Literatur, Essays,
Philosophie
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Es
war kein Haus, in dem man sehr lange wohnte. Wer hier einzog, war unten angekommen
und musste sein Brot auf dem Grunde der Tiefe suchen wie der Taucher die Perlen.
Wir wohnten ziemlich lange in dem Haus, und wenn wir aus unserer Höhe zu den
Fenstern hinaussahen, bemerkten wir oft Wagen, von denen neue Mieter ihren
armseligen Hausrat abluden oder es waren ausziehende, die für ihren Tisch,
für ihr Bett und den Schrank einen anderen Ort suchten. Ich glaube, das Haus
hielt sich nur deshalb mühsam aufrecht, damit wir einen Platz in der Welt
hatten. Manchmal nachts konnte man ein Flüstern und Rieseln hören, das nicht
von menschlichen Stimmen kam. Das war das Haus; es seufzte ein wenig. Es war doch schöner, als wir gedacht hatten, denn die Mutter brachte von ihrer Aufwartung eine Menge Sachen zum Essen mit, auch Gebäck, für den Vater ein paar Socken, für mich eine Strickjacke, und die Mutter hatte einen Kragen aus schwarzem Krimmer geschenkt bekommen. Ich wollte der Mutter ein kleines Wandbrett mit Haken schenken, das ich selber gemacht hatte, man konnte Handtücher und Wischtücher daran aufhängen. Am Nachmittag waren mein Vater und ich zu Hause, und wir hatten gerade ausgewaschen und alles sauber gemacht und waren dabei, den kleinen Baum zu schmücken. Mein Vater war auf einmal froh geworden; eine saubere, warme Küche gibt auch gute Gedanken. Dann hörten wir Stimmen im Haus. Sie kamen
herauf. Wir hörten, dass die Türen aufgemacht wurden, und durch die Unruhe
und durch die Stimmen stiegen schwere Tritte empor, hielten einen Augenblick
vor unserer Tür und gingen weiter. Dann wollten sie also zu Andreolis; darüber
wohnte niemand mehr. Ich war schon an der Tür und sah zwei Polizisten die
Treppe emporsteigen. "Die Polizei, Vater" flüsterte ich. Mein Herz verkroch
sich. "Nicht zu uns, mein Junge" sagte der Vater. "Ich habe es ja kommen sehen,
da oben stimmt es doch auch nicht." "Was haben sie denn getan?" "Ich weiß
nicht" sagte mein Vater. "Wer weiß, was sie getan haben. Es ist ein Elend
in der Welt. "Mein Junge", sagte er, "es ist genug da, von allem,
genug in der Welt. Aber es ist nicht richtig verteilt." |
Was ging es uns an. Wir hießen nicht Andreoli, wir hatten nicht gestohlen oder uns an einer dunklen Geschichte beteiligt. Wir waren arm und ehrlich. Dann kam meine Mutter mit den schönen Geschenken, und mehr als ein paar Worte redeten wir nicht von dieser Sache. Wir wollten den Heiligen Abend feiern; einmal wollten wir die Armut vergessen. Wir hatten einen Baum. Ein paar kleine Kerzen brannten. Die Mutter legte alle Sachen, die sie bekommen hatte, unter den Baum auf den Tisch, und ich holte aus meinem Versteck die fünf Zigarren für den Vater und das kleine Wandbrett für die Mutter hervor. Ich bekam etwas Wunderbares. Meine Mutter hatte bei den Leuten, bei denen sie wusch, ein paar alte Schlittschuhe geschenkt bekommen. Wir setzten uns an den Tisch und aßen. Plötzlich
sagte meine Mutter; "Ist der Junge oben auch geholt worden?" "Nein"
sagte mein Vater "Nur die beiden, der Mann und die Frau." "Ich hole ihn", sagte meine Mutter, "er kann nicht allein da oben bleiben, und wir lassen es uns gut sein." Sie stand auf und ging hinaus, und wir saßen still am Tisch und warteten. Weiß man, wie Schweigen sich in Stille verwandeln kann? Ich bin froh, es zu wissen, denn ich habe es erfahren, und heute kann ich es besser aussprechen als damals. Heute verstehe ich meine Mutter. Sie musste aufstehen, sie konnte nicht anders. Es mußte einer da sein, ganz einfach einer, der die Würde des Menschen rettete. Es musste einer vom Tisch aufstehen und durch die Finsternis hinaufgehen, und meine Mutter ist es gewesen. Sie hat keine großen Worte gemacht. Ich glaube, dass bei den großen Worten und den großen Botschaften etwas ist, was den Menschen erlaubt, sich zu verbergen und sitzen zu bleiben. Meine Mutter hat nur gesagt: "Er soll unsere Suppe mit uns essen." Und wir haben unten gegessen und gewartet und haben nicht gehört, was meine Mutter bei dem kleinen Andreoli gesprochen hat. Die Tür ist aufgegangen, und aus der Finsternis trat sie mit ihm herein. Sie hatte ihren Arm um seine Schulter gelegt und führte ihn an unsern Tisch. "Setz dich, mein Junge", sagte mein Vater, "und iß mit uns". Er saß bei uns und aß unsere Suppe, und meine Mutter füllte auch ihm den Teller mit Kartoffeln und Fleisch. Wir sprachen nicht von seinem Vater und seiner Mutter. Meine Eltern fragten ihn, wo sie gewohnt hätten und so etwas, und er antwortete. "Du mußt heute hier
unten bleiben", sagte meine Mutter und zu mir: "Ihr könnt zusammen schlafen."
Wir tranken zusammen den Kaffee, der heute ein wenig schwärzer war, und meine
Mutter tat für jeden einen kleinen Löffel Zucker hinein. Wir aßen von dem
Gebäck, und ich spielte auf meiner Mundharmonika die alten Lieder. "Vielleicht
kann Nino auch spielen", sagte meine Mutter und ich klopfte die Harmonika
auf den Knien ab und gab sie ihm. Er sah mich an und lächelte. Es war ein
zartes, ein bißchen schüchter-nes Lächeln, das in seinem Gesicht erschien.
Er hob die Harmonika an den Mund und spielte, zuerst zaghaft und dann wunderbar
voll, und dabei sah er zu Boden. Wir sahen ihn an. Walter Bauer, Friedenspreisträger |
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"Hol'
deinen Bruder an deinen Tisch" Eine
Geschichte zum 24. Dezember, im tiefen Schnee, in Canada (Kanada)
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