gesagt, was auf der Bühne auch mit
genügend Zeit ohnehin nicht darstellbar wäre.
WER IST MR. ASTLEY?
Versteht man Prokofjews Oper als Darstellung
einer Entwicklung, die Alexej vom leidenschaftlich Liebenden zum hoffnungslos
Spielsüchtigen werden lässt, verpasst man sowohl die hinter dem
oberflächlichen Plot liegende Satire wie auch die damit transportierte
Frage nach dem Recht des Einzelnen auf Identität.
Dass hierin tatsächlich ein zentrales
Thema der Handlung liegt, offenbart sich, wenn man zu ergründen versucht,
wer was von wem weiß bzw. was denn die Figuren wohl vermeintlich übereinander
denken. Pointiert wird das beispielsweise dadurch, dass Alexej den Eindruck
hat, alle anderen wüssten mehr über Polina als er, der er sie doch
zu lieben meint. Er fühlt sich als Außenseiter in einem sozialen
Geflecht, in dem Wissen anscheinend Kapital bedeutet: Wenn alle versuchen,
den anderen ein Bild von sich zu verkaufen, das ihren Interessen dient, ohne
diese zu verraten, sich aber nicht sicher sein können, ob diese Vorspiegelung
funktioniert, weil sie selbst nicht wissen, welche Position sie in diesem
Geflecht einnehmen, vielleicht nicht einmal wissen, was »in Wirklichkeit«
ihre Interessen sind, entsteht ein Labyrinth, in dem niemand mehr sagen kann,
was nun «Bild« und was »Wahrheit« ist.
In Mr. Astley, eigentlich einer Nebenrolle,
scheint dieses Prinzip des imaginierten sozialen Wissens versinnbildlicht
zu sein, denn er wird zum geheimnisvollen Unbekannten, bei dem manche Fäden
zusammenzulaufen scheinen. Das kann als unfreiwilliges Ergebnis der »Mängel«
des Romans von Dostojewski gedeutet werden; denn Astley war für Dostojewski
zunächst zweifellos in seiner Neutralität (ein Engländer
zwischen Russen, Deutschen und Franzosen) als moralisch positive Figur
innerhalb eines im Übrigen durchtrieben nur die eigenen Interessen verfolgenden
Personals gemeint. Daraus hat sich dann eine Figur entwickelt, die Informationen
sammelt und diese vielleicht auch nutzt, ohne selbst jemals sichtbar aktiv
einzugreifen.
Vor dem Hintergrund dieser breiten Interpretations- und Bezugsmöglichkeiten
stellt die Produktion von Dmitri Tcherniakov die Themen Spielsucht, Leidenschaft
und Ich- Identität in einen komplexen Zusammenhang. So spielt die Bühne,
die Tcherniakov sich selbst für seine Inszenierung entworfen hat, auf
die Mittel filmischer Erzählweisen im Theater an, indem etwa Bühnenbewegungen
wie Kamerafahrten konzipiert sind, die als solche natürlich interpretierenden
Fokuswechseln entsprechen. Zudem scheint das System des imaginierten sozialen
Wissens mit Hilfe der Bühnenarchitektur illustrierbar, da wir hier beispielsweise
eine Figur in einem vom Geschehen abgetrennten Raum erleben können, während
gleichzeitig über sie in dem Raum, in dem das eigentliche szenische Spiel
stattfindet, gesprochen wird.
Die Bühne repräsentiert auf diese Weise etwas, was das »Prinzip
Mr. Astley« zu nennen wäre. Der allerdings ist nicht nur der große
Unbekannte, der mehr dramaturgische denn dramatische Funktion hat. Paradoxerweise
ist er gleichzeitig auch der positive Gegenentwurf zu jenem Ich »aus
dem Untergrund«. In seiner »tatarischen« Art würde
Alexej zwar niemals ernsthaft eine so betont englisch anmutenden Identität
wie die von Mr. Astley
anstreben, hieße das doch neutral und überlegen, aber auch kühl
und distanziert zu sein. Dennoch ist in dem englischen Gentleman so etwas
wie ein irreales Wunsch-Alter-Ego für Alexej zu entdecken, eine Existenz
jenseits des ›Untergrunds« — eine, von der wohl alle Figuren
Dostojewskis heimlich träumen.
Etwas akzentuierter ließe sich das Spiel mit dem imaginierten sozialen
Wissen schließlich auch auf ein politisches System des Spitzel- und
Denunziantentums beziehen, wie es zweifellos im stalinistischen Apparat der
Sowjetunion herrschte, in die Prokofjew Ende der 1930er Jahre wieder zurückkehrte,
nachdem er sie 1918 bei ihrer Gründung verlassen hatte.
Die von Dostojewski entworfene Satire einer westlich orientierten, Kapital
fixierten Gesellschaft der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Vorlage
einer (unfreiwilligen) Kritik am realsozialistischen
Staatsapparat? Es mag als die berüchtigte Ironie der Geschichte verstanden
werden, dass Prokofjews Musiktheater solch antagonistische Assoziationen provoziert.
Anm.
Kultur Fibel Redaktion:
In der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts wurde deutlich, dass der zügellose Kapitalismus
zur Vereinsamung der Individuen und zum Verfall der Kapital fixierten Gesellschaft
führt. Der Mensch, das humane Wesen wurde von dem idiologischen Dogma
und der menschenverachtenden Schacher (Kapital) Gesellschaft angegriffen.
Beweis 2008:
Die zügellosen Kapital fixierten Gesellschaften unserer Zeit, mit ihren
illusionären Werbe- und PR-Welten, die das humanistischen Leben bedrängen
und die Verursacher, der erkennbaren physischen und psychischen Schäden
an den Individuen sind.
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Ein
Labyrinth
DMITRI TCHERNIAKOV
Aus dem Russischen von Julia Lukjanova
Die Handlung der Oper Der Spieler findet in
»Roulettenburg« statt. Diese Stadt gibt es nicht auf der Karte,
es gibt sie nirgendwo. Der Name besteht aus zwei Wörtern, zur einen Hälfte
ist er Französisch, zur anderen Hälfte Deutsch, was bestätigt,
dass es hier keine nationalen Wurzeln der Gegend gibt.
Nichts ist so, wie es scheint.
Der General, den alle für eine furchtbar reiche und respektvolle Persönlichkeit
halten, ist in Wirklichkeit keine respektvolle Person: Er ist ein Mensch,
der sich im Leben verirrt hat, arrogant, einer, der die Realität nicht
versteht und vollkommen verschuldet ist. Blanche ist keine berühmte junge
Dame, sondern ein »leichtes Mädchen,, (eine, die sich verkauft).
Der Marquis ist kein Marquis, sondern ein Gauner. Der russische Name der Polina
ist Praskowja, aber sie nutzt die lateinische Form des Namens. Die innere
Praskowja ist nicht dieselbe wie die äußere Polina. Sie hat den
Marquis geliebt, aber sie nahm sein Äußeres für sein wahres
Inneres. Alexej durchschaut den Marquis, aber er hält Polina für
jemand anderes. In Roulettenburg ist nichts, was es wirklich ist.
Alles geschieht in einer Art Labyrinth, das an ein Hotel erinnert, wo sich
alle unsere Helden treffen. Sie kommen hierher, um ihre Wünsche zu erfüllen.
Niemand möchte auf seine Wün¬sche verzichten. Alle werden von
ihren Leidenschaften geführt. Wir sehen Alexej, Polina, den General,
die Babulen'ka, jeden in einem Hotelzimmer, das auch gleichzeitig ein innerer
Keller ist. Niemand ist im Stande die ganze Fläche zu erkennen, das komplette
Labyrinth. Alle sind verschlossen, es ist wie in einer geschlossenen Welt,
die vom Schicksal gelenkt wird.
Alle unsere Figuren sind davon überzeugt, dass sie das Leben meistern
können, sie möch¬ten mit einer Bewegung die ganze Welt verändern.
Aber in Wirklichkeit befinden sich alle in einem Abhängigkeitssystem.
Alle sind schutzlos, sowohl von außen als auch von innen — Schutzlosigkeit
bei einem sichtbar guten Leben.
Im ersten Akt der Oper erscheint Alexej als objektiver und vertrauenswürdiger
Beobachter dieser Welt. Am Anfang akzeptieren wir seine Vorstellung von Polina
als einer brutalen Frau, die ihn ausnutzt, wie es ihr gefällt, und von
ihm selbst als unglücklich Verliebten. Aber wir vertrauen einem falschen
Menschen. Alexej und Polina sind zutiefst erniedrigt. Polina vom Marquis,
und Alexej von Polina und dem Schicksal, über das er leidenschaft¬lich
triumphieren möchte. Der große Wunsch nach Macht über Polina,
das Bedürfnis, das Schicksal herauszufordern, vergiften ihre Beziehung.
Er denkt, dass er mit Hilfe des Geldes, mit dem Gewinn beim Roulette, ein
anderer Mensch für Polina sein wird, kein Sklave mehr und keine Null.
Jeder hält jeden für jemand anders.
Jeder erlebt seine Niederlage, seine eigene Katastrophe.
Die Babulen'ka kommt nach Roulettenburg, eine Herrin über das Leben,
sie kennt den Preis von jedem und allem, treffend erteilt sie jedem eine genaue
und enthüllende
Charakterisierung. Nicht einmal sie wusste, was in ihr selbst vor sich geht
— und sie war doch überzeugt, dass sie das Leben beherrscht.
Niemand beherrscht irgendetwas. Niemand ist in Wirklichkeit frei.
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