Theater am Gärtnerplatz, München |
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Theater mit Geschichte |
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Zum
125. Geburtstag / 1990 |
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KULTIVIERTE
DRAMATURGIE DES UNTERHALTENDEN MUSIKTHEATERS
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Was wir wollen |
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| So
nannte sich, am
4. Nov. 1865, das Eröffnungsprogramm
unseres Hauses. Diese Frage stellen wir uns auch in der (all)täglichen Theaterarbeit immer wieder, ebenso selbstkritisch wie selbstbewußt. - Heute wollen wir „Münchens andere Oper" sein. Was bedeutet dies, außer einem Gegensatz? Schon bei jedem Neuengagement, etwa eines jungen Sängers, kommt es nach dem üblichen „Vorsingen" deutlich zur Sprache, daß wir uns am Gärtnerplatz einer faszinierenden Idee verschrieben haben: dem Musiktheater. Wir wollen die Oper zurückgewinnen als Musikdrama, zurück in die Welt des lebendigen, nicht nur gesungenen, sondern auch des gespielten und getanzten Theaters mit seiner Inanspruchnahme von Ohr und Auge, von Emotion und Nachdenklichkeit. |
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| Kenner des Gärtnerplatztheaters sind in der umfassend bunten Phantasiewelt der dort seit 125 Jahren gepflegten Spielart so zu Hause wie die Künstler selber. In seiner abenteuerlich zu nennenden Geschichte, oft am Rande des Ruins, manchmal im Schatten der „großen Schwester" Nationaltheater stehend, profilierte sich das heutige Theater am Gärtnerplatz in schöner Eigengesetzlichkeit. Der Münchener dürfte sich also glücklich schätzen, in seiner Stadt ein anregendes Nebeneinander großer und kleiner Dimensionen des Musiktheaters erleben zu können. Geburtstage sind ja auch immer Tage des Nachdenkens über das bisher Gelebte und Geleistete. So wollen wir unser Jubiläum zum Anlaß nehmen, uns zu erinnern, wem wir die Gründung unseres Hauses, in das wir Jahr für Jahr so viel | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| unermüdliche Ensemblearbeit einbringen, eigentlich verdanken. Über die Gründung von Volksopern begann man Mitte des vorigen Jahrhunderts nachzudenken - in London (so entstand der musikalische Begriff im Sadler's Wells Theater), in Wien (Volksoper) und eben auch in München, wo sich eine privatwirtschaftliche Gesellschaft für ein neues Volkstheater bildete. Ein gemeinsamer Grundgedanke war dabei die Absicht: dem theaterinteressierten Bürger, der aus Schwellenangst oder Kostengründen die großen Hofoperntheater mied, eine anheimelnde Bühne in der Vorstadt nach seinem Geschmack auszurichten.1865 mit dem in einer Aktiengesellschaft gesammelten Geld theaterinteressierter Münchener Bürger gegründet, hat unser Haus seither niemals aufgehört, populärer Rebell gegen die großteils erstarrten hof- und staatstheaterlichen Zeremonien zu sein. Eine köstliche Anekdote machte den aller ersten Schritt. Wie es heißt, soll der Komiker Ferdinand Lang bereits 1837 bei seinem Auftritt in Nestroys Posse „Eulenspiegel" am Königlichen Hof- und Nationaltheater verbotenerweise eine Extempore-Strophe gesungen haben, in der er seiner Komödiantensehnsucht nach einem echten musikalischen Volkstheater für München Ausdruck gab. Wie in München üblich, war nicht dankbare Zustimmung die Reaktion auf einen so guten Vorschlag. Lang erhielt | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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einen Strafbefehl wegen unerlaubten extemporierens und wurde zu einer Strafe von 80 Gulden, ersatzweise 48 Stunden Arrest verurteilt, die er dann tatsächlich absaß. Aber die Idee wirkte im Unterbewußtsein der Stadt weiter. Am 6. Oktober 1867 konnte der widerspenstige Darsteller endlich als „Staberl" in seinem ersehnten Bühnenmilieu auftreten. Was sind schon dreißig Jahre Warten auf eine solche Volksopern-Idee, für die dieser sagenhafte, komische Märtyrer Lang das erste prominente Opfer wurde? Theaterliebe, Bürgerstolz und die allerhöchste Entschließung König Ludwigs II., sich der im Pachtsystem verschuldeten Bühne anzunehmen, übernahmen die Patenschaft. Im Lauf seiner ersten Geschichtshälfte war dann das Gärtnerplatztheater alles Mögliche gewesen, Volkstheater und Komödienhaus, Staatsoperette und Staatsopern-Filiale. Auf uns Heutige wirken diese Jahrzehnte aber nur wie ein Prolog, ein etwas breit geratenes Vorspiel |
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für den Auftritt dreier großer Theatermänner der Nachkriegszeit - Willy Duvoisin, Arno Assmann und Kurt Pscherer. Unterschiedlich in der Handschrift, aber einig in der Absicht, das Staatstheater am Gärtnerplatz zu einem lebendigen Faktor der Münchener Kulturszene zu machen, haben sie durch systematische Erweiterung des Repertoires und Erarbeitung eines Darstellungsstils von komödiantischer Treffsicherheit die Unverwechselbarkeit dieser Bühne entwickelt, die zugleich ihre Qualität ausmacht. Die Jahre ab 1983 hielten wiederum neue Anforderungen an unsere Theaterarbeit bereit. Sie haben sich in einer immer noch wachsenden Medienwelt deutlich angehoben und aufgesplittert. Der Eine sieht sein Gärtnerplatztheater noch im vergilbten Licht vergangener Zeiten, etwa als „Staatsoperette", ein Anderer möchte uns in exemplarischen Aufführungen für Fortschritt und Anti-Oper kämpfen sehen, der Dritte will sein CD-Schallplatten geschultes Ohr befriedigen. Eine Zerreißprobe |
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| also? Der eigene Anspruch lautet ganz anders: für die Perspektiven einer neuen Zuschauergeneration zu arbeiten, nicht für den Tagelohn einer spektakulären Premiere. Was unter dem Markenzeichen „Gärtnerplatztheater" zu verstehen ist, vollzieht sich in der kreativen selbstkritischen Zusammenarbeit vieler Theaterschaffender. Am Spielplan schon könnte man uns erkennen. Von Monteverdis „Heimkehr des Odysseus" bis Hiller/Endes „Der Goggolori" spannt sich ein Bogen von fünf Jahrhunderten lebendiger Theatermusik. Der Kern so weit auseinander liegender Bereiche wie Musical, romantische Oper, Volksoper, Musikdrama, Operette und neuklassisches Ballett, sollen wiederkehrende Themen bilden: das Märchen, Jahrmarkts- und Spektakelspiele, Entertainment und die Legenden des Bayerischen Welttheaters, lauter Zwischenformen, die Geang und Spiel, Tanz und Sprache miteinander verknüpfen sollen. Das ist kein Zufall, daß sich die Begründer, die Wort- und Stimmführer der „anderen Oper", Mussorgski und Smetana, Offenbach und der junge Verdi, in den Spielplänen dieser Jahre wiederfinden. Die Kette von Egk und Orff, die hier gelebt und gewirkt haben, zu den lebenden Komponisten | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Hans
Albers in KATHARINA KNIE, 1957,C. Zuckmayer/ M. Spoliansky, Insz. E. F. Brücklmeier, Gärtnerplatztheater |
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| Günter
Bialas, Wilfried Hiller, Walter Haupt, Volker David Kirchner, Hans Jürgen
von Bose und andere reißt nicht ab. Die zu neuen Spielformen auch nicht,
die eine Balance von Beseeltheit und Komödiantik suchen. Wenn wir uns heute „Münchens andere Oper" nennen, erfreuen wir uns an der Vieldeutigkeit dieses Worts. Damit hatten wir uns vorgenommen, Opera comique und Bayerische Volksoper in einem zu sein. Aber dieser selbstgestellte Rahmen erweitert sich von Spielzeit zu Spielzeit um das Neue, da ein ermutigendes Publikum und der eigene Antrieb abverlangt - die zusätzlichen Ballettproduktionen, unsere |
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Beiträge für das zeitge-nössische Musiktheater, die hochbesetzten Musicals, nicht zuletzt die musikalische Handschrift des Chefdirigenten. Ensemblearbeit war und ist unser Zauberwort. Im Bestand zweier Opern-häuser für die Stadt sehen wir einen Wettbewerb von fruchtbarer Spannung, wie ihn nur Welt-städte anzubieten haben. Mit einem nur deutsch gesprochenen und gesungenen Repertoire wol-len wir unser eigenes Profil schärfen und Verständlichkeit pflegen. In diesen Tagen wird die leider lange Schließzeit unseres Hauses beendet sein. In einem wichtigen letzten Bauabschnitt werden, gerade rechtzeitig zum 125. Geburtstag, die Voraussetzungen geschaffen sein, eine Vielzahl von Werken, die bisher nicht am Gärtnerplatz zu sehen waren, in den Spielplan aufzunehmen und so manches bestehende Repertoirestück Münchens „anderer Oper" auf eine noch anspruchsvollere musikalische Aufführungspraxis vorbereitet. Unsere Weltarbeit wird sich immer wieder am Grund-sätzlichen orientieren: wie geht das zusammen, Musik und Theater? Alle Versuche, Musiktheater zu schreiben oder zu spielen, waren Versuche, die Oper, die immer wieder ausrückende spröde Diva, heimzuholen ins Theater; sie als Theater ernst zu nehmen und aufzuwerten. Und wem diese Forderung gar zu selbstverständlich erscheint, der möge sich erinnern, welch tiefe Gräben oft zum Vorschein kommen, etwa in der simpelgängigen Zuschauerfrage: „Gehen Sie heute Abend in die Oper oder ins Theater?" 500 Jahre nach der Gründung der heute
beliebtesten theatralischen Sparte Oper scheint es also noch nicht zu den
Gewißheiten ihrer Rezeptionsgeschichte zu zählen, daß Oper
auch - und was für ein! - Theater ist, daß die Sänger auch
Darsteller sind, das von ihnen Gespielte auch Illustration von Wirklichkeiten,
das Libretto auch eine erfüllbare Dichtung ist. Das ist viel Stoff für
die Zukunftsaufgaben. Am Gärtnerplatz
sind einst Alexander Girardi und Karl Valentin aufgetreten, Gustaf Gründgens
und Johannes Heesters, der hier seinen ersten Grafen Danilo sang; Namen wie
Seibold und Dreher, Friedauer und Schwaiger sind unvergessen. Neue, unverbrauchte
Sängerpersönlichkeiten treten auf. Irgendwann bald werden wir uns
auch den Traum eines Kinder- und Jugendmusiktheaters erfüllen. Junge
Komponisten schreiben ihre Stücke für uns. Die „andere Oper"
am Gärtnerplatz wird also weiterhin darangehen, die wertvollsten Musiktheaterstücke
zu proben, sie mit glaubhaften Menschen und Situationen auszustatten und ihnen
die Bühnenlebendigkeit geben, ohne die wir die beste Musik durch die
Routinegesten von schön singenden Marionetten beleidigen würden.
Nicht die Dominanz von Regieeinfällen über die Musik ist hier gemeint,
die unsere Kritiker so gerne sehen, sondern die sorgfältige Darstellung
aus die Musik heraus, damit der Sänger zum singenden Meischeu wird und
die Oper in Gestalt der Volksoper eine menschliche Kunst bleibt. Wo, wenn
nicht bei uns sollte das geprobt und zur Freude unseres verläßlichsten
Partners, des Zuschauers gespielt werden? In diesem zu Fehlentwicklungen und
Beinahe-Katastrophen neigenden, zu Ende gehenden Jahrhundert wollen wir nicht
die Eiskalt-Ästhetik der selbsternannten
Fortschrittmacher
annehmen, sondern unsere Bühne freihalten für die unbeirrte Suche
nach neuen Formen zur Darstellung eines Menschenbilds, dem das Überleben
gewiß ist und das zu überleben verdient. |
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KULTIVIERTE
DRAMATURGIE Nur wenige subventionierte Theater sind mit ihrem kulturellen Auftrag dazu aufgefordert, den überwiegenden Anteil ihres Repertoires dem unterhaltenden Musiktheater zu widmen. Diese Ausrichtung eines Hauses zugunsten eines begrenzten aber darum keineswegs leichteren Teils des Repertoires ist ein schöner Luxus und nur im Zusammenspiel mit den Theatern möglich, die das Angebot so ergänzen, daß im möglichst abgestimmten Zusammenwirken alle Teile des Repertoires angeboten werden können. Es liegt in der Natur der Sache, daß derlei Spezialisie-rung nur in Metropolen möglich ist, die in ihrer Grösse ein genügendes Reservoir an Zuschauern haben, die am gleichen Abend derlei diversifizierten Interessen nachgehen und zugleich mehrere Theater eines Ortes füllen können. Der Kreis der Metropolen mit euro-päischer Theatertradition und einem zumindest teilweise subventionierten Theaterbetrieb ist schnell ausgeschrit-ten: London, Paris, Berlin, München, Wien, Budapest, Prag und schon mit Abstrichen Moskau. New Yorks Theater sind, einschliesslich des Metropolitan Opera House, fast ohne Ausnahme dem kommerziellenTheater anzurechnen. Nur drei Häuser können sich ausschliesslich einem Theater widmen, das die große „internationale" Opernszene ausschließen darf, sich ohne schlechtes Gewissen dem idiomatischen Charakter der lokalen Szene widmen und auf der Bühne - wiederum ohne schlechtes Gewissen - sich ausschliesslich in der eigenen Sprache verständlich machen darf. Die Pariser Opera comique stand schon zwei Jahrhunderte Pate für das andere Haus, das sich volkstümlicher, spontaner und moderner geben durfte als das in erster Linie repräsentative Haus, das allerfeinsten Ansprüchen zu genügen hatte. Wien und München haben heute die Chance mit ihren zweiten, anderen Opernhäusern zu einem Zeitpunkt, in dem die Pariser nur hoffen dürfen, irgendwann wieder einmal mit ihrem zweiten Haus rechnen zu können. Seit 1952 hat München, zunächst durch die Fusion der Staatsoper mit der Staatsoperette unter Generalintendant Rudolf Hartmann, später mit dem selbständigen Staatstheater am Gärtnerplatz, ein Haus, zu dessen Verpflichtungen es gehört, sich besonders dem unterhaltenden Musiktheater zu widmen. Bereits seit 1937 bestand dieses Haus als Bayerische Staatsoperette und nahm gleichermassen diesen speziellen Auftrag wahr, jedoch in einer verordneten Einseitigkeit, die der Kultur eines breitgefächerten Angebots unterhaltenden Musiktheaters abträglich ist. Das ausschliesslich heute auf Operetten und Musicals begrenzte Angebot wird in München vom Deutschen Theater erfüllt, das seine Beiträge immer en-suite anbietet, sich vor jeder neuen Aufführungsserie, ähnlich wie die Wiener Bühnen Theater an der Wien, Ronacher und Raimundtheater oder in Berlin das Metropoltheater, der Friedrichstadtpalast oder das Theater des Westens, den jeweiligen technischen Gegebenheiten anpassen kann und nur die Künstler unter Vertrag nimmt, die für diese Periode benötigt werden. Diese Häuser eignen sich wesentlich besser zur Übernahme der kommerziell erarbeiteten Produktionen, sind auch dort technisch leistungsfähiger, wo es nötig ist, die Technik eines ganzen Hauses auf eine einzige, möglicherweise über Jahre hinaus allabendlich zu wiederholende Vorstellung auszurichten. |
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Ein Ensemble, das unterschiedlichsten Aufgaben gerecht werden kann, oder den täglich wechselnden Spielplan wird man hier jedoch vergeblich suchen.Das Ensemble- und Repertoiretheater ist mit seinem kulturellen Auftrag wichtiger Bestand einer vielfältigen Theaterlandschaft. Die ungestümen Wörter „unterhaltendes Musiktheater" sollen schon näher erläutert werden, bevor man Mutmaßungen anstellt, was in diesem Zusammenhang mehr oder weniger kultiviert sein könnte.Der Begriff Musiktheater ist eine quantifizierende, sozusagen zusammenfassende Bestimmung, die alle Formen der Oper, der Operette, des Musicals, Balletts und Tanztheaters sowie alle älteren wie neueren, genreübergreifenden Sonderformen und Versuche von der musikalischen Performance bis zum Melodram in sich vereint. Der Begriff impliziert also hier nur zum Teil das, was sich in den letzten Jahren als besondere szenische Form vom traditionellen Operntheater abseits stehend entwickelt hatte |
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| und als progressiv belegtes Schlagwort das Gewicht feuilletonistischen Engagements oder Protests bekommen hat.Der Teilbegriff „unterhaltend" mag getrost mit dem in Zusammenhang gesehen werden, was wir in Amerika lernen können. „Entertainment" oder sogar „Suspension", Begriffe, die mit kommerziellen Formen darstellender Kunst verwandt sind und nichts anderes bedeuten als Anregung, Kurzweil und Spannung, Begriffe also, die ohne weiteres auch auf die „ernsten" Teile des Repertoires Anwendung finden können - und sollten. Einigen wir uns darauf, dass das „unterhaltende" Theater diese aus diesen Wörtern herzuleitende Motorik zwingend voraussetzt. Ernstzunehmende Kulturkritiker sehen diese Begriffe gerne in der Nähe von „Oberflächlichkeit", „Konfektion" und „Ware", Begriffe also, die dem Theater als Bildungsauftrag, dem Theater als läuternde Institution, als moralische Anstalt fremd sein sollten. „Unterhaltend" bekam über das allein Komische hinaus etwas Degoutantes; es wurde ein Begriff, der etwas beanspruchte und definierte, dem geradezu etwas Amoralisches anhaftet. Daher kann es interessant sein, über die Kultur des Unterhaltenden zu debattieren, beides Wörter, die sich nach Meinung mancher eigentlich einander ausschließen sollten, sie ungeniert nebeneinander zu stellen und deren gegenseitige Verträglichkeit zu betrachten. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Wodurch ist das
Unterhaltende Das unterhaltende (Musik-) Theater wurde zum in Serie hergestellten Kulturprodukt als es sich selbst nicht mehr reflektierte, die Herstellung des Unterhaltenden zur Manufaktur wurde, die Mechanik der Wirkung des Unterhaltenden immer durchschaubarer wurde; die Komik geriet dort zur kommerziellen Meterware, wo sie verwechselbar und austauschbar wurde, wo sie nicht mehr dem Idiom des Lokalkolorits nachspürte, wo die Ausstattung dieser Theaterproduktionen wichtiger wurde als ihr Inhalt. Die Erfindung der technischen Medien lenkte zunächst von der Krise des Genres ab, da die Serienproduktion Basis kommerzieller Erfolge geworden ist. Die Seifenoper des Fernsehens ersetzt zu einem guten Teil die Spielfläche, die dem Schwank, dem aktuellen Boulevardstück, den vielen Novitäten der Operettenbühne gedient hatte. Die genießerische Nichtidentifikation des Bürgers mit den Eskapaden der moralischen Sünder auf den Abwegen ehelicher Tugenden schwächt sich in |
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![]() WERTHER, 2003, J. Massenet, Text: Blau, Milliet, Hartmann nach J. W. Goethe "Die Leiden des jungen Werthers", Ann-Katrin Naidu, Harrie van der Plas. Gärtnerplatztheater |
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dem Masse ab, in dem die Forderungen der Sittsamkeit, die Tugend eines guten Leumunds weniger streng durch die Gesetze puritanisch bestimmten Lebenswandels diktiert werden. Auf einen kurzen Nenner gebracht: die Sitten wurden loser, die moralischen Schranken waren leichter zu überwinden, die Exzesse wurden lauter und drastischer, die Unsittlichkeit neigte zum Vulgären. Ist Arnold und Bachs berühmter Schwank „Die spanische Fliege" noch ein raffiniertes Missverständnis um vermeintlich Anstößiges, wirbt Kollos Volksstück mit Musik „Immer feste druff" schon mit dem Titel für ausgelassenere Glückswut. Wen wundert die Distanz, auf die Kritiker in ihrem Verhältnis zur populären Unterhaltung gehen. Das gestörte Verhältnis zu reparieren ist mühsam; das vermeintlich Zweitklassige zieht nur nachlässige Aufmerksamkeit auf sich; ernstzunehmende Diskussionen bleiben aus. Die Hersteller und Liebhaber lärmender Unter-haltung bleiben, sozusagen schlecht beaufsichtigt, unter sich. Die Operette muss sich oft mit zweiten Kräften zufrieden geben, Anfängern und Altgedienten, denen entweder innere Ablehnung oder allzu eingespielte Routine den Zugang zu diesem Genre erschweren. Die Eigendynamik des Vertrauten, die kalkulierbare Erwartungshaltung des Publikums, das sich über die gleichen Effekte wieder genauso amüsieren wird wie früher, läßt Erfindungskraft und Willen zur Originalität erlahmen. Eine eigentlich von Impulsivität und Temperament lebende Spielart gefriert zuweilen zum Zeremoniell.
Operette als
Denkmalpflege Die Serienproduktion des Fernsehens förderte die Vorliebe für turbulente, schrillbunte und tanzüberdrehte Operetteninszenierungen und verschüttete endgültig alle literarischen Quali-täten diese Genres. Eine gewisse Gelassenheit, gestiegenes Interesse an historischen oder, in diesem Fall wohl eher nostalgischen Liebhabereien sowie ein entkrampftes Verhältnis zu altmodischeren Sujets rückt die Operette und die ihr innewohnenden Absurditäten wieder in das Interesse der einstigen Kritiker. Dem Publikum kann und konnte diese Diskussion relativ gleichgültig sein; es amüsierte sich nach wie vor an den etwa 35 Operetten, die sich im Spiel-plan der letzten Jahre festgesetzt haben. Im Gegenteil, die Freude am immer wieder Beliebten zementierten dieses Repertoire so sehr, dass schon Aufführungen der so hochgerühmten Operetten Jacques Offenbachs mit dem Risiko leerer Säle einhergehen. Das Hingezogensein zum allzu Beliebten lähmt die Neugier, die Medien tun und taten ein Übriges: die notorische Wiederholung Ein- und Desselben lässt vergessen, daß es reizvolles Anderes gibt. Die Tendenz ist offenkundig: auch im Hinblick auf die Operette wird der Spielplan musealer, der Abstand zwischen Entstehung und Aufführungsjahr wird immer größer, die Historizität des Spielobjekts muß immer ernster genommen werden, soll das Dargestellte noch glaubwürdig und akzeptabel bleiben. Die ursprünglich komödiantische Intention der Autoren wird nun wieder interessanter als das, was „man heute daraus machen" könnte, die Typen der Operette gewinnen als Figuren ihrer Zeit neues Leben. „Der Zigeunerbaron" von Johann Strauß mit seinem Textbuch von Ignaz Schnitzer nach den Roman des Ungarn Mär Jokai „Saffi" galt im Jahr seiner Uraufführung 1885 als deutlich formulierter Anspruch ungarischer Eigenständigkeit und die Wut gegen die Wiener Politik, die sich der Librettis Schnitzer in seinem Manuskript von der Seele schrieb, fand in realistischer Einschätzung der Wiener Zensur gar nicht Eingang in das später eingereichte Textbuch. Der heute vom Verlag als Original vertriebene Text ist nur ein Torso des Zensurbuchs und ist fast aller Anspielungen beraubt. Franz von Suppe hatte in seinen „Boccaccio" auf jeglichen historischen Realismus verzichtet; diese Handlung eignet sich im Gegensatz zu Schnitzers Ungarnapotheose nicht für Versuche historischer Präzisierun-gen. Durch die Abnutzungen der Operettenroutine verlorengegangen ist jedoch der in Original viel stärker angelegte Bezug zur Commedia dell'arte. Musikalisch hat die Operette besser über-lebt als in ihrer Textgestalt. Hier sind es allerdings die Neuinstrumentationen, die zum Beispiel dem „Weißen Rössl" eine glatte und polierte Bigband-Klangkulisse zupassten, die dem Charme des Blues und den Banjophrasen der dreißiger Jahre mißtraute. |
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Nicht jede Operette taugt für diese Sanierungen, manches wird man der Vergessenheit anheim-fallen lassen müssen, da die Sujets Staub angesetzt haben, der musikalische Glanz eher bescheiden ist oder die Textbücher ungleich schwächer als die Musik sind. Die Beschränkung auf nur etwa 35 Standardwerke ist jedoch auf die Dauer gesehen allzu einfallslos und es bedarf der gleichen Phantasie der Wiederentdeckung, die der Opernspielplan in den letzten Jahren aus der Talsohle der Uniformität herausgeführt hat. Das Publikurm hält noch zu seinen Favo-riten: es hat aber mehr verdient als die Zuverlässigkeit der Theater, Vertrautes in minimalen Abwandlungen in sicherer Erwartung eines kalkulierbaren Erfolgs immer wieder vorzusetzen. Ausdruck des
Neuen: Das Musical |
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![]() DER VOGELHÄNDLER, 2003, Carl Zeller, Marco Kathol. Gärtnerplatztheater |
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| Operetten
durch ihre größere Beweglichkeit und die Schlankheit ihres Gesangs
leichter wirken ließen als in der aufgeblähten Melodieseligkeit der
fünfziger Jahre. Das Musical der europäischen Sujets hatte es hierzulande
leichter: Harold Romes „Fann" nach Marcel Pagnols Schauspieltrilogie
zarter Sentimentalität „Marius", „Cesar" und „Fanny"
war das erste am Gärtnerplatztheater produzierte Musical, andernorts gehörte
Cole Porters „Kiss Me, Kate" nach Shakespeares „Der Widerspenstigen
Zähmung" zu den ersten Erfolgsstücken. Erst Leonard Bernsteins
„West Side Story" öffnete uns Kontinenteuropäern den Blick
für das, was das Musical auch sein kann: eine jeweils aktuelle Reflexion
des amerikanischen Lebens, eine um jeden Preis moderne und originelle Form der
Erwartungen seines Publikums. Das Musical ist eine ausschließlich kommerzielle
Kunstform. Die Beispiele, die wir kennen lernen, hatten bis zu diesem Zeitpunkt
bereits ihren finanziellen Gewinn eingebracht, die Tantiemen unserer Repertoirebühnen
mit gelegentlichen Aufführungen sind für amerikanische Verhältnisse
nicht mehr als ein nettes Zubrot. Das Geschäft diktiert auch die Gestalt
des Musicals. Die enormen Kosten der musikalischen Produktion ließen Richard
Rodgers große Orchester am New Yorker Broadway und im Londoner West End
zu einer Schar hochspezialisierter Sound-Erzeuger schrumpfen. Das subventionierte
europäische Musiktheater mit seinen etablierten Orchestern ist gezwungen,
den größten Teil seiner Musiker spazieren gehen zu lassen, die notwendigen
spezialisierten Instrumentalisten und Tontechniker hinzu zu engagieren, entschlösse
sich eines unserer Repertoiretheater, eines der neuesten Musicals zur Aufführung
anzunehmen. Damit ist die häufig gestellte Frage, wann sich Andrew Lloyd
Webbers „Cats" im Gärtnerplatztheater zeigen, rasch beantwortet.
Die unzähligen Schauspielbühnen, die Nancy Fords und Gretchen Cryers
Musical „Ich steig aus und mach' 'ne eigene Show" aufführten,
brauchten kein Orchester, es genügte, eine gute Rockband zu engagieren.
Auch hier droht den traditionellen Musikbühnen allmählich das Abseits
eines auch in diesem Genre antiquierten Schauspielplans. Es sei denn, einheimische
Komponisten, die mit der Originalität ihrer anglo-amerikanischen Konkurrenten
mithalten können, setzen ihr Talent zugunsten eines eigenen Musicals ein,
angepasst für unsere eigentlich so wohlhabenden Verhältnisse.
In der früheren DDR entstanden einige Versuche, die jedoch in ihrer Dramaturgie
nicht die Modernität ihrer amerikanischen Vorbilder erreichten und denen
der Beigeschmack des Operettenzusatzes anhaftet.
Ein Ausweg: Eine Hoffnung: Theater
am Gärtnerplatz © - Copyright Musical-Operette:
Operette
Vetter aus Dingsda - Operette
Die Lustige Witwe -
Operette Die Fledermaus - Musical
Rocky Horror Show Theater Oper-Ballett: Oper
La Traviata
- Oper La Boheme
- Oper
Entführung aus dem Serail - Oper
Die Liebe zu den drei Orangen - Oper
Die Zauberflöte -
Madame Butterfly Interviews: Interview
Lola Müthel
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Interview Herbert Bötticher -
Interview Ruth Drexel - Interview
Ute Lemper |
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