Literatur, Essays, Philosophie

Hol' deinen Bruder
an deinen Tisch


aus "Deutsche Weihnacht in Canada" 1954
Walter Bauer

Es war kein Haus, in dem man sehr lange wohnte. Wer hier einzog, war unten angekommen und musste sein Brot auf dem Grunde der Tiefe suchen wie der Taucher die Perlen. Wir wohnten ziemlich lange in dem Haus, und wenn wir aus unserer Höhe zu den Fenstern hinaussahen, bemerkten wir oft Wagen, von denen neue Mieter ihren armseligen Hausrat abluden oder es waren ausziehende, die für ihren Tisch, für ihr Bett und den Schrank einen anderen Ort suchten. Ich glaube, das Haus hielt sich nur deshalb mühsam aufrecht, damit wir einen Platz in der Welt hatten. Manchmal nachts konnte man ein Flüstern und Rieseln hören, das nicht von menschlichen Stimmen kam. Das war das Haus; es seufzte ein wenig.
Leute kamen mit dem Einbruch des Winters. Sie hatten nicht mehr als andere vor ihnen. Wir wussten es, denn sie wohnten über uns in einem Raum, und die Sachen wurden an uns vorbeigetragen. Allerdings besaßen sie ein Sofa, auf dem wohl der Junge schlief. Sie waren also zu dritt. Ich erinnere mich auch des Namens; er hieß Nino Andreoli. Solche Namen hatten wir nicht. Ich kann mich deshalb so gut erinnern, weil ich schon fünfzehn war, das erste Jahr in der Lehre. Er war dreizehn, dunkelhaarig, sehr blass und still. Ich habe ihn nie mit den Jungen des Hauses zusammengesehen. Meine Mutter sagte, er hätte immer in der Stube gesessen, allein in der stummen kalten Gesellschaft von Tisch, Stuhl, Bett und Schrank, denn die beiden, sein Vater und seine Mutter, waren sehr oft nicht zu Hause; aber man wusste nicht, wovon sie lebten. Wir hörten manchmal ihre Stimmen über uns; sie stritten dann wohl miteinander. Der Mann sprach sehr schnell. Es war keiner von uns. Dann lachten sie wieder; sie hatten sich versöhnt.
Der Winter damals kam sehr schnell und mit großer Härte. Die Bauarbeiten mussten eingestellt werden, und mein Vater saß zu Hause am kleinen Ofen und starrte auf seine Hände. Sie waren geschaffen, auszuschachten, Ziegel zu tragen und zuzureichen. Jetzt waren sie tot und verdienten nichts. Ich war Lehrling im ersten Jahr und brachte nur meinen Hunger nach Hause. Es war gut, dass meine Mutter zwei Aufwartungen hatte. Manchmal brachte sie Essen mit und das reichte dann für einen Abend. Auch andere Männer im Haus hatten keine Arbeit. Das Haus stöhnte Nachts vor Kälte. Die Stuben ohne Wärme strömten ihre eisige Luft durch das Gebirge der Stockwerke und erdrückten die Glut in den Öfen. Der Frost hockte auf den Treppen, sprengte die Wasserleitungen, verstopfte alles, trieb die Menschen zueinander. Manchmal gingen sie fort, aber nur das gehen machte sie einen Augenblick warm, denn Arbeit gab es nur, wenn sie in den Strassen Schnee schippen konnten. Mein Vater ging mit ihnen. Die Tage waren unermeßlich lang, die Nacht wurde eingeengt von dem langen, finsteren Tag und von der Furcht vor dem kommenden. Wir warteten damals nicht auf Weihnachten, meine Eltern bestimmt nicht; ich schon, ein wenig. Mein Vater wollte auch keinen Baum sehen, er konnte ja nur seine leeren Hände als Geschenk auf den Tisch legen. Meine Mutter sagte, einen kleinen Baum müssten wir haben, und ich holte auch einen hübschen kleinen in der Dämmerung, draußen im Stadtpark.

Es war doch schöner, als wir gedacht hatten, denn die Mutter brachte von ihrer Aufwartung eine Menge Sachen zum Essen mit, auch Gebäck, für den Vater ein paar Socken, für mich eine Strickjacke, und die Mutter hatte einen Kragen aus schwarzem Krimmer geschenkt bekommen. Ich wollte der Mutter ein kleines Wandbrett mit Haken schenken, das ich selber gemacht hatte, man konnte Handtücher und Wischtücher daran aufhängen. Am Nachmittag waren mein Vater und ich zu Hause, und wir hatten gerade ausgewaschen und alles sauber gemacht und waren dabei, den kleinen Baum zu schmücken. Mein Vater war auf einmal froh geworden; eine saubere, warme Küche gibt auch gute Gedanken.

Dann hörten wir Stimmen im Haus. Sie kamen herauf. Wir hörten, dass die Türen aufgemacht wurden, und durch die Unruhe und durch die Stimmen stiegen schwere Tritte empor, hielten einen Augenblick vor unserer Tür und gingen weiter. Dann wollten sie also zu Andreolis; darüber wohnte niemand mehr. Ich war schon an der Tür und sah zwei Polizisten die Treppe emporsteigen. "Die Polizei, Vater" flüsterte ich. Mein Herz verkroch sich. "Nicht zu uns, mein Junge" sagte der Vater. "Ich habe es ja kommen sehen, da oben stimmt es doch auch nicht."
Wir lauschten. Das ganze Haus war zu Ohr geworden, und es war gierig nach oben gereckt, um alles zu hören. Über uns sprachen Stimmen gegeneinander; die ruhigen Stimmen der Polizisten, die schnelle heftige Stimme Andreolis, dazwischen das hohe spöttische Lachen der Frau. Dann wurde es still. Die Schritte der Polizisten kamen wieder herab und umschlossen die Schritte Andreolis und seiner Frau. "Man hat sie geholt", flüsterte ich.

"Was haben sie denn getan?"— "Ich weiß nicht" sagte mein Vater. "Wer weiß, was sie getan haben. Es ist ein Elend in der Welt. "Mein Junge", sagte er, "es ist genug da, von allem, genug in der Welt. Aber es ist nicht richtig verteilt."

Was ging es uns an. Wir hießen nicht Andreoli, wir hatten nicht gestohlen oder uns an einer dunklen Geschichte beteiligt. Wir waren arm und ehrlich.

Dann kam meine Mutter mit den schönen Geschenken, und mehr als ein paar Worte redeten wir nicht von dieser Sache. Wir wollten den Heiligen Abend feiern; einmal wollten wir die Armut vergessen. Wir hatten einen Baum. Ein paar kleine Kerzen brannten. Die Mutter legte alle Sachen, die sie bekommen hatte, unter den Baum auf den Tisch, und ich holte aus meinem Versteck die fünf Zigarren für den Vater und das kleine Wandbrett für die Mutter hervor. Ich bekam etwas Wunderbares. Meine Mutter hatte bei den Leuten, bei denen sie wusch, ein paar alte Schlittschuhe geschenkt bekommen.

Wir setzten uns an den Tisch und aßen. Plötzlich sagte meine Mutter; "Ist der Junge oben auch geholt worden?" — "Nein" sagte mein Vater "Nur die beiden, der Mann und die Frau."
"Dann ist der Junge allein. Ist er oben?" Wir wussten es nicht. Wir hatten nichts gehört, über uns war es still. "Geh hinauf", sagte meine Mutter zu mir, "und sieh nach, ob er da ist, und bring ihn herunter. Er soll mitessen." Meine Mutter sah den Vater an. "Es schmeckt mir nicht, Vater", sagte sie. "Nein, hole ihn."
Ich stand auf und tastete mich durch die kalte Finsternis die Treppe empor. Die Kälte hatte wie ein Hund in allen Ecken gelegen und fiel mich an. Ich sah durch das Schlüsselloch einen schwachen Schein fließen, und ich beugte mich nieder, um hindurchzublicken.
Damals habe ich etwas gesehen und es nie mehr vergessen. Zum erstenmal sah ich, wie es ist, wenn einer allein ist, dass es außer ihm selbst auf der ganzen Welt nichts gibt als Finsternis und Kälte. Ich sah eine Kerze, die auf dem Tische stand, und in ihrem Schein, der sich kaum bewegte, das Gesicht des Jungen. Er starrte in das Licht, reglos, er hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er war allein.
Das habe ich begriffen.
Allein in der Welt voller Menschen.
Ich klopfte an die Tür und trat ein. Ich blieb an der Tür stehen. Er sah mich an, ohne aufzustehen. "Ninon," sagte ich, "du möchtest zu uns kommen und mitessen." Er sah mich, und sein Gesicht war blass. Und dann fiel sein Kopf mit dem dunklen Haar, als wäre er von einer schrecklichen Hand abgeschlagen worden, auf seinen linken Arm. "Komm mit herunter", sagte ich, "meine Mutter schickt mich. Wir essen gerade." Er rührte sich nicht. Zögernd ging ich hinaus, stolperte durch die Finsternis hinab und machte unsere Tür auf. Wunderbar schwebte mir die Wärme entgegen. Sie umarmte mich, sie liebkoste mein Gesicht. "Er kommt nicht, Mutter", sagte ich. "Er sitzt am Tisch und sagt nichts."

"Ich hole ihn", sagte meine Mutter, "er kann nicht allein da oben bleiben, und wir lassen es uns gut sein." Sie stand auf und ging hinaus, und wir saßen still am Tisch und warteten. Weiß man, wie Schweigen sich in Stille verwandeln kann? Ich bin froh, es zu wissen, denn ich habe es erfahren, und heute kann ich es besser aussprechen als damals. Heute verstehe ich meine Mutter. Sie musste aufstehen, sie konnte nicht anders. Es mußte einer da sein, ganz einfach einer, der die Würde des Menschen rettete. Es musste einer vom Tisch aufstehen und durch die Finsternis hinaufgehen, und meine Mutter ist es gewesen. Sie hat keine großen Worte gemacht. Ich glaube, dass bei den großen Worten und den großen Botschaften etwas ist, was den Menschen erlaubt, sich zu verbergen und sitzen zu bleiben. Meine Mutter hat nur gesagt: "Er soll unsere Suppe mit uns essen." Und wir haben unten gegessen und gewartet und haben nicht gehört, was meine Mutter bei dem kleinen Andreoli gesprochen hat. Die Tür ist aufgegangen, und aus der Finsternis trat sie mit ihm herein. Sie hatte ihren Arm um seine Schulter gelegt und führte ihn an unsern Tisch. "Setz dich, mein Junge", sagte mein Vater, "und iß mit uns". Er saß bei uns und aß unsere Suppe, und meine Mutter füllte auch ihm den Teller mit Kartoffeln und Fleisch. Wir sprachen nicht von seinem Vater und seiner Mutter. Meine Eltern fragten ihn, wo sie gewohnt hätten und so etwas, und er antwortete.

"Du mußt heute hier unten bleiben", sagte meine Mutter und zu mir: "Ihr könnt zusammen schlafen." Wir tranken zusammen den Kaffee, der heute ein wenig schwärzer war, und meine Mutter tat für jeden einen kleinen Löffel Zucker hinein. Wir aßen von dem Gebäck, und ich spielte auf meiner Mundharmonika die alten Lieder. "Vielleicht kann Nino auch spielen", sagte meine Mutter und ich klopfte die Harmonika auf den Knien ab und gab sie ihm. Er sah mich an und lächelte. Es war ein zartes, ein bißchen schüchter-nes Lächeln, das in seinem Gesicht erschien. Er hob die Harmonika an den Mund und spielte, zuerst zaghaft und dann wunderbar voll, und dabei sah er zu Boden. Wir sahen ihn an.
"Er spielt gut", sagte mein Vater. "Gut, Nino. " — "Er",
sagte ich, "er spielt viel besser als ich".
"Dank, Dank!" spielte er. "Ich bin nicht allein.
- Nicht mehr allein. Dank!"

Walter Bauer, Friedenspreisträger


"Hol' deinen Bruder an deinen Tisch"
Geschichte von einem einsamen Jungen, der sehr glücklich wurde,
ohne finanzielle Geschenke.

Eine Geschichte zum 24. Dezember, im tiefen Schnee, in Canada (Kanada)
Walter Bauer, Friedenspreisträger


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