Brief
an die Bundeskanzlerin Angela Merkel
Geschrieben von: Abraham Melzer
An die Bundeskanzlerin Angela Merkel
Bundeskanzleramt
Willy-Brandt-Strasse 1
10557 Berlin
8. Oktober,2011
Sehr geehrte Frau
Bundeskanzlerin,
der palästinensische
Präsident Mahmud Abbas hat seine Rede vor der UN-Generalversammlung
mit folgenden Worten beendet: Genug, genug, genug.
Dies waren nicht zufällig auch die Worte Yitzhak Rabins in Washington
1993.
Wie lange soll das palästinensische Volk noch leiden, und wie lange
will die Welt noch untätig bleiben und zum gewaltigen Unrecht der
israelischen Besatzung schweigen? Auch Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
schweigen zu diesem Unrecht und machen sich damit mitschuldig.
Auch Sie wissen
vom Unrecht und den nicht enden wollenden israelischen Provokationen.
Auch wenn Sie bei Ihrem Telefonat mit Benjamin Netanjahu ihren Unmut
geäußert haben sollen, wird das nichts ändern. Inzwischen
müssten Sie wissen, wie wenig Ihr Unmut Netanjahu berührt.
Ihn interessiert die Meinung Präsident Obamas nicht, noch viel
weniger die Meinung Deutschlands.
Nach Presseberichten
will Israel, dass die Palästinensische Autonomiebehörde (PA)
ihren Antrag auf UN-Mitgliedschaft zurückzieht und das Nahost-Quartett
seinen Zeitplan korrigiert. Man soll sich wohl auf den Zeitplan von
Avigdor Lieberman, Israels rechtsradikalem Außenminister, einlassen,
der „nicht einmal in neunundneunzig Jahren“ einen Palästinenserstaat
gegründet sehen will. Und Sie, Frau Merkel, machen da mit. Sie
lassen Israel in diesem Wahnsinn und üben stattdessen auf Abbas
Druck aus, seinen Plan einzustampfen. Warum? Haben die Palästinenser
etwa kein Recht auf einen eigenen Staat? Ist ihnen dieses denn nicht
schon längst von der UN zugesprochen worden, nämlich in der
UN-Resolution 181? Was muss denn noch passieren, bis auch Sie merken,
dass Israel kein Interesse an ernsthaften Gesprächen hat? Aus der
so genannten „Roadmap“, der Straße zum Frieden, ist
doch längst ein Kreisverkehr geworden, eine unendliche Geschichte,
in der man immer neu anfängt, weil die Gespräche kein Ende
finden. War denn die jüngste Genehmigung für den Bau von weiteren
1.100 Wohnungen in Gilo nicht eine schallende Ohrfeige auch in Ihr Gesicht?
Haben Sie sich nicht bemüht, die Gespräche wieder in Gang
zu bringen, die nun wieder in einer Sackgasse gelandet sind?
Wie viele Ohrfeigen wollen Sie sich bei Netanjahu und Lieberman denn
noch abholen?
Und haben die Palästinenser nicht Recht, wenn sie vor der Aufnahme
neuer Gespräche einen sofortigen Baustopp und die Anerkennung der
Grenze von 1967 zur Bedingung machen? Sollen sie etwa so lange mit den
Israelis über ein freies, unabhängiges Palästina verhandeln,
bis nichts mehr davon übrig geblieben ist? Und sollen die Palästinenser
etwa die rechtswidrig annektierten Gebiete als Ausgangspunkt für
Verhandlungen akzeptieren und damit den zusätzlichen israelischen
Landraub akzeptieren? Sollen sie sich am Ende bei den „großzügigen“
Israelis bedanken, wenn diese Land zurückgeben, das ihnen gar nicht
gehört? Es ist wie mit der Pizza, über deren Verteilung man
streitet, während eine der Parteien sie Stück für Stück
aufisst, bis nichts mehr davon übrig bleibt.
„Es gibt keine
Abkürzung auf dem Weg zu einem unabhängigen Staat“,
mahnte US-Präsident Obama, und Ihr Außenminister Westerwelle
nickte zustimmend.
Die Palästinenser warten schon seit 62 Jahren auf einen eigenen
Staat, wie kann man da von einer „Abkürzung“ sprechen
? Andere Staaten sind schon innerhalb von 62 Stunden von der UN akzeptiert
worden, so zum Beispiel der Südsudan. Was sollen die Palästinenser
denn noch tun, um von Deutschland anerkannt zu werden? Wenn Sie heute
die unverschämte Antwort Netanjahus, dass Gilo ein Stadtviertel
„im Herzen Jerusalems“ sei , stillschweigend akzeptieren,
dann werden Sie morgen hören, dass Judäa und Samaria Gebiete
im Herzen Eretz Israels seien . Eigentlich ist es schon bald soweit,
wenn noch in diesem Monat Netanjahus Partei die Gesetzesvorlage in der
Knesset einbringen wird, Judäa und Samaria, die komplette Westbank
also, zu annektieren und unter israelische Flagge zu stellen, und die
Knesset dies mit ihrer Mehrheit akzeptiert. Was werden Sie dann tun,
sehr geehrte Frau Dr. Merkel? Werden Sie es akzeptieren, so wie Chamberlain
1938 die Annexion der Tschechoslowakei akzeptierte? Oder werden Sie
nur wieder verstimmt sein, und es wird Ihnen „jegliches Verständnis“
fehlen? Haben wir überhaupt noch Zeit, es bei dieser „Verstimmung“
zu belassen? Oder wollen Sie so lange warten, bis die rechtsradikalen
Siedler das wahr machen, was ihre rassistischen Führer schon längst
angekündigt haben, nämlich „to transform the Palestinian
population into another Srebrenica“? Damals, 1995, blieben die
holländischen UN-Soldaten in ihren Kasernen und sahen zu, wie fast
zehntausend Bosnier umgebracht wurden.
Am 24. September
haben Siedler einen unbewaffneten Palästinenser, Vater von fünf
Kindern, getötet. Augenzeugen beschrieben die Tötung Issam
Badrans, 37 Jahre alt, als kaltblütigen Mord. Inzwischen ist im
Norden Israels eine Moschee in Brand gesetzt worden. Am Vorabend des
jüdischen Neujahrstages attackierten jüdische nationalreligiöse
Siedler einen Palästinenser und eine Gruppe israelischer, sich
mit ihm solidarisierender Friedensaktivisten, und schlugen sie fast
tot. Die Polizei ließ es geschehen. Die Armee blieb in ihren Kasernen.
Die israelische Journalistin Dorit Eldar kommentierte: „Was am
Abend des Neujahrsfestes bei der Einfahrt in die Siedlung Anatot geschah,
war ein Pogrom. Es gibt keine andere Bezeichnung für ein Ereignis,
bei dem Hunderte aggressive Männer stundenlang eine kleine Gruppe
gewaltloser Friedensaktivisten verfolgt und mit Steinen, Rohren und
Messern attackiert haben.“ Enteignung von Land, Vertreibung, Tötung
und Verletzung sind Alltag in den besetzten Gebieten geworden. Die Siedler
führen unter den Augen der untätigen israelischen Polizei
und Armee ihre Selbstjustiz durch, und der Rechtsstaat Israel, „die
einzige Demokratie im Nahen Osten“, schweigt dazu. Es ist höchste
Zeit, dass die Weltgemeinschaft die Verantwortlichen für dieses
Geschehen in Den Haag vor Gericht stellt.
Der Nahostkonflikt
ist kein gewöhnlicher Konflikt. Er wird von Emotionen beherrscht,
von Rassismus und gegenseitigem Hass. Die Lösung muss aber rational
sein, gestützt auf moralische Prinzipien und das Völkerrecht.
Das Ziel eines „araberfreien“ jüdischen Staates geht
schon aus den Aussagen der ersten Zionisten, lange vor der Staatsgründung
Israels, hervor. Schon Theodor Herzl, der Gründer des politischen
Zionismus, schrieb in sein Tagebuch: „Die mittellose (arabische)
Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu bringen.“
Danach „trachtet“ man in Israel noch immer, und.
Die nationale Partei
„Moledet“ würde lieber heute als morgen alle Araber
aus Israel vertreiben. Sie nennt das „Transfer“, und dieser
ist ein wesentlicher Teil ihres Parteiprogramms. Die Vorstellung, man
könnte alle Palästinenser „transferieren“, ist
immer noch lebendig im real existierenden Zionismus, und wenn Israel
nicht endlich gebremst wird, kann es eines Tages passieren, dass Israel
tatsächlich versucht, die palästinensische Bevölkerung
mit Gewalt über den Jordan zu drängen. Israels Außenminister
Lieberman würde da sofort mitmachen. Was das bedeuten würde,
brauche ich Ihnen, sehr geehrte Frau Dr. Merkel, nicht zu sagen.
Die Duldung Israels
illegaler und verbrecherischer Besatzungspolitik durch die deutsche
Regierung, die Duldung einer rechtsextremen, fundamentalistischen Politik,
die jeglichen Friedensverhandlungen im Wege steht und das Leben beider
Völker in der Region gefährdet, vielleicht aber auch die Sicherheit
Europas, ist nicht der passende Ausdruck für die Sorgen und die
historische Verantwortung, die Deutschland für das Land und seine
Bevölkerung trägt. Wenn die Sicherheit Israels deutsche Staatsräson
ist, wäre die Anerkennung eines freien Staates Palästina und
seine Aufnahme in die Weltstaatengemeinschaft ein angemessener Akt,
um dieser Verantwortung für das Schicksal beiderVölker der
Region gerecht zu werden.
Der jüdische
Publizist Prof. Micha Brumlik schrieb erst vor wenigen Tagen in der
taz: „Nimmt man zudem zur Kenntnis, dass die einst hochprofessionelle
israelische Armee mit mehr als 40 Prozent religiöser Männer
im Offizierskorps, die im Zweifelsfall ihren Rabbinern eher gehorcht
als der politischen Führung, zu einer „Pasdaran“-Armee
mutiert, wie sie im Iran existiert, so wird verständlich, warum
diese Gruppen nicht den geringsten Anlass haben, irgendwelche Kompromisse
einzugehen.“ Netanjahu fürchtet sich mehr vor diesen aggressiven,
rechtsradikalen Siedlern als vor Barack Obama oder vor Ihnen, sehr geehrte
Frau Merkel. Helfen Sie ihm daher. Hilfe kann nur noch von außen
kommen, meinen inzwischen viele Israelis. Helfen Sie, Frau Bundeskanzlerin
, wenn die Sicherheit bzw. die Existenz Israels für Sie „deutsche
Staatsräson“ ist, bevor es zu spät wird.
Abi Melzer
Vorstand
der Jüdischen Stimme
für gerechten Frieden in Nahost